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     André François-Poncet– Tagebuch eines Gefangenen– Erinnerungen eines Jahrhundertzeugen– Herausgegeben von Thomas Gayda– Aus dem Französischen von Barbara Sommer, Geneviève Unger-Forray, Konstanze Hollweg und Sibylle Segovia– EUROPAVERLAGBERLIN
image  Dieses Buch erscheint im Rahmen des Förderprogramms des französischen Außenministeriums, vertreten durch die Kulturabteilung der französischen Botschaft in Berlin.

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Die Originalausgabe ist 1952 unter dem Titel Carnets d’un captif bei Librairie Arthème Fayard, Paris, erschienen.

1. eBook-Ausgabe 2015

eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim

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INHALT

Geleitwort

Einführung

Vorrede

1943

Teil 1 · Meine Verhaftung

Teil 2 · Schloss Itter

Teil 3 · Hotel Ifen – Ein neuer Aufenthalt

1944

Teil 4 · Das zweite Jahr

1945

Teil 5 · Ein weiteres Jahr

Teil 6 · Die Befreiung naht

Danksagung

Personen

Literatur

Index

GELEITWORT

»Man tut in Deutschland gut, sich den Namen
François-Poncet zu merken.«

Wilhelm Feldmann: »Seydoux und Poncet«,
Vossische Zeitung, 30. November 1922

Dieser prophetische Satz erschien zu einem Zeitpunkt, als es für den 35 Jahre jungen André François-Poncet (1887–1978) wohl noch nicht absehbar war, dass er im Laufe der nächsten 30 Jahre zu einem der bedeutendsten Deutschlandkenner Frankreichs des 20. Jahrhunderts avancieren sollte. Geboren am 13. Juni 1887 in ein bildungsbürgerliches Elternhaus (der Vater ist Jurist) mit einer sehr starken Affinität zur deutschen Kultur, wird dieses Interesse ihm quasi »in die Wiege gelegt« – und soll zu seinem »Lebensschicksal« werden. Bereits mit 14 Jahren verbringt er einige Monate als Gastschüler am Gymnasium Offenburg, 1907 studiert er in Berlin und München Germanistik und wird im gleichen Jahr an der »École normale supérieure« zugelassen, eine der angesehensten Universitäten Europas. François-Poncet macht erstmals von sich reden mit einer Arbeit über Goethes Wahlverwandtschaften (1910). Es folgt 1913 ein Buch mit dem Titel Was die deutsche Jugend denkt (Ce que pense la jeunesse allemande), das in Frankreich kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges zu einer viel gelesenen Informationsquelle wird und zum Verständnis der wilhelminischen Gesellschaft beiträgt. Im gleichen Jahr erhält er einen Ruf als Dozent ans Pariser Polytechnikum für deutsche Literatur und Geschichte. Nach einer Verwundung als Reserveoffizier ergreift er die Chance einer Karriere als Politiker und tritt 1917 in den Dienst des französischen Außenministeriums, das ihn als Presseattaché in die Botschaft nach Bern schickt. Neben seiner Aufgabe, Informationen über den Kriegsgegner Deutschland und seine Propaganda auszuwerten, wird er auch für geheimdienstliche Tätigkeiten herangezogen. Die dabei erworbene Fähigkeit, Daten und Informationen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu sammeln und zu analysieren, wird zur Grundlage von François-Poncets weiterem beruflichem Werdegang nach dem Ersten Weltkrieg. Unter der Protektion von Robert Pinot (1862–1926), dem einflussreichen Generalsekretär des Interessenverbandes der französischen Kohle- und Stahlindustrie (Comité de Forges), ist François-Poncet bis 1924 für die französische Hochfinanz und Stahlindustrie tätig.

Seit der Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrages (bei der er als Dolmetscher fungiert) wird er von der französischen Regierung immer wieder zu Verhandlungen herangezogen, wenn es um das »deutsche Problem« geht, wie etwa 1919 als Mitglied in der interalliierten Wirtschaftskommission, als Delegierter bei der Konferenz von Genua 1922 oder als Pressechef während der Ruhrbesetzung im Januar 1923.

Sein Deutsch ist fließend und nahezu akzentfrei, sein Wissen über deutsche Kultur prädestiniert ihn geradezu für das Amt des französischen Botschafters in Berlin. Von der politischen Aggressivität und Gefährlichkeit des von Bismarck ins Leben gerufenen Deutschen Reiches ist er ebenso überzeugt wie von dem hohen kulturellen und von ihm so sehr geschätzten Wert der deutschen Klassik.

Nach einem kurzen Intermezzo als Delegierter beim Völkerbund ist es am 22. September 1931 schließlich so weit, und er bezieht mit seiner Frau Jacqueline und den fünf Kindern Louis, Henri, Bernard, Jean und Geneviève sein neues Wirkungsfeld am Pariser Platz. In den nächsten sieben Jahren erlebt er aus nächster Nähe den Übergang Deutschlands von der Weimarer Republik, einem ums Überleben kämpfenden Rechtsstaat, zur nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, in der sukzessive Barbarei und Willkür legalisiert und in einer noch nie da gewesenen Form zur Staatsmaxime erhoben werden. Unter François-Poncet und seiner Frau Jacqueline entfaltet sich die Pariser Botschaft zu einem der gesellschaftlichen Treffpunkte Berlins, und er selbst avanciert zum »Doyen des diplomatischen Corps«, dessen hellsichtige und scharfsinnige Beurteilungen des jeweiligen politischen Status quo von Freunden und Gegnern gleichermaßen mit Respekt und großem Interesse zur Kenntnis genommen werden – und zwar einschließlich der NS-Machthaber, die ihn geradezu hofieren. Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Ernst von Weizsäcker (1882–1951) bemerkte einmal: »Er war der einzige Diplomat, der bei Hitler Anklang fand.« Und Hitlers juristischer Mitarbeiter im Führerhauptquartier Henry Picker (1912–1988) notierte noch am 2. Juli 1942: »Im Übrigen … wäre er [Hitler] froh, wenn er unter unseren Botschaftern einen Mann vom Format François-Poncets hätte.« Nicht zuletzt dank seiner außerordentlichen politischen Integrität gelingt François-Poncet der schwierige Spagat, seine äußerst instabile Regierung (Frankreich hatte 14 Kabinette zwischen 1933 und 1940) nach außen hin »stabil« zu vertreten.

