cover
Brigitte Teufl-Heimhilcher

Neubeginn im Rosenschlösschen





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Titel-Seite

Brigitte Teufl-Heimhilcher

Neubeginn im Rosenschlösschen

Impressum

Die Originalausgabe erschien 2015

bei Brigitte Teufl-Heimhilcher

www.teufl-heimhilcher.at

1. E-Book-Auflage 2015

© 2015 Brigitte Teufl-Heimhilcher

Publishing Rights © 2015 Brigitte Teufl-Heimhilcher

E-Book-Erstellung & Cover-Gestaltung: mach-mir-ein-ebook.de

ISBN-13: 978-3-9504042-0-3

ISBN-10: 3-9504042-0-1

Alle Rechte vorbehalten.

Schriften: »Gentium« von SIL International und »Lobster Two« von Impallari Type, diese Schriftarten sind unter der Open Font License verfügbar.

Minestrone

Minestrone

1 Zwiebel, gewürfelt

1 Knoblauchzehe, gehackt

30 g Parmaschinken, fein gehackt – Vegetarier können das gerne weglassen

4 Stangensellerie, gewürfelt

1 Tomate, gehäutet und gewürfelt

1 Karotte, gewürfelt

2 Kartoffeln, gewürfelt

einige Basilikumblätter, gehackt

1 l Hühnersuppe (Gemüsesuppe)

1 kleine Dose Bohnen, bestens abgespült

10 dag trockene Pasta

geriebener Parmesan

Öl in einem Topf erhitzen, Zwiebel, Knoblauch und Schinken darin anbraten, Basilikum zugeben, durchrühren und mit der Suppe aufgießen. Gemüse dazugeben und etwa 10 Minuten köcheln lassen, dann die Pasta dazugeben und weiterköcheln (auf die angegebene Kochzeit achten!).

Salzen, pfeffern und mit Parmesan bestreut servieren.

Susanne las die Mail zum zweiten Mal. Was für ein hanebüchener Unsinn! Ein Mieter teilte ihr mit, dass er von der im Mietvertrag getroffenen Indexvereinbarung zurücktreten wolle. Sie leitete das Schreiben mit den Worten: „das möchten wohl viele ;-)“ an ihre Assistentin weiter, als das Telefon läutete.

„Rieger.“

„Hier Sekretariat Doktor Hoch. Könnten Sie bitte zu Herrn Doktor Hoch kommen?“, zirpte eine ihr unbekannte Stimme.

„Jetzt gleich?“, fragte Susanne. Es war ziemlich ungewöhnlich, dass der Geschäftsführer sie einfach rufen ließ. Bisher hatte er stets selbst angerufen.

„Haben Sie etwas Besseres vor?“, zirpte die Stimme.

Dumme Ziege.

Susanne warf erst das Mobiltelefon auf den Tisch, dann einen Blick in den Spiegel. Sie zog den Lippenstift nach, fuhr mit der Bürste durchs Haar und machte sich auf den Weg in die Chefetage. Seit dem Total-Umbau der Geschäftsleitung thronte die im gläsern ausgebauten Dachgeschoss.

Die unbekannte Stimme gehörte offenbar zu einer großen Blondine und ersuchte sie, im Wartebereich Platz zu nehmen. Seufzend ließ Susanne sich in den tiefen Fauteuil sinken. Unerhört. Erst zitierte man sie von jetzt auf gleich hierher, und nun musste sie auch noch warten – sie war doch nicht Lieschen Müller!

Sie ließ ihren Blick durch den Raum gleiten. Alles wirkte sehr modern, sehr kühl. Dennoch würden sie es im Sommer hübsch warm hier haben, dachte sie grimmig, während sie ungeduldig mit ihren schön lackierten Fingernägeln auf die Armlehne trommelte. Es hatte sich so viel verändert, seit Peter, ihr ehemaliger Chef, dumm genug gewesen war, sein ansehnliches Aktienpaket an einen international tätigen Baulöwen zu verkaufen. Seither war kein Stein auf dem anderen geblieben. Die neue Geschäftsleitung hatte nicht lange gefackelt und innerhalb weniger Wochen nahezu alle strategisch wichtigen Positionen neu besetzt. Die Neuen waren alle jung und bestens ausgebildet, aber sie erschienen ihr aalglatt und die Sache mit den guten Manieren hielten sie wohl auch für überholt. Es wurde wirklich Zeit, dass sie sich nach einer neuen Herausforderung umsah. Aber erst musste sie noch …

„Frau Rieger, wenn Sie jetzt bitte mitkommen“, sagte die Blondine und eilte auf sehr hohen Absätzen vor Susanne den Gang entlang.

