Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. 1. Kapitel
  8. 2. Kapitel
  9. 3. Kapitel
  10. 4. Kapitel
  11. 5. Kapitel
  12. 6. Kapitel
  13. 7. Kapitel
  14. 8. Kapitel
  15. 9. Kapitel
  16. 10. Kapitel
  17. 11. Kapitel
  18. 12. Kapitel
  19. 13. Kapitel
  20. 14. Kapitel
  21. 15. Kapitel
  22. 16. Kapitel
  23. 17. Kapitel
  24. 18. Kapitel
  25. 19. Kapitel
  26. 20. Kapitel
  27. 21. Kapitel
  28. 22. Kapitel

Sandra Hill

DER KUSS
DES
WIKINGERS

Aus dem amerikanischen Englisch von
Ulrike Moreno

beHEARTBEAT

 

Dieses Buch widme ich liebevoll der Quelle allen Humors in meinem Leben: meinem Ehemann Robert.

Nachdem ich mehr als dreißig humorvolle historische Liebesromane geschrieben hatte, musste ich zugeben, dass ich kein weiteres Fünkchen Humor mehr besaß.

Wenigstens nicht, bis ich Robert traf, der damals ein professioneller Softball-Spieler war (im Ernst!).

Er bringt mich sogar in diesen düsteren Zeiten der Finanzkrise zum Lachen, obwohl er ein Börsenmakler ist. Muss ich noch mehr sagen?

Vor vielen Jahren, als ich ein sehr sexy und romantisches Cover mit den attraktiven und lediglich mit einem Seidentuch bekleideten Models John D'Salvo und Cindy Guyer abgegriffen hatte, wollte Robert das Kunstwerk vergrößert und gerahmt in sein Büro hängen. Er hatte vor, darunter eine Tafel mit den folgenden Worten anzubringen: »Sie verlor ihre Bluse an der Börse, aber sieht sie so aus, als würde es ihr etwas ausmachen?«

Man muss einen Mann mit Humor einfach lieben.

1. Kapitel

Northumbria,

Anno Domini 965

Gott bewahre uns vor dem Zorn der Wikinger … oder besser gesagt, der Wikingerinnen …

»Ist er schon tot?«

Breanne stellte diese Frage, bevor sie sich im Schlafgemach des Earls nach ihren vier Schwestern umschaute. Als Töchter des wikingischen Königs Thorwald von Stoneheim hatte wie üblich jede ihre eigene Meinung, mit der sie auch jetzt nicht hinter dem Berg hielt.

»Beim Heiligen Thor! Woher soll ich das wissen?«

»Wir werden nie Ehemänner finden, wenn wir weiter Männer umbringen.«

»Das ist der erste, den wir getötet haben, du dumme Gans.«

»Woher soll ich das denn wissen? Das habt schließlich ihr anderen ohne viel Federlesen erledigt.«

»Wir anderen? Ha! Für diesen … unglücklichen Zufall sind wir alle verantwortlich.«

»Zufall?«

»Mögen die Götter uns beistehen! Wir werden alle noch am Galgen enden.«

»Oder gevierteilt werden.«

»Oder geköpft.«

»Ich für mein Teil fühle mich nicht schuldig. Kein bisschen. Er war ein Ungeheuer.«

»Was ist dieses grünliche Zeug, das aus seiner Nase läuft?«

»Rotz, du Schwachkopf.«

»Oh. Bist du sicher? Es könnte ja auch sein Hirn sein, was da aus ihm heraussickert.«

»Igitt!«

»Das Gehirn kann nicht heraussickern. Oder doch?«

»Irgendetwas stinkt hier. Glaubt ihr, er hat sich in die Hose gemacht?«

»Mit Sicherheit. Oh, guckt mal! Ich habe noch nie im Leben so viel Blut

gesehen.«

»Kopfwunden bluten nun mal sehr stark. Wusstest du das nicht?«

»Vielleicht lebt er noch. Eine von uns sollte nachsehen.«

»Ich nicht! Ich kriege in der Nähe von Toten Ausschlag.«

»Und ich fasse ihn bestimmt nicht an.«

»Ich auch nicht!«

»Allein schon der Gedanke daran macht mich krank.«

»Und ich könnte eine Leiche nicht von einem gesalzenen Hering unterscheiden.« Nervöses Gelächter folgte dieser Bemerkung.

Dann verstummten alle und starrten auf den reglos daliegenden Oswald, Earl von Havenshire. Alle bis auf eine von Breannes Schwestern, die leise weinend auf einem Stuhl kauerte und sich ihren vermutlich gebrochenen Arm hielt. Wegen ihrer weißblonden Haare wurde sie oft Vana die Weiße genannt. Und diesen Namen trug sie heute mehr denn je zu Recht, denn auch ihr Gesicht war kreidebleich. Dunkel hoben sich der Bluterguss unter ihrem Auge und ihre aufgeplatzte Lippe von der Blässe ab. Die alten und neuen Würgemale an ihrem Hals schimmerten schwarz, blau und gelb. Vana war die Gemahlin Oswalds … der soeben diese Welt verlassen hatte.

Starr vor Wut richtete Breanne sich auf. Mit Freuden würde sie diesen Rohling gleich noch einmal töten - für das, was er ihrer sanftmütigen Schwester angetan hatte. Sie vermochte sich kaum vorzustellen, welch Albtraum Vanas einjährige Ehe gewesen sein musste. Wären sie doch nur eher aus dem Nordland aufgebrochen, um ihre Schwester in deren neuem Zuhause in Northumbria zu besuchen!

Ein leises Klopfen ertönte an der Tür.

Die Frauen schraken zusammen.

Sie mussten die Leiche loswerden, aber Breanne hatte keine Ahnung, wie sie das bewerkstelligen sollten. Die Burg war voll von Bewaffneten und Bediensteten, die dem brutalen Edelmann ohne Ausnahme treu ergeben waren. Und jetzt war es zu spät, schien es.

Breanne stand auf und bedeutete Vana, an die Tür zu gehen. Trotz ihrer schlechten Verfassung würde sie das tun müssen. Tapfer rappelte sich Vana auf und hinkte zu der geschlossenen Tür. »Wer ist da?«

»Rashid. Lasst mich herein.«

Fünf Schulterpaare sackten vor Erleichterung herab. Rashid war der Gehilfe Adams des Heilers, der nicht nur Arzt, sondern auch Tyras Ehemann war. Tyra - sie war erstaunlich groß für eine Frau und als einstige Kriegerin auch sehr, sehr stark - schnaubte empört, riss die Tür auf, zog Rashid am Arm ins Zimmer und schlug die Tür schnell wieder zu.

Breanne war geistesgegenwärtig genug, sie hinter Rashid zu verriegeln.

»Was tust du hier? Verfolgst du mich etwa?«, fragte Tyra und stemmte die Hände in die Hüften.