Von Hitler ist überliefert, dass er noch wenige Tage vor dem Ende im Führerbunker über François-Poncet sinnierte. Das einzige Thema, das er nie mit ihm besprochen hatte, war Literatur, denn da reichte er nicht an ihn heran. Und wenn Hitler von Literatur sprach, dann meinte er deutsche Literatur. François-Poncet hat abseits des diplomatischen Parketts die Gesellschaft des Führers nicht gesucht, stattdessen begegnet er dem unberechenbaren Charakter Hitlers mit Misstrauen und Skepsis. Von ihm stammt der viel zitierte Satz: »Wer von Hitler isst, stirbt daran.«

Unbedingt erwähnenswert ist François-Poncets warmherziges, von einem tiefen Humanismus geprägtes Naturell hinter der diplomatischen Fassade – und sein feinsinniger, hintergründiger Humor. Befragt nach der nicht gerade deutlich hervortretenden Intelligenz des Sohnes eines bekannten Diplomaten, antwortete er einmal: »Ich habe den Vater gesehen, ich habe den Sohn gesehen, aber den ›Heiligen Geist‹ habe ich nicht gesehen.«

Ein treffendes Bild des vielschichtigen Charakters André François-Poncets zeichnet auch die Berliner Journalistin Bella Fromm in ihrem Buch Als Hitler mir die Hand küßte:

»Er macht den Eindruck eines menschlichen Eiszapfens, ganz gleich, ob am Konferenztisch oder bei formellen Gelegenheiten. Ob im Cut oder in goldbetresster Diplomatenuniform, den Dreispitz unter den Arm geklemmt, sein Gesicht erscheint immer wie eine Maske. Nur seine Augen scheinen ein eigenes Leben zu haben: forschend, aufmerksam, schnell blicken sie umher. Das Blitzen seines Einglases, das er manchmal fallen lässt und dann wieder ins Auge klemmt, verstärkt noch die kühle Reserviertheit seines Ausdrucks. Bei Diskussionen zeigt er sich unnachgiebig, in seinen Argumenten ist er unerschöpflich. Das Bild ändert sich vollkommen, wenn man ihn zu Hause bei seiner Frau, Madame Jacqueline, sieht. Da kann es geschehen, dass er mitten im anregendsten Gespräch sich plötzlich seinen vier Jungen zuwendet und auf einmal mit ihnen auf dem Fußboden sitzt, ganz vertieft in die Reparatur einer Kindereisenbahn oder in den Bau eines Miniaturkirchturms. Der Botschafter der ›grande nation‹ sitzt da mit glühenden Wangen, ein großer warmherziger Spielkamerad.«

Eine bemerkenswerte Charaktereigenschaft ist François-Poncets Zivilcourage. Nach 1933 ist er zahlreichen Menschen bei der Flucht vor den NS-Machthabern ins Ausland behilflich, wie etwa der Familie des Schriftstellers Alfred Döblin, der Industriellentochter Marie-Anne von Goldschmidt-Rothschild oder der bereits zu Wort gekommenen Bella Fromm. Er scheut auch nicht vor Gefahren zurück, hält riskante Kontakte zu politischen Widerstandsgruppen und bezieht ihre geheimen Informationsblätter. Noch im Jahr 1937 erscheint auf kleinstem Dünndruckpapier die »Sozialistische Aktion« der SPD; sie gibt Aufschluss über die wahren Machenschaften des NS-Regimes. François-Poncet heftet sie ein in die für den Quai d’Orsay bestimmten Dossiers und übersetzt die relevanten Passagen ins Französische.

Im Herbst 1938 demissioniert André François-Poncet auf eigenen Wunsch und übernimmt den Posten des französischen Botschafters im Palazzo Farnese in Rom. Die für ihn desillusionierende Unterzeichnung des Münchner Abkommens im September 1938 stellt nach seiner Ansicht nicht mehr als einen bloßen Aufschub einer herannahenden Katastrophe dar, und so sieht er in trügerischer Wahrnehmung in Mussolini den einzi gen »Schlüssel«, diese zu verhindern. Zudem befürchtet er, als derjenige in die Geschichte einzugehen, der am Ende die Kriegserklärung Deutschlands an Frankreich entgegenzunehmen beziehungsweise auszuhändigen hätte.

Nach knapp zwei Jahren in Rom, in denen er unter anderem den prachtvollen Sitz der Botschaft, den Palazzo Farnese, der Öffentlichkeit zugänglich macht, den Duce kaum, dafür dessen Schwiegersohn, Außenminister Graf Ciano, häufiger zu Gesicht bekommt, überreicht dieser ihm am 10. Juni 1940 Italiens Kriegserklärung an Frankreich. Am gleichen Tag erklärt die französische Regierung Paris zur »offenen Stadt« und verlegt ihren Regierungssitz nach Bordeaux, um der Festnahme durch deutsche Truppen zu entgehen. Dorthin gelangt François-Poncet am 16. Juni, um seine Dienste zur Verfügung zu stellen. Er wird passives Mitglied (22. Juni 1940) des nach dem Waffenstillstand von Compiègne etablierten französischen Nationalrates und lässt sich mit seiner Familie in La Tronche bei Grenoble nieder, Teil jenes Gebietes im Südosten Frankreichs, das seit Juni 1940 von den Italienern besetzt war (siehe Seite 597). Er hält Vorträge, schreibt für den Figaro, bis er im August 1943 von der Gestapo in einem Handstreich festgenommen und gemeinsam mit Albert Lebrun, dem letzten Präsidenten der Dritten Republik, über Lyon, Paris und München nach Schloss Itter in Tirol deportiert wird. Dieses wurde von den Nazis eigens für französische Politprominenz reserviert, und so pflegt hier eine illustre Gesellschaft einstiger politischer Gegner auch weiterhin alte Ressentiments. François-Poncet wird Zeuge heftiger verbaler Gefechte, die er immer wieder zu schlichten versucht. Überraschend wird ihm nach zwei Monaten befohlen, seine Koffer zu packen. Nach einer mehrstündigen Autofahrt findet er sich am 23. November umgeben von hohen Bergen in einem »leuchtturmartigen« Zim mer des mondänen Ifen Hotels in Hirschegg, im Kleinen Walsertal wieder. Hier entsteht der Hauptteil seines Tagebuchs, das 1952 unter dem Titel Carnets d’un Captif erscheint.

Nach langen eineinhalb Jahren, geprägt von unerträglicher Ungewissheit und Sorge um seine Familie und das eigene Leben sowie Phasen deprimierender Langeweile, befreien ihn seine Landsleute am 2. Mai 1945.

Bereits 1946 tritt man erstmals an François-Poncet heran, an der Neuordnung Deutschlands mitzuwirken, und so wird er 1948 dem Oberbefehlshaber der französischen Besatzungsarmee Pierre Koenig als diplomatischer und politischer Berater zur Seite gestellt. Mit dem Inkrafttreten des Besatzungsstatutes am 21. September 1949 wird er Frankreichs erster und einziger alliierter Hochkommissar mit Sitz auf Schloss Ernich bei Remagen.

