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»Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär«
erschien erstmals 1999 in Schwarz-weiß beim
Eichborn Verlag, Frankfurt am Main.

1. Auflage

Copyright © 2013 beim Albrecht Knaus Verlag,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München

Käpt’n Blaubär: © WDR mediagroup licensing GmbH

Lektorat: Rainer Wieland

Cover: Walter Moers und Oliver Schmitt

Layout und Satz: Oliver Schmitt, Mainz

Illustrationen: Walter Moers, koloriert von Florian Biege

ISBN: 978-3-641-12836-4
V002

www.knaus-verlag.de

www.zamonien.de

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Vorwort

Ein Blaubär hat siebenundzwanzig Leben. Dreizehneinhalb davon werde ich in diesem Buch preisgeben, über die anderen werde ich schweigen. Ein Bär muß seine dunklen Seiten haben, das macht ihn attraktiv und mysteriös.

Man fragt mich oft, wie es früher war. Dann antworte ich: Früher gab es von allem viel mehr. Ja, es gab Inseln, geheimnisvolle Königreiche und ganze Kontinente, die heute verschwunden sind – überspült von den Wellen, versunken im ewigen Ozean. Denn die Meere steigen immer höher, sehr langsam, aber unerbittlich, bis eines Tages unser ganzer Planet von Wasser bedeckt sein wird – nicht umsonst steht mein Haus auf einer hohen Klippe, und nicht umsonst ist es ein immer noch seetüchtiges Schiff. Von diesen Inseln und Ländern will ich erzählen, und von den Wesen und Wundern, die mit ihnen versunken sind.

Ich müßte lügen (und es ist ja hinlänglich bekannt, daß das nicht meiner Natur entspricht), wenn ich behaupten würde, meine ersten dreizehneinhalb Leben wären ereignislos verlaufen. Ich sage nur: Zwergpiraten. Klabautergeister. Waldspinnenhexen. Tratschwellen. Stollentrolle. Finsterbergmaden. Eine Berghutze. Ein Riese ohne Kopf. Ein Kopf ohne Riese. Wüstengimpel. Eine gefangene Fata Morgana. Schlafwandelnde Yetis. Ein ewiger Tornado. Rikschadämonen. Vampire mit schlechten Absichten. Ein Prinz aus einer anderen Dimension. Ein Professor mit sieben Gehirnen. Eine Süße Wüste. Barbaren ohne Umgangsformen. Hundlinge. Ein Regenwaldzwerg mit Nahkampfausbildung. Denkender Sand. Fliegende Maulwürfe. Ein Monsterschiff. Eine Ofenhölle. Eine kulinarische Insel. Unterirdische Sandmänner. Kanaldrachen. Dramatische Lügenduelle. Dimensionslöcher. Voltigorkische Baßrüttler. Randalierende Bergzwerge. Die Unsichtbaren Leute. Nattifftoffen. Viereckige Sandstürme. Venedigermännlein. Nette Midgardschlangen. Eklige Kakertratten. Das Tal der verworfenen Ideen. Witschweine. Großfüßige Berten. Rostige Berge. Horchlöffelchen. Zeitschnecken. Teufelselfchen. Alraunen. Olfaktillen. Ein Malmstrom. Draks. Fatome. Gennf. Tödliche Gefahren. Ewige Liebe. Rettungen in allerletzter Sekunde …

Aber ich will nicht vorgreifen!

Denke ich an diese Zeiten zurück, übermannt mich die Wehmut. Aber die Uhr des Lebens läßt sich nicht zurückdrehen. Das ist bedauerlich, aber gerecht.

So folgt jetzt, wie es sich gehört, der Winter auf den Herbst. Die Sonne, kalt wie der Mond, sinkt in den eisgrauen Ozean, und der Wind riecht nach Schnee. Da ist auch noch ein anderer Geruch in der Luft, der Geruch von Feuern, die in der Ferne brennen, mit einem Hauch Zimt darin – so riecht das Abenteuer! Früher bin ich diesem Geruch immer gefolgt, aber heute habe ich Wichtigeres zu tun: Meine Lebenserinnerungen müssen der Nachwelt erhalten werden. Die ersten Frostgespenster strecken ihre klammen Finger durch die Dielen meiner Kajüte und greifen nach meinen Füßen. Unsichtbare Eishexen malen Schneeblumen auf die Fenster. Nicht gerade meine bevorzugte Jahreszeit, aber genau der richtige Anlaß, eine Kanne heißen Kakao zu kochen (mit einem winzigen Schuß Rum), dreizehneinhalb gestopfte Pfeifen, dreizehneinhalb Marmeladenbrote und dreizehneinhalb gespitzte Bleistifte bereitzulegen und zu beginnen, meine ersten dreizehneinhalb Leben niederzuschreiben. Ein kühnes, kräftezehrendes Unterfangen von epischem Ausmaß, wie ich befürchte. Denn, wie schon gesagt: Damals gab es von allem viel mehr – natürlich auch mehr Abenteuer.

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Eine seltsame Geburt

BB%20Initial%20E.tifin Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt – meins nicht. Zumindest weiß ich nicht, wie ich ins Leben gekommen bin. Ich könnte – rein theoretisch – aus dem Schaum einer Welle geboren oder in einer Muschel gewachsen sein, wie eine Perle. Vielleicht bin ich auch vom Himmel gefallen, in einer Sternschnuppe.

Fest steht lediglich, daß ich als Findelkind ausgesetzt wurde, mitten im Ozean. Meine erste Erinnerung ist, daß ich in rauher See trieb, nackt und allein in einer Walnußschale, denn ich war ursprünglich sehr, sehr klein. Ich erinnere mich weiterhin an ein Geräusch. Es war ein sehr großes Geräusch. Wenn man noch so klein ist, neigt man dazu, die Dinge zu überschätzen, aber heute weiß ich, daß es tatsächlich das größte Geräusch der Welt war.

