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Ursula Buchfellner
Daniel Oliver Bachmann

Lange war ich unsichtbar

Wie Versöhnung mein Leben rettete

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1. Auflage
Originalausgabe
© 2015 Kailash Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.
Lektorat: Anne Nordmann
Fotos im Bildteil hier und hier: © Peter Weissbrich/Playboy
Alle anderen Fotos: © privat
Trotz intensiver Recherche konnten die Bildrechte nicht in
allen Fällen zweifelsfrei geklärt werden. Bei berechtigten Ansprüchen werden Rechteinhaber gebeten, sich an den Verlag zu wenden.
Umschlaggestaltung und Layout: ki 36 Editorial Design, München, Sabine Krohberger, unter Verwendung eines privaten Fotos der Autorin
Satz: Fotosatz Amann, Memmingen
ISBN 978-3-641-15717-3
V002
www.kailash-verlag.de

»And I wish I was at home.«
Paddy’s Lamentation by Niamh Ni Chavva

Liebe Mama, lieber Papa,

euch möchte ich von ganzem Herzen danken. Ihr habt mich auf schonungslose Weise mit Armut, Gewalt, Sucht, Opfer- und Täterenergien konfrontiert. Dadurch lernte ich Bescheidenheit, Mitgefühl und Unabhängigkeit. Ich lernte, dass Gewalt immer angestaute Energien sind, die aus unverheilten Verletzungen entstehen. Als ich begriff, dass auch ihr Opfer eurer Umstände seid, lernte ich die wertvollste aller Lektionen:

Versöhnung.

Inhaltsverzeichnis

Unsichtbar

Die besseren Leute

Hunger

Knock-out

Die Seelenschänder

Unser tägliches Brot gib uns heute

Auszug

Der Verehrer

Begegnung im Biergarten

Würden Sie jetzt bitte den Bademantel ablegen, Fräulein Buchfellner?

Wendepunkt

Im Scheinwerferlicht

Hölle der Lust

Auf nach Amerika!

Die Geschichte von Rolf und Schnuppi

In Israel

Le club échangiste

Das große »Nein!«

Das Fest

Der Kreis schließt sich

Danksagung

Bildteil

Unsichtbar

Ein Mann ist entbehrlich, ein Kind nicht.

Juliette Gréco

Als mir klar wird, wo ich mich befinde, während ich mich dem Haus nähere, befällt mich eine vertraute Unruhe, die sich auf meinen ganzen Körper ausweitet. Befehl vom Kopf an die Beine: Bleibt stehen! Dreht um! Lauft weg!

Über mir zerstreuen sich Sonnenstrahlen in den Blättern der wenigen Bäume, die vom Wald meiner Kindheit noch übrig sind, und lassen Lichtstreifen auf dem Asphalt tanzen. Frauenholzsiedlung hieß das damals, seit Herzog Wilhelm V. im Jahr 1600 die Einsiedelei »Zu unserer lieben Frau« errichtet hatte. Nein, nichts ist hier, wie es einmal war, und auch ich bin eine andere. Früher hätte ich den Atem angehalten, mein unschlagbarer Trick, um unsichtbar zu werden. Nicht atmen, so lange wie möglich, und danach nur ganz flach, praktisch regungslos. Die Brust darf sich kaum heben, kaum senken, und selbst der schärfste Beobachter entdeckt keine Bewegung am Bauch. Wer das hinkriegt, wird von seiner Umgebung nicht länger wahrgenommen, das habe ich herausgefunden, als ich erst ein paar Jahre alt war. Von der Welt ignoriert zu werden, unsichtbar zu sein – wie schön ist das. Niemand kann das Unsichtbare beschimpfen. Niemand kann es schlagen.

