Sämtliche Figuren und Ereignisse dieses Romans sind der Fantasie entsprungen. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen, lebend oder tot, ist zufällig und von den Autoren nicht beabsichtigt.

 

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung der Blue Velvet Management GmbH urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.

 

 

 

 

 

Copyright Blue Velvet Management GmbH,

Linz, September 2017.

 

 

ISBN: 978-3-9503954-6-4

 

Lektorat: Wolma Krefting, bueropia: das textbuero

Korrektorat: Sybille Weingrill, S/W Korrekturen

Titelgestaltung: www.afp.at

Bildernachweise: White Brick Wall-Do-it-yourself-Graffiti: 8627078, Stuart Sneddon, copyright iStockphoto

Schmetterling, isoliert auf weiss: 493853177, mshch, copyright iStockphoto

Alte Holz Oberfläche: 521706744, Savushkin, copyright iStockphoto

 


Anmerkung

 

 

Wir haben uns erlaubt einige Namen und Örtlichkeiten aus Spannungsgründen neu zu erfinden, anders zu benennen und auch zu verlegen. Sie als Leser werden uns diese Freiheiten sicher nachsehen.


Über die Autoren B.C. Schiller

 

 

Barbara und Christian Schiller leben und arbeiten in Wien und auf Mallorca.
Gemeinsam waren sie über 20 Jahren in der Marketing- und
Werbebranche tätig und haben ein totales Faible für packende Thriller.

B.C. Schiller gehören zu den erfolgreichsten Selfpublisher-Verlags-Autoren im deutschsprachigen Raum. Bisher haben sie mit ihren Thrillern über 1.300.000 Leser begeistert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für unseren Mediator Kajumba Jabali.

Du bleibst für immer in unserem Herzen.

 

 

Die Tony Braun Thriller:

TOTES SOMMERMÄDCHEN – der erste Tony Braun Thriller „wie alles begann“

TÖTEN IST GANZ EINFACH – der zweite Tony Braun Thriller

FREUNDE MÜSSEN TÖTEN – der dritte Tony Braun Thriller

ALLE MÜSSEN STERBEN – der vierte Tony Braun Thriller

DER STILLE DUFT DES TODES – der fünfte Tony Braun Thriller

RATTENKINDER – der sechste Tony Braun Thriller

RABENSCHWESTER – der siebte Tony Braun Thriller

Alle Tony Braun Thriller waren monatelang Bestseller in den Charts. Die Thriller sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden.

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B.C. Schiller

 

Stiller Beobachter

 

Thriller

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„In der Luft des Verbrechens habe ich meine Haut getrocknet. Den Irrsinn habe ich zum Narren gehalten.“

(Arthur Rimbaud, Eine Zeit in der Hölle)

 

 

1

 

 

Liebe und Tod liegen eng beisammen.

Doch davon ahnte sie in diesem Moment noch nichts, denn jetzt gab sie sich nur der Liebe hin. Überall auf ihrem Körper spürte sie das Streicheln der sensiblen Hände und eine Welle heißer Schauer durchströmte sie. Es war ein Gefühl, als wäre ihre Haut elektrisch aufgeladen, als wäre jede Berührung wie ein Stromstoß.

„O Marc“, murmelte sie im Halbschlaf und presste sich eng an den Körper neben ihr im Bett. Langsam schälte sie sich aus den Schachtelträumen, die einer nach dem anderen aufklappten wie der Kasten eines Zauberers.

Fest presste sie die Augen zusammen, bemühte sich, gleichmäßig zu atmen, so als würde sie noch immer tief und fest schlafen. Das war ein Teil ihres Spiels, denn Marc liebte es, sie im Schlaf zu verführen. Als seine Hände zwischen ihre Schenkel glitten, öffnete sie ihre Beine mit einem leisen Seufzer. Traumverloren trieb sie durch einen Garten der Lust, ließ alles mit sich geschehen. Der Druck seiner Hände wurde intensiver.

Lass dich forttreiben, ging es ihr durch den Kopf, doch etwas hinderte sie daran.

Etwas war anders als sonst.

In dem Grenzbereich zwischen Schlafen und Erwachen konnte sie noch immer nicht rational denken. Ihr Atem ging stoßweise, aber es war keine lustvolle Erregung kurz vor dem Orgasmus, sondern eine fremde Anspannung, die ihre Sinne blockierte.

Marc war so fremd, so fordernd. Sie dachte daran, wie er in der Endphase ihrer Beziehung gewesen war. Der andere Marc, der ihr eine Ohrfeige versetzt hatte. Und ihre Seele, die mit diesem Schlag einen Sprung bekam. Aber sie hatte sich nach der Auseinandersetzung wieder mit Marc ausgesöhnt. Beide hatten sie viel getrunken und unter Tränen beteuerte Marc ihr seine Liebe. Sie hatte sich wieder erweichen lassen und sie waren im Bett gelandet, so wie jetzt. Aber diese Versöhnung lag schon lange zurück. Was war in der Zwischenzeit passiert?

Marcs Hände glitten unentwegt über ihre Haut und reizten ihre erogenen Zonen. Doch ihre Gefühle pendelten ständig zwischen Erregung und Misstrauen.

Etwas stimmte nicht.

Kurz rekelte sie sich voller Lust, um im nächsten Moment Marcs Hände wegzustoßen. Doch unnachgiebig schob er seine Finger in sie hinein, und ihre Erregung erlosch wie ein niedergebranntes Feuer.

In den Wochen nach der Ohrfeige war Marc wieder liebevoll und zärtlich gewesen, bis er Schwierigkeiten in seinem Job bekam und seinen Frust an ihr ausließ. Immer wieder kam es damals zu hässlichen Szenen und halbherzigen Versöhnungen. Dann endlich gestand ihr Marc, dass man ihm gekündigt hatte. „Aber das macht doch nichts, Liebling“, hatte sie gesagt. Weil sie noch immer an ihr gemeinsames Glück glauben wollte. Weil sie es nicht wahrhaben wollte, dass ihre Zeit abgelaufen war.

Klopf, klopf, hörte sie ihr Unterbewusstsein, das ihr sagte, dass es nicht stimmte, was sie sich einredete. Plötzlich drängte sich etwas Unangenehmes in ihren Traum. Es war ein fremder Geruch, der nichts mit Marc zu tun hatte. So hatte er nie gerochen. Schlaftrunken schälte sie sich aus der Bettdecke und schob Marcs Hände entschlossen zur Seite.

„Ich will das jetzt nicht“, flüsterte sie mit schwerer Zunge.

Sie richtete sich auf, öffnete die Augen und blickte aus dem Fenster. Draußen war es noch stockdunkel und es leuchteten keine Straßenlaternen. Sie sah nur Marcs Umrisse, als er plötzlich langsam aus dem Bett stieg und im Bad verschwand. Sie hörte, wie er den Wasserhahn aufdrehte. Mit dröhnenden Kopfschmerzen tastete sie nach der Wasserflasche, die immer neben ihrem Bett stand. Sie trank gierig in großen Schlucken. Seufzend sank sie dann zurück in die Kissen und schloss wieder die Augen.

