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Susanne Friedmann

Wo die coolen Kerle wohnen

Eine Expedition ins Land der Midlife-Männer

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1. Auflage

Originalausgabe

© 2012 Kailash Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Lektorat: Henriette Zeltner

Umschlaggestaltung: WEISS WERKSTATT MÜNCHEN

Illustration © WEISS WERKSTATT MÜNCHEN / Eva Gnettner

Satz: EDV-Fotosatz Huber/Verlagsservice G. Pfeifer, Germering

ISBN 978-3-641-07404-3

www.kailash-verlag.de

Meinem großen Bruder Claus-Heinrich gewidmet.

Danke für alles!

Kapitel 1 – Mein Bruder – Reiseführer und Dolmetscher

Ein brüderliches Stoppschild, innere Vorbereitung der Expedition und erste Kontakte zu Eingeborenen

Ja, wo laufen sie denn?

Wo sind sie nur? Die coolen Kerle, die gut gereiften Typen, die wir Frauen mittleren Alters so schmerzlich vermissen? Das wollte ich wissen, als ich mich mit Mitte vierzig von meinem zwölf Jahre älteren Mann trennte und hoffnungsvoll nach potentiellen Partnern Ausschau hielt, die etwa in meinem Alter waren. Doch was für eine Enttäuschung! Die Typen wirkten, zumindest auf den ersten Blick, kein bisschen vitaler, smarter oder attraktiver als der ältere Ex – eher im Gegenteil.

Sie hatten zu weiche Bäuche und zu dünne Arme. Sie drückten sich in der Buchhandlung an mir vorbei, als ich mir ungestört einen Tantra-Bildband anschauen wollte, und blätterten nervös in Ratgebern wie »Bauch weg in vier Wochen« oder »Laktosefrei glücklicher leben«. Sie joggten mit hochroten Köpfen durch den Park, während ich den Eichhörnchen zusah, die sich beim Liebesspiel leichtfüßig durch die Wipfel jagten.

Wenn ich durch die Stadt bummelte, erblickte ich Midlife-Männer in den Fenstern der Fitnessstudios, die wie Fische im Aquarium zappelten. In der S-Bahn entdeckte ich überraschend viele, die sich, genau wie ich, mehr oder weniger geschickt die Haare färbten – fand aber, dass es mir wesentlich besser stand.

Meine Tochter berichtete, dass in den Clubs, die sie besuchte, »so alte Säcke über vierzig« an der Bar herumhingen, den Mädels beim Tanzen zuschauten, anzügliche Komplimente machten und jede Menge Drinks spendierten.

Und wenn ich am Sonntagmorgen im Café frühstückte, saß garantiert ein Exemplar dieser Spezies am Nachbartisch, vertiefte sich in Notebook oder Zeitung, würdigte mich keines Blickes und bestellte bei der jungen Bedienung mit dem Wahnsinns-Dekolleté einen Prosecco nach dem andern – bevor es auf Bier umstieg.

Natürlich tauschte ich diese Beobachtungen mit meinen Freundinnen aus. Sofort sprudelten auch sie mit Storys über Männer in der Lebensmitte los, und zwar mit einem solchen Druck in der Leitung, dass es für viele Mädelsrunden mit hohen und – zugegeben – giftgrünen Gischtfontänen ausreichte.

Vom Primaten zum Pantoffeltierchen?

Schon bald hatten wir aus diversen Fallbeispielen eine Art Muster herausdestilliert: Die Männer vollzogen offenbar eine Rückwärts-Evolution. Als hochentwickelte Primaten waren sie in die Beziehungen zu uns Frauen eingestiegen (als Alphamännchen, Platzhirsch, Kuschelbär oder Hengst), doch ab vierzig entwickelten sie sich zügig zurück; wurden erst zu Amphibien (Molch, Frosch oder Unke), dann zu sogenannten Wirbellosen (Plattwurm, Pantoffeltierchen, Amöbe), und manche kamen sogar wieder im anorganischen Bereich an (Bleiklumpen, Toastbrot, Jammerlappen). So dass man sie schleunigst loswerden musste – nicht ohne sie vorher ordentlich ausgewrungen zu haben, soweit das eben möglich war.

