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Das Buch

»Ich bin hoffnungslos gespalten zwischen dem Licht und der Dunkelheit, dem Mönch und dem Sexbesessenen, dem Priester und dem Dichter, dem Populisten und dem Demagogen. All das schreibe ich jetzt schwarz auf weiß nieder, direkt aus meinem Herzen aufs Papier. Ich lehne mich hier ziemlich weit aus dem Fenster, also gebt mir Rückendeckung.« – Billy Idol

Billy Idols Leben und Karriere sind Rock’n’Roll pur. Er stammt aus der englischen Arbeiterklasse, war mit seiner Band Generation X neben den Sex Pistols und The Clash Teil der frühen Punkbewegung, bevor er Anfang der Achtzigerjahre nach New York zog und dort seine Solokarriere startete, die ihn zu einem der Aushängeschilder von MTV machte. Neben seiner Musik und den wasserstoffblonden Haaren war es vor allem sein ausschweifender Lebensstil, der ihn berühmt-berüchtigt machte. Auch Hollywood hatte große Pläne mit ihm, so war er unter anderem in Oliver Stones Doors-Film für eine Hauptrolle vorgesehen. Doch auf dem Heimweg von einer seiner zahlreichen Drogenorgien verunglückte Billy mit seinem Motorrad schwer.

Seine Karriere geriet ins Stocken, die Zeit schien ihn zu überholen. Doch Billy Idol verfügt über erstaunliche Nehmerqualitäten und tourt heute wieder erfolgreich um die Welt. Seine von ihm selbst verfassten Memoiren sind ein wilder Trip durch fast 40 Jahre Musikgeschichte, eine Achterbahnfahrt ohne Gurt und doppelten Boden.

Der Autor

Billy Idol wurde 1955 unter dem bürgerlichen Namen William Michael Albert Broad in Stanmore, England, geboren. Nach ersten Erfolgen mit der Punkband Generation X ging er 1981 nach New York und stieg in den Achtzigerjahren als Solokünstler zum weltweiten Megastar auf. Indem er seine Punk-Attitüde mit eingängigen Pop-Melodien, Dance-Beats und düsteren Metal-Riffs unterlegte, schuf er einige der unsterblichen Klassiker der Pop-Historie wie »White Wedding«, »Dancing With Myself«, »Rebel Yell« oder »Cradle of Love«. 2014 erscheint mit Kings & Queens of the Underground sein erstes Studioalbum seit fast zehn Jahren.

www.billyidol.net

BILLY IDOL

DANCING WITH MYSELF

Die Autobiografie

Aus dem Englischen
von Jan Schönherr und Harriet Fricke

WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN

Die Originalausgabe erschien 2014 bei Touchstone,
A Division of Simon & Schuster, Inc., New York

Unter www.heyne-hardcore.de finden Sie das komplette Hardcore-Programm, den monatlichen Newsletter sowie unser halbjährlich erscheinendes CORE-Magazin mit Themen rund um das Hardcore-Universum.

Weitere News unter www.facebook.com/heyne.hardcore

Copyright © 2014 by Billy Idol

Copyright © 2014 der deutschsprachigen Ausgabe by

Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion: Thomas Brill

Umschlagfoto: © Greg Gorman

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München,
nach der Vorlage des Originalverlags

Satz: Schaber Datentechnik, Wels

Die Verwertung des Textes, auch auszugsweise, ist ohne
Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar.

ISBN 978-3-641-07967-3

www.heyne-hardcore.de

Für Joan und Bill Broad

INHALT

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PROLOG Es heißt, wenn du den Aufprall hörst, bist du noch am Leben

TEIL 1: LONDON

KAPITEL 1 Mein erster »Rebel Yell«

KAPITEL 2 England Swings (Like a Pendulum Do)

KAPITEL 3 Rock’n’Roll High School – Lange Haare, Schlaghosen und Haschischzigaretten

KAPITEL 4 Sucking in the Seventies

KAPITEL 5 Und dann kam Punk

KAPITEL 6 In einer Revolution zählt ein Jahr wie fünf

KAPITEL 7 Generation X setzt ein Zeichen, William Broad wird zu Billy Idol

KAPITEL 8 Ein Abend im Roxy

KAPITEL 9 »The Two Sevens Clash« – Punk wird erwachsen

KAPITEL 10 Youth Youth Youth: Break On Through to the Other Side

KAPITEL 11 White Light, White Heat, White Riots

KAPITEL 12 Einsteigen statt ausverkaufen

KAPITEL 13 Über den großen Teich

KAPITEL 14 Ready Steady Go

KAPITEL 15 And I Guess that I Just Don’t Know

KAPITEL 16 You Better Hang On to Yourself

TEIL 2: NEW YORK CITY

KAPITEL 17 Ein Rock’n’Roll-Konquistador fällt in Amerika ein und verbrennt nach der Landung seine Schiffe

KAPITEL 18 Making Mony Mony – Ein Westküstenmix aus Punk und Disco

KAPITEL 19 If you can make it here

KAPITEL 20 Hot in the City – Billy Idol wird zum Solostar

KAPITEL 21 Hollywood Daze und Tequila Nights

KAPITEL 22 I Want My MTV: Video Thrills the Radio Star

KAPITEL 23 Rebel Yell – Denn sie wissen, was sie tun

KAPITEL 24 A Change in Pace of Fantasy and Taste

KAPITEL 25 Everybody Must Get Rolling Stoned

KAPITEL 26 Das Brüllen der Löwin und die Nonstop-Orgie

KAPITEL 27 Just a Perfect Day

KAPITEL 28 King Death: Ein gescheitertes Filmprojekt bedeutet das Ende für einen Idol-Macher

KAPITEL 29 Ma! Jetzt bin ich ganz oben!

