image

Leslie Kelly, Brenda Hammond, Elise Title

TIFFANY EXKLUSIV BAND 60

IMPRESSUM

TIFFANY EXKLUSIV erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
Postfach 301161, 20304 Hamburg
Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0
Fax: +49(0) 711/72 52-399
E-Mail: kundenservice@cora.de

Neuauflage by HarperCollins Germany GmbH, Hamburg,
in der Reihe: TIFFANY EXKLUSIV, Band 60 – 2018

© 2002 by Leslie Kelly
Originaltitel: „TWO TO TANGLE“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
in der Reihe: TEMPTATION
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Sarah Falk
Deutsche Erstausgabe 2003 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg,
in der Reihe TIFFANY, Band 1029

© 2002 by Brenda Hammond
Originaltitel: „AT YOUR SERVICE, JACK“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
in der Reihe: TEMPTATION
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Christian Trautmann
Deutsche Erstausgabe 2008 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg,
in der Reihe TIFFANY, Band 1048

© 1994 by Elise Title
Originaltitel: „HEART TO HEART“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
in der Reihe: TEMPTATION
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Elke Bartels
Deutsche Erstausgabe 1995 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg,
in der Reihe TIFFANY, Band 651

Abbildungen: Konrad Bak / 123rf.com, alle Rechte vorbehalten

Veröffentlicht im ePub Format in 02/2018 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733752934

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY

 

Alles über Roman-Neuheiten, Spar-Aktionen, Lesetipps und Gutscheine erhalten Sie in unserem CORA-Shop www.cora.de

 

Werden Sie Fan vom CORA Verlag auf Facebook.

IMAGE

Komm, spiel mit mir

1. KAPITEL

„Okay, Süßer, ich bin so weit. Ich hab die ganze Woche an nichts anderes gedacht. Und nun sind wir allein. Höchste Zeit also, dich von diesen stockkonservativen Klamotten zu befreien und dir was Bequemeres anzuziehen.“

Chloe Weston griff nach der Schnalle des teuren schwarzen Ledergürtels und löste sie, öffnete den Knopf am Bund der Designerhose und zog den Reißverschluss hinunter. Ein leises Rascheln durchbrach die Stille im Raum, als die dunkelgraue Hose fiel. Nun ließ sie sich auf die Knie sinken, griff nach den weißen Boxershorts und zog auch sie hinunter. Dann lehnte sie sich zurück und betrachtete ihn seufzend.

„Es ist Freitagabend, ich bin eine einigermaßen attraktive, allein stehende Frau Anfang Zwanzig und habe gerade einem Mann die Kleider ausgezogen.“ Müde wischte sie sich mit der Hand über die Stirn. „Ein Jammer, dass du anatomisch gesehen in etwa so authentisch bist wie eine Barbie-Puppe.“

Die männliche Schaufensterpuppe antwortete nicht. Und sein weibliches Gegenstück, das hinter Chloe im dunklen Schaufenster von Langtree’s Kaufhaus stand, natürlich auch nicht.

Was für eine Art, einen Freitagabend zu verbringen! Allein in einem exklusiven Kaufhaus in Boca Raton in Florida. Umgeben von Designersachen, aberwitzig teuren Lederwaren, protzigem Schmuck und mit einem Haufen Schaufensterpuppen zur Gesellschaft.

Freitagsabends wurden die Auslagen der vorderen Schaufenster des Kaufhauses umgestaltet. Das machte sehr viel Arbeit, insbesondere, seit der Geschäftsführer ihr mehr Spielraum für gewagtere Displays ließ. Bis heute Abend hatte sie ihre kreativen Ideen nur in den Auslagen der unbedeutenderen Schaufenster am Hintereingang des Geschäfts verwirklichen können, aber nie in den großen Fenstern rechts und links des Haupteingangs.

Obwohl Chloe erst seit sechs Wochen bei Langtree’s arbeitete, hatten ihre Kreationen bereits Aufmerksamkeit erregt. Troy Langtree, der Geschäftsleiter des Kaufhauses, war nicht gerade entzückt gewesen, als sie bei einer Badeanzug-Präsentation etwas übertrieben hatte und das winzige Oberteil eines String-Bikinis von den Fingern einer begehrlich dreinschauenden männlichen Schaufensterpuppe hatte baumeln lassen. Aber das Fenster war beim Publikum gut angekommen. So gut, dass Langtree sich bereit erklärt hatte, sich Chloes Vorschläge für die Schaufenster im Eingangsbereich des Kaufhauses anzuhören.

Als sie nach dem Reißverschluss des Cocktailkleids der weiblichen Schaufensterpuppe griff, hörte sie Motorgeräusche und sah durch einen Spalt zwischen den dunklen Vorhängen einen schwarzen Pick-up vor dem Kaufhaus halten. Sie biss sich auf die Lippen. Es war schon nach Mitternacht, und der Nachtwächter konnte wer weiß wo in dem dreistöckigen Gebäude sein. Vermutlich hielt er oben in der Abteilung für Bettwäsche gerade ein Nickerchen. Das hieß, dass sie allein war mit diesen potenziellen Einbrechern, die jeden Augenblick einen Stein durchs Schaufenster werfen konnten, um an die nahen Schmuckkästen heranzukommen.

Hinter dem Vorhang verborgen, beobachtete Chloe, wie ein Mann aus dem Wagen stieg – keine ganze Bande. Und als er an einer Straßenlaterne vorbeiging, konnte sie sein Gesicht und sein kastanienbraunes Haar sehen, und seufzte vor Erleichterung. Es war Troy Langtree.

Wahrscheinlich kam er, um zu sehen, was sie mit seinen Schaufenstern anstellte. „Warum müssen gut aussehende Männer immer so unmöglich sein?“, seufzte Chloe. Denn gut aussehend war er zweifellos, aber auch ungefähr so ungezwungen und natürlich wie Al Gore bei einer Pressekonferenz.

Troy war ihr schon des Öfteren aufgefallen, seit sie in dem Kaufhaus arbeitete, das seiner Familie gehörte. Schließlich war er ein erfolgreicher, attraktiver Single. In so mancher Beziehung also genau das, was Chloe sich bei einem Mann wünschte. Es hieß, er sei weder ein Trinker noch ein Schürzenjäger, arbeite hart, sei intelligent und seriös. Das genaue Gegenteil also der wenigen Männer, mit denen Chloe bisher ausgegangen war – und auch das Gegenteil ihres Vaters, ihrer zwei Stiefväter und einer langen Folge von Freunden ihrer Mutter.

Also genau das, was sie suchte. Das jedenfalls hatte sie anfangs gedacht.

Aber Chloe hätte keinen Mann ertragen, der nie lächelte und absolut humorlos zu sein schien. Gerüchten nach war seine einzige Leidenschaft das Joggen – er wohnte am Strand und lief jeden Morgen meilenweit. Was vermutlich seinen Körperbau und seine Sonnenbräune erklärte, denn beides passte irgendwie nicht zu dem Bild des stets korrekt gekleideten höheren Angestellten, das er tagsüber bot. Nein, das Problem war, dass Troy Langtree keinen Sinn für die simplen Freuden des Lebens zu haben schien. Und sosehr Chloe sich auch einen zuverlässigen, erfolgreichen, hart arbeitenden Mann wünschte, lachen können musste er schon.