Doch in diesem Moment durchzuckte sie die Erkenntnis wie ein Blitzstrahl, und sie erinnerte sich an einen bestimmten Abend mit Marc vor einem halben Jahr:

„Marc, hör auf zu trinken.“

„Warum? Ich habe deine ewige Bevormundung satt, Anna.“

„So wirst du nie wieder einen Job bekommen. Damit ist jetzt Schluss.“

Entschlossen nahm sie Marc die Whiskey-Flasche aus der Hand und leerte den Inhalt in den Abfluss.

„Du verdammtes Miststück!“ Marc kam auf sie zu und holte mit der Faust aus. Sie versuchte noch auszuweichen, aber sie war zu langsam. Der Schlag traf sie mitten ins Gesicht. Durch die Wucht taumelte sie und stürzte zu Boden. Mit den Fingerspitzen betastete sie ihre Lippe, die aufgeschlagen und blutig war. „Verschwinde“, flüsterte sie mit erstickter Stimme, denn sie hatte einfach keine Kraft mehr für ein lautes Schreien. „Ich will dich nie wiedersehen!“

„Ich wollte das nicht.“

„Hau ab!“

Marc starrte sie mit glasigen Augen an. Dann griff er nach seinem Autoschlüssel und riss die Haustür auf. Schwer betrunken wankte er zu seinem Wagen, setzte sich hinter das Steuer und verschwand mit aufheulendem Motor in der Dunkelheit. Sie lag noch eine Weile zusammengekrümmt am Boden und schleppte sich dann auf die Couch, wo sie erschöpft einschlief. Ein schrilles Klingeln weckte sie Stunden später. Zwei Polizisten standen vor der Tür.

„Sind Sie die Verlobte von Marc Reder?“, fragten die Polizisten.

„Ja“, antwortete sie mit pochendem Herzen. „Ist etwas passiert?“

„Marc Reder hatte leider einen Unfall. Er ist tot.“

Sie schnellte hoch und stieß dabei die gläserne Nachttischlampe um, die mit einem lauten Krachen auf dem Betonboden zerbrach. Wie betäubt starrte sie auf die Scherben und schlug mit ihrer Handfläche direkt in die Splitter. Als sie den Schmerz spürte, wusste sie, dass sie jetzt in der Wirklichkeit angekommen war. Marc war vor einem halben Jahr bei einem Autounfall gestorben!

„Wer ist der Mann in meinem Bett!“, flüsterte sie und drückte auf den Lichtschalter. Das Licht aus den Spots im Boden war gedimmt und löste die schwarzen Schatten an den Wänden des Schlafzimmers nur unzureichend auf. Im Bad wurde der Wasserhahn zugedreht. Dann herrschte Stille. Sie war wie paralysiert, unfähig, klar zu denken oder sich zu bewegen. Sie wusste, dass sie aus dem Bett springen musste. Lauf weg! Aber sie konnte sich vor Angst nicht rühren. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie auf die Tür, sah unten auf dem Boden das Schimmern des feinen Lichtstreifens.

Im Bad begann der Mann einen Schlager zu pfeifen, und absurderweise überlegte sie, welcher Song es war. Plötzlich hörte das Pfeifen auf, und sie vernahm ein leises Kratzen, so als würde Metall die Wand entlangstreifen. Dann wurde die Badezimmertür aufgestoßen. Sie sah nur die Umrisse des Mannes, da er von hinten angestrahlt wurde. Er war nackt und sein Gesicht lag im Schatten.

Marc ist tot!, dachte sie und beobachtete wie paralysiert den Mann, der langsam auf ihr Bett zuging. Sie hörte sein stoßweises Atmen, so als würde ihn ihre Angst erregen. Verzweifelt klammerte sie sich an die Vorstellung, dass alles nur ein Spiel in einem Albtraum sei.

„Liebling, verlass mich bitte niemals“, sagte der Mann mit zärtlicher Stimme. Ein Bodenspot strahlte auf das Messer, das er in der Hand hielt. Die Klinge reflektierte das Licht und schickte böse funkelnde Strahlen zu ihr. Als er knapp vor ihr stand, erkannte sie sein Gesicht. Und sie erkannte den tödlichen Hass in seinen Augen. Dann hob der Mann das Messer und flüsterte: „Anna, dieses Wochenende wirst du nie vergessen.“

 

 

2 Zwei Tage später

 

Tony Braun traute seinen Augen nicht, als er die brennende Gestalt bemerkte. Er hörte die qualvollen Schreie und sah, wie ein Mann seine Arme hob und senkte, so als würde er jeden Moment davonfliegen. Die Flammen züngelten auf seinem Rücken und loderten in der Dunkelheit wie ein Leuchtfeuer.

Braun war bereits zehn Kilometer auf dem schmalen Treppelweg die Donau entlanggelaufen und spürte langsam die Müdigkeit in seinen Beinen. Doch jetzt mobilisierte er noch einmal all seine Kräfte und kam rasch näher. Noch immer versuchte der Mann, mit kreisenden Armbewegungen das Feuer zu löschen, und stolperte dabei unbeholfen vor und zurück. Die Flammen fraßen sich durch die Nacht, und Braun sah die schattenhaften Umrisse von drei Personen, die den brennenden Mann mit Baseballschlägern herumstießen. Die Wut stieg in ihm hoch und er verdoppelte sein Tempo.

„Sofort aufhören!“, schrie er und sah, dass es drei Jugendliche waren, die ihn verblüfft anstarrten. Braun nutzte den Überraschungseffekt und riss einem der Burschen den Baseballschläger aus der Hand. Er ließ den Schläger durch die Luft sausen und lief zu dem Mann.

„Wenn einer von euch näher kommt, dann gibt es eine Abreibung!“, drohte er und drehte sich zu dem Mann, der inmitten seiner Habseligkeiten panisch um die eigene Achse rotierte und dadurch das Feuer noch mehr anfachte.

„Werfen Sie den Mantel weg!“, rief Braun und klopfte dem Mann mit dem Baseballschläger auf die Schulter, um ihn aus seiner Trance zu reißen. Der Mann stoppte seinen Tanz und starrte ihn nur mit schreckgeweiteten Augen an.

„Kann nicht“, stammelte der Mann und eine Woge von Schweiß und billigem Schnaps schlug über Braun zusammen. Es war unschwer zu erkennen, dass es sich um einen älteren Obdachlosen handelte. Der Mann heulte auf, und Braun sah, dass sich die Flammen bereits durch den Mantel gefressen hatten. Kurz entschlossen zog er seine Trainingsjacke aus und sprang auf den Mann zu. Mit einem geübten Griff warf er ihn zu Boden und erstickte die Flammen mit der Jacke. Dann riss Braun ihm den verschmorten Mantel herunter und untersuchte den Rücken des Mannes. Dessen Körper war unversehrt, denn er trug drei Schichten Pullover übereinander, und die Flammen hatten seine Haut noch nicht erreicht.

„Da haben Sie ja noch einmal Glück gehabt“, sagte Braun und klopfte dem Obdachlosen beruhigend auf die Schulter. Dieser nickte nur verstört.

„Einst, wenn ich mich erinnere, war mein Leben ein Fest“, murmelte der Obdachlose verwirrt und kroch auf allen vieren über die Uferböschung.