»Allah sei gepriesen, ich freue mich auch, Euch zu sehen, Tyra.« Rashids Englisch wurde von einem starken Akzent geprägt, und sogar nach all den Jahren trug er den traditionellen arabischen Burnus über der englischen Tunika und den Beinlingen. »Euer Gemahl bat mich, Euch zu folgen und zu sehen, was Ihr im Schilde führtet … ich meine, um Euch zu beschützen, für den Fall, dass …« Rashid griff sich ans Herz, als er den prachtvoll gekleideten Mann in einer Blutlache auf dem Steinfußboden liegen sah. »Bei Allah und seinem Propheten! Was habt Ihr getan?«

»Wir haben diesen infamen Schuft dabei erwischt, wie er unsere Schwester mit den Fäusten und einer Peitsche schlug«, erklärte Tyra. »Ich habe seine Peitsche zerbrochen, woraufhin er mit einem Messer auf mich losgegangen ist. Ich habe es gegen ihn eingesetzt.«

Alle schauten auf das Messer, das immer noch im Bauch des Mannes steckte. Einige der Schwestern weinten.

Bei Thor und allen Göttern! Nicht schon wieder dieses Geflenne! Breanne stellte sich zwischen Tyra und Rashid. »Es war nicht nur Tyra. Wir alle waren daran beteiligt. Ich habe ihm einen Schürhaken über den Kopf geschlagen, als Tyras Messerklinge ihn nicht gleich niederstreckte.«

»Und ich habe ihn getreten, als er am Boden lag«, gestand Ingrith, deren blaue Augen zornig funkelten. Sie schüttelte so heftig den Kopf, dass sich einige Haarsträhnen aus ihren langen blonden Zöpfen lösten.

»Getreten habe ich ihn auch. Gegen den Kopf. Um ganz sicher zu sein, dass er wirklich tot ist.« Drifa unterbrach sich. »Das ist er doch, oder?«

Rashid ließ sich auf ein Knie nieder und legte die Fingerspitzen an den Hals des Earls. »Tot wie eine Fliege auf der Zunge einer Kobra.«

Rashid hatte eine sehr blumige Ausdrucksweise, und er benutzte besonders gern Sprichwörter. Auch jetzt, während er sich aufrichtete und sich angewidert die Hand an seinem Gewand abwischte, gab er eines davon zum Besten. »Der Tod ist ein schwarzes Kamel, das sich vor allen Türen niederlegt. Früher oder später muss jeder Mensch dieses Kamel reiten. Wie der Earl.«

»Allerdings stecken wir in großen Schwierigkeiten, seit wir dieses Kamel hergebracht haben. Oswald ist Mitglied des Witans, des Königlichen Rats, und er hat Freunde in hohen Ämtern«, stellte Breanne klar.

»Aber Ihr hattet gute Gründe für Euer Tun«, sagte Rashid. »Die Männer des Rates müssen sich doch nur ansehen, wie übel Lady Vana zugerichtet worden ist, um zu verstehen, wie es dazu gekommen ist.«

»Das bedeutet nichts.« Vana überraschte alle mit ihrem Einwand und der Heftigkeit, mit der sie sprach. »Glaubt ihr, das kümmert sie? Seine Waffenbrüder und seine Bediensteten, seine Freunde und seine Feinde wussten alle nur zu gut, dass der kleinste Anlass genügte, Oswalds Jähzorn zu wecken. Er warf mir vor, ihm keinen Sohn geschenkt zu haben, und ihm war jeder Vorwand recht, seine Fäuste oder seine Peitsche zu gebrauchen. Ein verschwundener Kamm. Eine zerbrochene Schüssel. Mein monatliches Unwohlsein.«

»Trotzdem«, wandte Rashid ein. »Es gibt schließlich Gesetze.«

Die Frauen schüttelten den Kopf. Der Wert einer Frau überstieg kaum den einer Kuh und galt als geringer als der eines Pferdes.

»Nun, dann sollten wir uns beeilen, die Leiche zu beseitigen«, erklärte Rashid mit einer resignierten Handbewegung.

Endlich benutzt jemand seinen Kopf zum Denken, statt zum Tränenvergießen.

»Wie sollen wir denn das tun? Und wo könnten wir die Leiche verstecken?«, fragte Ingrith, die in Tränen aufgelöst war.

»Das ist völlig unmöglich«, sagte Drifa. »Wir sind verloren.« Auch sie weinte jetzt.

»Schwieriges lässt sich sofort erledigen, aber das Unmögliche dauert auch nur ein bisschen länger«, proklamierte Rashid.

»Willst du damit sagen, dass wir diesen … Unfall doch vertuschen können?« Tyra sah den guten Freund ihres Ehemannes flehend an.

»Steht nicht im Regen und bittet Allah um einen Hut. Allah hilft jenen, die sich selber helfen.«

Die vier Schwestern sahen Breanne fragend an.

Obwohl Tyra die Älteste von ihnen war, wurde stets von Breanne erwartet, dass sie die Dinge in die Hand nahm. »Eines steht fest … wir brauchen einen Plan. Rashid, nimm einen der Bettvorhänge ab, damit wir den Leichnam darin einwickeln können. Ingrith, du holst Tücher aus der Truhe und wischst das Blut auf. Drifa, du nimmst die Kanne und die Waschschüssel und versuchst, die Flecken auf dem Boden zu entfernen.«

Während ihre Schwestern beschäftigt waren, öffnete Breanne vorsichtig die Tür, um zu sehen, ob sich Wachen auf dem Gang befanden. Aber sie entdeckte niemanden. Es war später Abend, schon lange nach dem Essen. Lachen und Stimmengewirr drangen aus dem großen Saal herauf, wo die Männer zechten oder sich mit jeder Magd vergnügten, ob willig oder nicht, die sie in ihre dreckigen Finger bekommen konnten. Wahrscheinlich dachten alle, dass Oswald in seinem Schlafgemach das Gleiche tat. Über die Schwestern ihrer Herrin wussten die Burgbewohner nur, dass sie gleich nach der Ankunft in ihre Zimmer in einem anderen Stockwerk geführt worden waren, und ihre Schwester erst morgen früh begrüßen würden.

»Wir könnten Oswald in die Truhe legen«, schlug Ingrith vor.

»Er ist zu groß«, erklärte Vana und verzog angewidert die Oberlippe, da sie sicherlich schon viel zu viele Male unter seiner ›Größe‹ hatte leiden müssen.

Doch Ingrith hielt an ihrer Idee fest. »Wir könnten ihn ganz fest hineinquetschen.«

»Hineinquetschen? Ein Körper lässt sich nicht wie eine Decke falten. Oder doch?« Drifa schürzte nachdenklich die Lippen. »Oh! Vielleicht wird er im Tod ja biegsamer.«

Breanne verdrehte die Augen. »Angenommen, wir könnten die Leiche in der Truhe unterbringen, wo sollten wir sie dann verstecken, damit sie nie gefunden würde?«

»Wir könnten sie verbrennen«, schlug Ingrith vor.

Breanne schüttelte den Kopf. »Ein Feuer würde zu viel Aufmerksamkeit erregen. Und es würde riechen … glaube ich.«

»Was ist mit dem Fluss?«, warf Drifa ein.

Wieder schüttelte Breanne den Kopf. »Leichen treiben irgendwann wieder an die Oberfläche, und wenn sie noch so stark beschwert sind.«

»Ich habe eine Idee«, sagte Vana fast heiter. Man musste ihr hoch anrechnen, dass sie noch imstande war zu lächeln. »Wir begraben ihn unter dem Aborterker!«

Alle lachten.

»Wie passend! Oswald war schon immer ein Stück …« Die zur Derbheit neigende Ingrith lachte über ihren eigenen Scherz.