„Danke, ich kenne den Weg“, versuchte sie sich ihrer Begleitung zu entledigen. Doch das junge Ding reagierte nicht und öffnete die Tür zum Besprechungszimmer.

Dort warteten nicht nur Doktor Hoch, der neue Geschäftsführer, sondern auch zwei Herren aus dem Verwaltungsrat. Was war denn hier los?

Früher hätte man erst ein paar Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht, doch Doktor Hoch kam gleich zur Sache.

„Wie Sie wissen, wollen wir uns von einem Teil des inländischen Portfolios trennen. Es ist uns nun gelungen, ein sehr attraktives Angebot für das bisher von Ihnen betreute Portfolio zu erhalten.“

Bisher also, aha. Sie hatte damit gerechnet, dass man sich eines Tages auch ihrer Person entledigen würde. Dass es so schnell ging, hätte sie allerdings nicht gedacht.

Demonstrativ verschränkte sie die Arme, lehnte sich zurück und wartete. Einer der Verwaltungsräte ergriff das Wort: „Der Kaufvertrag wurde heute Vormittag unterschrieben. Der neue Eigentümer wird die Verwaltung zum nächsten Monatsersten übernehmen. Veranlassen Sie bitte, dass sämtliche Unterlagen bis dahin übergeben werden. Sobald die Übergabe erledigt ist, sind Sie freigestellt.“

Ihr Ton war kühl und beherrscht, als sie antwortete: „Sie scheinen übersehen zu haben, dass ich nicht nur ein Portfolio betreue, sondern auch Head of Asset-Management bin.“

Jetzt meldete sich wieder Doktor Hoch zu Wort: „Die Abteilungen unterstehen in Zukunft direkt der Geschäftsleitung. Ihre Position wird eingespart.“

„Und was passiert mit meiner Assistentin, Frau Wagner?“

„Frau Wagner?“ Darüber schien er sich noch keine Gedanken gemacht zu haben, denn er zögerte kurz, ehe er antwortete: „Ich denke, wir haben keine weitere Verwendung für sie. Wollen Sie es ihr sagen, oder soll unsere Personal-Abteilung …“

Susanne war bereits aufgestanden.

„Danke, das erledige ich selbst.“

Sie hätte jetzt gerne die Tür hinter sich zugeworfen, aber der blöde Türschließer ließ sie sanft ins Schloss gleiten.

Susanne hatte es sich in all den Jahren angewöhnt, Unangenehmes immer sofort zu erledigen – das war Teil ihres Erfolges gewesen. Davon würde sie auch jetzt nicht abgehen. Sie drückte den Knopf der Gegensprechanlage: „Frau Wagner, den Kognak und zwei Gläser bitte.“

Ihre Assistentin erschien wenig später mit einem Silbertablett, auf dem eine Kristallkaraffe und zwei Kognakschwenker vor sich hin klapperten. Sie erschien Susanne ziemlich blass, als sie fragte: „Ist etwas passiert?“

Susanne nahm ihr das Tablett aus den zitternden Händen und schenkte ein. Dann drückte sie Helga Wagner ein Glas in die Hand: „Auf die Zukunft, meine Liebe! Wir beide sind gefeuert.“

Um ein Haar hätte ihre Assistentin den Kognakschwenker fallen lassen.

„Aber, das … das geht doch nicht“, stotterte sie.

„Und wie das geht. Man hat unser gesamtes Portfolio verkauft und Abteilungsleitung braucht man auch keine mehr. Prost!“

Susanne leerte das Glas in einem Zug, dann stellte sie es auf das Tablett zurück und spürte, wie sich langsam ein wohliges Gefühl in ihr ausbreitete. Alkohol war zwar keine Lösung, aber manchmal tat er eben verdammt gut.