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Der Malmstrom

Erzeugt wurde es vom monströsesten, gefährlichsten und lautesten Wasserwirbel der sieben Weltmeere – ich ahnte ja nicht, daß es der gefürchtete Malmstrom war, auf den ich da in meinem Schälchen zuschaukelte. Für mich war es nur ein gewaltiges Gurgeln. Wahrscheinlich dachte ich damals (wenn man das schon denken nennen konnte), daß es wohl der natürlichste Zustand war, nackt in einer Nußschale auf dem offenen Meer einem ohrenbetäubenden Tosen entgegenzutreiben.

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Das Geräusch wurde mächtiger und mächtiger, die Nußschale schaukelte immer heftiger, und ich wußte natürlich auch nicht, daß ich schon längst in den Sog des Wirbels geraten war. In einer kilometerlangen Spirale tanzte mein winziges Boot, wahrscheinlich das kleinste der Welt, dem brüllenden Abgrund entgegen.

Nun muß man bedenken, daß dies so ziemlich die aussichtsloseste Situation war, in die man auf See geraten konnte. Jeder Seemann, der seinen Verstand beisammen hatte, umschiffte das Gebiet des Malmstroms großräumig. Und selbst wenn irgend jemand zu meiner Rettung angetreten wäre, hätte ihn dasselbe Schicksal ereilt. Er wäre mit auf den Grund des Meeres gezogen worden, denn kein Schiff war dem Sog des Wirbels gewachsen.

Jetzt begann sich mein Nußschälchen auch noch um sich selbst zu drehen, im Walzertakt tanzte es dem Untergang entgegen, hinab in den gurgelnden Rachen des Ozeans. Ich aber betrachtete nur die wirbelnden Sterne über mir, lauschte verzückt dem Malmstrom und ahnte nichts Böses.

Das war der Augenblick, in dem ich zum ersten Mal eines der schaurigen Lieder der Zwergpiraten hörte.

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Zwergpiraten

Die Zwergpiraten waren die Herrscher des Zamonischen Ozeans. Es wußte allerdings niemand davon, weil sie so klein waren, daß keiner sie bemerkte. Keine Welle war den Zwergpiraten zu hoch, kein Sturm zu gewaltig und kein Sog zu wirbelnd, daß sie ihm nicht getrotzt hätten. Sie waren die verwegensten aller Seefahrer und suchten unablässig die Herausforderung, ihr nautisches Können auch gegen die tosendsten Naturgewalten unter Beweis zu stellen. Nur sie waren aufgrund ihrer außergewöhnlichen seemännischen Fähigkeiten in der Lage, es mit dem Malmstrom aufzunehmen.

So war es gekommen, daß sie in den Strudel geraten waren, aus reiner Verwegenheit und trotzig ihre Piratenlieder grölend. Aufmerksam die Wasseroberfläche nach den günstigsten Wellentunneln und Strömungen absuchend, hatte mich ihr Ausguck im Mast durch sein winziges Fernrohr erspäht. Ich war kurz davor, im Malmstrom zu verschwinden.

Es war eine doppelt glückliche Fügung, ausgerechnet von den Zwergpiraten gefunden zu werden, denn jeder andere von normaler Größe hätte mich vermutlich übersehen. Sie holten mich an Bord, wickelten mich in Ölzeug und banden mich mit dicken Tauen an einen Mast, was mir damals sehr seltsam vorkam, aber meiner Sicherheit diente. Währenddessen führten sie ihren heldenhaften Kampf mit den Elementen wie selbstverständlich weiter. Sie kletterten die Masten hinauf und wieder herunter wie Eichhörnchen, hißten die Segel und holten sie wieder ein, in einem Tempo, daß einem schwindelig werden konnte vom bloßen Hinsehen. Sie warfen sich wie ein Mann nach Backbord, um eine Schwankung auszubalancieren, dann wieder nach Steuerbord, zum Bug oder zum Heck. Sie pumpten das Wasser, verschwanden im Bauch des Schiffes, um mit vollen Eimern wieder herauszukommen, sprangen durch Luken und schwangen sich an Tauen hin und her. Sie waren in ständiger Bewegung, kurbelten am Steuerrad, schrien sich gegenseitig an, hängten sich gemeinsam an ein großes Segel, um es zu schnellerer Entfaltung zu bringen, holten Taue ein und vergaßen dabei keine Sekunde, ihre Piratenlieder zu singen. Ich kann mich sogar erinnern, daß einer von ihnen dabei unablässig das Deck schrubbte.

Die Gischt überschäumte das Schiff, es legte sich schräg, bäumte sich auf und tauchte sogar mehrmals unter, aber es versank nicht. Ich bekam zum ersten Mal Meerwasser zu schlucken, und ich muß gestehen: Es schmeckte nicht übel. Wir glitten durch Wellentunnel, ritten auf mächtigen Schaumbergen, wurden hoch in die Luft geworfen und tief ins Meer gedrückt. Das Piratenschiff wurde hin und her geschleudert, von riesigen Wellen geohrfeigt, geschubst und bespuckt, aber die Zwergpiraten ließen sich nicht beirren. Sie schrien das Meer an, spuckten zurück und stachen trotzig mit ihren Enterhaken nach den Wellen. Sie verteilten sich blitzschnell auf die Masten, holten die Segel ein und entrollten sie im nächsten Augenblick wieder. Sie reagierten auf jede Bewegung des Meeres, jedes Lüftchen, jede Regung des Schiffes, und wußten sogleich, was sie als nächstes zu tun hatten. Niemand erteilte Befehle, alle waren gleichberechtigt. Mit ihrer gemeinsamen Emsigkeit waren sie dem gewaltigen Ozean schließlich überlegen. Ich selbst beobachtete das Treiben voller Staunen, sicher an meinem Mast vertäut.