»Nein, Schwestern, ich meine es ernst«, sagte Vana. »An der hinteren Seite der Burg wird gerade ein neuer Abtritt gebaut. Die Grube wurde schon ausgehoben und wird jetzt noch mit Steinen ausgelegt.«

»Aaah! Wir werfen Oswalds Leiche in das Loch und bedecken sie mit Steinen.« Breanne musste zugeben, dass die Idee etwas für sich hatte.

»Niemand wird in diese Grube hinuntersteigen, auch nicht, solange sie noch … unbenutzt ist«, erklärte Vana. »Dazu ist sie viel zu tief.«

»Also ab mit ihm in die Kloake.« Breanne sah die anderen fragend an. »Aber was sagen wir, wenn Oswalds Männer wissen wollen, wo er ist?«

Rashid sah Tyra an und strich sich nachdenklich den Schnurrbart. »Tyra, Ihr habt in etwa Oswalds Größe. Vielleicht könntet Ihr seine Kleidung anlegen.«

»Und darüber den pelzgefütterten Umhang mit der Kapuze, den er immer getragen hat«, fügte Vana hinzu. »Und dann gehst du die Hintertreppe hinunter zur Spülküche.«

»Irgendwie müsst Ihr es schaffen, ein Pferd zu satteln und die Burg zu verlassen. Und dabei solltet Ihr von den Wachposten gesehen werden - aber nur von Weitem, damit sie Euch für Oswald halten«, erklärte Rashid.

»Einverstanden«, sagte Tyra. »Aber jemand muss den Pferdeknecht ablenken, der die Stallwache hat.«

»Das kann ich tun«, erbot sich Drifa. Die halb arabische, halb wikingische Drifa war eine zierliche, gut gebaute Frau mit rabenschwarzem Haar und mandelförmigen Augen, und die Männer fanden sie äußerst reizvoll.

»Die Wachen werden nichts Verdächtiges daran finden, dass Oswald noch so spät die Burg verlässt. Er hat eine Mätresse in Whitby. Wenn er sie besucht, bleibt er oft über Nacht bei ihr. Oder sogar noch länger, wenn er besonders lüstern ist.« Vana sah nicht im Mindesten verärgert aus, als sie diese Information preisgab, da seine Mätresse ihr immerhin einige seiner obszönen Aufmerksamkeiten erspart hatte.

»Aber spätestens übermorgen wird sein reiterloses Pferd nach Havenshire zurückkehren, und dann werden erste Gerüchte auftauchen, dass ihm etwas zugestoßen ist. Dass er vielleicht von Straßenräubern überfallen und getötet wurde.« Breanne dachte einen Moment nach. »Unser Plan könnte gelingen, solange wir alle hierbleiben, um Vana zu unterstützen, und wenn wir mit gebührender Bestürzung und Trauer auf die Nachricht reagieren. Wir dürfen nicht in Panik geraten, wenn jemand nach dem Earl fragt, und wir dürfen nichts tun, was Verdacht erregen könnte.«

»Und wie sollen wir die Truhe zur Abtrittgrube schaffen?«, wollte Drifa wissen.

»Die beiden Männer, die Vater uns zum Schutz mitgegeben hat, sind unten im großen Saal und liefern sich böse Blickduelle mit Oswalds Männern. Sie können das erledigen, falls sie noch nicht zu tief ins Glas geschaut haben«, schlug Ingrith vor. »Wenn noch ein einziger dieser Havenshirer Tölpel behauptet, den Wikingern fehle es an Kampfesmut, können wir uns auf einen Krieg unten im Saal gefasst machen.«

Nun, das würde für Ablenkung sorgen. »Nein! Unsere Männer dürfen nicht darin verwickelt werden«, widersprach Breanne entschieden. »Je weniger Leute von der Sache wissen, desto besser.«

»Egal!«, sagte Rashid. »Ingrith, Ihr haltet Wache in der Spülküche. Drifa steigt zu den Wehrgängen hinauf, um die Wachen abzulenken. Ich, Tyra und Breanne werden die Truhe die Hintertreppe hinuntertragen, durch die Spülküche und zur Abortgrube.« Rashid sah jede der Frauen mit erhobenen Augenbrauen an.

Wie er es sagte, hörte sich alles ganz einfach an. Aber Breanne wusste, dass es nicht so sein würde.

Trotzdem nickten alle.

Schweigen breitete sich im Zimmer aus, als sie an die schier unmögliche Aufgabe dachten, die vor ihnen lag.

Warum bringen meine Schwestern und ich uns nur immer in die unglaublichsten Schwierigkeiten?

»Vielleicht sollten wir beten?«, schlug Vana mit unsicherer Stimme vor.

»Zu welchem Gott?«, schnaubte Ingrith.

Das war eine gute Frage. Viele Wikinger hingen sowohl dem christlichen wie auch dem heidnischen Glauben an, und dann war da auch noch Rashids muslimisches Erbe. Sie alle senkten für einen Moment den Kopf.

»Beten ist gut und schön«, sagte Rashid dann. »Auf Allah zu vertrauen auch, aber noch besser ist es, ein schnelles Kamel zu reiten.«

Schon wieder Kamele!

Breanne stöhnte insgeheim auf.

Und dann sagten alle wie aus einem Munde: »Auf Nimmerwiedersehen, Earl.«

2. Kapitel

Daheim, endlich wieder daheim in den Bergen …

auch wenn die Berge wohl eher Hügeln waren …

Caedmon war fast zu Hause.

Aus den sechs Wochen, die sein Dienst für den König hatte dauern sollen, waren neun lange Monate geworden, doch nun sah Caedmon endlich Larkspur wieder, das in der Ferne im Morgennebel aufragte. Sein Kettenpanzer rasselte, als Caedmon sich im Sattel aufrichtete, aber er und seine Männer waren noch zu weit entfernt, um klare Sicht über die Anhöhe zu haben.

Zwei Reiter flankierten Caedmon. Sie waren wie er Edelmänner, wenn auch ohne eigenes Land, die sich entschieden hatten, in seiner Truppe zu bleiben. Ihnen folgten vier Dutzend bewaffnete Krieger und ein Trupp von Männern, deren Dienste auf einem Kriegszug von Nutzen waren … Waffen- und Hufschmiede, Köche und Stallknechte. Letztere führten die zehn Schlachtrösser am Zügel. Die mächtigen Tiere, einschließlich Caedmons Fury, waren ihr Gewicht in Gold wert. In der Schlacht die besten Freunde eines Kriegers, waren sie für einen ruhigen Ritt jedoch zu nervös und temperamentvoll. Bei seinem Trupp befanden sich auch einige Frauen, die sich dem einen oder anderen seiner Männer angeschlossen hatten.

»Himmeldonnerwetter! Du stinkst, Caedmon«, sagte Geoffrey, sein bester Freund und Kommandant der Truppe und klopfte ihm auf die Schulter.

»Als ob ich das nicht wüsste. Ich musste mir gestern Abend fast die Nase zuhalten, um einschlafen zu können.« Er blickte nach rechts zu dem schlanken blonden Ritter, der fast zu hübsch war für einen Mann. Die Frauen umschwärmten diesen gut aussehenden jungen Mann, was dieser schamlos auszunutzen pflegte.

