SARA-Edition

 

 

 

 

Bittertränen

 

 

 

Sanuela Rast

 

 

Impressum

Copyright © 2017 – Originalsausgabe Sara-Edition

St. Ruprechter Straße 49-2-3 A-9020 Klagenfurt

1. Auflage

Covergestaltung: Little Blue Box - Katharina Roestel

Lektorat: DKF-Korrekturen - Diana Falke

Korrekturen: Gudrun Media

Autorenfoto: Christian Brenner Regional Agentur Kärnten

Satz & Layout: Sara-Edition

Druck: Booksfactory Vertrieb Österreich & Schweiz

Gewerbegebiet Nord 3

5222 Munderfing Österreich.

Verlag: Sara-Edition

© 2017 Sanuela Rast – alle Rechte vorbehalten.

Taschenbuch ISBN: 978-3-96111-425-2

EBook ISBN: 978-3-9504528-0-8

www.sara-edition.com

Mail: sanuela.rast@sara-edition.com

 


Widmung:

Meinem starken Vater, Nijaz Gadjerovic, der durch die Hölle ging und niemals aufgab. Vierundvierzig Jahre musste ich ohne Dich sein. Nun habe ich meine Wurzeln gefunden. Dafür Danke ich Dir.

 

 

 

Was belohnet den Meister? Der zart antwortende Nachklang

und der reine Reflex aus der begegnenden Brust.

 

Friedrich von Schiller

 

 

 

 

 

 

Ànas und Nijaz wahres Liebesdrama

 

 

Teil

 

Mutter - 1967 Ende März

 

 

Gedankenversunken durchstreift Nijaz graue, farblose Gassen seiner Heimatstadt Sarajevo. Träumend, den Kopf zum Boden geneigt, gefangen in Erinnerungen niemals vergessener Kindheitstage, hängen die wohlgeformten, männlichen Schultern schlaff herab.

Nijaz Anblick erinnert an einen streunenden Köter, der vom Lieblingsplatz verscheucht wurde. Feingliedrige Hände tief in den abgewetzten Hosentaschen der Jeans vergraben, das lockige, dunkle Haar fällt ungebändigt in sein ansprechendes Gesicht.

Strähnen, die mit jedem Schritt im Takt auf und ab hüpfen, tanzend zu einer tonlosen Melodie, die richtigen Noten nicht auffindbar. Plötzlich bleibt er stehen, sieht exaltiert in eine Richtung, seine Körperhaltung verkrampft. Smaragdgrüne Augen starren gespannt und zugleich hoffend.

Ein zaghaftes Lächeln umspielt die vollen Lippen. Zwangsläufig hebt er die Arme zum Gruß und läuft erhöhten Schritttempos auf eine adrett gekleidete, ältere Dame zu.

„Mutter? Bist du es?“ Im Bruchteil einer Sekunde schaut die Frau um sich, wirft dem unsicheren Jungen einen angewiderten Blick zu.

„Marschiere schnell weiter, mein Mann biegt jeden Moment um die Ecke.“

Ein Satz, ein einziger Satz, der Nijaz Herz von einem Dolch durchbohren lässt. Gedemütigt befolgt er ihre Aufforderung. Er zieht von dannen.

Die Augen mit Tränen gefüllt, nach Atem ringend, lehnt er an einer ramponierten Hauswand. Was war geschehen? Er ist unfähig, es zu greifen. Nijaz braucht ein paar Minuten, die ihm wie ewige Stunden erscheinen, um zu verstehen, dass die leibliche Mutter ihren eigenen Sohn zum x-ten Mal von sich stieß. Sein erhitztes Gesicht vergräbt er tief in die Hände, um den Tränen freien Lauf zu gewähren.

„Warum? Warum nur? Hasst sie mich wirklich so sehr?“

Immer lauter schluchzend läuft er erzürnt zu der Stelle zurück, an der er sie zu umarmen gedachte. Keiner mehr da. Er schreit wie ein Besessener.

„Du Hure! Du verdammte Hure!“

Ein Rettungsschrei, der die Haut in Sekunden trocknen lässt. Der Anblick eines angeschossenen Rehes weicht dem eines zornigen, starken Raubtieres. Mit erhobenem Hauptes setzt er den Weg fort. Hasserfüllt, von Trauer geprägt, versucht er, den negativen Gedanken Herr zu werden.

Nicht alles ist schlecht in seinem Dasein. Er wird die Frau in seinen Armen wiegen, von der er Geborgenheit erfuhr, und er wird von dem Mädchen träumen, das Nijaz erstarrtes Herz erweicht. Langsam beruhigt sich sein Gemüt. Der Atem wird flacher, die zu Fäusten geballten Hände lockern sich. Die Sicht klärt sich.

Ich werde geliebt und ich darf lieben, das ist das Einzige, was zählt.

Das Mantra, um den ewigen Kummer zu überwinden, die Vergangenheit zum tausendsten Male loszulassen, positiv in die Zukunft blickend.

Langsam erhellt sich sein Gesicht. Nijaz Augen bergen eine permanente Wehmut, aber um den Mund spiegelt sich ein Lächeln. Er denkt an sie. Àna, die Liebe seines Lebens. Allein der Klang ihres Namens elektrisiert jede Faser seines Körpers. Ihre Unschuld und Jugend ist vergleichbar mit dem eines Engels. Unverdorben und wunderschön.

 

 

Wohlfühlen

 

 

„Nijaz, mein Sohn, wie schön, dass du kommst, um deine alte Mama zu besuchen.“ Überglücklich ihren Adoptivsohn zu sehen, streicht sie ihr unbändiges, leicht ergrautes Haar hinters Ohr.

„Ich vergesse immer, dass du ein Riese geworden bist, beug dich zu mir und gib mir einen Kuss.“ Beglückt Habiba wieder zu treffen, folge ich natürlich ihrer Aufforderung.

„Mama, gut siehst du aus. Du brauchst mich nicht zu bitten, für dich gehe ich auch auf die Knie.“ Wir lachen im Chor und ich betrete die ausgediente Kochstube. Wie eh und je.

Der gusseiserne Ofen, der für Wärme und Speisen sorgt, beherrscht den größten Spielraum in der Küche. Die braune Holzbank, überfüllt mit Zierkissen und Teddybären, fordert auf, sich an den Tisch zu platzieren. Wackelige Sessel stehen um die restlichen freien Plätze.

„Setz dich Junge, ich brühe dir einen Kaffee.“ Habiba deutet mit ihrer zittrigen Hand, auf einen der Stühle.

„Nein, du machst es dir gemütlich, ich erledige das. Wenn ich dich besuche, will ich, dass du entspannst. Hast du verstanden?“ Sie lächelt mir wie ein jugendliches Mädchen entgegen und zwinkert mir zu. Mein Herz füllt sich mit Zuneigung gegenüber meiner in die Jahre gekommenen Adoptivmutter.

„Mama, ich hab sie gesehen.“ Mit geweiteten Augen stiert sie mich an.

„Vesna? Hat sie mit dir gesprochen?“

Geknickt berichte ich von der Begegnung mit der herzlosen Frau.

