Jennifer Schreiner
Venusblut

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Das Buch:

Nach dem Tod der Hexe Morna, lebt ihre Zwillingsschwester, die Vampirkönigin Maeve, in Angst und Schrecken. Nicht nur, dass ihr Rebellen den Thron streitig machen und die Unsterblichkeit der Vampire erloschen ist, auch der geheimnisvolle und unvollendete letzte Satz der Vampirbibel gibt Anlass zur Sorge.

Sogar ihr engster Vertrauter Hasdrubal interpretiert in Lilith 6, Kapitel 6,6 »Zwei sind das Leben der Vampire, Zivilisation und Unsterblichkeit, Zwei werden Tod und Untergang sein, und…« hinein, dass Maeve sterben muss, um die Unsterblichkeit wiederherzustellen und den Tod aller Vampire zu verhindern.

Kann die Vampirkönigin Hasdrubal, den sie liebt, noch vertrauen, oder wird ausgerechnet er sie an die Rebellen verraten? Und welche Geheimnisse der Vergangenheit wird ihre gemeinsame Suche nach Lilith aufdecken?

Die Autorin:

Jennifer Schreiner wurde 1976 geboren und lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn im Ruhrgebiet.

Seit 2002 ist sie Magister der Philologie. Bislang sind über 50 fantastische, erotische und gruselige Kurzgeschichten von ihr in verschiedenen Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht und teilweise prämiert (u.a. 3x im Literaturwettbewerb der Bayreuther Festspielnachrichten) worden.

Sie ist Mitglied des VS und bei den Deutschen Liebesroman Autoren (DeLiA).

Mehr über die Autorin und die Blut-Reihe erfahren Sie unter

Jennifer Schreiner

Venusblut

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Sämtliche Namen, Orte, Charaktere und Handlungen sind frei erfunden und reine Fiction der Autorin. Alle Ähnlichkeiten mit Personen, lebend oder tot, sind Zufall.

VOLLSTÄNDIGE E-BOOKAUSGABE

ORIGINALAUSGABE
© 2011 BY ELYSION BOOKS GMBH, GELSENKIRCHEN
ALL RIGHTS RESERVED

KORREKTORAT: Kerstin Schicker

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Inhalt

»Venusblut 2010«

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Prolog

Selbst im Traum hatte sie Angst! Und die Fangzähne des Mannes boten auch jeden Anlass dazu, obwohl seine bloße Anwesenheit gleichzeitig ganz andere Gefühle in ihr auslösten. Nie zuvor hatte sie sich so ambivalent gefühlt, so zerrissen von ihren eigenen Emotionen und Wünschen. Ihr gesamter Körper verlangte auf der instinktiven Ebene ihrer Urtriebe nach schneller Flucht, während ihre Libido ihr sinnliche Schauer über die Haut jagte, in gespannter Erwartung ausharren wollte und jeden ihrer Muskeln lähmte.

Immer noch konnte sie das Gesicht des Unbekannten nicht wahrnehmen, beinahe, als hätte er es aus ihrem Verstand verdrängt oder ihr eigenes Gehirn eine Visualisierung verboten. Seine gesamte Gestalt schien mit der Dunkelheit zu verschmelzen, zu Nacht und Finsternis zu werden, form- und gesichtslos, ein bloßer Schatten. Trotzdem erschauerte sie lustvoll, als seine Zähne, bereit zu einem Biss, über ihre Haut strichen. Die Berührung war überraschend sanft, überwältigend sinnlich, und noch während sich ihre verbleibende Logik gegen die Erkenntnis stemmte, begriff sie die schlichte, unausweichliche Wahrheit: sie würde diesen Kampf verlieren. Und zwar mit Freuden!

Sie hob ihre Hände, um den Mann fortzuschieben, doch ihre Finger, kleinen Verrätern gleich, flochten sich in seine schattenhaft-finsteren Haare und zogen ihn näher, luden ihn dazu ein, sich in jedweder Form an ihr zu laben und intuitives Wissen rieselte durch ihre Adern. Seit jeher hatte sie gewusst, dass diese Nacht kommen würde, hatte auf sie gewartet und gleichzeitig auf eine Realität ohne Vampire gehofft. Doch dieser nächtliche Schatten hatte sie verfolgt, seit sie denken konnte, hatte ihre Tagträume bestimmt und war doch immer knapp außerhalb ihrer bewussten Reichweite geblieben, doch zum Greifen nahe und hatte sich immer wieder als Prophezeiung in ihr Leben geschlichen. In Büchern, Filmen oder Serien war er aufgetaucht, immer nur für den Bruchteil einer Sekunde, eine gesichtslose Andeutung ihrer eigenen Fantasie; nie hatte sie sich wirklich erinnern können, nie ihn identifizieren.

Wieder konnte sie seine Zähne an ihrem Hals spüren, dieses Mal genau an der Stelle, an der das Blut in Synkopen durch ihre Halsschlagader klopfte, und dieses Mal wusste sie trotz ihrer Libido, dass es nicht das unwillkommene Verlangen war oder der penetrante anhaltende Fluchttrieb, die sie wirklich störten. Der nagende Fakt war viel realer und führte zu einer simplen Erkenntnis: Es war Traum!

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Sie schreckte aus dem fremden Traum und ihrer liegenden Position hoch in eine sitzende, mit geöffneten Augen, nahm ihre Umgebung wahr, Gerüche, Geräusche, Bilder und blinzelte verwirrt … und blinzelte noch einmal. Doch der Anblick änderte sich nicht. Ein Terminal voller Menschen, die geschäftig oder beschäftigt hin und her liefen; Koffer wurden geschoben, gezogen, oder abgegeben, Aufzüge fuhren nach oben oder unten, Besucher wimmelten in kleinen Ladengeschäften oder nutzten Rolltreppen, um an den gewünschten Ort zu gelangen. Eine große Schautafel vor ihr änderte just in diesem Moment seine Anzeige, blätterte den Flugplan in die aktuelle Position und erstarrte anschließend.

Abermals blinzelte die Frau und abermals änderte sich … nichts. Sie war und blieb in einem Flughafengebäude.

Trotzdem sah sie an sich herab, nur um sicher zu gehen, dass sie kein Nachthemd trug und nicht in ihrem Bett lag. Erst jetzt stellte sie fest, dass sie saß, sich schlaftrunken auf einer Stuhlreihe aufgerichtet haben musste. Dankbar registrierte sie, dass sie Jeans und Schuhe trug, und eine blaue Jacke, die ihr gänzlich unbekannt war. Einen Moment später erwischte sie sich dabei, wie sie irritiert ihre eigenen Hände ansah und sich fragte, wann sie die Fingernägel rot lackiert hatte und wer ihr diesen grässlichen, silbernen Ring geschenkt haben mochte, der ganz sicher nicht ihrem Geschmack entsprach. Erst dann fiel ihr auf, dass sie diese Fragen nicht beantworten konnte. Nicht nur die Jacke war ihr unbekannt, auch die roten Fingernägel und der Ring. Dass sie sich auch noch mitten in einem belebten Flughafengebäude aufhielt, nicht wusste, wie sie dorthin gekommen war, oder was sie an diesem Ort sollte, rundeten nur das Gesamtbild ab. Hauptfakt Nummer eins war: Sie hatte keine Ahnung, wer sie überhaupt war!