»Du duftest auch nicht gerade nach Rosen.« Das war Wulf, der links von Caedmon ritt und sich den Hals verrenkte, um an ihm vorbeizusehen. Wulf war das exakte Gegenteil des blonden Geoff. Ein Hüne mit schwarzem Haar, dunklen Augen und einer tiefen Narbe, die von seiner Stirn zu seinem Schnurrbart und dem bärtigen Kinn verlief, wodurch seine Oberlippe leicht aufgeworfen wirkte. Aber auch er gefiel den Frauen.

Und was Caedmon anging, so konnte auch er sich in dieser Hinsicht nicht beklagen.

»Unsere Kleider werden uns in Fetzen vom Körper fallen, wenn wir unsere Rüstung ablegen«, bemerkte er.

»Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal gebadet habe. Letzten Monat in Wessex oder davor in der Normandie?« Geoff grinste ihn mit seinen blendend weißen Zähnen an, die in krassem Gegensatz zu seinem fleckigen Lederhelm mit Nasen- und Augenschutz standen. »Ich glaube, meine Brünne hat überall auf meinem Körper ihre Abdrücke hinterlassen. Die Frauen werden das lieben. Wie die Tätowierungen, die diese schottischen Krieger tragen.«

»Du bist ein Dummkopf«, beschied ihn Wulf.

»Es gibt drei Dinge, die ich mir gleich nach unserer Ankunft in Larkspur bringen lassen werde«, klärte Caedmon sie mit einem tief empfundenen Seufzer auf. »Ein Fass kühlen Mets. Ein warmes Bad. Und ein heißes …«

»… Frauenzimmer«, beendete Geoff den Satz für ihn.

»Amen«, stimmten Caedmon und Wulf ihm lachend zu.

Die dicht hinter ihnen reitenden Männer, die das gehört hatten, lachten auch.

Caedmon schüttelte in gespielter Entrüstung den Kopf. »Eigentlich wollte ich sagen, ein heißes Feuer, um meine müden Knochen aufzuwärmen. Und dann möchte ich eine Woche lang in einem Bett mit sauberen Laken und einem weichen Kissen schlafen.«

»Kad-mon!« Geoff übertrieb die Betonung seines Namens, wie immer, wenn er sich über Caedmon lustig machte. »Vergiss das Schlafen. Ich ziehe Met, ein Bad und ein hübsches Frauchen vor. Es ist kein Kissen, worauf ich heute Nacht mein Haupt zur Ruhe legen will.«

Caedmon hatte schon Reiter mit den entsprechenden Anordnungen vorausgeschickt - bis auf die Sache mit den Frauen natürlich. Er würde einer Frau nie befehlen, ihre Beine für einen Mann zu spreizen, nicht einmal einer Unfreien. Und das schon gar nicht, nachdem er die vergangenen Monate in Gesellschaft König Edgars und dessen schmutziger Neigungen hatte verbringen müssen.

Es war schlimm genug gewesen, als Edgar und seine Leibgarde ein Kloster in Wilton Abbey gestürmt und eine der Nonnen gefangen genommen hatten. Wulfhryths Schreie waren in jener Nacht und noch vielen anderen Nächten im Lager zu hören gewesen. Für Edgar spielte es weder eine Rolle, dass Wulfhryth von edler Geburt war, noch dass sie später eine Tochter namens Eadyth zur Welt brachte. Und auch nicht, dass er mit Eneda, »der weißen Ente«, verheiratet war. Edgar war durch nichts von seinem schändlichen Verhalten abzubringen. Und er hatte sogar denjenigen seiner Männer, die seine Neigungen teilten, erlaubt, sich an den anderen Nonnen zu vergehen.

Was das Fass zum Überlaufen brachte, war, dass Edgar seinem Halbbruder Aethelwold einen Speer in den Rücken stieß, nur weil er dessen wunderschöne Frau begehrte. Das war der Tag gewesen, an dem Caedmon und seine Leute beschlossen hatten, sich von der königlichen Gesellschaft zu trennen und heimzukehren. Und wenn Edgar das nicht passte, dann sei es eben so! Bislang hatte es noch keine Konsequenzen gehabt, denn vermutlich hatte Edgar genug mit der Wut Dunstans zu tun, des Erzbischofs von Canterbury, der dem König samt dessen so übereifrigen kleinen Freund zweifelsohne eine enorme Buße auferlegen würde. Oder aber auch nicht. Denn die einzige Strafe, die er für das Vergewaltigen und Schwängern der Nonne über Edgar verhängt hatte, war, dass dieser seine Krone sieben Jahre lang nicht tragen durfte. Und die war für dessen kleinen Kopf wahrscheinlich ohnehin zu schwer gewesen.

»Nun, meine Burg steht jedenfalls noch«, stellte Caedmon fest, als sich der Nebel zu lichten begann und sie Larkspur in der Ferne sehen konnten. Ein hübscher Name für eine so karge Festung. Sie eine Burg zu nennen war eine maßlose Übertreibung, aber Caedmons kinderloser Onkel Richard Larkspur hatte sie so genannt. Nach dessen Tod vor zehn Jahren war die Festung an Caedmon gefallen.

Larkspur war eine auf einem mächtigen Hügel erbaute Feste aus Stein und Holz, die, ebenso wie der große Hof mit dem breiten Tor, das auf eine Zugbrücke hinausführte, von doppelten Palisadenmauern und Wehrgängen umgeben war. Der majestätische Holzturm der Festung ermöglichte es, das Land in allen vier Richtungen zu überwachen. Am Fuß des Hügels und noch innerhalb des Hofs befanden sich die Übungsplätze, die von Hecken, Gärten und Außengebäuden umgeben waren … Ställen, Schmieden, Schuppen für Web- und Lederarbeiten, Milchküchen, Backhaus, Brauerei, Kuh- und Hühnerställen und den Unterkünften für diejenigen seiner Männer, die nicht innerhalb der Burgmauern leben wollten. Um die äußeren Palisaden verlief ein Wassergraben.

Dahinter lagen die Hütten der Kätner und die mit Hafer und Gerste bestellten Äcker. Drinnen bot der Hof genügend Platz, um alle Dörfler im Falle eines Angriffs aufzunehmen, was nichts Ungewöhnliches in der Wildnis Northumbrias war, wo es von Banditen nur so wimmelte und zudem die Schotten aus dem Norden in die Grenzgebiete einfielen. Gleich hinter dem Dorf verlief ein schmaler, aus den Cheviot Hills kommender Fluss, der in die Nordsee mündete und im Hochsommer kaum mehr war als ein Bach, sich nach einem Unwetter aber in ein reißendes Gewässer zu verwandeln pflegte.

Northumbria, wie das Gebiet nördlich des Humber genannt wurde, war ein Land für sich. Den Briten aus dem Süden stellte sich dieser aus Briten, Angelsachsen und Nordländern, ja, sogar Schotten zusammengesetzte Menschenschlag als wild, ungehobelt, trinkfreudig und unerfreulich unabhängig dar. Dieses Hochland war einfach zu öde … und gefährlich, so eingekeilt, wie es zwischen den englischen Königreichen im Süden und den Schotten, Cumbrianern und Strathclyder Walisern im Norden und Nordwesten lag. Sie sahen nur endlose Moore, die für sie wie eine Wildnis waren, und den einen oder anderen Hügel sowie fruchtbare Täler. Und natürlich die Ruinen der von den Römern erbauten Grenzbefestigungen.