Ein Sonnenstrahl, der es durch die Blätter schafft, streift mit seiner Wärme meine Haut. Ich trage Hosen, die ich mir bis zu den Knien hochgekrempelt habe, dazu ein einfaches T-Shirt. Die Leute sagen, du bist so schön wie früher. Sie sagen, man sieht dir dein Alter überhaupt nicht an. Mag sein, dass ich dem Mädchen von damals ähnle, dem Mädchen, nach dem sich alle umgeschaut haben, ohne dass es selbst davon Notiz genommen hätte. Mag sein, dass ein halbes Jahrhundert und ein paar Jahre dazu äußerlich recht spurenfrei an mir vorübergegangen sind. Innerlich aber nicht. Da spüre ich, wie die Zeit auf mir lastet. Ich habe mich auf diesen Weg gemacht, um einen anderen Weg zu beenden. Ich möchte eine Mission erfüllen, die schwierig ist. Ich möchte mich mit meinen Eltern versöhnen. Ich will meiner Mutter und meinem Vater sagen können, dass ich sie von reinem Herzen liebe. Ich will sie in den Arm nehmen und in ihren Armen liegen. Lange habe ich mich auf diesen Tag vorbereitet, deshalb bleibe ich nicht stehen, drehe ich mich nicht um, laufe ich nicht davon. Meine Beine ignorieren den Fluchtimpuls aus dem Kopf. Ich beschleunige meine Schritte. Es sind alte Pfade, auf denen ich unterwegs bin. Die Frauenholzsiedlung liegt im Hasenbergl, einem Vorort von München, weit draußen vor der Stadt, der nach dem Krieg für lange Jahre als Münchens ungeliebtes Armenhaus, als Glasscherbenviertel und Barackenviertel verspottet wurde. Dort hausten die Schmuddelleute, mit acht Kindern, zehn Kindern, manchmal vierzehn oder sechzehn, in zwei Zimmern ohne Strom und ohne Wasser. Von dort komme ich, und dorthin will ich zurück. Ich will in die Vergangenheit reisen und will gleichzeitig Zukunft schaffen. Auf einmal liegt das Haus, in dem meine Mutter lebt, vor mir. Ich schaue nicht nach rechts, nicht nach links, ich sehe nur die Tür. Wird sie aufgehen? Wird sie verschlossen bleiben? So oft ist das die Frage, die entscheidet, wie unser Leben weiter verläuft. In meinem gingen viele Türen auf, andere dagegen blieben für immer zu. Doch das ist jetzt nicht wichtig. Entscheidend ist nur, wie es sich mit dieser Tür verhält. Ich lege einen Finger auf den Klingelknopf und drücke. Tief im Haus höre ich es läuten. Dann warte ich. Und warte.

***

Es war im Jahr 1961, als meine Mutter eine Tür öffnete, die sie lieber nicht geöffnet hätte. Sie hatte ein verhaltenes Pochen gehört, wie von einem Menschen, der es kaum wagt, seine Hand zu heben. Klingeln gab es in unserer Barackensiedlung nicht, die waren hier nicht nötig. Jeder kannte jeden, alle waren gleich arm, es war das Reich der lauten Stimmen. Wer etwas wollte, schrie es in die Welt. Verhaltenes Pochen an der Tür bedeutete Fremdes, und Fremdes war ein anderes Wort für Probleme. Probleme aber hatte meine Mutter schon genug. Ihr erstes Kind war erst seit einem Jahr auf der Welt, und nun war sie wieder schwanger, dabei war ein weiteres Kind das Letzte, was sie wollte. Es sollte ein Siebenmonats-Frühchen werden, die Schwangerschaft war schon jetzt sehr anstrengend. Widerwillig öffnete sie die Tür und stand einer fremden Frau gegenüber. Die trug einen braunen, an mehreren Stellen geflickten Rock und eine Bluse mit durchgescheuerten Nähten. Ihre Schuhe waren abgetragen, ihr Gesicht zeigte diese Müdigkeit von Frauen, die selbst im Schlaf keine Erholung mehr finden. Ein Kind, auch nicht älter als ein paar Monate, klammerte sich ängstlich an sie. Die Frau öffnete seine Finger, die sich in die Bluse verkrallt hatten, und streckte es meiner Mutter entgegen.

»Das ist der Sohn Ihres Mannes«, sagte sie.

Man darf keine Türen öffnen, wenn es klopft. Man darf überhaupt keine Türen öffnen, durch geöffnete Türen ist noch nie etwas Gutes gekommen. Meine Mutter hatte sich darüber hinweggesetzt, und deshalb standen sich jetzt diese zwei Frauen gegenüber, beide mit einem Kind auf dem Arm und mit Verzweiflung im Herzen.