Zu den ersten Gratulanten gehört Richard Strauss, der wenige Stunden vor seinem Tod, am 8. September, einen Brief diktiert, in dem er François-Poncet, der während der Olympischen Winterspiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen in seiner Villa wohnte, das Schicksal des deutschen Volkes ans Herz legt. Mit dem offiziellen Ende des Besatzungsstatutes am 5. Mai 1955 zieht Francois-Poncet von Schloss Ernich als Frankreichs erster Botschafter nach Bonn.

Sein aufrichtiges Bemühen um die deutsch-französische Freundschaft zeigt sich in mannigfaltigen Gesten. So stellt er der Stadt Remagen aus seiner Privatschatulle 50 000 D-Mark zur Verfügung, um den Einwohnern die Möglichkeit zu geben, mit Hilfe eines zinslosen Darlehens (das es bis heute gibt!) ihre durch Kriegseinwirkung zerstörten Häuser wieder aufzubauen. Als Konrad Adenauer 1951 seinen ersten Staatsbesuch ins Ausland antritt und für die Unterzeichnung des sogenannten Montanvertrages in Paris erstmals ein Flugzeug besteigt, begleitet ihn André François-Poncet persönlich als Zeichen der besonde ren Wertschätzung, versorgt ihn während des Fluges mit Bonbons und hält den alten Herrn beim gemeinsamen Spaziergang auf den Champs-Élysées fürsorglich am Arm – keine sechs Jahre nach Hitlers Paris-Visite.

1952 nimmt ihn die Académie française in den erlauchten Kreis der immortels auf, 1955 wählt ihn das französische Rote Kreuz zu seinem Vizepräsidenten, später zum Präsidenten. 1955 erhält er das Großkreuz des deutschen Bundesverdienstordens, 1957 ernennt die Universität München François-Poncet zum Ehrendoktor. Ab 1955 übernimmt er für fünf Jahre die Präsidentschaft des französischen Rates der Europäischen Bewegung. 1961 bis 1964 wird er Kanzler des »Institut Français«. Seine Bücher Botschafter in Berlin, Von Versailles bis Potsdam. 1919–1945 oder Botschafter in Rom erscheinen ab 1947 auch in deutscher Sprache in mehreren Auflagen. Im Unterschied etwa zu Albert Speer, der seine Rolle im Dritten Reich in erster Linie für die »zweite Karriere« nach der Haftentlassung 1966 für materielle Zwecke populärwissenschaftlich instrumentalisierte, sind François-Poncets Aufzeichnungen ein historisches Zeugnis von bleibendem Wert, an dem niemand vorbeikommt, der sich mit dieser Epoche deutscher Geschichte beschäftigt.

Es war André François-Poncet nicht mehr vergönnt zu erleben, wie sein Sohn Jean im November 1978 das Amt des französischen Außenministers und somit 1979 auch jenes des Präsidenten des Rates der Europäischen Union übernahm.

Der überzeugte Humanist, Germanist, Schriftsteller und »Jahrhundertzeuge« André François-Poncet stirbt am 8. Januar 1978 in Paris hoch geschätzt als einer der bedeutendsten Brückenbauer der deutsch-französischen Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg und Wegbereiter des vereinten Europa.

EINFÜHRUNG

An dem Tag – es ist der 10. Juni 1940 –, als André François-Poncet in seiner Eigenschaft als französischer Botschafter in Rom aus der Hand des italienischen Außenministers Graf Ciano Italiens Kriegserklärung an Frankreich entgegennimmt, erklärt die französische Regierung Paris zur »offenen Stadt«. Nur wenige Tage später, am 14. Juni, fällt die Seine-Metropole kampflos in die Hände der deutschen Besatzer. Eine Rückkehr nach Paris, wo die Familie François-Poncet ein stattliches Haus besitzt, ist damit unmöglich. Erst recht nicht, weil den Nationalsozialisten mittlerweile jene Dossiers aus Berliner Tagen in die Hände gefallen sind, in denen André François-Poncet dem Quai d’Orsay in schonungsloser Klarheit vor Augen führt, was in Deutschland vor sich geht bezüglich politischer Willkür, militärischer Aufrüstung und der Verfolgung sowie Beseitigung politischer und »rassischer« Gegner. Die Familie entscheidet sich für den kleinen Ort La Tronche unweit von Grenoble, das seit dem 25. Juni 1940 zu dem von den Italienern besetzten Territorium gehört, das sich von Nizza bis an das Südufer des Genfer Sees erstreckt. Grenoble ist die Geburtsstadt Stendhals, der zu den Lieblingsautoren François-Poncets zählt.

Im Zuge des sich anbahnenden Waffenstillstands zwischen Italien und den Alliierten im September 1943 übernehmen die Deutschen Ende August die Kontrolle über diese Gebiete. Die Aktion, bedeutende französische Persönlichkeiten wie Albert Lebrun, den letzten Präsidenten der Dritten Republik von 1932 bis 1940, oder André François-Poncet für das Reich »sicherzustellen«, leitet der als »Schlächter von Lyon« bekannt gewordene Klaus Barbie. Der deutsche Gesandte in Vichy, Hans Roland Krug von Nidda, informiert im August 1943 das Außenministerium, dass die Italiener beabsichtigen, Lebrun und François-Poncet nach Florenz zu überführen, was es zu verhindern galt. Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop hat deshalb bereits im Juni die italienische Regierung über Folgendes in Kenntnis gesetzt:

»Angesichts der ständig weiter um sich greifenden Neigung französischer Persönlichkeiten, die früher in führenden Stellungen waren, zur Dissidenz überzutreten, scheint es uns notwendig zu sein, hiergegen gewisse Vorbereitungsmaßnahmen zu treffen (…) die betreffenden Persönlichkeiten nach Deutschland zu verbringen und ihnen dort einen ihrer Stellung angemessenen Zwangsaufenthalt zuzuweisen.«

Einen Monat nach Mussolinis Absetzung werden die italienischen Bewacher abgezogen, und noch am selben Tag erscheinen vier Gestapo-Beamte mit Maschinenpistolen im Anschlag.