KAPITEL 30 Return to Splendour

KAPITEL 31 Das Glück der Iren

TEIL 3: LOS ANGELES

KAPITEL 32 »We need a miracle joy, we need a rock and roll boy«

KAPITEL 33 La Vie Enchanté

KAPITEL 34 City of Night

KAPITEL 35 Trouble with the Sweet Stuff

KAPITEL 36 Drunk n’ stupid n’ naked

KAPITEL 37 Mein Leben ist gefeit, kann nicht erliegen

KAPITEL 38 Hollywood-Träume

KAPITEL 39 Have A Fuck On Me

KAPITEL 40 Die Madam und der Priester

KAPITEL 41 Mind Fire

KAPITEL 42 Bitter Pill

KAPITEL 43 My Road Is Long, It Lingers On

EPILOG

DANKSAGUNG

DISKOGRAFIE

INDEX

BILDTEIL

PROLOG

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ES HEISST, WENN DU DEN AUFPRALL HÖRST, BIST DU NOCH AM LEBEN

Am Morgen des 6. Februar 1990 war ich seit mehr als einem Jahrzehnt auf einem schmalen Grat gewandert, ständig mit einem Fuß über dem Abgrund, auf der Suche nach dem größtmöglichen Kick. Ich hatte ein ziemlich kaputtes Leben geführt. Warum aber hatte ich mich nicht einfach komplett ins Drogennirwana geschossen, wo ich mich doch so nihilistisch fühlte? Stattdessen folgte ich dem Credo von Jim Morrison, Samuel Taylor Coleridge und – zeitweise – William Wordsworth, dem Credo der Selbstentdeckung durch Selbstzerstörung, dem ich mich bis heute so überzeugt verschreibe: Lebe jeden Tag, als ob es dein letzter wäre, und irgendwann wirst du damit richtigliegen.

An diesem schicksalhaften Vormittag stehe ich im Morgengrauen hellwach im Wohnzimmer meines Hauses in den Hollywood Hills. Vor mir erstreckt sich das Los-Angeles-Becken bis zu den Hochhaustürmen der Innenstadt. Ich habe nicht geschlafen, mein Kopf dröhnt noch von den Überresten des Alkohols und der illegalen Substanzen der letzten Nacht, und ich blicke hinaus auf die mürrisch erwachende Stadt. Das sich ausbreitende Tageslicht legt Schatten auf die Hänge. Es wirkt fast so, als ob Gott nach und nach die Farben für den heutigen Tag aus seinem Malkasten hervorholt; die Braun- und Grüntöne von Erde und Laub, die sich vom ausgebleichten Weiß der Felsen abheben, auf denen mein Haus steht.

Vom Fenster aus höre ich in der Ferne Sirenen heulen. Hat wohl einer Pech gehabt, denke ich, während ich dem grollenden Autostrom unausgeschlafener, ungeduldiger Pendler auf dem Freeway 101 lausche, die sich durch den Cahuenga-Pass schlängeln: das Geräusch einer Welt, die sich langsam wieder in Bewegung setzt. Der endlose Seufzer des Freeways ist wie ein Echo meiner müden, ausgezehrten Seele.

Am Abend zuvor haben wir nach fast zwei Jahren Arbeit das Album mit dem treffenden Titel Charmed Life abgegeben. Ich spüre die Erwartungen, die auf mir lasten, und bin früh von der obligatorischen Studioparty nach Hause gegangen. Das klingt jetzt, als hätten wir nur eine einzige Party zum Abschluss des Albums veranstaltet, aber eigentlich haben wir die ganzen zwei Jahre durchgefeiert. Zwei Jahre lang nonstop Bier, Bräute und Bikes, dazu ein ständiger Strom aus Hasch, Koks, Ecstasy, Heroin, Opium, Quaaludes und Secobarbital. Ich bin in zahllosen Clubs zusammengebrochen und oft im Krankenhaus aufgewacht. Manchmal kam ich auf dem Rücken liegend wieder zu Bewusstsein, starrte an irgendeine triste, graue Krankenhausdecke, verfluchte mich selbst und war sicher, der Nächste zu sein, der vor irgendeinem Nachtclub in L.A. oder auf irgendeinem kalten Steinfußboden draufgeht, umringt von Fremden und Paparazzi.

Ich habe GHB genommen, ein Steroid gegen die lästige Erschöpfung, die mich zuletzt davon abhielt, Sport zu treiben und meinen Körper wenigstens halbwegs in Form zu halten. Nimmt man zu viel davon – wozu ich neige –, ist das, als würde man sich selbst für drei Stunden in ein künstliches Koma versetzen; für Außenstehende sieht es aus, als hätte man diese Welt verlassen.