Caedmon dagegen sah die Schönheit in Northumbrias reiner Luft und eisigen Strömen. Die Süße der wilden Blumen und des frischen Grases unter den Hufen der Pferde war wie das feinste Parfüm aus orientalischen Landen. Jedenfalls für ihn. Und in ein paar Monaten würden Hügel und Ebenen mit einem Teppich aus purpurrotem Heidekraut überzogen sein.

Viele Jahre lang war Caedmon, wie seine beiden ihm sehr nahestehenden Kameraden, ein Ritter ohne Land gewesen, und er wusste daher nur zu gut, wie glücklich er sich schätzen konnte, den Besitz seines Onkels geerbt zu haben. Er würde alles in seiner Macht Stehende tun, Larkspur für sich und seine Erben zu bewahren. Auch wenn er dazu seinem lasterhaften König dienen musste.

Ein großes Durcheinander erwartete ihn nach seiner langen Abwesenheit in Larkspur, aber Caedmon fühlte sich hier in seiner Heimat ruhig und ausgeglichen. Und einsam. Aber es war eine gute Einsamkeit, die er sehr zu schätzen wusste. Im Stillen lächelte er über die Paradoxie seiner Gedanken. Eine geliebte Einsamkeit! Er schien langsam nicht mehr bei Trost zu sein.

»Henry trotz seines fortgeschrittenen Alters als Kastellan zurückzulassen war offenbar eine gute Entscheidung«, unterbrach Geoffs Stimme seine Träumereien.

Caedmon nickte. »Ja, den Berichten zufolge herrscht auf der Burg ein ziemliches Durcheinander, aber die Truppen sind in bester Ordnung, da sie nur ein paar kleinere Angriffe innerhalb der Grenzen unserer Ländereien zurückzuschlagen hatten.«

»Durcheinander?«, fragte Wulf und zog die Augenbrauen hoch. Er hatte den Helm abgenommen, und sein Haar stand ihm in wirren Strähnen vom Kopf ab.

»Die Kinder scheinen wie verrückt herumzutoben. Amicia weigert sich, dass Essen in der großen Halle zu servieren, wo die Hunde die Binsenstreu scheinbar in Morast verwandelt haben. Eine Magd wurde mit zwei Männern im Bett erwischt. Einige der Hauswachen haben angefangen, sich im Arbeitszimmer Schwertkämpfe zu liefern. Vater Luke hat sich in der Kapelle eingeschlossen und weigert sich herauszukommen, nicht einmal, um die Messe zu lesen. Eine Ziege hat den gesamten Kräutergarten leer gefressen. Aber abgesehen davon scheint alles ganz normal zu sein.«

Ein kurzes Schweigen entstand, bevor einer der Männer hinter ihm rief: »Wie hieß die Magd?«

Wulf und Geoff grinsten ihn an, und Caedmon konnte noch mehr Gelächter hinter sich vernehmen.

»Ist Vater Luke dieser schwachköpfige Fanatiker, der ständig über Unzucht und Höllenfeuer schwadroniert?«, fragte Geoff.

»Er sagte, ich wäre ein großer Sünder. Könnt ihr euch das vorstellen?«, sagte Caedmon mit unschuldiger Miene.

»Und ist er nicht älter als Adams Rippe?«, fügte Wulf hinzu.

Caedmon musste lachen. »Ja, Vater Luke ist über achtzig, glaube ich, und er war schon senil, bevor er zu uns kam. Welcher Priester, der etwas taugt, würde sich auch schon um die Seelen einer so kleinen Burg im wilden Norden kümmern wollen, die von ›sündigen Soldaten‹ bewohnt wird, wie er uns so gerne nennt?«

»Und die Zahl deiner Bälger hat ihn darin nur noch bestärkt«, bemerkte Geoff.

»Du weißt doch sicher von den Wetten, oder nicht?«, fragte Wulf.

Eingedenk des scherzhaften Tons beschloss Caedmon, es lieber nicht wissen zu wollen.

Aber das hielt Wulf nicht auf.

»Wir haben gewettet, wie viele Kinder du inzwischen hast.«

»Pfff! Als ich sie das letzte Mal gezählt habe, waren es zehn, doch nur der liebe Himmel weiß, wie viele davon wirklich meine sind. Und ja, ich bin mir sicher, dass inzwischen noch ein paar mehr dazugekommen sind.« Caedmon war zweimal verheiratet gewesen und hatte beide Ehefrauen verloren, die ihm drei legitime Kinder hinterlassen hatten, die neunjährige Beth sowie die sechsjährigen Zwillinge Alfred und Aidan. Im Laufe der Jahre hatte er aber auch einige Geliebte und Bettgefährtinnen gehabt, die sich bedauerlicherweise als sehr gebärfreudig erwiesen hatten. Er war immerhin schon vierunddreißig. Plötzlich grinste Caedmon. »Was kann ich dafür, dass ich so potent bin?« Und ein verdammter Narr, der seinen Schwanz nicht in der Hose behalten kann.

»Ich fürchte, deine Potenz wird dir eines Tages noch Probleme machen. Pass auf, dass die Sache nicht eines Tages nach hinten losgeht und dich in den Hintern beißt«, bemerkte Geoff.

Das ist längst passiert, und deshalb habe ich einen Entschluss gefasst. Ich werde nie wieder heiraten, das schwöre ich, und unter den Bettfellen werde ich von nun an Vorsicht walten lassen. So Gott will.

Er hätte schwören können, lautes Lachen zu hören. Wahrscheinlich war es Gott, der ihn verlachte.

»Als ich in Bagdad war, habe ich von einer Methode gehört, die angeblich verhindert, dass der Samen des Mannes in den Leib der Frau gelangt«, sagte Geoff plötzlich.

Bei dieser Bemerkung spitzten alle die Ohren.

Als Geoff sie jedoch einfach nur angrinste, stieß Caedmon ihn an. »Nun spann uns nicht auf die Folter, Mann!«

»Man nimmt einen kleinen Apfel mit dicker Schale, schneidet ihn durch und klaubt den größten Teil des Fruchtfleisches heraus. Dann führt man die leere Hälfte in die Scheide der Frau ein, bis ganz oben. Wie eine kleine Kappe verhindert die Apfelhälfte dann, dass der Samen des Manns in ihren Leib eindringt.« Geoff grinste, als hätte er ihnen soeben offenbart, wie sich Gras in Gold verwandeln ließ. »Man soll es eigentlich mit Zitronen tun, aber da es diese Früchte hier nicht gibt, tun Äpfel es wohl auch.«

Ein langes Schweigen folgte, als die Männer sich seine Worte durch den Kopf gehen ließen. Man konnte nie wissen, wann Geoff es ernst meinte oder nur scherzte, wobei anzumerken war, dass er von Bettgeschichten wirklich viel verstand … zumindest gab er diese sehr oft zum Besten.

»Ich möchte die Frau sehen, die dir das erlauben würde«, meinte Caedmon schließlich spöttisch.

Geoff grinste, als kenne er mehr als nur eine.

»Und wie zum Teufel kriegst du den Apfel dann wieder heraus?«, wollte Wulf wissen.

Geoff winkte ab, als wäre das überhaupt nicht von Belang.

»Die Frau würde eine Woche lang Apfelsaft pinkeln«, bemerkte Wulf. »Und überall Apfelkerne hinterlassen.«

»Wir haben zu lange im Sattel gesessen. Uns schmilzt schon das Gehirn weg«, erklärte Caedmon. Aber ich wette, dass heute Nacht jede Menge Äpfel aus der Speisekammer verschwinden werden.