„Es ist eigenartig. So eine lange Zeit bin ich ihr nicht über den Weg gelaufen und ausgerechnet heute steht sie vor mir.“

Gedankenversunken bereite ich die Behältnisse, um einen türkischen, kräftigen Sud aufzukochen. Der herkömmliche Ibrik, eine schlichte Kanne aus Messing, wird mit Wasser gefüllt und mit der Gasflamme erhitzt. Ich beobachte die Blasen im Gefäß, stelle ihn vorsichtig mit zwei Fildzane auf den Tisch. Andächtig hebe ich mit einem Löffel, den puren, gemahlenen Kaffee in die sprudelnde Flüssigkeit. Ich sehe zu, wie das Pulver darin versinkt und wiederhole den Vorgang. Ein paar Minuten später verbreitet sich das Aroma und die Fildzane, moccagroße Messingtassen, fülle ich mit dem braunen Gold.

Die Worte meiner Ziehmutter reißen mich aus dem verträumten Zustand.

„Sprich, Junge.“

„Ähmm, ja. Ok. Du darfst es bitte nicht persönlich nehmen und dich kränken, aber als sie auf der Straße auf mich zukam, erhob ich die Arme, um sie zu begrüßen. Und sie? Sie jagt mich fort.“

Hass steigt erneut in mir auf. Eine unbeschreibliche intensive Abscheu. Habiba erhebt sich, um mir, Trost zu spenden.

„Ach Kind, sei nicht traurig. Sie ist zu keinen ehrlichen Gefühlen fähig. Das hat nichts mit dir zu tun. Sie findet aus ihrer Haut nicht raus.“

Mama hat recht, nichtsdestotrotz schmerzt es. Ich bekam von meiner Adoptivmutter Aufmerksamkeit, all ihre Liebe und trotzdem fühle ich mich als halbwertige Kreatur. Schaffe ich es, mich jemals als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu sehen?

„Ich bin einfach nur zu sensibel. Ein Mann sollte solche Gefühlsduselei nicht zulassen. Heute bin ich erwachsen und nur durch dich weiß ich, was Mitmenschlichkeit bedeutet.“

Ich drücke sie mit Bestimmtheit an mich. Bin dankbar sie im Leben zu haben.

„Oh, nicht so fest, Junge, du erstickst mich noch!“

Lachend setzen wir uns zu Tisch.

„Nijaz, es war nicht schwer, dich ins Herz zu schließen. Du bist mein Bub und hast meine Welt bereichert.“

Ich blicke in ihre beinahe schwarze Iris, die mit purer Gutmütigkeit und aufrechten Gefühlen getränkt scheinen.

„Ich frage mich oft, was aus mir geworden wäre, hättet ihr beide mich nicht aufgenommen? Warum eigentlich?“

„Was meinst du?“

„Naja, weshalb habt ihr euch für mich entschieden?“ Mama Habiba starrt ins Leere.

Ich beobachte, wie sie mit zittrigen Fingern nach der Tasse greift und aus ihr schlürft.

„Als ich dich das erste Mal in unserer Straße sah, ist mir das Herz aufgegangen. Ich beobachtete dich eine Zeit lang. Dein dunkles lockiges Haar stand wild in alle Richtungen, deine Augen konnte man nicht sehen, denn die vielen Locken fielen dir tief ins Gesicht.“ Sie legt behutsam ihre Hand auf die meine und lächelt.

„Du versuchtest, das Blickfeld frei zu bekommen, da sah ich in aufgeweckte, wunderschöne grüne Augen. Ich hatte nie zuvor bei einem kleinen Buben, eine scheinbar unendliche Trauer gesehen.“ Gütig fährt sie über die Wange.

„Du standest am Lattenzaun und hattest irgendetwas interessiert beobachtet. Deine Kleidung war total verschmutzt, das Hemd einige Nummern zu groß und die Hose löchrig. In dem Augenblick wünschte ich mir, du wärest mein Kind.“

„Du bist aus dem Haus gekommen und ludst mich auf einen selbstgemachten Kuchen ein. Zuerst hatte ich Angst, du verjagst mich mit wüsten Beschimpfungen, aber nein, du warst ein Rettungsengel.“

Liebevoll schauen wir uns für ein paar Sekunden stillschweigend an.

„Hab ich mich jemals bei dir bedankt?“

Habiba neigt ihren Kopf seitwärts, schüttelt ihn langsam von links nach rechts.

„Oh, Schatz, tausend Male, jede Umarmung ist ein Geschenk der Dankbarkeit. Mein Sohn, ich möchte dir danken.“

Erstaunt starre ich in ihr zerfurchtes Gesicht.

„Oh, nein Mama, du darfst das nicht. Ich war nicht der Brave, bereitete euch genug Sorgen. Dir und Papa Jakub.“ Ich erinnere mich an Aktionen zurück, die den Beiden extrem zugesetzt haben müssen. Die Sicht auf den Tisch geheftet, läuft ein geistiger Film ab.

Damals, ich war keine vierzehn, da wollte ich unbedingt auf Reisen gehen. In ein fernes Land, einfach nur aus Sarajevo, Jugoslawien raus.

Ich fuhr mit einem Bus bis in die Nähe der Grenze nach Österreich. Draufgängerisch wie ich war, kletterte ich unter einen LKW, wo ich zwischen den riesigen Reifen an der Achse hing, um mich vom Fahrer unbemerkt über die Kontrollen hinweg schmuggeln zu lassen. Das hätte wirklich schlimm ausgehen können, aber wie es scheint, begleitete mich Glück bei meinen Abenteuern. So lange zumindest, bis ich gefasst wurde. Habiba und Jakub schlossen mich nur in ihre Arme. Sie schimpften nicht und bestraften mich nie. Obwohl ich es verdiente.

„Mama, ich dachte eben daran, wie ich mich auf Abenteuerreisen von zuhause wegschlich. Warum habt ihr mir nie den Hintern versohlt?“

„Nijaz, wir waren erleichtert, dich wieder bei uns zu haben, niemals hätten wir dich sanktioniert. Du bist doch noch ein Kind gewesen, das Schabernack trieb.“

„Du verblüffst mich immer aufs Neue. Du bist einfach die beste und liebste Person.“

Wenn ich sie besuche, falle ich in den Sprössling zurück, der ich einst war. Unheimlich. Ich benehme mich wirklich nicht erwachsen.

„Was ist, wann wirst du heiraten, mir einen Enkel schenken?“ Während ich ihre Worte wahrnehme, verschlucke ich mich am Kaffee.

„Warum schaust du, als hätte dich jetzt der Blitz getroffen?“ Habiba lacht laut und hält sich dabei den Bauch.

„Jakub ist alt. Er wünscht sich, unbedingt Nachkommen im Arm zu wiegen, bevor er in den Himmel kommt.“

„Mama, ich weiß nicht, ob ich jemals einer Frau begegne, die mir Kinder gebärt?“

„Hast du niemanden? Dein Gesichtsausdruck verrät mir, dass du verliebt bist.“ Ich spüre die Röte in mein Gesicht kriechen.

„Doch. Vor kurzem lernte ich ein Mädchen kennen. Wie du mich immer durchschaust.“ Ungläubig schüttle ich den Kopf und beiße ein Stück von dem herrlich, selbstgemachten Apfelkuchen ab.