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Wenn man so klein ist wie die Zwergpiraten (und damals auch ich), lebt man in einer anderen Zeit. Wer jemals versucht hat, eine Fliege mit der Hand zu fangen, wird erfahren haben, daß ihm dieses winzige Wesen, was Geschwindig- und Wendigkeit angeht, turmhoch überlegen ist. Aus der Sicht der Fliege bewegen wir uns wie in Zeitlupe, es ist für sie ein leichtes, um unsere Bewegungen herum zu manövrieren und uns zu entkommen. So ähnlich war es mit den Zwergpiraten. Was für ein normal großes Schiff ein rasender Sog war, erschien ihnen als tumber Wirbel. Eine Riesenwoge löste sich für uns in viele winzige Wellchen auf, die wir bequem durchschiffen konnten. Wie ein Orkan über eine Stadt fegen und dabei die größten Häuser niederreißen kann, hingegen ein kleines Spinnennetz unversehrt läßt, so konnte die monströse Strömung uns nichts anhaben. Was uns schützte, war, daß wir so klein waren.

So entkamen wir dem tödlichen Malmstrom. Wie gesagt, ich wußte damals nichts von den wirklichen Gefahren des Wirbels – das kam erst viel später. Ich registrierte nur, daß das Gurgeln immer schwächer und die Aktivitäten der Zwergpiraten weniger aufgeregt wurden. Schließlich hatte sich die Lage so weit entspannt, daß sie sich um mich versammeln, mich losbinden und bestaunen konnten.

Ich staunte zurück.

Zwergpiraten waren, wie der Name schon unterstellt, von ziemlich geringem Wuchs. Ein Zwergpirat von zehn Zentimetern Größe galt unter seinesgleichen als Hüne. Die Zwergpiraten befuhren die Meere auf winzigen Schiffen, immer auf der Suche nach etwas, das klein genug war, damit sie es kapern konnten. Was sehr selten geschah. Eigentlich nie. Um die Wahrheit zu sagen: In der ganzen Geschichte der Seefahrt wurde niemals auch nur ein einziges Schiff, nicht mal ein Ruderboot, von Zwergpiraten erfolgreich gekapert. Gelegentlich, meist aus Verzweiflung, griffen Zwergpiraten auch größere Schiffe, sogar Ozeanriesen an. In der Regel wurden ihre Bemühungen nicht einmal wahrgenommen. Die winzigen Seeräuber warfen ihre Enterhäkchen in das Holz der großen Schiffe und wurden dann so lange mitgeschleppt, bis sie endlich aufgaben. Oder sie feuerten ihre niedlichen Kanönchen ab, deren Geschosse nie das Ziel erreichten – schon nach wenigen Metern plumpsten sie wirkungslos ins Meer.

Da sie niemals Beute machten, ernährten sich die Zwergpiraten hauptsächlich von Algen oder den Fischen, mit denen sie es aufnehmen konnten, Sardellen etwa oder ganz kleinen Scampis. In Notlagen verschmähten sie auch Plankton nicht.

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Anstelle von Händen besaßen die Zwergpiraten kleine Eisenhäkchen, anstelle richtiger Beine Holzbeine. Außerdem habe ich keinen von ihnen jemals ohne Augenklappe gesehen. Zuerst dachte ich, es handele sich um Blessuren, die sie sich bei ihren waghalsigen Kaperversuchen zugezogen hatten, aber später erfuhr ich, daß sie so geboren wurden, samt Schnurrbart und Hut.

Aus dem
Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder,
Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung

von Prof. Dr. Abdul Nachtigaller

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Zwergpiraten, die: Trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer eigentlichen Harmlosigkeit führen sich Zwergpiraten sehr gerne blutrünstig und rauhbeinig auf. Sie schwingen gerne großmäulige Reden, die bevorzugt von erfolgreichen Kaperfahrten und fetter Prise handeln. Man könnte fast sagen, sie neigen zur Prahlsucht. Wenn sich zwei Zwergpiraten begegnen (und das passiert auf einem Schiff voller Zwergpiraten ja andauernd), dann zählen sie sich gegenseitig mit großartigen Gebärden und viel Geschrei die Anzahl der Handelsschiffe vor, die sie angeblich in den Grund gebohrt haben, und protzen mit den unschuldigen Matrosen, die sie erbarmungslos kielgeholt oder über die Planke gejagt haben. Dabei trinken sie Rhumm, ein Getränk aus Algensaft und Zuckerrohr, das ihre Kaperphantasien noch befeuert und ihre Zungen schnell schwer werden läßt, obwohl es gar keinen Alkohol enthält. Zwergpiraten vertragen nicht viel.

Oft habe ich damals diesen Begegnungen beigewohnt und den grandiosen Aufschneidereien der Zwergpiraten gelauscht. Ich gebe allerdings gerne zu, daß diese Art von blümeranter Ausschmückung und üppiger Phantasie Wirkung auf mich hatte. Was ich von ihnen lernte, war, daß eine gute Notlüge oft wesentlich aufregender ist als die Wahrheit. Es ist so, als würde man der Wirklichkeit ein schöneres Kleid geben.

Jammern, Prahlen und Piratenlieder

Für einen Zwergpiraten gab es nichts Schlimmeres als die Langeweile. Sobald sich einer von ihnen auch nur ein kleines bißchen langweilte, führte er sich dermaßen gequält auf, daß es einem ans Herz ging. Er seufzte und stöhnte und drohte dem Himmel mit seiner Hakenhand, raufte sich die Haare und zerriß manchmal sogar seine Kleidung. Was alles nur noch schlimmer machte, denn dann jammerte er über die Risse in seiner Garderobe und klagte das Schicksal an, ihn mit Tragik zu überschütten. Da aber auf See die Langeweile häufiger Gast an Bord eines jeden Schiffes ist, herrschte eigentlich ständiges Gejammer und Gestöhne unter den Zwergpiraten. Wenn nicht gejammert wurde, wurde geprahlt. Wenn weder gejammert noch geprahlt wurde, grölte man Piratenlieder. In dieser Atmosphäre wuchs ich auf.