Geneviève François-Poncet erinnert sich an jenen 27. August 1943, den wohl dunkelsten Tag im erfolgsverwöhnten Leben ihres Vaters:

»Die Italiener informierten meinen Vater des Öfteren, dass die Gestapo in Lyon immer wieder bei ihnen nachfragte, was mein Vater so tut und dass er unter strengste Beobachtung gestellt werden müsste. Am Tag, als die Italiener ihre Besatzungszone verließen – wir saßen gerade beim Mittagessen –, tauchten plötzlich Gestapo-Leute auf mit vorgehaltenen Maschinenpistolen und nahmen ihn einfach mit! Binnen fünf Minuten musste er seinen Koffer packen, es blieb kaum Zeit für eine Verabschiedung. Wir waren wie gelähmt. Während der nächsten eineinhalb Jahre wurden wir in völliger Unkenntnis gehalten, wo man ihn hingebracht hatte.«

Auch Jean François-Poncet blieb dieser Moment in Erinnerung:

»Mein ganzes Leben lang werde ich nicht vergessen, wie mein Vater zu den Männern sprach, die ihn verhaften wollten. Die Autorität, mit der er sagte: ›Tun Sie die Waffen weg‹, beeindruckte sie so, dass sie ihm gehorchten. Mein Vater hat gezeigt, wie man im Unglück Haltung bewahren kann.«

In einem Telegramm meldet die deutsche Botschaft in Paris ans Außenamt nach Berlin den Vollzug:

»Aufgrund dieser Nachricht des Reichssicherheitshauptamtes hat der Befehlshaber der Sicherheitspolizei in Durchführung der früheren Weisung des Reichsführers die nötigen Schritte zur Sicherstellung der beiden Persönlichkeiten eingeleitet. (…) SD-Kommando hat Präsident Lebrun mitgeteilt, dass Weisung vorläge, ihn zunächst nach Lyon und wahrscheinlich anschließend nach Paris zu überführen. Lebrun hat zunächst Schwierigkeiten gemacht, sich aber dann der Überführung unterworfen. Bei François-Poncet wurde festgestellt, dass dieser zwei fertig gepackte Koffer besaß, sodass Fluchtverdacht als dringend vorliegend angesehen werden musste. Poncet hat sich der Maßnahme ohne Widerstreben gefügt. Beide Persönlichkeiten wurden zunächst nach Lyon und von dort im Zuge nach Paris überführt, wo sie zuerst in dem vom SS-Sturmbannführer bewohnten Haus untergebracht sind.«

Am 30. August 1943 ordnet Außenminister von Ribbentrop vom Führerhauptquartier Wolfsschanze aus an, Lebrun und François-Poncet nach Deutschland zu bringen.

Nach Verhören in Lyon und Paris, wo die beiden Männer einige Tage abwarten müssen, ohne darüber in Kenntnis gesetzt zu werden, was nun geschehen soll, geht es am 2. September in einem überfüllten Nachtzug endlich weiter nach München und von dort am 3. September mit dem Wagen zum Ziel ihrer »Reise« – Schloss Itter unweit von Kitzbühel in Tirol. Dort treffen François-Poncet und Lebrun auf eine illustre und ihnen nicht unbekannte Zwangsgemeinschaft ehemaliger politischer Mitstreiter und Kontrahenten wie Paul Reynaud, Léon Jouhaux, Maurice Gamelin, Édouard Daladier und den französischen Tennisstar Jean Borotra. François-Poncets Aufenthalt in Itter währt nicht lange genug, um Teil jenes »Itter-Mythos« zu werden, der spätestens mit Stephen Hardings Roman The Last Battle (2013) eine historisch-dramaturgische Aufarbeitung der damaligen Geschehnisse erlebt hat.

Mit großem persönlichem Bedauern nimmt er die Fortführung des Dilemmas der Dritten Republik, die er hier erlebt, zur Kenntnis: die schier unüberwindlichen innenpolitischen Gräben zwischen »Frankreichs Totengräber[n] auf Schloss Itter« (Tim Mulholland).

François-Poncet ist immer wieder um Schlichtung bemüht, wenn die Gemüter sich zu sehr erhitzen. Ansonsten widmet er die verbleibende Zeit seinem Lieblingsthema, der Literatur.

Deckname »Walsertraum« – das Ifen Hotel

Am 24. November 1943 heißt es für François-Poncet erneut, die Koffer zu packen. In Begleitung zweier Polizisten beginnt die Reise ins »Ungewisse«. Nach einer mehrstündigen Fahrt über Innsbruck, Reutte, Hindelang und Oberstdorf erreicht er sein neues Domizil, das Ifen Hotel in Hirschegg/Kleines Walsertal. Zu seiner großen Beruhigung, war er doch während der gesamten Fahrt darauf gefasst gewesen, dass der Wagen nach einer der Kurven anhielt und seine Begleiter ihn einfach liquidieren würden. Mehr noch, er glaubt seinen Augen nicht zu trauen: Ihm steht ein helles, komfortables Zimmer mit Bad, fließend Warmwasser, Zentralheizung und Badewanne (!) zur Verfügung. Eine andere Welt tut sich auf im Vergleich zur Zelle in dem kalten, unbehaglichen Schloss, in dem sich alle Bewohner – Internierte, Wachmannschaften und Personal – ein Bad teilen mussten und zuletzt die Heizung wegen Kohlenmangels abgestellt wurde.

Das Ifen Hotel zählt schon bald nach der Eröffnung 1936 zu den modernsten und luxuriösesten Sporthotels seiner Zeit und erregt nicht zuletzt durch seine charakteristische Architektur enormes Aufsehen. Zeitgenössische Fotoberichte präsentieren in großer Aufmachung den »zur Sonne« gebauten Hotelrundbau, den ersten seiner Art in Mitteleuropa, und bald trifft sich vor dem imposanten Panoramafenster auf der Sonnenterrasse die sportbegeisterte Berliner »Hautevolee«. Der aus Ludwigshafen stammende Architekt Hans Kirchhoff, der für den Bau einiger Sportstätten der Olympischen Winterspiele 1936 verantwortlich war, verwirklichte hier nicht nur seinen Lebenstraum, das Ifen Hotel wird unter seiner Leitung sehr bald zum anerkannten Wahrzeichen des gesamten Tals und sorgt dafür, dass der 1933 begonnene touristische Boom rasant weitergeht. Infolge der sogenannten 1000-Mark-Sperre vom Juni 1933 – einer gezielten Maßnahme Hitlers, um Österreichs aufblühenden Reiseverkehr zu zerschlagen – hatte fortan jeder »Reichsbürger«, der im »billigen« Nachbarland Urlaub machen wollte, diesen Betrag an das deutsche Finanzamt zu entrichten. Der Tourismus in ganz Österreich kommt über Nacht fast völlig zum Erliegen. Die einzige Ausnahme bildet das Kleine Walsertal, das bereits seit 1891 aufgrund seiner besonderen geografischen Lage – hohe Berge trennen es vom Mutterland – durch einen Zollanschlussvertrag wirtschaftlich zu Deutschland gehört. Zahlungsmittel ist seither die Reichsmark, hoheitsrechtlich wird es jedoch Österreich zugerechnet. Dies führt zu einer Reihe einzigartiger Kuriosa. So ist es ansässigen »Reichsbürgern« gestattet, an besonderen Feiertagen die Hakenkreuzflagge zu hissen, was den Einheimischen bei Strafe untersagt bleibt. Nicht nur »reichsdeutsche« Gäste strömen in das Tal, auch jüdischen Bürgern kommt der »Sonderfall Kleinwalsertal« zugute. Hier können sie unbehelligt Urlaub machen, denn sie befinden sich im österreichischen Vorarlberg. Einige nutzen das Tal auch als »Schlupfloch«, um von hier aus nach ihrer »Sommerfrische« mit Hab und Gut über die Gebirgspässe nach Österreich zu flüchten. An der Grenze »Walserschanz« gibt es in der Regel keine Passkontrolle.