„Hmm, wie gut.“ Sichtlich mit Absicht überhört sie das Kompliment. Sie wartet darauf, dass ich mit der Sprache herausrücke. So schwärme ich von Àna, ihrer Unschuld, ihren bezaubernden, hellgrünen, vielsagenden Blicken. Manchmal spiegelt sich ein hellblauer Schimmer in der Iris ihrer aufmerksamen Eulenaugen. Ich plappere ohne Punkt und Komma, eine niemals enden wollende Hymne auf meine große Liebe. Beinahe kitschig die Wortwahl. Einem erwachsenen Mann unwürdig. Aber was soll‘s, ich bin nun mal ein Träumer, ein Romantiker, ein Irrer.

Die gefühlsbetonte Ader erweckte Àna in mir und mit Mama ist es möglich, ungeniert zu sprechen. Ich weiß, ihr gefällt die Seite an ihrem Bengel.

„Ich freue mich für dich. Sie klingt es wert zu sein, meinen Buben zu küssen. Bring sie doch einmal mit, damit ich sie kennenlerne.“

Ich verspreche ihr, bald mit Àna vorbei zu schauen. Dann berichte ich von der geplanten Verabredung und dass ich bestrebt bin, mir etwas Besonderes einfallen zu lassen.

„Du könntest mit ihr, hmm, wie nennen das die jungen Leute von heute? Die Filme, die man vom Auto aus anschauen kann.“

„Autokino meinst du?“

„Ja, genau. Jakub leiht dir den rostigen Wagen.“

Habiba erhebt sich und schlurft zur Kommode. Ich beobachte, ihren zittrigen Griff in die Schublade und erkenne, sie will mir Geld geben.

„Nein, Mama, ich brauche nichts, danke. Bei Nevres habe ich Gartenarbeiten erledigt und bin bezahlt worden. Wenn, dann stecke ich dir in Zukunft Dinare zu. Du hast genug für mich getan.“

Wir umarmen uns. Ich fühle ihre schwere, schnaufende Atmung und erblicke Tränen. Besorgt wische ich ihr das Nass aus ihren Augenwinkel. Es schmerzt, sie so zu sehen.

„Ach Nijaz, das sind Tränen der Freude. Papa und ich haben bei dir alles richtig gemacht.“

Dankbar küsse ich sie und verspreche, in ein paar Tagen wieder vorbei zu kommen, auch in der Hoffnung Jakub zu begegnen, der auf Besuch bei seiner Schwester in Pale ist.

Es ist spät. Den Nachmittag verbrachte ich mit Habiba. Dank ihr und der Vorfreude auf das Rendezvous mit Àna, empfinde ich ein kribbelndes Wohlwollen.

Richtung Kaserne zurückmarschierend entscheide ich mich gegen ein Treffen mit den Kumpels, denn wenn ich einmal mit ihnen zusammensitze, wird‘s feuchtfröhlich.

Ich kenne mich und den Alkohol. Ich bin leider der Typ, der bei allem maßlos übertreibt. Heute behalte ich die Sinne lieber bei mir.

Pfeifend schlendere ich durch die Straßen. Der Ärger wegen der Frau, die mich gebar, ist momentan verflogen.

Ich bin glücklich. Die Fantasien schweben zu Àna. Ich stelle sie mir nackt auf einem Stuhl sitzend vor. Ihr dunkles Haar, schwer über ihren Schultern hängend, bedecken ihre strammen Brüste. Sie stützt sich mit ihren Armen an der äußeren Sitzfläche ab.

Oh Mann, mir wird heiß. Die gedanklichen Spielereien muss ich ad acta legen, bevor ich von dem immer härter werdenden besten Freund keine Ruhe finde. Hmm, die Sehnsucht nach meiner Geliebten steigert sich schier ins Unendliche.

 

Einfach nur Kind sein - 1952

 

 

Ein eisigkalter Wintertag neigt sich dem Ende. Der kleine Junge hockt am Fenstersims und starrt in die Dämmerung.

Er fühlt sich nicht wohl in der Haut und tüftelt über Möglichkeiten, seine Mutter zu überraschen. Wie sehr sehnte sich der Bub, von ihr in den Arm genommen zu werden. Einmal ihre Hand auf dem Kopf spüren. Lob oder ein freundliches Wort zu hören, wie der zehnjährige Bruder. Eliot genießt ab und an ihre Aufmerksamkeit. Nur der bald Sechsjährige wird wie eine Krankheit gemieden.

Ich muss einfach nur artig sein. Brav und ganz lieb, vielleicht beachtet mich Mama dann.

„Nijaz, was sitzt du da rum? Geh in die Kammer und nimm dein Abendbrot mit. Vater kommt gleich zum Essen.“

Der Bub sieht die Herzlose an, betrachtet sie vom Scheitel bis zu ihren auffälligen roten Schuhen.

„Mama, du siehst so hübsch aus.“

„Red nicht, sondern verschwinde, bevor du Prügel einsteckst!“

Ohne Widerworte hüpft das Kind vom Sims und läuft, das Mahl ungeachtet, in das ekelige Gefängnis, das zu seinem Nachtquartier wurde. Seit er anfing, sich einzunässen, weinend und schreiend aus dem Schlaf hochschreckt, wurde er aus dem Kinderzimmer verbannt und in einen düsteren, fensterlosen Raum gesperrt.

Hoffnungslos, einsam und verletzt sitzt der Bub in dem miefigen Abstellraum, wo er den Platz mit Putzmittel und Besen teilt. Eine harte Matratze passt zwischen das Gerümpel, die in der Dunkelheit als Schlafplatz dient.

Lautes Geschrei reißt Nijaz aus utopischen Träumen
Oh wie schade, träumte er doch, von Mutter gewiegt zu werden. Er hält den Atem an und fürchtet das unheimliche Gepolter und Gegröle.

„Du miese, verdreckte Fotze. Ich bring dich um!“

Die hasserfüllte, tenore Stimme des Vaters, lässt das Kind erzittern.

„Du Hure! Du wertloses Stück Scheiße!“

„Vlado, hör auf damit. Ich war nicht eher im Stande, dir davon zu erzählen. Ich…“

„Was ich? Natürlich nicht. Du konntest nicht sagen, Liebling ich hab dich betrogen, es ist nicht dein Sohn. Nein! Lieber belügst du mich. Vesna, weißt du, was du mir antust?“

Vados Geschrei weicht einem grölenden Schluchzen.

„Es war nicht meine Absicht.“

Ein lautes Klatschen ist wahrzunehmen. Nijaz schleicht sich aus der Kammer. Auf allen vieren krabbelt er in die Küche und kriecht unter den massiven Esstisch. Hier konsumiert er freien Blick auf die Bettbank, auf der die Eltern sitzen. Mutter hält sich ihre Backe und murmelt, unverständliche Worte. Ein verzerrtes, klagendes Schreien erfüllt den Raum. Ein entsetztes Klagen von Vlado.

„Ein Kuckuckskind jubelst du mir unter! Ahhh … Was bist du nur für ein Mensch? Du, du dreckige, versaute, elende …! Was denkst du dir eigentlich, dass ich dich und das Balg durchfüttern werde? Ich arbeite hart, damit du…“

Der aufgebrachte, zutiefst Enttäuschte spuckt Vesna ins Gesicht. Lautlose Tränen laufen Nijaz über die Wangen. Er fürchtet sich gewaltig.

Mein Papa ist nicht mein Papa. Mama hat mich von wo anders her. Deswegen liebt sie mich nicht. Aber Vati ist doch immer gut zu mir.