Schockiert hob sie die Hände mit den viel zu roten Nägeln und dem grässlichen Ring vor ihr Gesicht und versuchte die Fakten auszublenden. Unbewusst massierten ihre Finger ihre Schläfen und schienen so eine Erinnerung erzwingen zu wollen. Vergebens.

Sie hatte keine Ahnung! Obwohl sie wirklich und wahrhaftig wach war, wusste sie immer noch nichts über sich oder ihre Situation, erinnerte sich nur an ihren Traum und daran, dass er einer anderen, geliebten Person gehört hatte. Bei dem Gedanken sah sie auf; es musste doch jemanden geben, mit dem sie hier war? Doch niemand war in ihrer Nähe und niemand schien sich übermäßig für sie zu interessieren. Ein zweiter prüfender Blick ergab, dass sie auch keinen Koffer besaß. Keinen Rucksack und kein andersartiges Gepäckstück. Aber was mache ich an einem Flughafen, wenn ich nicht verreise? Sie stand auf, als könne ihr bereits ihre Größe einen besseren Überblick über die gesamte Situation geben, und drehte sich einmal um ihre eigene Achse. Nichts. Nur der allgemeine Flughafenbetrieb. Sie musste eingeschlafen sein. Vielleicht hatte sie sogar ihren Flug verpasst – und den Koffer längst abgegeben?

Wie von selbst gruben sich ihre Hände in die Taschen der fremden Jacke und beförderten eine Kaugummipackung hervor, ein Bonbon und ein einzelnes, benutztes Taschentuch, das sie achtlos in den Papierkorb neben sich warf. Die Innentasche war gänzlich leer und nie benutzt worden. Sie war sogar noch zugenäht. In ihrer Hosentasche fand sie ein Handy.

Gott sei Dank! Gekonnt flogen ihre Finger über die Tasten, prüften das Adressbuch und die Anrufliste – beides war leer. War entweder nie benutzt worden oder musste vor kurzem gelöscht worden sein. Sie musste sich zusammenreißen, das Stück Technik nicht in ein Stück Schrott zu verwandeln, indem sie es auf den Boden warf.

Abermals drehte sie sich um ihre eigene Achse und versuchte die aufkeimende Panik in ihrem Inneren niederzukämpfen. Mit beinahe schmerzlicher Sicherheit wusste sie, dass sie solch eine Situation bereits erlebt, sie überlebt hatte und sich auch dieses Mal wieder erinnern würde. Früher oder später. Und passieren konnte ihr nichts. Sie war in Sicherheit, auf einem Flughafen.

Düsseldorf! Das Wissen war da, plötzlich und ungefragt. Ebenso das Wissen um das aktuelle Datum, um Jahreszeiten, politische Ereignisse und – wieder wanderten ihre Hände zu ihren Schläfen – im Prinzip um alles, außer sich selbst.

Die Toilette! Das Schild schräg vor ihr wurde plötzlich heller und einladender, versprach zumindest einen Spiegel und einen optischen Erinnerungsanreiz. Trotz ihrer aufmunternden Gedanken waren ihre Beine wackelig, als sie aufstand, und bei jedem Schritt drohten sie ihr ihren Dienst zu versagen. Einzig ihre Willenskraft zwang ihre Füße dazu weiterzugehen, ihre ungelenken, fremden Finger dazu, die Tür zu öffnen und sich selbst vor die Spiegel des Waschraumes zu stellen.

Ein sehr bleiches, unbekanntes Gesicht mit Augen, die viel zu groß und starr waren, sah ihr entgegen. Dasselbe junge Gesicht wie aus dem Traum – und doch nicht das gleiche –, mit einer etwas zu großen Nase, einem kleinen Puppenmund, dessen Lippen im Moment zusammengepresst waren. Sie strich sich die halblangen Haare, schwarz gefärbt und zu einem schrägen, flotten Bob geschnitten, zurück, legte zwei Ohren mit kleinen, silbernen Kreuzanhängern frei, und versuchte, sich an sich selbst zu erinnern. Doch da war nichts, nur die Ähnlichkeit mit der Frau aus dem Traum. Wo eigentlich die Erinnerung an ihre Person sein sollte, klaffte eine Lücke in ihrem Geist; instinktiv schreckte sie zurück, sicher, wenn sie sich zu nahe an den Rand dieses schwarzen Lochs wagen würde, könnte es sie aufsaugen – und dann würde nichts mehr bleiben, nicht einmal mehr die Erinnerung an die gängigen Werte, Normen und Gesetze. Nichts von dem allgemeinen Wissen, das sie zurzeit in sich trug, aber nicht verwerten konnte, weil ihr jegliche Bezugsgröße in ihrer Realität fehlte.

Eine einzelne Träne trat aus ihrem rechten Auge und rollte ihre Wange hinab. Im Spiegel konnte sie sehen, wie der Tropfen eine feuchte Spur auf ihrer bleichen Haut hinterließ und an ihrem Mundwinkel hängen blieb. Entschlossen wischte sie die Träne weg und verharrte mitten in der Bewegung. Durch das Hochheben ihres Armes war die Jacke verrutscht und die Ärmel hatten ihr Handgelenk freigegeben – zusammen mit einem dünnen, weißen Plastikband.

Eine Sekunde lang starrte sie ungläubig auf das unerklärliche Ding an ihrem Arm, doch gerade als sie die Jacke hochkrempeln wollte, ging die Tür auf; erschrocken verbarg sie ihr Handgelenk zwischen sich und dem Waschbecken, beugte sich gen Spiegel, bewegte das ihr fremde Gesicht und tat, als prüfe sie ihr Make-up.

Der Mann, der hinter ihr den Raum betrat, sah sie einen Moment lang an, lächelte, sein Blick merkwürdig intensiv, seine Augen seltsam dunkel, nickte ihr zu und ging dann Richtung Toilettenraum. An der Tür warf er einen Blick zurück, der sie mitten in der Drehbewegung verharren ließ, obwohl sie ganz offensichtlich das falsche WC erwischt haben musste. Einen Moment lang setzte ihr Herzschlag aus, ihre Atmung, dann ging er durch die Öffnung, die Tür fiel hinter ihm zu und nahezu augenblicklich vergaß sie, dass sie hatte gehen wollen. Es gab kein Urinal, nur Toilettenkabinen, eindeutig war sie richtig, er falsch.

Bei dem zweiten Blick in den Spiegel wurde der kurze Augenblick der Erleichterung unterbrochen von einer weitaus wichtigeren Feststellung, der sich im Vordergrund der Realität manifestierte: Nichts war in Ordnung.