Hans Kirchhoff ist nur einer von vielen Reichsbürgern, welche die »Goldgräberstimmung« nutzen, sich hier niederlassen und an der Schaffung einer professionellen touristischen Infrastruktur (Hotels, Pensionen, Lifte etc.) maßgeblich mitwirken. Mit dem sogenannten Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 ändert sich auch im Kleinen Walsertal die Situation über Nacht. Es wird von Vorarlberg abgetrennt und dem Gau Schwaben zugeteilt, und infolge der Gleichschaltung der Presse wird das Erscheinen der Heimatzeitung, des Walser Heimatboten, eingestellt. Fortan ist neben dem Völkischen Beobachter die Allgäuer Zeitung auch für das Walsertal die zuständige Tageszeitung. Jenseits der Walser Berge gibt es jetzt keine Grenze mehr.

Als der Chef des Reichssicherheitshauptamtes der SS, Ernst Kaltenbrunner, das Ifen Hotel persönlich in Augenschein nimmt, ist ihm sofort klar, dass es dank seiner exponierten Lage einen idealen Standort für eine Internierungsstätte bildet, aus der es kein Entrinnen gibt; daher nimmt er es Mitte 1943 persönlich in Beschlag. Für reguläre Gäste ist das Ifen Hotel fortan gesperrt. Es ist überliefert, dass das gesamte Personal vor Kaltenbrunner antreten und einen Eid leisten musste, absolutes Stillschweigen über die künftigen Gäste und Vorkommnisse im Hotel zu bewahren. Strikte Anweisungen untersagten das Fotografieren und näheren Kontakt zu den Hotelgästen; außerdem wurde befohlen, etwaige »verdächtige Aktionen« sofort zu melden.

Für die Talbevölkerung war das Ifen Hotel von Beginn an von einem besonderen Nimbus umgeben. Einerseits war man stolz auf diese architektonische Errungenschaft als Wahrzeichen der »neuen Zeit«, andererseits begegneten die Walser dem Hotel mit Respekt und Distanz. Es war ein Ort für »bessere Lüüt«. Infolgedessen spielten die »Ehrengefangenen« in der Wahrnehmung der einheimischen Bevölkerung auch keine besondere Rolle, mit einer Ausnahme: André François-Poncet – dessen Bekanntheitsgrad bis ins Walsertal reichte – erkannte man bald als jenen Herrn in grauen Knickerbockern, der seine täglichen Mittagsspaziergänge immer zur gleichen Zeit derart präzise unternahm, dass es bald hieß, die Walser würden ihre Uhren danach stellen.

Im Unterschied zu vergleichbaren Einrichtungen, die von der SS im gesamten Reichsgebiet für sogenannte Sonder- und Ehrenhäftlinge requiriert wurden, wie etwa das Hotel Forelle in Tirol oder das Hotel Dreesen in Bad Godesberg, unterstand das Ifen Hotel verwaltungstechnisch keinem Konzentrationslager. Im Gegensatz dazu gehörte beispielsweise Schloss Itter als Außenlager zum KZ Dachau. Das Ifen Hotel hatte einen Status, der im gesamten Einflussgebiet der Nazis einzigartig war; man kann davon ausgehen, dass es dem unmittelbaren Machtbereich Kaltenbrunners unterstand. Nicht nur prominente Persönlichkeiten, die als Geiseln für zukünftige Austauschzwecke dienen sollten, kamen ins Ifen Hotel, sondern es wurden auch »Freunde« des Reiches untergebracht und verdiente Nazis, die mit ihren Familien dort Urlaub machten. So kam es zu der paradoxen Situation, dass »Gefangene« und »Feinde« gemeinsam im gleichen Speisesaal zu Tisch saßen.

Der Ausdruck »Ehrenhaft« wurde Ende der 1930er-Jahre eingeführt, wobei die Definition der Betroffenen als »Sonderund Ehrengefangene« der SS den ganzen Zynismus der Nationalsozialisten widerspiegelt. Auch die Behandlung der »Ehrengefangenen« unterlag Gesichtspunkten nationalsozialistischer Willkür. Einige waren in KZs untergebracht, bisweilen isoliert, erhielten vielleicht eine bessere Versorgung; andere mussten für die Kosten ihrer Internierung und Verpflegung sogar selbst aufkommen. Im Ifen Hotel logierten die Gefangenen zumindest auf »Kosten des Reiches«. Es ging dem NS-Regime nicht um die physische Vernichtung ihrer »Ehrenhäftlinge«. Mit der Zuspitzung der allgemeinen Kriegssituation ab Mitte des Jahres 1943, als Italien die Fronten wechselte und Mussolini durch Pietro Badoglio ersetzt wurde, der sofort einen Waffenstillstand mit den bereits in Sizilien gelandeten Alliierten einleitete, fiel den »Ehrengefangenen« die Funktion zu, als Geiseln und Faustpfand eingesetzt zu werden, um etwaige in Gefangenschaft geratene hochrangige Nazis auszulösen. Die im Ifen Hotel internierten Mitglieder des Hauses Savoyen hatten Verwandtschaft im gesamten europäischen Hochadel. So wurde Prinzessin Irene von Griechenland (Prinz Philip, der Gemahl der britischen Königin Elisabeth II., ist ihr Cousin) als Tochter des griechischen Königs Konstantin I. geboren, dessen Gemahlin Sophie von Preußen wiederum eine Tochter des »99-Tage-Kaisers« Friedrich III., also eine Schwester von Kaiser Wilhelm II., war. Die Betroffenen konnten über ihre Gefangennahme nur mutmaßen, denn der eigentliche Grund für die Verhaftung wurde ihnen nie mitgeteilt. Ebenso hielt man die zurückgelassenen Familienmitglieder in Unkenntnis, wo sich ihre internierten Angehörigen befanden. Nicht allen wurde gestattet, Briefkontakt zu ihren Familien zu halten, der über das Rote Kreuz abgewickelt wurde. Während etwa François-Poncet, Louis Escallier oder Ministerpräsident Nitti zu den Glücklichen gehörten, die ihren Angehörigen mitteilen konnten, dass sie am Leben waren, durften die königlichen Hoheiten offenbar keinen Kontakt zu ihren Familien aufnehmen. So erhielt der Vatikan mehrere Bittgesuche von Angehörigen, bei der Suche nach verschleppten Familienmitgliedern behilflich zu sein; unter anderem wandte sich beispielsweise die Herzogin Elena von Aosta, die Mutter von Amadeus von Savoyen (1889–1942) und Herzog Aimone von Spoleto (1900–1948), in ihrer Verzweiflung direkt an Papst Pius XII., um Auskunft über den Verbleib ihrer Schwiegertöchter Anna von Orléans und Irene von Griechenland zu erhalten.

