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Jennifer Schreiner

ErosÄrger

Matching-Myth 1

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Jennifer Schreiner

wurde 1976 geboren und lebt mit Mann und Maus im Ruhrgebiet.

Seit 2002 ist sie Magister der Philologie (allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaften). Bislang sind über 50 fantastische, erotische und gruselige Kurzgeschichten von ihr in verschiedenen Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht und teilweise prämiert (u.a. 3 × beim Literaturwettbewerb der Bayreuther Festspielnachrichten) worden.

Unter verschiedenen Pseudonymen schreibt sie unter anderem die Genres »Erotik«, »Fantasy Romance« und »Thriller«.

Sie ist Mitglied des Verbandes deutscher Schriftsteller und bei den Deutschen-Liebesroman-Autoren (DeLiA).

Bücher (auch eBook):

Zwillingsblut

Honigblut

Venusblut

ErosÄrger

ausschließlich eBooks:

Engelherz (Die Lilith Chronik 1)

Menschenherz (Die Lilith Chronik 2)

Himmelherz (Die Lilith Chronik 3)

Die Lilith Chroniken:

Engelherz, Menschenherz & Himmelherz (ab November 2012)

Satanskuss (ab September 2012)

JENNIFER SCHREINER

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MATCHING-MYTH 1

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www.Elysion-Books.com

ELYSION-BOOKS TASCHENBUCH
BAND 4026
1. Auflage: September 2012

VOLLSTÄNDIGE TASCHENBUCHAUSGABE

ORIGINALAUSGABE
© 2012 BY ELYSION BOOKS, GELSENKIRCHEN
ALL RIGHTS RESERVED

UMSCHLAGGESTALTUNG: Ulrike Kleinert
www.dreamaddiction.de

LAYOUT &WERKSATZ: Hanspeter Ludwig
www.imaginary-world.de
KORREKTORAT UND LEKTORAT: Nina Behrmann und Sandra Schramm

PRINTED IN POLAND
ISBN 978-3-942602-05-1

Mehr himmlisch heißen Lesespaß finden Sie auf:
www.elysion-books.com

INHALT

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Mein Dank gilt:

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Epilog

MEIN DANK GILT:

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Den Lesern.

Nina die sich tapfer durch alle Logikfehler gequält hat und Sandra die für die Ausmerzung der Rechtschreibfehler gesorgt hat. Alle Fehler, die sich jetzt noch im Text befinden, sind ausschließlich meine. Wer noch welche findet, darf sie gerne behalten.

Meinen Freunden, Verwandten und sonstigen Helfern, die ohne (naja fast ohne) Murren bei Kaffeeunterversorgung, Schlafmangel oder Ich-kann-gar-nicht-schreiben-und-irgendwann-merken-es-die-Leser-Momenten zur Stelle waren.

Den Kollegen, die mit Rat und Tat (und teilweise mit Musen und Knüppeln) bei Fuß standen und mich zeitweise zum Schreiben genötigt haben. Ich werde mich gerne revanchieren. (Gerne auch mit einem Knüppel.)

Den Rezensenten, die sehr geduldig auf dieses Buch gewartet haben. (Nein T., Dich meine ich nicht, Du hast gedrängelt. Und Dich auch nicht K.. Und H. und L. müssen sich jetzt genauso wenig angesprochen fühlen wie N., M. oder B. und A. … und J. und S. sind auch auf keinen Fall gemeint … und … ach, verflixt ;->)

Meinen großartigen »Frühstückerinnen«, ohne deren Humor (und Sekt) einige der Figuren wohl nie das Licht der Welt erblickt hätten. (WerMaus sage ich nur …)

Und natürlich P., ohne den das Buch doppelt so schnell fertig geworden wäre. (Ha! Du hast diese Widmung gewollt … selbst schuld :-))

PROLOG

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Er war schon immer ein Rindvieh gewesen – das unattraktivste und unflätigste, das sie kannte. Dass er sich eines Tages tatsächlich einmal in eines verwandeln würde, war für Tatjana bereits seit ihrem dritten Lebensjahr absehbar gewesen.