Sie runzelte die Stirn, weil sie plötzlich nicht mehr wusste, was sie eben noch gedacht hatte. Es hatte doch auf der Hand gelegen, war so offensichtlich, dass es schmerzte. Aber auch diese Information hatte sich aus ihrem Bewusstsein zurückgezogen, hatte etwas mit der Toilette zu tun und mit … sie wusste es nicht mehr, erinnerte sich nur noch an das, was sie gerade hatte tun wollen. Tief durchatmend und sich innerlich gegen alle Möglichkeiten wappnend, zog sie abermals den Jackenärmel hoch und prüfte das Band. Die Schrift war verkehrt herum, offenbar war das, was dort stand, nicht für sie bestimmt. Sie verdrehte ihren Arm und las: Joline. Daneben stand eine Nummer. Eine Telefonnummer?

Nachdenklich betrachtete sie die Zahlen, doch eine Telefonnummer war das einzige, was einen Sinn ergab. Nachdenklich starrte sie auf das Stück Plastik und die neuen Fragen brachten sie beinahe um den Verstand. Wer bist du, Joline? Und warum trägst du deinen Namen und eine Telefonnummer auf einem Plastikarmband bei dir? Die Antwort war so simpel, dass es beinahe weh tat: Weil das hier vermutlich nicht zum ersten Mal passierte! Vielleicht würde sich gleich alles aufklären!

Mit zittrigen Fingern holte sie das Handy aus der Tasche und starrte es unentschlossen an. Was, wenn alles ganz anders war? Wenn sie von dem Ort, an den die Telefonnummer führte, geflohen war? Vielleicht, weil es ein schlimmer und unerträglicher Ort war und sie jedes Mal floh und sich jedes Mal selbst wieder dorthin verfrachtete, weil sie jedes Mal gedächtnislos anrief?

Sie könnte auch die Polizei anrufen – aber dann? Hätte sie als Erinnerungslose nicht schlechte Karten? Vor allem, wenn die anderen die zwangsläufig glaubhaftere Erklärung für ihre derzeitige Situation hatten?

Vor Frust über ihre eigene Paranoia hätte Joline beinahe geschrien. Wütend auf sich selbst wählte sie die Nummer und wartete gespannt. Nach dreimaligem Läuten wurde die Verbindung hergestellt und eine Bandansage begann. Schon bei den ersten Worten hätte Joline beinahe angefangen zu weinen. Sie kannte diese Stimme. Und die Sätze, die folgen würden, ebenfalls. Sie war dabei gewesen, als sie zum ersten Mal gesprochen und aufgezeichnet worden waren. Vor einer halben Ewigkeit und in einem Leben, in dem ihr Leben beinahe normal gewesen war.

Trotz ihres Willens nicht zu weinen, traten nun erste Tränen in ihre Augen und zauberten einen trüben Schleier über die Welt. Aber sie musste sich zusammenreißen. Musste stark sein und weitergehen, tun, was die Stimme sagte. Sie hatte keine Zeit für Schwäche!

Noch bevor der Ansager ausgesprochen hatte, legte Joline entschlossen auf. Zum ersten Mal sah sie wieder Charakter und Willensstärke in den Zügen ihres Spiegelbildes. Eine Körperhaltung und ein Antlitz, das ihr wohl vertraut war. Mit einem seltsamen Hochgefühl ob des gelösten Rätsels drehte sie sich um – und wäre beinahe in den Mann hineingelaufen.

Sie hatte nicht gehört, dass er die Toilette verlassen hatte. Zum ersten Mal sah sie ihn wirklich. Alter Glanz und ein gehobener Status zeichneten sich auf seinen Zügen ab – und machten seinen optischen Verfall noch deutlicher. Und seinen Hass. Uralte Wut, der man sich niemals würde vollständig entziehen können. Sie manifestierte sich als Angst in Jolines Adern, ließ ihr Herz schneller schlagen, das Blut in ihren Adern rasen. Eine Gänsehaut lief über ihre Haut und brachte sie ebenso zum Zittern, wie der selbstgerechte Zorn des Alten, der sich in ihr festsetzte und unnachgiebig an ihren anderen Emotionen nagte. In seiner Welt gab es nur eins, den Feind. Alles drehte sich um ihn, jedes Gefühl, jeder Gedanke und jede Handlung.

Jolines Blick traf den des Mannes und die Vergangenheit holte sie ein: Gebrochene Augen, Körperteile, abgehackt, abgerissen, zerfetzt, Blut und Dreck, Asche und Feuer, ein stinkendes Kaleidoskop des Todes.

Vampirkriege! Wie zuvor kam das Wissen ungefragt und ohne Vorwarnung. Bilder der Zerstörung, der Vernichtung und des Wahnsinns riefen Übelkeit und Verzweiflung hervor. Der gesamte erste Eindruck, die Szenerie und die Geschichte hatten sich in wenigen Sekundenbruchteilen in Joline manifestiert, bohrten sich in ihre Seele und verdrängten jedes Glücksgefühl in ihr. Joline öffnete den Mund zu einem tonlosen Schrei.

Sie war weit gelaufen, aber nicht weit genug!

1

Der Vampir öffnete die Augen, doch es blieb dunkel. Die Schwärze war überall und für Sekunden fiel ihm jedwede Orientierung schwer. Oben wurde zu unten, während rechts kippte und zu ihm selbst wurde. Farben kristallisierten sich aus der Finsternis heraus, bildeten Formen und kamen näher, bevor sie direkt vor seinen Augen verschwanden und sich wieder in Schwärze verflüchtigten. Die Urdunkelheit, eine Finsternis, die alle Möglichkeiten enthielt. Alles, was gewesen war, war und noch sein würde. Einbildung.

Er setzte sich auf und die Bewegung seiner Muskeln erinnerte ihn daran, dass er einen Körper besaß. Und der fing irgendwo an und hörte auch irgendwo auf. Er konzentrierte sich auf sich selbst, auf den menschlichen Aspekt seiner Existenz und war dankbar, als sein Körper sich ebenfalls erinnerte. Das aktuelle Datum war mit einem Mal ebenso wichtig wie seine Position und das Prickeln seiner Haut. Wie lange hatte er geschlafen?

Er schüttelte den Kopf und versuchte sich zu erinnern, doch sein Geist war zu unruhig. Aufgewühlt von Träumen, die nicht seine waren, Visionen von Lust und animalischen Trieben, von sinnlichen Urinstinkten ebenso wie von panischer Angst – und von der Dunkelheit in seinem Geist.

Zumindest Letzteres war unmöglich. Er war die Dunkelheit, der Schatten, der einzige, der von allen anderen Schatten – Bodyguards der Vampirkönigin – genährt wurde, alles wusste und konnte und niemals versagte. Die Erinnerung war mit einem Mal wieder da, ungefragt und beinahe gewalttätig bahnte sie sich seinen Weg in seinen Verstand. Die Suche nach dem Elixier! Er hatte sie beinahe vergessen!