Wir fanden das durchaus lustig, als reife, kluge und schöne Frauen darüber herzuziehen, wie die älter werdenden Männer »schwächelten«; uns gegenseitig in unserer Häme zu bestärken. Und grollten wir nicht zu Recht?

Waren wir nicht mit gutem Grund wütend auf und enttäuscht von diesen Typen, die sich irgendwie weigerten, so zu sein, wie wir sie haben wollten? Frauensolidarität ist eine feine Sache, und nichts schweißt eine Gruppe stärker zusammen als ein gemeinsames Feindbild. Munter hetzte und hechelte ich mit.

Gespräche im Geschwistermodus

Bis eines Tages mein Bruder anrief. Er ist zwei Jahre älter als ich. Ein Midlife-Mann und, wie ich damals fand, meilenweit davon entfernt, ein cooler Kerl zu sein. Er war gerade voll in die Krise geschlittert. Die bislang schwerste seines Lebens. Er eröffnete mir, dass er sich von seiner zweiten, zehn Jahre jüngeren Frau trennen würde.

Ich konnte es kaum glauben. Er hatte sein Familienglück immer so geschätzt, hatte es geschützt und gegen Anfeindungen und kritische Stimmen (auch meine) verteidigt. Nun wollte er ausziehen. Abhauen, sich aus dem Staub machen. Die Frau mit Kindern, Haus und Garten allein zurücklassen.

»Auch du, mein großer Bruder!«, dachte ich augenrollend, holte tief Luft und machte ihm Vorhaltungen. Dass er auch nicht besser sei als die anderen Macker über vierzig. Diese mittelalterlichen Schlappschwänze, die durchs Land eierten, die nicht standhielten, ihre Position nicht verteidigten, die Verantwortung scheuten und sich verdrückten wie wirbellose Weichtiere.

Unzensiert warf ich meinem Bruder an den Kopf, was ich so direkt noch keinem Mann gesagt hatte. Er hörte mir zu und schwieg danach beunruhigend lange. Er dachte offenbar gar nicht daran, sich zu verteidigen oder zu rechtfertigen, sondern sagte nur: »Schwesterherz, da schiebst du aber einen ordentlichen Männerhass, was?«

Das saß. Männerhass? Ich? – So ein Blödsinn! Ich referierte Fakten! Und Erfahrungswerte! Wenn ich allerdings an meine Mädelsrunden und unsere männerfeindlichen Sprüche dachte, bei denen wir uns prächtig unterhielten, dann musste ich doch zugeben, dass es schon fast zum guten Ton gehörte, auf den Männern herumzuhacken und sie ziemlich pauschal abzuwerten.

Das sagte ich meinem Bruder natürlich nicht. Noch nicht. Stattdessen revanchierte ich mich mit dem Gegenvorwurf, er sei ein Frauenhasser.

»Muss auch mal sein«, konterte mein Bruder lässig. »Ich habe mich lange genug zum Deppen gemacht, mich geduckt und nur eingesteckt.« – Wollte er jetzt etwa als armes Opfer bemitleidet werden?

Und dann erklärte er auch noch, er habe vor, sich endlich einmal um sich selbst zu kümmern. – Hatte er das nicht schon sein ganzes Leben lang ausgiebigst getan? Der alte Egoist!

Obwohl wir uns stritten wie in Kindertagen, entspann sich zwischen meinem Bruder und mir allmählich ein Dialog, der schonungslos, aber trotzdem noch liebevoll war und der bis heute andauert. Mein Bruder offenbarte mir Dinge, die er einer anderen Frau so wohl nicht gesagt hätte. Ich konnte ihn im Gegenzug ohne Scheu attackieren und ausfragen. Im Geschwistermodus lässt es sich (sofern das Thema »Geschwisterrivalität« aufgearbeitet ist) über ein so heikles Thema einfach entspannter reden als in vielen anderen Frau-Mann-Beziehungen oder gar als Paar.