»Ich brauche Geld, ich muss dem Jungen Essen kaufen.«

Das Wort »Geld« brachte meine Mutter in die Gegenwart zurück. Für einen Augenblick war sie in die Vergangenheit abgeschweift, die kaum vorüber und trotzdem schon mit dem Grauschleier des Vergessens behaftet war. Zwei knappe Jahre war es her, dass sie diesen unverschämt gut aussehenden Mann kennengelernt hatte, einen Straßenbahnkontrolleur der Linie 13. Die fuhr zwar raus aus der Stadt, schaffte es aber nicht bis ins Hasenbergl. Meiner Mutter, die dort wohnte, war das egal, von nun an fuhr sie ständig Straßenbahn und musste auch nie ein Ticket lösen, denn das war die Masche meines Vaters. So manches junge Mädchen erlag seinem Charme, andere aber fühlten sich von ihm belästigt und beschwerten sich. Und nicht lange nachdem meine Eltern geheiratet hatten und meine Mutter mit dem zweiten Kind schwanger war, hatte die Straßenbahngesellschaft meinen Vater entlassen. Daher fiel meiner Mutter die Antwort nicht schwer.

»Geld haben wir keines«, sagte sie.

Sie zweifelte keinen Augenblick an den Worten der fremden Frau. Womöglich war diese auch mit der Linie 13 gefahren und von meinem Vater umsonst mitgenommen worden – wobei es ein »umsonst« eben nicht gibt, so will es das Gesetz des Lebens. Vielleicht hatten sie sich aber auch woanders kennengelernt; dort, wo er nach der Arbeit trinken ging, um zu vergessen, was er niemals vergessen konnte, nämlich seine eigene Kindheit. In den billigen Kneipen am nördlichen Stadtrand von München endeten die Abende oft im Suff, im Streit oder in den Armen fremder Mädchen, denen der Hunger nach dem Leben aus den Augen schien.

Niemand weiß, wer sie gewesen ist, auch mein Vater nicht. Spätere Nachforschungen endeten im Nirgendwo. Den Satz, den meine Mutter an diesem Tag zu ihr sagte, »Geld haben wir keines«, akzeptierte sie klaglos, wahrscheinlich hatte sie mit nichts anderem gerechnet. Doch die Last, die sie trug, musste sie wenigstens einmal für wertvolle Minuten mit der Frau teilen, die mit dem Vater ihres Kindes verheiratet war. Das hatte sie getan, nun ging sie mit ihm weg, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Meine Mutter schloss die Tür und weinte diese Art von Tränen, die gar nicht mehr aus den Augen treten. Das Frühchen lag unter ihrem Herzen und schon bald darauf ich. Hätte es eine Möglichkeit gegeben, uns loszuwerden, ohne sich der ewigen Verdammnis preiszugeben, wäre ihr die Entscheidung nicht schwergefallen.

Die besseren Leute

Wut ist ein nützliches Gefühl,
wenn es darum geht zu überleben.

Beatrice Mtetwa

Wie stark mag die Tür sein, die mich von meiner Mutter trennt? Fünf Zentimeter, acht Zentimeter? Ein einfaches Schloss ziert sie, keine Herausforderung für jemand, der es darauf anlegt. Doch eine Tür ist immer mehr als nur ein Stück Stahl, Kunststoff oder Holz. Sie ist die Antwort auf die Frage, lasse ich einen Menschen zu mir oder sperre ich ihn aus. Während meine Mutter im Haus noch mit einer Entscheidung ringt, sehe ich mich um. Nein, das Hasenbergl gehört auch heute nicht zu den angesagten Vierteln Münchens. Es ist weder Schwabing noch Haidhausen, aber es ist auch nicht mehr das Getto früherer Zeiten. Der Euro-Industriepark liegt um die Ecke, dort gibt es Industrie, Großhandelsketten, Abholmärkte: Arbeit, Verkauf und Konsum an einem Ort, wo die Menschen noch vor zwei Generationen Hunger litten. Die Baracken von damals gibt es nicht mehr. Sie wurden in einer groß angelegten Übung der Münchner Feuerwehr Ende der Sechzigerjahre abgefackelt, als man beschloss, im Elendsviertel Häuser in »Schlichtbauweise« zu errichten, die zwar noch immer keine Heizung hatten, aber wenigstens aus Stein und Zement bestanden und nicht länger aus Holz. Heute stehen zwischen Dülferstraße und Aschenbrennerstraße die Häuserblocks dicht an dicht. Der soziale Wohnungsbau der Siebzigerjahre mit spärlichen Grünflächen und vielen Schildern, was alles verboten ist, will die Vergangenheit vergessen lassen. Bei mir funktioniert das nicht. Es ist, als ob ich ein dreifaches Bild sehe: Die Holzbaracken, die Steinhäuser und die Wohnblocks legen sich wie Schichten übereinander.

