Ewig und ein Sommer

Ewig und ein Sommer

Kerstin Arbogast

Inhalt

Impressum

Widmung

1. Ein bisschen Frieden

2. Little Lies

3. A beautiful Lie

4. I knew you were Trouble

5. Feeling good

6. Blame it on the Boogie

7. Minor Swing

8. Cruel Summer

9. Kiss on my List

10. The Shoop Shoop Song

11. In the Still of the Night

12. 99 Luftballons

13. Like Ice in the Sunshine

14. Come into my Life

15. I want you to want me

16. Pack die Badehose ein

17. Tag am Meer

18. Can’t Stop the Feeling!

19. Somewhere only we know

20. 36grad

21. Summertime Sadness

22. Best Day of my Life

23. Don’t stop ’til you get enough

24. Aber bitte mit Sahne

25. The Joker

26. Radioactive

27. Rudolph the red nosed Reindeer

28. All by myself

29. Almost Lover

30. Tears on my Pillow

31. A little Party never killed Nobody

32. It’s my Party

33. Love is a Battlefield

34. River flows in you

35. Hallelujah

36. I will remember you

37. So still

38. Need you now

39. Perhaps, perhaps, perhaps

40. I can’t help myself (Sugar Pie, Honey Bunch)

41. How to save a Life

42. Nur ein Kuss

43. Can’t take my Eyes off of you

44. The Lion sleeps tonight

45. Strong

46. Lay it all on me

47. Summertime Blues

48. Fly me to the Moon

49. The Rose

50. Shut up and dance

51. Looking too closely

52. Blue Moon

53. 1000 und 1 Nacht (Zoom!)

54. Wings

55. Falling slowly

56. That’s Amore

57. A thousand Years

58. Lucky

59. Under the Milky Way

60. Will you still love me tomorrow

61. Fever

62. I put a Spell on you

63. Don’t stop me now

64. Show me Love

65. Incomplete

66. Footloose

67. Go ahead and break my Heart

68. Without you

69. Gewinner

70. Love is in the Air

71. Moon River

72. What is Love

73. Say something

74. Home

75. Reality

76. Stay

77. I hate U, I love U

78. Hate that I love you

79. A Little Less Conversation

80. Hit me with your best Shot

81. Need the Sun to break versus Eiserner Steg

82. Don’t let me down

83. Stay

84. All of the Stars

85. Chasing Cars

86. Kiss me

87. All I want for Christmas

88. Nessun dorma

Über den Autor

Header

If music be the food of love, play on …

Wenn Musik der Liebe Nahrung wäre, spielt weiter …


Was ihr wollt

William Shakespeare

1

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Ein bisschen Frieden

Nicole

Sophie

»Mutter Teresa.« Tammi machte eine Pause. Sie zog ihre Stirn in Falten, ihr Oberteil jedoch, ein glitzerndes graues Tanktop, spannte sich glatt und adrett über ihren kleinen, festen Busen. »Mutter Teresa, der Engel der Armen«, wiederholte sie und abermals folgte eine Stille, während der sie sich gespielt nachdenklich mit dem Zeigefinger an die Lippen tippte. »Ich hätte dich nie im Leben als selbstlos eingestuft.«

Ich zupfte an meiner Jeans herum, sie kniff am Po und am Bauch und ich war versucht, den obersten Knopf zu öffnen. Hatte ich etwa schon wieder zugenommen? Mit dem Essen ging ich demnach nicht so mildtätig um. Brot für die Welt, der Kuchen bleibt hier. Ein echt lahmer Spruch.

Konnte ein Witz alt werden? Vergreisen?

Oh ja. Über die Sachen, die meine Mum, ich nenne sie übrigens nur Sanne, in ihrer Jugend gelacht hat, zuckte ich heute lediglich gelangweilt mit den Mundwinkeln. Ein kleiner hysterischer Franzose, außerirdische Kohlköpfe, ein Ostfriese mit schütterem Haar und seltsamen Elefanten.

Immerhin konnte ich Sanne zugutehalten, dass ihr ziemlich schnell das Lachen verging. Ungefähr mit siebzehn. Die erste Lust, der erste Frust. Ein Bäuchlein, das sich wölbte. Ein Herz, das zerbrach. Ein neues, das anfing zu schlagen. Und so weiter.