Joel hustete, als er sich seinen Weg aus dem Schutt bahnte, in dessen Schutz er den Tag verbracht hatte. Gleichzeitig mit dem letzten Geröll fiel auch die letzte Barriere um seine Wahrnehmung.

Nachdenklich klopfte er sich den Staub aus dem schwarzen Anzug und ließ die eigenen Träume und Visionen ebenso Revue passieren wie die der anderen Vampire. Es war erschreckend ruhig. Wahrscheinlich waren auch die Rebellen von den Nebeneffekten der schwindenden Unsterblichkeit betroffen. Joel schloss die Augen, als er die einzige Information erhielt, die ihn wirklich beunruhigte: Die beiden Ältesten waren frei, die Magie ihrer Verbannung erloschen.

»Ein Problem für später«, beschloss er, als er kurz die Prioritäten ordnete. Durch den Verlust der Unsterblichkeit drohte akute Gefahr, durch Xerxes und Artabanos höchstens eine langfristige. Das war vielleicht der einzig gute Effekt der verblassenden Unsterblichkeit: Durch die Nebenwirkung hatten die beiden Vampire möglicherweise das Interesse an einem neuerlichen Kampf um die Macht verloren.

Schließlich fühlte sich Joel selbst ob des Verlustes und seines eigenen Alters wie zerschlagen. Wenn er sich ein weiteres Mal so tief in der Dunkelheit verlor, würde es für ihn vermutlich kein später mehr geben. Aber auch das war ein Problem, welches er nicht sofort erledigen konnte. In Gedanken wiederholte er die Adressen aller Besitztümer, Häuser, Villen und Wohnungen von Magnus. Und damit potenzielle Versteckmöglichkeiten für das Elixier, welches der intrigante Vampir seiner königlichen Schwester Maeve und der Gemeinschaft der Vampire gestohlen hatte und das eventuell den Schlüssel zur neuerlichen Unsterblichkeit enthielt.

Er konnte nur hoffen, dass Magnus seine Grundstücke nicht gegen Vampire gesichert hatte. Sich auf das nächstgelegene Ziel konzentrierend hätte er beinahe laut gelacht. Ausgerechnet. Der einzige Vampirclub in Bayern gehörte Magnus. Ein Umstand, der seine Suche erheblich erschweren konnte, aber immerhin seine Befürchtungen hinsichtlich Magnus’ magischen Vampirschutz zerstreute. Er atmete tief ein, schickte seinen Schatten voraus und folgte ihm.

Sekunden später machte er einen Schritt aus der Dunkelheit auf den Club zu.

Niemand kontrollierte den Eingang. Purer Leichtsinn! Aber heute war er nicht als Leiter der Schatten in Bayern unterwegs. Darum ignorierte er den liederlichen Missstand und betrat die Bar.

Die Musik war laut und ebenso aufdringlich wie die rhythmisch wechselnde Beleuchtung, die Barmädchen hübsch, jung und reizvoll. Umstände, die die Lebenden davon ablenken sollten, dass die meisten Gäste des Etablissements bereits tot waren.

Trotz der akuten Reizüberflutung bemerkte er, dass seine Ankunft für Interesse sorgte. Nicht nur bei den hauptsächlich jüngeren Vampiren, die sich in der Kaschemme aufhielten, sondern auch bei den hübschen und jungen Bardamen.

»Was kann ich dir bringen, Großer?«

Die Blondine, die ihm am nächsten stand, musterte ihn von oben bis unten und machte keinen Hehl aus ihren Gedanken. Eine Nacht mit einem hübschen One-Night-Stand.

Joel schüttelte den Kopf, ignorierte das nackte, menschliche Pärchen, welches sich nur wenige Meter vor ihm im gut ausgeleuchteten und verspiegelten Hintergrund der Theke positionierte, und setzte sich an den Tresen. Er würde nur wenige Minuten und Konzentration benötigen, um jeden Anwesenden zu überprüfen. Joel lenkte seine Aufmerksamkeit auf den ersten Tisch. Doch die menschliche Frau des Live-Show-Acts ließ ihre Finger sachte über den bereits erigierten Penis ihres Partners gleiten; der Mann seufzte leise und genießerisch.

Joel blinzelte und versuchte abermals, sich zu konzentrieren.

Die Frau lächelte, formte ihre Finger zu einem O und schloss es um den Penisschaft. Mit den verbleibenden Fingern spielte sie mit dem kleinen Vorhautbändchen, drückte auf die winzige Öffnung des Penis’ und nutzte schließlich ihre zweite Hand, um die Wurzel zu umschließen und der Härte des Gliedes noch einmal nachzuhelfen.

Joel wandte den Kopf ab, konnte aber aus dem Augenwinkel sehen, wie der Mann eine Kette hob und sie so hielt, dass die anderen Gäste sie sehen konnten. Kugeln verschiedener Größen waren auf ihr aufgezogen. Jede ein Stück größer als die davor. Die Vampire applaudierten lautstark, während sich Joel geistig dem zweiten Tisch widmete. Er war in Ordnung. Nicht so die Ablenkung durch das Menschenpaar. Die junge Frau drängte sich auf allen Vieren näher an ihren Partner und nutzte ihre Rechte, um sie um seinen Schaft zu schließen, während er sie so drehte, dass er ihr die kleinste Kugel auf ihren Anusmuskel drückte, bis dieser nachgab und die Kugel in ihrem Körper willkommen hieß. Eine Tatsache, die durch den Spiegel und die Beleuchtung für jeden gut sichtbar war. Joel seufzte leise und versuchte das Ziehen in seinem Unterleib zu ignorieren. Er war disziplinierter als die meisten Vampire, aber pure Lust ließ auch ihn nicht kalt. Zumindest nicht, seit die Vampire ihre Unsterblichkeit verloren und wieder anfälliger für Laster geworden waren.

Die junge Frau bewegte ihre Finger den Schaft herab nach unten, zog mit dieser Bewegung die Vorhaut zurück und ließ sie dann langsam über die Eichel zurück gleiten. Bei jedem neuerlichen Hinauf ließ ihr Partner eine weitere Kugel in ihrem After verschwinden. Schließlich zog er sie mit seiner anderen Hand zu sich und dirigierte ihren Mund auf seinen Schwanz. Sie kam seiner wortlosen Aufforderung ohne zu zögern nach, schloss ihre Lippen um die Spitze des Schaftes und ließ sie nach unten gleiten. Für jeden gut sichtbar nahm sie ihre Rechte zur Hilfe, während sie mit der Linken sanft und gekonnt die Hoden ihres Partners massierte. Joel konnte die Wellen der Lust spüren, die durch die Adern des jungen Mannes liefen, die Erregung, die von dem Paar auf die Vampire überging und sich verdichtete. Der junge Mann bog seinen Rücken durch, als ein Orgasmus durch seinen Körper lief.