Als wir 1988 mit den Aufnahmen begannen, versprachen wir einander, cool und konzentriert zu bleiben und uns nicht komplett in Drogen und sonstige Ausschweifungen zu stürzen. Aber als die Wochen langsam zu Monaten wurden, fingen wir an, freitags etwas früher Schluss zu machen – zur »Drop Time«, zu der wir alle gemeinsam Ecstasy einwarfen. Aus Freitag wurde bald Donnerstag, aus Donnerstag Mittwoch und so weiter, bis alle Regeln außer Kraft gesetzt waren. Irgendwie schafften wir es, trotz Dauerbenebelung noch Musik zu machen. Es war, als würde ich mich permanent von einem weiteren üblen Absturz erholen, und ich brauchte jedes Mal drei Tage, um mich wieder »normal« zu fühlen. Die Arbeit am Album erwies sich als zäh, und die einzige Möglichkeit, dem Druck ein bisschen zu entkommen, war, sich abzuschießen, jede menschliche Emotion zu vermeiden und immer wieder in die Finsternis zu greifen. Irgendwo in dieser Finsternis, so sagte ich mir, waren die Geheimnisse des Universums oder irgendeine andere kreative Botschaft versteckt.

Wir luden auch Mädchen ins Studio ein, die uns zuhören sollten. Das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden erschien uns als der beste Weg, herauszufinden, ob die neuen Songs funktionierten. Wir zogen ein paar Lines, und die Mädchen tanzten. Irgendwann vögelten sie dann mit einem oder mehreren von uns auf dem Studioboden. War die Party erst mal richtig im Gange, liefen wir mit nichts als unseren Motorradstiefeln und Halstüchern am Leib herum. Mit der Zeit wurde das zu unserem Standardlook.

Die Mädchen fanden das spitze und machten es uns nach. Es half sicher, dass wir sie in den örtlichen Stripclubs rekrutiert hatten: Nackt sein machte ihnen nichts aus. Wir veranstalteten richtige Orgien in diesen Studios, die monatelang unser Zuhause waren. Es war wie in einem himmlischen Sexclub – wir waren die Herren der Dröhnung, und alles drehte sich um sofortige Bedürfnisbefriedigung.

Ich möchte gern glauben, dass all das im Sinne der Songs geschah. Der Sex und die Drogen pimpten die Musik auf, und aus dem Chaos heraus entstanden die Songs: Inmitten von in Essen ausgedrückten Zigaretten, dem vollgekotzten Fußboden im Klo und verschwitztem Sex überall im Studio probierten wir unsere Riffs und Mixe aus. Drehten wir laut genug auf, verdrängte der Sound die Geräuschkulisse aus Ficken und Blasen. Songs müssen geschrieben werden. Ideen müssen fließen. Der Flow muss die primitivsten Bedürfnisse befriedigen. Ohne Einschränkung.

Jetzt, wo das alles hinter mir liegt, bin ich erschöpft und zerschlagen. Die Aufgedrehtheit, die mich wach hält, ist das Ergebnis der Mühe und Sorgfalt, die ich in eine Platte gesteckt habe, die über meine Zukunft entscheiden wird. Das ist der Druck, unter den ich mich immer wieder selbst setze. Hinzu kommen die astronomischen Produktionskosten. Der dauernde Zwang, den Karren am Laufen zu halten, hat meinen Geist ausgelaugt und meine Willenskraft aufgezehrt.

Monate später wird sich Charmed Life über eine Million Mal verkauft haben. Die Single »The Cradle of Love« und das dazugehörige Video von David Fincher werden Megahits geworden sein. Aber davon habe ich noch keine Ahnung, als ich mich gegen zwei Uhr morgens allein nach Hause zurückziehe, um mich nach beendeter Aufnahme ein bisschen auszuruhen. Die Trennung von meiner Freundin Perri, der Mutter meines Sohnes Willem, war ein schwerer Schlag. Aber die Fertigstellung des Albums ist das Einzige, was zählt. »Wenn wir Druck machen … wird Lee kapitulieren«, telegrafierte Lincoln 1865 an Ulysses S. Grant in Appomattox. Und weiter: »Machen wir also Druck.« Das ist Rock’n’Roll! Schwierigkeiten muss man die Stirn bieten und den Erfolg aus Schweiß und Tränen schmieden. Daraus ziehe ich meine Inspiration.

In meinem Unterbewusstsein laufen die turbulenten Ereignisse der letzten paar Jahre auf einer Breitbildleinwand und lassen sich nicht ignorieren. Wie soll ich nur diesen Blues loswerden, der mir bis ins Mark kriecht und mein Hirn zermartert? Es ist schön draußen, die Temperatur steigt, und die Sonne brennt den morgendlichen Smog weg. Trotzdem bin ich unruhig, verspüre eine tief im Magen sitzende Unzufriedenheit. Jetzt, wo das Album fertig ist, werde ich schließlich doch noch über mein Leben nachdenken und mich der Leere ohne Perri und meinen Sohn stellen müssen.

Das Motorrad wird den Post-Album-Blues schon wegblasen, denke ich. Ich öffne das Garagentor, und das erwartungsvoll glänzende Chrom meiner 1984er Harley-Davidson Wide Glide ruft mich zu sich.

Der Verkehr ist dicht. Die Sonne fühlt sich gut im Gesicht an und scheint mir warm auf den Kopf. In Kalifornien gibt es noch keine Helmpflicht, und ich habe immer schon gern den Wind in den Haaren gespürt. Mein Motorrad räuspert sich mit tiefem Brummen. Der schwarze Tank und die Chromteile blitzen im gleißenden Sonnenlicht. Ich habe mich für ein Jeansoutfit entschieden, passend zum strahlend blauen Himmel.