Während sie Troy neugierig beobachtete, fiel ihr auf, dass er keinen seiner üblichen konservativen dunklen Anzüge trug, sondern enge, abgetragene Jeans, die sich um feste, muskulöse Oberschenkel schmiegten und einen fabelhaften Po zur Geltung brachten, der Chloe bisher nie aufgefallen war.

Als Troy aus dem Lichtkreis der Laterne trat, erhellte ein Wetterleuchten für einen Moment den Himmel. Chloe sah, dass Troy die Stirn runzelte, und glaubte, ihn einen Fluch murmeln zu hören. Als er sich neben seinen Pick-up hockte und einen Reifen untersuchte, wusste sie, warum. Er hatte einen Platten.

Er holte den Wagenheber und den Reservereifen hervor. Es erstaunte sie, dass er überhaupt wusste, wie man einen Reifen wechselte.

Innerhalb von Minuten hatte er den Reifen abmontiert. Chloe unterdrückte das Bedürfnis, ihm zu helfen. Um den Laden zu verlassen, hätte sie den Nachtwächter rufen müssen, damit er die Alarmanlage abstellte und die Türen aufschloss. Bis sie den faulen Wächter jedoch fand, wäre Troy wahrscheinlich ohnehin schon fertig.

Chloe sah, dass es zu regnen begann, aber Troy schien nichts davon zu merken. „Beeil dich“, flüsterte sie und bewunderte seine muskulösen Oberarme, als er den defekten Reifen auf die Ladefläche seines Pick-ups warf. „So, so, unser Biedermann trainiert also“, stellte sie anerkennend fest.

Troy wischte sich die Hände an seinen Jeans ab, wo sie schwarze Schmutzstreifen hinterließen, die er aber nicht mal zu bemerken schien. Er machte weiter, hielt dann aber plötzlich wieder inne und hob eine Hand. Als sie sah, wie er zusammenzuckte und seinen kleinen Finger in den Mund steckte, erkannte sie, dass er sich verletzt hatte.

Fasziniert beobachtete sie, wie Troy Langtrees Lippen sich um seine Fingerspitze schlossen, und schluckte, als sie sich vorstellte, sie auf ihrer Haut zu spüren. Er war sich ihrer Gegenwart noch immer nicht bewusst, so dass sie fortfuhr, ihn aus ihrem Versteck hinter den Vorhängen verlangend anzustarren. Obwohl es immer stärker regnete, begann er das Reserverad zu montieren. Er hatte gerade die letzte Schraube angezogen, als aus dem leichten Sommerregen eine wahre Sintflut wurde. Chloe war sicher, dass Troy sich nun in seinen Pick-up flüchten würde – oder unter die Markise vor dem Eingang des Geschäfts.

Doch erstaunlicherweise tat er weder das eine noch das andere. Chloe stockte der Atem, als er sich aufrichtete, zum Himmel aufschaute und zu lachen begann. Sein T-Shirt saugte das Wasser auf wie ein Schwamm, und bald klebte es an ihm wie eine zweite Haut und Chloe bewunderte insgeheim seine breite Brust.

Als sie ihren eigenen Voyeurismus keine Sekunde länger zu ertragen glaubte und sich gerade abwenden wollte, sah sie Troy nach dem Saum seines T-Shirts greifen. Und so blieb sie, wo sie war, presste ihre Nase an die Scheibe und fragte sich, ob er wirklich tun würde, wonach es aussah.

Tatsächlich, Troy zog sein Hemd hoch! Chloe rührte sich nicht, während sie gespannt die aufreizende Vorstellung verfolgte, die er ihr dort draußen bot. Dann streifte er sich das Hemd über den Kopf, warf es in seinen Wagen und blieb mit nacktem Oberkörper im Regen stehen.

„Wow!“, murmelte Chloe beeindruckt. Seine Bewegungen waren voller Anmut und Kraft. Chloe stieß einen leisen Seufzer aus, als Troy seine starken Arme anhob und sie seitlich ausstreckte. Den Regen, der auf sein Gesicht prasselte, schien er zu genießen, denn nun begann er sich langsam im Kreis zu drehen, als tanzte er aus purer Freude an am Regen.

Sie war froh über die Straßenlaterne, unter der er stand, weil sie ihn von Kopf bis Fuß beleuchtete. In ihrem Licht sah Chloe dicke Regentropfen auf seine Schultern fallen und über seinen schlanken, aber muskulösen Oberkörper rinnen. Wasser sammelte sich am Bund seiner Jeans und verdunkelte den Stoff zu einem noch tieferen Blau.

Troy schien das nicht zu kümmern. Er wirkte geradezu heidnisch in seinem sinnlichen Wohlgefallen an den Elementen. Heidnisch. Mächtig. Vollendet und verlockend männlich.

Ein Mann, der vollkommen im Einklang war mit seiner sinnlichen Natur. Ein Mann, der die Kühle eines sommerlichen Regens auf seiner erhitzten Haut genoss. Ein Mann, der den Elementen ins Gesicht lachte.

Ein Mann, der in ihr den Wunsch weckte, ihn besser kennen zu lernen.

Zwei Wochen später war Chloe zu dem Schluss gekommen, dass Troy Langtree ein Vampir war, der erst nach Sonnenuntergang zum Leben erwachte. Seit jener Nacht, in der sie ihn den Reifen wechseln und im Regen hatte tanzen sehen, hatte sie nichts mehr von diesem fabelhaften, naturverbundenen Mann entdecken können. Alles, was sie im Kaufhaus zu Gesicht bekommen hatte, war der schmallippige, zugeknöpfte Troy Langtree, der sie eingestellt hatte. Keine Spur mehr von dem Jeans tragenden Reifenwechsler. Und schon gar nicht von dem heidnischen Regenanbeter.

„Bist du sicher, dass ich dich nicht begleiten und dir in diesem tollen Hotel Gesellschaft leisten soll?“

Chloe verdrängte die Erinnerung an Troy Langtrees Tanz im Regen und konzentrierte sich auf ihre Freundin und Kollegin. „Tut mir leid, Jess, ich wünschte, ich könnte dich mitnehmen. Aber ich bin schon überrascht, dass Langtree bereit ist, meine eigene Teilnahme an dieser Tagung zu finanzieren. Ich glaube nicht, dass er auch noch deine Spesen übernehmen würde, selbst wenn du die beste Parfümverkäuferin in ganz Florida wärst.“

Jess Carruthers ließ sich vorsichtig auf einem der wackligen alten Stühle in Chloes Büro nieder. „Büro“ war eigentlich zu viel gesagt. Tatsächlich war es nur ein alter Lagerraum in einem der finstersten Winkel des Kaufhauses. „Wie du es erträgst, die ganze Nacht hier eingesperrt zu sein, ist mir ein Rätsel“, sagte Jess.

