cover

Lorna Byrne

LIEBE

Das Geschenk des Himmels

Die Kraft, die alles ändert

Aus dem Englischen von Bettina Lemke

82704.jpg

Die britische Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel »Love from Heaven« bei Coronet, Hodder & Stoughton, einem Unternehmen von Hachette UK, London.

1. Auflage

Deutsche Erstausgabe

© 2014 der deutschsprachigen Ausgabe

Kailash Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

© 2014 Lorna Byrne

Lektorat: Daniela Weise

Umschlaggestaltung: ki 36 Editorial Design, München,

unter Verwendung zweier Abbildungen von © plainpicture/Ilona Wellmann und © mexrix/shutterstock

Satz: EDV-Fotosatz Huber/Verlagsservice G. Pfeifer, Germering

ISBN 978-3-641-14303-9

www.kailash-verlag.de

Feder-Grau.psd

Inhalt

1 Wir alle sind reine Liebe

2 Sich selbst wieder lieben lernen

3 Das Band der Geschwisterliebe

4 Freundschaft ist Liebe

5 Liebe gegenüber Fremden

6 Die Eltern als eigenständige Menschen lieben

7 Die Liebe zu Tieren

8 Die Liebe zu Kindern

9 Das eigene Leben bewusst lieben

10 Die Liebe zu unserem Planeten

11 Unrealistische romantische Liebesvorstellungen

12 Unsere Feinde lieben und Menschen, bei denen es uns schwerfällt

13 Liebe – das Geschenk des Himmels

Anhang

Gebet Deiner Heilengel

Kontakt zu Lorna Byrne

Kapitel 1

Feder-Grau.psd

Wir alle sind reine Liebe

Wir alle sind reine Liebe. Aber die meisten von uns haben diese Liebe in ihrem Inneren eingeschlossen und lassen sie nicht hinaus. Die Liebe in uns bleibt jedoch immer da. Wir können sie einsperren, aber wir können sie nicht zerstören, und wir haben stets das Potenzial, sie freizusetzen. Dafür müssen wir jedoch zuerst lernen, uns wieder selbst zu lieben. Wenn wir uns nicht selbst lieben können, sind wir nicht fähig, einen anderen Menschen zu lieben.

Die Liebe ist die stärkste Kraft der Welt. Sie stammt aus unserer Seele. Sie bringt all die Freude und alles Glück in unser Leben. Die Liebe hilft uns, die richtige Richtung einzuschlagen, und sie treibt uns an, egal was in unserem Leben gerade los ist. Die Liebe macht das Leben lebenswert.

Die Liebe ist wie die Sonne. Sie ist unsere Lebenskraft. Sie überwindet alles. Dennoch zeigen die Engel mir immer wieder, wie wenig Liebe die meisten Menschen sich selbst gegenüber empfinden und wie wenig Liebe demzufolge tatsächlich in unserem Leben vorhanden ist – und wie viel mehr es davon geben könnte. Der Zustand unserer heutigen Welt ist ein Beleg für den Mangel an Liebe.

Viele Leute meinen, die Liebe sei stets süß und leicht – aber in Wahrheit tut sie oft weh. Wenn wir uns für die Liebe öffnen, machen wir uns häufig verwundbar. So viele von uns haben seit ihrer Kindheit gelernt, sich zu verhärten, ihre Liebe aus Angst vor Verletzungen einzusperren. Wenn wir unsere Liebe einschließen, machen wir uns und unsere Welt viel kaltherziger, egoistischer und trister. Wir büßen etwas von unserer Menschlichkeit ein.

Seit ich ein kleines Kind war, haben die Engel mich vieles über die Liebe gelehrt, und sie helfen mir, die Kraft der Liebe physisch zu sehen.

Ich sehe ständig Engel. Ich kann mich nicht an eine Zeit erinnern, zu der ich sie nicht gesehen hätte. Bereits unmittelbar nachdem ich meine Augen nach meiner Geburt geöffnet hatte, waren sie da – obwohl ich nicht wusste, dass es sich um Engel handelte. Ich sehe sie immer noch so deutlich, wie ich meine Tochter sehe, die mir am Küchentisch gegenübersitzt. Es gab keinen Tag, an dem ich keine Engel gesehen hätte. Die Engel sind meine besten Freunde, meine Gefährten und meine Lehrer – sie sind und werden immer meine unverzichtbaren täglichen Begleiter bleiben.