Schon unsere ersten Telefonate bewirkten, dass ich mich beim gewohnten Lästern über »die zickigen Männer in den Wechseljahren« zunehmend unwohl fühlte. Ich erfuhr von meinem Bruder, was ihn in den letzten Jahren bewegt hatte, wie verunsichert er war, mit welchen körperlichen und seelischen Beschwerden er zu kämpfen hatte. Vor allem aber: wie schlecht er und seine Freunde sich gegen emotionale Verletzungen ihrer Frauen wehren konnten.

»Stopp«, rief mein Bruder, wenn ich wieder einmal anfing, das, was er gesagt hatte, auf meine Weise zu verstehen, beziehungsweise eben nicht zu verstehen, sondern zu interpretieren und umzudeuten. »Hör doch einfach mal nur das, was ich sage«, bat er mich, »und nicht das, was du hören möchtest, was du dir rausfilterst. Warum fällt euch das bloß so schwer, euch Frauen?«

Darauf wusste ich erst einmal keine Antwort. Aber mir kam in den Sinn, dass es zwar den Begriff »Frauenversteher« gibt, dass die »Männerversteherin« aber ihren Weg in die Alltagssprache noch nicht gefunden hat. Warum nur?

»Ist doch logisch«, meinte Agnes, eine junge Kollegin, mit der ich mich darüber austauschte. »Männer sind so einfach gestrickt, so leicht durchschaubar, da braucht sich eine Frau gar nicht anzustrengen. Keine Frau muss Fachfrau sein, um die zu verstehen.«

So, so. Und das Wort »Frauenversteher«, mit dem der Versuch einiger Männer, besonders einfühlsam zu sein, karikiert wird, unterstellt noch dazu, dass ein Mann sich abmühen kann, wie er will – ihm wird es nie und nimmer gelingen, uns Frauen in unserer phantastischen Komplexität, Gefühlstiefe und Differenziertheit jemals auch nur annähernd zu begreifen.

Glücklicherweise hat diese hochmütige Einschätzung neben gehässigen auch nette Witze hervorgebracht. Eine Kostprobe: »Manche Männer bemühen sich lebenslang, das Wesen einer Frau zu verstehen. Andere befassen sich mit weniger schwierigen Dingen – zum Beispiel mit der Relativitätstheorie.«

Nach vielen Gesprächen mit meinem Bruder kam mir diese Haltung plötzlich nicht nur anmaßend, sondern auch schlicht falsch vor. Ich musste akzeptieren, dass wir Frauen meist auch nur das von den Männern verstehen, was wir aus unserer weiblichen Sicht und Erfahrungswelt heraus verstehen können (und wollen). Ansonsten interpretieren und projizieren wir, was das Zeug hält.

Was wir für weibliche Einfühlung in die männliche Gedanken- und Gefühlswelt halten, ist oft eher eine Einwühlung, ein maulwurfhaftes Reinbohren und ein Reindrücken unserer eigenen Themen und Theorien. Das hat was von emotionalem Kulturimperialismus. Und ich fürchtete, dass wir auf diese Weise nie rauskriegen würden, was mit den Midlife-Männern, die sich so eigentümlich aufführen, wirklich los ist.

Was würde wohl passieren, wenn wir, statt uns reinzuwühlen, uns raushielten? Wenn wir es schafften, auf Distanz zu gehen und in diesem Punkt in den »Schwestermodus« zu wechseln – auch und gerade bei den Männern, die uns nahestehen? Wenn wir erst einmal kühl und objektiv beobachteten? Wenn wir, statt weiter das ewig weibliche (Miss-)Verständnis aufzubringen, uns um schlichte Erkenntnis bemühten? Wenn wir versuchten, die Männer als fremde, andersartige, durchaus auch eigenartige Lebewesen anzusehen, die es zu erforschen lohnt?

Die Idee, eine Expedition ins Land der Midlife-Männer zu unternehmen, war geboren.