„Mir gefällt es hier. Es ist ein wunderbarer Ort zum Arbeiten. Niemand stört mich oder lenkt mich ab.“ Vor allem keine gut aussehenden, halbnackten Männer vor meinem Fenster, die mich bis um drei Uhr morgens davon abhalten, meine Schaufenster zu dekorieren, dachte Chloe.

„Wenn ich an Tagungen in Ferienclubs wie ‚Dolphin Island‘ teilnehmen könnte, würde ich auch die ganze Nacht im Laden bleiben und Schaufensterpuppen anziehen“, räumte Jess mit einem Seufzer ein.

„Es ist mehr als das.“ Chloe dachte an die Stunden, die sie damit verbrachte, das Kaufhaus nach dem perfekten Kleid, dem idealen Schmuck und den passenden Accessoires zu durchkämmen. „Die Schaufensterdekoration ist ein Kinderspiel dagegen.“

„Ich weiß“, sagte Jess betreten. „Im Übrigen wollte ich deine Arbeit keineswegs herabsetzen. Ich finde deine Dekorationen fabelhaft.“

Chloe lächelte. „Ich finde, es ist ein ziemlich guter Job, den ich hier habe. Besser jedenfalls, als in irgendeiner Fastfood-Kette Hamburger zu verkaufen.“

Jess nickte. „Absolut. Und ich freue mich für dich, dass du zu dieser Tagung fährst, selbst wenn es die Gerüchteküche zum Brodeln bringt.“

Chloe wusste selbst, dass einige der leitenden Angestellten sich kritisch geäußert hatten über die Tatsache, dass ihr, einer einfachen Schaufensterdekorateurin, eine Geschäftsreise zu einer Einzelhandelstagung in einem Luxushotel in Fort Lauderdale bewilligt worden war. „Ich glaube, Sam hat seine Beziehungen spielen lassen, um zu erreichen, dass sie meine Spesen zahlen, weil er weiß, dass ich das Geld für mein Studium gut gebrauchen kann. Ich meine, schließlich ist mein Antrag anfangs abgelehnt worden. Ich war genauso überrascht wie alle anderen, als ich hörte, Troy hätte es sich anders überlegt und Sam erlaubt, mich hinzuschicken!“

„Na ja, und das Foto in der Zeitung hat auch nicht gerade geschadet“, warf Jess schmunzelnd ein. „Ich war dabei, oder hast du das schon vergessen? Ich sah, wie sich die Leute vor deinem Fenster drängten, nachdem es in der Boca Gazette abgebildet worden war – sogar die alte Mrs. Langtree kam, um es sich anzusehen, nicht? He, vielleicht war sie die gute Fee, die deine Reisekosten bewilligt hat.“

Chloe lächelte bei der Erinnerung an ihre freudige Überraschung, als sie ein Foto einer ihrer Schaufensterdekorationen in der Lokalzeitung entdeckt hatte. Es war das Fenster, an dem sie gearbeitet hatte, als Troy Langtree seine Reifenpanne hatte. Nachdem er in jener Nacht weggefahren war, ohne den Laden zu betreten, war sie mit einem Mal unglaublich kreativ geworden. Ihr ursprüngliches Konzept hatte sie verworfen und nach einem Ausflug in nahezu sämtliche Abteilungen des Kaufhauses eine geniale Fensterdekoration geschaffen – eine hübsch angezogene Frau, die fasziniert eine gut gebaute männliche Schaufensterpuppe beobachtete, die mit nacktem Oberkörper in einem aus Konfetti und Ventilatorluft erzeugten Regenschauer tanzte.

Troy hatte nichts dazu gesagt. Wahrscheinlich sah er nicht mal die Verbindung; er konnte ja nicht wissen, dass sie ihn in jener Nacht beobachtet hatte. Aber die Publicity hatte er bemerkt, von den Menschenmengen vor dem Fenster ganz zu schweigen. Genau wie seine Großmutter, die Chloe am Tag nach dem Erscheinen des Fotos zu einem privaten Gespräch zu sich gebeten hatte. Und zwei Tage später hatte Troy ihre Reisekosten genehmigt.

Chloe hatte noch nicht gehört, was Troy von ihrer neuesten Schöpfung hielt, die das Schaufenster am Eingang schmückte. Nachdem sie vergeblich nach dem Mann gesucht hatte, der irgendwo unter den konservativen Anzügen und gelangweiltem Gesichtsausdruck existieren musste, hatte sie am vergangenen Freitagabend wieder etwas bisschen übertrieben.

Mit denselben Schaufensterpuppen aus dem Szenario im Regen war es ihr gelungen, den Tagtraum einer Frau wiederzugeben. Die weibliche Puppe stand unmittelbar vor der langweilig, aber elegant gekleideten männlichen Schaufensterpuppe, und träumte von seinem Doppelgänger, der, nur in hauchdünne Gazetücher eingehüllt, in einer Ecke des Schaufensters stand.

„Vielleicht hast du recht“, sagte sie schließlich. „Mrs. Langtree war sehr freundlich, als wir uns trafen, insbesondere für jemanden, der ganz allgemein als weißhaariger Piranha gilt.“

„Unterschätz sie nur nicht.“

Chloe zuckte mit den Schultern. Sie verstand immer noch nicht so recht, warum die alte Dame mit ihr hatte reden wollen, nachdem das Foto in der Zeitung erschienen war. Oder warum sie sie so prüfend angesehen und ihr Fragen nach ihrem Privatleben gestellt hatte. Aber vielleicht waren ja alle reichen Leute ein bisschen seltsam und glaubten das Recht zu haben, ihre jüngeren Angestellten zu fragen, ob sie allein stehend waren, rauchten oder sich Kinder wünschten.

„Ich weiß nicht, wieso du hier überhaupt noch arbeitest“, fuhr Jess fort. „Dein Studium ist fast beendet. Du wirst einen wunderbaren Job als Einkäuferin oder Abteilungsleiterin bekommen, sobald du deinen Abschluss hast.“

„Wenn meine Mutter, meine Schwester und ich bis dahin nicht von Dosenravioli leben wollen, muss ich zusehen, dass Geld hereinkommt.“

Jess biss sich auf die Lippe. „Natürlich. Deine Mutter hat noch immer keinen neuen Job?“

Chloe schüttelte den Kopf und wandte sich ab, da sie über die finanzielle Lage ihrer Familie nicht gern sprach.

„Nun“, sagte Jess, „jedenfalls bin ich froh, dass du auf diese ‚Geschäftsreise‘ gehen kannst. Es wird so etwas wie ein Kurzurlaub für dich sein.“

Ein netter Gedanke, aber Chloe sah die Reise zu der luxuriösen Ferienanlage keineswegs als Urlaub an. Sie gedachte die Konferenz zu nutzen, um so viel wie möglich über die Einzelhandelsindustrie in Südflorida zu erfahren. Und sie brauchte die Kontakte, die sie während dieser Tagung knüpfen konnte. Schließlich war sie bereits vier Jahre älter war als ihre Mitstudenten, die mit ihr den College-Abschluss machten.