Zum ersten Mal wurde mir im Alter von etwa fünf Jahren bewusst, dass die Engel mich etwas über die Liebe lehrten. Ich saß gemeinsam mit meiner Mutter, meinem Vater und meinen Schwestern am Küchentisch in unserem Zuhause in Old Kilmainham in Dublin. Wir hatten Besuch, und dieser hatte uns etwas Köstliches mitgebracht: einen Schokoladenkuchen. Wir Kinder waren völlig aus dem Häuschen, weil meine Eltern es sich nur selten leisten konnten, einen Kuchen zu kaufen. Der Tisch war von Engeln umgeben. Einer der Engel forderte mich auf, meinen Vater genau zu beobachten. Ich tat, wie er mich geheißen hatte. Als ich meinen Vater ansah, erkannte ich eine Art sanften Nebel, der langsam aus ihm herausströmte. Er schien aus jeder Pore seines Seins, aus seinem ganzen Körper zu kommen und bewegte sich auf meine Mutter zu. Ich sah zu ihr hinüber und erkannte, dass ein ähnlicher Nebel von ihr ausströmte. Die beiden Nebel berührten und verflochten sich. Der Nebel hatte keine Farbe, aber er glitzerte wie Eis im Sonnenlicht.

Zum ersten Mal nahm ich die Kraft der Liebe bewusst auf eine physische Weise wahr. Ohne die Hilfe der Engel hätte ich sie nicht gesehen.

Mein Vater schnitt den Kuchen an und wollte mir zuerst etwas davon geben, aber meine Mutter fuhr dazwischen. Sie sagte scharf, meine Schwester solle das erste Stück bekommen. Mein Vater sah sie betroffen an, und der Nebel schien zu ihm zurückzuweichen. Die Liebeskraft, die ich zwischen meinen Eltern gesehen hatte, war verschwunden. Die Engel erklärten mir, dass der zornige Kommentar meiner Mutter meinen Vater dazu veranlasst hatte, seine Liebe zurückzuziehen und einzuschließen. Mein Vater war verletzt und irritiert, denn er hatte kein Kind bewusst bevorzugt. Er hatte mir das Stück Kuchen reichen wollen, weil ich näher bei ihm saß als meine Schwester.

Dies war das erste von vielen Malen, dass ich diese Liebeskraft sah. Ich nehme sie wahr, wenn jemand liebevoll an einen Menschen oder an etwas anderes denkt. Ich sehe sie nicht bei jedem und nicht ständig. Ehrlich gesagt, sehe ich sie nicht so häufig, wie ich es mir wünschen würde. Wahrscheinlich nehme ich sie bei einem von 20 Menschen wahr, denen ich an einem normalen Tag zufällig begegne.

Es fällt mir immer noch schwer, genauer zu beschreiben, wie diese Liebeskraft aussieht. Sie ist keineswegs wie eine Aura oder Energie oder wie ein Lichtstrahl. Sie ist manchmal auch völlig anders, aber dennoch ziemlich gut sichtbar für mich.

Die Engel haben mir nicht nur beigebracht, die Kraft der Liebe zu sehen, sie haben mich auch gelehrt, ihre Intensität wahrzunehmen und zu messen – so wie unterschiedliche Temperaturen.

82795.jpg

Die Liebe ist die stärkste Kraft der Welt.

82789.jpg

Die Engel haben mich alles gelehrt, was ich weiß. Der Engel Michael und der Engel Hosus sind wahrscheinlich diejenigen Engel, die mir am meisten beigebracht haben – abgesehen von meinem Schutzengel, über den ich nicht sprechen darf. Ich bin dem Engel Michael zum ersten Mal als sehr kleines Kind begegnet. Er erscheint mir meistens als gut aussehender Mann. Dem Engel Hosus begegnete ich zum ersten Mal ungefähr zu der Zeit, als ich die physische Kraft der Liebe das erste Mal sah. Er zeigt sich mir in der Erscheinung eines altmodischen Schullehrers mit einer Robe und einem lustig geformten Hut. Er ist voller Wissen und Weisheit und kann mich gut aufmuntern und mir Zuversicht schenken. Er begann damit vor vielen Jahren, zu meiner Schulzeit, als ich Probleme wegen meiner Legasthenie hatte und mir sehr dumm vorkam. Und er hilft mir immer noch, wenn ich schreibe oder Interviews gebe.