Wären wir in der Lage, die Ereignisse des eigenen Lebens durch alle Zeiten hindurch wie auf einer Perlenschnur aufgereiht zu betrachten, was würde uns am meisten erschrecken? Die Lebensabschnitte, an denen sich die Schnur verheddert, weil wir zu lange an einem Ort geblieben sind, obwohl dieser Ort nicht gut zu uns war? Oder die Zeiten, an denen die Schnur einer Gerade ähnelt, weil wir einem Ziel hinterherlaufen, das sich mit jedem unserer Schritte um zwei weitere Schritte entfernt? An diesem Tag kam es mir vor, als könnte ich die Perlenschnur meiner Lebenserinnerungen sehen. Vielleicht war es aber auch nur die Sonne, deren Lichtreflexe meine Augen narrten. Hinter der Tür, die mich von meiner Mutter trennte, vernahm ich Schritte. Sie kamen näher. Verharrten. Kamen noch näher. Von irgendwoher aus der Ferne, drüben in der Fortnerstraße, die hoch zur Kirche Mariä Sieben Schmerzen führt, wehte die einsame Sirene eines Krankenwagens herüber. Hatte es einen Verkehrsunfall geben oder jemand einen Herzinfarkt erlitten? War es falscher Alarm, ausgelöst von einem, dem das Alleinsein befohlen hatte, 110 zu wählen? Was wäre, wenn wir nicht nur die Ereignisse des eigenen Lebens auf einer Perlenschnur aufgereiht sehen würden, sondern auch das der anderen? Was wäre, wenn ich das Leben meiner Mutter so sehen und endlich verstehen könnte, wie eines zum anderen geführt hat? Wenn ich das meines Vaters auf dieselbe Weise betrachten könnte und auch das seiner Mutter, der man die Söhne im Weltkrieg weggeschossen hat, einen um den anderen, und die darüber den Verstand verlor? Ich habe es versucht. Ich habe mir die Ereignisse im Leben meiner Eltern und Großeltern vergegenwärtigt, ich habe genau hingesehen. Dadurch hat sich vieles entzerrt, so mancher Knäuel wurde entwirrt. Über all diese Dinge will ich mit meiner Mutter sprechen, falls sie die Tür öffnet.

»Ursula, bist du das?«, höre ich ihre Stimme. Freundlich klingt sie, erwartungsfroh. So wie die Häuser im Hasenbergl nicht mehr die Häuser von früher sind, ist auch die Stimme meiner Mutter nicht mehr ihre Stimme von damals. Damals, wenn mir mein Vater die Lebensfreude aus dem Leib prügelte, klang ihre Stimme wie Metall, das über Porzellan reibt. Manchmal war es auch nur noch ein Wimmern, wenn er sie gegen ihren Willen nahm, sie wieder einmal schwängerte, das vierte Mal, das fünfte, das sechste, das siebte, das achte, das neunte, das zehnte Mal. Zehn Kinder, das war guter Hasenbergl-Durchschnitt. Keines war wirklich gewollt, auch das gehörte zur Normalität. Gezeugt wurden sie im selben Bett, in dem die Geschwister lagen. Dort war auch ich, Zentimeter von der Mutter entfernt, während der Vater in sie eindrang. Oft presste ich meine Hand gegen den Mund, damit mein Schluchzen nicht das ihre verstärkte.

»Ursula? Bist du das?«

Ja, ich bin es, und ich bin es doch nicht. Ich bin nicht mehr das Mädchen, das gegangen ist, und auch mit der Frau, über die so viel geschrieben wurde, habe ich nur noch wenig gemeinsam: jüngstes Playmate Deutschlands. Erstes deutsches Playmate im US-amerikanischen Playboy. Heiß begehrtes Modell in allen führenden Modezeitschriften. Ausgebeutetes Sexobjekt in Filmmachwerken mit Titeln wie Die nackten Superhexen vom Rio Amore oder Jungfrauen unter Kannibalen. Geliebte des Nachtclubbesitzers Rolf Eden, umschwärmtes High-Society-Girl auf vielen Partys.

