Alisha Bionda (Hrsg.)


Am Ende der Reise

Gedenkanthologie für Crossvalley Smith


Nihil fit sine causa  – nichts geschieht ohne Grund.



ARS LITTERAE


Band 11





fabEbooks

In dieser Reihe sind erschienen: 

Band 1: DER SCHWARZE SEE, Barbara Büchner 

Band 2: GEISTERDRACHE: DIE CHRONIKEN - WIDERPARTE UND GEFOLGE I (1984 bis 1996), Marc-Alastor E.-E. 

Band 3: GEISTERDRACHE: DIE CHRONIKEN - WIDERPARTE UND GEFOLGE II (1997 bis 2009 ), Marc-Alastor E.-E. 

Band 4: SAD ROSES, Alisha Bionda (Hrsg.) 

Band 5: UNTER DEM VOLLMOND, Linda Budinger 

Band 6: DIE BEGEGNUNG - und andere düstere Winterlegenden, Alisha Bionda (Hrsg.) 

Band 7: DER ENGELSEHER, Laura Flöter

Band 8: SNAKEWOMAN, Alisha Bionda (Hrsg.)

Band 9: DAS FAMILIENRITUAL, Barbara Büchner

Band 10: DIE KNOCHENKIRCHE, Alisha Bionda (Hrsg.)

Band 11: AM ENDE DER REISE, Alisha Bionda (Hrsg.)

Impressum


© Fabylon Verlag 2017 

Herausgeberin: Alisha Bionda

Cover und Innenillustrationen: Crossvalley Smith, teilweise aufbereitet von Atelier Bonzai

Fotos: Archiv Schmidt

Coverlayout: Atelier Bonzai 

ISBN 978-3-943570-90-8 

www.fabylon.de

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17-Fabylon Cover

01-Wolf

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03-Maee 

Im Andenken an Crossvalley Smith.

Martin war ein Künstler, mit dem ich in meiner Tätigkeit als Designer und Layouter im letzten Jahrzehnt oft zusammenarbeiten durfte, und es war mir jedes Mal eine Ehre und Freude, denn er blieb aufgeschlossen und miteins hingebungsvoll. Wir Kreativen sind mitunter ein seltsames Völkchen, wenn es um unsere Werke geht, und nicht wenige von uns neigen dazu, sich früh innerhalb des schöpferischen Prozesses festzulegen, anstatt offenzubleiben und die eigene Komfortzone zu verlassen, sich Kritiken und Meinungen zu stellen, um andere Perspektiven gewinnen und unablässig verschiedene Ansichten ausprobieren zu können. Martin beherrschte genau das und offenbarte damit seine künstlerische Größe, deren Wachstum ein viel zu frühes und jähes Ende nahm. Ohne ihn ist jeder rote Faden eine Ecke kürzer und unsere visuelle Sprache um viele Worte ärmer.



Marc-Alastor E.-E.

 Helle Welt in Pastell


In der Lobby des „Tragedienne Voyage Hotel“ herrschte wie stets diese harzige, schwere Atmosphäre mondäner Wohnlichkeit, die einem ein heimeliges, vertrautes Gefühl von Zuhause ins Gemüt blutete. Wie der Aderlass eines Romanciers anstatt eines Innenarchitekten. Niemand auf dieser Welt konnte ein Heim sein Eigen nennen, dass sowohl jedes Klischee von  Bequemlichkeit als auch jede fromme Idee von Romantik derart perfekt bediente, ohne am Ende hoffnungslos überfrachtet zu wirken. Die Menschen, die an diesem Abend anwesend waren, wirkten wie Teil des teppichgedämpften Interieurs. Der Concierge Jacques, der im wirklichen Leben Jack hieß und eine verabscheuungswürdige Vorliebe für süße Weine hatte, schaute kurz auf und lächelte mich beflissentlich freundschaftlich an. Ich nickte und floh von dort in die Bar. Wie immer.

Der schmale und für die Größe des Hotels im Grunde viel zu kleine Raum wurde von einer großen, wuchtigen Theke aus Kirschholz und gebürstetem Edelstahl dominiert. In einer Ecke auf einer Empore, die den Namen nicht verdiente, hatte man einen Flügel mitsamt unmotiviertem Spieler abgestellt, und an den winzigen Tischen saßen nur wenige Gäste. Es war zu früh und die meisten hielten sich vermutlich noch im Restaurant auf und taten sich an Hummerschwänzen und Entrecote gütlich. Ich stoppte kurz am Tresen, während ich meine Zigaretten aus der Tasche kramte und mir eine davon zwischen die Lippen schob, die dann von Gusbert, der heute Abend allein Dienst zu haben schien, angesteckt wurde. Rituale nach meinem Geschmack. Scheiß was auf Fahrstuhlmusik und Karmingeknister.

„Guten Abend, Mister Munch. Tamdhu? Glas oder Flasche?“ Er lächelte.

Ich nickte zur Begrüßung und nahm einen tiefen Zug, bevor ich antwortete. „Glas, Gus.“

„Sehr gerne. Wie ist das werte Befinden heute Abend?“

„Zu schlecht, um mir eine Flasche zu bestellen, und zu gut, um es nicht zu tun. Aber ich bin beruflich hier“, antwortete ich.

 „Ah, also lieber die spezielle Abfüllung?“

„Das wird wohl besser sein, denke ich.“

„Sie werden auch schon erwartet“, erklärte Gus, während er nach der geheimen Flasche angelte, die zumeist unter dem Tresen versteckt lag. Er fing sie und schenkte auf drei Eiswürfeln ein. „Die Herrschaften sitzen rechts hinten am Terrassenausgang.“ 

Hatte ich gesehen.