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Ich wurde zum eigentlichen Lebensinhalt der Zwergpiraten. Ihr ganzes Dasein drehte sich in den fünf Jahren, die ich bei ihnen war, fast nur um mich. Es war, als hätte ich ihrem absurden Leben endlich einen Sinn gegeben. Sie bemühten sich rührend, mir alles beizubringen, was sie über das Kaperwesen und das Piratenleben wußten. Ganze Tage verbrachten sie damit, mir schauerliche Piratenlieder vorzusingen, mit Fluchen, dem Hissen von Totenkopfflaggen und dem Anfertigen von Schatzkarten. Einmal versuchten sie sogar mir zuliebe, ein Schiff zu kapern, das mindestens tausendmal größer war als ihr eigenes. An diesem Tag habe ich alles gelernt, was man über das Scheitern wissen muß.

Seemannshandwerk

Ansonsten lernte ich das Seemannshandwerk vom Ankerholen über Kalfatern bis zum Wantenspannen, nur vom Zusehen und Mithelfen.

Mit dem Deckschrubben fing es an. Es kann eine hohe Kunst sein, das Deck zu schrubben, blitzeblank, bis jede gefräßige Bakterie vom Holz ist, aber auch nicht zu glatt gebohnert, damit man noch guten Halt hat (was bei den dünnen Holzbeinchen der Zwergpiraten von besonderer Wichtigkeit war). Schmierseife mit einem leichten Anteil von Treibsand ist das ideale Scheuermittel zum Deckschrubben: die Seife für die keimfreie Reinigung und der Treibsand für die Bodenhaftung. Ich lernte das Segeln am Wind, das Segeln hart am Wind und das Rumhängen in der Flaute ohne Wind, ich lernte eine Bagstagsbrise auszunutzen, das Halsen, das Wenden auf rauher See und die nautische Vollbremsung (ein Trick, den nur die Zwergpiraten beherrschten, um auf hoher See nicht mit einem größeren Fisch zusammenzustoßen. Das fing bei ihnen ja schon beim Kabeljau an).

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Knoten

Eines der wichtigsten Dinge im Leben eines Seemanns ist der Knoten. Damit ist nicht die Geschwindigkeit eines Schiffes gemeint, die man auch in Knoten mißt, nein, ich meine die mannigfachen Möglichkeiten der Verknüpfung eines Hanfseils. Ich lernte 723 verschiedene Versionen, einen Knoten zu schürzen, und die kann ich heute noch auswendig. Ich kann (natürlich) den einfachen Seemannsknoten, aber auch den doppelten Zwergpiratenschürzling, die Sturmkrawatte und den Gänsegalgen, die Klabauterfessel und sogar den doppelten Gordischen Knoten.

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Ich beherrsche den gewickelten Hänfling genauso gut wie die achtschlaufige Oktopusschlinge, ich knote das Manilareep mit der Hanffaser, ich könnte mit verbundenen Augen zwei Aale so kompliziert verknoten, daß sie ihr Lebtag nicht mehr auseinander kommen. Ich wurde so etwas wie der Oberknotmeister auf dem Zwergpiratenschiff; wenn man einen Knoten benötigte, kam man zu mir. Ich könnte einen Knoten in einen Fisch machen, und, wenn es sein müßte, im absoluten Notfall, sogar einen Knoten in einen Knoten.

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Wissenswertes über Wellen

Besonders wichtig auf See ist natürlich die Navigation. Die Zwergpiraten hatten kaum technische Hilfsmittel, selbst ein Kompaß war ihnen fremd. Sie steuerten nach einem System, das auf der Beobachtung von Wellenbewegungen basierte. Wenn man Wellen lange genug beobachtet, erkennt man, daß sie alle unterschiedlich sind. Man sagt zwar, eine Welle sieht wie die andere aus, aber dem ist nicht so: Jede einzelne hat eine eigene Form der Rückenkrümmung, manche gehen steil und spitz, manche rund und flach, es gibt dicke und dünne, grüne und blaue, schwarze und braune, durchsichtige und trübe, große und kleine, breite und lange, kalte und warme, salzige und süße, laute und leise, schnelle und langsame, harmlose und lebensgefährliche.

Jede Welle hat sozusagen eine eigene Statur, ein eigenes Gesicht und schließlich eine eigene Frisur in Form von Gischt auf ihrem Kopf. Und man unterscheidet sie an ihrem Gang, dem sogenannten Wellengang. Wellen südlicher Gewässer bevorzugen einen lässigen, wiegenden Gang, die der Nordmeere eher einen strammen, zügigen, wegen der Kälte und der Gefahr, zur Eisscholle zu gefrieren. Hawaiianische Wogen scheinen sich im Takt von Rumbakugeln zu bewegen, schottische in langen Reihen zu unhörbarer Dudelsackmusik zu marschieren. Wenn man Wellen ausführlich studiert, weiß man, welche Sorte sich wo gerne aufhält. Kleine grüne mit lustiger Gischt zum Beispiel in tropischen seichten Gewässern, dunkle schlammige in Küstennähe, besonders an Flußmündungen, hohe blaue auf kalter, tiefer See und so weiter.

Man kann also an ihrem Aussehen sehr genau bestimmen, wo man sich befindet, ob es Untiefen gibt oder unsichtbare Sandbänke und Korallenriffe, ob man in Landnähe ist oder auf hoher See, in einer tückischen Strömung und sogar, ob sich im Wasser Haie befinden oder nur Heringe. Sind Haie darin, zittern die Wellen leicht.

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Ich lernte auch alles Nötige über die tägliche Pflege des Schiffskörpers, das Reparieren von Planken, das Entfernen von Seeschnecken vom Schiffsrumpf (und ihre Zubereitung in Algensud), das Balancieren bei hohem Seegang, das Rettungsbootlassen, das Rettungsringwerfen und Ausgucksitzen. Schon nach einem Jahr war ich ein voll ausgebildeter Seebär und mußte mich bei Sturm auch nicht mehr übergeben.

Algen

Die Zwergpiraten gaben mir reichlich zu essen, vorwiegend Algen und magere Fische. Sie kannten über 4oo Zubereitungsarten, von »Alge natur« bis zum hochkomplizierten Soufflé, und ich durfte von allem kosten. Meine heutige Abneigung gegen Algen könnte möglicherweise mit den Eßgewohnheiten der Zwergpiraten zusammenhängen.