Das Kind realisiert nicht, was geschieht. Unfähig dem Geschehen zu folgen. Weder der Streit der Eltern, noch die Reaktion des Vaters ist für ihn verständlich.

Vlado versteht die Welt nicht mehr. Mit der gegebenen Situation kann er sich nicht arrangieren. Er fühlt sich verraten und hintergangen.

Als Fernfahrer befindet er sich wochenlang auf Reisen. Das alles nur für eine Familie, die er nie wollte. Er hegte keinen Kinderwunsch. Ein sorgenfreies Leben mit der schönen Vesna wünschte er sich. Bekommen hat er Eliot und diesen Bastard. Wäre er nur vor Ort, liefe ihr Taxiunternehmen besser, dann …

Der Fünfunddreißigjährige will es nicht wahrhaben. Seine Frau wurde bei einer nächtlichen Tour von einem Betrunkenen vergewaltigt? Für ihn klingt ihre Story nach einer erfundenen Geschichte, um hinter verschlossenen Türen ihre Liaison zu vertuschen. Nimmt sie an, er sei debil? Er lässt sich von der Schlampe nicht länger an der Nase herumführen. Das Balg muss verschwinden. Er ist nicht fähig, dem Produkt einer geheimen Affäre, einer Vergewaltigung, einer, was auch immer, zu begegnen.

Vesna rafft sich hoch und verlässt das Zimmer. Zurück bleibt der verzweifelte Vlado, der von Nijaz beobachtet wird. Wenige Minuten darauf, kriecht der Junge aus dem Versteck, schleicht auf Zehenspitzen zu dem trübsinnigen Mann und berührt ihn an der Schulter.

„Papi, bitte weine nicht, ich hab dich doch lieb.“

In dem Moment erhebt sich der muskulöse Typ, stößt das Kind grob zur Seite. Keine drei Sekunden später verpasst der Wildgewordene dem unschuldigen Wesen einen Tritt in den Rücken. Der zarte Körper fliegt quer durch den Raum, kracht gegen die gegenüber stehende Wand und landet reglos am Boden. Geifer tritt ihm aus dem Mundwinkel. Er sammelt die Spucke und schleudert sie auf den Regungslosen.

„Nenn mich nie wieder Papa!“

Den Satz nimmt Nijaz noch wahr und dann nichts mehr.

 

 

Einfach zu viel - 1967 April

 

 

„Rony, pfui, was bist du nur für ein Schwein! Nirgends finde ich Ruhe. Rülps wo anders herum.“

Angeekelt erhebt sich das Mädchen von ihrem Platz, in dem verschlissenen Zimmer, wo ihre Geschwister herumtoben, kreischen und ihr auf die Nerven fallen. Sie packt ihre Lektüre und läuft auf die Straße. Mit hasserfüllten Gedanken rennt sie wie der Blitz in die Vrelo Bosna, einer berauschenden Ruheoase. Hier wird sie friedlich ihr Buch in sich aufsaugen.

Unter einer friedvollen Trauerweide, deren Geäst bis zum Boden reicht, sitzt Àna hadernd gegen den Baumstamm lehnend. Ihr langes, dunkles Haar liegt gewichtig auf ihrer linken Schulter. Ihre Beine angewinkelt, mit beiden Armen an den Oberkörper gepresst, versucht sie, sich zu beruhigen. Es fällt ihr schwer, denn ihre Wut steigert sich von Minute zu Minute.

Hat meine Mutter nichts Besseres zu tun, als ein Kind nach dem anderen zu werfen? Wie eine Gebärmaschine, in der Eier heranreifen, um neun Monate später das Resultat herauszupressen. Zu siebent sind wir mittlerweile. Ich hoffe nicht, dass weitere folgen. Niemals will ich so enden. Ich wandere ins Ausland aus, verliebe mich in einen reichen Mann, heirate und gebäre nur eine Tochter, vielleicht auch zwei. Aber das war es.

Angewidert verflucht sie ihre Familie Safiric, an der Spitze ihren hierarchischen Vater. Warum verschwinden sie nicht? Ànas negative Gedanken lassen sie sich noch mieserabler fühlen. Sie fragt sich, wie sie nur zu so einem extrem undankbaren und egoistischen Balg mutieren konnte.

Ihre aufopfernde Mutter, die mühevoll versucht, alle ihre Kinder durchzubringen, sich abrackert, demütigen und schlagen lässt und sie gibt sich solch gemeinen Fantasien hin. Bittere Tränen wässern das hübsche Gesicht des verzweifelten Mädchens. Laut schluchzend im Schutze der Trauerweide, heult Àna wie ein Schlosshund. Von tausenden Impulsen gepeinigt, als erst Vierzehnjährige. Sie bemitleidet sich, beneidet gleichaltrige, sowie ihre Schulkolleginnen und Nachbarinnen um deren Unbekümmertheit. Die Teenager beschäftigen sich mit Kleidern, Frisuren und Lippenstiften. Sie wachsen behütet auf. Ärgern sich nicht über infantile Geschwister, sind nicht durch Säuferväter belastet, geschweige denn von dem Leid ihrer Mütter. Ihre Welten drehen sich um schöne Dinge und um Jungs.

Ànas Welt hingegen dreht sich nicht um Burschen. Sie empfindet im tiefsten Inneren sogar Ekel gegenüber dem männlichen Geschlecht. Sie glaubt, dass sie alle wie ihre Brüder sind. Der Gedanke daran lässt sie erschaudern. Sie vertritt die Meinung, dass durch einen Mann das Leben einer Frau im Dreck versinkt und man an der Seite eines solchen Proleten keinesfalls Glück findet. Obwohl es eventuell Ausnahmen gibt. Möglicherweise gehört Nijaz zu den Anständigen? Mit Möchtegerns, um die sich die Mädchen in ihrer Nachbarschaft streiten, besitzt er keine Ähnlichkeiten. Er ist ein ausgewachsenes, verdammt attraktives Mannsbild. Minka und Jasna waren von Eifersucht zerfressen, als er vor zwei Wochen von der Straße zum Balkon herauf rief.

Ihre Freundinnen bildeten sich glatt ein, er interessiere sich für sie, aber seine Augen waren auf die kleinste des Dreiergespanns fokussiert. Àna würde normalerweise seiner Aufforderung, sich zu ihm zu gesellen, niemals folgen. Viel zu schwer wog ihr Stolz in der Brust. Sie wollte den Zwillingen zeigen, dass sie besser ist. Sich als Siegerin fühlen und aus ihren Schatten treten. Àna fürchterlich genervt von den Diven, die sich um den Jungen stritten. Sie fand ihr Benehmen beschränkt.

Wie ist es nur möglich, sich um einen Mann zu streiten, darüber zu debattieren, wen von den beiden es gelänge, ihn zu erobern? Ein strahlendes Lächeln spiegelt sich in ihrem Gesicht. Soeben wird ihr bewusst, dass sie den charismatischen Typen gerne mag. Denkbar mehr, als nur gern? Sie bemüht sich, ihn aus ihrer Gedankenwelt zu verdrängen. Vergebens, denn er nistet bereits unter ihrer Haut.

Ihr imponiert Nijaz Charakter. Sie genießt seine verträumten Blicke, die sich hinter ihre Iris knapp in die Tiefe ihrer Seele bohren. Sie ist das schönste Mädchen der Welt. Die Selbstsicherheit bietet er ihr. Nur er. Nie zuvor wurde sie mit so einem überwältigenden Gefühl beschenkt.