Die Harley liegt gut auf der Straße, und ich merke, wie ich mich entspanne. Jetzt muss ich nur noch schneller sein als meine Dämonen. Die süß nach Jasmin und Honig duftende Luft berauscht meine Sinne. Ich bringe das Bike auf Touren. Es reagiert sofort auf meine Kommandos, und ich gleite wie der Wind die kurvige Straße durch den Canyon in Richtung Sunset Boulevard hinab. Das üppige Grün und die Bäume am Straßenrand beleben meinen Geist, und meine Aufmerksamkeit schweift ab. Vor mir sehe ich Bilder von Peter O’Toole als Lawrence von Arabien, der durchs ländliche England rast, sein Motorrad austestet, bis an die Grenzen bringt, als plötzlich …

RUMMS!!!

Eine gewaltige Explosion reißt mich aus meinen Träumereien. Ich spüre, wie mein Körper durch die Luft geschleudert wird und in ein reines Nichts entschwebt. Vor dem Aufschlag verliere ich das Bewusstsein.

Ich fühle, wie sich irgendwelche Wesen um mich drängen. Ich höre Stimmen, einige sehr nah und laut, andere leiser und weiter weg. Das hektische Treiben inmitten dieses finsteren Strudels sagt mir, dass da noch andere Welten sind, und ich spüre ihre magnetische Anziehung. Ich fühle die Auren anwesender Menschen und ahne ihre Bewegungen um mich herum, während ich langsam wieder zu mir komme. Ich bin nicht sicher, ob ich am Leben oder tot bin.

Ich schwebe direkt über mir. Vor mir sehe ich weder weiße Tunnel noch ferne Lichter, nur eine Art rotes Zwielicht. Als ich durch die Schattenwelt auf der anderen Seite gehe, versammeln sich die Wesen, die diese rote Verschwommenheit bewohnen, um mich zu begrüßen. Sie überschütten mich mit ihrer Liebe. Gedanken erreichen mich aus dieser seltsamen Dimension: »Du bist in Ordnung.« »Wir lieben dich.« »Keine Sorge, hier ist Liebe.« Sie drücken und drängen und umarmen meine Seele.

Ich kann ihre Gedanken spüren – gute Gedanken, die mich durchströmen. Ich bin eins mit ihnen und doch noch ich selbst. Das warme Rot durchdringt meinen Geist – eine rosige Sonne muss diese Welt erleuchten. Ich bin verbunden mit anderen, die nicht mehr leben, aber doch in dieser roten Dimension existieren. Rot ist die Farbe des Lebens, die Farbe des Todes, eine rote Maske, eine Feier. Männliche und weibliche Stimmen hallen sanft in meiner Seele wider. »Wir lieben dich«, sagen sie. Es gibt keine Individuen, keine Identifizierungen. Und dann rutsche ich in einen dunklen Sog, werde herausgezogen aus dieser Dimension der Liebe. Ich hänge fest in einer Zeitspalte zwischen Leben und Tod. Langsam komme ich wieder zu Bewusstsein. Die Leinwand hinter meinen Augen ist noch schwarz. Es ist, als habe Gott noch nicht jene ewigen Worte ausgesprochen: »Es werde Licht.«

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Ich habe den Aufprall gehört. Unter Bikern heißt es: Wenn du den Aufprall nicht hörst, bist du schon tot. Ich öffne die Augen, das grelle Sonnenlicht blendet mich. Ich starre auf den Bordstein wenige Zentimeter vor meiner Stirn. Blutüberströmt liege ich auf der Straße, nicht weit von meiner Harley.

Hilflos liege ich auf der linken Seite, auf meinem linken Arm. Ich will ihn bewegen, doch irgendwas stimmt ganz und gar nicht damit. Mein Handgelenk ist völlig im Eimer, die Finger sind wie Klauen gekrümmt.

Ich richte mich etwas auf, um den Rest meines Körpers zu sehen, doch ein ungeheurer Schmerz rast mir durch die Nervenspitzen. Jeder weitere Versuch, mich zu rühren, jagt peinigende Wellen durch mich hindurch. Ich blicke an mir hinab, und mein rechter Stiefel hat keinen Hacken mehr – auf dem Asphalt zerschmettert. Ich probiere, mein Bein zu bewegen: nichts. Aus meinen zerrissenen Jeans ragt ein blutiger, fleischiger Stumpen hervor. Es sieht aus, als wären mein Fuß und mein Unterschenkel abgetrennt, denn unterhalb des Knies liegt die Jeans flach auf dem Boden, und neben dem durchtränkten Stoff breitet sich schnell eine Blutlache aus. Ich liege da und warte auf Hilfe.

Der alte Bikerspruch »Es gibt zwei Arten von Bikern: Die, die schon mal während der Fahrt abgestiegen sind, und die, die das noch vor sich haben« hallt mir durch den Kopf, als ich sehe, wie ein Mann die Straße überquert. Obwohl er meinen Zustand sieht, fragt er: »Geht’s Ihnen gut?« Ich ignoriere die Frage und stoße gerade noch hervor: »Ich hab eine Blue-Cross-Versicherung … Bringen Sie mich ins Cedars-Sinai.« Dann verliere ich wieder das Bewusstsein.