Ich setzte mich anders hin, damit mich die Hose nicht so einschnürte. Warum trug ich bloß Jeans? Auch meine gepunktete Bluse schien nicht besonders schwitzfest zu sein. Wir hatten neunundzwanzig Grad im Schatten, kein einziges Wölkchen stand am blauen Himmel, bald begannen die Sommerferien … ach ja, stachelige Beine …

Na prima, da fing meine Geschichte mit einem eloquenten Shakespeare-Zitat an und ich versemmelte alles, indem ich über zwickende Hosen, stoppelige Gliedmaße und Schwitzflecken unter den Achseln jammerte. So viel zu einem guten ersten Eindruck.

»Was?«, nahm ich erneut den Faden auf, während ich weiterhin Shakespeare mit Gillette abwog. »Ich verhalte mich doch nicht wie Mutter Teresa, nur weil ich bei Konrad daheim vorbeischauen will. Wie kommst du darauf? Ich habe eben keine Lust, einen schlechten Eindruck beim alten Schütz zu hinterlassen, wenn wir nicht einmal die Sache mit dem Waffelstand für das Schulfest zustande bringen. Außerdem habe ich wie eine Löwin darum gekämpft, dass nicht nur die Sportler von den Spendeneinnahmen bei der Feier profitieren, sondern auch die Theater-AG und das Naturschutzprojekt. Wie würde ich vor Schütz dastehen, wenn ich aufhören würde, mich zu engagieren?«

Den Vertrauenslehrer der Schule zudem als Lehrer im Leistungskurs Deutsch zu haben, war wahrlich nicht der Knüller. Du, ich glaube, wir müssen unbedingt darüber reden, warum ihr das mit dem Waffelstand vergeigt habt. Der Teig war sauer, eure Waffeln lasch und mehlig. Könnte es sein, dass du aus deinem seelischen Gleichgewicht geraten bist? Deine innere Mitte verloren hast? Dein Ying deinem Yang weggelaufen ist? Die mit grauen Strähnen durchsetzten blonden Locken würden mit seinem aufmerksam nickenden Kopf im Takt wippen, die verschlissene Cordhose mitfühlend rascheln, das Salatblatt auf seinem Körnerbrötchen sich aus purer Loyalität heraus traurig wellen. Ja, Valentin Schütz war der Inbegriff eines Vertrauenslehrers. Seine Eltern ahnten das sicherlich schon vor seiner Taufe. Valentin – der, der Einfluss hat.

Es wäre durchaus im Bereich des Möglichen, dass ich schlichtweg übertrieb. So wie er es gerne tat. Deine Hose passt nicht mehr? Schwanger! Deine Haare sitzen nicht? Bulimie! Du verschläfst ständig? Depressionen!

Weil ich von Haus aus weder besonders hilfsbereit geschweige denn außerordentlich selbstlos war, verspürte ich nicht im Geringsten das Bedürfnis, mich dem hochentwickelten Spürsinn unseres Lehrers auszusetzen.

Ich rede mich hier um Kopf und Kragen, nicht wahr? Jetzt ist es auch mit dem zweiten guten Eindruck vorbei.

Aber ich war ein egoistisches Einzelkind. Ungeküsst. Und ich wollte nicht auf dem Radar von Schütz’ Nickelbrille erscheinen. Natürlich könnte man zu dem Trugschluss kommen, dass gerade ich, weil ich mit achtzehn Jahren noch ungeküsst war, diejenige sein müsste, die das Polster und die Sitzfederung des Sessels im Vertrauenslehrerzimmer platt drücken sollte.

Darin lag mein Fluch. Entweder die Männer brachten ihn über uns Arendt-Mädchen oder er lag in unserer Familie. Genetisch verankert.