Man kann gegen Algen sagen, was man will: Sie enthalten alle wichtigen Vitamine und Aufbaustoffe, die ein kleiner Blaubär zum Wachstum braucht, vielleicht sogar zuviel davon. Denn ich wuchs in einem Tempo heran, das nicht nur mir, sondern besonders den Zwergpiraten bald unheimlich wurde. Am Anfang war ich kleiner als meine Lebensretter gewesen, aber schon nach einem Jahr genauso groß wie sie. Im zweiten Jahr war ich schon doppelt so groß, und nach vier Jahren überragte ich sie um fünf Körperlängen.

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Man kann sich vorstellen, daß dieses rapide Wachstum auf kleinwüchsige Piraten, die mit einem natürlichen Mißtrauen gegen alles Große ausgestattet sind, einen sehr unangenehmen Eindruck machte. Nach fünf Jahren an Bord war ich so groß und schwer geworden, daß ich ihr Schiff zu versenken drohte.

Wenn ich es damals auch nicht verstand, die Zwergpiraten taten das einzig Richtige, als sie mich eines Tages auf einer Insel aussetzten. Ich bin sicher, es ist ihnen nicht leichtgefallen. Sie gaben mir eine Flasche Algensaft und ein selbstgebackenes Algenbrot als Wegzehrung, dann fuhren sie jammernd und klagend in den Sonnenuntergang. Sie wußten, daß ihr Leben ohne mich um einiges langweiliger werden würde.

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Allein unter Palmen

Als ich so nackt und verlassen am Strand einer einsamen Insel saß, dachte ich zum ersten Mal über meine Situation nach. Eigentlich dachte ich überhaupt zum ersten Mal nach, denn in der ewig lärmenden Atmosphäre des Zwergpiratenschiffes war ich ja nie dazu gekommen, einen klaren Gedanken zu fassen.

Ich muß gestehen, daß meine ersten Denkversuche nicht gerade von unauslotbarer Tiefe waren. Der erste Gedanke, der mir in den Sinn kam, war: Hunger. Der zweite: Durst. Also schlang ich gierig das Algenbrot herunter und trank hastig die Flasche Algensaft leer. Umgehend breitete sich in meinem Innern eine behagliche Wärme aus, als hätte jemand in mir ein kleines Lagerfeuer entfacht. Damit kam auch eine gewisse Zuversicht, die mich ermutigte, das Schicksal beim Schopf zu packen und den mächtigen Palmenwald der Insel zu erkunden. Diese frühe Erfahrung könnte wie ein Lehrsatz über meinem ganzen weiteren Leben stehen: Wie groß eine Herausforderung auch sein mag, sie ist auf jeden Fall leichter zu bewältigen, wenn man vorher eine ordentliche Mahlzeit zu sich genommen hat.

Dunkelheit

Dann kam die Nacht und mit ihr die Dunkelheit.

Dunkelheit – ich wußte ja bisher gar nicht, was das überhaupt war. Bei den Zwergpiraten war es immer hell gewesen, auch nachts. Sobald der Abend hereinbrach, wurde das Schiff auf das prächtigste beleuchtet. Ein Zwergpiratenschiff in der Nacht ist immer eine kleine Sensation. Es sieht aus wie eine schwimmende Miniaturkirmes, inklusive Geräuschkulisse. Die Zwergpiraten hatten nämlich einen fürchterlichen Bammel vor der Dunkelheit. Sie glaubten, die Nacht sei die Zeit der Klabautergeister, welche kämen, um die Seelen der Seefahrer zu verspeisen. Und diese Gespenster seien eben nur durch verschwenderische Beleuchtung und größtmögliche Lärmentfaltung zu verscheuchen. Die Zwergpiraten beleuchteten also nicht nur ihr Schiff mit Lampions, Fackeln, farbigen Lichterketten, Wunderkerzen und kleinen Feuern, sie jagten auch unablässig eine Signalrakete nach der anderen in den Himmel und veranstalteten durch Singen, Schreien und das Schlagen von Gußhämmern auf eiserne Töpfe ein solches Höllenspektakel, daß man nachts kein Auge zubekam. Geschlafen wurde am Tag. Und nie wurden wir von Klabautergeistern belästigt.

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Angst

Und nun also zum ersten Mal Dunkelheit. Und mit der Finsternis kam ein neues Gefühl, das ich bisher noch nie ertragen mußte: Angst!

Ein sehr unangenehmes Gefühl, als sei die Dunkelheit in meinen Körper gedrungen und würde nun durch meine Adern fließen. Die fetten grünen Palmen, die sich eben noch so beruhigend im Wind gewiegt hatten, waren jetzt zu schwarzen, schwankenden Baumkerlen geworden, die sich mit riesigen Pranken schreckliche Botschaften zuwinkten.

Am Himmel stand eine magere Mondsichel, die ich mit Erstaunen wahrnahm, denn bei dem ewigen Lichterfest an Bord war sie mir nie aufgefallen. Der Wind rauschte durch die Farne des Palmenwaldes und verwandelte sie in eine Meute wispernder Gespenster, die sich immer dichter um mich drängten und mit dünnen Fingern nach mir tasteten. Plötzlich mußte ich an die Klabautergeister denken.

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Ich versuchte, den Gedanken zu unterdrücken, aber es ging nicht. Mir fehlte der hysterische Lärm der Zwergpiraten, ihr Geschrei und vor allem ihr verschwenderisches Licht. Das Licht, das die Klabautergeister fernhielt. Ich war am absoluten Tiefpunkt meines jungen Lebens angelangt: ausgestoßen, nackt, einsam, mitten in einem finsteren, unbekannten Wald und voller Angst. Plötzlich nahm ich zwischen den Palmenstämmen sehr beunruhigende Lichter wahr. Grüne Lichtfäden, schlangengleich, zunächst ganz fern, die aber schnell immer näher kamen. Dazu ein hohes, gemeines elektrisches Summen und gelegentlich ein hohles, meckerndes Gelächter, wie von gehörnten Wesen, die in Brunnenschächten sitzen. So kündigten sich, das wußte ich von den Zwergpiraten, die Klabautergeister an.