Àna berührt mit dem Zeigefinger ihre roséfarbenen Lippen.

Ein Kuss.

Ob sich das wohltuend anfühlt? Sie weiß nicht, wie es ist, wenn zwei Münder sich in ihrer Leidenschaft begegnen. Möglicherweise ist es mit einer Landung in ein Luftkissen vergleichbar?

Sofort schüttelt sie den Gedanken ab. Weshalb einer Illusion Bedeutung zollen? Am Anfang sind sie allesamt nett, versprechen die Sterne vom Himmel und verwandeln sich in Schläger und Betrüger. Wie Chedo, ihr Heldenvater. Davon ist sie überzeugt. Sie wird zu keine der naiven Frauen mutieren, die auf einen Mann hereinfallen. Nie und nimmer.


Freundinnen

 

 

Tröstlich finde ich einen heftigen Streit in der angrenzenden Wohnung, den ich letztens bei den Zwillingen belauschte. Ihre Mutter beschimpfte sie ziemlich krass.

„Ihr bekommt alles von mir und seid zu blöd, positive Schulnoten nachhause zu bringen. Nehmt euch ein Beispiel an Àna, sie ist die Beste im Unterricht, lernt brav und lebt bei weitem nicht in so einem angenehmen Heim.“

Darauf hörte ich es mehrfach hintereinander klatschen und die Mädchen weinten. Mir ist bewusst, dass es gemein von mir ist, aber ich empfand wahre Schadenfreude. Stolz auf die von mir erbrachten Leistungen, wiegt auf meiner Brust. Ich trage keine schönen Kleider oder teure Schuhe, besitze im Gegensatz der Angeberinnen, Ehrgeiz und schreibe nur Einsen.

Minka ist total doof und Jasna, zwar besser in der Schule als ihre dumme Schwester, lispelt dafür beim Reden. Ich erliege regelmäßig einem gedanklichen Lachflash, wenn sie nach mir ruft.

“Àna, komm siel mit mir“, anstatt spiel mit mir. Seitdem die beiden mich bestohlen haben, bin ich unwiderruflich wütend auf sie. Das ist der Grund meines Erfreuens an ihren Niederlagen. Die Eltern der Elstern verdienen gutes Geld. Die Mutter arbeitet als Köchin im Krankenhaus und der Vater als Barbier. Er nennt einen noblen Herrenfriseursaloon an der Baščarčija sein eigen.

Sonntags fährt er mit der Familie in den Freizeitpark, der einen Zoo mit wilden Tieren beherbergt. Die Mädchen immer fein herausgeputzt. Sie tragen weiße Rüschenblusen mit Blumenröcken und Stutzen, Lackschuhe verschönern ihre pummeligen Beine.

Sie vergnügen sich den Nachmittag über, fahren mit der Achter- und der Geisterbahn. Dementsprechend quasseln sie hochnäsig von ihren Sensationen. Einmal wagte ich, zu fragen, ob ich mitdürfte. Als Antwort lachten sie mich aus und meinten, dass so jemand wie ich, nicht hinein dürfe. Nie wieder biedere ich mich stolzlos an.

Bösartige Lügnerinnen.

Luca fuhr mit mir in den Vergnügungspark. Er gestattete mir, mit allem zu fahren. Ich ritt sogar auf schneeweißen Pferden. Die doofen Zwillinge glaubten mir nicht, was mich nicht tangierte, denn ich behalte die schönen Erinnerung für ewig im Herzen.

Warum mir ausgerechnet jetzt Tante Ewas Geschenk einfällt, mag ich nicht zu deuten. Die Schwester meines Vaters brachte mir einen roten Luftballon. Glücklich darüber spielte ich mit ihm, achtete darauf, dass er unbeschadet blieb. Nachts deckte ich ihn mit einem dünnen Seidentuch zu.

Wir wohnen im ersten Stock eines aus dem osmanischen Reiches stammenden Hauses. Im Erdgeschoss gibt es einen Avlija, einen Innenhof, indem ich mit der feuerroten Luftkugel herumsprang. Ich warf ihn in die Höhe und bevor er den Boden berührte, schupfte ich ihn sanft in die Lüfte zurück. Einmal sprang ich mit ihm von einer Art Balkon, der sich über die gesamte Hauslänge zieht. Jeder der Wohnungen besitzt einen eigenen Bereich und unserer ist mit den sattesten Blumen bestückt. Mutter liebt die gemütliche schmale Terrasse im Freien.

Ich hüpfte spielend mit meinem Ballon umher, bis ein Windstoß ihn forttrug. Weinend suchte ich verzweifelt das Gebäude sowie die Nachbarschaft ab. Erfolglos, er blieb verschwunden. Tage später wurde ich von den Zwillingen eingeladen. Sie präsentierten mir eine kindsgroße Puppe, die ihre Eltern vom Urlaub aus Italien mitbrachten. Ihre Schönheit raubte mir den Atem. Sie lag wie eine Prinzessin im Ehebett. Erhaben, mit blonden Zöpfen und Augen, die sich öffneten und schlossen, wenn man ihren Oberkörper vor oder zurück neigte. Das Prachtstück war nicht zum Spielen gedacht, sie war ein Kunstgegenstand, mit einer Größe von eineinhalb Meter. Es war den Freundinnen nicht erlaubt damit zu hantieren. Natürlich hielten sie sich nicht an das Verbot.

Vorsichtig streckte ich die Hand aus, um ihr goldenes Haar zu berühren, aber Minka und Jasna kreischten verrückt im Chor.

„Lass deine schmutzigen Finger von ihr.“

Fluchtartig verließ ich die Wohnung und entdeckte den roten Luftballon, der verwelkt in einer Ecke lag. Mein Herz zersprang wie Glas. Ich war neun Jahre damals. Es ist kein Wunder, dass ich heute mit vierzehn so gehässig und schadenfroh gegenüber den Elstern bin. Eben wird mir bewusst, dass ich nichts besitze. Ich lebe weder im Wohlstand, oft haben wir nicht mal genug zum Essen. Trotzdem bin ich weitaus zufriedener als die Gören, die ich kenne.

Ich liebe die Schule und bin irrsinnig ehrgeizig, zähle zu den Besten. Die einzige Möglichkeit Glück zu fühlen. Im Sportunterricht bin ich eine begnadete Hürdenläuferin und Weitspringerin. Obwohl ich die Kleinste in der Klasse bin. Ich bin schnell wie der Wind, viel wichtiger ist, dass ich wahnsinnig gescheit bin. Die Mädchen im Gymnasium mögen mich nicht besonders, was mich nicht im Geringsten berührt. Die Jungs haben einen Narren an mir gefressen.

Ich denke, das liegt an meiner natürlichen Art, bin keine der Zicken und Tussen, mit ihren Tutus und Handtäschchen, sondern ein Kumpel, mit dem man Pferde zu stehlen vermag.

„Àna, wo bist du?“

Oh Gott, nirgends finde ich Ruhe. Die älteste Schwester läuft im Park herum und sucht verzweifelt nach mir. Was will sie?

„Romy, ich bin hier!“

Zögerlich trete ich aus dem Versteck.