Die Frau, die vor dieser Tür steht, hat das hinter sich gelassen. Sie ist einen weiten Weg gegangen, um eine ernst zu nehmende Schauspielerin im Fernsehen, im Kino und im Theater zu werden und in ihren späteren Jahren Kinderyogalehrerin und Seminarleiterin für bewusstes Sein. Sie hat es sich auf die Fahne geschrieben, auch dort Versöhnung anzustreben, wo andere keinen Weg mehr sehen. Als meine Mutter zum dritten Mal fragt: »Ursula, bist du es?«, kann ich mit leichtem Herz antworten: »Ja, Mama! Ich bin’s.«

Drinnen dreht sich ein Schlüssel im Schloss. Die Tür geht auf, meine Mutter steht mir gegenüber. Dieses Mal soll die alte Regel keine Bestätigung finden. Von wegen, man darf keine Türen öffnen, weil durch sie nie Gutes kommt. Von wegen, Menschen können sich nicht ändern. Wer nicht an die Kraft der Veränderung glaubt, für den bleibt Verzeihen immer ein Fremdwort. Ich glaube an diese universelle Macht, weil ich mich selbst oft genug gehäutet habe, um ein Leben abzustreifen und ein neues zu beginnen.

Für einen Moment stehen wir uns gegenüber, und die Luft zwischen uns fühlt sich fremd an. Dann streckt meine Mutter ihre Arme aus, und ich tue dasselbe. Auf einmal ist keine Luft mehr zwischen uns, so innig ist unsere Umarmung. Ich umarme meine Mutter für alles, was sie mir geschenkt hat, das Gute, das nicht so Gute, auch das Schlechte. Ich umarme sie für alles, was sie mir geschenkt hat, denn das macht das Leben aus. Wie ich es gestalte, liegt in meiner Macht.

»Möchtest du reinkommen, Ursula?«, fragt meine Mutter.

Auf meinem Gesicht liegt ein Lächeln. Ich fühle mich auf einmal sichtbar wie nie zuvor und genieße den Moment. Kein flacher, nicht spürbarer Atem hält mich gerade noch am Leben. Es sind tiefe, satte Atemzüge, die mich durchströmen.

Ich nehme die Hand meiner Mutter. »Ja«, antworte ich. »Das tue ich gerne.«

***

Jeden Vormittag und dann noch einmal kurz vor dem Abendläuten drüben in Mariä Sieben Schmerzen kam die Milchamme. Sie war eine stattliche Frau mit einem großen Busen, der ihr Kapital war. Muttermilch gegen Geld hieß ihr Geschäft, es ließ keine sentimentalen Gefühle zu. Die Frau setzte sich auf einen Stuhl, öffnete die Bluse, zog den Büstenhalter zur Seite und legte die Kinder an, eines nach dem anderen. Wir sogen mit gierigen Lippen die warme Milch ein, wohl spürend, dass diese fremde Frau uns das Überleben sicherte – nicht unsere Mutter, die keines ihrer Kinder stillen konnte. Ihre Brustwarzen waren nach innen gewachsen, als ob sich ihr Körper dem ungewünschten Nachwuchs verweigerte. Ganz anders die der Milchamme. In meiner Erinnerung, die vielleicht auch bloß ein Traum ist, klammerten sich meine kleinen Hände um ihre Brüste, und schon lief der Lebenssaft in meinen Mund. Später, als ich schon lange entwöhnt war, sah ich sie noch immer durchs Viertel gehen, um in der einen oder anderen Baracke zu verschwinden. Viele Frauen im Hasenbergl waren gerade noch in der Lage, ihr Erstgeborenes zu stillen. Dann versiegten die mütterlichen Quellen, was dem Hunger, der Überarbeitung und den Beschwerlichkeiten des Alltags geschuldet war. So gesehen war die Milchamme mehr als ein mobiler Nahrungslieferant. Sie sorgte dafür, dass sich die Kindersterblichkeit in einigermaßen erträglichen Grenzen hielt.