„Der Mantel ist hinüber.“ Anklagend hielt der Mann das verkohlte Stück in die Höhe. Dann fingerte er plötzlich ein zerfleddertes Reclam-Heft aus der Manteltasche und blätterte darin herum. „Aber das Buch ist in Ordnung.“ Er versteckte es vorn unter seinem Pullover und setzte sich auf das halb verbrannte Kleidungsstück.

„Sie kriegen einen neuen Mantel. Darum kümmere ich mich“, antwortete Braun und drehte sich dann zu den Jugendlichen, die sich jetzt drohend näherten.

„Alter, misch dich bloß nicht in unsere Angelegenheiten. Verschwinde, sonst geht es dir wie dieser asozialen Ratte“, sagte einer von ihnen und baute sich direkt vor Braun auf. Der Jugendliche war groß und blond. Um seinen Mund hatte er einen arroganten Zug, und Braun spürte sofort, dass dieser Typ noch Ärger machen würde.

„Hör mal gut zu, du Arschloch“, sagte Braun leise und trat so nahe an den Jugendlichen heran, dass dieser unwillkürlich zurückzuckte. „Ich bin von der Polizei. Und das hier war versuchter Totschlag.“ Er deutete auf den Obdachlosen, der zitternd an der Böschung saß. „Ihr wolltet den Mann bei lebendigem Leib verbrennen. Ich rufe jetzt die Kollegen, die kümmern sich um euch. Also, schön ruhig bleiben.“ Ohne den Jungen aus den Augen zu lassen, griff Braun in die Tasche seiner Jogginghose und zog sein Handy heraus.

„Wenn du die Bullen rufst, dann verpass ich dir eine, kapiert?“, drohte der Jugendliche und klopfte mit dem Baseballschläger in seine Hand. Braun atmete tief ein, doch das euphorische Gefühl, das sich beim Joggen eingestellt hatte, wollte nicht wiederkehren. Jetzt war er wieder eingetaucht in eine Welt aus Gewalt und Niedertracht. Nicht einmal nachts beim Joggen war er davor sicher.

Als er die Nummer des Notrufs wählte, holte der Jugendliche mit seinem Schläger aus, doch Braun hatte damit gerechnet. Er parierte den Hieb, und noch ehe der Kerl ein zweites Mal austeilen konnte, schlug ihm Braun den Stock in die Seite. Der Angreifer ging zu Boden und Braun trat ihm sofort mit dem Fuß auf das Handgelenk.

„Aufhören, du brichst mir ja die Hand“, jammerte der Jugendliche. „Helft mir doch!“, rief er seinen beiden Kumpanen zu. Diese blickten sich zunächst unschlüssig an, drehten sich dann aber um und liefen davon.

„Schöne Freunde hast du. Das sind richtige Feiglinge“, meinte Braun. „Jetzt sitzt du alleine in der Scheiße. Wie heißt du überhaupt?“, fragte er dann. Als keine Antwort kam, trat er fester auf das Handgelenk. „Ich habe dich etwas gefragt.“

„Leck mich!“, zischte der Junge.

„Hast du denn gar keine Kinderstube.“ Braun schüttelte missbilligend den Kopf und beugte sich zu dem Jugendlichen hinunter. „Sind deine Eltern aus derselben Gosse wie du?“

„Mein Vater verdient mehr im Monat als du in einem Jahr“, kam die prompte Antwort in einem herablassenden Ton. „Und jetzt lass mich endlich aufstehen, und verpiss dich!“

„Erst, wenn du mir verrätst, wie du heißt“, blieb Braun unnachgiebig. „Ich höre.“

„Ich heiße René.“

„Und weiter?“

„René Jungwirth.“ René stand schnell auf, als Braun seinen Fuß von der Hand nahm, und verdrehte genervt die Augen. „Ich sage das meinem Vater. Der ist Anwalt.“

„Soll ich mich jetzt fürchten? Halt, du bleibst schön hier.“ Braun hielt René am Kragen seiner Bomberjacke gepackt, damit er nicht verschwinden konnte.

„Wie alt bist du eigentlich? Ich schätze, du bist über achtzehn und strafmündig.“

Braun wählte den Notruf und gab seine Position durch. „Jetzt kannst du über deine Blödheit nachdenken. Das hier war ein versuchter Totschlag.“

„Spinnst du? Diese Untermenschen verdienen eine Abreibung. Die sind Abschaum.“

„Wenn jemand Abschaum ist, dann bist du das“, sagte Braun zu René, der sich das schmerzende Handgelenk rieb.

„Du hältst dich wohl für etwas Besseres? Für den Retter der Menschheit? Wir befreien die Welt bloß von diesem Ungeziefer. Du kannst uns nicht aufhalten“, sagte René, der langsam seine Fassung wiedergewonnen hatte. „Die schweigende Mehrheit der Bevölkerung steht hinter mir.“

Braun steckte sein Handy zurück in die Tasche und atmete tief durch. Er spürte, wie das Adrenalin die Müdigkeit einfach aus seinen Adern spülte. So fit hatte er sich schon lange nicht mehr gefühlt.

„Träum weiter, mein Junge. Ihr seid bloß ein paar Asoziale, die Jagd auf die Schwächsten der Gesellschaft machen, weil sie selbst nichts auf die Reihe kriegen.“

„Spart dir deine Sozialpredigt. Wir sind im Recht.“

Das Blaulicht eines Streifenwagens zuckte durch die Dunkelheit und Braun hob winkend die Arme.

„Darüber kannst du dich bei der Polizei ausweinen“, sagte Braun und schob René Richtung Streifenwagen. „Sei bloß froh, dass der arme Mann nicht schwer verletzt ist.“

Der Streifenwagen hielt an der Uferböschung und zwei Polizisten stiegen aus.

„Was geht hier vor?“, fragten sie und leuchteten mit ihren Taschenlampen in die Gesichter.

„Chefinspektor Tony Braun, Mordkommission Linz. Das ist René Jungwirth. Er und zwei seiner Freunde wollten den Obdachlosen hier anzünden. Zum Glück bin ich dazwischengegangen“, sagte Braun und hielt den Polizisten seinen Dienstausweis entgegen. „So konnte ich Schlimmeres verhindern.“

„Das stimmt so nicht“, widersprach René. „Der Typ hier hat mich einfach grundlos angegriffen“, sagte er und hob seine Hand. „Ich glaube, er hat mir die Hand gebrochen.“

„Stimmt das, Chefinspektor?“, fragte einer der Polizisten skeptisch.

„Ich musste mich verteidigen“, antwortete Braun ruhig und deutete auf den Baseballschläger.

„Sie können also bezeugen, dass die Jugendlichen den Mann angezündet haben“, fragte der Polizist weiter.

„Natürlich. Sie wollten den Obdachlosen verbrennen. Sie brauchen sich doch bloß seinen Mantel anzusehen. Der ist völlig verkohlt“, sagte Braun und deutete auf den Mann, der noch immer mit dem Rücken zu ihnen am Boden hockte und in dem Reclam-Heft las.

„Hallo, Sie da“, rief der Polizist dem Obdachlosen zu, doch dieser reagierte nicht. „Sind Sie verletzt?“

Jetzt drehte sich der Mann ein wenig zur Seite und hob abwehrend die Hand.