Ich nahm meinen Tumbler, prostete ihm zum Dank zu und warf einen letzten Blick auf Emil Noldes ›Hohe Wogen‹, welches gerahmt von unzähligen Flaschen zahmen und wilden Alkohols die Rückwand der Bar verschönerte. Kontraste und Geschmäcker. Blau wie Wasser und ocker wie Whisky. Schönes Bild, aber dummer Maler. Hinter einer Säule im Erker fand ich, wer mich suchte. Sergeant Timothy Briar sprang auf, denn er sah mich als Erster kommen. Sein schokobrauner Einreiher wirkte noch zerbeulter als beim letzten Mal, sodass es anzunehmen galt, er schlafe mittlerweile in dem hässlichen Ding. Sein dünnes Haar stand zerzaust vom Kopf ab, während seine Hände immer wieder verlegen darüber hinwegglitten, als könne er mit dieser hilflosen Geste etwas gegen die eigenmächtigen Büschel ausrichten. Morgens mochte ein feuchter Finger ausreichen, sie zu legen, jetzt hätte es ein Eimer Wasser nicht vermocht. Die Frau neben ihm blieb sitzen und ließ sich von dem geradezu panisch anmutenden Sprung des Sergeants nicht aus der Ruhe bringen. Ihr Haar war lang und seidig, zwei Strähnen von jeder Kopfseite zu einem dünnen Zopf geflochten und am Hinterkopf mit einer kleinen Spange zusammengehalten. Hellbraun wie Leder und beige wie Elfenbein. Nett.

„Ah, Eddy. Schön, dass du es einrichten konntest“, sagte Briar und reichte mir seine rechte Hand, während die linke die braune Krawatte vor dem orangefarbenen Hemd richtete. Er blickte mich kurz an und danach mein Glas, aber er erwiderte nichts.

„Es war ein harter Tag“, entschuldigte ich mich für meinen schwarzen Tee on the rocks. Sollten sie denken, was sie wollten.

Jetzt erhob sich auch die Lady. Der dünne Stoff des Kleides fiel über ihre üppigen Rundungen. Sie war nicht sehr groß, bewies aber Eleganz in ihren Bewegungen. Und sie hatte offensichtlich den gleichen altmodischen Geschmack, den man mir so oft nachsagte, denn ihr Kleid, das Make-up, bis hin zu den Strapsen, die sich an ihren Beinen abzeichneten, gehörten eindeutig in eine Zeit, in der wir beide noch nicht das Licht der Welt erblickt hatten. „Darf ich vorstellen? Akilina Hailend. Und Eddy Munch.“

Na? Und? Kamen die üblichen Sprüche? Sie sah mich an. Eiskalte, leicht feuchte Hand. Und ein gekonntes, klammes Lächeln. Mehr nicht.

„Richtig gehört, wie der Maler“, insistierte der Sergeant, während er sich setzte. „Nur dass dieser Kerl aus anderem Holz geschnitzt ist.“

Wenigstens würde ich im Angesicht der Frau sicherlich einer Bemerkung über meinen Kleidungsstil entgehen. Ich kannte sie alle. Die zu meinem Namen und auch die zu meinen Klamotten. Auch jene bezüglich meiner Ähnlichkeit zu einem gewissen Mr Marlowe. Bislang hatte mich niemand dafür bezahlt, herauszufinden, wer das war und ob die Anschuldigungen bezüglich nachgesagter Übereinstimmungen gerechtfertigt erschienen. Ich war nicht einmal sicher, ob ich einen solchen Fall übernommen hätte, wäre er geboten worden. Wir setzten uns und ich hatte dabei Mühe, mich von den Augen der Ms Hailend zu lösen.

„Ist der Inspektor verhindert?“

Briar rückte sich auf seinem Stuhl zurecht und griff nach seinem Kaffee. „Nun, um die Wahrheit zu sagen. Er weiß nichts von diesem Treffen. Und es wäre schön, wenn du es einstweilen für dich behalten könntest. Vielleicht so lange, bis wir ... also ich meine du, erste Erfolge zu verzeichnen hast.“

Wie interessant. Derartige Ausfälle hatte ich dem Sergeant nicht zugetraut. Ich nickte und aschte ab, während ich durch eine Rauchfahne Akilina Hailend musterte. Sie betrachtete ihr Glas. Wasser? „Mit Erfolgen ist das so eine Sache“, grunzte ich. Seit dem Cumarin-Fall hatte ich außer einigen kleineren Diebstählen wenig aufgeklärt, was als Erfolg zu werten gewesen wäre. Dank meines anderen Jobs hatten wenigstens die Mäuse in meinen vier Wänden genug zu knabbern und ich hatte stets eine Flasche Wein oder Whisky neben dem Bett.

Briar nickte wie ein bockender Zosse. „Du bist der richtige Mann. Du hast vom Bethwaite Fall gehört? Dem Mord an dem Prokuristen der Firma Hailend Transport & Express?“

„Die Firma Ihres Vaters, nehme ich an“, sagte ich zu der Lady, öffnete die Knöpfe meines Jacketts und lehnte mich zurück.

Akilina Hailend blickte mich an und stimmte zu. „Ein Familienunternehmen. Walt Bethwaite und ich führen es seit einigen Jahren. Walt wurde von meinem Vater Christofer Hailend als Geschäftsbevollmächtigter eingesetzt, nachdem er sich mit dreiundachtzig in den Ruhestand begeben hatte. Ich helfe seit etwa vier Jahren in der Transportleitung und überall dort, wo der Name Hailend leibhaftig präsent sein muss.“

„Wie kam Bethwaite zu der Ehre, ein Familienunternehmen leiten zu dürfen?“

„Er ist ... also war seit seiner Jugend im Unternehmen und sich für keine Arbeit zu schade. Er fuhr die Lkws, wenn Fahrer erkrankten, oder arbeitete im Lager. Wenn Not am Mann war, und das kommt in unserer Branche öfters vor, war er der richtige Mann. Mein Vater schätzte ihn sehr und hielt ihn für intelligent und gewieft genug.“

„Und was war mit Ihnen? Als Erbin des Unternehmens hätte es doch Ihnen gebührt, die Leitung zu übernehmen“, warf ich ein und nahm den letzten Zug von meinem Glimmstängel.

„Ich war noch zu jung. Mein Vater hatte mich auf eine Schule der Dominikanerinnen geschickt, und als ich die endlich hinter mich lassen konnte, war mir wahrlich nicht nach familiären Verhältnissen. Ich ging ins Ausland und arbeitete dort eine Weile.“

„Als was?“ Forschheit war ein Steckenpferd, das gern unter mir zusammenbrach.