Ich war am 8. Juni 1961 zur Welt gekommen, einem Donnerstag, der in den Augen meiner Mutter alles andere als ein Festtag war. Sie war schon jetzt am Ende ihrer Kräfte, wie sollte sie da noch Verantwortung für ein weiteres Kind übernehmen? Zwar war der Krieg seit über 15 Jahren vorbei, doch in den Seelen der Menschen dauerte er fort. Davon erfuhr ich, als ich mich Jahre später auf Spurensuche machte und das Schicksal meiner Mutter und meines Vaters Gestalt annahm wie ein Puzzle, das sich aus vielen Teilen zusammensetzt. Was ich damals als kleines Mädchen nicht wusste, konnte ich fühlen: die Angst der Männer vor der Nacht, wenn die Albträume zurückkamen und sie peinigten. Dieser Schrecken umgab sie wie ein saurer Geruch. Dazu die nie überwundene Furcht der Frauen vor der Nachricht, dass er nicht mehr zurückkommt, der Ehemann, der Sohn, der Bruder, der Vater. Sie hatte sich in ihre Gesichter gegraben, kehrte Verdrängtes nach außen, warf Falten und Narben, während ihre Brustwarzen verkümmerten und sich nach innen wandten.

Mein Vater spürte instinktiv, dass das zarte Mädchen ihn mit seiner Angst durchschaute, dieses Püppchen mit der Porzellanhaut, das seine Augen nicht von ihm lassen wollte. Dann schlug er auf das Püppchen ein wie ein Berserker, wollte mit meinen Knochen seinen ganzen Kriegsschrecken und seine Verzweiflung zerschlagen. Wenn ich lachte und Lebensfreude zeigte, versetzte er mir einen Kinnhaken, der mich zu Boden warf. Doch immer wieder stand ich auf, und mit mir erhob sich sein Entsetzen vor den Bildern in seinem Kopf, die seine Brüder ihm eingepflanzt hatten: Zermalmte Körper waren da zu sehen, wenn die Panzer über Schützengräben gerollt waren; von Granaten zerfetztes Fleisch und Männer, die ihre Gedärme in Händen trugen.

Die Brüder waren im Krieg gewesen, nur wenige waren zurückgekommen, aggressiv und kaum mehr lebensfähig. Mein Vater musste als zehntes Kind nicht an die Front, das war die Regel damals, denn für ihn hatte seine Mutter von den Nationalsozialisten das Mutter-Kreuz in Gold erhalten. Die Brüder scherte diese Auszeichnung wenig, sie schlugen ihn grün und blau und trieben ihm die Freude aus, wie er es später bei mir tat. In seiner Absicht, den Schrecken seiner Kindheit mit Gewalt zu exorzieren, suchte er sich mich als Opfer aus. Das freudvollste Mädchen im Viertel, die »Fröhlichkeitsanstifterin«, wie meine Geschwister mich immer nannten, ein kleiner Engel, der ihm Tag für Tag zeigte, was nicht sein durfte: dass das Hier und Jetzt auch schön sein kann. Denn wenn das stimmte, welch ein Irrtum war dann sein Leben? Nein und nochmals nein. Zeigte ich Freude, mussten seine Faust und sein Fuß dafür sorgen, dass der Schatten, der in ihm lauerte, am Ende recht behielt: Das Leben ist ein Jammertal. Das Leben besteht aus Tränen, Blut und Schweiß. Das Leben wird nicht gelebt, sondern erduldet.

Um die Ängste meines Vaters zu verstehen, brauchte ich nicht Jahre, sondern Jahrzehnte. Heute weiß ich, dass er mich und meine Geschwister trotzdem liebte. Dass er es gut mit uns meinte, selbst mit mir. Wären die Umstände andere gewesen, wäre auch sein Leben in anderen Bahnen verlaufen. Natürlich dürfen Umstände niemals als Ausrede dienen, ein Kind zu quälen, doch manche Ereignisse sind zu groß für uns Menschen, und diese Erkenntnis half mir zu vergeben. Der Schrecken des Krieges ist zu groß. Auch wer scheinbar unversehrt daraus zurückkehrt, trägt Wunden in sich, die nie verheilen wollen. Nach dem Ersten Weltkrieg tauchten Männer in den Straßen auf, die man schon bald die »Kriegszitterer« nannte. Aus unerklärlichen Gründen zitterten sie am ganzen Körper wie Espenlaub und waren nicht in der Lage, diesem »Erschüttert-Sein« Einhalt zu gebieten. Das war auch nach dem Zweiten Weltkrieg der Fall. Erst in Zeiten des Vietnamkriegs, als amerikanische GIs aus dem Dschungelkampf zurückkehrten und nicht mehr in der Lage waren, am normalen Leben teilzunehmen, in die Obdachlosigkeit abstürzten und in die Kriminalität, widmete sich die Wissenschaft diesem Phänomen. Dabei haben bereits Schriftsteller wie Gustav Schwab den großen Schrecken beschrieben, der einen nach traumatischen Erlebnissen befällt. Nach Schwabs Ballade Der Reiter und der Bodensee nennt es der Volksmund das »Reiter-vom-Bodensee-Syndrom«. Wenn in eiskalten Wintern das Meer der Schwaben zufriert, sprechen die Menschen dort von einer »Seegfrörne«. Dann kann man zu Fuß, zu Pferd oder sogar im Wagen vom deutschen Ufer zum schweizerischen gelangen. Die erste Seegfrörne wurde im Jahr 875 dokumentiert, die letzte im Winter 1962/63. In Schwabs Ballade aus dem 19. Jahrhundert will ein Reiter in großer Eile den See erreichen, um diesen im Fährkahn zu überqueren. Weil das Wasser gefroren und schneebedeckt ist, merkt er nicht, dass er längst darüberreitet. Erst am gegenüberliegenden Ufer erkennt er die Gefahr, in der er schwebte, und sinkt vor Schreck tot vom Pferd.