„Ihnen ist also nichts passiert“, sagte der Polizist erleichtert. „Wir rufen aber trotzdem einen Krankenwagen.“ Sein Kollege war bereits nach hinten zu dem Streifenwagen gegangen und sprach in ein knisterndes Funkgerät.

„Nehmen Sie den da jetzt mit?“ Braun wies auf René, der mit gesenktem Kopf neben ihm stand.

„Ja, wir werden auf der Wache seine Personalien überprüfen und eine Anzeige aufnehmen.“ Der Polizist winkte René. „Los, komm, du fährst jetzt mit uns.“

Mit verschränkten Armen stand Braun am Ufer und blickte dem Streifenwagen nach, der wendete und dann den schmalen Weg die Böschung hinauffuhr, um dem Rettungswagen den Weg frei zu machen.

Als zwei Sanitäter aus dem Wagen sprangen, ging Braun zu dem Obdachlosen und tippte ihm auf die Schulter.

„Gehen Sie zu dem Krankenwagen. Der Arzt soll sich Ihren Rücken einmal ansehen.“

„Eines Abends habe ich mir die Schönheit aufs Knie gesetzt“, murmelte der Obdachlose und stand ächzend auf.

„Was haben Sie gesagt?“, fragte Braun, der kein Wort von dem Gebrummel verstanden hatte. Er warf einen flüchtigen Blick auf den Titel des Reclam-Heftes: „Eine Zeit in der Hölle“. Auch keine sehr aufbauende Lektüre, dachte er und führte den Obdachlosen zum Krankenwagen.

„Lesen Sie so was gerne?“ Braun deutete auf das angesengte Büchlein.

„Ja, es beruhigt die bösen Geister in meinem Kopf. Ich finde diese Bücher in dem Müll anderer Leute“, antwortete der Obdachlose und sah Braun direkt ins Gesicht. Dann entspannten sich seine Züge, und zum ersten Mal an diesem Abend lächelte er.

 

3

 

 

Die Frau trank den Jägermeister in einem Zug leer und ignorierte die missbilligenden Blicke ihrer Sitznachbarin. Vorsichtig verstaute sie das leere grüne Fläschchen dann wieder in ihrem schwarzen Lederrucksack, in dem es verräterisch klimperte. In Gedanken und Erinnerungen versunken blickte sie aus dem Fenster des Rail-Jet-Zuges, der sie von Wien nach Linz brachte.

Die Landschaft raste vorbei und Häuser, Gärten, Hügel und Wälder verzerrten sich zu einer bunten Farbstrecke. Dieses Farbspektrum vor ihren Augen lag weniger an der Geschwindigkeit des Zugs als vielmehr an der einsetzenden Wirkung der Essenz aus dem Fläschchen. Erleichtert stellte sie fest, dass auch das weiße Rauschen in ihrem Kopf aufgehört hatte.

Sie holte ihren Laptop hervor und loggte sich in das WLAN-Netz der Zuggesellschaft ein. Dann tippte sie „Mordkommission Linz“ in ein Suchfenster und Sekunden später öffnete sich die gewünschte Seite. Interessiert scrollte sie sich durch das Menü, verharrte kurz bei einem Foto, das den Leiter der Linzer Mordkommission zeigte.

„Tony Braun“, murmelte sie, „ob du noch immer so interessant aussiehst wie auf dem Foto? Das werde ich wohl niemals mehr herausfinden.“

Als ihre Sitznachbarin einen neugierigen Blick auf den Bildschirm werfen wollte, klickte sie die Seite schnell weg. Sie loggte sich in eine regionale Online-Zeitung und studierte einen Bericht, der über Verhaltensregeln informierte, wenn man als Frau von einem Stalker verfolgt wurde. Neben den üblichen Tipps wie Schlösser auswechseln, automatische Rollläden installieren und die Polizei um Schutz bitten gab es von der Autorin des Beitrags auch den unorthodoxen Ratschlag, den Stalker zur Rede zu stellen und mit seinem kranken Verhalten zu konfrontieren.

Nachdem sie den Artikel gelesen hatte, schloss sie das Fenster und las wieder die E-Mail-Nachricht, wegen der sie gestern aus Wien aufgebrochen war. Es war die Bitte einer Freundin, die sie aus früheren Uni- und Journalistenzeiten kannte und seit Jahren schon nicht mehr gesehen hatte.

„Sabine Schmidt“, sagte sie leise vor sich hin und versuchte, sich die dazu passende Person vorzustellen. Aber außer dass Sabine blond und hübsch war, fiel ihr nichts mehr ein. Das Gesicht blieb vage und austauschbar.

„Meine liebe Freundin Kim …“, so hatte Sabine die Mail begonnen, aber im Grund waren sie überhaupt keine Freundinnen gewesen. Im Gegenteil, beide gehörten sie unterschiedlichen Cliquen an und hatten sich an der Universität wenig zu sagen gehabt. Auch später waren sie sich nur sporadisch bei Pressekonferenzen über den Weg gelaufen. Und jetzt waren sie auf einmal die besten Freundinnen.

Eigentlich hatte Kim Klinger nicht vorgehabt, in ihre Heimatstadt Linz zurückzukehren. Zu viele Erinnerungen verbanden sie mit dieser Stadt, aber diese spezielle Nachricht war eine zu große Versuchung gewesen.

„… du kannst für ein halbes Jahr in meinem Haus wohnen. Du brauchst nichts zu bezahlen, musst nur nach der Post sehen. Ich bin mit Alvaro in Ibiza. Er hat dort ein kleines Hotel …“

Die Aussicht auf einen ruhigen Sommer in Linz war verlockend. Überhaupt jetzt, wo man Kim in Warschau eine düstere Prognose gestellt hatte.

Sabine hingegen klang so euphorisch, wenn sie von Alvaro schrieb, dem Mann, den sie auf einer Internetplattform kennengelernt hatte. Ihre Freundin dachte an eine Zukunft, während Kim froh war, die nächsten Tage und Nächte irgendwie zu überstehen. Aber das würde sich jetzt ändern. Sie würde alles daransetzen, um aus einem stinknormalen Sommer eine einzigartige Zeit zu machen. Weiter wollte sie im Moment gar nicht denken.

Sabine hatte auch Kims Buch gelesen und in der Mail öfter erwähnt, dass sie von der einfühlsamen Schreibweise begeistert war.

„Du bist zurzeit die einzige Person, der ich mein Haus anvertrauen kann. Ich habe ja niemanden mehr auf der Welt. Ich brauche einfach ein wenig Abstand von der täglichen Tretmühle als Journalistin. Ein rassiger Spanier mit einem kleinen Hotel. Das ist mal was anderes.“

Also hatte Kim eingewilligt, sich in Linz mit Sabine zu treffen, um nähere Details zu besprechen. Denn irgendwie hatte sie das vage Gefühl, als würde Sabine ihr noch etwas verschweigen, als wären mit dem Überlassen des Hauses auch Bedingungen verknüpft. Doch was konnte das sein?