„Weshalb bist du aus dem Haus gelaufen? Ich brauch dich. Komm und hilf mir mit den Kleinen, ich kann mich nicht um alles kümmern.“

„Ich komm ja schon. Musst du wieder weg?“

„Ja, ich fahre mit Paps ins Lokal, muss aushelfen. Er erwartet eine geschlossene Gesellschaft, vierzig Mann poltern.“

Romy wirkt ziemlich durch den Wind. Ich frage mich, warum sie so aufgeregt ist.

„Freust du dich?“

„Bitte? Auf was denn?“

Ihr Gesichtsausdruck wird starr.

„Dass du von zuhause wegkommst. Ich wünschte, ich könnte mit dir tauschen. Die Buben bringen mich auf die Palme.“ Romy bleibt abrupt stehen. Sie packt mich an den Schultern.

„Àna, hör auf mich, bitte, schaffe niemals bei Chedo an. Die Typen sind abscheuerregend und er ist auch kein Honiglecken. Komm, du musst unbedingt die Kleinen waschen und die Suppe aufwärmen.“

Mit eingezogenem Kopf folge ich ihr. Warum warnt sie mich davor, bei Papa zu arbeiten? Ihr Ton war ängstlich. Was geschieht dort mit ihr?

„Àna, ich verlasse euch bald. Ich will nach Wien. Der Bruder von Mira hat in Österreich einen Job auf einer Baustelle bekommen und ich gehe mit ihm.“

„Mit Senad? Du darfst nicht fort. Ich brauche dich hier, bei mir. Du bist die einzige Vernünftige in der Familie.“

„Beruhige dich, ich besuche euch so oft als möglich und außerdem vermute ich, dass du mir bald hinterherkommst. Weine nicht, noch bin ich da.“

„Ich fasse es nicht, du bist meine geliebte Schwester und verlässt uns. Du bist meine beste Freundin, der einzige Halt in diesem Horrorhaus.“

Schluchzend stehe ich vor ihr. Schützend wiegt sie mich und lauscht mir stillschweigend.

„Ich wünschte, ich wäre nicht geboren worden. Warum nur? Weshalb brachte mich Mutter zur Welt? Wer wird uns jetzt beschützen?“

„Scht ... Àna. So etwas darfst du nicht sagen, geschweige denken. Ich gehe, um uns ein besseres Leben zu ermöglichen. Hast du verstanden? Komm, schau mich an.“

Ihrer Aufforderung folgend sehe ich in ernste, stahlblaue Augen. Ich vertraue ihr. Kenne ich irgendjemanden, der so hervorragend und mutig wie meine Schwester ist?

„Ich bewundere dich. Wie schaffst du es nur immer, positiv in die Zukunft zu schauen?“

Romys Blick in die Leere gerichtet, verletzt und taff, antwortet mir im monotonen Ton.

„Unser irdisches Dasein formt. Der Schmerz, der dich bricht oder eben stärkt. Wir haben es selbst in der Hand. Gibst du auf oder kämpfst du für deine Träume?“

Die Stärke von Romy erstaunt mich. Unerschrocken steht sie zu einhundert Prozent für ihre Familie ein. Sie liebt uns, kümmert sich ständig um jeden Einzelnen. Widersprüchlicherweise hält sie aber trotz aller Fehltritte zu Vater, was ich nicht verstehen kann.

„Romy, wann glaubst du, schafft es Mama, endlich den Tyrannen zu verlassen?“

Ich sehe, wie ihre glasklaren blauen Augen sich verdunkeln.

„Ach Àna, einen Schlussstrich setzen, funktioniert erst mit dem Tod von Paps oder dem von Mama. Vielleicht mit der Flucht aus Sarajevo. Er gibt sie niemals frei.“ Stillschweigend betreten wir die Wohnung. Romy putzt sich außergewöhnlich hübsch heraus.

„Wie schön du bist.“

Nèla, die Jüngste, krabbelt zu ihr. Sie berührt die Rüschen des Taftstoffes und bewundert unsere Schwester mit geöffnetem Mund.

„Danke dir, meine Süße.“

Sie hebt die Kleine hoch und dreht sich mit ihr im Kreis. Nèla jauchzt vor Freude und wird küssend auf das Fauteuil platziert.

„Kinder, Mama kommt heute später nachhause und mich seht ihr erst morgen wieder. Seid folgsam und gehorcht Àna, dann bekommt ihr zum Frühstück eine Golatsche.“

Mikà und Nèla jubeln und versprechen brav zu sein. Mit einem Kuss verabschiedet sich Romy von uns und begibt sich auf den Weg zum Lokal.

„Soll ich euch eine Geschichte vorlesen?“

Die Kinder sind begeistert. So platziere ich mich auf den Boden und lese aus einem Sagenbuch. Gespannt lauschen sie meiner Stimme und stellen laufend Fragen, die ich ihnen zu beantworten versuche.

Nachdem ich alle Arbeiten ausgeführt, die zwei in ihren Betten liegen, finde ich Zeit, an Nijaz zu denken. Vielleicht ist er der Prinz und rettet mich aus dem tragischen Leben? Ich träume von einer heilen Welt.

Hand in Hand laufen wir unter der warmen Sonne über eine satte grüne Wiese, die über und über von Margeriten bewohnt wird. Bunte Schmetterlinge erheben sich über unsere Köpfe hinweg. Sie scheinen einen Paarungstanz zu vollziehen. Bienen und Hummeln summen eine Melodie der Freude. Vogelgezwitscher untermalt die Herrlichkeit, friedlicher und göttlicher Sinfonien märchenhaften Glückes. Ich greife zu Papier und Stift, folge dem inneren Drang meine Inspirationen aufzuschreiben.

Kennst du das?

Kennst du, wenn deine Gedanken gestohlen,

dich auf nichts konzentrieren kannst;

wenn du in Raume gefangen,

des Herzens beraubt,

dein Sein betäubt?

Wenn die Sehnsucht dich beherrscht,

sie sich in jeder Faser deines Körpers bohrt,

Wenn sie an deiner Substanz zerrt?

Kennst du das?


Nur sie

 

 

„Gib mir mein Geld zurück!“

„Welches Geld? Du spinnst wohl.“

Wutentbrannt packe ich Izmir am Revers seiner Lederjacke. Die Fäuste zum Schlag bereit. Eine drohende Geste, die ihn zur Vernunft bringen soll.

„Izmir, ich schwöre dir, wenn du mir nicht sofort die Kohle rausrückst, dann Gnade dir Gott. Du wirst dich im Leben nicht wieder erkennen.“

Ich bin kein brutaler Mensch, aber ich spare schwer ein paar Kröten zusammen, um mit meiner Traumfrau ausgehen zu können, und der Wichser bestiehlt mich. Das darf ich nicht zulassen.

„Nijaz, beruhige dich bitte. Ja, ok, ich habe dein Geld, ich brauchte es wirklich dringend.“

„Du bist verrückt, du brauchst Kohle und beklaust einen Kameraden? Weißt du eigentlich, wie hart ich mir das verdienen muss? Rück es raus!“

„I ... ich hab‘s schon fast verbraucht. Hier, hast du den Rest.“

Der Wicht reicht mir die läpischen Dinare und grinst mir frech ins Gesicht. Zorn steigt in mir hoch. Ich hole aus und verpasse ihm einen Faustschlag in die hässliche Visage. So beginnt im kalten Schlafraum der Kaserne eine Schlägerei. Izmir in der Ehre gekränkt, schlägt unerbittlich zurück. Er ist stark und weiß sich mit Fäusten auszudrücken. Die anfängliche Überraschung auf meine Reaktion ist verblast. Blitzschnell verpasst er mir eine Breitseite, die mir Sterne vor die Augen zaubert. Wir schlagen uns die Köpfe ein, bis Kollegen es schaffen, uns zu trennen.