Was war bloß los mit ihm? Seit 1431 hatte er sich nicht mehr für Sex oder Erotik interessiert, doch ausgerechnet heute schien seine Libido das Interesse am anderen Geschlecht und an der Sinnlichkeit im Großen und Ganzen wiederentdeckt zu haben. Es gelang Joel, sich von dem Anblick loszureißen und den dritten Tisch zu überprüfen. Der Tisch und auch der nächste waren in Ordnung. Der Kuss der zwei Live-Akteure nicht. Lang, anheizend und intensiv, lenkte er Joel ebenso ab, wie die Finger des Mannes, die in die Vagina der jungen Frau glitten und sie fingerten, während sie in einem Crescendo kam. Bei jedem neuen Schauder, der durch ihren Körper lief, zog der Mann eine Kugel aus ihrem Anus, verdoppelte die Lustgefühle und brachte die Frau dazu, orgiastische Schreie auszustoßen, bis sie schließlich, nach einem finalen Schrei, erschöpft zusammenbrach.

»Immer noch nichts zu trinken, Großer?« Die Blondine lächelte ihn ein wenig hämisch an.

Joel verfluchte sich selbst für seine ungewohnte Schwäche, riss sich endgültig von dem Anblick des Menschenpaares los und schenkte der Bedienung ein freundliches Lächeln. »Nein, danke.«

Ein Vampir setzte sich neben ihn. Dicht genug, um aufdringlich zu sein und seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

»Es ist unhöflich, nichts zu trinken zu bestellen.« Die Stimme enthielt eine Warnung, die die anderen Vampire aufblicken ließ. Die Blondine floh hinter die Theke.

»Du kennst mich, Logan.« Joel zuckte mit den Schultern. »Ich war noch nie einer der höflichen Sorte.«

»Wie lange ist es her?«

»Zehn Jahre.« Ein Zeitraum den sich Joel gut merken konnte. Logan gehörte nicht zu den Schatten, aber er war lange Zeit derjenige gewesen, der mit ihnen im Auftrag der Vampirkönigin Maeve und ihrer Schwester Morna eine bestimmte Beute gejagt hatte.

»Ich bin ein wenig enttäuscht, mein Freund.«

Joel beließ es bei diesem Wort, obwohl es einer Unterstellung gleichkam. Logan war nicht sein Freund und würde es auch unter keinen Umständen jemals werden.

»Dieses Jahr hat sie nicht nach mir geschickt, sondern nach dir?!« Obwohl der andere Vampir die Antwort zu kennen schien, machte er eine Frage aus seinen Worten.

»Und da Morna, die unberechenbare Hexe von Vamp-Central, tot ist, nehme ich an, du hast versagt?!«

Zum ersten Mal gestattete sich Joel eine Regung und sah zur Seite. Dorthin, wo sich Logan, der blonde Vampir mit der lockigen Wuschelmähne und dem umwerfenden Lächeln eines Chipendale auf einem Barhocker pfläzte.

»Nein, habe ich nicht. Ich habe mich an die Spielregeln gehalten.«

Maeves Spielregeln, nicht Mornas, fügte er gedanklich hinzu.

»Und? Wie ist sie?« Logans Interesse war unüberhörbar.

»Sofia?« Wieder zuckte Joel mit den Schultern, als sei jede Antwort bedeutungslos.

Früher oder später würde Logan sowieso alles erfahren, der Vampirin Sofia vielleicht begegnen. Joels Blick glitt über die Gestalt seines Gegenübers und verharrte bei der Kette mit den perlenförmigen Anhängern, die auf der nackten Brust des Vampirs ruhte. Verboten! Unwillkürlich hob Joel die Hand und konnte sich gerade noch zur Ordnung rufen, bevor er die Geste des Löwenvampirs imitierte. Auch er war dem neuen Verbot der Königin noch nicht gefolgt und trug immer noch das Band mit den fünf magischen Perlenanhängern. Für Sekunden haderte der Schatten mit sich selbst. Längst hätte er sich seiner Kette entledigen können, es sogar müssen.

Aber alte Gewohnheiten – auch die ungeliebten – legte man nicht so leicht ab. Schließlich war das Tragen der magischen Kette Jahrhunderte lang Pflicht gewesen. Eine Erinnerung an die Macht der Hexe, an die Herrschaft der Königin und die einzige Möglichkeit für Vampire, Frauen unsterblich zu machen und ungehemmt in sexuellen Genüssen zu schwelgen oder vertrauensvolle und ewige Partnerschaften zu pflegen.

Selbst jetzt, nach dem Tode Mornas, konnte Joel noch die Kraft der Hexe in den Anhängern, in jedem einzelnen Glied der Kette, spüren. Sie wartete geduldig auf den Moment, in dem er unachtsam wurde. Genug, um ihn in diesem Moment zu verlocken und dazu zu verführen, den Anhänger mit einer lebenden Frau zu füllen. Seiner Frau. Seinem Eigentum, für alle Zeiten eingesperrt und ihm ausgeliefert. In einem letzten Aufbegehren gegen die Hexe hatte Joel die Kette behalten. – Um sich daran zu erinnern, dass jedes Leben wertvoll war und er niemals etwas tun würde, um eine sterbliche Frau wie eine Sklavin an sich zu binden.

Logan schien diese Skrupel nicht zu haben. Seine Kette war voll.

Joel gab sich Mühe, keine Miene zu verziehen. Er war mit dem festen Vorsatz in die Bar gegangen, nach fünf Minuten wieder draußen zu sein. Jetzt konnte er fühlen, wie sein Vorsatz schwammig wurde und er schimpfte sich selbst gedanklich einen naiven Idioten. Sicher, er hatte die Anwesenden, ihre Gedanken und ihren Ketten-Status kurz überprüft, aber ein Sucher wie Logan wusste selbstverständlich, wie man mentale Tricks auskonterte. Und statt genauer zu prüfen und die Schatten der Anwesenden einzubeziehen, hatte sich Joel blenden lassen.

Logan verzog seine großzügigen Lippen zu einem Lächeln, als könne er Joels Gedanken erraten. – Konnte er nicht. »Sofia ist großartig«, antwortete der Herr der Schatten.

Das Lächeln des blonden Vampirs wuchs in die Breite. »Das habe ich schon von ihr gehört.«

»Zu spät, Logan! Zu spät!« Jetzt war es an Joel zu grinsen.

»Deins?« Das eine Wort sprach Sofia jeden Status und jede Menschlichkeit ab und reduzierte sie zu einem austauschbaren Gegenstand. Die Gesichtszüge des Suchers hatten einen lauernden Ausdruck angenommen und ließen ihn wie einen Löwen wirken, der vom Schlafmodus direkt in den Jagdzustand wechselte.