Seit das weiße Rauschen zurückgekehrt war, wusste sie, dass ihre Zeit nur noch begrenzt war und sie jede Sekunde nutzen musste. In Linz gab es noch einen Mann, mit dem sie hätte glücklich werden können, wenn sich nicht das Schicksal gegen sie verschworen hätte. Aber so war das eben, Liebe konnte man nicht erzwingen. Das Leben kann grausam und ungerecht sein, dachte sie und zählte nach, wie viele Jägermeisterflaschen sie noch in ihrem Rucksack hatte. Der Vorrat würde reichen, um sich ein für alle Mal aus dieser wundervollen Welt zu verabschieden.

Zufrieden lehnte sie sich zurück und schloss die Augen. Sie genoss diese kurzen Momente, wenn ihr Kopf leer war und das dunkle Tosen sich in die hintersten Winkel ihres Verstandes zurückgezogen hatte. Dann glaubte sie für einen allerkürzesten Augenblick, dass sie es tatsächlich schaffen könnte, dem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen.

Kurz vor Linz schreckte sie aus einem Halbschlaf hoch und schaffte es gerade noch, mit ihrem Rucksack und dem kleinen Koffer auszusteigen. Der Linzer Hauptbahnhof war modern und übersichtlich, es war ein krasser Gegensatz zu dem düsteren riesigen Warschauer Bahnhof „Warszawa Centralna“, der auch von außen mit seinem geschwungenen Dach wie ein riesiger unheimlicher Manta wirkte.

Als sie mit der Rolltreppe nach oben in die Bahnhofshalle fuhr, entdeckte sie bereits Sabine. Je näher sie kam, desto deutlicher sah sie die Lebenslust im Gesicht von Sabine. Deren Gesicht war fast faltenfrei und ihre Augen strahlten. Ihre Haare glänzten in einem tollen Blond und ihr großer Mund war mit dezentem Lippenstift perfekt akzentuiert. Sabine sah mit ihren mehr als vierzig Jahren einfach toll aus, was man von Kim im Augenblick nicht sagen konnte. Als Sabine Kim entdeckte, begann sie breit zu lächeln, sprang auf und ab und winkte wie ein Teenager.

„Wie schön, dass du gekommen bist!“ Sabine breitete theatralisch die Arme aus und umarmte Kim, als wären sie die besten Freundinnen. „Du siehst fantastisch aus“, machte Sabine ihr ein Kompliment, als sie Kim eingehend musterte.

„Aber bei Weitem nicht so gut wie du. Ich muss mich erst etwas erholen“, antwortete Kim.

„Dafür hast du jetzt mein Haus. Wie geht es dir? Wir haben uns ja schon ewig nicht mehr gesehen. Es gibt so viel zu erzählen“, redete Sabine ununterbrochen weiter und hakte sich bei Kim unter, während sie zum Ausgang gingen.

„Die berühmte Autorin Kim Klinger wohnt in meiner bescheidenen Hütte“, sagte Sabine gut gelaunt und schmiegte sich enger an Kim.

„Wenn ich das in unserer Redaktion erzähle, dann beneiden mich sicher alle um diese Freundschaft.“

„Ich bin nicht berühmt“, antwortete Kim. „Es war ein Glücksfall, dass den Lesern mein Buch gefallen hat.“ Gefallen ist nicht ganz richtig, dachte Kim, denn das Buch hatte die Leser aufgerüttelt. „Requiem für die toten Mädchen“ stand wochenlang auf den Bestsellerlisten, und Kim wurde zu einem beliebten Gast in den Talkshows, in denen es um junge Prostituierte aus dem Osten ging. Doch dann war das weiße Rauschen zurückgekehrt und sie hatte sich nach Warschau in eine Spezialklinik zurückgezogen.

Als sie durch die Bahnhofshalle gingen, knallte die Sonne bereits durch die hohen Glasfronten. Kim bekam plötzlich rasende Kopfschmerzen und in dem hellen Licht glaubte sie zu verbrennen. Sie kramte in ihrem Rucksack und setzte ihre große Sonnenbrille auf.

„Geht es dir nicht gut?“ Sabine blieb stehen und musterte besorgt ihre Freundin.

„Alles o. k., ich brauche nur meine kleine Medizin“, sagte Kim leise und zog einen Jägermeister aus ihrem Rucksack. Als sie das Fläschchen geleert hatte, wischte sie sich mit dem Handrücken über den Mund.

„Es ist nicht so, wie du denkst“, begann sie, doch Sabine hob abwehrend den Arm.

„Du brauchst dich nicht zu rechtfertigen. Das ist ein altes Journalistenleiden, und überhaupt dürfen Frauen in unserem Alter kleine Schwächen haben.“ Sabine zwinkerte vieldeutig und schickte ein aufmunterndes Lächeln hinterher. „Drüben auf dem Parkplatz steht mein Wagen.“

Als sie aus der Halle traten, streifte ein Mann, der eine Reisetasche in der Hand hielt, an ihnen vorbei. Kim und Sabine achteten nicht weiter auf ihn, so sehr waren sie in ihre Gespräche vertieft. Deshalb konnten sie auch nicht sehen, dass der Mann plötzlich wie angewurzelt stehen blieb, sich langsam umdrehte und ihnen lange hinterherblickte.

 

4

 

 

Die bröckelige Mauer war für den Jungen kein Hindernis. Er stieg auf den niedrigen vorspringenden Sockel, um die obere Begrenzung zu erreichen. Mit den Händen tastete er an der Mauerkrone entlang, bis er die richtige Position gefunden hatte. Dann zog er sich am Rand hoch und sprang auf der anderen Seite in einen Haufen frisch aufgeschütteter Erde.

„Fuck“, fluchte Jimmy Braun leise, als er bemerkte, dass er direkt auf ein neu angelegtes Grab gesprungen war. Hastig verwischte er mit den Händen seine Fußabdrücke und ging dann vorsichtig den schmalen Weg zwischen den Grabsteinen entlang. Die verwitterten Steine und Skulpturen waren in der Dunkelheit beinahe nicht zu erkennen, doch er war diesen Weg schon so oft nachts gegangen, dass er ihn auch mit geschlossenen Augen gefunden hätte. Schließlich erreichte er einen kleinen schmucklosen Stein, vor dem eine Urne aus Ton stand. Wie immer setzte sich Jimmy auf den Kies und verschränkte die Beine. Dann zog er ein Feuerzeug aus der Tasche und leuchtete auf den Stein. „Vesna Kusturica“ stand dort in einfachen Blockbuchstaben und Jimmy musste schlucken. Wie im Zeitraffer rasten die Bilder durch seinen Kopf. Er sah Vesnas hübsches Gesicht mit den schwarzen Lippen und den hochfrisierten Stachelhaaren vor sich und glaubte, ihre tiefe Stimme zu hören: „Baby, wir fahren nach Kroatien ans Meer. So wie früher.“ Dann hatte sie gelacht und ihn stürmisch geküsst. Noch immer spürte er ihre Lippen auf seinen und roch den kalten Rauch der serbischen Zigaretten, die sie nach Österreich geschmuggelt hatte. Aber Vesna war tot, und es war das erste Mal in seinem Leben, dass er so hautnah mit dem Tod konfrontiert gewesen war. Jimmy war so in Gedanken versunken, dass er die Schritte nicht hörte, die langsam über den Kies näher kamen. Erst als sich eine Hand schwer auf seine Schulter legte, zuckte er zusammen und drehte den Kopf.