Die Maid, sie staunet den Reiter an:

»Der See liegt hinter dir und der Kahn.«

Es sieht sein Blick nur den grässlichen Schlund,

Sein Geist versinkt in den schwarzen Grund.

Da seufzt er, da sinkt er vom Roß herab,

Da ward ihm am Ufer ein trocken Grab.

Heute nennt man das ein posttraumatisches Belastungssyndrom und kennt Behandlungsmethoden wie die EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing), eine Therapie der amerikanischen Psychologin Francine Shapiro: Der Patient sitzt vor einem Bildschirm und verfolgt mit seinem Blick ein weißes Pünktchen, das sich von links nach rechts bewegt. Die Augenbewegung leitet eine Desensibilisierung ein, mit positiver Wirkung auf die verwundete Psyche. Auch wissen wir, dass es unmöglich ist, traumatisierte Kriegsheimkehrer ohne Behandlung in die Gesellschaft zu reintegrieren. Das passiert trotzdem oft genug, mit negativen Folgen wie Amokläufen und Gewalt in den Familien. Da war man früher klüger, wie die strengen Regeln einiger Indianerstämme, etwa der Lakota, zeigen. Wenn die Männer dort das »Kriegsbeil« ausgruben und in den Krieg zogen, durften sie danach nicht sofort nach Hause zurückkehren, da Blut an ihren Händen klebte und ihr Geist vom Kampf verwirrt war. Sie mussten erst außerhalb des Dorfes Friedensrituale durchführen, zu denen auch die Schwitzhütte gehörte, in der die Aggressionen des Kampfes im wahrsten Sinne des Wortes ausgeschwitzt wurden. Erst danach wurde ihnen wieder ein Leben im Kreis der Familien ermöglicht.

Mein Vater litt wie viele seiner Generation unter einem posttraumatischen Belastungssyndrom. Betroffene reagieren kaum mehr auf physischen Schmerz und rasten bei der kleinsten Belastung aus. Sie sind eine Gefahr für ihre Familien. Manchmal frage ich mich, was geschehen wäre, hätte er nach dem Krieg ein Friedensritual durchlaufen dürfen. Die Lakota wussten von seinem Sinn und Zweck – wir dagegen schoben die Sache zur Seite. Schließlich gab es alle Hände voll zu tun. Ein zerstörtes Land musste wieder bewohnbar gemacht werden. München lag wie viele deutsche Städte in Schutt und Asche. Die Trümmerfrauen spuckten in die Hände und bauten auf, was der Größenwahnsinn der Nationalsozialisten vernichtet hatte. Das war ihr Leben: Erst der Krieg und die tägliche Furcht ums Überleben, dann die Nachkriegszeit, oft mit Flucht, Gewalterfahrung, Hunger und Durst. Niemals hatten sie Zeit, sich auszuruhen, niemals die Möglichkeit, ihre inneren Wunden zu pflegen. Ständig rief die Arbeit, die Arbeit und nochmals die Arbeit. Aus Lazaretten und Gefangenenlagern kehrten die Männer zurück, beschämt und gedemütigt, denn sie waren Verlierer, deren Geschichten keiner hörte wollte. Was in ihnen bohrte und nagte, schluckten sie herunter, oft im wahrsten Sinne des Wortes mit Schnaps und Bier. Dann kam die Währungsreform. Von einem Tag auf den anderen waren die Geschäfte voller Waren. Städte wurden von den Trümmern befreit und autogerecht wiederhergestellt, denn das Auto war die Zukunft. Konrad Adenauer hieß der Bundeskanzler, Theodor Heuss der Bundespräsident, beide sorgten auf ihre Weise dafür, dass der Paria Deutschland sich ins Weltgefüge einpassen durfte. Man glaubte, wenn wir einfach weitermachen und von morgens bis abends schuften, wenn wir uns wieder etwas leisten können, die Bäuche voll sind und der Traum von einem kleinen Auto auch erfüllt – dann werden wir den großen Schrecken schon vergessen. Doch das war ein Irrtum. So leicht kann man Dämonen nicht bändigen.