Aufbruch in die Fremde

Mein Forscherdrang wurde enorm dadurch befeuert, dass mein Bruder mich daran teilhaben ließ, wie er sich über drei, vier Jahre hinweg veränderte. Er, den ich lange unterschätzt und dann erst einmal als »konturloses Midlife-Weichtier« verbucht hatte, entpuppte sich nach Krankheiten, Wachstumsschmerzen, Rückschlägen und Kämpfen schließlich als ein ziemlich cooler Kerl, vor dem ich inzwischen größte Hochachtung habe. Meine zynische Theorie von der unvermeidlichen »Rückwärts-Evolution« der Männer ab vierzig hat er brillant widerlegt.

Das machte mich nachdenklich. Denn dieser attraktive reife Mann, der da auf einmal vor mir stand, war keine komplette Neuerfindung. Er musste doch all die Jahre bereits wie in einem Versteck in diesem Menschen gehaust haben!

Womöglich verbarg sich in vielen schwierigen Midlife-Männern so ein cooler Typ. Einer, der nur darauf wartete, dass sich im Innern seine neue Gestalt formierte, bis er seinen Kokon aufbeißen und herausschlüpfen konnte?

Als mir mein Bruder bei dem großen Fest, das er zu seinem fünfzigsten Geburtstag veranstaltete, seine drei besten Freunde und Weggefährten der letzten Jahre vorstellte, war ich vollends fasziniert: Keiner entsprach dem gängigen Männerbild, keiner war »ein Bild von einem Mann«, aber alle waren echte Mannsbilder. Authentische, coole Kerle.

Sie erzählten offen aus ihrem Leben, fragten nach meinen Erfahrungen und nahmen Anteil. Sie sprachen von ihren Familien, Kindern, Ideen, Träumen, und keiner zog eine Show ab. Keiner hielt Vorträge, spielte den Besserwisser oder Welterklärer; keiner zettelte eine Schlaumeier-Diskussion über sein Lieblingsthema an, um zu zeigen, was für ein toller Hecht er war. Diese Männer redeten und hörten zu, genossen Essen und Trinken, lachten und gingen tanzen, und ich freute mich, als sie mich aufforderten mitzukommen.

Sie waren wie Boten aus einem fremden, aufregenden Land, das ich noch nicht kannte. Da zog es mich mächtig hin.

Es dauerte noch ein paar Jährchen, bis ich so weit war, aber dann machte ich mich auf den Weg. Die Schicksale der Midlife-Männer, die in diesem Land bereit waren, von sich zu erzählen, nehmen hier breiten Raum ein. So soll es auch sein. Schließlich sind sie die Hauptpersonen, ohne die dieses Buch nicht hätte geschrieben werden können. Und es gehört zur Haltung der Forschungsreisenden, dass zwar die Personen unkenntlich gemacht, ihre Geschichten aber ungeglättet und unverfälscht geblieben sind. Deshalb enthalten sie kleine Ungereimtheiten, ebenjene »Webfehler«, die das Leben hineingewebt hat – auch manche, über die sich die eine oder andere Leserin vielleicht wundern wird.

Nun lade ich Sie ein, mitzureisen, nachzureisen, die verschiedenen Stationen mit mir abzuklappern, um am Ende, falls auch Sie die Forscherlust gepackt hat, meinen Forschungsbericht durch eigene Beobachtungen zu ergänzen, dieses Reisetagebuch mit Ihren eigenen Erfahrungen fortzuschreiben.

Aber machen Sie sich auf einiges gefasst: Je länger man den Midlife-Mann erforscht, umso mehr kommt dabei auch über die Midlife-Frau ans Tageslicht, und nicht nur Schönes.

Es ist wie bei einer richtigen Reise, jedenfalls habe ich es früher bei meinen Aufenthalten in Frankreich oder Italien so erlebt: Erst im Unterschied zu einer anderen Lebensart und Kultur wird einem die eigene bewusst.

Auf meiner Reise ins Männerland spürte ich meine Weiblichkeit stärker als zuvor, und das fühlte sich gut an. Den Unterschied zur männlichen »Lebenskultur« deutlich wahrzunehmen ist spannend und erotisierend. Zudem fällt es immer leichter, Fremdes anzuerkennen und wertzuschätzen, wenn man sich des Eigenen sicher und bewusst ist. Erst dann kann man das Andere auch anders sein lassen – und den Unterschied genießen.