Weder im Bundesarchiv noch im Archiv des Auswärtigen Amtes sind Unterlagen überliefert, die Aufschluss darüber geben könnten, wer, wann und warum für die Unterbringung im Ifen Hotel bestimmt war. Dies ist auch der Grund dafür, weshalb bis heute widersprüchliche oder keine Angaben über den Verbleib von Personen existieren, die tatsächlich im Ifen Hotel festgehalten worden waren. Hier ist François-Poncets Tagebuch ein unermesslich wertvolles Zeugnis, da es erstmals präzise Auskunft über alle Namen der Internierten im Ifen Hotel gibt.

Wie für jede »Geheime Reichssache« gab es auch für alle Agenden, die das Ifen Hotel betrafen, einen besonderen Decknamen, der an Zynismus wohl kaum zu überbieten ist, er lautete »Walsertraum«.

Ein großes Rätsel bleibt die Versorgung der »Sonderhäftlinge« im Ifen Hotel. Unter den Dokumenten des Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes, die im Bundesarchiv Berlin liegen, findet sich hierzu kein Hinweis. Man kann davon ausgehen, dass auch die Versorgung in den unmittelbaren Geschäftsbereich Ernst Kaltenbrunners fiel. François-Poncet berichtet von mehreren Besuchen hochrangiger Berliner Nazis im Ifen Hotel, die sich bei ihm scheinheilig nach seinem Wohlbefinden erkundigten. Bei allen guten Kontakten, die Kirchhoff offenbar zu Kaltenbrunner und seinen Mitarbeitern in der Berliner Zentrale hatte – François-Poncet erwähnt mehrere Reisen Kirchhoffs nach Berlin –, dienten sie wohl auch der Überprüfung, ob die dem Hotel überwiesenen Gelder und Güter wirklich ihr Ziel erreichten.

Als Vergleich lässt sich das Rheinhotel Dreesen in Bad Godesberg heranziehen, das die Nazis ebenfalls für prominente »Ehrenhäftlinge« beschlagnahmten, allerdings als Außenkommando des Konzentrationslagers Buchenwald führten. In einem Bericht an das Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt Bad Godesberg von Heinrich Himmler, der das Hotel 1944 inspizierte, ist zu lesen, dass

»der Besitzer des Hotels für Unterbringung und Verpflegung sowie volle Ausgestaltung des Essens nach seinen Möglichkeiten 15 Reichsmark, einschließlich Bäder, Bedienungsgeld, Nachmittagskaffee übernimmt. Das Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt führt dem Hotelbesitzer die möglichst höchste Klasse der Soldatenverpflegung zu. Sollten hier Schwierigkeiten entstehen, sind sie sofort abzustellen (…) Der Hotelbesitzer hat sich bereit erklärt, die 60 Mann Bewachungsgruppe ebenfalls zu verpflegen. Für diese wird besonders gekocht, sie erhalten das in der Kaserne übliche, ihnen nach den Soldatenpflegesätzen zustehende Essen.«

Im Reichshandbuch der deutschen Fremdenverkehrsorte von 1939 bietet das Ifen Hotel einen Tagespreis in der Sommersaison ab zehn Reichsmark an. Wenn Kirchhoff ebenfalls 15 Reichsmark erhielt, so dürfte dies kein schlechtes Geschäft für ihn gewesen sein, zumal das Saisonhotel nun über das ganze Jahr hinweg nahezu »Vollbelegung« verzeichnen konnte, ohne dabei »Kur- beziehungsweise Gästetaxe« abführen zu müssen.

Am Beispiel der beiden Hotels versuchte SS-Obergruppenführer Ernst Kaltenbrunner vor dem Alliierten Militärtribunal beim Kriegsverbrecherprozess in Nürnberg auszuführen, was das NS-Regime unter »Sonderbehandlung« verstand. Wenn diese für Gefangene vorgeschlagen wurde, sei es stets um eine Vorzugsbehandlung gegangen. Tatsächlich wurde der Terminus »Sonderbehandlung« erstmals im September 1939 in einem Rundschreiben vom Chef der Sicherheitspolizei und des SD, Reinhard Heydrich, an alle Staatspolizeistellen verwendet. Hier wurde auf Maßnahmen abgezielt zur physischen Vernichtung politischer Gegner und bedeutete keineswegs eine bevorzugte Behandlung. Ernst Kaltenbrunner redete sich förmlich um Kopf und Kragen und scheute vor keiner noch so banalen Verharmlosung des Begriffes zurück:

»Dieser Inhalt stimmt in der Auslegung, wie Sie, Herr Ankläger, es hier vom Dokument geben, nicht. Sie werden sofort sehen, dass sogar der tragische Ausdruck ›Sonderbehandlung‹ in diesem Falle in eine ausgesprochene humoristische Art und Weise verändert wird. Wissen Sie, was ›Walsertraum‹ im Walsertal, und wissen Sie, was ›Winzerstube‹ in Godesberg sind? Wohin diese Fälle Ihrer behaupteten sogenannten ›Sonderbehandlung‹ zu bringen sind?

›Walsertraum‹ [Ifen Hotel] ist das eleganteste fashionabelste Alpinhotel des gesamten Deutschen Reiches, und die ›Winzerstube‹, Godesberg, ist das hochberühmte Hotel, das sich dem Namen nach in Godesberg befindet, welches zu vielen internationalen Tagungen verwendet worden ist. In diesen beiden Hotels sind besonders qualifizierte, besonders angesehene Persönlichkeiten, ich nenne hier M.[Monsieur] Poncet und M. Herriot und so weiter, untergebracht gewesen, und zwar bei dreifacher Diplomatenverpflegung, das ist die neunfache Nahrungsmittelzuteilung des normalen Deutschen während des Krieges, bei täglicher Verabreichung einer Flasche Sekt, bei freier Korrespondenz mit der Familie, bei freiem Paketverkehr mit der Familie in Frankreich, bei mehrmaligem Besuch dieser Häftlinge und Erkundigung nach ihren Wünschen an allen ihren Orten. Das ist das, was wir unter ›Sonderbehandlung‹ verstehen (…) Winzerstube und Godesberg, diese beiden Endziele dieser sogenannten ›Sonderbehandlung‹, sind die Unterbringungsstätten bevorzugter politischer Ehrenhäftlinge gewesen (…)

Ich bitte Sie daher, oder werde Sie durch meinen Anwalt bitten, über diese beiden Gaststätten die genauesten Erkundigungen einzuziehen, und ich bitte, als Führer der französischen Häftlinge Herrn Poncet über die ihm dort zuteilgewordene Behandlung zu fragen. Sein Glück ist dort so weit gegangen, dass er mit der Frau eines Kriminalbeamten französische Sprachstudien betrieb und ihr die französische Sprache beigebracht hat auf stundenlangen vollkommen unbewachten Spaziergängen.«

Nachmittagssitzung, 12. April 1946

Fast prophetisch notiert François-Poncet am 19. Januar 1945 in sein Tagebuch: »Das Ifen Hotel wird kein ausreichendes Alibi sein, um den Groll, den Hass, die Vergeltungs- und Rachewünsche abzuwenden, die eines Tages gegen dieses aus dem Ruder geratene Volk ausbrechen werden!«

Ernst Kaltenbrunner wird am 16. Oktober 1946 hingerichtet.