„Hier bist du also, mein Junge“, hörte er die Stimme seines Vaters.

„Hier kann ich in Ruhe an Vesna denken“, sagte Jimmy und drehte sich wieder zu dem Grabstein.

„Das kann ich verstehen.“ Braun setzte sich neben Jimmy und ließ feinen Kies durch seine Finger gleiten. „Aber du hättest es mir sagen können. Ich habe mir Sorgen um dich gemacht.“

„Ich bin doch kein kleines Kind mehr. Immerhin bin ich bereits achtzehn“, erwiderte Jimmy trotzig und schwieg dann. „Wieso ist das Leben so ungerecht?“, fragte er nach einer Weile. „Vesna und ich hatten Pläne für den Sommer. Dann wird sie einfach völlig sinnlos ermordet.“

„Es stimmt, es war ein sinnloser Tod“, antwortete Braun. „Aber auch ihr Mörder hat seine gerechte Strafe bekommen“, versuchte Braun seinen Sohn aufzumuntern.

„Fuck auf gerechte Strafe“, antwortete Jimmy. „Wo ist hier die Gerechtigkeit? Vesna ist tot. Ich konnte mich von ihr nicht mal richtig verabschieden.“ Jimmy schluckte und strich mit der Hand über die Urne. „Wir sind auseinandergegangen wie an jedem x-beliebigen Tag.“ Jimmy hob die Stimme. „Wir wussten ja, dass wir uns wiedersehen. Aber am nächsten Tag war sie nicht mehr am Leben.“

„Das ist hart, aber der Tod gehört nun einmal zum Leben“, sagte Braun und schnippte einen Kieselstein in die Dunkelheit. „Genauso wie das Abschiednehmen. Bei meinem Vater war es das Gleiche. Am Morgen habe ich ihn noch gesehen, und ich hatte das Gefühl, als würde er sein Leben wieder auf die Reihe kriegen. Aber das war ein Irrtum. Abends war mein Vater tot.“

„Wie war Großvater?“, fragte Jimmy. „War er so wie du?“

„Er war anders. Ein Visionär und Träumer. Hatte immer große Pläne und Ideen. Er hätte jemanden gebraucht, der ihn versteht, der zu ihm hält. Jemand anderen als deine Großmutter. Stattdessen musste er sich mit dem öden Hausmeisterjob zufriedengeben.“

„Du gibst noch immer Großmutter die Schuld an seinem Tod?“, fragte Jimmy. Er wusste natürlich, dass Tony seit der Zeit fast kein Wort mehr mit seiner Mutter gesprochen hatte. Tonys Mutter lebte jetzt in einem kleinen Haus an der Peripherie von Linz und verdiente sich mit Kartenlegen etwas Kohle zu ihrer kargen Rente hinzu. Jimmy besuchte sie manchmal, ohne dass es sein Vater wusste.

„Ja, und daran wird sich auch nichts ändern“, antwortete Braun kurz angebunden. „Aber wir schweifen ab. Wir haben zuvor davon gesprochen, dass der Tod zum Leben gehört.“

„Wenn jemand normal stirbt, ist das ja noch zu verstehen. Aber bei Mord ist das eine fucking Ungerechtigkeit.“ Jimmy beobachtete seinen Vater, der sich mit den Händen die längeren Haare zurückstrich und nachdachte. In seinem Joggingoutfit wirkte er für Jimmy ein wenig ungewohnt. Er kannte Tony sonst nur mit schwarzem Anzug und seinen derben Boots. Wann hatte er eigentlich mit Tony derartige Gespräche geführt? Im Grunde noch nie. Aber Vesnas Tod hatte für Jimmy alles verändert. Es war, als hätte er vor ein paar Monaten seine Jugend verloren und wäre zum Mann geworden. Sein Hang zur Kriminalität und sein Aufbegehren gegen den Vater hatten mit einem Schlag an Bedeutung verloren. Jetzt suchte er seinen Platz im Leben, und das war schwerer, als er sich das gedacht hatte.

„Mord ist immer verabscheuungswürdig“, sagte Braun nach einer längeren Pause. „Ich denke ähnlich wie du, Jimmy. Wo bleibt die Gerechtigkeit für die Opfer? Sie können sich ihr Schicksal nicht aussuchen. Es wird ihnen aufgezwungen. Von ihrem Mörder. Mit dieser schreienden Ungerechtigkeit bin ich tagtäglich konfrontiert.“

„Dieses Gefühl muss doch einfach scheiße sein.“ Jimmy drehte sich zu seinem Vater. „Wie hältst du diesen Job bloß aus, Tony? Mich würde das verrückt machen.“

„Ich glaube einfach an die Gerechtigkeit. Das bin ich schließlich den Opfern schuldig, und ich liebe diesen verdammten Job“, antwortete Braun und stand auf. Er griff nach der Hand von Jimmy und zog ihn ebenfalls hoch. „Lass uns aufbrechen.“

Langsam gingen sie den Kiesweg entlang, bis sie wieder die Mauer erreicht hatten.

„Woher wusstest du, dass ich hier bin?“, fragte Jimmy, der sich plötzlich darüber wunderte, dass ihn sein Vater hier auf dem Friedhof gefunden hatte.

„Ich habe dein Fahrrad vorne an der Mauer lehnen sehen“, sagte Braun lächelnd. „Da habe ich kombiniert, dass du wahrscheinlich das Grab von Vesna besuchst. Schließlich bin ich Polizist. Ich bin dann wie du über die Mauer geklettert, denn das Tor wird ja abends abgeschlossen.“

„Ich wollte ihr noch so viel sagen“, murmelte Jimmy. „Jetzt ist keine Gelegenheit mehr dafür.“

„Manchmal hat man eben keine Zeit mehr, sich zu verabschieden. Deshalb muss man versuchen, im Jetzt zu leben“, sagte Braun und zog sich an der Mauer hoch. Oben drehte er sich um und hielt Jimmy die Hand entgegen, um ihm hinaufzuhelfen.

„Woher willst du das eigentlich wissen, Tony?“, fragte Jimmy, als sie beide auf der Mauerkrone saßen und die Beine nach unten baumeln ließen. „Du lebst doch selbst nicht im Jetzt.“

 

 

5

 

 

„Anna, mach endlich die Tür auf!“

Maria Bülow war beunruhigt. Erneut drückte sie auf den Klingelknopf und klopfte an die Haustür. Aber außer dem schrillen Läuten war nichts zu hören. Maria stand vor dem Haus ihrer Schwester Anna und wunderte sich, dass die Fensterläden noch immer fest verschlossen waren. Sie hatten sich vor Wochen fix für heute verabredet, und es sah Anna überhaupt nicht ähnlich, dieses Treffen zu vergessen. Merkwürdig erschien ihr auch, dass Anna das ganze Wochenende über nicht ans Telefon gegangen war. Mittlerweile bereute Maria, dass sie ihrer Schwester noch vor einigen Tagen davon abgeraten hatte, zur Polizei zu gehen. Sie erinnerte sich an eines der letzten Gespräche mit Anna.