»Nein.«

Joel schwieg und wartete, bis das Schweigen zwischen ihnen unangenehm wurde. »Sie gehört zu Edward.«

Der Löwenartige Vampir gab einen Laut von sich, der einem Knurren sehr nahe kam. »Das heißt, der Spaß ist jetzt vorbei?«

»Wenn man es denn Spaß nennen mag.«

Dieses Mal fing Joel den Blick des anderen Vampirs ein und hielt ihm stand.

Logan sah zuerst weg, um seine Frage anschließend zu entschärfen: »Der Fluch ist gebrochen und Edward frei?«

»Ja.«

Joel beschränkte sich auf ein Wort und überließ es Logans Fantasie, sich auszumalen, auf welche Art und Weise es Sofia gelungen war, Edward, den Magistraten der Königin, vom Hexenfluch Mornas zu befreien.

»Und deswegen ist Morna gestorben?« Ohne auf eine Antwort zu warten seufzte der Löwenvampir, als gefiele es ihm nicht, seine Aufgabe zu verlieren.

Jahrhundertelang war er der Bluthund der Königin gewesen. Der Jäger, den sie nach Ablauf der Frist auf die Vampirinnen ansetzte, die Edward erschaffen hatte. Alle zehn Jahre hatte der Magistrat eine lebensmüde Frau in eine Vampirin umwandeln dürfen, alle zehn Jahre hatte er die Hoffnung gehabt, dass diese Frau ihn von seinem Fluch erlöste. Einen Fluch, den die Hexe ob ihrer verschmähten Liebe über Edward und seine Familie verhängt hatte.

»Nun ja …« Logan reckte sich und hob seine Rechte zu der Kette mit den fünf perlenförmigen Anhängern. »Wenn er endlich Gefallen an einer Frau findet, mag er ja vielleicht demnächst tauschen?«

»Ich bezweifle, dass das Sofia gefallen würde…« Joel murmelte die Antwort leise, während er sich vorstellte, wie die energische und schlagfertige Vampirin auf Logan reagieren würde.

»Ich habe meine Vorzüge…« Logan ließ seine Stimme beleidigt klingen. »Aber vielleicht gefällt dir ja eine von ihnen?«

Widerwillig starrte Joel auf die Portraits der Frauen, die sich Logan als Lebensabschnittsgefährtin hielt. Langhaarige Prachtexemplare, geschaffen dafür, um bestaunt und bewundert zu werden.

»Die drei«, der Löwenvampir zeigte auf drei Grazien mit langen, blonden Haaren, »habe ich allerdings schon Nemesis versprochen.«

Beim Namen des Verräters horchte Joel auf. Aber Logan verzog keine Miene und nichts in seinem Auftreten ließ darauf schließen, dass er von der Rebellion des alten Vampirs gegen die Vampirkönigin wusste. Eine Rebellion, die nur fehlgeschlagen war, weil Joel und Sofias Freund Edward zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen waren.

»Warum? Was haben sie dir getan?« Selbst ohne Rebellion war Nemesis niemand, mit dem man Geschäfte machte. Er war grausam und skrupellos. – Gerade in Hinsicht auf seine Frauen. Sein Verschleiß war dementsprechend hoch. Er fand sie, fing sie, brach sie; spielte mit ihnen und tötete sie. Ihm eine Frau zu geben war ein langes Todesurteil voll zwiespältiger Hoffnung und Demütigungen. Was hatten diese Frauen Logan getan, um dieses Schicksal zu verdienen?

»Nichts!« Logan lächelte sein sinnliches Lächeln. »Sie haben mich gelangweilt.«

Joel hob eine Augenbraue. Eine sehr menschliche Geste der Herablassung, denn der Schatten erinnerte sich daran, das Logans Präferenz bei ihrem letzten Treffen Rothaarigen gegolten hatte. »Nach nicht einmal 10 Jahren?«

»Weißt du, mein Freund?«, der blutsaugende Chipendaleverschnitt legte Joel kameradschaftlich seinen Arm um die Schulter. »Hat man erst einmal den akuten Hunger nach ihren aufregenden Körpern gestillt, ihre Hingabe gekostet und das Verlangen nach ihrem Blut befriedigt, werden sie … gewöhnlich.« Logan machte eine wegwerfende Handbewegung.

Joel fühlte einen altbekannten Groll in sich aufsteigen. Die Wut darüber, wie die Vampire mit Frauen umgingen, die Leichtfertigkeit, mit denen sie über ihr Leben bestimmten und sich zu dunklen Göttern machten.

»Wieso benutzt du dann überhaupt die Kette? In zehn Jahren können sie ja nicht allzu sehr altern, oder?«

Er wusste, bei vielen Vampiren würde die Antwort »Macht« lauten. Macht über Leben und Tod. Über ihre Umwelt und ihr Wohlbefinden.

Logan überraschte ihn mit einem herzlichen Lachen. »Nachdem du so um den heißen Brei geschlichen bist, rück schon raus mit der Sprache. Ist es wahr? Maeve hat die Ketten verboten?«

»Ja!« Trotz Logans Reaktion spannte Joel noch während des Wortes seinen Körper an und wappnete sich für einen Angriff.

Doch abermals überraschte der Löwenvampir Joel. »Glaubst du wirklich, ich bin so blöde?« Logan öffnete den Verschluss. »Ich würde nicht für eine Frau sterben wollen. Wieso sollte ich es für fünf tun?«

Tatsächlich hatte Joel den löwenartigen Vampir für dumm genug gehalten. Weniger wegen der Frauen als vielmehr wegen der mit der Abgabe der Kette verbundenen Unterwerfung unter die Herrschaft der Königin. Doch ohne sicht-bares Bedauern reichte ihm Logan das Schmuckstück; Joel ließ das magische Kleinod in einer seiner vielen verborgenen Taschen verschwinden. Ein weiteres Problem für später.

Logan lehnte sich lässig zurück und sah gespielt gelangweilt auf seine Fingernägel, was ihn wie den bösen Onkel aus »König der Löwen« wirken ließ. »Allerdings denke ich, dass ich Magnus Tochter etwas länger behalten werde, wenn ich sie habe!«

»Du weißt, wo sie ist?« Joels Stimme war schärfer, als er beabsichtigt hatte. Etwas stimmte nicht, das hier war kein verbales Katz-und-Maus-Spiel mehr, kein geistiges Kräftemessen. Seine Emotionen und Gedanken überschlugen sich und alles in ihm schrie danach, sein Schwert zu ziehen und Logan einfach niederzustrecken. Ohne wenn und aber und ohne auf weitere Informationen zu warten. Nur die Tatsache, dass es schrecklich dumm wäre, sich allein von seinen Instinkten leiten zu lassen, ließ Joel ruhig sitzen bleiben.