Helga Wagner nippte mehrfach an ihrem Glas, ehe sie sagte: „Das ist ja eine Katstrophe!“

Susanne wusste, dass ihre Assistentin seit wenigen Monaten von ihrem Mann getrennt lebte. Als Alleinerzieherin mit Kind würde es nicht einfach für sie werden, einen adäquaten Posten zu finden. Dennoch sagte sie mit mehr Optimismus, als sie empfand: „Seien Sie unbesorgt, Sie sind ja noch jung, und ich werde Ihnen ein super Zeugnis schreiben. Die gute Nachricht ist, dass wir, sobald alle Unterlagen übergeben sind, freigestellt werden. Heute ist der Fünfzehnte. Die Kündigung wird zum Monatsletzten wirksam, dann drei Monate Kündigungszeit, die müssen jedenfalls bezahlt werden. Wie lange sind Sie schon bei uns?“

Sie sagte immer noch uns. Es würde wohl eine Zeit dauern, bis sie IMMO mit WERT nicht mehr als ihre Firma betrachten würde.

„Fünf Jahre“, antwortete Helga Wagner seufzend.

„Das ist gut, dann kommt noch eine Abfertigung in Höhe von drei Monatsgehältern dazu.“

Ihre Assistentin war immer noch ziemlich blass um die Nase. Susanne sah auf die Uhr. Wie hell es draußen noch war, dabei war es schon sechzehn Uhr vorbei, langsam wurde es Frühling.

„Kommen Sie, trinken Sie noch einen Schluck, dann lassen wir’s für heute gut sein. Morgen beginnen wir mit der Zusammenstellung der Unterlagen – und dann nichts wie weg hier.“

Sie sehnte sich plötzlich nach ihrem Nest, wie sie ihre noble Dachgeschoss-Wohnung nannte. Sie würde sich eine ordentliche Minestrone kochen – ihre Trostsuppe. Nichts war nach einem Tag wie diesem tröstlicher als eine warme Suppe. Sie hatte verschiedene Varianten auf Lager, je nachdem, wie sie sich fühlte. Heute würde sie sich die deftig-feurige gönnen, mit ein wenig Schinkenspeck, viel Pasta und einem Hauch von Chili.

Innerhalb von drei Wochen hatten sie alle Abrechnungen fertiggestellt, alle Übergabeprotokolle geschrieben und alle Unterlagen übergeben. Susanne hatte mehr als fünfzehn Jahre bei IMMO mit WERT gearbeitet, viel und gern gearbeitet, sehr gern sogar. Doch seit dem Tag ihrer Kündigung konnte sie es kaum erwarten, diese Ära abzuschließen. Frau Wagner schien es ebenso zu gehen.

„Hervorragende Arbeit“, lobte Susanne. „Ich werde die Geschäftsleitung davon informieren, dass man Sie ab morgen freistellt.“

„Das klingt, als würden Sie noch bleiben“, sagte ihre Assistentin und sah sie fragend an.

„Ein paar Tage werde ich wohl noch dranhängen müssen, um alle schwierigen Akten mit meinen bisherigen Mitarbeitern durchzugehen.“

„Müssen?“

„Ich mag keine Halbheiten. Was erledigt werden kann, wird noch erledigt.“

„Dann werde ich Ihnen helfen“, hatte Frau Wagner geantwortet und war ihr auch in diesen Tagen noch zur Hand gegangen.

Freitagmittag waren sie auch damit fertig. Für zwölf Uhr hatte Susanne zu einem abschließenden Umtrunk in den Besprechungsraum gebeten. Sie hatte nicht erwartet, dass der Raum zum Bersten voll sein würde, schließlich hatte man in den letzten Wochen die halbe Belegschaft ausgewechselt, aber dass sie mit Frau Wagner nun allein dastand, überraschte sie dann doch. Sie füllte zwei Gläser mit Prosecco, drückte Helga Wagner eines in die Hand und sagte: „Auf uns!“

Fünf nach zwölf kamen zwei Damen aus der Buchhaltung, zehn nach zwölf entschuldigte sich Doktor Hoch telefonisch, er sei leider außer Haus. Dann kam einer der Wirtschaftsprüfer vorbei, der zufällig im Haus war. Eine Viertelstunde später folgten zwei Asset-Manager, im Eilschritt, sie wollten sich nur verabschieden, müssten aber gleich weiter.

Tja, so war das eben. Um ein Uhr sagte sie zu Frau Wagner: „Sind Sie auch in Eile oder darf ich Sie noch zu einem Abschiedsessen einladen?“

„Das trifft sich gut. Ich sage nur kurz Bescheid, dass ich später komme. Mein Sohn ist heute zum Glück bei meiner Mutter.“

Sie gingen zum Italiener ums Eck. Susanne war in all den Jahren oft hier gewesen, aber noch nie mit ihrer Assistentin. Schade eigentlich, dachte sie, nach dem sie ihre Lasagne verzehrt hatten und auf die Zabaione warteten. Helga Wagner war nicht nur eine loyale Mitarbeiterin gewesen, sie schien auch privat eine ganz patente Person zu sein.