Ein heftiger Ruck zappt mich zurück in die Realität, als die Sanitäter mich auf einer Trage von der Straße in den Krankenwagen bringen. Sie machen sich daran, mir die Klamotten vom Körper zu schneiden, und ich denke tatsächlich: Zum Glück hab ich nicht meine Lieblings-Lederjacke angezogen. Das hatte ich kurz vorgehabt, bevor ich mich wegen des schönen Wetters für meine Jeansjacke entschied. Schon komisch, was für ein Mist einem in solch einer Situation durch den Kopf geht. Ich bin völlig klar in der Birne, habe aber gleichzeitig unerträgliche Schmerzen.

Der Krankenwagen bahnt sich seinen Weg durch den Verkehr, bremst ab und beschleunigt. Die Mischung aus Geschüttel und Sirenengeheul ist seltsamerweise angenehm. Die beiden Sanitäter arbeiten ruhig und entschlossen. Ich bin in guten Händen. Die Eile, in der sie mich auf die Krankenhausliege hieven und zum Notfall-OP bringen, erinnert mich daran, wie ich ein Jahr zuvor in Thailand – vollgepumpt mit Beruhigungsmitteln und auf eine Bahre geschnallt – von einem Trupp Soldaten hastig aus dem Land eskortiert wurde. Als ich am OP ankomme, sind die Schmerzen so heftig, dass ich nicht mehr denken kann. Wahrscheinlich schreie ich, aber ich nehme keinerlei Geräusche mehr wahr.

Tatsache ist, dass ich schon eine ganze Weile nichts mehr richtig wahrgenommen habe. Der Weg, den ich einschlug, war aus gutem Grund nicht sehr viel befahren: Er ist übersät mit Warnschildern, und ich habe keins davon beachtet. Trotz des spirituellen Trosts jener Wesen hinsichtlich meiner Sterblichkeit: Hier in der echten Welt ist die Zeit der Abrechnung gekommen – und es ist weder das erste noch das letzte Mal, dass William Broad einen hohen Preis zu bezahlen hat.

TEIL 1

LONDON

KAPITEL 1

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MEIN ERSTER »REBEL YELL«

Middlesex, London; Long Island, New York

Ich wurde geboren, als noch Götter auf der Erde wandelten: Götter des Rock. Zwei Monate nachdem James Dean starb – das Vorbild aller Rebellen, die nicht wissen, was sie tun –, kam ich am 30. November 1955 im Norden von London zur Welt, im Edgware Hospital, Middlesex. Wer von uns weiß schon, was man bei diesem ersten Atemzug denkt, der zunächst zu einem Schrei und später zu einer Stimme wird? Aber der Instinkt ist von Anfang an da, und in ihm liegen die gesammelten Erfahrungen und die Persönlichkeiten aller, die vorher auf der Welt waren.

WHEN I WAS A BOY / DADDY TOLD ME / GROW TALL / YES AND BILLY DON’T CRAWL / TAUGHT ME HOW TO RIDE / SET ME OUT ON MY OWN / AND I NEVER CAME BACK

»PRODIGAL BLUES«

Angefangen hat dieser Traum von Leben mit meinen ersten Freunden: meinen Eltern Joan und Bill Broad.

Mein Vater, William Alfred Broad, wurde am 6. Juli 1924 in Coventry bei Birmingham geboren. Sein Vater, Albert Broad, hatte einen Zeitungsladen und führte außerdem einen Pub und ein Hotel, bevor er an einem Leberschaden starb, den er wohl vom Trinken hatte. Ich habe ihn nie kennengelernt. Mein Vater wurde von seiner Mutter Naomi Heslop-Broad aufgezogen, zusammen mit seinen Brüdern Bob und Jack und seiner Schwester Joan. Mit elf Jahren bekam er ein Stipendium an der angesehenen Solihull School, was eine ziemlich große Sache war. Nach der Schule wurde er Schreibmaschinenverkäufer, später verkaufte er Winkelprofilregale namens »Handy Angle«. Er baute die Vertriebsabteilung des Unternehmens von einem auf vierzig Angestellte aus, und die Besitzer versprachen, ihn zum Direktor zu befördern. Dazu kam es aber nie. Stattdessen schnappte er sich meine Mutter und mich und zog mit uns nach Amerika.

Meine Mutter, Johanna O’Sullivan, wurde am 24. Februar 1928 in Irland geboren. Sie hatte drei Brüder, Michael, John und Donal, und zwei Schwestern, Mary und Vera. Nachdem sie bei strengen Nonnen zur Schule gegangen war, kam Joan ins englische Sheffield, um Krankenschwester zu werden. Am Ende wurde sie eine OP-Schwester, die dem Chirurgen seine Instrumente reichte, den Operationssaal führte und sich darum kümmerte, dass immer alles für die Eingriffe bereitstand. 1950 lernte sie meinen Vater kennen. Sie war Katholikin und trat 1953 zum Protestantismus über, um ihn zu heiraten. Ihre Eltern verärgerte das so sehr, dass sie bis zu meiner Geburt kein Wort mehr mit ihr sprachen. Meine Mutter betonte immer, dass ihre protestantische Kirche ja eigentlich »Katholische Kirche von England« hieß und sie deshalb nie das Gefühl hatte, die Religion gewechselt zu haben. Das war genau die Art brillanter irisch-verquerer Logik, die mir bei meinen späteren Abenteuern noch selbst zugutekommen sollte. Ganz im Gegensatz zur Weltsicht meiner Mutter war mein Vater überzeugter Atheist, solange ich zurückdenken kann.