Die Frage erschreckte sie denn auch. Verlegen blickte sie zu Boden, nahm einen Schluck aus ihrem Glas und gerade, als sie zu antworten ansetzte, kam ihr Briar zuvor. „Sie hat als Modell gearbeitet.“ Er grinste dabei, als habe er ihr persönlich beim Umkleiden geholfen. 

„Es muss auch Menschen geben, die auf ihr Äußeres achten.“ Ich schenkte Briar mein feinstes Nadelstreiflächeln. Wenn man einen Menschen wirklich an der Art, wie er Geschenke annimmt, beurteilen konnte, dann war Timothy Briar ein Schnäppchenjäger. Und meine Ironie hatte zu wenig Woolworth-Charakter. „Hatte Bethwaite ein Auge auf Sie geworfen? Immerhin würde das Unternehmen einmal Ihnen gehören“, bemerkte ich und schaute Akilina in die Augen.

„Sie sind sehr direkt, Mister Munch.“

„Und Sie stehen in Verdacht, Walt Bethwaite getötet zu haben.“

„Das hat sie nicht“, warf Briar ein und klang herablassend, als müsse er einem Kalauer die letzte Spur Humor absprechen.

„Inspektor Sundlun ist da anderer Meinung. Wie kommt er darauf, Sie könnten Bethwaite getötet haben?“

„Ja, ich denke, Walt hatte ein Auge auf mich geworfen. Aber das ist schon viele Jahre her und mein Vater hat es ihm ausgeredet.“

„Ausgeredet? Wie das?“

„Er hat ihm die Sicherheit gegeben, führender Bestandteil des Unternehmens zu bleiben, ohne in die Familie einheiraten zu müssen“, sagte sie. Wie besonnen. Und präzise. Sie leerte ihr Glas.

„War dieser Sicherheit denn Erfolg beschieden?“

„Walt war ein Mann, der Frauen als Herausforderung ansah, und da war ich keine Ausnahme. Daher hat er mir wie jeder anderen auch Avancen gemacht.“

„Umso tragischer, dass er bei der holden Weiblichkeit nicht landen konnte“, sagte Briar. „Und genau das ist ja der Punkt. Er hatte sich diese tolle Okkultmasche ausgedacht. Teufelsanbetung und dieser ganze Scheiß.“

Ich legte den Kopf schief und bedachte Briar mit abschätzigen Blicken.

„Verzeihung, Unsinn“, verbesserte er sich, als habe ihm eine strenge Linguistiktherapeutin ein Holzlineal über die Fontanelle gezogen. „Als wäre dieses ganze Manson-Brimborium nicht schon schlimm genug gewesen.“

„Briar! Das hatte weniger mit dem Teufel als mit LSD und Rassismus zu tun.“ Und seit einigen Monaten war der Mann in Haft und wartete auf seinen Prozess.

„Das hat mir jedenfalls diese ganze Flowerchild-Szene echt verdorben“, verkündete Briar und rückte aufgeregt in seinem Sessel hin und her.

Ich seufzte hörbar, was den Sergeant daran erinnerte, worum es in diesem Gespräch eigentlich ging. „Wir konnten in Erfahrung bringen, dass Bethwaite aus einer gottesfürchtigen Familie stammt, selbst allerdings wenig zur Religiosität neigte. Durch den Okkultismustrend entdeckte er aber vor einigen Jahren, dass vor allem Frauen für das Übernatürliche empfänglich waren. Also besuchte er wohl Séancen und magische Zirkel, oder wie man das nennt. Er musste wohl erkannt haben, dass vor allem die Veranstalter dieser dubiosen Treffen das weibliche Geschlecht anzogen, sodass er sich vor drei Jahren dazu entschlossen hat, selbst eine Runde zu gründen. Er verschrieb sich dabei nach außen hin dem Todesdämon Asmow-Deo. Nannte sich dessen Hohepriester und Abkömmling. Es gelang ihm sicherlich, bei der ein oder anderen Dame zu landen, aber sehr viele Beweise für seine Erfolge waren nicht zu finden. Wohl aber seine Kammer des Grauens. Dieser gruselige Keller, in dem er dann auch den Tod gefunden hat. Da gab es sogar einen Altar und eine lebensgroße Statue von diesem Teufel.“ Briar raffte sich auf, spielte mit dem Griff seiner Kaffeetasse, lehnte sich wieder zurück und schwankte unter Vorgabe epileptischer Bequemlichkeit.

„Und Sundlun verdächtigt nun Sie?“ Ich wandte mich an Akilina, um Briar das Wort zu entziehen, auch wenn ich ahnte, dass es kaum von Dauer sein konnte. 

Sie nickte.

„Wir haben eine Fotografie von ihr am Tatort gefunden“, warf Briar ein, der Gus an der Theke signalisierte, dass er noch einen Kaffee benötigte. Dabei hob er die Tasse und zeigte darauf mit dem grenzdebilen Lächeln von Joseph Perry in der Gremlin Werbung von AMC. „Ein kompromittierendes Foto. Ich habe es dabei.“ Er zog es aus der Innentasche seines Jacketts und ließ es auf den Tisch in meine Richtung flattern. Es steckte in einem verschließbaren Beutel.

„Darf ich es mir ansehen?“, fragte ich Akilina, die errötet war.

„Dafür habe ich es mitgebracht.“ Briar schüttelte eine Zigarette aus einer Packung, die genauso zerknautscht wie sein Anzug aussah.

Akilina Hailend sah mich mit wachem Blick an, erwiderte aber nichts.

Ich nahm das Foto und sah auf dem körnigen, Schwarz-Weiß-Bild eine unbekleidete Frau, die sich vor einer geflügelten Gestalt rekelte. Guter Schuss. Schattenspiel, Nuancen, Details waren perfekt herausgearbeitet. Dass dies geflügelte Geschöpf Walt Bethwaite war, bewies dieses Foto nicht, denn die Fratze in der Kapuze glich einer faltigen Maske, und der restliche Körper steckte in einer üppigen Robe. Allerdings war Bethwaite in diesem Kostüm tot aufgefunden worden, so viel konnte jedermann aus der Zeitung wissen. Die Frau zu seinen Füßen aber war ohne Zweifel Akilina Hailend.

„Ich kann mich weder an diese Aufnahme noch an diese Situation erinnern. Für mich ist es wie eine Fotomontage“, sagte sie leise.