Nach der High School war sie gezwungen gewesen, einige Jahre ganztags als Verkäuferin zu arbeiten, um das Geld für ihr Studium aufzubringen. Man hatte ihr ein Stipendium angeboten – aber das hätte nicht ausgereicht, um die Miete für das kleine Haus ihrer Familie zu bezahlen. Mit ihrem Gehalt als Schaufensterdekorateurin konnte sie es.

Die letzte feste Stelle ihrer Mutter – in einem Anwaltsbüro – war Chloe vor ein paar Jahren wie ein wahr gewordener Traum erschienen, zumal sie sich endlich ganztägig ihrem Studium widmen konnte. Chloe wusste, dass ihre Mutter sich ihrer Familie zuliebe bemüht hatte, durchzuhalten. Sie war dreieinhalb Jahre geblieben – die längste Zeit, die Jeanine Weston-Jackson-Smith je in ihrem Leben einen Job behalten hatte. Während dieser Zeit hatte sie Chloes Studiengebühren mitgetragen. Und mit vereinten Kräften hatten sie es sogar geschafft, ein hübsches Sümmchen anzusparen, damit ihre Halbschwester, Morgan, nicht das Gleiche zu tun brauchte wie Chloe. Ihre kleine Schwester würde an einem angesehenen College zu studieren beginnen, wenn sie im nächsten Jahr die High School abschloss.

Aber im Moment war ihre Mutter wieder einmal arbeitslos und widmete sich mit Feuereifer ihren jüngsten künstlerischen Ambitionen: der Herstellung von Keramikfiguren für den Rasen. Und dann war da auch noch ihre Romanze mit einem Mann, den sie erst kürzlich in einem Reformhaus kennen gelernt hatte.

Wann immer sie einen finanziellen Engpass hatten, begann ihre Mutter wehmütig von Morgans College-Geld zu sprechen, aber Chloe hatte sie schwören lassen, es nicht anzurühren. Sie wollte nicht, dass ihrer hochintelligenten Schwester eine gute Ausbildung entging. Und trotz des verräterischen Glanzes in ihren Augen, wenn sie über das Konto sprachen, hatte Jeanine ihr darin zugestimmt.

Und so war Chloe wieder einmal gezwungen, ihre Familie finanziell zu unterstützen. Wenn sie die Nachtarbeit bis Ende des Jahres durchhielt, würde sie vor Weihnachten ihren Abschluss machen und zu Neujahr vielleicht schon eine gut bezahlte Stelle haben.

Die Kontakte, die sie auf dieser Reise knüpfen würde, konnten ihr möglicherweise bei der Verwirklichung dieses Wunsches helfen. Aber Jess hatte recht – ein paar ruhige Tage am Pool einer luxuriösen Ferienanlage konnte sie auf jeden Fall gebrauchen.

„Vielleicht lernst du dort einen aufregenden Mann kennen, der dich all deine Probleme vergessen lässt.“

Chloe zuckte mit den Schultern. „Ich habe allmählich das Gefühl, als gäbe es überhaupt keine aufregenden Männer. Die jungen, gut aussehenden, unbeschwerten scheinen immer nur das eine zu wollen. Die älteren, erfolgreichen und seriösen sind entweder schon vergeben oder unerträglich arrogant.“

„Und was ist mit den jungen, verantwortungsbewussten, erfolgreichen?“, warf Jess ein. „Wie Troy Langtree?“

Chloe errötete. „Er ist nicht das, was ich suche. Ein Mann, der einen Job behalten kann, wäre etwas Wunderbares – aber er müsste zumindest in der Lage sein, über einen guten Witz zu lachen. Troy Langtree habe ich noch nie über irgendetwas lächeln sehen, das nichts mit Finanzen oder Verkaufsstatistiken zu tun hatte.“

„Nun, was sein Verhalten hier bei der Arbeit angeht, magst du recht haben“, stimmte Jess ihr zu. „Aber ich bin einige Monate länger hier als du und habe Gerüchte über ihn gehört. Möglicherweise ist er nach Ladenschluss gar nicht so schrecklich spießig, wie er uns hier glauben machen will. Privat ist er vielleicht ganz anders.“

Chloe wusste selbst am besten, dass er anders war, als er zu sein vorgab. Leider hatte sie ihn seit jener Nacht nach Ladenschluss nicht mehr gesehen. „Es gibt Tage, an denen er so pedantisch ist, dass er wahrscheinlich nicht einmal zum Barbecue in seinem eigenen Garten seinen Sechshundert-Dollar-Anzug ausziehen würde.“

„Vielleicht hast du Glück am Wochenende“, fuhr Jess mit ihrem Lieblingsthema fort. „Vielleicht stimmen die Gerüchte ja, und privat ist er tatsächlich anders. He, vielleicht verliebst du dich sogar in ihn während der Tagung!“

Chloe ließ das Bein einer Schaufensterpuppe auf ihren rechten Fuß fallen und zuckte vor Schmerz zusammen. „Was redest du da?“, murmelte sie und humpelte zum Schreibtisch, um sich hinzusetzen.

„Nun, du weißt doch, dass er auch hinfährt.“

„Nein, tut er nicht. Die Veranstaltung ist für Vertreter, Einkäufer und PR-Leute, nicht für Kaufhauseigentümer.“

Jess zog eine Augenbraue hoch. „Selbstverständlich wird er da sein. Er fährt jedes Jahr hin. Außerdem habe ich ihn heute Nachmittag mit seiner Sekretärin darüber reden hören. Wusstest du das nicht?“

„Und wenn schon. Wie gesagt, er ist nicht mein Typ.“

„Für eine langfristige Beziehung vielleicht nicht“, räumte Jess ein. „Aber warum solltet ihr nicht während der Tagung eine heiße Affäre miteinander haben?“

„Ich habe keine Affären.“ Wenn in meiner Familie jemand heiße Affären hat, dann ist es meine Mutter, dachte Chloe. „Und ich bezweifle, dass Troy Langtree sich auf so etwas einlässt.“

„Dass du keine hast, heißt nicht, dass du keine haben könntest“, meinte Jess. „Wird es nicht höchste Zeit, dass du dir mal eine Pause gönnst und dich ein bisschen amüsierst? Okay, du weißt, dass du mit diesem Spießer nichts gemeinsam hast und auch vermutlich nie eine ernsthafte Beziehung mit ihm haben könntest. Na und? Das hindert dich doch nicht daran, mit ihm ins Bett zu gehen und ein paar wilde Nächte mit ihm zu verbringen.“

Chloe schloss die Augen. Was Jess vorschlug, war unmöglich. Selbst wenn sie es gewollt hätte, hatte Troy Langtree doch bisher durch nichts erkennen lassen, dass er sich in irgendeiner Weise für sie interessierte.