Außer mir stehe ich vor dem Spiegel im Duschraum.

„Fuck, ich sehe aus wie durch den Fleischwolf gedreht.

Mit so einer Fratze ist es unmöglich vor Àna zu treten, aber nicht aufzutauchen, kommt nicht in Frage.“ Kopfschüttelnd und in Selbstgesprächen vertieft, besänftigt mich Adam.

„Nijaz, komm beruhige dich. Bringt nichts, der ist der größte Loser von da bis China.“

„Adam, das ist nichts Neues, aber scheiße Mann, der hat mich beklaut. Ich hatte heute was vor, verdammt noch mal.“

„Triffst dich mit deiner Kleinen?“ Mein guter Freund erkennt die Sorge. Aus tiefliegenden, dunkelbraunen Augen begutachtet er mich verständnisvoll.

„Hey Langer, Frauen stehen auf echte Kerle und mit dem Veilchen wirst du sie beeindrucken.“

„Rede keinen Stuss. Àna ist ein feines Mädel, sie wird böse auf mich sein.“

„Nein, das glaube ich nicht. Erklär ihr, was geschehen ist. Sie wird die Situation verstehen.“

„Aber scheiße, Adam, wohin soll ich sie denn groß ausführen? Ich bin ein Niemand, der ihr nichts bieten kann.“

Verzweiflung unterstreicht die Stimme. Panisch raufe ich mir die Haare, klatsche mir kaltes Wasser ins geschwollene Gesicht und hoffe, dass die Verfärbungen sich nicht verschlimmern.

Bitterböse rausche ich aus der Kaserne und laufe in Richtung Marśala Tita. Die Wut im Bauch ist nicht verkommen. Schwer überlege ich, woher ich ein Geschenk bekommen könnte. Um jetzt noch ein paar Dinar zu verdienen, ist die Zeit zu knapp.

Abrupt halte ich vor einem gepflegten Garten. Ein Meer gelber Narzissen verlockt zum Stibitzen. Ich hadere mit mir. Blicke mich um. Ferngesteuert pflücke ich so viele, wie möglich. Ich bin kein Deut besser als Izmir, aber die Verehrung für Àna ist es mir wert.

Ich sehe sie.

Ihr Anblick raubt mir den Atem. Sie ist das wunderschönste Geschöpf, das Gott schuf. Sie trägt eine enge Jeans und eine reinweiße Flatterbluse mit kurzen, weiten, Ärmeln, die mit Rüschen besetzt und mit roter Stickerei umrandet ist. Ihr Haar fällt offen über eine Schulter und reicht ihr bis zur Hüfte. Wie ein Teppich. Zu gerne wünschte ich, mein Gesicht darin zu vergraben.

„Àna, hallo. Wie hübsch du heute wieder bist.“

Ich reiche ihr die stibitzten Blumen, welche sie mit einem unschuldigen und bezaubernden Lächeln annimmt.

„Danke dir, Nijaz. Was ist mit deinem Gesicht passiert?“

Beschämt starre ich zu Boden und schildere ihr den Vorfall mit Izmir. Nur das mit dem Geld verschweige ich, weil es mir zu unangenehm ist. Àna, die sich auf dem untersten Sockel des Stiegenhauses befindet, tritt unerwartet zwei Stufen zurück.

Im ersten Moment vermute ich, sie zu vertreiben, doch zeigt mir ihre Geste, dass sie nicht vorhat, mich zurückzuweisen. Mit sanften Küssen berührt sie die blauverfärbten Stellen. Zarte Schmetterlingsflügel flattern auf die Stirn, die Augenlider, die lädierten Wangen und das Kinn. Ein wohliger Schauer fließt durch meine Glieder.

Lebe oder sterbe ich gerade? Die Seele verrückt, die Zeit steht still. Was löst das kleine Persönchen in mir aus?

Niemals wage ich, sie auf die Weise zu berühren. Die Schüchternheit in ihrer Gegenwart, zwängt mich in ein enges Korselett. Habiba lehrte, dass ein Mann, der sich ernsthaft für eine Frau interessiert, sich automatisch zurückhält und wartet.

„So, jetzt wird alles wieder gut.“

„Ja, ich spüre keinen Schmerz mehr. Du hast heilende Lippen.“

Àna läuft rot an und meint, sie müsse die Blumen ins Wasser geben. Während ich mich nicht von der Stelle rühre, überlege ich, wohin ich sie ausführen kann.

In einem Café an der Baśčarčija gelandet, löffeln wir gemeinsam aus einem bunten Eisbecher. Sie sieht mir aus strahlend, grünen Augen entgegen. Wir unterhalten uns mit spärlichen Worten, genießen das Schweigen und verstehen einander anhand der Mimiken und Gesten. Die Stille beunruhigt mich ein wenig. Ich trage Sorge, sie zu langweilen.

„Erzähl mir von dir, Nijaz.“

„Was möchtest du wissen?“

„Mich interessiert, was du noch so in deinem Leben vorhast.“

„Nach der Armee beginne ich einen zweijährigen Aufbaulehrgang, um die Praxis als Tischler zu vertiefen. Werde eigens designte Möbel fertigen und verkaufen. Aber nicht in Jugoslawien. Ich will weg von hier.“

„Das klingt vielversprechend. Finde ich großartig. Ich mag kreative Menschen. Auch mir wäre es ein Bedürfnis Sarajevo den Rücken zu kehren.“

„Von was für einer Zukunft träumst du, Àna?“

Ich erkenne ihre schlagartige Stimmungsveränderung. Als überkomme sie ein plötzlicher Schmerz, sitzt sie erstarrt und kerzengerade in ihrem Stuhl. Ihr Blick ins Leere geheftet. Ihr Mund ein wenig geöffnet. Kein Wort verlässt ihre Lippen.

„Ich muss los.“

„Àna, warum? Wir sind doch eben erst gekommen. Hab ich was Falsches gesagt?“ Sie beschwichtigt mich mit einem Nein. Erhebt sich ruckartig, um das Gartenlokal zu verlassen. Schnell werfe ich ein paar Münzen auf den Tisch und laufe hinter Àna her.

Ich verstehe im Moment nichts, überhaupt nichts. Was hat sie bloß aufgeschreckt? Ich greife nach ihrer Hand und wir spazieren die Straßen entlang. Hoffe, sie in einen der vielen schönen bepflanzten Parks führen zu dürfen. Vielleicht beruhigt sie sich und erzählt mir was in ihrem kleinen, süßen Köpfchen vorgeht.