Mein Großvater verstarb jung, wenige Jahre nach der Hochzeit, Oma Ursel verzehrte sich auch heute noch nach ihm. Was sie aber nicht davon abhielt, ebenso auch andere Männer zu verzehren. Sie war jetzt Ende fünfzig, nein, ich mochte mir das ganz und gar nicht vorstellen. Und dann Sanne, meine Mutter. Ich glaube, sie hatte seit ihrem ersten Freund nie wieder einen Lover. Oder sie war einfach nur besser im Verheimlichen als Oma. Dafür wäre sie aber ziemlich mies drauf. Andererseits: die vielen Überstunden im Krankenhaus, die Treffen mit den sogenannten Arbeitskolleginnen, …

Männer waren nichtsdestotrotz haarige Monster, die uns Arendt-Mädchen in den Wald lockten, sich jedoch aufs Hartnäckigste nicht in den schönen Prinzen verwandeln wollten. Eine Teekanne blieb eine Teekanne, ein Kerzenständer eben ein Kerzenständer.

Sie waren schmächtige, glitzeräugige Kobolde, die uns das Blaue vom Himmel versprachen, dann aber mit ihren kurzen Beinchen schnellstens das Weite suchten oder im Nu ins Jenseits fuhren. Mit Flügelchen und Heiligenschein – und heutzutage ihren eigenen kleinen Altar im Esszimmer der Oma bewohnten.

Tja, und Jungs waren alles andere als diese wunderbar einfühlsamen und melancholischen Geschöpfe, wie sie uns diverse Autorinnen vorzuleben versuchten. Sie waren nicht wie Edward Cullen. Na gut, das Beste an ihm war sowieso nur das coole Haus mitten im Wald und sein Sportwagen. Ebenfalls waren sie nicht wie Gideon de Villiers, der einen auf hübsche Zeitreisen zu Hinrichtungen und Kostümbällen mitnehmen konnte. Sie waren auch keine Telenovela-Schönlinge mit exotischem Akzent und wallendem Haar. Nein, sie pupsten, sie kratzten sich an den unmöglichsten Stellen, erzählten dreckige Witze, sahen den Mädchen nur auf die Brüste. Was mich daran erinnerte, meinen gedankenverlorenen Blick von Oles festem Bäuchlein zu nehmen, welches kurz hervorblitzte, als er sich nach gewonnenem Spiel auf der Tischtennisplatte uns gegenüber der Länge nach ausstreckte.

Bevor ich Tammi antworten konnte, klingelte die Schulglocke, die große Pause war vorbei. Seufzend erhoben sich die Schüler, schnappten sich ihre Sachen und schlurften wie die Zombies über den Hof zu den Klassenräumen.

Wir taten es ihnen gleich, nur dass ich mir den letzten Bissen meines Salamibrotes in den Mund stopfte und Tammi mit seltsam verdrehten Armen und Fingern angrunzte wie eine Untote: »Fleisch, ich will Fleisch.«

»Du hast sie doch echt nicht mehr alle, Phi.« Meine beste Freundin rempelte mich an und wir eilten den anderen hinterher.


Nachmittags fuhr ich durch das Neubaugebiet (ich sage nur: Unkraut gejätete Vorgärten, Häkelvorhänge an den Küchenfenstern und apricotfarbene Wände), in dem Konrad wohnte. Während mir die sommerliche Schwüle um die frisch rasierten Beine strich, wünschte ich mir, Tammi hätte mir nicht den Floh von wegen Mutter Teresa ins Ohr gesetzt. Denn ich wollte mich nicht so fühlen. So fühlen müssen.

Rasch hielt ich an, als mir mein Smartphone den Eingang einer Nachricht signalisierte. Ausgerechnet jetzt hatte Tammi auf meinem Facebook-Account ein Video geteilt. Nicoles Ein bisschen Frieden. Haha!

Bevor ich wieder anfuhr, tätschelte ich Whiskeys Köpfchen, der im Bastkorb vor dem Lenker schlummerte und mich seit der achten Klasse beim Werbeprospekte austragen begleitete. Früher hüpfte er mit seinen kurzen, flinken Beinen neben meinem Rad her, bellte mich an, wenn ich zu lange an den einzelnen Briefkästen brauchte, um die Blätter einzusortieren. Auf! Auf! Beeilung! Wenn du dich nicht sputest, verpasse ich den Schwarm Spatzen da vorne! Heutzutage verschlief er die meiste Zeit. Spatzen? Püh, mittlerweile habe ich verstanden, dass ich nicht fliegen kann – und das liegt nicht an meinem Bauch. Meine Ohren sind einfach zu klein!