Briar bekam seinen Kaffee. Nachdem Gus gegangen war, fragte ich Briar, ob man das überprüft hatte.

„Ja, haben wir. Aber man kann es nicht eindeutig sagen. Die Qualität des Abzugs ist nicht besonders gut und die Schattenverläufe bieten genug Spielraum, um etwaige Übergänge zu kaschieren. Also ja, es ist möglich, dass es sich dabei um eine Montage handelt. Bliebe aber die Frage, woher jemand die Nacktaufnahme von Miss Hailend hatte. Sie kann sich nicht daran erinnern, dass man sie je unbekleidet fotografiert hätte.“

„Was war Ihr Motiv, Miss Hailend?“

Jetzt blickte sie mich mit arger Verwunderung an und Briar, der gerade an seinem Kaffee nippte, spuckte ihn in die Tasse zurück.

„Sie haben Bethwaite getötet, aber warum? Sie sagen, dass Sie ihm gern die Geschäftsleitung überließen, aber schließt das jedweden Neid aus? Sie sagen, dass Bethwaite einmal in Sie verliebt gewesen ist, Ihr Vater es ihm ausgeredet habe, und glauben tatsächlich, dass das für einen Mann dann auch so einfach zu den Akten gelegt werden kann? Gehören Gefühle für Sie folglich einfach in eine Schublade?“ Mit geheucheltem Desinteresse und einem Überschwang an Verächtlichkeit warf ich die Fotografie auf den Tisch zurück, und beobachtete Akilina Hailend, die Briar vorwurfsvoll ansah. Der setzte gerade zu einer Antwort an, als sie ihm zuvorkam.

„Sie können Motive konzipieren, Mister Munch, doch das bringt Sie nicht näher an die Wahrheit heran. Ich schätzte Walt. Nicht so sehr, dass ich Gefühle für ihn entwickelt hätte, mich in einer derart unschicklichen Pose vor ihm gerekelt geschweige denn von ihm hätte fotografieren lassen. Aber als Mensch war er in Ordnung. Niemals ausfällig oder schlecht gelaunt. Immer fair und freundlich. Er führte die Geschäfte im Sinne meines Vaters und in meinem und hat uns trotzdem in jede Entscheidung einbezogen. Zu keinem Zeitpunkt hat er mich bedrängt oder mir ein ungutes Gefühl gegeben. Für mich gab es kein Motiv, ihn zu töten.“

„Wussten Sie von seinem Hang zum Okkultismus?“, fragte ich und nahm einen Schluck Tee.

„Nein. Mir war bekannt, dass er Probleme hatte, an Frauen heranzukommen. Das lag zum einen sicher an seinem zurückhaltenden Wesen als auch an seiner Aufopferung für die Firma, denn er war ja sehr eingebunden und nahm sich selten Zeit für etwas Privates. Natürlich versuchte er es immer wieder und erzählte hin und wieder davon. Meist Andeutungen. Dabei wurde mir aber schnell klar, dass es ihm auch weniger um eine feste Beziehung ging. Ich denke, er war eher an Sex interessiert.“

„Sie aber nicht“, insistierte ich.

Die junge Frau bewegte ihre Unterlippe wie eine kauende Schnappschildkröte. „Ich führe kein Leben der Enthaltsamkeit, wenn Sie darauf hinauswollen. Die Jahre bei den Ordensschwestern reichten vollkommen, aber Walt Bethwaite war für mich nicht interessant.“

„Er muss das anders gesehen haben, denn dieses Foto spricht eine andere Sprache.“

„Wenn es keine Montage ist“, bemerkte sie.

„Im Augenblick, Miss Hailend, gehen wir mal davon aus, dass diese Fotografie wiedergibt, was zu irgendeinem Zeitpunkt einmal stattgefunden haben könnte. Es muss nicht einmal der Abend der Tat gewesen sein. Aber irgendwann wird dieses Bild gemacht worden sein. Und selbst, wenn es eine Montage wäre, klärt das nicht die Frage, wie jemand an die Aktaufnahme von Ihnen gekommen ist. Wie erklären Sie sich das?“

„Sie wurde betäubt“, warf Briar ein, während ich die Frau nicht aus den Augen ließ. „Miss Hailend erwachte am Morgen nach der Todesnacht in ihrer Wohnung auf dem Sofa. Sie trug ein Nachthemd ihrer Mutter, etwas das sie, wie sie beteuerte, nie auch nur zu tragen in Erwägung gezogen hätte. Es ging ihr nicht gut. Ihr war übel. Sie war vollkommen benommen, sodass sie fast zwei Stunden brauchte, um sich überhaupt erheben zu können.“

„Haben Sie die Polizei gerufen, Miss Hailend?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Ich weiß es nicht. Ich war wohl zu durcheinander. Und verängstigt, weil ich mir selbst Stunden nach dem Erwachen nichts erklären konnte. Ich hatte wie einen Filmriss. Und selbst jetzt kann ich nur sagen, dass mir jegliche Erinnerungen an die dreizehn Stunden vorher fehlen. Irgendwann stand dann die Polizei vor meiner Tür und erklärte mir, man habe Walt Bethwaite tot aufgefunden.“

„Es folgte das übliche Prozedere“, meinte Briar und veranstaltete mit seinen Händen eine wickelnde Geste, während er die Augen verdrehte. „Wir haben bei Bethwaite Hyoscin gefunden. Kommt in Nachtschattengewächsen vor. Bilsenkraut, Engelstrompeten, so ein Zeug halt. Seit der Antike ist es ein bekanntes Phytotherapeutikum und wurde Ende des vorigen Jahrhunderts bei Epilepsiekranken eingesetzt und später in Form des chemisch definierten Skopolamins gegen Erregungszustände. Pharmakopsychiatrisch ist es nicht mehr gebräuchlich, wohl aber internistisch als Spasmolytikum. Der Inhalt der Flasche ist wohl auf Bilsenkraut zurückzuführen. Es wächst auf Schutt, an Mauern, Zäunen, Dorfstraßen. Damit wird man sie betäubt haben.“