Bei uns im Frauenholz kam nicht einmal das Wirtschaftswunder an. Hier wurden keine Bäuche gefüllt, und Autos gab es nur wenige. Wie es die Straßenbahnlinie Nr. 13 zwar aus der Stadt heraus, aber nicht bis zu uns schaffte, gelang es auch dem Strom der Wirtschaftsgüter nicht, die Grenze zum Hasenbergl zu überwinden. Wer arm ist, bleibt arm, lautete unser Gesetz der Straße. Die einzige Lebensversicherung waren Kinder, ganz so, wie man es aus dem Mittelalter kennt oder heute noch immer in armen Ländern beobachten kann. Da die Kindersterblichkeit im Viertel hoch war, wurden einfach ein paar mehr gezeugt, alles zur Absicherung des Alters.

Leider ist das eine Rechnung, die häufig nur Verlierer kennt. Bevor der Nachwuchs in der Lage ist, die Eltern zu unterstützen, muss er großgezogen werden, wollen Hunger und Durst gestillt sein. Was aber, wenn die Frauen vor Erschöpfung keine Milch geben können? Was, wenn den Männern der Schrecken im Nacken sitzt und sie darüber ständig ihre Arbeit verlieren? Dann funktioniert der ganze schöne Plan nicht.

»Der Mensch plant, Gott lacht«, sagt ein jüdisches Sprichwort, und wenn darin nur ein Fünkchen Wahrheit liegt, hatte der Allmächtige viel zu lachen, wenn sein Blick aufs Hasenbergl fiel. Hier lebten die, die um ihr Leben betrogen wurden, sogar von der Stadt: Die Eltern meiner Mutter waren aus Allershausen nach München gekommen, einem ländlich geprägten Ort in Oberbayern. Dort wurde meine Oma auf einem Bauernhof geboren, zusammen mit neun weiteren Geschwistern. Obwohl ihr Leben vorgeplant war – als Frau wurde man Magd und machte sich im Haushalt zu schaffen –, ergatterte sie sich ein kleines Stück vom Glück, da sie den Postboten heiratete, meinen Opa, einen allseits beliebten Mann, der die Leichtigkeit des Lebens verkörperte, ohne ein Luftikus zu sein. Mit ihm kam das Lachen ins Haus, und wo das Lachen ist, da ist auch Heilung.

Er war einer von über 17 Millionen Toten, doch was sind schon Zahlen, wenn es um Schicksale geht. Meine Oma konnte das Unglück nicht verkraften. Sie brauchte einen Sündenbock und fand ihn in meiner Mutter. Sie allein trage die Schuld an seinem Tod, sie habe ihn zur Kommunion gelockt, und nun lebe er nicht mehr. Mit dieser fixen Idee quälte sie das Mädchen: Du bist schuld! Du bist schuld! Du bist schuld! Die Botschaft hämmerte über Jahre hinweg auf meine Mutter ein, und irgendwann zweifelte sie nicht mehr an ihrem Wahrheitsgehalt. Der Bruder, so glaubte sie, sei nur ihretwegen gestorben.

Der Name Hasenbergl kam erst um das Jahr 1900 auf. Es ist nicht wirklich ein Berg, sondern ein Hügel aus Lehm, der sich damals noch acht Meter hoch über das Umland erhob. Oben auf dem Hügel hatte die sogenannte »Hasenhütte«, das Dienstgebäude des königlichen Wildhüters gestanden.

KZ