Es gibt noch einen Engel – dessen Namen ich nicht kenne und den ich noch nie richtig gesehen habe –, der in meiner Nähe ist, wenn ich etwas über die Liebe gelehrt bekomme. Dieser Engel war in der Küche, als ich die Liebe zwischen meiner Mutter und meinem Vater sah, und er ist jetzt bei mir, während ich über die Kraft der Liebe schreibe. Der Engel scheint stets zu meiner Rechten, etwas hinter mir und außerhalb meines Gesichtsfelds zu sein. Es ist so, als wäre es mir nicht gestattet, mehr von ihm zu sehen. Ich habe keine Ahnung, warum das so ist. Ich habe Fragen über diesen Engel gestellt, aber mir wurde nichts weiter über ihn erklärt. Ich sehe ihn als einen besonderen Lehrengel, der mir geschickt wurde, um mir zu helfen, mehr über die Liebe zu erfahren, damit ich es an Sie weitergeben kann.

Nachdem ich durch den Engel ohne Namen gelernt hatte, die Kraft der Liebe physisch wahrzunehmen, brachte er mir bei, ihre Intensität zu messen. Da ich zu der Zeit erst sechs oder sieben Jahre alt war, lehrte mich der Engel, meine Finger dafür zu benutzen.

Wollte ich zeigen, dass ich eine Liebe mit einer Intensität der Stärke drei wahrnahm, bog ich zwei Finger meiner Hand nach unten, sodass drei Finger ausgestreckt blieben. Der Engel stand dabei hinter mir. Immer wenn ich versuchte, mich umzudrehen und den Engel anzusehen, war es, als sei ich körperlich nicht in der Lage dazu, als halte irgendeine Kraft mich davon ab.

Hätte ich als Erwachsene gelernt, die Liebe zu messen, hätte der Engel es mir möglicherweise anders beigebracht. Aber ich habe es auf diese Weise gelernt, daher messe ich die Intensität der Liebe auch heute noch so.

Meistens liegt die Liebe, die ich messe, zwischen einer Stärke von eins und zehn, aber manchmal habe ich das Privileg, eine Liebe gezeigt zu bekommen, die diese Stärke bei Weitem übertrifft. Ich gebe ihr einen Wert von 100. Die Zahl 100 war die größte Zahl, die ich mir als Kind vorstellen konnte, als der Engel ohne Namen mir beibrachte, die Intensität der Liebe zu messen.

Es ist wunderschön, eine Liebesintensität von 100 zu sehen. Sie spiegelt die Reinheit der Liebe, die von der Person ausströmt. Es ist allerdings sehr schwer, sie zu beschreiben. Sie ist kristallklar und von einem warmen Licht erfüllt. Die Kraft der Liebe hüllt die Person in ein strahlendes Licht ein und leuchtet gleichzeitig aus ihr heraus.

Wenn ich eine Liebe mit dieser Intensität wahrnehme, macht mich das ungeheuer glücklich. Es überwältigt mich emotional, sodass ich kaum noch sprechen kann. Es berührt mich zutiefst und ruft die Liebe in meinem Inneren hervor. Ich kann die Wirkung noch Wochen später spüren.

Ich weiß nicht, ob ich die Kraft der Liebe auf eine andere Weise spüre als andere Menschen. Die Engel haben mir gesagt, dass jeder das Potenzial hat, Liebe zu spüren. Da die Engel mein Bewusstsein für die Liebe sehr geschärft und mich überdies gelehrt haben, sie physisch wahrzunehmen, kann es allerdings sein, dass ich Liebe auf eine sensiblere Weise spüre als andere Menschen.

Die Engel haben mir auch gesagt, dass Gott mir erlaubt hat, die Kraft der Liebe zu sehen, damit ich dabei helfen kann, die uns allen innewohnende Liebe hervorzurufen.