„Konnte man die Stoffe nachweisen? Wahrscheinlich nicht, oder gehe ich da fehl?“

Briar schüttelte den Kopf und wirkte enttäuscht. „Leider nein. Aber es ist die einzig logische Erklärung.“

„Nicht unbedingt, wenn man annimmt, dass Miss Hailend freiwillig beteiligt gewesen ist. Oder sogar eine Mörderin ist. Der Inspektor scheint davon auszugehen.“ Ich überließ den beiden einen verkniffenen Blick, während ich mir eine neue Zigarette ansteckte. „Was ist denn das Letzte, woran Sie sich entsinnen können, bevor Sie auf Ihrem Kanapee im Negligé Ihrer Mutter erwachten?“

„Mister Munch.“ Oh, jetzt ging es los. Klang, als wäre meine Erzeugerin gerade aus ihrem Ascheschlaf erwacht. „Ich habe mich nicht vom Sergeant hierherlocken lassen, nur um Ihre Spötteleien oder die üblichen Zweifel an meiner Aussage über mich ergehen lassen zu müssen. Bethwaite war polizeibekannt. Es gab Hinweise, dass er solche Taten schon mit anderen Frauen begangen hat, und nur weil ...“

„Sie sind die Nummer eins auf der Liste möglicher Täter, Miss Hailend“, unterbrach ich sie und hob eine Hand zu einer beschwichtigenden Geste, „und Sergeant Briar brachte Sie hierher, damit ich als Außenstehender einen Blick auf den Fall werfe. Ich muss das nicht. Zumal es Sie eine Stange Geld kosten wird, sollte ich mich dazu entschließen, dass ich es tue. Ich bin gut in dem, was ich mache.“ Fromm ist eine Lüge nur, wenn man selbst gottlos genug ist, sich heiligzusprechen. „Also beantworten Sie meine Frage, oder stehen Sie auf und gehen.“

Akilina Hailend schaute Briar an, als wolle sie mit Blicken jede Falte seines Anzugs glattbügeln. Er entzog sich dem, indem er seinen Kaffee schlürfte. „Mein Vater hatte mich angerufen. Es ging um Geschäftliches. Ein Kunde hatte sich bei ihm beschwert und dabei auf eine angebliche Absprache mit mir berufen und mein Vater wollte Klarheit. Außerdem lud er mich für den besagten Abend zum Essen ein.“

„Ihr Vater ist doch weit über achtzig und im Ruhestand. Da kümmert er sich noch höchstselbst um solche Angelegenheiten? Wozu dann den Prokuristen und die Transportleitung?“

„Vater war jemand, der schlecht loslassen konnte. Er mischte sich nur selten ein und vertraute uns auch, aber er kam immer noch gerne ins Büro und hielt die Ohren offen. Wir waren nicht böse darum, denn manchmal konnte er uns wertvolle Tipps geben. Mein Vater hatte viele Kontakte geknüpft und eine Menge unserer Kunden kannten ihn aus alten Zeiten, sodass es schon hilfreich gewesen ist, wenn er sich einbrachte“, erklärte sie.

„Warum gerade an diesem Tag?“

„Bethwaite hatte eine Auslieferung am Vormittag und wollte später nur den Lkw zurückbringen und dann ins Wochenende gehen. Ich habe bis zur Mittagspause die Stellung im Büro gehalten, musste nachmittags aber einen Kunden besuchen. Es war verabredet, dass mein Vater für die restlichen drei Stunden das Telefon im Auge behielt.“

„Wie lange sind Sie bei diesem Kunden gewesen? Ich nehme an, dass er Ihnen kein Alibi stellt.“

Sie schnaufte enerviert und schüttelte den Kopf. „Es dauerte sehr lange, da ich eine Lagerbegehung machen musste. Ich bin von dort etwa um drei Uhr aufgebrochen. Danach habe ich noch einige Einkäufe getätigt und bin dann zu mir gefahren. Etwa gegen fünf war ich dort.“ 

„Verlief der Rest des Tages wie geplant?“

„Ja.“

„Auch die Einladung zum Abendessen?“

„Nein, die nicht.“

„Wieso nicht?“

„Ich hatte eine harte Woche und wollte mich abends in die Wanne legen und zeitig in die Federn.“ Sie schaute mit ihren stichelnden Augen scheinbar in die Vergangenheit. Ich aber sah, dass sie der Wahrheit auswich. „Mein Vater hatte wenig Verständnis und wollte mich abholen lassen, doch es blieb dabei, dass ich ablehnte.“

„Wie weit ist Ihre Wohnung vom Anwesen Ihres Vaters entfernt?“

„Vier Kilometer. Sie und das gesamte Haus gehören der Firma. In dem Gebäude war der frühe Firmensitz, der nach dem Tod meiner Mutter mit den Lagern und dem Fuhrpark zusammengelegt wurde. Mein Vater ließ dort vier große Wohnungen einrichten, um diese zu vermieten, aber dazu kam es nie.“ 

„Wie reagierte er darauf, dass Sie nicht die kurze Strecke zurücklegen wollten, um mit ihm zu essen?“

„Er war etwas verärgert. Vielleicht auch enttäuscht, aber er ließ es sich nicht groß anmerken.“

„An diesem Nachmittag könnte es sein, dass sich Ihr Vater und Bethwaite in der Firma noch über die Füße gelaufen sind?“, fragte ich und bestellte einen weiteren Tee im Whiskycamouflage.

„Bestimmt. Mein Vater erwähnte es später sogar. Er wunderte sich, dass Walt zwar den Lkw zurückbrachte, die Schlüssel aber mitnahm und weder die Lager noch das Büro betrat.“

„War das ungewöhnlich?“

„Ja und nein. Wenn er es eilig hatte, hielt er es zuweilen so. Ansonsten wäre er meinem Vater sicher nicht aus dem Weg gegangen, allerdings bin ich mir nicht sicher, ob er wusste, dass mein alter Herr noch da gewesen ist.“

„Was war denn nun Ihre letzte Erinnerung an jenem Nachmittag, bevor die Lichter ausgingen?“ Ich schwenkte meinen Kopf abrupt zum Fenster, als wolle ich hinaussehen, rappelte mich dabei kurz auf, vermeintlich um mich auf meinem Stuhl neu zu positionieren, und konnte im Anschluss sicher sein, dass sie mich ansah, als ihre Antwort schon auf den Lippen lag.