Auch als ich bei Konrad daheim nahezu Sturm klingelte, zuckte er nicht einmal mit einer Wimper an seinen großen Rauhaardackelkulleräuglein. Doch die Wegeners öffneten mir weder die Tür noch rissen sie ob der Belästigung ungehalten die Fenster auf, wenngleich vom zweiten Stock aus gedämpfte Rockmusik nach unten drang. Es musste jemand zu Hause sein und mich hören! Allerdings waren sämtliche Vorhänge zugezogen sowie die Jalousien geschlossen. Vermutlich, um die Hitze und allzu neugierige Blicke auszusperren.

Überraschenderweise reagierte Konrad nach einer gefühlten Ewigkeit doch noch. Etwas unwillig zwar, aber letztendlich stand er mit verstrubbelten Haaren und im Schlafanzug (trug er den nach wie vor oder bereits wieder?) vor mir. Die Haustür hatte er einen Spaltbreit geöffnet. Bevor er mich mit einem schlichten »Hey« begrüßte, musste er sich mehrmals räuspern.

Ich sah nur eine Hälfte von ihm: sein linkes Bein, seine linke Brust, seine linke Gesichtshälfte. Mit den geschwollenen Augen und dem Abdruck der Bettwäsche auf der geröteten Wange wirkte er kränklich und übermüdet.

»Arendt. Sophie Arendt. Gerührt, nicht geschüttelt, oder so ähnlich«, half ich ihm auf die Sprünge, obwohl er meinen Namen kennen müsste. Schließlich gingen wir seit etlichen Jahren auf die gleiche Schule. Zu allem Überfluss reichte ich ihm die Hand, die er lediglich verdattert anstarrte. Rasch und hoffentlich beiläufig zog ich sie zurück und wischte mir den Schweiß von der Stirn. »Wir sind beim Sommerfest in der Schule für den Waffelstand zuständig. Du und ich«, sprudelte ich los. »Wir waren beide am selben Tag krank, weshalb wir dafür eingetragen worden sind.« Ich zuckte mit den Schultern, um ihm zu signalisieren, dass ich vorgeblich nicht viel Wert darauf legte. »Na ja, also hier bin ich. Außerdem haben wir einiges zu organisieren, Plakate malen und so weiter.«

Konrad fuhr sich durch die Haare und rieb sich das Gesicht. Meine Güte, bei Romanfiguren wirkte das um etliches reizvoller als bei dieser halben Portion im blau gestreiften Pyjama und mit ausgetretenen Pantoffeln an den Flossen.

Er hustete einige Male, bevor er reagieren konnte – okay, ehe ich ihn zu Wort kommen ließ. Denn vor lauter Nervosität brabbelte ich wie wild drauflos: »Normalerweise mache ich das nicht, einfach bei Fremden reinschneien, Sturm klingeln und so weiter, aber ich kam gerade zufällig vorbei.« Ich deutete auf mein Rad, den dösenden Whiskey und auf die Taschen voller bunter Werbeblätter und kratzte mich an der Nase, weil ich ein wenig flunkerte. »Da dachte ich mir, ich nutze die Gelegenheit. Du scheinst nicht gesund zu sein. Ich müsste jedoch allmählich wissen, ob ich den Waffelstand allein stemmen muss, oder ob …«

»Ja, ist okay. Wir können das gemeinsam machen. Am Freitag gleich nach der Schule treffen wir uns.«

Warum erst am Freitag?

Konrad verkroch sich bereits hinter der Eingangstür, aber ich ließ nicht locker und beharrte auf eine genaue Uhrzeit und einen Treffpunkt. Andauernd blickte er über seine Schulter hinweg ins Hausinnere und zog millimeterweise die Tür zu, in der Hoffnung, ich würde das nicht bemerken. Doch ich redete beständig weiter und eröffnete ihm, welche Ideen ich für die Plakate hatte und welche Rezepte und Beilagen ich ausprobieren wollte. Vorbei war mein fadenscheiniges Gerüst aus Desinteresse und Belanglosigkeit. Es fehlte nur noch, dass ich den Fuß in die Tür schob, um mich nicht vollends durch seine Unhöflichkeit abwimmeln zu lassen.