„Wie steht’s mit Ihrer Scheidung?“, fragte Susanne.

„Erinnern Sie mich bloß nicht. Wir können uns über die Unterhaltszahlungen nicht einigen. Wissen Sie, als Benny, unser Sohn, zur Welt gekommen ist, hat mein Mann darauf gedrungen, dass ich die ersten Jahre zu Hause bleibe. Dem armen Kind sollte der Kindergarten erspart bleiben. Habe ich dann ja auch gemacht. Als Benny dann zur Schule ging, habe ich mir den Teilzeitjob gesucht. Sie erinnern sich vielleicht, dass ich anfangs nur zwanzig Stunden gearbeitet habe; mit der Zeit wurden es dann dreißig. Jetzt wirft mein Mann mir vor, dass ich gehaltsmäßig unter meinen Möglichkeiten bliebe und er nicht bereit sei, die Differenz zu zahlen. Als ich ihm verklickert habe, dass ich bald arbeitslos sein werde, ist er überhaupt ausgerastet. Das mache ich alles nur, um ihm ein schlechtes Gewissen zu machen.“

Sie schnäuzte sich, dann fuhr sie fort: „Ich bin vollkommen fertig und kenne meinen Mann nicht mehr. Ich meine, wir waren immerhin zwölf Jahre verheiratet, aber so habe ich ihn noch nie erlebt.“

Susanne nickte: „Das kann ich gut verstehen, aber Sie werden sehen, das legt sich auch wieder. War bei uns damals ganz genauso.“

„Sie haben früher auch Teilzeit gearbeitet?“

Susanne lächelte. „Ich nicht, aber mein Mann. Er hat nebenher studiert – allerdings nicht besonders effizient. Ich fürchte, das habe ich ihm später auch vorgeworfen. Vermutlich nicht nur einmal. So eine Trennung ist einfach eine Ausnahmesituation. Ich würde heute so manches gerne zurücknehmen, was ich damals gesagt habe.“

Darauf sagte Helga Wagner erst einmal nichts, aber Susanne hoffte, dass es ihr guttat.

„Wenn ich mir in meinem neuen Job eine Assistentin aussuchen darf, werde ich auf Sie zurückkommen“, sagte sie zum Abschied. „Vorausgesetzt, dass Sie dann noch frei sind. Versprochen!“

„Haben Sie denn schon etwas im Auge?“

Susanne schüttelte den Kopf: „Nein, aber jetzt mache ich erst einmal Urlaub.“

Pizza al tonno

Pizza al tonno

300 g Mehl glatt

15 g Germ

eine Prise Salz

4 EL Olivenöl

1 Dotter

4 EL Tomatenmark

2 Kugeln Mozarella, in dünnen Scheiben

8–12 Scheiben roher Thunfisch, Sushi-Qualität

frischen Rucola, geputzt

Sojasauce

Zitronensaft

Das Mehl mit Germ, Salz, Öl, Dotter und etwas warmen Wasser zu einem glatten Teig verkneten und zugedeckt – an einem warmen Ort – eine halbe Stunde rasten lassen.

In der Zwischenzeit aus Sojasauce, Zitronensaft und etwas Olivenöl eine Marinade bereiten und das Tomatenmark mit Olivenöl (eventuell einem Löffel Wasser) glattrühren.

Den Teig auf einer bemehlten Unterlage in Backblechgröße ausrollen, mit dem Tomatenmark bestreichen, mit Mozarella belegen und im vorgeheizten Backrohr etwa 10-15 Minuten backen (Pizzastufe).

Den Thunfisch kurz in die Marinade legen, abtropfen lassen auf die Pizza legen und mit dem geputzten Rucola bestreuen.

Die Tage bis zu Susannes Abreise vergingen wie im Fluge, und als sie schon Richtung Abano Terme unterwegs war, fiel ihr ein, dass sie den Geburtstag von Tante Anna vergessen hatte.

Sch… wanenbraten! Bisher hatte Frau Wagner sie an solche Dinge erinnert, oft auch die notwendigen Geschenke und Mitbringsel besorgt, aber das war ja nun Geschichte.