* * *

»Kleine Frauen« waren sie nicht …

Breanne saß mit ihrer Schwester Tyra im Frauengemach von Havenshire und bestickte einen auf einem großen Holzrahmen aufgespannten Wandteppich.

Der Earl ruhte auf dem Grund der mittlerweile in Gebrauch genommenen Abtrittgrube, und jeden Moment befürchteten sie, die Nachricht zu bekommen, dass man ihn tot aufgefunden hatte.

Was aber bislang nicht geschehen war.

Und hoffentlich auch nie geschehen würde.

Trotzdem verzichteten Breanne und ihre Schwestern darauf, diesen neuen Abort zu benutzen, denn zu groß war ihre Furcht, der Leichnam könnte zu ihnen heraufkommen und sie in den nackten Hintern beißen können.

Vanas Gesicht wies noch immer die Spuren der Schläge ihres Mannes auf, und sie versuchte, diese unter einem von einem silbernen Diadem gehaltenen Schleier zu verbergen. Sie war unten im großen Saal, wo die morgendlichen Aufgaben der Herrin einer großen Burg sie beschäftigt hielten. Vana teilte dem Verwalter ihre Anweisungen für die Tagesarbeit mit, gab die für die Mahlzeiten erforderlichen Lebensmittel und Gewürze aus dem verschlossen gehaltenen Vorratsraum heraus und ließ die alte Binsenstreu durch frische ersetzen und mit Bohnenkraut und Melissenblättern bestreuen. Danach half sie beim Einsammeln der Wäsche, unter der sich auch einige Betttücher mit verräterischen Flecken befanden, und während all dieser Aktivitäten jammerte sie allen und jedem vor, wie sehr sie sich um ihren »geliebten« Ehemann sorgte, der schon seit einer Woche vermisst wurde.

Ingrith hatte sich heute in die Küche begeben, wo sie mit ihren Ratschlägen für eine »schmackhaftere Zubereitung« verschiedener Gerichte der Köchin auf die Nerven fiel. Wenn man aus den Erfahrungen der Vergangenheit auf die Zukunft schließen konnte, dann würde die Köchin bald mit einem Wutausbruch auf Ingriths Einmischungen reagieren und damit drohen, fortzugehen.

Drifa hielt sich bei dem ungewöhnlich warmen Wetter draußen auf und sammelte Ableger und Stecklinge verschiedener Pflanzen und Blumen. Nur die Götter wussten, was sie damit vorhaben mochte.

Rashid war in den Stallungen und prahlte vor einigen der Havenshirer Bewaffneten mit den guten Eigenschaften seines Sarazenerhengstes. Er hatte die Schwestern am Morgen nach dem Frühstück verlassen, jedoch nicht, ohne ihnen noch einen Rat zu geben: »Das Kamel spürt es, wenn ein Sandsturm naht. Seid gewappnet!«

Zum Teufel mit Rashids Kamelen! Alle waren auch so schon nervös wie Nonnen in einem Bordell - bis auf den Araber, der vermutlich sagen würde, er sei nervös wie ein Kamel in einem Harem. Diese Unruhe war der Grund, warum Breanne und Tyra jetzt im Frauengemach saßen und stickten. Stickten! Sie hätten ebenso gut versuchen können, aus Abfall Gold zu weben.

Da die feinen Seidenfäden ständig an Breannes schwieligen Händen hängen blieben, fluchte sie im Stillen zum vielleicht hundertsten Mal, seit sie den verhassten Earl begraben hatten. Ihr war bedeutend wohler dabei, Dinge aus Holz zu tischlern, als sich mit den weiblichen ›Künsten‹ zu befassen. Schon von jungen Jahren an brauchte sie ein Stück Holz nur zu betrachten, um sich vorzustellen, was daraus entstehen könnte. Unter ihren tüchtigen Händen waren Bänke, Bettgestelle, Tische, Zäune, ja, einmal sogar ein Schweinestall mit fein geschnitzten Runen an den Dachbalken entstanden. Ihren Vater hätte fast der Schlag getroffen, als er es gesehen hatte. In der Tat war es ein wenig merkwürdig, dass eine Frau über dieses Talent verfügte, aber schließlich hatten ja alle Töchter König Thorvalds sehr ungewöhnliche Interessen.

Tyra war, wie hätte es anders sein können, eine Kriegerin, da sie die Älteste in einer Familie ohne Söhne war. Als Breanne ihrer älteren Schwester zulächelte, sah sie deren verdrossenen Gesichtsausdruck und wusste, dass sie sich bei dieser typisch weiblichen Beschäftigung genauso unwohl fühlte wie sie selbst.

Beide legten den Kopf ein wenig schief, um zu sehen, wie sich der Wandbehang entwickelte … und brachen in schallendes Gelächter aus.

»Dein Pfau sieht wie eine betrunkene Henne aus«, gluckste Tyra.

»Ha! Und deine feine Lady hat Würmer im Gesicht«, gab Breanne zurück.

»Das sind Wimpern«, erwiderte Tyra beleidigt.

Breanne sah genauer hin. »Wimpern bis zum Mund?«

»Eines kann ich dir sagen, Schwester«, fuhr Breanne fort. »Wäre ich nicht ohnehin schon überzeugt, dass ich niemals heiraten werde, dann hätte ich jetzt einen guten Grund, diesen Entschluss zu fassen. Ich hasse das Sticken. Außerdem sind die meisten Männer bösartige Ungeheuer wie Oswald oder bestenfalls die Mühe gar nicht wert.«

»Das sagst du, weil du noch nie verliebt warst. Aber eines Tages …«

»Tyra! Ich bin fünfundzwanzig und habe Hunderte von Männern auf der Burg unseres Vaters kennengelernt. Und hier in Britannien bin ich noch einigen Dutzend mehr begegnet. Hätte ich mich verlieben sollen, wäre es längst geschehen.«

»Eines Tages …«

Breanne hob abwehrend die Hand. »Nein, nein, ich bin nur realistisch. Sieh mich an, Schwester.« Sie berührte den langen Zopf, zu dem ihr rotes Haar geflochten war und aus dem sich wie üblich die verhassten Locken lösten. »Wusstest du, dass ein junger Knappe meine Haarfarbe einmal mit altem Rost verglichen hat? Das war kein Kompliment.«

Sofort erschien ein Ausdruck des Mitgefühls in Tyras Augen. »Wer war das? Ich werde ihm das Gesicht mit meinem Schwert zerschlagen.«

Das habe ich schon mit meiner Faust getan. »Du kannst es niemandem verübeln, dass er die Wahrheit sagt«, erwiderte Breanne achselzuckend. »Und vergiss nicht, dass ich größer bin als viele Männer, auch wenn ich deine Größe nicht erreiche. Außerdem bin ich zu schlank und habe einen viel zu kleinen Busen. Glaub mir, Männer reißen sich nicht darum, meine Gunst zu erringen, oder höchstens dann, wenn sie von meiner Mitgift hören. Und selbst dann sind sie sehr leicht wieder davon abzubringen.«

»Du bist viel zu streng mit dir. Ehrlich gesagt überrascht es mich, dass du dich damit zufriedengeben willst, daheim bei Vater zu bleiben. Was willst du tun, wenn er nicht mehr lebt?«

»Ich habe Pläne«, erwiderte Breanne mit einem kleinen Lächeln.