In den Kriegsjahren kommt der Tourismus im gesamten Tal fast völlig zum Erliegen. Beinahe alle Beherbergungsbetriebe sind zu Lazaretten umfunktioniert. Auch François-Poncet notiert am 28. November 1943 in sein Tagebuch: »Man sieht lediglich Rekonvaleszenten, Kranke und Soldaten, die einen Skikurs absolvieren.«

François-Poncets äußerst detaillierte Beschreibungen des Alltagslebens im Hotel vergegenwärtigen eindringlich die bedrückenden Gefühle, die ihn ständig begleiten: die angespannte Atmosphäre im Hotel, das Misstrauen zwischen Internierten, den Bewachern, der Hotelleitung. Dazu die schier unerträgliche Ungewissheit vor jedem neuen Tag. Die Angst um das Schicksal seiner Familie und natürlich das eigene. Bei seinen Formulierungen und Charakterisierungen der anwesenden Personen und Vorkommnisse im Hotel lässt er immer eine gewisse Vorsicht walten im Bewusstsein, sich im Falle einer möglichen Entdeckung des Tagebuchs nicht durch allzu kompromittierende Äußerungen zu gefährden. Über Kirchhoff notiert er etwa nach der ersten Begegnung:

»Kirchhoff, der mir als überzeugter Nazi geschildert wurde, hat grobe Gesichtszüge, einen brutalen Gesichtsausdruck und eine schneidende Stimme, aber er weiß sich liebenswürdig auszudrücken. Er berichtet von dem zweimaligen Bombenhagel auf Berlin und teilt mir mit, dass die französische Botschaft zerstört sei.«

Eintrag vom 26. November 1943

Ablenkung findet François-Poncet bei seinen fast täglichen Spaziergängen. Anders als in Itter, wo er das Schloss nicht verlassen durfte, ist es ihm hier gestattet, sich frei zu bewegen, die Landschaft zu erkunden, die Ortschaften Riezlern, Hirschegg und Mittelberg zu besuchen. Er beschreibt die Umgebung zunächst als schön, aber nüchtern. Im Laufe der Zeit kann er ihr jedoch immer mehr Reize abgewinnen. Gerne betätigt er sich als »Wanderführer«, wenn neue »Gäste« ankommen, und zeigt ihnen seine Lieblingsorte:

»Am Samstag nehmen wir, Bouthillier und ich, Galletier mitsamt seinem steifen Bein zur Naturbrücke mit, einer aus Felsen gewachsenen Brücke über den Schwarzwasserbach, inmitten von grünenden Tannen und Wiesen, wo schon kleine Blumen reichlich sprießen: Krokusse, Primeln, Butterblumen, Gänseblümchen. Der Frühling schreitet mit Macht voran. Eine neue Landschaft enthüllt sich vor unseren Augen, die unter einer zwei Meter dicken Schneedecke verborgen gewesen war. Man ist total erstaunt, nun in Kopfhöhe Wegweiser zu sehen, die man vor Kurzem in Fußhöhe vorfand. Wir verweilen auf einer Bank, oberhalb eines Wasserfalls gelegen, in einer Landschaft, die von einem Gartenbauarchitekten entworfen oder von einem Maler des 18. Jahrhunderts gemalt zu sein scheint. Ich lese meinen Gefährten ein Gedicht über den Zweikampf zwischen Winter und Frühling vor, das ich am Vorabend geschrieben habe.«

Eintrag vom 11. bis 13. Mai 1944

Die andere Welt, in die er sich immer wieder zurückzieht, ist die der Literatur. Er verschlingt alles, was die Hotelbibliothek oder die Versorgung über das Rote Kreuz zur Verfügung stellt, sei es ein 900 Seiten dicker Schinken einer im Dritten Reich sehr populären Schriftstellerin namens Ina Seidel, französische Klassiker wie Balzac, Baudelaire, Stendhal, Chateaubriand, Rabelais oder auch damals moderne, heute zum Teil vergessene Autoren wie Abel Bonnard, Charles Morgan oder John Knittel. Natürlich werden immer wieder Goethes Wahlverwandtschaften, die ihn zeitlebens begleitet haben, als vergleichender Gradmesser herangezogen. Und er schlägt faszinierende wie hellsichtige historische Brücken in seine Gegenwart, wie etwa beim Studium des Buches Die französische Gesellschaft unter Napoléon III. des französischen Autors André Bellesort, dem er Folgendes entnimmt:

»›Die militärische Organisation wies eine gewisse Nachlässigkeit auf. Dennoch war der Regent der Armee wohlgesinnt, obwohl die Herren um ihn aufgrund einer optimistischen Sorglosigkeit hauptsächlich das Erscheinungsbild pflegten. Mir schien, das große Übel innerhalb der Armee ist die Selbstzufriedenheit, das Vertrauen in ihre Stärke und in ihre Fähigkeit zur Improvisation sowie ihre Unkenntnis der anderen Regionen der Welt, angefangen mit den direkten Nachbarn, oder noch besser gesagt die Gleichgültigkeit, die sie der Meinung gut informierter Leute entgegenbringt.‹

Ohne irgendetwas zu ändern, könnte man dieses Werturteil für das Frankreich von 1939 übernehmen: Die gleichen Illusionen, aus einem Sieg geboren, der weniger zum Stolz als vielmehr zum Nachdenken anregen sollte; die gleiche optimistische Sorglosigkeit; die gleiche Unfähigkeit, den unangenehmen Tatsachen ins Auge sehen zu wollen; die gleiche Ablehnung, auf die Meinung gut informierter Leute zu achten; die gleiche Unkenntnis der Stärke des Nachbarn; die gleiche Schwäche der Armee und ihrer Chefs, die sich hinter pompösen Aufmärschen und trügerischem Glanz versteckt.«

Eintrag vom 2. März 1945

Und wenn gelegentlich nichts anderes mehr zur Verfügung steht, greift er zu Nietzsches Werk Der Wille zur Macht und stellt es Hitlers Mein Kampf gegenüber. Was immer François-Poncet darüber in sein Tagebuch niederschreibt, es sind glänzende Exkurse in vergleichender Literaturkritik; sie zeigen ihn, den »Homme de lettres«, in seinem Element.