Wir werden alle als reine Liebe geboren. Als Baby im Bauch unserer Mutter lieben wir alle bedingungslos. Jeder von uns leuchtet bei der Geburt vor reiner Liebe, egal ob wir erwünscht waren oder ob unsere Mutter eine unproblematische Schwangerschaft und leichte Wehen hatte. Als Neugeborene wissen wir, dass wir perfekt sind und Liebe verdienen, und wir empfinden reine Liebe zu uns selbst und gegenüber jedem in unserem Umfeld.

Allerdings beginnt diese Liebeskraft fast unmittelbar danach zu schwinden. Selbst mit überaus liebevollen Eltern spürt ein Baby bald die Kälte und den Mangel an Liebe in unserer Welt. Und es schützt sich, indem es die Liebe mehr und mehr in seinem Inneren einsperrt.

Der Engel hat mich gelehrt zu sehen, wie es physisch aussieht, wenn wir unsere Liebe einschließen. Zu dem Zeitpunkt war ich ungefähr acht Jahre alt. Wir lebten im Haus unseres Cousins in Ballymun, nachdem das Dach des Hauses in Old Kilmainham eingestürzt war. Es war an einem wunderbaren Frühlingstag. Ich hatte gerade in einem Geschäft etwas Milch für meine Mutter besorgt und befand mich allein auf dem Nachhauseweg. Da erschien der Engel ohne Namen neben mir. Eine Gruppe von Jungen spielte auf der Straße. Der Engel deutete auf einen dürren, etwa fünfjährigen Knirps mit kurzer Hose, aus der das Hemd heraushing, und forderte mich auf, ihn genau zu beobachten. Während ich das tat, drehte sich der Junge in meine Richtung um. Der Engel erlaubte mir, eine Art Band zu sehen, das auf der Höhe des Herzens um den Körper des Jungen gelegt war. Es lässt sich schwer beschreiben. Es war durchsichtig, wie eine Schicht aus Eis, sowie hart und kalt.

Es war, als wäre die Liebe in dem Jungen eingeschlossen worden, damit neue Verletzungen ihn nicht mehr treffen konnten. Der Engel fragte mich, ob ich irgendetwas spürte. Ich nahm die Verletzung und den Schmerz des Jungen wahr und konnte auch die Liebe spüren, die nicht hinausgelassen wurde. Es zerriss mich innerlich. Ich wollte den kleinen Jungen umarmen. Ich ging auf ihn zu, und als ich näher kam, konnte ich Tränen in seinen Augen sehen. Ich sagte »Hallo« und reichte ihm meine Hand, aber als ich das tat, wandte er sich ab.

Der Engel sagte mir, seine Liebe sei eingeschlossen, und er habe Angst vor meiner Zuneigung sowie vor der aller anderen Menschen. Es tat mir leid, dass ich keine Süßigkeiten in meiner Tasche für ihn dabeihatte. Ich fragte den Engel nach Art einer Achtjährigen, ob eine Süßigkeit dem Jungen helfen würde. Ich konnte das Gesicht des Engels nicht sehen – ich habe es noch nie gesehen –, aber es fühlte sich so an, als würde er lächeln, als er antwortete, eine nette, liebevolle Geste einer Fremden oder von irgendeinem anderen Menschen könne dem Jungen helfen, einen Teil seiner Liebe zu befreien.

Manchmal setzen wir unbewusst Liebe frei. Wenn wir von tragischen Ereignissen in einem anderen Teil der Welt hören, kann uns eine enorme Traurigkeit und großes Mitgefühl überkommen. Wir kennen die Betroffenen nicht, aber wir fühlen mit ihnen. Wir sind bewegt. Die Liebe in uns wird angerührt, und wir lassen einen Teil davon emporkommen.

Kurz nachdem sich im Jahr 2004 die ersten Nachrichten über den Tsunami in Südostasien verbreitet hatten, sah ich zufällig eine Frau auf einer Straße. Ich hatte noch nichts von der Katastrophe gehört und war daher erstaunt über die Kraft der Liebe, die von der Frau ausging. Ich wusste nicht, wodurch sie entstanden war. Es war, als ströme ein Wirbelwind aus Liebe aus jedem Teil ihres Seins. Als wäre der Schutz, den sie um sich herum errichtet hatte, um sich gegen Verletzungen abzuschirmen, durch die Kraft ihrer Emotionen und Liebe fortgeblasen worden.