„Ich habe in der Wanne gelegen.“ Da war es wieder, das unschuldige Opfer. Wie ein Heimkind leise umschauend nach elterlichem Halt.

„Haben Sie vorher oder derweil etwas gegessen oder getrunken?“

„Sekt, denke ich. Ja, ein Glas.“

„War die Flasche offen, oder haben Sie sie an jenem Abend geöffnet?“

„Sie war offen. Vom Vortag.“

„Wurden die Flasche und ihr Inhalt sichergestellt und überprüft?“, fragte ich und bedachte Briar mit meinem Mimikspiel aus Interesse und Arroganz.

„Es gab keinen Grund, die Wohnung von Miss Hailend auf den Kopf zu stellen. Sie war zunächst Opfer und nicht tatverdächtig.“

„Richtig“, mimte ich einen Senilen, den es schmerzvoll daran erinnert hatte, dass vor dem Herunterschütten eines Heißgetränks das Öffnen des Mundwerks stand. „Es gab andere Verdächtige, oder nicht?“

„Ja. Insgesamt wissen wir von fünf Fällen aus den letzten zweieinhalb Jahren, in denen Frauen beziehungsweise ihre Männer Anschuldigungen gegen Bethwaite vorbrachten. Er habe sich das Vertrauen der Damen erschlichen und ihnen im Anschluss Gewalt angetan. Betäubt soll er sie haben, nachdem sie sich für ihn und seinen Hokuspokus interessiert hatten. Allein, Beweise gab es kaum, und nur in einem einzigen Fall war etwas Handfestes zu greifen, doch man wollte gegen Bethwaite keine Aussage machen. Walt Bethwaite war der Polizei bekannt, aber in den Augen des Gesetzes war er schuldfrei.“

„Die Damen und Herren wurden überprüft“, behauptete ich, um Bestätigung zu bekommen. Briar nickte.

„Speziell Mister und Misses Lewin. In ihrem Fall gab es gute Chancen, Bethwaite etwas nachzuweisen, denn bei Misses Lewin war etwas bei der Betäubung schiefgelaufen. Sie konnte sich recht detailliert an den Tathergang und auch an Bethwaite erinnern. Bei einer Gegenüberstellung brach sie aber zusammen und verweigerte im Anschluss jede weitere Aussage. Sie behauptete danach, dieser Dämon Asmow-Deo sei hinter ihr her, weil sie ihr Opfer nicht zu Ende gebracht habe. Vollkommen durch den Wind die Gute. Ihr Mann aber war außer sich und führte sich ziemlich aufgebracht auf. Er drohte Bethwaite zu erschlagen. Er lauerte ihm auf. Gab einigen Ärger deswegen. Für den Mord an Bethwaite hatte er aber ein wasserdichtes Alibi.“

„Könnte er jemanden beauftragt haben?“

„Möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich. Leute wie der kommen nicht an Männer heran, die diesen schmutzigen Job übernehmen würden.“

„Ein paar Scheinchen und schon findest du heutzutage jemanden auf der Straße“, mahnte ich.

„Mag sein, aber der ist nicht der Typ dafür. Weißt du, womit er Bethwaite aufgelauert hat? Mit einem Kehrblech.“ Briar kicherte und nippte an seinem Kaffee. „Hält man das für möglich? Ein Kehrblech. Da hätte er die Reste von dem Arschloch im Anschluss gleich auffegen können, vorausgesetzt er hätte den Handfeger auch im Gepäck gehabt.“

„Der Inspektor, was meint der?“

Briar stellte seine Tasse ab. „Miss Hailend soll Bethwaite aus Rache getötet haben. Notwehr also. Die Tatwaffe war wahrscheinlich eine Sixgun, Kaliber 32. Sie wurde aber nicht gefunden. Der eine Schuss war gezielt und reichte aus. Aus nächster Nähe.“

„Klingt alles nicht nach einer Frau als Täterin.“

Der Sergeant wackelte unschlüssig mit dem Kopf und zuckte mit den Lippen, als sei er unschlüssig, ob er jemanden küssen oder bespucken wolle. Dann mimte er große Leidensfähigkeit, als er seine Meinung aussprach. „Ich bin mir sicher, dass Sundlun nicht auf einem Fall wie diesem ohne Mörder sitzen bleiben will. Er macht Miss Hailend zum Sündenbock und denkt sich, dass es bei Notwehr glimpflich für sie ausgehen könnte. Schließlich beweist das Foto, wie übel man ihr mitgespielt hat.“

„Das Foto beweist lediglich, dass sie und der Tote eine Beziehung hatten, die jedweder Normalität entbehrte. Und die Haltung der Frau sieht weder nach einer Betäubung noch nach einem Zwang aus“, bemerkte ich bissig. Sundlun war zudem kein Typ, der einen Sündenbock dem Täter vorzog. „Es scheint mir das einzig wichtige Indiz zu sein. Wer hat es geschossen? Und zu welchem Zweck? Gab es Fotos von seinen anderen Opfern?“

„Nein. Nichts dergleichen. Bethwaite schien auch keine Andenken zu behalten. Es gab keine Hinweise auf einen Fetisch oder Ähnliches. Etwas ungewöhnlich, deshalb haben wir Wochen damit zugebracht, jeden Stein danach umzudrehen, aber nichts.“

„Dann diente das Foto ausschließlich als Beweis.“

„Dass ich mich ihm allzu bereitwillig hingegeben habe?“ Akilina Hailend schien empört und beunruhigt zudem. „Er hat mich unter Drogen gesetzt. Nie und nimmer hätte ich mich in eine solche Lage begeben.“

„Es dient als Beweis für sein unlauteres Tun“, korrigierte ich. „Der Mörder hat das Foto geschossen und am Tatort zurückgelassen, um damit zu erklären, weshalb er Bethwaite töten musste. Es ist sein Motiv gewesen. Der Beweis für seine Unschuld. Ein Polizist, der sieht, dass der Tote ein Schweinehund gewesen ist, hat es leichter, einen Mord ohne hinreichende Beweise für einen Täter ad acta zu legen.“ Die Rechnung ging bei Sundlun nicht ganz auf. 