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Aus dem
Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder,
Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung

von Prof. Dr. Abdul Nachtigaller

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Klabautergeist, der: Der Klabautergeist gehört zu den sogenannten Allgemeingeschmähten Daseinsformen (vergleichsweise auch: > Waldspinnenhexe, die, > Stollentroll, der und > Bollogg, der), worunter diejenigen Lebewesen Zamoniens und Umgebung gezählt werden, deren vorsätzlicher Lebensinhalt es ist, unter ihren Zeitgenossen Angst und Schrecken zu verbreiten und sich auch sonst in jeder Form unsozial, harmoniestörend und frohsinnmindernd aufzuführen. Von äußerlich abstoßendem bis panikauslösendem Aussehen, erscheint der Klabautergeist meist im Rudel und unter Hervorbringung beängstigender Geräusche und grusliger Gesänge gerne möglichst wehrlosen Kreaturen, um sich an deren Unbehagen zu ergötzen.

Erste Tränen

Das war zuviel für mich. Ich spürte, wie eine heiße Flüssigkeit in meinem Kopf aufstieg. Meine Augen, mein Mund, meine Nase füllten sich damit, und ich konnte nichts anderes tun, als diesem inneren Druck nachzugeben: Ich weinte. Zum ersten Mal in meinem Leben! Dicke, salzige Tränen liefen in mein Fell, meine Nase triefte, und mein ganzer Körper schüttelte sich im Takt meines Schluchzens. Alles andere war jetzt gleichgültig.

Die Klabautergeister, die mich umringten, die Dunkelheit, die Angst – alles war zweitrangig vor diesem gewaltigen Ausbruch der Gefühle. Ich heulte und schluchzte, strampelte mit den Beinchen und schrie mir die Seele aus dem Leib. Wie zwei kleine Sturzbäche strömten die Tränen in mein Fell, bis ich aussah wie ein nasser Waschlappen. Ich gab mich ganz dem Zusammenbruch hin.

Dann kam die Ruhe. Die Tränen versiegten, die Schluchzwellen ebbten ab. Ein beruhigendes Gefühl von Wärme und Müdigkeit übermannte mich. Die Angst war verschwunden. Ich hatte sogar den Mut, aufzublicken und den Klabautergeistern ins Gesicht zu sehen. Sie schwebten im Halbkreis um mich herum, sechs oder sieben wabernde Gestalten aus gespenstischem Licht. Ihre Arme und Beine baumelten wie schlaffe Fahrradschläuche an ihnen herab. Sie starrten mich eine Weile schweigend, fast ergriffen an. Dann begannen sie zu applaudieren.

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Ich will nichts beschönigen: Die Klabautergeister waren wirklich ein unangenehmer Haufen. Ihre schleimige Art der Fortbewegung, der leichte elektrische Schlag, den man bekam, wenn sie einen berührten, ihre hohen, singenden Stimmen und vor allen Dingen ihre zweifelhafte Vergnügung, sich an der Furcht hilfloser Zeitgenossen zu ergötzen, waren widerwärtig. Dazu kam noch der Geruch von fauligem Holz, den sie verströmten (er hing mit ihren Schlafgewohnheiten zusammen), und ganz besonders ihre abstoßende Art der Ernährung. Doch davon später.

Ja, die Klabautergeister waren eigentlich das Letzte, aber trotzdem ging ich mit ihnen. Was blieb mir schließlich auch anderes übrig?

Ich verstand kein Wort von dem, was sie sagten beziehungsweise sangen, aber ich begriff doch sehr schnell, daß sie mich aufforderten, mit ihnen zu kommen. Ich fand, das war angesichts meiner Lage noch das Beste, was mir passieren konnte, immerhin hätten sie auch wer weiß was mit mir anstellen können.

Sie glitten vor mir her durch den Wald, wie Wasserschlangen aus grünem Licht umflossen sie jedes Hindernis mit eleganten Bewegungen. Wenn ein Hindernis zu groß oder zu massiv war, etwa ein Felsblock oder ein umgestürzter Mammutbaum, dann flutschten sie einfach mitten durch es hindurch, als sei es nicht dichter als Nebel.

Ich hatte einige Schwierigkeiten mitzuhalten, aber die Klabautergeister machten in gewissen Abständen höfliche Pausen, in denen sie gemeinsam warteten, bis ich sie eingeholt hatte. Sie sangen in der Zwischenzeit ziemlich gräßliche Lieder, deren Melodien schon so unbehaglich klangen, daß ich froh war, den Text nicht zu verstehen.

Ein Baumfriedhof

Ich war völlig erledigt, mein Fell war voller Laub, Dornen und kleinen Ästen, als wir endlich das Ziel erreichten: eine große Lichtung mitten im Wald. Auf ihr lagen Hunderte von umgestürzten hohlen Mammutbäumen, die vor sich hin faulten. Ein Friedhof für Riesenbäume, bewohnt von Hunderten, vielleicht Tausenden von Klabautergeistern. Das sollte fürs nächste mein Zuhause sein.

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BB%20Initial%20E.tifs stellte sich sehr bald heraus, daß die Klabautergeister mich nicht aus reiner Gastfreundschaft aufgenommen hatten. Noch in derselben Nacht zeigten sie mir durch anschauliche Pantomimen, was sie von mir verlangten: Ich sollte für sie weinen.

Aus dem
Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder,
Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung
von Prof. Dr. Abdul Nachtigaller

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Klabautergeister, die (Forts.): Klabautergeister entstehen durch das Zusammentreffen eines Irrlichts (Lux Dementia) mit zamonischem Friedhofsgas. Friedhofsgas ist ein unangenehm riechendes Fäulnisgas, das aus vermodernden Särgen aufsteigt, wenn die Erde darauf nicht gasversiegelnd genug beklopft wurde. Irrlichter entstehen, wenn Glühwürmchen vom Blitz getroffen werden und dann im lädierten Zustand weiterflattern. Treffen nun Irrlicht und Friedhofsgas zusammen, was aus naheliegenden Gründen vorwiegend über öffentlichen Begräbnisstätten stattfindet, verschmelzen die Gasmoleküle und Lichtatome zu jener rückgratlosen und unseligen Allianz, die gemeinhin als Klabautergeist bekannt ist.