„Vergiss es“, sagte Chloe kopfschüttelnd. „Es ist schließlich keine Vergnügungsreise. Und privat will ich mit dem Geschäftsleiter unserer Firma nichts zu tun haben.“ Es sei denn, der Reifenwechsler und Regentänzer, taucht wieder auf, dachte sie. Dann würde ich mich vielleicht überreden lassen.

„Wie du meinst.“ Jess stand auf. „Aber wenn du die Suche nach dem Richtigen aufschiebst, bis du dein Studium beendet hast und deine Mutter und deine Schwester versorgt sind, wirst du womöglich feststellen, dass dein Traummann längst verheiratet ist … oder so alt, dass er Viagra braucht!“

Trotz der erbarmungslosen Nachmittagssonne, die auf seinen nackten Rücken schien, beschloss Trent Langtree am Freitag gegen fünf, noch eine letzte Runde durch den Park des Ferienhotels zu drehen. Er war schon seit Tagesanbruch auf dem Gelände, und es war ein langer, aber produktiver Tag gewesen. Und dieser Auftrag war die Mühe wert. Außerdem waren lange Arbeitstage im Freien immer noch besser, als in dem Kaufhaus zu arbeiten, das seiner Familie gehörte, wie sein Zwillingsbruder Troy es tat.

Dieses Zweihunderttausend-Dollar-Projekt im Dolphin-Island-Ferienkomplex war der größte Auftrag, den seine seit drei Jahren bestehende Firma für Landschaftsgestaltung je erhalten hatte, und er konnte verdammt rücksichtslos sein, wenn es darum ging, die Sache über die Bühne zu bringen. Seine Mitarbeiter beklagten sich weder über die langen Arbeitsstunden noch über die technische Vollkommenheit, die er verlangte. Sie wussten genauso gut wie er, wie viel von diesem Auftrag abhing. Und alle hatten bei korrekter Erledigung des Auftrags einen Bonus zu erwarten.

Für Trent war der Einsatz sogar noch höher. Die Bezahlung war gut und würde die Firma eine Zeit lang über Wasser halten. Aber viel wichtiger war ihm die Publicity, die ihm dieser Auftrag einbringen konnte. Um mit seiner Firma, ‚The Great Outdoors‘, Erfolg zu haben, musste er sich unter den oberen Zehntausend Südfloridas einen Kundenkreis aufbauen.

„Das könntest du mit ein paar Anrufen erreichen“, pflegte Jason, sein zuverlässigster Vorarbeiter, zu sagen. Und er hatte recht. Ein paar Anrufe bei Trents früheren Freunden und Kollegen würden ihm mehr lukrative Aufträge einbringen, als er bewältigen könnte. Aber Trent wollte es nicht auf diese Art zu etwas bringen.

Als er bei seiner Großmutter ausgezogen war, hatte er gesagt, er wolle es allein und ohne Unterstützung der Familie schaffen. Sophie Langtree war alles andere als begeistert gewesen, aber Trent war fest geblieben. Weder ihre Bitten noch ihre Tränen hatten ihn umstimmen können; und ihre Drohungen schon gar nicht.

Trent liebte die alte Dame und den Rest seiner Familie, aber er hatte ihnen fünf Jahre seines Erwachsenenlebens geopfert und versucht zu tun, was sie von ihm erwarteten. Fünf Jahre war er in Anzug und Krawatte ins Büro gegangen. Fünf Jahre hatte er an Meetings teilgenommen und sich für die Voraussagen der Einkäufer hinsichtlich der nächsten Modetrends zu interessieren versucht, damit das Kaufhaus der Familie auch weiterhin Gewinne machte.

Fünf Jahre, in denen er gewusst hatte, dass er nie wirklich glücklich sein würde, wenn er tat, was seine Familie von ihm erwartete.

Vor ein paar Wochen war Trent an einem grauen, regnerischen Abend sogar zum Kaufhaus gefahren, nur um sich noch einmal vor Augen zu führen, was für ihn auf dem Spiel stand. Ausgerechnet dort hatte er eine Reifenpanne gehabt, was seinen Bruder Troy über alle Maßen belustigt hatte, als er ihm am nächsten Tag bei einer Familienfeier davon erzählte. Grinsend hatte Troy bemerkt, wahrscheinlich habe ihre Großmutter Nägel auf dem Parkplatz ausgestreut, um Trent dort festzuhalten. Als er zugab, dass er den Reifen vor dem Haupteingang des Kaufhauses gewechselt hatte, mit nacktem Oberkörper und im strömenden Regen stehend, fand seine Großmutter das alles andere als amüsant. Aber Sophie Langtree fand außer Umsätzen und Verkaufsaktionen ohnehin nur selten etwas amüsant.

Troy hingegen war wie geschaffen für dieses Leben. Ihm gefiel die konservative Atmosphäre des Geschäfts. Er liebte Ordnung, geregelte Arbeitszeiten und Termine. Er trug sogar gern einen Schlips! Am meisten liebte er natürlich das Geld, das ihm erlaubte, mit dem Luxus der ständig wechselnden Frauen in seinem Leben Schritt zu halten.

Trent liebte die Hitze der Sonne auf seinem Rücken und ihr gleißend helles Licht in seinen Augen. Das Geräusch des Winds, der die Palmen während eines Sturms peitschte, das Plätschern der Wellen an einem verlassenen Strand und den Geruch frisch gemähten Grases an einem Sommernachmittag. Er liebte es, mit seinen Händen Erde zu berühren.

Niemand hatte verstanden, warum er nach fünf Jahren aus dem Familienunternehmen ausgeschieden war. Seine Großmutter nicht, seine im Ruhestand lebenden Eltern nicht, und Troy natürlich auch nicht. Und erst recht nicht Jennifer, die Frau, von der er geglaubt hatte, sie liebe ihn. Seine Verlobte hatte ihm prompt seinen Ring zurückgegeben, als sie erfahren hatte, dass er aus dem Familienunternehmen ausscheiden wollte, um „Rasen zu mähen“, wie sie es nannte.

Es gibt Dinge, die erfährt man besser früher als später, dachte er. Wie die Tatsache, dass seine Verlobte eine raffgierige gesellschaftliche Aufsteigerin war, die sich prompt an seinen Zwillingsbruder herangemacht hatte, als ihr klar geworden war, dass Trent sie nicht mit Mercedes-Cabrios versorgen würde.

Seine geplatzte Verlobung war eine interessante Lektion für ihn gewesen. Anfangs hatte es ihm etwas ausgemacht, aber das war längst vorbei. Ihm gefiel sein Leben, wie es heute war. Es war schön, morgens aufzuwachen und einen Tag voll harter körperlicher Arbeit vor sich zu haben. Und genau das gedachte er auch weiterhin zu tun. Aber nur, wenn es sich bezahlt machte – und zwar möglichst bald. Seine Großmutter würde sich nicht ewig vertrösten lassen.