»Du hast ein Geheimnis!« Tyra klatschte entzückt in die Hände. »Jetzt darfst du mich aber nicht im Ungewissen lassen. Verrate es mir.«

»Du musst es aber vorläufig noch für dich behalten. Vater hat gesagt, wenn ich mit dreißig nicht verheiratet wäre, würde er mir meine Mitgift geben, und ich könnte damit tun und lassen, was ich will. Ich möchte mir ein kleines Haus oder ein großes Cottage in der Nähe von Jorvik kaufen. Dort werde ich dann Stühle und Tische herstellen und sie auf dem Markt von Coppergate verkaufen.«

Tyra war für einen Moment wie vor den Kopf geschlagen. »Eine Frau als Händlerin! Puh! Dann wird diese dicke Ader an Vaters Stirn aber vor Missfallen platzen. So etwas würdest du doch niemals tun!«

»Oh doch, das würde ich. Es mag zwar selten sein, aber es gibt durchaus Frauen, die diesen Weg beschritten haben. Zum Beispiel Lady Eadyth, deine angeheiratete Tante von Ravenshire. Sie verkauft ihren Honig und ihre Zeitmesskerzen auf den Märkten.« Trotzig schob Breanne das Kinn vor und erwiderte ruhig Tyras Blick. »Ich habe Vaters Bevollmächtigten schon damit beauftragt, etwas Passendes für mich zu finden.«

In dem Moment kündigte das Schmettern eines Horns einen Besucher an.

»Ach, du meine Güte!«, stöhnte Breanne. »Ich wette, da kommt wieder jemand, der nach Oswald fragt und uns versichern will, wie sehr er mit uns fühlt.«

Je weiter sich herumsprach, dass Oswald vermisst wurde, desto mehr Besucher kamen Tag für Tag, um ihrer Betroffenheit Ausdruck zu verleihen und ihre Hilfe bei der Suche nach ihm anzubieten. Bisher waren es nur Nachbarn und entfernte Verwandte gewesen. Ihnen allen hatten Vana und ihre Schwestern eine überzeugende Vorstellung geboten, indem sie sich besorgt und bekümmert gegeben hatten, obwohl sie an solchen Worten wie »ein großer Verlust« oder »so ein freundlicher und großzügiger Mann« fast erstickt waren.

Nicht einer dieser Besucher hatte Empörung darüber erkennen lassen, dass Oswald bei einer Mätresse sein könnte. Und es war eine günstige Fügung, dass diese Mätresse nirgendwo zu finden war. Vielleicht war sie vor Oswald davongelaufen, bevor sie von seinem Verschwinden erfahren hatte. Wäre das nicht die allergrößte Ironie? Doch wie dem auch sein mochte, ihre Abwesenheit brachte jedenfalls so manchen auf die Idee, dass sie mit Oswalds Verschwinden zu tun haben könnte und dass die beiden irgendwo mit ihrem ehebrecherischen Treiben beschäftigt waren.

»Wenn dieser Besucher nur nicht der König ist.« Breanne biss sich beunruhigt auf die Lippen.

Wie sich herausstellte, war es jedoch noch viel schlimmer.

Die Tür flog auf, und Vana kam mit Tränen in den Augen hereingeeilt. »Ich habe schlimme Neuigkeiten. Oswalds Garnisonskommandant hat König Edgar um Hilfe gebeten und soeben ein Antwortschreiben erhalten.« Vanas Unterlippe zitterte. »Erzbischof Dunstan, König Edgars engster Berater, ist hierher unterwegs.«

»Nun, uns war doch klar, dass der König jemanden schicken würde«, sagte Breanne und half ihrer Schwester, auf einer der Bänke Platz zu nehmen.

»Aber Dunstan ist der denkbar schlimmste Abgesandte. Wusstet ihr, dass er ein rücksichtsloser Frauenhasser ist? Er glaubt allen Ernstes, dass an allen Drangsalen eines Mannes allein die Frauen schuld sind. Eva war die Dienerin des Teufels und hat alle Frauen unrein gemacht. Ich habe mit eigenen Ohren gehört, wie er das gesagt hat.«

»Und was hat das mit uns zu tun?«, fragte Tyra.

»Ob man Oswalds Leiche findet oder nicht, Erzbischof Dunstan wird auf jeden Fall mir die Schuld an allem geben. Ich weiß, dass er das tun wird. Ich kann von Glück sagen, wenn das Schlimmste, was er mir antut, die Verbannung in ein Kloster ist.«

»Könnte er das denn tun?«, wollte Breanne von Tyra wissen.

Tyra zuckte mit den Schultern. »Viele sagen, er sei der einflussreichste Mann in ganz Britannien, sogar noch mächtiger als der König.«

»Dann ist ja alles klar. Wir müssen verschwinden, bevor er kommt«, sagte Breanne.

Vanas übel zugerichtetes Gesicht hellte sich auf. »Und wohin? Zurück nach Stoneheim?«

Breanne schüttelte den Kopf. »Es ist unmöglich, so schnell eine Überfahrt in die Nordländer zu arrangieren.«

»Dann also nach Hawkshire?« Der hoffnungsvolle Ausdruck wich nicht von Vanas Gesicht.

Jetzt war es Tyra, die den Kopf schüttelte. »Mit Freuden würde ich euch alle mit zu mir nach Hause nehmen, und auch Adam würde euch willkommen heißen, aber ich befürchte, dass das der erste Ort ist, wo die Männer des Königs Vana suchen würden.«

Alle schwiegen und versuchten zu entscheiden, welche Vorgehensweise die beste wäre.

»Einen Ort, gibt es, an dem wir uns verstecken könnten«, meinte Tyra schließlich zögernd.

»Wo?«, fragten Breanne und Vana wie aus einem Mund.

»Ein entfernter Verwandter Adams lebt im Norden, nur einen Tagesritt von hier entfernt. Sein Besitz heißt Larkspur. Ja, wir könnten Adams Cousin Caedmon besuchen. Er ist ein Ritter von hohem Rang und würde uns sicher nicht die Gastfreundschaft verweigern.«

»Das könnte klappen.« Breanne tippte sich an ihre nachdenklich geschürzten Lippen.

»Und es wäre ja auch nur ein vorübergehendes Arrangement«, fuhr Tyra fort. »Ich werde Adam bitten, während unserer Abwesenheit die Unterstützung seiner angelsächsischen Verwandten für unsere Sache zu gewinnen. Wir brauchen uns um nichts zu sorgen.«

Breanne war sich dessen nicht so sicher.

Was wissen wir schon über diesen Caedmon?

3. Kapitel

Zurück im gar nicht so

behaglichen Zuhause …

Caedmon hatte den großen Saal von Larkspur kaum betreten, als er auch schon von allen Seiten bestürmt wurde. Von seinem Verwalter Gerard, seinem Kastellan Henry und etwa einem Dutzend Kindern. Am besorgniserregendsten war, dass eine der Dienstmägde mit einem schreienden Neugeborenen in den Armen in der Nähe stand. Der Säugling konnte unmöglich sein Kind sein, doch trotzdem spürte Caedmon, wie sich ihm die Nackenhaare sträubten.

Wulf und Geoff lachten nur und machten sich auf die Suche nach einem Bier. Die Glücklichen!