»Nein,« Logans Gesichtsausdruck wurde selbstgefällig. Aber ich weiß, wer es weiß – und dass wir sie hinterher bekommen werden.«

Er hatte das »wir« genug betont, um Joel aufmerken zu lassen. Noch bevor sich die anderen Vampire in der Bar formiert hatten, war er aufgesprungen, hatte nahezu im selben Moment sein Schwert, das bisher unter seinem langen, schwarzen Mantel verborgen gewesen war, in der Hand und es eingesetzt. Doch dort, wo eben noch Logans Hand gewesen war, war nichts mehr und die Klinge schnitt lediglich durch Luft. In Sekundenbruchteilen verwandelte sich die friedliche Bar in ein Tohuwabohu. Während die Menschen noch versuchten, die Gefahr zu lokalisieren, und dabei von den Stühlen sprangen, Gläser umstießen und sich gegenseitig behinderten, hatten sich die Vampire zu einer Gruppe zusammengeschlossen – gegen Joel.

Die ersten drei Angreifer erledigte der Führer der Schatten mit einem einzelnen Schwertstreich. Die dunkle Klinge – eine Kostprobe von Mornas Magie – schnitt durch das untote Fleisch, als biete es keinen nennenswerten Widerstand. Sauber durchtrennte es Adern, Sehnen, Muskeln und Knochen und vernichtete jede Möglichkeit der Heilung. Was es durchtrennte blieb durchtrennt und was es tötete tot.

In Joels von Adrenalin geprägtes Hochgefühl mischte sich die Trauer über so viel Dummheit. Außer Logan, der immer am Ausgang der Bar lässig an der Wand lehnte und sich das Schauspiel ansah, hatte keiner der Angreifer eine Chance gegen ihn. Sie bemerkten nicht einmal den Tod ihrer Mitstreiter. Er drehte sich einmal, nutzte die wandernde Beleuchtung, die Schatten, verschwand von der einen Stelle, tauchte an der anderen wie ein dunkler Racheengel auf seiner höllischen Mission auf. Er vernichtete und war stets genau dort, wo sein Gegner ihn nicht erwartete, und schien in der Realität zu zerfließen, wie das Phänomen, das seiner Eliteeinheit den Namen verliehen hatte. Finster und nicht greifbar huschte er durch eine Zeitdimension, die für die anderen Vampire nicht zu erfassen war und selbst die allgemeinen Naturgesetze schienen extra für ihn außer Kraft gesetzt worden zu sein. Er wurde zur Verkörperung einer allumfassenden Dunkelheit, die alles Leben auslöschte und nichts übrig ließ – nicht einmal Chaos. Sekunden nach der Verletzung zerfielen die Getroffenen in atemberaubendem Tempo und nichts blieb von ihnen zurück – keine Andeutung davon, dass sie je existiert hatten.

Wieder verschmolz der finstere Vampir mit der Dunkelheit – seine Kleidung und seine schwarzen Haare unterstützten sein Verschwinden – und tauchte hinter der nächsten Linie der Angreifer wieder auf. Der Todestanz diente lediglich dazu, Joels Anwesenheit in Deutschland zu verschleiern. Es hätte nur einen Gedanken von ihm gebraucht, um seine Feinde zu vernichten. Aber ein mentaler Angriff hätte sowohl Freund als auch Feind auf seine Spur gelenkt – und vielleicht mehr von seiner derzeitigen Aufgabe preisgegeben, als ihm lieb sein konnte. Er zirkelte um die letzten drei Vampire herum, wechselte zweimal seine Schwerthand und seine Gegner waren tot, bevor sie überhaupt bemerkt hatten, dass er sich bewegte.

Immer noch lehnte der einzig wirklich ernstzunehmende Gegner am Ausgang. Unter Joels Blick löste er sich langsam und bedächtig von der Wand. Langsam genug, um Joel nicht zu einem sofortigen Angriff zu verleiten.

»Du kannst dich jetzt ergeben und die Seite wechseln, oder dich besiegen lassen und sterben, mein Freund.« Logans Stimme klang rational. Offenbar war er ebenfalls vor diese Wahl gestellt worden und hatte sich entschieden.

»Mich besiegen lassen?« Joel hob anzüglich eine Augenbraue. Logan war gut, aber so gut nun auch wieder nicht. »Von dir und welcher Armee?«

»Meiner!« Der Unterton in dem Wort war so emotionslos, dass selbst Joel ein Schauer über den Rücken lief. Etwas, was er seit seiner Verwandlung in einen Vampir nicht mehr gespürt hatte.

Er drehte sich sehr, sehr langsam um. Und erschrak trotzdem. Sein Verdacht hatte sich bestätigt – und gleichzeitig auch nicht. Nemesis, der durch die Hintertür getreten war, war der Führer der Rebellen, der Planer dieses Hinterhaltes – aber es war nicht mehr der Nemesis, den Joel kannte und besiegen konnte. Es war nicht nur sein Auftreten und seine Selbstsicherheit, es war vielmehr ein Ahnen, eine Reflexion in seinen Augen, die plötzlich nicht mehr menschlich, sondern vollkommen schwarz waren. Älter, machtvoller. Hatte die schwindende Unsterblichkeit den anderen Vampiren Kraft entzogen, so schien Nemesis Nutznießer der freigewordenen Energie zu sein.

Nur durch jahrhundertelange geübte Selbstkontrolle gelang es Joel, keinen überraschten Schritt nach hinten zu machen, als zusätzlich zu diesem Hiobsfakt zwei weitere Vampire durch die Tür kamen. Gorgias, den rothaarigen Clubbesitzer, hatte Joel erst vor kurzem kennen gelernt. Gemeinsam mit dem treuesten Verbündeten der Vampirkönigin Xylos hatte er Seite an Seite mit ihnen gegen Nemesis gekämpft – für die Frau, die jetzt als frisch gewandelter Vampir neben ihm stand. Mit ihrer makellosen weißen Porzellanhaut, den langen, schwarzblau glänzenden Haaren und den roten Lippen wirkte sie wie ein unsterbliches Schneewittchen. Zweifellos war sie ebenso kampfbereit wie Nemesis und Logan, nur ihre etwas zu roten Wangen verrieten sie. Jeder andere Vampir hätte die Röte als Aufregung gedeutet, aber Joel bemerkte auch den flackernden Blick der Vampirin. Sie fühlte sich in ihrer Situation unwohl, hatte Angst und war sich dem sexuellen Interesse Logans’ und Nemesis’ nur zu bewusst.

Joel kam nicht dazu, diese Information für sich zu nutzen, denn ohne Vorwarnung und vollkommen lautlos strömten Vampire zu den beiden Türen hinein. Sie verteilten sich so schnell und ihre Aufstellung war so gut, dass Joel einen geistigen Hilferuf zu seinen Schatten schicke – und gegen eine mentale Mauer prallte. Nemesis verzog seine Lippen zu einem herablassenden Lächeln, obwohl Joel spürte, dass es nicht die Macht des Rebellenführers war, die ihn gestoppt hatte. In diesem Spiel gab es einen fremden Mitspieler; ein unbekannter Vampir hielt das Essener Hauptquartier der Vampire, und damit auch Xylos und die Schatten, unter Verschluss. Joel konnte nur hoffen, dass sie nicht in akuter Gefahr war. Er jedenfalls war es!