„Bis zu deinem einunddreißigsten Geburtstag“, hatte sie gesagt. „Solltest du bis dahin keine finanziellen Erfolge vorzuweisen haben, musst du mir versprechen, dass du wieder in die Firma einsteigst.“

Und er war dumm genug gewesen, es ihr zu versprechen. Er hatte diesbezüglich sogar ein verbindliches Dokument unterzeichnet. Vor drei Jahren, als er geglaubt hatte, vor Frustration verrückt zu werden, wenn er auch nur noch eine einzige weitere Sitzung mit Einkäufern und Direktoren über sich ergehen lassen müsste, hätte er buchstäblich alles unterschrieben. Aber jetzt, wo sein einunddreißigster Geburtstag nahte – und die Frist, die seine Großmutter ihm gesetzt hatte –, fühlte Trent sich unter Druck gesetzt.

Dieser Auftrag konnte ihm den Erfolg bringen – aber er konnte ihn auch ruinieren. Angesichts der hohen Tagessätze der Konventionalstrafe für zu späte Fertigstellung und der geringen Gewinnspanne, die er eingeplant hatte, um den Auftrag zu bekommen, konnte er sich nicht den kleinsten Fehler leisten.

Als er über die neu angelegten Rasenflächen ging, schaute Trent auf und sah schwere dunkle Wolken am Himmel aufziehen. Er roch den unverwechselbaren Geruch eines nahenden Gewitters und lächelte zufrieden, weil er wusste, dass der Regen dem neu angelegten Rasen zugutekommen würde. Tief atmete er die Meeresluft ein, die kühl war vom heranziehenden Sturm, und genoss die Kraft der Elemente.

Aber sich während eines Gewitters in der Nähe des Strandes aufzuhalten, war nicht empfehlenswert. Nachdem er seinen Leuten zugewinkt hatte, die sich zur Abfahrt bereit machten, ging Trent mit großen Schritten auf das Hauptgebäude der Ferienablage zu. Zum Glück hatte er ein Zimmer für das Wochenende gebucht. Er hatte wichtige Besprechungen mit dem Architekten des neuen Flügels, der sich noch im Bau befand, und er wollte auch ein paar Tage hier verbringen, um zu sehen, wie seine Pflanzen sich entwickelten. Das Hotel hatte sich sogar bereit erklärt, seine Rechnung zu übernehmen, was eine echte Überraschung war angesichts des bisher gezeigten Geizes des Hoteldirektors.

Da Trent in den letzten Jahren jeden Penny in sein Geschäft gesteckt hatte, hatte er kein Geld für Urlaub. Nicht, dass dies ein Urlaub wäre – es würde auf jeden Fall ein Arbeitswochenende werden. Aber dennoch gab es schlechtere Orte, um zu arbeiten, als eine luxuriöse Ferienanlage mit Golfplätzen, Pools, Mineralquellen und endlosen weißen Sandstränden.

Als die ersten dicken Regentropfen fielen, zuckte ein weiterer Blitz am Himmel auf. Trent hatte den Poolbereich erreicht, der auf den Strand hinausging. Er war fast menschenleer. Nur eine einzige Frau hielt sich hier noch auf.

„Verrücktes Frauenzimmer“, murmelte Trent, während er die Frau beobachtete, die sich jetzt träge von einer Liege auf der anderen Seite des Pools erhob. Anstatt ihre Badesachen einzupacken, wandte sie sich zum Meer um und blickte auf das aufgewühlte Wasser.

Trent fuhr fort, sie zu beobachten, wobei ihm ihre ausgeprägten Kurven in ihrem winzigen schwarzen Bikini auffielen. „Hübsch“, murmelte er mit einem bewundernden Blick auf die schön geschwungene Linien ihrer Hüften, die sich zu einer schmalen Taille verjüngten, und betrachtete die langen, braun gebrannten Beine und ihren glatten Rücken. Ihr lockiges braunes Haar wurde von einer Spange lose in ihrem Nacken zusammengehalten und reichte ihr bis kurz über die Schultern.

Plötzlich fragte er sich, welche Farbe ihre Augen haben mochten. Und ob sie lächelte, als sie zu dem aufgewühlten Ozean und dem grauen Himmel hinüberblickte.

„Sie sollten hereinkommen, bevor das Gewitter schlimmer wird!“, rief jemand. Als Trent sich umblickte, sah er einen Hotelangestellten, der Stühle unter einem Vordach aufstapelte. Er meinte offenbar die Frau, doch sie beachtete ihn nicht, sondern streckte ihre Arme aus und legte den Kopf zurück, als wolle sie den Himmel herausfordern.

Trent beobachtete sie fasziniert und fragte sich, wer sie war und wieso er sie so anziehend fand, obwohl er doch bisher nicht einmal ihr Gesicht gesehen hatte.

Dann wandte sie sich um, langsam, als widerstrebte es ihr, hineinzugehen. Von der anderen Seite des Pools bemerkte sie ihn, und ihr Blick begegnete seinem. Und da lächelte sie – das sonnigste, unbeschwerteste, fröhlichste Lächeln, das er je gesehen hatte.

2. KAPITEL

Als Chloe zur anderen Seite des Pools blickte, wusste sie, dass sie ihren Heiden wieder gefunden hatte. Mit nacktem Oberkörper, in engen, nicht sehr sauberen Jeans, stand Troy unter einer Markise in der Nähe der geschlossenen Poolbar und beobachtete sie. Sein Blick war seltsam eindringlich, und fast hätte sie eine Hand nach ihm ausgestreckt, aus dem verrückten Impuls heraus, ihn zu einem Tanz im Regen aufzufordern.

Dann war er bei ihr, nahm ihr Buch, ihre Sonnencreme und ihre Sonnenbrille und steckte sie in ihre Strandtasche. Chloe blieb kaum Zeit, ihr Badetuch aufzuheben, bevor Troy sie am Arm packte und zum Gebäude hinüberzuziehen versuchte.

„An einem Pool sollte man sich nicht bei Gewitter aufhalten“, sagte er.

Chloe nickte zustimmend und blieb nur noch einmal stehen, um ihre Sandalen aufzuheben, bevor sie mit ihm zum Hoteleingang hinüberlief. Sie war kein bisschen überrascht, das Lachen auf seinen Lippen zu sehen, als es im selben Augenblick, als sie das Foyer betraten, draußen wie aus Eimern zu schütten begann.

„Wir haben es gerade noch geschafft.“ Er schüttelte den Kopf, so dass Wassertropfen aus seinem Haar auf ihr Gesicht und ihren Hals flogen. Als er sein dichtes feuchtes Haar zurückstrich, sah Chloe etwas an seinem Ohrläppchen aufblitzen und bemerkte, dass er einen kleinen goldenen Ohrstecker trug. Sie wäre nicht einmal im Traum auf die Idee gekommen, dergleichen bei Troy Langtree zu erwarten – in der Firma hatte er ihn jedenfalls nie getragen! Und jetzt konnte sie an nichts anderes mehr denken, als wie aufregend es wäre, mit den Lippen über den kleinen Ohrstecker zu streichen …

Sie erschauerte ganz unwillkürlich.