Für den Rest der Welt offenbar nicht.

Sonst würde sie – angesehene Journalistin – nun nicht mitten im ansonsten menschenleeren Steakhaus Dubrovnik sitzen und gemeinsam mit ihrem Fernsehteam zusehen, wie der ohnehin zur Leibesfülle neigende Sandro de Rose einen Artgenossen in sich hineinschaufelte. Blutig, nicht Medium!

Sandros schlecht sitzender Anzug schrie förmlich nach seinem größeren Bruder und auch die billige Krawatte, die Jack Skelletington aus dem Film »The Nightmare before Christmas« zeigte, ließ nicht darauf schließen, dass es de Rose trotz seines Charakters geschafft hatte, eine wichtige Position in der übernatürlichen Welt einzunehmen.

Überhaupt war der makabere Treffpunkt Sandros Idee gewesen. Eine Auflehnung gegen die »political correctness« der vergangenen Wochen und ein Statement gegen die »Selbstzerfleischung der magisch-mythologischen Gemeinschaft«. Seine Worte, nicht ihre. Innerlich schüttelte sich Tatjana sowohl vor den brachialen Methoden, die ihr Gegenüber benutzte, um seine Botschaft zu transportieren, aber auch vor Sandro selbst. Ihm unter solchen Umständen wieder begegnen zu müssen … Als der Kameramann ihr endlich das »Go« signalisierte, sah Tatjana gespielt nachdenklich auf ihren Fragenkatalog, um der einleitenden Stimme aus dem »Off« Zeit für die Einleitung der Sendung zu geben. Dann begann sie wie üblich unverbindlich: »Wie darf ich dich als Leiter des deutschen Werkuh-Zusammenschlusses ansprechen?«

Sandro sah sie mit einem Blick an, den er vermutlich für verführerisch hielt. »Schatz, du weißt doch: DU darfst mich ansprechen und nennen, wie du willst!«

Kindskopf! Die Journalistin strich sich nervös eine Strähne ihres braunen Fransenhaarschnitts hinters Ohr und zwang sich zu einem Lächeln. Dass sich ihr erklärter Sandkastenfeind mit zu vielen Mägen und dem Problem des Wiederkäuens beschäftigen musste, erschien ihr mit einem Mal nur allzu gerecht.

Dann riss sie sich zusammen und formulierte die Frage – auf die sie ohnehin die Antwort kannte – um: »Wie ist der offizielle Titel, den du als Chef des deutschen Werkuh-Zusammenschlusses trägst?«

»WerRIND!«, korrigierte Sandro. Zu ihrer Überraschung ohne Tadel. Offensichtlich kannte er die Sendung »Übernatürliches für Jedermann« und Tatjanas Art Unwissenheit vorzutäuschen, damit sich sowohl die unwissenden übersinnlichen als auch die ebenso unwissenden und teils vorurteilsbehafteten menschlichen Zuschauer mit ihr identifizieren konnten.

»Der Zusammenschluss umfasst nicht nur die Rinder, sondern alle Paarhufer. Deswegen heißt er auch WerArtiodactyla – für den Laien auch WerPaarhufer. Mein Titel ist Bovidaeus!« Für Sekunden war die Journalistin erleichtert. Vielleicht wird das Interview doch nicht so schlimm. Dann sah Sandro sie mit seinen immer noch sehr beeindruckenden braunen und immer noch sehr menschlichen Augen an, steckte sich den letzten Bissen seines Steaks in den Mund und fügte kauend hinzu: »Oder auch Super-Stier!«

Der Journalistin gelang es, Sandros Anzüglichkeit mit einem Lächeln zu kaschieren, während er seinen Teller zur Seite schob und sie abwertend musterte. Wenn er glaubte, mit seinen degradierenden Sprüchen dort weitermachen zu können, wo sie vor ihrem Abitur aufgehört hatten, hatte er sich getäuscht!