Eigentlich klar, daß dabei nichts Erfreuliches zustande kommen kann. Wer kein Rückgrat hat, braucht auch kein Nervensystem, und wer keine Nerven hat, der hat auch keine Gefühle – und gerade deswegen interessieren den Klabautergeist die Gemütsbewegungen anderer Lebewesen so sehr. Man will eben immer das haben, was man selber nicht hat. Und wenn man einmal weiß, wie Klabautergeister entstehen, wundert man sich auch nicht darüber, daß ihr Interesse an unangenehmen Gefühlen wie Angst, Verzweiflung und Trauer so ausgeprägt ist. Ein Weinkrampf, also etwas, in dem all diese Gefühle gleichzeitig vorkommen, ist für einen Klabautergeist das Allergrößte.

Sie zeigten mir einen Platz auf einem mächtigen modernden Baumstamm, der dort wie ein umgestürzter Fabrikschornstein lag, und schoben mir ein paar Blätter unter, damit ich bequem sitzen konnte.

Unter Geistern

Die Lichtung füllte sich immer mehr mit Klabautergeistern, sie glitten zwischen den Baumstämmen umher und suchten summend ihre Sitzplätze. Es war schon unheimlich, Hunderte von ihnen einen Baumfriedhof erleuchten zu sehen. Zusammen erzeugten sie einen grünen Lichtdom, der sich gespenstisch über den Schauplatz wölbte. Es herrschte nervöses Wispern und Gekicher, bis auch der letzte Klabautergeist seinen Platz gefunden und seinen Blick auf mich gerichtet hatte. Dann wurde es still.

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Ich ahnte, was von mir verlangt wurde, aber ich war irgendwie nicht in der richtigen Stimmung. Mir war durchaus unbehaglich zumute, aber nicht unbehaglich genug, um weinen zu können. Ich hatte das Gefühl, keinen Tropfen Flüssigkeit in mir zu haben, nie waren mein Mund und meine Kehle trockener gewesen. Dennoch versuchte ich, mein Bestes zu geben. Ich verzog mein Gesicht auf alle möglichen Arten, um eine Träne hervorzupressen, aber es kam nichts.

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Ich versuchte es mit Schluchzen, aber heraus kam nur ein heiseres Krächzen. Die Klabautergeister wurden unruhig. Einige von ihnen fingen einen unangenehmen leisen Singsang an, und überall in der Luft knisterten kleine elektrische Entladungen. Ich schüttelte meinen Körper ein bißchen hin und her, als würde er von einem Weinkrampf erschüttert, und rieb mir die Augen, um die Tränen zum Fließen zu bringen; aber die Bewegungen wirkten hölzern und gekünstelt, und die Tränen blieben aus.

Mehrere Klabautergeister erhoben sich von ihren Plätzen, überall erklang gemeines Gezischel wie von kaputten Gasleitungen. Einige glitten von den Stämmen und schlängelten langsam auf mich zu, offenbar mit unguten Absichten. Ich versuchte es mit Selbstmitleid. Ich dachte daran, ein kleiner, nackter, ausgesetzter und sehr hungriger Blaubär zu sein, ohne Eltern, ohne Heimat, ohne Freunde. Ich dachte an die glücklichen Zeiten mit den Zwergpiraten und daran, daß diese Zeiten nun für immer vorbei waren. Mir schien, daß ich das mit Abstand bedauernswerteste, alleingelassenste, hungrigste Blaubärchen der Welt war, die absolut bemitleidenswerteste Kreatur, die jemals … und endlich flossen die Tränen!

Und wie sie flossen! Wahre Sturzbäche von Tränen, eine Überschwemmung von salzigen Fluten. Das Wasser spritzte aus meinen Augen, stieg mir in die Nase und sabberte über meine Lippen. Ich schluchzte herzzerreißend, warf mich auf den Bauch und trommelte mit meinen kleinen Fäusten auf den hohlen Baumstamm, so daß es tief in den Wald schallte. Ich strampelte mit den Füßen und raufte mir die kurzen Härchen. Ich hockte mich auf alle viere und heulte die Mondsichel an wie ein kleiner heimwehkranker Hund. Es war ein Weinkrampf der Sonderklasse, viel besser und länger als der erste.

Dann war er plötzlich vorbei. Schniefend setzte ich mich auf und wischte die letzten Tränen ab. Durch den wäßrigen Schleier vor meinen Augen sahen die Klabautergeister noch unheimlicher aus. Sie saßen völlig regungslos da und starrten mich an.

Absolute Stille.

Ich zog die Nase hoch und war auf alles gefaßt. Sollten sie mich doch fressen oder sonstwas – mir war es seltsam egal. In der letzten Baumreihe fing ein einzelner Klabautergeist zögernd an zu applaudieren. Immer noch saßen alle anderen regungslos da. Dann fiel ein zweiter in den Applaus ein, ein dritter, ein vierter, und plötzlich standen die Klabautergeister wie auf ein geheimes Kommando geschlossen auf und applaudierten, daß der Wald bebte. Sie stießen spitze Schreie des Entzückens aus und pfiffen auf ihren dünnen Geisterfingern. Manche nahmen Äste und schlugen sie im Takt gegen die hohlen Baumstämme. Es herrschte ein unglaublicher Lärm. Blumenkelche wurden in meine Richtung geworfen. Hier und da schoß ein Klabautergeist wie eine grüne Leuchtrakete hoch in die Luft. Alles in allem zeigten diese ansonsten gefühllosen Kreaturen ein erstaunliches Maß an Begeisterung. Und ich muß gestehen: Ich war davon ziemlich ergriffen.