Wir spüren die Liebe durch unsere Emotionen. Und Emotionen wühlen uns auf. Sie helfen uns, Liebe aus unserem Inneren freizusetzen, die wir möglicherweise unter Kontrolle halten wollen. Viele von uns versuchen mit aller Kraft zu verhindern, dass die Liebe aus ihrem Inneren hervorgerufen wird und sie ein solches Mitgefühl empfinden. Wenn ein Ereignis sie nicht persönlich betrifft, wollen sie nicht davon berührt werden – es soll sich nicht auf ihr Leben auswirken. Aber das tut es. Wenn wir Emotionen wie etwa Mitgefühl und Liebe gegenüber unseren Mitmenschen und sogar Fremden gegenüber nicht zulassen, leidet unsere Menschlichkeit darunter. Dann können Emotionen wie Hass und Zorn prächtig gedeihen. Wir werden gefühlskalt selbst gegenüber Menschen, die wir gern mögen.

Überdies vergessen wir, uns selbst zu mögen und zu lieben. Für das eigene Glück ist es sehr wichtig, sich selbst zu lieben, das sagen die Engel mir immer wieder. Mir wird gezeigt, dass die meisten Menschen sich nicht genug lieben. Als hätten wir vergessen, wie wichtig die Eigenliebe ist.

Der Engel ohne Namen, der mich so viel über die Liebe gelehrt hat, brachte mir auch bei, diejenige Kraft der Liebe zu erkennen, die darauf gerichtet ist, das eigene Selbst zu lieben. Ehrlich gesagt, habe ich sie in meinem engeren Familienkreis nicht häufig gesehen, als ich aufwuchs. Zum ersten Mal sah ich diese Kraft, als ich sieben oder acht Jahre alt war. Ich war auf einer Weihnachtsfeier im Haus meiner Großmutter. Es waren viele Leute da. Der Engel ohne Namen forderte mich auf, ins Wohnzimmer zu schauen. Mein Onkel namens Peter saß dort auf der Lehne eines großen bequemen Sessels. Während ich ihn beobachtete, konnte ich die Kraft der Liebe sehen, die aus ihm hervorströmte. Sie wich etwas von ihm fort und bewegte sich dann wie eine Welle wieder zu ihm zurück. Es war die gleiche Liebeskraft, die ich zwischen meiner Mutter und meinem Vater gesehen hatte. Aber es war, als würde mein Onkel von der Liebe überströmt, die aus seinem Inneren stammte. Er sah so glücklich mit sich aus; glücklich, einfach da zu sein.

Seine Liebe zu sich selbst war sehr ansprechend; ich wollte bei ihm sein. In diesem Moment erblickte er mich und rief mich zu sich. Ich setzte mich fröhlich auf seinen Schoß und spürte und sah die Behaglichkeit und den Trost seiner Liebe gegenüber sich selbst. Gelegentlich musste ich deswegen kichern. Dann sah Onkel Peter mich neugierig an, als frage er sich, was dieses lustige kleine Kind wohl denken mochte.

Die Liebe zu uns selbst oder zu jemand anders hilft uns dabei, uns tiefer mit unserer eigenen Spiritualität zu verbinden, mit unserer Seele. Wenn nur die eine Botschaft dieses Buches bei Ihnen ankommt, dass Sie sich selbst mehr lieben sollten, wird das viel in Ihrem Leben und dem der Menschen in Ihrem Umfeld verändern. Im nächsten Kapitel werde ich Ihnen viel mehr darüber erzählen, auf welche Weise es Ihnen gelingt, sich mehr zu lieben, und warum das so wichtig ist.

82837.jpg

Jeder einzelne Mensch hat – unabhängig von Religion und Glauben – eine Seele. Gott liebt uns alle so sehr, dass er jedem von uns einen winzigen Funken von sich selbst geschenkt hat. Dieser winzige Lichtfunke Gottes ist unsere Seele. Wir haben eine tiefere Verbindung zu unserer Seele, wenn wir uns für die Liebe öffnen.