Vor der Atlantiküberfahrt legten wir einen Zwischenstopp im irischen Cork ein, um Grandpa und Grandma O’Sullivan zu besuchen. Grandpa hatte eine Schwäche für Trommeln, Grandma spielte alle möglichen Instrumente, von Klavier und Akkordeon über Banjo und Klarinette bis zur Geige. Mein Onkel Donal mochte am liebsten das Saxofon, meine Mutter sang und spielte Klavier. Oft traten sie alle zusammen im familieneigenen Pub auf und spielten die Songs, die Granny auf dem Dachboden ihres Hauses komponierte.

1958 kam ich schließlich in Eisenhowers Amerika an, als Dreijähriger mit einem Banjo auf dem Knie, das meine irischen Großeltern mir geschenkt hatten. Als ich in den Staaten von Bord der S.S. America ging, trug ich es mit Stolz bei mir wie ein Vorzeichen meines musikalischen Schicksals. Wir mieteten eine Wohnung in Rockville Centre, einer Vorstadt auf Long Island, deren Bewohner größtenteils mit dem Zug zur Arbeit nach Manhattan pendelten. Wir fanden also eine neue Heimat in einer Stadt, die das Wort »Rock« im Namen trägt – noch ein Vorbote meiner Zukunft, so als läge die Wahrheit immer schon in der Seele verborgen.

Oft machten wir in unserem Viertel einen Spaziergang, der uns am Haus des damaligen Schwergewichtsweltmeisters Floyd Patterson vorbeiführte. Meine Mutter erinnert sich noch, wie er Hallo zu uns sagte – mein erster flüchtiger Kontakt mit Weltruhm. Mum ging stets offen und freundlich auf alle zu. Wenn wir irgendwo anstehen mussten, hatte sie, bis wir an die Reihe kamen, bereits alle anderen in der Schlange kennengelernt. Manchmal war mir das peinlich, aber es hätte sie verletzt, wenn ich deshalb etwas gesagt hätte. Sie lebte mir vor, wie man aus sich herausgeht, und später sollte sich das noch als unschätzbare Lektion erweisen.

Die Schluchten zwischen den Wolkenkratzern, die neben mir bedrohlich in den Himmel ragten und mich in die Zukunft zu ziehen schienen, gehören zu meinen frühesten Erinnerungen an Manhattan. Wir besuchten dort meinen Onkel John, den Bruder meiner Mutter, und seine Familie. Sie waren immer alle gut gelaunt, selbst wenn Onkel John nachts arbeiten musste. All meine irischen Verwandten hatten so ein gesundes Leuchten an sich, und es lag ständig Musik in der Luft. Die ganze Familie meiner Mutter lebte inzwischen in den Staaten – sicher einer der Gründe, warum wir selbst hergezogen waren. Als Dad einen Job als Verkaufsleiter bei Blue Point Laundry bekam, zogen wir in die Conklin Avenue in Patchogue, draußen in Suffolk County, nicht weit von Fire Island, kurz bevor die Insel sich in zwei Teile aufspaltet, deren längerer in der stürmischen Brandung von Montauk Point endet.

Der New Yorker Winter war hart: Heftige, eiskalte Schneestürme, manchmal so stark wie ein Tornado, peitschten zwei Meter hohe Schneeverwehungen auf, und die Schneepflüge türmten riesige Hügel an den Straßenrand. Doch ich erinnere mich auch an lange, heiße Sommer, in denen der Teer unter den dicken Reifen unserer Laufräder schmolz und große, bunte Autos mit riesigen Heckflossen durch die Straßen kreuzten. Dad hatte einen türkisfarbenen Dodge mit genau so einem Heck.

Die Sommersonne förderte meine kindlichen Aktivitäten. Ich war erst vier Jahre alt, aber ich fühlte mich auf natürliche Weise frei. Ich weiß noch, wie wir zu Firmenpicknicks nach Fire Island rausfuhren und alle ihre Boote festmachten, deren Größe und Glanz ihren gesellschaftlichen Rang anzeigten. Kühlboxen mit Schottenmuster und Bermudashorts waren die Standardrequisiten unserer Kodachrome-Amateurfilme über eine junge englische Familie, die genussvoll das Leben in Amerika kennenlernt. Die tiefen Rot- und Grüntöne dieser Farbpalette sättigten meinen jungen Geist und hinterließen einen unauslöschlichen Eindruck.

Hinter unserem Haus verlief ein Bach, der raus zum Meer führte. An manchen Stellen war er ziemlich schmal, und jemand hatte ein Seil an einen Baum gebunden, an dem wir uns übers Wasser schwingen und hineinfallen lassen konnten.

Ich lernte beim Roten Kreuz schwimmen und fühlte mich im Wasser schnell wohl. Ab und an erwischte mich mal eine verirrte Qualle, aber die Rettungsschwimmer brachten das immer schnell in Ordnung. In den Schläuchen alter Autoreifen surften wir auf den mächtigen Wellen des Atlantiks.

Zu den Hobbys meines Vaters gehörten Golf, Jagen, Angeln, Muscheltauchen und die Schwertfischjagd. Er wollte mir Angeln beibringen, aber ich fand den Gedanken an die vom Haken aufgespießten Kiemen fürchterlich. Oft war ich dabei, wenn er mit einem Fisch kämpfte und ihn an Land zog, und sah starr vor Angst zu, wie das Tier sich vor Schmerzen wand. Das Ausnehmen war auch nicht wirklich mein Fall.