Aber dafür hatte sie ja jetzt Zeit; sie würde Tante Anna einfach auf dem Rückweg besuchen.

Die Fahrt zog sich endlos dahin, der Himmel war grau, ab und zu gab es einen Schneeschauer und im Kanaltal herrschte tiefster Winter. Auf der Höhe von Udine wurde es endlich heller und das Thermometer kletterte erfreulich nach oben.

Als sie endlich in Abano ankam, hatte es fünfzehn Grad und die letzten Sonnenstrahlen des Tages drangen durch die Hotellobby.

Genau so hatte sie sich das vorgestellt.

Das Hotel Savoy war zwar nicht das erste Haus am Platz, aber es bot einen herrlichen Blick auf die Eugenischen Hügel und – fast noch wichtiger – man konnte es ohne Halbpension buchen. So sehr sie die italienische Küche liebte, so sehr ging es ihr gegen den Strich, sich, nach einem mittelmäßigen Frühstück, tagsüber zu kasteien, um abends für das Fünf-Gänge-Menü gerüstet zu sein, für dessen Verdauung sie dann ein bis zwei Gläser Grappa brauchte. Sie war zwar leidlich schlank, aber das sollte schließlich auch so bleiben.

Gut gelaunt buchte sie Fango, Massagen und Schönheits-Behandlungen und ließ sich einen Campari servieren. Warum schmeckte der in Italien immer besser als zu Hause? Sie freute sich auf die vor ihr liegenden Tage, nur auf die einsamen Abendessen hatte sie weniger Lust. Zu dumm, dass ihre Freundin Doris keine Zeit gehabt hatte, um mitzukommen. Dann schnappte sie sich den Reader und machte sich auf den Weg in ihre Lieblings-Pizzeria.

Die Vormittage verbrachte Susanne mit Fango, Frühstück und Massage. Um die Mittagszeit startete sie ihren Wagen und machte sich auf den Weg ins Collio, aß hervorragende Pasta, machte lange Spaziergänge und kehrte erst wieder ins Hotel zurück, als die übrigen Hotelgäste langsam begannen, sich für das Abendessen umzukleiden. Dann erst ging sie ins Hallenbad, genoss in aller Ruhe das warme Wasser und machte sich anschließend auf den Weg in eines der wenigen Restaurants, die Abano zu bieten hatte. Da die meisten Gäste in den Hotels speisten, war das Angebot nicht allzu groß, aber sie kannte ein hervorragendes Fischlokal, eine verlässliche Pizzeria und eine sehr gemütliche Trattoria, in der vor allem die Einheimischen zu Gast waren.

Bevor sie am Donnerstag zu ihrer Fahrt in die Hügel aufbrach, bestellte sie sich noch einen Capuccino. Der Tag war wohlig warm und sie beschloss, ihn auf einem der kleinen Tischchen im Park zu trinken.

Als sie vor das Hotel trat, fiel ihr ein Mann auf, der mit dem Rücken zu ihr saß, und Architekt Hausmann verdammt ähnlich sah. Der Kellner hatte eben einen Caffè Latte vor ihn hingestellt, der Mann bedankte sich.

Die Stimme kannte sie doch, das war Hausmann!

Soeben kam ein anderer Kellner mit ihrem Cappuccino.

„Stellen Sie ihn bitte zu dem Herrn da vorn. Grazie.“

Als der junge Mann den Kaffee vor Hausmann hinstellte, winkte der freundlich ab, doch sie sagte: „Das hat schon seine Richtigkeit.“

Jetzt drehte er sich um: „Frau Rieger. Das ist aber eine Überraschung.“

„Hoffentlich eine angenehme“, antwortete sie lachend und steckte dem Kellner ein Trinkgeld zu.

„Eine sehr angenehme sogar. Bitte, nehmen Sie Platz. Sind Sie schon länger hier?“

Eine knappe Stunde später machten sie sich gemeinsam auf den Weg. Sie wusste in der Zwischenzeit, dass er erst am Abend zuvor angekommen war, dass er mit der Bahn reiste, da er lange Autofahrten nicht mochte, und dass er – wie sie selbst – nur mit Frühstück gebucht hatte. Das ließ doch hoffen.

Sie hatte das Alleinsein in der Zwischenzeit gründlich satt, und da er ebenfalls allein hier war, sprach nichts dagegen, die restlichen Tage in seiner Gesellschaft zu verbringen – vorausgesetzt, er stellte sich nicht als Langweiler heraus.