Und Konrad? Der nickte und sagte zu allem Ja und Amen. Hauptsache, ich würde so schnell wie möglich verschwinden und ihn in Ruhe lassen, was ich schließlich auch tat.


Ich umgriff den Lenker und stieg in die Pedale. Den famosen, Herz berührenden, nach wie vor topaktuellen Song von Tammi in einem Ohr, das Zwitschern der Amseln, das Röhren der Rasenmäher und den Autolärm (viel Umtrieb herrschte bei uns eh nicht) im anderen.

Immer wieder musste ich an Konrad in seinem zerknitterten Schlafanzug denken, an seinen nervösen Blick, seine blonden Haare, die ihm in die Augen fielen, an die unzähligen Tage, die er in der Schule gefehlt hatte.

Er ließ mich nur eine Hälfte von ihm sehen.

2

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Little Lies

Fleetwood Mac

Sophie

»Ich geh schon mal vor«, rief ich Konrad nach der Deutschstunde zu.

Ich kann gar nicht sagen, wie erleichtert ich war, als er tatsächlich zum Unterricht erschienen war. Zwar verspätet, aber immerhin. Und ausnahmsweise ging es mir nicht darum, mit dem Waffelstand bei Herrn Schütz Eindruck zu schinden.

Unser Lehrer musste ihn sich natürlich nach Unterrichtsschluss auf der Stelle krallen und zu sich an das Pult beordern. Dabei war ich doch an der Reihe, und Schütz hatte bereits seine vollen neunzig Minuten gehabt!

Mir schwante nichts Gutes. Konrad sicherlich ebenso wenig. Seine Stirn war genauso zerknittert wie sein Shirt, auf dem Marge Simpson unter Haarausfall und Gesichtsverätzungen litt, weil der gummierte Aufdruck abblätterte. Er schob sich die schwarze Nerd-Brille auf der Nase zurecht und nickte mir stumm zu. Wäre ich eine Löwin, hätte ich seinen Angstschweiß riechen können.

Aus dem Automaten im schäbigsten aller Aufenthaltsräume holte ich mir eine kühle Limo und kehrte wenig später zurück. Die Tür zu unserem Kursraum stand einen Spaltbreit offen und leise Stimmen waren zu hören. Folglich redete Schütz weiterhin mit Konrad. Ich ließ mich auf den Boden sinken und öffnete die Flasche. Da die Türen, die zu den umliegenden Schulräumen führten, geschlossen waren, spendeten lediglich die grellen Neonröhren an den Decken Licht. Es roch nach staubigen Landkarten, muffigen Schwämmen und feuchter Kreide. Die kalten Fliesen klebten augenblicklich an meinen nackten Beinen. Aus meiner Schultasche, einem Ungetüm aus fliegenpilzroter Lkw-Plane, zog ich das Notizbuch mit den Ideen für die Plakate und Rezepte heraus. Während ich mich bemühte, mich auf die Aufzeichnungen zu konzentrieren, kam ich nicht umhin, auf die abwechselnd ärgerlich und beschwichtigend klingenden Stimmen aus dem Kurszimmer zu horchen und die Wortfetzen zu entschlüsseln. Meine Ohren entwickelten ein Eigenleben. Die von Mutter Teresa hätten das gewiss nicht getan. An der Wand gelauscht. Ihre Ohren hatten züchtig unter einer Kopfbedeckung aus einhundert Prozent Biobaumwolle gesteckt.

Ich sollte unbedingt mit diesen Engel der Armen-Gedankenspielen aufhören, sonst landete ich nach der Schule in Kalkutta oder in einem Kibbuz als selig lächelnde Pfirsichpflückerin.

»Nur, weil das Schuljahr beinahe zu Ende ist und du auf Biegen und Brechen meinen Kurs bestanden hast – wie auch die restlichen Kurse im Übrigen –, bedeutet das nicht …«

Den Rest konnte ich nicht verstehen, da eine Handvoll Jugendlicher laut lachend und scherzend an mir vorüberging. Ich funkelte sie an, schickte ihnen Laserblitze hinterher und steckte danach meine Nase in die Notizen. Abermals versuchte ich, das Gespräch zwischen Schüler und Lehrer zu verfolgen.