Ich freundete mich mit David Frail an, dem Nachbarsjungen, dessen Vater unter multipler Sklerose litt und an den Rollstuhl gefesselt war. Die Familie hatte ein Hausmädchen und nicht nur einen, sondern gleich zwei Staubsauger – einen für unten, einen für oben.

Einmal lud der Boss meines Dads seine besten Angestellten zu einem sonntäglichen Grillfest in sein riesiges Haus ein. Wir Kinder rannten unter den Rasensprengern hin und her. Das Leben war schön. Der Höhepunkt meiner Kindertage war allerdings, wenn der Eismann in weißem Anzug und schwarzer Fliege mit seinem Wagen durchs Viertel kam.

Auch Fernsehen – besonders Farbfernsehen – war eine große Entdeckung für mich: ein Wunder mit acht verschiedenen Kanälen und Vorschulprogramm am Morgen. Ich mochte den Slapstick von Captain Kangaroo und den Geschichtsunterricht in Disneyfilmen wie The Swamp Fox, der vom Unabhängigkeitskrieg handelte und die Briten als eitle Gecken und die Yankees als teuflisch gerissen darstellte. Es war ein ziemlicher Schock, als mir klar wurde, dass ich einer der Gecken war.

Bald hatte ich mir einen Cowboyslang angewöhnt, um amerikanischer als die Amerikaner zu sein. Als ich 1960 mit knapp fünf Jahren eingeschult wurde, fand ich trotzdem, dass ich als Brite am Fahneneid während des Morgenappells nicht teilnehmen musste. Vergangenheit und Gegenwart waren für mich nie weit voneinander entfernt und sind es heute noch nicht. Tief drinnen fühle ich mich mit allem verbunden, was im Laufe der Jahrtausende auf der Erde geschehen ist – nichts gibt mir so viel Halt wie Musik und Geschichte.

Wie viele kleine Jungs stellte auch ich mir trotzdem gern vor, ich wäre Little Joe aus Mein großer Freund Shane. Ich trug eine Waschbärmütze wie Davy Crockett, sowohl Nord- als auch Südstaatlermützen und einen Steve-Canyon-Pilotenhelm. Ich war beeindruckt von der Weite Amerikas, die ich erahnte, als Mum ihren Führerschein machte und mit mir zu den Niagarafällen fuhr. Nachdem wir dieses Naturwunder bestaunt hatten, fuhren wir über die Grenze nach Kanada zu den Quellen, aus denen sich die Großen Seen speisen. Nahmen die Wunder dieses Landes denn niemals ein Ende? Amerika war prachtvoll, doch seine Schönheit war auch gefärbt von Gewalt, angesichts der Geschichte zahlreicher Indianerstämme, die eingezwängt zwischen den Siedlern im Westen und imperialistischen britischen Truppen im Norden ums Überleben gekämpft hatten. Gewalt – oder zumindest die Androhung davon – prägte mein eigenes Leben noch auf andere Weise. Ich lernte das Fürchten angesichts des lang gezogenen, traurigen Jaulens der Atombombensirenen, das durch leere Straßen hallte, während wir bei den regelmäßigen Übungen Deckung suchten. Tiefe, finstere, stille Gedanken überkamen mich da. Gedanken, die auf eine düstere Seite Amerikas hindeuteten, die ein Kind sich nur schwer vorstellen konnte. Die Pioniere hatten dieses blühende Land gegründet, aber es wurde teuer bezahlt: Aus diesem Leid wurden der Blues und schließlich auch der Rock’n’Roll geboren.

Meine frühen Erinnerungen an Musik vermischen sich mit intensiven Erlebnissen rund um meine erste Präsidentschaftswahl. Eisenhowers acht Jahre waren fast vorbei, John F. Kennedy und Richard Nixon kämpften um seine Nachfolge. Meine Mutter, im Herzen immer noch Katholikin, betete JFK an. Er verkörperte neue Hoffnung und hatte einen eigenen Kopf. Sie war begeistert von seinen Wahlkampfreden und sammelte Grammofonaufnahmen davon. Noch heute habe ich seine Worte im Ohr, als er zu einer »neuen Generation von Amerikanern« sprach.

Meine Mutter nahm mich mit, um ihn in der Nähe bei einem Wahlkampfauftritt zu sehen. Erst war da nur eine Schotterstraße mitten im Nirgendwo, doch bald brauste der junge Kennedy vorbei. Er saß auf dem Rücksitz einer offenen Limousine, winkte lächelnd seinen Unterstützern zu, und dann war er auch schon wieder weg. Mit sich führte er jenes Versprechen eines besseren Amerikas in den Worten: »Frag nicht, was dein Land für dich tun kann, frag, was du für dein Land tun kannst.« Ich hatte das Gefühl, er sprach zu mir.

Ich sehe immer noch die Platten mit seinen Reden vor mir, die meine Mutter besaß: große, schwarze Hartplastikscheiben mit verschiedenen Logos auf dem Label in der Mitte und Seriennummern am Ende der Rillen. Als JFK 1960 die Wahl gewann, war das ein großer Tag für meine Mutter. Keiner von uns durfte in den USA wählen, aber es fühlte sich ganz eindeutig so an, als hätten wir trotzdem etwas mit diesem Sieg zu tun gehabt. Durch diese gemeinsamen emotionalen Erlebnisse stand ich meiner Mutter sehr nahe. Ich hatte schwärmerische Träume von der Zukunft einer ganzen Nation, in den Händen eines einzigen charismatischen, intelligenten Mannes.