Während er langsam in die Mitte des Raumes zurückwich, versuchte der gefährlichste der Schatten alle Rebellen gleichzeitig im Blick zu behalten. Angriffe liefen immer nach einem Schema ab; zwar gab es unterschiedliche Schemata, aber wirklich wichtig war nur eines: Sie waren berechenbar.

Tatsächlich erwischte er die ersten zwei Angreifer wie geplant, doch der dritte und vierte überraschten ihn ebenso wie der mentale Schlag von Nemesis. Er war nicht gegen Joel gerichtet, sondern gegen die Luft; der Luftdruck um ihn herum wuchs an und verlangsamte seine Bewegungen. Joel konnte förmlich spüren, wie die anderen Kämpfer im Schnell-Vorlauf-Modus blieben und er in Zeitlupe verfiel.

Trotzdem gelang es ihm, den fünften Gegner zu verletzen. Dann erreichte der Druck seinen Kopf, hüllte seine Wahrnehmung in Watte und lenkte ihn ab. Logan schien beinahe ebenso überrascht zu sein, wie Joel selbst, als sich sein Schwert in Joels Oberkörper bohrte. Nur durch die gegenseitige Überraschung verfehlte es das Herz und traf einen Punkt zwischen dem einzigen lebenswichtigen Vampirorgan und der rechten Schulter.

Der aufflammende Schmerz riss Joel aus der Watte und der kurzen Lähmung, doch es war zu spät. Die Verletzung zu gravierend. Obwohl Logan kein Morna-Schwert trug, würde seine Silberlegierung ausreichen um ihn zu töten. Joel konnte spüren, wie Blut im Herzrhythmus aus ihm hervorquoll, sich Adern, Muskeln, Sehnen, Haut und Fleisch zu regenerieren versuchten – doch das Silber verlangsamte die Heilung. Er rutschte beinahe auf seinem eigenen Blut aus, als sich die Schwäche in seinem Körper ausbreitete, durch seine Adern kribbelte und eine Lähmung hinterließ, die mit Müdigkeit einherging.

Die Welt verwischte vor seinen Augen, seine Beine gaben nach und die Müdigkeit war so überwältigend, dass Joel in die Knie ging, während die anderen Vampire Aufstellung bezogen. Sie machten Platz für Nemesis und obwohl Logan so aussah, als täte es ihm leid, wich er ebenfalls zurück.

Tut es ihm leid, weil er es nicht zu Ende bringen kann, oder weil er dich verletzt hat?

Joels vergaß die Frage, sie wurde von Nemesis Anwesenheit überlagert; der Rebellenführer baute sich vor ihm auf und wurde zu seinem Universum. Nicht in der Lage sich zu bewegen, fixiert von dem Blick seines Gegners, und benommen vom Blutverlust gab es nur noch einen einzigen Gedanken: Ende!

Mit letzter Kraft gelang es Joel, das Schwert hochzureißen, auf die Füße zu kommen und Nemesis’ Schwertangriff abzufangen. Das Aufeinanderprallen der Klingen riss ihn wieder zu Boden und zum ersten Mal in seinem Leben war Joel nicht in der Lage sein Schwert zu halten. Während er eine Rolle in die eine Richtung machte, aus Nemesis’ Reichweite, rutschte es ihm aus der blutigen, kraftlosen Hand. Zu seinem eigenen Erstaunen kam er wieder auf die Beine und duckte sich unter einen Angriff hindurch. Seine Bewegung brachte ihn zur Hintertür; er sah das Erschrecken in den Augen der Vampirin, Gorgias hob sein Schwert, doch fast im selben Moment hielt sie, unbemerkt von den anderen Angreifern, seinen Arm. Für den Bruchteil einer Sekunde sah Joel Verstehen in den Augen des Rothaarigen aufblitzen, dann nutzte er den von der Vampirin geschaffenen Augenblick, wirbelte an ihnen vorbei und lief los.

Er wusste, die Flucht würde ihm nicht gelingen. Selbst unverletzt und bewaffnet hätte er nur eine 50/50 Chance gegen Nemesis und Logan – und selbst wenn er entkommen würde, war die Wahrscheinlichkeit zu sterben hoch. Die Adern in seinem Körper brannten förmlich, sein Herz schmerzte mit jedem Schlag mehr, würde bald einfach versagen, konnte unmöglich noch lange seinen Vampirkörper mit dieser geringen Menge Blut versorgen und am Leben halten. In wenigen Minuten würde er einfach zusammenbrechen und zerfallen. Nicht mehr sein als ein Haufen Staub, vom Winde verweht.

Beinahe hätte er gelacht, als ihm einfiel, worum er bei seiner Landung in Bayern gebetet hatte – jetzt hoffte er das Gegenteil. Denn nur wenn Magnus seinen Besitz doch vampirsicher gemacht hatte – und ihn als seinen Freund von dieser magischen Absperrung ausgeklammert hatte – gab es eine Möglichkeit zu entkommen. Eine winzige Hoffnung, aber sie war der einzige Grund, um weiter zu fliehen.

Stumm flehte Joel, die Verfolger würde ihre bisherige Taktik beibehalten. Sie liefen hinter ihm her und gaben sich keine Mühe aufzuholen. Jeder hatte sehen und erkennen können, wie es um ihn stand. Selbst wenn er jetzt zufällig einem Menschen über den Weg lief, würde er nicht schnell genug das Blut trinken und sich regenerieren können. Joel stolperte um die Straßenecke und versuchte sich daran zu erinnern, in welche Richtung sich Magnus’ nächstgelegenes Anwesen befand. Schließlich wandte er sich zunächst nach rechts, an der folgenden Kreuzung nach links. Die Schmerzen in seinem Körper wollten ihn lähmen, zum Aufgeben zwingen. Nie zuvor hatte Joel solche Schmerzen verspürt, derartige Qualen nie für möglich gehalten. Er wollte nur noch, dass sie aufhörten, egal wie, wollte nur noch … es dauerte einen Moment, bis er begriff, dass der gequälte Laut, der durch die nächtlichen Straßen hallte, aus seinem Mund kam. Der Schrei eines tödlich verletzten Tieres.

Wider jede Vernunft zwang er seine Beine zu weiteren Schritten, Richtung Magnus’ Wohnung. Der erste seiner Verfolger wurde ungeduldig und erhob sich in die Luft. Nemesis. Beinahe hätte Joel vor Erleichterung gelacht, es würde bald zu Ende sein. Ein Gnadenstoß.

Trotzdem ließ sein Wille nicht zu, dass er aufgab, und kämpfte seinen Körper wieder auf die Beine zurück – er hatte seinen Sturz nicht einmal bemerkt – und Schritt für Schritt weiter in die Richtung, in die er das Ziel vermutete.