„Alles in Ordnung?“

Sie nickte, noch immer ein bisschen atemlos. Beide lehnten an der Wand am Eingang des Hotels. „Danke, ja“, gelang es ihr schließlich zu sagen. „Ich liebe stürmisches Wetter. Wenn es nicht zu gefährlich wäre, würde ich jetzt zum Strand hinunterlaufen.“

Er nickte. „Um den starken, salzhaltigen Wind zu spüren.“

„Und das Donnern der Brandung zu hören.“

„Und den Duft des Meeres zu riechen und das Gefühl zu haben, nie etwas Frischeres geatmet zu haben.“

„Klingt himmlisch“, sagte sie mit einem Seufzer.

„Die meisten Leute würden uns für verrückt halten.“ Dann lachte er über sich selbst. „Aber man hat mich schon Schlimmeres genannt. Wie wär’s, wenn wir es auf ein andermal verschieben? Wenn kein Gewitter ist.“

„Ja, warum nicht.“ Chloe blickte auf seine sonnengebräunte, erstaunlich muskulöse nackte Brust. Er hatte breite Schultern, aber schmale Hüften. Chloe biss sich auf die Unterlippe, als sie ihren Blick tiefer gleiten ließ, zu dem dunklen Flaum auf seinem flachen Bauch, der im Bund seiner engen, nassen Jeans verschwand.

Wie lange hatte ich schon keinen Sex mehr? fragte sie sich unwillkürlich und hatte Mühe, die erotischen Bilder zu vertreiben, die sie bestürmten. Bemüht, sich wenigstens den Anschein von Gelassenheit zu geben, riskierte sie einen weiteren Blick auf seine nackte Brust. „Haben Sie Ihr Hemd verloren?“

Er bemerkte offenbar, dass sie ihn anstarrte, denn er schenkte ihr ein überaus charmantes Lächeln, wie sie es an Troy Langtree noch nie zuvor gesehen hatte.

„Es war zu heiß draußen. Aber Sie haben ja auch nicht sehr viel an.“

Sie folgte seinem Blick und schaute an sich herab. Ihr Bikinioberteil, das ihr eher dezent erschienen war im Vergleich zu einigen, die sie vorhin am Pool gesehen hatte, kam ihr plötzlich viel zu knapp vor. Ihre Brüste wölbten sich über den Rand des Stoffs. Sie fröstelte in der klimatisierten Eingangshalle, und es war nicht zu übersehen, dass ihre Brustspitzen aufgerichtet hatten.

Als sie den Blick wieder zu Troy erhob, sah sie, dass er sie mit funkelnden Augen betrachtete. Chloe erschauerte beinahe wieder. „Ich bin noch nicht dazu gekommen, meinen Pareo umzulegen“, flüsterte sie.

Langsam schüttelte er den Kopf. „Bemühen Sie sich meinetwegen nicht.“

Sie hätte es aber tun sollen. Sie wusste, es wäre besser. Sie hielt das verflixte Ding in ihren Händen; sie hätte es sich nur umzulegen brauchen. Aber Chloe war zu keiner Bewegung, zu keinem vernünftigen Gedanken fähig. Troys Blick glitt höher und verweilte auf ihrem Gesicht – auf ihren Lippen.

Jetzt wird er mich gleich küssen, dachte sie.

„Selbst auf die Gefahr hin, dass es furchtbar abgedroschen klingt, muss ich Ihnen etwas sagen. Sie haben ein wundervolles Lächeln.“

Lächeln? Damit konnte er doch unmöglich das alberne Grinsen meinen, als sie sich vorstellte, er könne sie in seine Arme nehmen und die Lippen auf ihren Mund pressen? Allein bei dem Gedanken, die Arme dieses Mannes um sich zu spüren, seine Hände auf ihrer Taille und seine Lippen auf ihren, bekam sie weiche Knie.

„Danke“, murmelte sie. Dann versuchte sie, zu scherzen und mit einer Anspielung an seine sonstige Reserviertheit die Atmosphäre etwas aufzulockern. „Sie auch. Obwohl ich bisher wirklich noch nicht viel davon gesehen habe.“

Ein Hotelangestellter kam durch den langen Gang in ihre Richtung. Chloe trat einen Schritt zurück, um sich Troys sinnlicher Ausstrahlung zu entziehen. Sie schaute sich um, doch wie magisch angezogen kehrte ihr Blick zu ihm zurück. Zu seinem gut aussehenden Gesicht, der Vollkommenheit seines nackten Oberkörpers und seinen braun gebrannten Händen. Wieso hatte sie noch nie bemerkt, wie kräftig diese Hände waren?

„Ich sollte jetzt gehen und mich für das Bankett umziehen“, murmelte sie, als sie den neugierigen Blick eines vorbeigehen Hotelangestellten sah.

„Warum treffen wir uns nicht später? Nach Ihrem Bankett.“

Sie hätte Nein sagen sollen. Hier geschah etwas, das weder mit dem Kaufhaus noch mit der Einzelhandelskonferenz zu tun hatte. Etwas Elementares wie der Sturm, der draußen die Markisen schüttelte. Sie hätte sich abwenden und sich ins Gedächtnis rufen sollen, was wichtig war. Ihr Studium, ihre Arbeit und Familie. Aber ganz bestimmt kein Mann. Nicht einmal ein umwerfend charmanter, attraktiver Mann, der ihr den Atem raubte.

Sie nickte. „Okay.“

„In der Bar? Um zehn Uhr in der Bar?“

Wieder nickte sie. „Ich werde da sein.“

Um fünf nach zehn stand Chloe in ihrem Hotelzimmer und starrte ihr Spiegelbild über dem Waschbecken an. Troy war zu dem festlichen Abendessen nicht erschienen, so dass sie ihn seit Stunden nicht gesehen hatte. Sie hatte also genug Zeit gehabt, zu überlegen, ob sie nicht lieber einen Rückzieher machen sollte.

„Das kannst du nicht. Das weißt du, nicht?“, sagte sie zu ihrem Spiegelbild.

Nur auf einen Drink.

„Von wegen nur auf einen Drink. Du hast das Knistern zwischen euch gespürt, Chloe Weston. Wenn du dich heute Abend mit ihm triffst, bist du morgen früh wahrscheinlich immer noch mit ihm zusammen.“

Wäre das denn so schlimm?

„Allerdings. Du kannst nicht mit deinem Chef ins Bett gehen. Dazu ist dein Job zu wichtig. Ihn zu verlieren, würde bedeuten, dein Studium aufzugeben und dir einen Ganztagsjob zu suchen, um die Miete zahlen zu können.“

Wann würde ihr Leben endlich genauso wichtig sein wie ihre Arbeit? Wann würde sie endlich leben können?