»Ich kann doch nichts dafür, dass ich krank bin, chronisch krank, Herr Schütz.« Klang seine Stimme weinerlich? Nein, oder?

Dann hörte ich, wie jemand in einem Buch, einem Notizbuch oder gar im Klassenbuch, blätterte.

»Zehn Fehltage allein im letzten Monat, Konrad. Das können wir nicht länger ignorieren.«

»Ich war immer entschuldigt.«

»Ja, weil ihr euch mit achtzehn selbst eure Entschuldigungen schreiben könnt.«

Chronisch krank … die beiden Wörter schwirrten in meinem Kopf umher, sodass ich die Unterredung nicht weiter beachtete. Was mochte das bedeuten? Eine Krankheit nach der anderen flackerte vor meinen Augen auf, wie die den Geist aufgebende Neonröhre über mir. Ein Herzleiden? Krebs? Leukämie? Ich schluckte, denn ausgerechnet jetzt musste ich ihm mit dem Schulfest auf die Nerven gehen, wo er vielleicht unter den Nebenwirkungen einer Chemotherapie litt oder auf eine neue Niere wartete? Unter Umständen auf ein Spenderherz?

Was tat ich hier bloß? Ich belauschte eine vertrauliche Aussprache, die nicht für meine Ohren bestimmt war. Ich war im Begriff aufzustehen und zu verschwinden, aber ich blieb sitzen, den Kopf an den bröckeligen Rauputz hinter mir gelehnt.

Warte!

  1. Konrad nimmt am Sportunterricht teil.
  2. Er schreibt sich die Entschuldigungen selbst.
  3. Wäre er chronisch krank, würde nicht ein Arzt ein Attest ausstellen?
  4. Die Lehrer wüssten doch Bescheid, oder?
  5. Hätten nicht die wahren Mutter Teresas dieser Schule irgendwelche Aktionen für ihn ins Leben gerufen? Eine Niere für Konrad – sei dabei!
  6. Er trägt bereits seit drei Tagen das gleiche Shirt. Bei dem Wetter?
  7. Wenn er todkrank wäre, würde seine Mutter sich nicht mehr um ihn kümmern? Seine Kleidung waschen und bügeln?
  8. Wenn er tatsächlich unheilbar krank wäre, warum besucht er dann überhaupt noch den Unterricht?

Nein, er konnte dieser Liste zufolge unmöglich todkrank sein. Unmöglich.

Und wenn, musste er so lange durchhalten, bis wir die Sache mit dem Waffelstand als erledigt betrachten konnten. Auf die paar Tage kam es nicht mehr an. Ich hatte schlichtweg keine Lust, den Stand ohne Mithilfe zu organisieren und zu betreuen.

Nachdem ich Stühle über den Linoleumboden kratzen gehört und daraufhin meine Sachen in aller Eile zusammengeklaubt hatte, sprang ich rasch auf. Ich ging ein paar Schritte rückwärts und tat so, als ob ich eben erst gekommen wäre, während die beiden aus dem Schulraum heraustraten.

Herrn Schütz’ Locken hingen traurig hinab und wirkten reichlich zerzaust. Wenn ich mir die sich anbahnenden Geheimratsecken anschaute, wurde mir klar, dass er früher oder später das Haare raufen oder den Lehrerberuf aufgeben musste, falls er nicht bald gänzlich oben ohne dastehen wollte. Auf den Gläsern seiner Nickelbrille hafteten unzählige Fingerabdrücke, die sicherlich vom vielen Zurechtrücken der Brille –  weil er so besorgt und gleichzeitig verärgert war – herrührten.

In jener Sekunde wurde ich mir bewusst, dass ich Konrad bisher keines einzigen Blickes gewürdigt hatte, obwohl er vor dem Vertrauenslehrer in den Flur getreten war. Auch jetzt konnte ich ihn nicht ansehen. Stattdessen setzte ich ein süßes, unschuldiges Lächeln auf, mein himbeerroter Lippenstift tat sein Übriges, und meinte: »Ah, da bist du ja. Dann können wir gleich mit den Vorbereitungen für das Schulfest beginnen!«

Konrad schaute auf den Boden, Herr Schütz stieß erleichtert Luft aus, einem Bus ähnlich, der an der Haltestelle stoppte, die Schüler ausspuckte und seine Pflicht erfüllend wieder losfuhr. Ich guckte mir die Risse an der schmutzig weißen Wand über ihren Köpfen an.