Zwölf Stunden später wusste sie, dass Werner Hausmann kein Langeweiler war. Außerdem schien gemeinsamer Ärger zu verbinden. Schon beim Mittagessen, als sie sich über die Ereignisse bei IMMO mit WERT unterhalten hatten, waren sie zum vertrauten Du übergegangen. Werner schwankte, genau wie sie selbst, immer noch zwischen Unverständnis und Ärger über das Verhalten ihres Ex-Chefs.

„Ich verstehe es nicht“, hatte er gesagt. „Peter hat das Unternehmen aufgebaut, es war sein Leben. Warum verkauft er plötzlich sein ganzes Aktienpaket und verschwindet?“

„Er wollte sich in der Toskana ein Weingut kaufen“, warf sie ein.

„Das mag ja durchaus verlockend klingen, aber ein Mann wie Peter, der sich bisher ausschließlich um Immobilien gekümmert hat, lässt doch nicht Knall auf Fall alles zurück. Also für mich sah das aus wie Flucht.“

„Du meinst, es gibt einen triftigen Grund, warum er Wien den Rücken gekehrt hat?“

Er zuckte ratlos die Schultern: „Ich hoffe, ich habe Unrecht. Aber es spricht einfach alles gegen ihn.“

Daran hatte sie auch schon gedacht, aber bisher hatten sich, gottlob, keinerlei Ansatzpunkte für diese Vermutung gefunden.

Unverständlich blieb es trotzdem. Sie hatte fünfzehn Jahre mit ihm gearbeitet und alles, was er ihr hinterlassen hatte, war ein Blumenstrauß und eine Karte mit den Worten: Danke für alles – Peter.

Nach dem Essen hatten sie den historischen Garten von Valsanzibio besucht, sich über die mangelnde Instandhaltung der Brunnen und Gebäude entrüstet, und auf dem Heimweg lachend Sanierungsvorschläge erarbeitet.

Auch die Frage, wo sie zu Abend essen würden, wurde zu ihrer vollsten Zufriedenheit geklärt, denn Werner, der zum ersten Mal hier war, vertraute sich ihrer Führung an.

Mittags hatten sie sich an Pasta gehalten, abends aßen sie Fisch, ganz puristisch, mit Knoblauch und Kräutern gegrillt, dazu Salat und gebratene Kartoffel. Es hatte ebenso köstlich geschmeckt wie der leichte Weißwein aus dem Collio.

In der Bar nahmen sie dann noch einen Grappa.

„Was für einen schlechten Einfluss Sie auf mich haben“, lachte er. „Ich trinke sonst nie Schnaps.“

„Fünf Euro für die Urlaubskasse, du hast schon wieder ‚Sie‘ gesagt.“ Spielerisch hielt sie ihm ihre Hand entgegen.

„Verzeih mir!“

Aber ja doch, so samten wie seine Stimme klang, musste man ihm einfach verzeihen.

Am nächsten Morgen regnete es. Beim Frühstück hatte sie Werner nicht getroffen, aber das war kein Problem, weil sie ohnehin für zwölf Uhr verabredet waren. Diesmal blieben sie in der Stadt, aßen mittags nur einen Salat, gönnten sich eine ausgiebige Pause und gingen später shoppen.

Die schwarzen Ballerinas mit der schwarz-weiß getupften Masche hatten ja noch Gnade vor seinen Augen gefunden, aber als sie sich einen grün gemusterten Seidenschal kaufen wollte, überraschte er sie mit der Frage: „Für wen soll der sein?“

„Für mich.“

Er durchwühlte den Ständer, fand einen Schal in warmen Terrakotta- und Gelbtönen und sagte: „Versuch doch den einmal.“

Sie hängte ihn um: „Er ist wirklich sehr schön, aber der hier passt genau zu einer grünen Bluse.“

„Eine Bluse in diesem Grün? Dann würde ich dir empfehlen, lieber eine Pullover dazu zu kaufen.“

„Einen Pullover?“

Er nickte. „Der wärmt und man sieht nicht so viel von diesem schockierenden Grün.“

Ihr stockte der Atem. Eine Frechheit! Doch dann sah sie in seine lächelnden Augen und sagte: „Ich nehme beides.“

Gut gelaunt zogen sie weiter. Beim nächsten Buchladen erstand er einen Bildband über Valsanzibio, den er ihr schenkte.