Liebe ist Liebe; sie ist stets die Gleiche, aber der Engel ohne Namen hat mir gezeigt, dass viele Menschen eine sehr begrenzte Vorstellung von der Liebe haben. Sie sehen sie als etwas, das lediglich in einer Partnerschaft oder innerhalb einer Familie vorhanden ist. Ich begegne so vielen Menschen, die sich intensiv nach Liebe sehnen, aber denken, der einzige Weg, um Liebe zu bekommen, sei eine romantische Liebesbeziehung. Und daher erkennen sie weder die bereits vorhandene Liebe in ihrem Leben noch die Chancen für die Liebe. Sie machen sich nicht bewusst, auf welch unterschiedliche Weise wir lieben können.

Eines Tages, als ich etwa elf Jahre alt war, befand ich mich gerade in einem der Wagenschuppen hinter einer großen Herberge in der Grafschaft Clare, in der meine Großmutter arbeitete. Da kam der Engel ohne Namen zu mir und forderte mich auf, meinem Großvater leise zu folgen, damit er mich nicht bemerkte. Mein Großvater war ein schweigsamer Mann, der im Kampf um die irische Unabhängigkeit ein Bein verloren und daher Probleme beim Gehen hatte. Ich folgte ihm, als er in einem der Schuppen verschwand, und spähte vorsichtig hinein. Ich konnte die Liebe sehen, die von meinem Großvater ausströmte, sogar als ich seinen schockierten, leidvollen Blick sah. Gleichzeitig fragte ich mich, was los war.

Er zog ein weißes Taschentuch aus seiner Hosentasche und beugte sich mit großer Mühe zum Boden hinunter.

Als ich erkannte, was er aufgehoben hatte, begriff ich, was passiert war. Im Taschentuch befanden sich zwei winzige Vögelchen – Schwalbenküken. Hoch oben an der Wand war ein Schwalbennest, und irgendwie – ich habe keine Ahnung wie – waren diese beiden Vögelchen herausgefallen.

Der liebevolle Gesichtsausdruck meines Großvaters sowie die Kraft der Liebe, die von ihm zu den kleinen Vögeln strömte, berührten mich sehr. Der Engel ohne Namen neben mir sagte: »Das ist Liebe. Er hat so viel Liebe eingeschlossen, weil sein Leben so hart war.« Traurig dachte ich an seine beiden Kinder, die, so hatte man mir erzählt, auf tragische Weise in einem jungen Alter ums Leben gekommen waren. »Seine Liebe zu diesen Vögeln ist die gleiche Liebe, die du bei deinen Eltern gesehen hast. Traurig ist nur, dass es deinem Großvater leichter fällt, einem Vogel seine Liebe zu zeigen als seiner Familie.«

Mein Großvater bewegte sich mühsam mit seinem Stock in der einen Hand zur Schuppentür. In der anderen Hand hielt er wie in einer Wiege vorsichtig die beiden Vögelchen.

Als ich kurz darauf in die Küche ging, hatte mein Großvater die beiden bereits liebevoll in eine Kiste gesetzt, damit sie gut geschützt waren, und fütterte sie mit warmer Milch aus einer Pipette. So umhegte er die Vögel einige Wochen lang, bis sie kräftig genug waren, um für sich selbst zu sorgen, und er sie freilassen konnte. Manchmal durfte ich ihm dabei helfen, sie zu füttern.

Der Engel ohne Namen hat mir gesagt, Liebe sei Liebe. Aber er sagte mir auch, dass wir auf sehr unterschiedliche Art und Weise lieben können. Wir alle haben reine Liebe in uns. Wir waren als Neugeborene voller Liebe, und egal was uns bisher auch widerfahren sein mag, die Liebe ist immer noch vorhanden. Egal womit das Leben uns konfrontiert hat und was wir anderen angetan haben mögen, die Liebe in uns wird nicht weniger.

Doch wir alle sperren viel oder sogar die gesamte Liebe tief in uns ein. Wir müssen wieder lernen, sie hinauszulassen.

Wenn wir Liebe zu irgendetwas empfinden, hilft uns das, Liebe in uns hervorzurufen und mehr davon freizusetzen. Liebe wird durch die persönliche Erfahrung der Liebe hervorgerufen: indem wir sie spüren, liebevolle Gedanken hegen oder Liebe sehen. Wir lernen, voneinander zu lieben.

Den Engeln zufolge können wir alle lernen, häufiger und mit einer größeren Intensität zu lieben. Deshalb habe ich dieses Buch geschrieben.