„Ich fühle mich beobachtet. Es ist, als würde mich jemand verfolgen, doch wenn ich mich umdrehe, dann ist da niemand. Nachts liege ich im Bett und schrecke hoch, weil ich glaube, jemand steht vor dem Fenster und betrachtet mich, während ich schlafe.“

„Das sind doch alles bloß Hirngespinste. Du lebst schon zu lange allein“, sagte Maria. „Warum fahren wir nicht gemeinsam nach Wien? Dann kommst du auf andere Gedanken.“

„Mal sehen, vielleicht hast du recht“, antwortete Anna ausweichend.

„Du musst wieder unter Menschen und neue Bekanntschaften schließen.“

„Aber das mache ich doch. Ich besuche einen Kurs, da sind lauter nette Menschen mit den gleichen Interessen“, sagte Anna und druckste herum. „Letzte Woche haben plötzlich Blumen vor meiner Haustür gelegen. Vielleicht sollte ich zur Polizei gehen.“

„Das war sicher Werbung für einen Blumenladen“, versuchte Maria ihre Schwester zu beruhigen. „Wenn du deswegen zur Polizei gehst, dann lachen sie dich bloß aus.“

Das war das letzte Mal gewesen, dass Maria mit ihrer Schwester gesprochen hatte, seither hatte sie nichts mehr von ihr gehört.

„Anna, bist du da?“, rief Maria und horchte. Irgendwo im Haus klapperte ein Fenster, und sie bildete sich ein, leise Schritte zu hören. Maria seufzte genervt und ging um das Haus herum zur Terrasse. Anna bewohnte einen Bungalow aus roten Klinkersteinen, die für diese Gegend am Pöstlingberg nicht typisch waren, sondern eher nach Norddeutschland gepasst hätten. Aus diesem Grund hatte ihr Vater den Bungalow auch genau so gebaut. Er wollte an seine alte Heimat erinnert werden. Anna liebte den Bungalow, während Maria bei dem flachen Haus mit den schmalen Fenstern immer an ein Gefängnis denken musste. Als ihre Eltern bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kamen, hatte sie Anna ihren Erbanteil verkauft und sich sofort eine Wohnung in der Stadt gesucht. Solange Marc bei Anna wohnte, war alles gut. Es gab Grillabende im Garten und Weihnachten wurde gemeinsam gefeiert.

Doch nach der Trennung von ihrem Verlobten Marc wurde Anna immer mehr zur Einsiedlerin. Nach Marcs Tod war sie überhaupt nur mehr zur Arbeit nach Linz gefahren und hatte jede Einladung ausgeschlagen. Doch jetzt hatte Anna irgendeinen Kurs belegt, und es schien zum Glück wieder aufwärts mit ihr zu gehen.

Auf der Terrasse standen Waschbetontröge mit verdorrtem Lavendel und die breite Tür war geöffnet und schlug im Wind auf und zu.

„Anna?“, rief Maria. „Die Terrassentür steht offen. Das ist sehr leichtsinnig von dir.“

„Hast du unseren Termin vergessen?“, rief Maria und schob die Terrassentür weiter auf.

„Anna, wo bist du?“ Maria sah sich im Wohnzimmer um. In einer Vase standen Blumen auf dem Couchtisch. Der Esstisch war für zwei Personen gedeckt – mit dem teuren Porzellan der Eltern.

Merkwürdig, dachte Maria, Anna hat nichts von einem Besuch am Wochenende erzählt. Sie griff nach einem Kuchenteller. Unbenutzt, stellte sie fest. Vielleicht hat der Besuch sie versetzt?, ging es ihr durch den Kopf.

„Anna?“, rief sie wieder, aber es kam keine Antwort.

Maria warf einen Blick in die Küche. Sofort stellte sie fest, dass doch eine zweite Person im Haus gewesen sein musste: auf dem Küchentisch standen zwei Kaffeetassen. Beide waren benutzt. Eine noch leer, die andere halb voll. Wer war bei Anna gewesen? Ein neuer Freund? Das würde auch erklären, warum sie nicht ans Telefon gegangen war.

Für einen kurzen Augenblick spielte Maria mit dem Gedanken, das Haus zu verlassen, denn nichts wäre ihr peinlicher gewesen, als Anna mit einem Mann im Bett zu überraschen. Doch jetzt war sie schon einmal hier. Ihre Schwester war immerhin vierzig Jahre alt, da war es normal, dass man Männerbekanntschaften hatte. Nachdem sie noch einige Male laut den Namen ihrer Schwester gerufen hatte und wieder keine Antwort bekam, machte sich ein merkwürdiges Gefühl in ihr breit. Sie spürte, wie sich ihre Nackenhärchen aufstellten. Wieso meldete sich ihre Schwester nicht?

Sie trat in den Flur, der zu den Schlafzimmern führte. Auch hier war der Rollladen vor dem Fenster heruntergelassen und tauchte den Gang in eine bleierne Finsternis. Maria tastete nach dem Lichtschalter. Als endlich das Licht aufflammte, sah sie die roten Flecke und Schlieren auf dem Boden und seufzte laut auf.

Anna war rückfällig geworden und hatte wieder getrunken. Wahrscheinlich hatte sie, wie früher, eine Flasche Rotwein mit ins Schlafzimmer genommen, einen Teil davon auf dem Boden verschüttet und den Rest leer getrunken. Sicher lag sie halb bewusstlos im Bett und schlief tief und fest.

Maria straffte die Schultern und drückte das Kreuz durch, als sie vor dem Schlafzimmer stand. Die Tür war angelehnt, trotzdem klopfte Maria leise, und als keine Reaktion von drinnen kam, stieß sie die Tür weit auf. Auch das Schlafzimmer war dunkel und die Lampe im Gang warf nur einen schmalen Lichtstreifen in den Raum. Doch überall auf dem Boden entdeckte Maria dieselben Flecke wie draußen. Die Luft in dem Zimmer war heiß und abgestanden. Es roch unangenehm und Maria musste einen Hustenreiz unterdrücken. Fliegen surrten laut umher. Noch nie hatte Maria so viele Fliegen in einem Raum gesehen. Der Geruch wurde immer intensiver und es roch nach Metall und verdorbenen Lebensmitteln. Langsam gewöhnten sich Marias Augen an die Dunkelheit und sie konnte die Konturen der Möbel unterscheiden. Neben dem Bett lag eine zerbrochene Lampe auf dem Boden. Glassplitter knirschten unter ihren Schuhen, als sie näher an das Bett herantrat. Dort lag ihre Schwester unter einer schweren Tagesdecke, die bis zu ihrem Kinn hochgezogen war und auf der Fliegen geschäftig umherkrabbelten.

„Anna. Wach auf. Was ist passiert?“

Maria bemerkte, dass ihre Stimme ein wenig zitterte. Sie räusperte sich und riss sich zusammen. Dann drehte sie sich vom Bett weg und ging zum Fenster.

„Ich ziehe jetzt die Rollläden nach oben und öffne das Fenster, damit frische Luft ins Zimmer kann“, sagte sie mit leiser Stimme.