Der Erste, der das Wort ergriff, war Caedmons Verwalter Gerard. »Die Köchin hat ihre Sachen gepackt und ist gegangen, nachdem sie auf dem Weg aus der Küche auf dem Unrat ausgerutscht ist und …«

»Auf was für Unrat?«

»Na, was wohl?« Gerard verzog angewidert den Mund. »Auf der Hundescheiße in der Binsenstreu natürlich.«

»Oh.« Das Theater geht schon los.

»Amicia sagt, sie kommt erst dann zurück, wenn die Binsenstreu erneuert ist.«

»Und warum habt ihr das noch nicht getan?« Es scheint fast so, als lebe ich im Land der Narren.

»Weil sie auch verlangt, dass die Hunde künftig draußen bleiben.«

»Ah!« Caedmon wusste, wie gern die Männer die Hunde um sich hatten, um ihnen vom Tisch den einen oder anderen Leckerbissen zuzuwerfen. »Was noch?«

»Wir haben kein Fleisch mehr. Die Vorratskammer ist fast leer. Die Kätner haben den Hafer und die Gerste wegen des Regens zu spät ausgesät. In dem Mehl vom Vorjahr sind schon Würmer. Die Schafe müssen geschoren werden. Außerdem, ein halbes Dutzend Kühe sind brunftig und müssen gedeckt werden, aber wir haben keinen Stier zum Decken. Die Hühner haben die Läuse und …«

Vielleicht war es doch gar nicht so schlimm, mit Edgar in den Krieg zu ziehen. Caedmon hob die Hand. »Lass es erst mal gut sein«, sagte er und wandte sich Henry zu.

»Wir müssen unsere Vorräte an Pfeilen und Kurzschwertern ergänzen«, sagte der. »Drei Angriffen von Banditen konnten wir in Eurer Abwesenheit standhalten, unsere Waffen haben dabei jedoch arg gelitten. In den vergangenen Wochen sind uns einige Rinder gestohlen worden. Wahrscheinlich von diesen verdammten Schotten, den MacLeans. John der Bogenschütze kam bei einem der Angriffe ums Leben, und seine Witwe verlangt mehr als das ihr zustehende Wergeld.«

Caedmon stieß einen tiefen Seufzer aus und wandte sich, ohne weitere Beschwerden abzuwarten, den Kindern zu, die er im Rittersaal herumtoben sah. Ihre Kleider, ihre Gesichter und Hände sahen mehr als schmutzig aus. Seine verwitwete Schwester Alys, deren Fürsorge die Kinder anvertraut worden waren, würde ihm einiges zu erklären haben.

»Wo ist Alys?«, wollte er wissen.

»Sie hat sich einem durchreisenden Kaufmann angeschlossen und ist mit ihm nach Jorvik. Sie hat gesagt …« Henry verstummte mitten im Satz, als hätte er schon zu viel preisgegeben, und sein altes, von langem weißem Haar umrahmtes Gesicht färbte sich puterrot.

Caedmon zog auf eine Art und Weise seine Brauen hoch, die Henry unmissverständlich aufforderte, mit der Wahrheit herauszurücken, wollte er nicht die Konsequenzen tragen.

Henry seufzte schwer. »Sie hat gesagt, Bowdyn … so heißt der Kaufmann … habe sehr geschickte Finger, die die Sünderin in ihr weckten. Und sie sagte, sie sei schon viel zu lange eine Heilige gewesen und warte schon viel zu lange darauf, dass Ihr einen Ehemann für sie findet. Ihr hättet das lüsterne Gestöhne hören sollen, das aus ihrem Zimmer kam.« Henry verdrehte vielsagend die Augen. »Ich persönlich glaube, dass die Kinder ihr zu viel geworden sind.«

Und was gibt es sonst noch Neues? Alys war zwar ein Problem mehr, mit dem Caedmon sich befassen musste, aber es war eines, an dem er gegenwärtig nichts ändern konnte. Außerdem war seine Schwester dreißig Jahre alt und somit kein dummes kleines Mädchen mehr. Und was seine Suche nach einem Ehemann für sie anging - nun, immerhin hatte sie schon drei Gatten begraben.

Wieder an Gerard gewandt stellte Caedmon nur sehr widerstrebend seine nächste Frage. »Gab es irgendwelche Probleme mit den Kindern?«

Gerard verdrehte die Augen, dann steckte er zwei Finger in den Mund und stieß einen gellenden Pfiff aus, der Caedmon zusammenfahren und die Hunde die Köpfe zwischen die Pfoten stecken ließ, der aber erstaunlicherweise zehn Kinder herbeirief, die sich wie ein Trupp schmutziger kleiner Soldaten in einer Reihe aufstellten. Es waren zehn - zehn! - Kinder im Alter von eins bis zwölf … oder dreizehn? Gerard stellte sie Caedmon nacheinander vor, ganz so, als wüsste dieser ihre Namen nicht - was allerdings nicht einmal so falsch gedacht war.

Es war eine beeindruckende Übung, wie Gerard die Kinder mit einem schrillen Pfiff zur Ordnung rief. Caedmon würde es selbst einmal ausprobieren. So engelsgleich, wie die Kleinen aussahen, wäre er gar nicht überrascht, wenn sie auch noch für ihn singen würden.

Aber die Ordnung hielt nicht lange an.

Zuerst stürzte sich die neunjährige Beth auf Caedmon. Er umfasste ihre schmale Taille, und sie schlang ihm ihre dünnen Beinchen um die Hüften. An seinem Nacken konnte er ihre Tränen spüren. Dieses älteste und einzige Kind seiner ersten Frau Elizabeth war das empfindsamste von allen. Elizabeth war viel zu jung an den Folgen eines Reitunfalls gestorben, den sie ein knappes Jahr nach ihrer Heirat erlitten hatte. Beth flüsterte immer wieder unter Tränen: »Vater, Vater …« Das reizende kleine Mädchen hatte schon immer sehr viel Zuwendung gebraucht.

Einer der sechsjährigen Zwillinge, Alfred … oder war es Aidan? … umklammerte Caedmons Bein so fest, dass er ihm die Blutzufuhr zu einem sehr wichtigen Körperteil abschnitt. Noch ein bisschen mehr davon, und Caedmon würde keine Äpfel mehr benötigen. Der andere Zwilling trat ihn gegen das Schienbein. Die beiden waren der Beitrag seiner zweiten Frau Mary zu seiner Kinderschar gewesen, bevor sie dem Kindbettfieber erlegen war.

Die achtjährige Mina war ein sehr hübsches, schwarzhaariges kleines Ding mit Katzenaugen, das aus einer kurzen Liaison mit einer arabischen Huri namens Nadiyah hervorgegangen war. Weil sie als die Favoritin eines Scheichs dessen Gunst nicht verlieren wollte, hatte Nadiyah das Baby nicht gewollt, zumal die Kleine Caedmons blaue Augen hatte. Dass der Scheich klein, fett und bösartig war, spielte für sie keine Rolle. Er hatte Caedmon ein wenig an einen gewissen angelsächsischen König erinnert, nur dass Edgar blond und sehr viel jünger war.

Piers, ein einjähriger, flachsblonder Schlingel, lutschte am Daumen, als er auf Caedmon zutapste. Er trug nichts als halbhohe Stiefel und eine Windel. Caedmon konnte sich nicht einmal erinnern, wer Piers Mutter war.