Man kann es nicht anders sagen: Ich war buchstäblich über Nacht zum Star geworden. Ich bekam zwar kein Geld (ich wußte damals nicht mal, daß es so etwas überhaupt gibt), aber die Klabautergeister versorgten mich für meine Heulerei mit Nahrung. Nichts Besonderes, vorwiegend Nüsse und Beeren, Quellwasser und Bananen und ab und zu eine frische Kokosnuß, aber mehr brauchte ich in diesen Tagen auch nicht. Die Gespenster hatten sehr schnell begriffen, daß ich mit ihrer seltsamen Art der Ernährung nichts zu tun hatte, Neptun sei Dank. Sie ernährten sich nämlich von Angst. Ich wußte das von den Zwergpiraten: Die Klabautergeister gleiten des Nachts übers Meer, auf der Suche nach Schiffen, deren Besatzung sie mit ihrem Gesang und Geheul in Angst und Schrecken versetzen können. Haben sie das erreicht, saugen sie die Angst in sich hinein wie Milch durch einen Strohhalm.

Wenn ich diese durchsichtigen Gespenster von ihren nächtlichen Beutezügen heimkehren sah, vollgesogen mit Angst, satt und feist wie Tiefseeschwämme, dann standen mir die Haare zu Berge. Anfangs wollten sie mich noch auf ihre Schlemmertouren mitnehmen, aber sie ließen es bleiben, als sie merkten, daß ich nicht übers Wasser gehen konnte.

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Trotz meiner anfänglichen Abscheu vor den Klabautergeistern: Ich muß zugeben, daß ich immer mehr Spaß an den allabendlichen Vorstellungen fand. Das Lampenfieber am Anfang, meine immer besser werdenden Schluchzarien, der tosende Applaus am Schluß – ich wurde regelrecht süchtig danach. Es fiel mir immer leichter, einfach so loszuflennen (und ich kann es auch heute noch, wenn aus dramaturgischen Gründen gelegentlich mal ein paar Tränchen notwendig sind).

Ich brauchte nur an etwas Trauriges zu denken, und schon ging es los. Ich baute dramatische Steigerungen und wirkungsvolle Schluchzpausen in mein Programm ein. Ich beherrschte die ganze Palette, vom leichten Seufzen über das verzweifelte Schluchzen bis hin zum kreischenden Tobsuchtsanfall. Ich lernte, den Rhythmus meines Schluchzens mit der Melodie meines Heulens so perfekt abzustimmen, daß kleine Symphonien daraus entstanden. Ich konnte mein Kreischen in hysterische Höhen schrauben, um es gleich darauf wieder in tiefe Jammertäler des Schniefens abstürzen zu lassen. Manchmal sabberte ich minutenlang fast tonlos vor mich hin, um das Publikum in unerträgliche Spannung zu versetzen, und dann brüllte ich auf einmal los wie ein heimatloser Seehund.

Starallüren

Die Klabautergeister waren Wachs in meinen Händen. Jeden Abend wurden die Ovationen lauter, anhaltender und begeisterter. Sie erstickten mich beinahe mit Blumen, wanden mir Kränze und überschütteten mich mit Beeren und Obst – kein Wunder, daß ich mir immer mehr in meiner Rolle gefiel. Wenn man im Rampenlicht steht und den Beifall empfängt (auch wenn es nur das fahle Licht der Klabautergeister und ihr gespenstisches Geheul ist), kann einem das schon zu Kopf steigen. Man darf nicht vergessen, daß ich noch sehr jung war – es war erst mein zweites Leben.

Bald war ich für meine Starallüren bekannt und wurde gelegentlich sogar launisch wie eine Operndiva. Wenn mein Publikum nicht frenetisch genug applaudierte, wurde ich schroff und verließ ohne Zugabe die Bühne. An manchen Abenden täuschte ich Kopfschmerzen vor, um die Vorstellungen platzen zu lassen und die Klabautergeister zu quälen. Ich wurde ein ziemliches Ekel, fast so eklig wie die Klabautergeister selbst. Tatsächlich wurde ich ihnen immer ähnlicher. Ich fing an, ihren gruseligen Singsang zu imitieren und ihre Lieder nachzusummen. Zuerst hatte ich noch darauf bestanden, allein und unter freiem Himmel zu übernachten, aber nach einiger Zeit schlief ich bei ihnen in ihren Baumhöhlen. Ich kuschelte mich zwischen die summenden Gespenster und träumte ihre gruseligen Träume. Bald roch ich wie sie nach fauligem Holz und leuchtete manchmal ein ganz kleines bißchen im Dunkeln, weil ihr Leuchtgas in meinem Fell hängenblieb. Ich machte sogar mehrere vergebliche Versuche, übers Wasser zu gehen, um sie bei ihren Beutezügen begleiten zu können. Einmal wäre ich dabei beinahe in einem Waldtümpel ertrunken.

Mir selbst fiel gar nicht auf, wie sehr ich mich darum bemühte, ein Klabautergeist zu werden. In jungen Jahren ist es ganz natürlich, so sein zu wollen wie die anderen. Das eigentlich Schlimme daran war, daß ich mich offensichtlich damit abgefunden hatte, mein restliches Leben auf der Klabauterinsel zu verbringen.

Das Spiegelbild des Grauens

Eines Abends, als ich wieder mal versuchte, übers Wasser zu gehen (ich war bei meinen Übungen zu sehr seichten Gewässern übergegangen), sah ich mich selber im Spiegelbild einer großen Pfütze. Ich ertappte mich dabei, wie ich die gummiartigen Bewegungen der Klabautergeister nachäffte und sogar in ihr scheußliches meckerndes Gelächter verfiel. Das bewegte Wasser der Pfütze gab dabei meine Gliedmaßen ähnlich wabernd wie die der Klabautergeister wieder. Ich erschrak.

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Was, schoß es mir plötzlich durch den Kopf, würden wohl die Zwergpiraten von mir denken, wenn sie mich so sehen könnten? Ich schämte mich sehr. Noch heute steigt mir die Schamröte ins Gesicht, wenn ich an diesen Anblick zurückdenke.

Das war der Augenblick, in dem ich beschloß, von der Klabauterinsel zu fliehen. Wenn schlechte Dinge zur Gewohnheit werden, muß man die Verhältnisse ändern.

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