Von ihrer Professionalität in Schach gehalten, malte sich Tatjanas Schadenfreude trotzdem Szenarien aus, wie Sandro zum WerRind geworden war.

»Und?«, erkundigte sie sich. »Was hat dich zum Bovidaeus, zum Super-Stier gemacht? Genetik, ein Unfall, Vorsatz…«

»Endlich stellst du die richtige Frage! Ich könnte es dir zeigen!« Sandro lachte anzüglich. Ein Geräusch, das Tatjana nur zu oft während der gemeinsamen Schulzeit malträtiert hatte.

»Unter vier Augen!«, fügte ihr erklärter Feind offensiv hinzu.

Abrupt drehte sich die Journalistin zu ihrem Team um. »Entschuldigt ihr uns einen Moment?!« Tatjanas Stimme enthielt keine Bitte, und sie wartete nicht, bis ihr Kameramann und der Tontechniker ihrem Befehl folgten, bevor sie lospolterte.

»Ich weiß, dass du mich nicht leiden kannst – genauso wenig, wie ich dich leiden kann! Aber du hast verdammt noch mal gewusst, dass ich dieses Interview führen würde. Und du hast es akzeptiert! Schaffst du es vielleicht, dich fünf Minuten lang wie ein Erwachsener zu benehmen, statt wie das Rindvieh, das du bist?!«

»Hat sie gerade die WerRinder beleidigt?«, erkundigte sich eine weibliche Stimme hinter Tatjana und Sandros Lächeln wuchs hinter seinem schwarzen, struppigen Vollbart in die Breite. Hätte die Journalistin nicht gewusst, dass er sich über ihre Situation amüsierte, hätte sie ihre Meinung ob seines Aussehens in dieser Sekunde revidiert. Mit gutem Willen – und einem ebenso guten Rasierapparat könnte man Bart und Haare

»Hat sie!«, stimmte eine zweite Stimme zu. Ebenfalls weiblich.

»Nein!«, wehrte Tatjana ab und überspielte ihre Überraschung über die zwei Neuankömmlinge durch einen autoritären und sehr selbstsicheren Tonfall. »Habe ich nicht! Ich meinte ihn! Ausschließlich ihn!«

Als Sandro weiterhin feixte und keine Anstalten machte, Tatjana vorzustellen oder die beiden Frauen zu beschwichtigen, stand die Journalistin auf. Sie drehte sie sich um und gönnte sich einen Blick auf die beiden hübschen Brünetten, die Sandro mit verliebten Kuhaugen anhimmelten – und mit einem Mal war es Tatjana egal, ob sie ihre Sendung bekam. Sie wollte nur noch weg. Fünf Schritte später war sie an der Ausgangstür.

»Tatjana?!« Wider besseren Wissens drehte sie sich zu Sandro um, der ob ihres plötzlichen Aufbruchs aufgestanden war. Die beiden WerKühe flankierten seine Seiten, und ihr höhnisches Lächeln war es, das die Journalistin trotz Sandros aufgewühltem Gesichtsausdruck und beschwichtigendem Tonfall nach der Klinke greifen ließ.

Die Welt kippte in einem Realitätsflip. Konturen verblassten und intensivierten sich gleich darauf wieder. Mehr als je zuvor.

Als Sandro abermals ihren Namen rief, sah Tatjana ihn mit ihrer neuen Wahrnehmung an. Ihr Herz setze einen Schlag aus. Dann klopfte es nur noch im Takt eines einzigen Wortes: Ja! Ja, ja, ja!

Verträumt ließ die Journalistin die Klinke los, stolzierte zurück, wobei sie die wütenden Kühe ignorierte, und küsste den verdutzten Sandro. Intensiv.

Nicht einmal kam ihr das Interview in den Sinn oder ihre jahrelange Wut. Nur noch die Liebe.

KAPITEL 1

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Der Kuss war lang und intensiv. Die Lippen verschmolzen miteinander, trennten sich, fanden wieder zueinander und auch die Personen schienen mehr als einmal zu einem einzigen Lebewesen zu werden. Obwohl ich eine gefühlte Ewigkeit zusah, konnte ich mich von dem Anblick einfach nicht losreißen. Wie mesmerisiert stand ich in der Tür und starrte auf das seltsame Pärchen, das sich einfach nicht voneinander löste.