„Das ist ja völlig klar, dass das Bild für uns bestimmt gewesen ist. Leider gibt es keinen Hinweis auf den möglichen Täter“, warf Briar ein.

„Das sehe ich anders.“ Ich löschte meine Zigarette nach dem letzten Zug, nur um mir eine neue anzustecken und die Spannung zu erhöhen. „Das Foto stellt das Tatmotiv und ist dabei Indizienbeweis. Ich denke, der Täter kann nur Christofer Hailend gewesen sein. Ihr Vater, Miss Hailend.“

Sie gab Ausdruckslosigkeit ein ernst zu nehmendes Gesicht. Wenig Regung und viel Nuancen.

„Eddie, Eddie, da bist du aber gewaltig auf dem Holzweg. Mister Hailend ist mittlerweile verstorben. Er war zu alt und zu gebrechlich, um die Tat zu begehen. Außerdem hatte er an besagtem Abend ein Alibi“, erklärte Briar und wirkte sichtlich betroffen von meiner Schlussfolgerung.

„Alt ja, gebrechlich ist relativ. Von großen Emotionen angetriebene Personen entwickeln immer wieder Kräfte, die weit mehr erbringen, als mit einer Waffe auf jemanden zu zielen und abzudrücken. Und bezüglich des Alibis, Briar, wurde es überprüft?“

Der Sergeant wirkte ernsthaft entgeistert. Nicht, dass ich dabei entgegen üblicher Überzeugungen vorausgesetzt hätte, er könne bei einer sprichwörtlichen Entgeisterung allzu große Verluste erleiden. „Er hatte seine Tochter zum Abendessen eingeladen. Seine Haushälterin gab an, sie habe ihm das Essen nach der Absage allein serviert.“

„Natürlich hat sie das. Blieb sie aber den ganzen Abend bei ihm?“

Sergeant Timothy Briar nickte zögerlich. „Doch, das war sie.“

Eine Lüge ist nur so gut wie das Gesicht, das sie aufzieht.

„Das habt ihr nicht hinterfragt. Ihr seid davon ausgegangen, dass er als Täter nicht in Frage kam. Miss Hailend, ich nehme an, dass die Haushälterin nicht im Haus Ihres Vaters wohnt, richtig? Gibt es sonst Bedienstete im Haus?“

„Es gab einen Gärtner und einen Hausmeister. Beide kamen aber nur bei Bedarf. Und Miss Eomanry wirkte auch nur wenige Stunden und ging gewöhnlich danach wieder. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass mein Vater einen Mord begangen haben soll.“ Sie schüttelte den Kopf und schaute aufgeregt umher.

„Ihr Vater erkannte an, dass seine Tage gezählt sein würden. Er war krank, habe ich gelesen. Wenn er hinter die Schandtaten seines Vertrauten Bethwaite gekommen war, hat er ihn womöglich an besagtem Abend zur Rede gestellt. Noch in der Firma. Der hat geleugnet oder ignoriert und sich schnell der Situation entzogen. Möglicherweise wollte Ihr Vater, dass Sie zum Essen kommen, um Sie leichter betäuben zu können. Als das nicht gelang, gab er das Betäubungsmittel in den Sekt. Er hatte doch sicher Zugang zu den Wohnungen und auch der Ihren.“

„Das schon, aber ...“

Briar unterbrach sie. „Du denkst ernsthaft, der alte Mann brachte seine Tochter in eine solch kompromittierende Lage. Betäubte sie. Brachte sie zu Bethwaite. Sah mit an, wie der sie entkleidete oder Schlimmeres noch, nur um an dieses Foto zu kommen? Und Bethwaite im Anschluss zu erschießen?“ Briar klang hysterisch. „Eddie, also wirklich. Das ist der größte Unsinn, den ich je gehört habe. Und er ist enttäuschend obendrein.“ 

Ich stöhnte vernehmlich. „Natürlich hat er sie nicht Bethwaite ausgeliefert.“ Ich beugte mich vor und ergriff das Foto auf dem Tisch. „Dieses Foto ist eine Fälschung. Die Licht- und Schattenwürfe bei der Gestalt und der Abbildung von Miss Hailend weichen voneinander ab, wenn auch nur geringfügig. Offenkundiger ist da schon ihre Haltung. Sie wirkt seltsam angespannt an den Beinen und dem Körper, während Arme und Hände vollkommen gelöst anmuten. Ihr Vater hat sie betäubt, aus der Wanne gehoben, auf ein Sofa drapiert und fotografiert. Im Anschluss hat er sie bekleidet und zurückgelassen. Das erklärt auch das Nachthemd ihrer Mutter. Ob er Bethwaite vorher oder nachher aufsuchte und erschoss, spielt keine große Geige mehr. Er tat es. Und das Foto zeigt sicherlich auch nicht Bethwaite in seiner Verkleidung, sondern wahrscheinlich eher die von euch gefundene Statue des Dämons, der man die Kostümierung des Toten angelegt hatte. Hübsch ausstaffiert und fotografiert. Fertig ist die Illusion.“

Briar blickte Akilina Hailend an und schien ernsthaft über meine These nachzudenken. „Es klingt verrückt. Und schwer zu beweisen. Hailend wäre sicher kaum in der Lage gewesen, seine Tochter aus der Wanne zu hieven. So etwas geht selbst jungen Menschen gehörig ins Kreuz. Und wieso legte er sie nach dem Foto nicht dorthin zurück? Und zog ihr dann das Nachthemd der verstorbenen Mutter an?“

„Möglicherweise war Miss Hailend noch nicht völlig weggetreten und in der Lage, ihrem Vater zu helfen, die Wanne zu verlassen. Dass sie sich im Anschluss nicht mehr daran erinnert, besagt nicht, dass es nicht so gewesen sein könnte. Vielleicht hatte sie die Wanne schon längst verlassen, als das Hyoscin seine Wirkung vollends entfaltete. Christofer Hailend legte sie nicht zurück in die Wanne, weil er befürchten musste, dass sie in voller Bewusstlosigkeit ertrinken könnte. Und das Nachthemd? Spricht deutlich für meine These. Nur ein Vater kann davon ausgehen, dass die geerbte Wäsche auch weiter getragen werden wird, wenn sie im Besitz der Tochter bleibt, anstatt entsorgt zu werden. Das ist sentimental. Oder töricht. Verdammt, wohl beides. Aber nachvollziehbar.“

Briar machte Froschaugen, die jede Fliege im Raum das Fürchten gelehrt hätte, und schmatzte dabei unentschlossen. Aber er war ein furchtloser Kerl, der sich keine Skepsis wegen bestehender Ansichten zugestand. „Findet die Kamera. Ich denke, sie wird im Haus ihres Vaters sein. Findet den Film. Findet heraus, wer die Fotomontage gemacht hat. Das ist mit etwas Aufwand verbunden. Und bei dem Motiv sicherlich nicht jedem anzuvertrauen, aber führt euch todsicher zum wahren Täter“, schloss ich und winkte Gus, dass er mir die Rechnung brachte.