»Ah, ich hatte ganz vergessen, dass ich … dass das Schicksal euch in ein Team gesteckt hat. Dann kann Sophie ein wenig die Peitsche schwingen.« Als er seinen Fauxpas bemerkte, räusperte er sich schnell und murmelte etwas von einer Tasche mit verderblichen Nahrungsmitteln, die er im Klassenraum vergessen hatte, und schwirrte ab.

Unschlüssig standen wir uns gegenüber. Konrads Blick haftete an meinem Rock. Rautenmuster in Orange-, Grün- und Weißtönen. Dazu gelbe Stoffturnschuhe und ein weißes Tanktop. Sanne meinte morgens bei einem seltenen gemeinsamen Frühstück – sie als Krankenschwester im Kreiskrankenhaus verließ zu noch unwirtlicheren Zeiten das Haus als ich arme Schülerin –, ich sehe aus, als ob ich die Küchenschürze einer Oma zu einem Rock zusammengenäht hätte. Sie schüttelte den Kopf, lächelte sanft, verzichtete jedoch auf weitere Einwände.

Oma Ursel würde sich bedanken! Nie im Leben trüge sie eine Schürze. Höchstens ohne etwas darunter, wenn sie einen neuen Freund bezirzen wollte. Puh, augenblicklich wurde mir schwindelig bei dem Gedanken  … und diesem Bild vor Augen.

»Was ist? Löst das Muster bei dir etwa epileptische Anfälle aus?«, entfuhr es mir. Ups. Kaum hatte ich sie ausgesprochen, bereute ich meine Worte. Was, wenn ich genau damit ins Schwarze getroffen hatte?

Konrad erwiderte nichts und so gingen wir gemeinsam, aber schweigend durch die leeren Korridore bis zum Aufenthaltsraum der Oberstufe. Freitagnachmittag waren die meisten Schüler bereits verschwunden, nur die aus der Schach-AG, dem Chemie-Club und der Schauspielgruppe verließen das Gebäude nicht einmal Richtung Wochenende gerne. Den Weg dorthin summte ich den Refrain von Little Lies, welches ich beim Frühstücken im Radio gehört hatte, vor mich hin. Keine Ahnung, warum mir das ausgerechnet jetzt in den Sinn kam.

Trotz allem musste ich grinsen, und mir war es gleich, ob Konrad ebenfalls danach zumute war oder nicht. Ich fühlte mich wie die Löwin, die die Angst der verletzten Antilope roch.

3

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A beautiful Lie

Thirty Seconds to Mars

Konrad

Es machte mich nervös, dass Sophie fortwährend diesen uralten Song pfiff und summte.

Ob sie etwas von meinem Gespräch mit Herrn Schütz mitbekommen hatte? Sie tat zumindest sehr unschuldig – zu unschuldig – und beschäftigte sich mit einer nahezu besessenen und ekelhaft anmutenden Eifrigkeit mit dem Schulfest.

Sie vermutete mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, ich könnte chronisch krank sein. Nun ja, es stimmte. Beinahe. Ich war nicht gesund. Es gab nur noch keine Diagnose. Auf die verzichtete ich nämlich gerne. Wozu benötigte man einen Arzt, wenn man sich darüber klar war, dass man krank ist? Wenn man befürchtete, dass er keine Linderung verschaffte? Genauso wenig wie bei meiner Mutter. Sie wollte sich längst nicht mehr helfen lassen. Ich hatte es ebenfalls aufgegeben und war alles andere als ein guter Sohn. Bei meiner kleinen Flunkerei musste ich also keinerlei schlechtes Gewissen hegen.

»Ja, Waffeln mit roter Grütze und Sahne ist eine prima Idee«, entgegnete ich gedankenverloren, selbst wenn mir dabei das Wasser im Mund zusammenlief.