Am 20. Juli 1944 hört François-Poncet während des Abendessens die Radiomeldung über das Attentat auf Hitler. Die Tagebucheintragungen der nächsten Tage sind fast ausschließlich diesem Ereignis gewidmet, und in seinen pragmatischen Überlegungen zieht er plausible Schlussfolgerungen zwischen Ursachen und möglichen Konsequenzen des Attentats:

»(…) So muss man zu dem Schluss kommen, dass es eine Krise im deutschen Oberkommando gibt und dass der Konflikt zwischen ihnen einerseits und Hitler und den Nazis andererseits – ein Konflikt, der nicht erst von heute stammt, sondern sich schon in der Vergangenheit durch mehrere Vorfälle manifestiert hat – in eine akute Phase eingetreten ist (…) Und es ist nicht verwegen zu glauben, dass das Datum des 20. Juli 1944 in die Geschichte eingehen wird, auch wenn die Konsequenzen nicht unmittelbar sichtbar werden sollten (…) Sicher ist auf alle Fälle, dass das nationalsozialistische Deutschland weiterhin zu gefährlichen Reaktionen und zu erbittertem Widerstand fähig ist und dass der Krieg weder so rasch noch so einfach zu beenden sein wird, wie man sich dies wünschen würde.«

Eintrag vom 21. Juli 1944

Auch einige Reaktionen von anwesenden Hotelgästen bleiben nicht unerwähnt.

»In der Zwischenzeit lassen John, Schraepel, die anderen Deutschen, das ›Spitzeltrio‹, denen sich auch Iori und Foschini zugesellt haben, die Korken knallen und stoßen auf das Wohl des Führers an. Wäre er getötet worden, hätten sie dann auf den Ruhm seines Nachfolgers getrunken?«

Eintrag vom 20. Juli 1944

Und als er vom Tod der ersten acht Attentäter durch Erhängen erfährt, notiert er resigniert:

»Das Hängen ist schändlich und den gewöhnlichen Schurken vorbehalten; die Enthauptung ist ein aristokratisches Privileg; die Erschießung ist gut genug für den Soldaten. So endet dieser traurige Coup, den die Ge schichte vielleicht einmal anders beurteilen wird als die Zeitzeugen, der aber hinreichend aufzeigt, dass die Nazigegner jenen nicht gewachsen sind, die sie zu stürzen gedachten.«

Eintrag vom 10. August 1944

Zu der lähmenden depressiven Stimmung, die ihm ab Herbst 1944 angesichts der sich zuspitzenden Kriegslage immer mehr zusetzt, gesellt sich auch ein Gemütszustand, der François-Poncet in seinem Leben wohl bisher fremd geblieben war: Langeweile. So schreibt er am 4. November 1944: »Mir stehen keine interessanten Bücher mehr zur Verfügung. Die Langeweile wird von Tag zu Tag erdrückender. Spaziergang in Riezlern.«

Die allgemein angespannte Lage sorgt dafür, dass auch im Hotel die Atmosphäre gereizt wird. Es passieren »Menscheleien« zwischen Bewachern und Bewachten, Hauspersonal und Hotelleitung. François-Poncet erwähnt eine Affäre zwischen einem der Bewacher und einer Hausangestellten, es kommt daraufhin zu einem Eklat mit Kirchhoff. Und einer der Internierten trifft sich regelmäßig mit einer Dame aus der Ortschaft, um offenbar nicht nur seine Deutschkenntnisse aufzubessern. Auch das Kommen und Gehen von Personen gerät jetzt zu einem regelrechten Durcheinander. Hochrangige Nazis tauchen auf, um ihre Familien in Sicherheit zu bringen, Personen werden angekündigt, die dann doch nicht erscheinen, dafür stehen plötzlich Personen mit »Anhang« unangemeldet vor der Tür. François-Poncet nimmt vermehrt Kontakt mit der Talbevölkerung auf – oder sie mit ihm. Neben Kontakten zu französischen Kriegsgefangenen kommt es zu Begegnungen mit dem von ihm hoch geschätzten Pfarrer Feser von Riezlern, mit dem Stabsarzt des Lazaretts in Mittelberg Dr. Griessinger und mit der Journalistin Martha Maria Gehrke, an die er sich mit größter Vorsicht im März 1945 mit einer besonderen Bitte wendet. Die gebürtige Frankfurterin, die 1936 eine kleine Privatpension in Mittelberg erbaute, schildert die Szene in ihren Erinnerungen Alle meine Häuser (erschienen 1968) wie folgt:

»Es gelang dem Botschafter, mir auf irgendeine Weise Nachricht von einer nicht einsehbaren Stelle hinter einem verhältnismäßig nahen Heustadel zu geben, wohin er jetzt täglich gegen drei Uhr nachmittags seinen Spaziergang unternehmen werde (…) Der Botschafter saß auf einem Holzstoß in der Sonne und stocherte nachdenklich mit der Stockspitze im feuchten Boden herum. Er holte einen dicken Umschlag aus der inneren Manteltasche und bat mich, ihn in meinem Häuschen zu verstecken. Es waren seine Tagebuchaufzeichnungen aus der politischen Häftlingszeit [Sie sind später unter dem Titel Carnets d’un Captif erschienen] (…) Nach Minuten sagte er: ›Es dauert nicht mehr lange. Aber ich bin nicht so ganz sicher, ob ich das Ende noch erleben werde. Die sind doch alle verrückt. Ich rechne durchaus damit, dass eines nicht zu fernen Tages ein geschlossenes schwarzes Auto beim Ifen [Hotel] vorbeifährt und zwei Herren Monsieur François-Poncet höflichst bitten werden, einzusteigen. Dann wird das Auto irgendwo ankommen – ohne Monsieur François-Poncet.‹«

Martha Maria Gehrke bewahrte das Manuskript bei sich auf, und François-Poncet kann es kurz vor seiner Abreise aus dem Kleinwalsertal wieder unbeschadet in Empfang nehmen.

Indes fährt François-Poncet mit seinen Aufzeichnungen fort, berichtet unter anderem vom Abwurf eines Flugblattes der Alliierten, beschäftigt sich intensiv mit einem der Hauptwerke der französischen Literatur, dem fünfbändigen Romanzyklus Gargantua und Pantagruel von François Rabelais, und mit Friedrich Nietzsche.

Was er nicht erwähnt, ist sein erstes Zusammentreffen mit einer Widerstandsgruppe, die sich im März 1945 im Tal rekrutiert hatte, das heimlich in der Wohnung des Anführers Peter Meusburger in Mittelberg stattfindet. Über die dramatischen Vorkommnisse und Aktivitäten des »Heimatschutzes« im Kleinwalsertal in den letzten Kriegswochen gibt ein Protokoll Aufschluss, in dem auch dieses Treffen festgehalten ist:

»In diese Zeit [um den 31.