Während sie die Außenjalousie hinaufkurbelte, spürte sie, wie ihr Herz schneller zu schlagen begann. Natürlich stimmte hier etwas nicht, aber das wollte sie nicht wahrhaben. Noch klammerte sie sich an ihre heile Welt, noch glaubte sie nicht, dass der Tod hier Einzug gehalten hatte.

Wie gebannt starrte sie deshalb aus dem Fenster hinaus in den Garten mit seinen robusten Pflanzen, die selbst eine unbegabte Gärtnerin wie Anna nicht umbringen konnte. Der Himmel war blau und die Sonne überzog die Wiese mit einem goldenen Schein. Maria öffnete das Fenster und beugte sich weit hinaus. Gierig atmete sie die frische Luft ein, um den Gestank des Zimmers aus der Nase zu bekommen. Dann gab sie sich einen Ruck und drehte sich um.

Sie zuckte zusammen, als sie sich selbst in den Spiegeltüren des Einbauschranks sah, der seitlich vom Bett an der Wand stand. Quer über das Glas hatte jemand etwas mit rotem Lippenstift geschrieben, aber Maria war zu nervös, um die Worte zu entziffern. Wie von selbst glitt ihr Blick nach unten zu der Tagesdecke, unter der ihre Schwester lag. Annas Gesicht war bleich und ihre Lippen aufgerissen, doch ihr Haar war schön frisiert. Ihre Augen waren geschlossen, die Lider bläulich verfärbt, und es hatte den Eindruck, als würde sie tatsächlich schlafen.

„Was ist mit dir passiert?“, flüsterte Maria und trat einen Schritt näher. Sie streichelte vorsichtig das Gesicht ihrer Schwester, dann streckte sie die Hand aus und griff nach der Tagesdecke. Maria hielt den Atem an und riss mit einem Ruck die Decke weg. Fassungslos starrte sie auf das, was einmal der Körper ihrer Schwester gewesen war. Dann stieß sie einen markerschütternden Schrei aus und stolperte aus dem Zimmer.

 

 

6

 

 

Das Baby saß auf dem Bett neben der regungslosen Frau und blickte neugierig umher.

„Das ist deine Mama, Dimitru“, sagte Franka Morgen und strich ihrer Schwester Tara zärtlich über die Wange. Wie jeden Tag war Franka in der Früh in die Klinik gekommen, um nach ihrer Schwester zu sehen. Anschließend brachte sie den kleinen Dimitru in die Kinderkrippe und holte ihn am Abend wieder ab. Ihr schwarzes Motorrad stand schon ewig auf dem Parkplatz des Polizeipräsidiums, denn jetzt blieb Franka keine Zeit mehr für nächtliche Ausfahrten mit der Nero Guzzi. Franka war Mittezwanzig und bereits Inspektor der Mordkommission. Sie hatte die Polizeiakademie als Jahrgangsbeste abgeschlossen und man hatte ihr einen Job im Innenministerium angeboten. Aber Franka wollte unbedingt zu Tony Braun, den sie seit der Polizeiakademie bewunderte. Mit Braun hatte sie schon einige spektakuläre Fälle gelöst und noch immer fand sie seine unorthodoxen Ermittlungsmethoden interessant. Vor allem aber schätzte sie an Braun, dass er bedingungslos hinter seinen Leuten stand. Franka hatte das selbst erlebt, als sie sich einmal in einer beinahe ausweglosen Situation befand.

Damals wurde ihre Schwester Tara niedergeschossen und lag seither im Wachkoma. Franka hatte die Verantwortung für Dimitru, den kleinen Sohn von Tara, übernommen. Deshalb saß sie jetzt auch wie immer neben ihrer Schwester, während Dimitru auf dem Bett herumkrabbelte. Die Krankenschwestern hatten nichts dagegen, denn der Körperkontakt konnte einen positiven Einfluss auf Taras Zustand haben.

Franka war der festen Überzeugung, dass ihre Schwester eines Tages wieder aufwachen würde. Deshalb war sie auf die Idee gekommen, Dimitru auch gegen die anfängliche Skepsis der Ärzte jeden Tag zu seiner Mutter mitzunehmen.

„Wenn die Patientin eine Infektion durch das Kind bekommt, dann kann das ihren Zustand verschlimmern“, wurde sie gewarnt. „Es geschieht auf Ihre Verantwortung.“

„Wenn eine Mutter ihr Kind spürt, dann ist das doch positiv“, hatte Franka erwidert und durchgesetzt, dass Dimitru im Bett zusammen mit seiner Mutter liegen konnte.

„Wie geht es dir heute, mein Schwesterherz?“, fragte sie und drückte die leblose Hand ihrer Schwester. Franka spürte, dass sie langsam der Mut verließ.

„Wahrscheinlich haben die Ärzte recht und du wirst nie wieder aufwachen. Du wirst nicht miterleben, wie dein Sohn größer wird und zu einem jungen Mann heranreift. Das kann dir doch nicht gleichgültig sein. Du musst kämpfen.“

Sie schwieg und blickte auf die Monitore, die eintönig und einschläfernd piepsten.

„Ich habe in meinem Leben auch schon viel gekämpft. Mein Gewicht halte ich besser unter Kontrolle, aber mit meinen breiten Hüften muss ich leben. Na und? Das akzeptiere ich jetzt und auch meine Herkunft. Ich verleugne nicht mehr, dass ich eine Roma bin. Nein, ich bin sogar stolz darauf. Und ich bin stolz auf deinen Sohn. Jetzt will ich auch stolz auf dich sein.“

Franka machte eine Pause und sah auf ihre Schwester.

„Verzeih mir, ich rede manchmal nur Blödsinn“, sagte sie leise.

Gedankenverloren saß Franka neben dem Bett und beobachtete Dimitru, der vergnügt krähte und immer wieder versuchte, seiner leblosen Mutter die Infusionsschläuche aus den Armen zu ziehen.

„Hör auf, Dimitru“, sagte Franka und zog den Jungen von Tara weg. In diesem Augenblick sah sie, wie Taras Hand zu zittern begann.

„Tara?“, flüsterte sie und setzte das Baby auf ihren Schoß. „Du hast die Hand bewegt.“

Aber vielleicht war es auch Dimitru gewesen, der daran gezerrt hatte? Das wollte sie jetzt genau wissen. Vorsichtig legte sie den kleinen Jungen auf den Bauch seiner Mutter. Achtete darauf, dass er nicht mit dem Arm von Tara in Berührung kam. Minutenlang geschah nichts. Doch plötzlich bewegten sich die Finger von Tara ganz leicht, flatterten wie die Flügel eines verletzten Vogels.

„Tara, mein Gott, du reagierst endlich.“

Franka packte Dimitru und stand auf. Hastig lief sie nach draußen, sah eine Schwester weiter vorn geschäftig über den Korridor eilen.

„Meine Schwester hat eine Hand bewegt“, rief sie schon von Weitem. „Sie bewegt die Finger.“

„Haben Sie sich nicht getäuscht?“ Eilig ging die Schwester mit Franka zurück in das Zimmer und sah auf die Koma-Patientin.

„Ich sehe keine Bewegung.“

„Doch, ich habe es deutlich gesehen.“