„Herzlichen Dank! Ich würde mich gerne mit diesem Kochbuch revanchieren. Kannst du etwas damit anfangen?“

Lächelnd nahm er es ihr aus der Hand: „Wenn es schöne Fotos hat, könnte ich sie mir gelegentlich ansehen.“

„Aber du kannst nicht kochen.“

„Mehr als Butterbrot und Tee habe ich bisher noch nicht zustande gebracht“, antwortete er und stellte das Buch ins Regal zurück.

Macht nichts. Hauptsache, er isst gerne, dachte sie, während sie eine Pizzeria ansteuerte.

„Pizza?“, fragte er erstaunt, als sie vor dem Lokal standen.

„Pizza. Aber die beste der Welt. Lass dich überraschen.“

Er schien skeptisch, doch schon beim Studium der Speisekarte gab er zu: „Das klingt alles sehr verlockend. Was empfiehlst du?“

„Eigentlich alles. Ich mag besonders die al tonno, mit viel Büffel-Mozzarella, frischem Rucola und roh mariniertem Thunfisch. Aber die mit der geräucherten Entenbrust ist auch nicht zu verachten.“

Als sie nach dem Essen noch ein Glas Wein tranken, fragte Werner: „Wie bist du eigentlich in die Immobilienbranche geraten?“

„Ich sag’s nur ungern, aber das habe ich der Familie meines Mannes zu verdanken. Ich wollte ja eigentlich Publizistik studieren. Aber als ich nach meinem Auslandsjahr mit Kind und einem studierenden Mann dastand, musste ich Geld verdienen. Da seine Eltern einen nicht unbeachtlichen Immobilienbesitz ihr Eigen nannten, hat Pierre mich auf die Idee gebracht, als Immobilienmaklerin zu arbeiten.“

„Und das ging so einfach?“

„Einfach war’s nicht, aber es ging. Jedenfalls habe ich bald genug verdient, um unsere kleine Familie zu erhalten und das Studium meines Mannes zu finanzieren.“

„Sind seine Eltern denn nicht für sein Studium aufgekommen?“

„Die Hochzeit mit mir hat ihn vorübergehend um sein Erbe gebracht. Aber in der Zwischenzeit ist er ja wieder in den Schoß der Familie zurückgekehrt. Trinken wir noch ein Glas?“

Die Tage vergingen wie im Fluge und als sie sich am Montag, nach einem gemeinsamen Frühstück, von ihm verabschiedete, hatte sie das Gefühl, einen guten Freund zurückzulassen. Einen sehr guten Freund.

„Rufst du mich an, wenn du nach Hause kommst?“, fragte er.

„Gerne, aber dann musst du bis morgen warten. Heute fahre ich nur bis in die Steiermark, um meine Tante Anna zu besuchen.“

„Da wird sich deine Tante Anna sicher freuen.“

„Das weiß man bei ihr nie so genau“, lachte Susanne, küsste ihn freundschaftlich auf die Wange und fuhr davon.

Als sie am Ende der Straße einen Blick in den Rückspiegel warf, stand er immer noch vor dem Hotel und winkte.

Vielleicht hätte sie doch noch ein paar Tage anhängen sollen? Anderseits wurde es langsam Zeit, sich um einen neuen Job zu kümmern.

Obwohl sie sich keine ernsthaften Sorgen über ihre Zukunft machte, hatte das Gefühl, nicht zu wissen, wie es weiterging, doch etwas Unangenehmes. Werners Einschätzung des Arbeitsmarktes war auch nicht besonders optimistisch gewesen, wenn er das auch sehr vorsichtig formuliert hatte, wie er immer alles sehr vorsichtig formulierte.

Sein Architekturbüro hatte durch den Wechsel in der Geschäftsführung von IMMO und WERT ebenfalls viele Aufträge verloren, sodass er gezwungen gewesen war, sich von zwei Mitarbeitern zu trennen. In der Zwischenzeit war es ihm zwar gelungen, neue Aufträge an Land zu ziehen, aber die Gewinnmargen waren deutlich schlechter.

Vielleicht würde auch sie sich mit einer etwas geringeren Gage zufriedengeben müssen. Aber was soll’s? Sie hatte in den letzten Jahren überdurchschnittlich gut verdient und sich zwei kleine Anlegerwohnungen gekauft, als Pensionsvorsorge, und dann waren da ja immer noch die Mieteinnahmen aus dem Rosenschlösschen.