SzenentrennerAL 

 

„Ja?“, schnarrte ich in den Bakelithörer.

„Mister Munch? Akilina Hailend hier.“ Eine Stimme wie der kontrakte Spannmuskel ihrer Schenkelbinde auf dem Foto. Anziehend in jeder Beziehung.

„Was kann ich für Sie tun?“ 

„Ich wollte mich bei Ihnen bedanken. Der Inspektor hat seinen Verdacht gegen mich fallen gelassen, nachdem er tatsächlich den Fotoapparat mitsamt dem Filmmaterial gefunden hat. Ich meine, ich kann das immer noch nicht so recht glauben. Mein Vater hatte wirklich ein provisorisches Labor im Keller seines Anwesens. Sie hatten recht.“

„Zu sagen, ich wusste es, würde wohl zu weit gehen.“ Mein Ego hatte zuweilen den Charme der ersten bemannten Mondlandung. Lahmarschig, aber zielorientiert mit leichtem Anflug von Sinnlosigkeit. „Aber es freut mich für Sie.“

„Zusammen mit den Spuren in Bethwaites Haus erscheint es nun mehr als wahrscheinlich, dass mein Vater der Mörder gewesen ist.“ Atmosphärisches Rauschen. „Es mutet mir immer noch unmöglich an, dass mein alter Herr so etwas für mich getan haben soll, aber ich muss es wohl akzeptieren. Und auch, wenn Sie keine langwierigen Ermittlungen zu führen hatten, möchte ich Ihnen sehr gerne, wenn Sie es mir erlauben, ein anständiges Honorar zukommen lassen.“

„Machen Sie sich keine Sorgen, Miss Hailend. Mein Honorar wurde bereits bezahlt“, erklärte ich möglichst nüchtern.

„Wie darf ich das verstehen?“

„Nun, Ihr Vater bezahlte mich dafür, herauszufinden, was mit Bethwaite nicht stimmte und danach, ihn aus dem Weg zu räumen und die Beweise entsprechend zu fingieren, damit Ihr Vater der Schuldige wäre. Er wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hatte, und so wollte er alle Verantwortung auf sich nehmen. Er sagte zu mir: Ich bin ja auch der Schuldige, denn ich gebe den Auftrag dazu und bezahle dafür. Alles, was er benötigte, war jemand mit der nötigen Kraft. Er gab mir sogar ein Schreiben, indem er alles gesteht, für den Fall, das weder die Polizei noch Sie der Angelegenheit Glauben schenken würden. Ich habe es hier, wenn Sie es lesen wollen. Es ist notariell versiegelt.“

Ihr Schweigen erfüllte das Rauschen der Leitung mit einem Hauch Wärme. Jede Lüge erschien so sonnendurchflutet. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

„Sie brauchen nichts zu sagen“, erklärte ich und wusste, dass es leider nicht dabei bleiben würde. Unerfreulicherweise oblag es mir, ihre Welt versuchsweise gerade zu rücken. Ich erspare mir daher an dieser Stelle Ausführungen über Bock und Gärtner. „Ihr Vater liebte Sie über alles. Er wollte Sie um jeden Preis schützen, und das ist ihm gelungen. Er mag der Sündenbock sein, aber wir wissen beide, weshalb er es nicht anders gewollt hat. Er war zutiefst erschüttert, als er von Bethwaites Untaten erfuhr. Ich glaube, es hat sein Weltbild unglaublich zerrüttet. Als alles erledigt war und der Inspektor das erste Mal bei Ihrem Vater vorsprach, rief er mich im Anschluss an, und er schien erleichtert zu sein, zuversichtlich geradezu.“

„Was ich nicht verstehe, wieso musste Walt sterben? Hätten Sie nicht Beweise sammeln können, um ihn vor Gericht zu bringen? Das ist so grausam.“ Rostrot ließ sich nicht verwässern. „Ich schlug es Ihrem Vater vor und er willigte auch ein. Aber wir fanden zu wenig Beweise, und all die uns bekannten Opfer weigerten sich, auszusagen. Da erging es uns in keiner Weise anders als schon der Polizei. Alles in allem hätte man Bethwaite nur aufgrund eines einzigen Falles überführen können und die Beweise waren ehrlich gesagt mau. Womöglich wäre er freigesprochen worden. Ihr Vater wollte, dass es aufhört. Ein für alle Mal. Ich hatte den Auftrag, Bethwaite vor die Wahl zu stellen. Selbstanzeige in allen Fällen oder Bestrafung auf der Stelle. Er sagte, Selbstanzeige käme für ihn nicht in Frage und an alle Fälle könne er sich ohnehin nicht mehr erinnern. Das, Miss Hailend, nenne ich grausam.“

Nach einer Weile des Schweigens, die sich unangenehm zu ziehen begonnen hatte und jedweder Wärme entbehrte, raunte sie nur noch in den Hörer. „Ich würde Ihnen danken, aber Sie verstehen sicherlich, dass es mir vor diesem Hintergrund unmöglich erscheint.“

„In meinem Beruf erwartet man keinen Dank, allenfalls Verständnis.“

Als ich hörte, wie der Hörer auf die Gabel fiel, sah ich vor meinem geistigen Auge eine streng symmetrisch positionierte Frau vor einem zweifarbigen leeren Fond in einem Kleid aus Blau und Blumen vor mir. Schönes Bild, dummer Maler.