Wir saßen mittlerweile im Aufenthaltsraum auf einem dieser ausrangierten Sofas, die Eltern bereitgestellt hatten, um sich mit dem alten Mobiliar den Gang zum Sperrmüll zu sparen. Jedes Mal, wenn ich darauf Platz nahm, überkam mich das Gefühl, dass sich die Füllung bewegte. Vor den großen Fenstern standen Gummibäume und Kakteen, die auch abgeschoben worden waren. Alles unter dem Deckmäntelchen, dass es an der Schule gemütlicher werden sollte. Die Sonne schien unnachgiebig und ließ den Asphalt flirren. Jeden anderen lockte sie ins Freibad. Nur mich nicht. Und Sophie ebenso wenig.

Sie hatte die Beine übereinandergeschlagen und auf ihren Knien balancierte sie ein Notizbuch, auf dessen Deckel ein glitzernder Pegasus, ein Regenbogen sowie Grinsewolken klebten. Unaufhörlich notierte sie darin Bemerkungen und biss auf dem Stift herum – oder summte das lästige Lied.

Sophie war eines dieser verdammt gut gelaunten Mädchen, das sich besonders cool fand, auch noch als Teenager mit Hello Kitty-Spangen und geringelten Strumpfhosen herumzulaufen. Oder in Klamotten, die einem Schwarz-Weiß-Film entsprungen sein könnten. Als ob sich Doris Day und Ernie und Bert in der Grabbelkiste auf dem Flohmarkt in die Haare gekriegt hätten.

Und dann ihre überhebliche Art. Wie sie über allem und jedem stand. Nein, nicht stand. Schwebte! Mit Sicherheit war ihr kein aktueller Actionfilm gut genug, auf Schulpartys tauchte sie niemals auf und im Unterricht machte sie einen auf Lehrers Liebling, sodass selbst die Pauker die Augen verdrehten. Bestimmt beherbergte sie hinter ihrer Saubermann-Fassade und ihren fiesen sarkastischen Sprüchen auch das eine oder andere Geheimnis. Die Flecken auf ihrer weißen Weste bestanden mit Gewissheit nicht nur aus Polka Dots!

Ausgerechnet mit ihr musste ich dieses Schulprojekt durchstehen! Na ja, selbst schuld. Wäre ich am Tag der Einteilung nicht »krank« gewesen, hätte ich mir meinen Teampartner aussuchen können. Aber wer arbeitete heutzutage gerne mit mir zusammen, nachdem ich jeden von mir gestoßen hatte? Sogar Viola.

Am besten, ich sagte wieder zu allem Ja und Amen, dann würde diese naseweise Sophie schon bald das Interesse an mir verlieren. Wenn sie die Herrschaft über den Waffelstand übernehmen durfte und ich ihren Packesel spielte, ließ sie mich hoffentlich in Ruhe und endlich den Scanner-Blick, der wie unabsichtlich über meinen Körper glitt, sein. Zwischendurch durchbohrten ihre Blicke mich wie Röntgenstrahlen, wenn sie dachte, ich würde nicht hinsehen. Ihre Fragen und Andeutungen hatten etwas von einem Ultraschallgerät. Wann probieren wir die verschiedenen Sorten aus? Woher besorgen wir uns die Waffeleisen? Wo und wann malen wir die Plakate?

Ganz normale Fragen – eigentlich. Aber ich wurde das Gefühl nicht los, dass sie damit etwas bezweckte.

»Ich beschaffe uns die Waffeleisen und ein oder zwei Geräte, um französische Crêpes zu machen. Okay?« Ich schnappte nach meiner Tasche. »Wir sehen uns dann!« Bevor sie ihre bunten Stifte und den Radiergummi mit Smiley-Motiv zusammenpacken konnte, sprang ich auf und hetzte auf den Ausgang zu. Im Lauf tat ich so, als schielte ich auf die Uhr und meinte: »Mein Bus fährt in vier Minuten. Ich muss los.«

Sie wusste genauso gut wie ich, dass ich nicht den Bus erwischen musste, sondern mit dem Rad nach Hause fuhr. Es war billiger, auch wenn mich die tägliche neun Kilometer lange Strecke von Treutlingen bis in den Vorort, in dem Sophie und ich wohnten, nervte.

In jener Sekunde wurde uns beiden bewusst, dass ich sie nicht so schnell loswerden würde.