In der Plattensammlung meiner Mutter fand sich auch Jazz von Größen wie Count Basie, Duke Ellington und vor allem Louis Armstrong, den ich großartig fand: so ein leidenschaftlicher Klang in dieser Stimme, die eigentlich selbst ein Instrument war. Meine Mutter mochte auch Broadway-Musicals wie My Fair Lady, South Pacific und The Music Man (»Seventy-six trombones led the big parade«). Ich hörte Richard Burton als König Arthur in Camelot, und mir gefiel sein Sprechgesang – natürlich ahnte ich damals noch nicht, dass ich dies Jahre später genauso machen würde. Er war der Erste, den ich jemals über Langeweile singen hörte – in einem lustlosen Ton, der teils Schauspiel und teils Trunkenheit geschuldet war.

Ich hörte auch andere Platten, zum Beispiel Frank Sinatras Songs for Swingin’ Lovers und Ella Fitzgerald. Aber lieber mochte ich die simple Akustikgitarre von Tex Ritter. Sie war das Symbol der Freiheit von jeglicher Unterdrückung, und in jedem Saitenzupfen hallten einstimmig unsere für Gerechtigkeit und Menschenrechte singenden Seelen wider. Die Gitarre war die Waffe des Volkes, sein beseeltes Gewehr, und die Songs waren die Kugeln. Als Kind konnte ich all das fühlen, ohne zu wissen, konnte es hören und verstehen, ohne ganz zu begreifen. Tragödie! Verlorene Verheißung! Tod! Desaster! Hochmut!

Vom technischen Standpunkt aus gesehen war Tex nicht gerade der beste Sänger der Welt, aber er hatte Charakter und war unheimlich glaubwürdig. In seiner Stimme lag Wahrheit. Ich war zwar erst fünf, als ich ihn das erste Mal hörte, aber die vielen verschiedenen Einflüsse, die eine Person ausmachen, sind eben tief verwurzelt. »Billy the Kid« war einer meiner Lieblingssongs: »Out in New Mexico long time ago / When a man’s only chance was his old .44 … Shot down by Pat Garrett who once was his friend / The young outlaw’s life had now come to its end.« Außerdem sang Tex den Titelsong des Films High Noon und Kinderlieder wie »Froggie Went A-Courtin’« und »The Pony Express«.

Man hörte Tex sein Alter deutlich an: Er war weder jung, noch sah er gut aus. Aber nicht zuletzt durch das alte Röhrenmikrofon klang seine Stimme warm, und seine Worte waren gewürzt mit Lebenserfahrung. Es ging um Mord, Verrat und Tod. Die Lieder wirkten auf mich wie ein Traum vom alten amerikanischen Westen, von Leuten, die am Rand der Welt leben und darüber singen. Ich wünschte, ich könnte hier den lustvollen Rausch vermitteln, den Songs in mir auslösen, die mir so viel bedeuten. Tief in der Magengrube fängt es an, breitet sich von dort aus und überflutet den Körper mit warmen, wohltuenden Endorphinen. Das Hirn knistert vor Wohlgefühl.

Schon interessant, dass ich ausgerechnet der Mischung aus Stimme und Gitarre verfallen bin, die bald darauf die ganze moderne Welt in Brand stecken sollte … Robert Johnson, Bukka White, Woody Guthrie und Hank Williams bereiteten den Weg für Elvis Presley – The Hillbilly Cat – und Johnny Cash. Wenn die Western-Musik ein Grenzland der modernen Musik war, dann wollte ich die wilden Tiere sehen. Aber damals, 1960, hatte ich noch keine Ahnung von Rock’n’Roll. Ich hatte die üblichen Kinderliedchen auf buntem Vinyl: Sachen wie »Three Little Pigs«, »Scruffy the Tugboat« und »Popeye the Sailor Man«. Aber meine Liebe zur Musik keimte früh auf.

Am 22. November 1959 wurde meine Schwester Jane geboren. Sie konnte kaum über ihre dicken Wangen schauen. Ich war fasziniert von ihr, wie man in unseren Amateurfilmen sehen kann. Zu einem Familienurlaub fuhren wir durchs Shenandoah Valley entlang der Blue Ridge Mountains, mit einem Zwischenstopp am Bürgerkriegsschlachtfeld von Gettysburg. Ich weiß noch, wie ich den Knopf am Infoschalter drückte und einen Schauspieler Lincolns berühmte Worte aus der Gettysburg Address sprechen hörte: »Siebenundachtzig Jahre ist es her …« Diese dem Gedenken eines so furchtbaren Ereignisses gewidmeten Felder gingen mir nicht mehr aus dem Kopf.

So sehr uns die Zeit in Amerika auch gefiel, ein Jobangebot für meinen Vater brachte uns 1962 doch nach England zurück. Er fing bei einer Firma an, die medizinische Geräte vertrieb – unter anderem ein neues Blutdruckmessgerät namens Baumanometer. Auf dem Rückflug in einem großen Propellerflugzeug fragte ich meine Eltern, wo Gott sei. Wenn er im Himmel war, wieso konnten wir ihn dann nicht sehen? Die Frage sollte mich noch mein ganzes Leben lang quälen.