„Àna, ich möchte dich wissen lassen, dass ich immer für dich da bin. Ich …“

„Ja, ich weiß. Danke, Nijaz.“

Nun stehen wir wie angewurzelt kurz vor dem Zugang des Stadtparks. Ich glaube, Hoffnung in ihrem Blick zu erkennen. Aber nicht nur das. Womöglich Trauer und Kummer? Langsam beuge ich mich über ihre zarte Gestalt. Mein Mund berührt ihren Kopf. Unsicher hebt sie ihr Gesicht in meine Richtung, kommt mir mit einem Balanceakt auf Zehenspitzen entgegen. Unschuldig und würdevoll lädt sie mich auf unseren ersten Kuss ein. Unvergesslich, süß, zartbitter. Die drei Worte haben sich in mir eingebrannt. Worte, die nur mit einer verbunden sind. Mit meiner heißgeliebten Àna.

Die Zeit steht still, die Erde hat aufgehört, sich um die eigene Achse zu drehen. Gefangen in einem ekstatischen Traum. So muss sich der Himmel anfühlen. Für immer wünschte ich, in dem Zustand zu schweben. Dafür würde ich alles geben. Leider sind die schönsten Momente nur von kurzer Dauer. Ein Sog entzieht sie mir. Sie dreht sich von mir weg und hinterlässt mich ihrer Wehr.

Ich darf dich nicht zu nahe an mich heranlassen. Den Sinn entnehme ich aus ihrem Rückzug.

„Àna, verzeih mir. Ich wollte nicht … Hmm … ich wollte ... Hmm ... dich nicht überrumpeln.“

„Ist schon gut. Nijaz, mach dir keine Sorgen. Ich bin nur so überrascht von mir. Die Situation verblüfft mich regelrecht.“

Àna senkt ihren Kopf. Schüchtern und flüsternd dringen mir ihre nächsten Worte an die Synapsen.

„Das war mein erster Kuss.“

„Und, war es schlimm für dich?“ Àna lächelt.

„Nein, ganz und gar nicht. Es war wundervoll und ich wünschte, das Gefühl zu konservieren und es jederzeit hervorholen zu können. Besonders dann, wenn die Einsamkeit mich plagt.“

Ich trete hinter sie und drücke ihren Rücken gegen meine Brust.

„Àna, du wirst nie wieder allein sein. Das verspreche ich dir.“

Schweigend schlendern wir eng umschlungen den Park entlang. Ich fühle Glück, wie nie im Leben zuvor. Mystik umgarnt uns. Unsichtbare Bänder flechten unsere Seelen zusammen. Nichts und niemand schafft es, uns auseinanderzureißen.

„Nijaz, es ist spät. Ich muss nach Hause. Romy wartet auf mich.“

Schweren Herzens begleite ich sie in ihr Heim. Vor dem großen, hölzernen Tor schmiegt sie sich zärtlich an mich.

Ich inhaliere ihren Duft, brenne mir den zerbrechlichen Augenblick für die Ewigkeit ins Gedächtnis. Ein zartes Küsschen an mein Kinn trennt uns für ein paar Tage.

High, betrunken von der Liebe trödle ich zu Mirko. Spätestens um zwanzig Uhr bin ich gezwungen, in der Kaserne zu erscheinen. Im Glücksrausch rebelliere ich heute gegen die strengen Soldatenregeln.

„Hey, wie schaust du denn aus?“

„Frag nicht, Mirko, hab mich mit einem Spinner geprügelt. Der Arsch wagte es, mich zu beklauen. Daraufhin zeigte ich ihm, was passiert, wenn man sich mit dem Falschen anlegt.“

„Cool, Mann, bin da ganz deiner Meinung. Warst bei deiner Schnecke?“

„Stopp, so sprichst du nicht über Àna. Verstanden?“ Mein Freund hebt zur Entschuldigung beide Arme in die Höhe.

„Nijaz, beruhige dich. War nicht so gemeint. Gehört doch zum Fachjargon.“

„Das gilt für die billige Fraktion, aber nicht für Àna. Sie ist was Besonderes. Sie mache ich zu meiner Frau. Mit ihr gründe ich eine Familie.“

„Na, es sieht aus, als hätte es dich voll erwischt?“

Wenn Mirko nur wüsste. Ich liebe sie und ich will nie im Leben ohne Àna sein. Nachdem ich ihm von ihr erzählt habe, begeben wir uns auf den Weg in eine Tanzbar. Heute wird in unserer Stammkneipe Livemusik gespielt.

Besoffen stehe ich schwankend vor hohen Mauern, hinter denen sich die düstere Kaserne befindet. Torkelnd schleife ich mich um das Areal, versuche mir einen Weg in die Höhle der Löwen zu schaffen.

Shit, irgendwie muss ich mich über die Steinmauer hieven. Der Maschendrahtzaun scheint kein zu großes Hindernis zu sein.

Selbstüberschätzend überwinde ich die Hürde. Davon überzeugt, unbemerkt in den Schlafraum zu gelangen, höre ich eine strenge Stimme.

„Hände hoch oder du bist fällig!“

„Herr Oberoffizier Maric, Nijaz Gadjerovic meldet sich hier.“

„Rekrut Gadjerovic, sind Sie komplett verrückt? Vor fünf Stunden sollten Sie hier sein. Ich hätte Sie erschießen können.“

„Ja, Sir, Herr Oberoffizier, hicks …, verzeihen Sie, ich bin verliebt. Hicks …“ Sein erzürntes Gesicht blickt mir entgegen. Ein Wink der Belustigung ist für einen kurzen Moment erkennbar, doch weiß ich auch, dass mich eine saftige Strafe erwartet.

„Rekrut, Sie sind betrunken. Sind Sie vollkommen übergeschnappt? Sie wissen, den Vorfall muss ich melden. Ab ins Bett.“

Lachend salutiere ich und begebe mich herumspringend und herumalbernd auf den Weg zu den Schlafräumen. Den folgenden Konsequenzen bin ich mir sogar in dem Zustand bewusst, aber was soll‘s? Ich bin betrunken von Liebe und vom Alkohol.

Meine Kehle brennt, zu viel geraucht und die Stimme verausgabt. Die Band trällerte grottenschlecht, dass ich kurzerhand auf die Bühne sprang, um dem Publikum einzuheizen. Ich sollte mich als Sänger profilieren und das Schreinern lassen. Erschöpft und glücklich zugleich, sinke ich in den Schlaf, stürze von einem Traum in den nächsten.


Trautes Heim Glück allein

 

 

„Ljubica! Wo bist du? Weib, komm her und befriedige mich.“

Chedo steht mit runtergelassenen Hosen in der Küche. Das Geschlecht baumelt zwischen den strammen Oberschenkel. Er zwingt seine Frau auf die Knie und fordert sie auf, ihn mit ihrem Mund zu liebkosen.

„Lass mich in Ruhe, verschwinde zu einer deiner Huren. Meinen Segen hast du.“

Herablassend schnaubt Chedo immer wütender werdend.

„Deinen Segen brauch ich nicht. Wage es nicht, dich den ehelichen Pflichten zu verweigern. Ich warne dich.“

„Glaubst du wirklich, ich fürchte mich vor dir? Die Zeiten sind vorbei. Du bist ein Versager, ein Nichts!“

Ljubica provoziert ihren Mann. Sie erwartet den ersten Schlag und wappnet sich für den bevorstehenden Schmerz. Chedo entgeht nur ein verächtliches Schnauben. Mit heruntergelassenen Hosen stapft er in die Vorratskammer, stellt sich breitbeinig vor einen Leinensack und uriniert in das darin gelagerte Mehl.

„Was machst du da?“