Kapitel 2

Feder-Grau.psd

Sich selbst wieder lieben lernen

Jedes neugeborene Baby, das ich sehe, leuchtet vor Liebe. Es ist ein Leuchten, das aus der Seele stammt. Bei einem Neugeborenen, das gerade vom Himmel gekommen ist, sehe ich die Seele viel weiter vorn im Körper. Außerdem sind die Seele und der Körper offenbar näher beisammen. Daher wirkt die Seele eines Babys so hell und leuchtend.

Gott hat eine Verbindung zwischen der Seele und der Liebe geschaffen, um unsere Menschlichkeit zu fördern. Aber wenn wir uns selbst nicht lieben, wird unsere Liebe anderen gegenüber schwächer. Daher sagte Jesus Christus: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.« Wenn wir uns selbst nicht lieben, sind wir unfähig, andere zu lieben.

Alle Babys sind reine Liebe. Sie empfinden vollkommene Liebe zu sich selbst und wissen, dass sie perfekt, liebenswürdig und einzigartig sind. Doch bereits in den ersten Lebensmonaten eines Babys sehe ich das Leuchten der Liebe schwächer werden. Und im Alter von zehn Jahren – und manchmal bereits viel früher – hat das Leuchten erheblich abgenommen, da die Kinder einen großen Teil der Liebe einschließen, um sich zu schützen. Um zu verhindern, dass sie weiterhin verletzt werden.

Gott lässt nicht zu, dass wir Liebe vernichten, verlieren oder reduzieren. Aber wir können viel davon einschließen, als würden wir sie in einen Käfig sperren und den Schlüssel wegwerfen.

Leuchteten wir alle wie neugeborene Babys vor reiner Liebe, würden wir in einer völlig anderen Welt leben. Wir hätten allesamt großes Selbstvertrauen und wären uns unserer Begabungen bewusst. Es ist nicht eitel oder egoistisch, sich selbst zu lieben. Und man hält sich deshalb auch nicht für etwas Besonderes. Bei der Selbstliebe geht es darum, zu schätzen und zu lieben, wer wir sind. Niemand ist vollkommen – weder Sie noch ich –, aber wenn wir uns selbst liebten, würden wir uns auf die Dinge konzentrieren, die uns Spaß machen und die wir gut können. Wir würden uns keine Gedanken über Dinge machen, die wir nicht gut können oder bei denen wir uns unzulänglich fühlen. Wir wären weit weniger kritisch mit uns selbst und gegenüber anderen und hätten nicht so viel an anderen Menschen auszusetzen. Es gäbe viel weniger Eifersucht, Egoismus oder Neid. Unser Leben wäre einfacher und freudvoller.

Wir wären wahrlich vollkommen wir selbst – der Mensch, dessen Potenzial bereits bei unserer Geburt vorhanden war, der Mensch, so wie Gott ihn sich wünscht. Wir könnten unser Leben auf der Erde so gestalten, dass es wie ein schwacher Abglanz des Himmels wäre. Vielleicht denken Sie, dies sei ein unmöglicher Traum, aber Gott hat mir bewiesen, dass es eine reale Möglichkeit ist.

Von Kindesbeinen an war es mir gestattet, Menschen zu sehen, die ich als »leuchtende Babys« bezeichne. Es sind Kinder, die ihre Liebe nicht einschließen, sondern sich die reine Liebe bewahren, die sie als Babys hatten. Ich sollte sie vielleicht eher als »leuchtende Kinder« oder »leuchtende junge Menschen« bezeichnen, aber ich verbinde sie immer mit Babys, denn wenn ich die Seele eines »leuchtenden Babys« sehe, scheint sie mit einer besonderen Intensität wie bei einem Neugeborenen.

Da »leuchtende Babys« so hell scheinen, überrascht es mich, dass andere Menschen das nicht auch sehen können – aber offenbar können sie es tatsächlich nicht. Allerdings fühlen Menschen sich unglaublich zu »leuchtenden Babys« hingezogen, ohne zu wissen warum, und möchten ständig in ihrer Nähe sein. »Leuchtende Babys« sind spirituell höher entwickelt; ich sehe, dass ihre Seele mit ihrem Körper verflochten ist, und sie zeigen uns, welches Potenzial wir haben.