Chloe trug die Verantwortung für ihre Mutter und Schwester praktisch schon seit ihrem zwölften Lebensjahr, gleich nachdem der zweite Ehemann ihrer Mutter sie verlassen hatte. Das war das schlimmste Jahr gewesen, als Chloe und Morgan für Monate von ihrer Mutter getrennt worden waren. Als sie endlich wieder zusammen waren, hatte Chloe beschlossen, dass nichts sie jemals wieder trennen würde.

Und so war Chloe es, die lernte, eine ansteckende Krankheit zu simulieren, wenn der Vermieter klingelte. Die als Babysitter bei den Besitzern eines Geschäfts für Kindermoden arbeitete, um Morgan anständig zu kleiden. Zwischen all den Ehemännern und Freunden ihrer Mutter, Städten, Leuten und Jobs hatte Chloe eins nie vergessen: dass sie es war, die die Familie zusammenhalten musste. Morgan war zu jung dazu und Jeanine zu unzuverlässig.

Ihrem Herz zu folgen war etwas, das Chloe sich normalerweise nicht erlaubte. Aber warum nicht wenigstens dieses eine Mal? Du weißt, dass du es willst. Sei kein Feigling.

„Ach, hör auf“, fuhr sie diese heimtückische innere Stimme an. Manchmal stellte sie sich einen kleinen Teufel auf ihrer linken Schulter vor, der sie beriet, wenn sie sich fragte, ob sie etwas richtig Dummes tun sollte. Auf ihrer anderen Schulter hockte zwar kein Engel, aber eine Miniaturausgabe von Schwester Mary Frances. Die Nonne war auf einer Klosterschule ihre Lehrerin gewesen. Das war, bevor ihr leiblicher Vater sie verlassen hatte und sie noch ein halbwegs normales Leben geführt hatten.

Chloe hatte fast das gesamte eine Jahr auf dieser Klosterschule in der Ecke sitzen müssen, bis sie lernte, sich wie eine anständige junge Dame zu benehmen. Statt jedoch Geduld zu lernen und Gehorsam, hatte Chloe die Zeit genutzt, um sich Möglichkeiten auszudenken, es dem „Pinguin“ heimzuzahlen, wie die Kinder Schwester Mary Frances nannten. Und deshalb hatte Schwester Mary Frances’ Stimme auch nur selten den Sieg über das Teufelchen davongetragen.

Als Chloe schließlich keine Lust mehr hatte, sich mit ihrem Spiegelbild zu unterhalten, schnappte sie sich ihre Handtasche und fuhr nach unten.

Sie entdeckte Troy am Tresen der Bar, und sofort war jeglicher Gedanke an Flucht vergessen. Nicht, weil er sie gesehen hatte, sondern mehr wegen der Art, wie er sie ansah, als er aufstand und ihr entgegenkam. Das war kein Troy-Langtree-Blick, der männliche Überheblichkeit vermittelte.

Nein, sein Blick verriet Erleichterung, Bewunderung und freudige Erwartung. „Ich hatte schon Angst, Sie würden mich versetzen“, sagte er mit seltsam rauer Stimme.

„Ich hätte es fast getan.“

„Und warum sind Sie dann gekommen?“

Chloe versuchte, sich den Anschein von Gelassenheit zu geben. „Weil ich durstig war.“

Troy lächelte, als er sie zu einem etwas abgelegenen Tisch führte, der durch einige große Zimmerpflanzen noch intimer wirkte.

Er schien ihre plötzliche Unruhe zu bemerken. „Ist das in Ordnung? Ich habe einen ruhigen Tisch gewählt, damit wir reden können.“

Sie schluckte. „Hm, ja. Natürlich.“

Nachdem er ihren Stuhl für sie herangezogen hatte, nahm er ihr gegenüber Platz. „Bitte machen Sie sich keine Sorgen. Ich weiß, dass Sie geschäftlich hier sind und eigentlich gar nicht vorhatten, sich mit einem Mann zu treffen, den Sie noch gar nicht richtig kennen.“

„In einer schummrigen Hotelbar mit leiser Tanzmusik“, murmelte sie und schüttelte den Kopf. „Das ist wirklich gänzlich untypisch für mich. Ich bin sonst eher langweilig. In meiner Geschichte gibt es keine Abenteuer in Hotelbars. Ich bin wie ein offenes, langweiliges Buch.“

Er griff nach ihrer Hand, die sie erhoben hatte, um ihr Haar zurückzustreichen. „Das bezweifle ich sehr. Ich habe Sie vorhin am Pool gesehen und bin mir sicher, dass Sie verborgene Seiten haben, die ich gern erforschen würde“, sagte er mit leiser, verführerischer Stimme. „Lassen Sie uns einfach für eine Weile vergessen, wer wir ‚normalerweise‘ sind.“

Chloe starrte ihn an und fragte sich, wie er das meinte. Offenbar verstand Troy sein wahres Ich gut zu verbergen – so gut, dass nicht einmal sie in den vergangenen zwei Wochen eine Spur des Reifen wechselnden, im Regen tanzenden Mannes unter den eleganten dreiteiligen Anzügen entdeckt hatte. Anscheinend führte er ein raffiniertes Doppelleben und legte sein privates Ich ebenso mühelos ab wie seinen kleinen Ohrstecker, den sie so sexy fand.

Warum sollte sie es also nicht versuchen?

Er musste die Unentschlossenheit in ihrem Blick gesehen haben. „Vergessen wir doch einfach mal die Gründe, warum wir jetzt nicht hier zusammensitzen sollten. Sehen wir es doch einmal so: Heute Abend sind wir zwei Menschen, die einen interessanten Abend miteinander verbringen und einander kennen lernen. Das ist alles.“

„Das ist wirklich alles?“

„Ja.“ Er senkte die Stimme, sein Blick wurde noch eindringlicher. „Es sei denn, wir beschlössen beide, mehr daraus zu machen.“

„Na schön.“

Er sah sie fragend an. „Sie bleiben also?“

Chloe atmete tief durch und nickte. „Ja.“

„Das freut mich.“ Lächelnd winkte er einer Kellnerin. „Einen Rumpunsch? Etwas Tropisches, das zum Ambiente passt?“

„Ja, aber nur einen, denn sonst tanze ich auf dem Tisch.“

„Oh, das würde ich gern sehen. Vor allem mit diesem kurzen Rock.“ Chloe errötete, und er lachte leise. „Keine Angst, ich mache mir kein falsches Bild von Ihnen. Sie sehen fabelhaft aus. Sexy wie die Sünde, aber trotzdem sehr geschmackvoll. Sie lassen erkennen, dass Sie eine begehrenswerte Frau sind, ohne es zu sehr zur Schau zu stellen.“

„Nun, ich nehme an, Sie kennen sich mit Damenkleidung aus“, murmelte sie verlegen, war aber froh, dass sie sich für den engen schwarzen Minirock und die hauchzarte schwarze Strumpfhose entschieden hatte.

„Sollten wir uns nicht vorstellen?“

„Pardon?“

„Wir sind Fremde. Wird es da nicht Zeit, uns vorzustellen?“