Statt dem üblichen Hochgefühl wenn sich zwei Liebende fanden, fühlte ich eine schmerzhafte Leere in meinem Inneren, die über die allgemeine Verzweiflung hinausging, die ich normalerweise unterschwellig empfand. Seit Tagen hatte ich gewusst, dass dieser Moment kommen würde, hatte gebetet, dass es schnell ginge, unspektakulär. Trotz besseren Wissens fühlte ich mich jetzt betrogen. Natürlich war absehbar gewesen, dass es so enden würde, aber musste es deswegen wirklich so enden?

Eine einsame Träne rollte meine Wange hinab und ich wischte sie wütend fort. Lukas, der sich endlich von seiner Frau gelöst hatte, sah sie trotzdem. »Hör auf zu heulen und freu dich, Lil.«

Er hielt mir die Hand entgegen, eine stumme Aufforderung, näher zu treten, der ich augenblicklich nachkam. Zwei Schritte später bereute ich meinen Wagemut. Mina sah noch schlimmer aus, als ich aus den Erzählungen und den Bildern hatte schließen können. Mehr ein lebendiges Skelett, als die schöne, energische Frau, die ich vor Jahren kennengelernt hatte. Aus hohlen Augen blickte mir jetzt eine zerbrechliche Frau entgegen, viel zu fragil, um den Körper, in dem sie wohnte, überhaupt noch aufrecht halten zu können. Aber sie hielt ihn aufrecht, auch wenn sie dazu Lukas´ Hilfe benötigte.

Ich schenkte ihr ein Lächeln und versuchte, mir den Schock nicht anmerken zu lassen. Deswegen war ich doch hergekommen, hergebeten worden. Das Wissen half kein bisschen.

»Hallo, Lil.« Die Stimme der Frau klang ebenso verbraucht, wie ihr Leben, dessen kläglicher Rest Sekunde für Sekunde aus ihrem Körper hinausflossen. Mina reichte mir die Hand. Ich nahm sie behutsam in meine. Sie war eisigkalt, die Haut runzlig unter meinen Fingern, dünn wie Pergament von der Chemo-Therapie. Einen Moment lang fühlte Ich mich verloren und kämpfte gegen die Worte an, die meinen Mund verlassen wollten. Sätze der Entschuldigung, der Reue, des Bedauerns. Aber was hätten Worte jetzt noch genutzt?

»Wir wollten dir danken.«

»Danken?« Es gelang mir, die Tränen zurückzuhalten, als Lukas hustete und dabei beinahe so angegriffen klang wie seine Frau.

»Natürlich.« Die Kranke strich über meine Hand und rief eine Gänsehaut hervor, die sich über meinen ganzen Körper zog. »Ohne dich hätten wir schließlich nie zueinander gefunden.«

»Ja, genau.« Ich setzte mich auf den Rand des Krankenhausbettes.

»Es ist nicht deine Schuld!« Lukas nahm meine andere Hand und drückte sie energisch. »Du darfst keinen Moment lang denken, es sei deine Schuld.«

»Oh nein, Kleines.« Mina schlug mir auf die Finger und der Schmerz war so unerwartet, dass er mich aus meinem Mitleid riss. »Es war meine Entscheidung. Ganz allein meine.«

»Aber wenn ich nicht …«

»Wenn du uns nicht vermittelt hättest, würde ich leben. Gesund und munter und wahrscheinlich für den Rest der Ewigkeit allein und unglücklich.« Die Stimme der Kranken, eben noch leise und verbraucht, war nun scharf und sich ihrer Aussage sehr sicher.

»Aber du würdest leben …«, versuchte ich trotzdem.

»Nein …« Mina schüttelte den Kopf und einen Augenblick lang glaubte ich einen Hauch des alten Glanzes der Walküre zu erkennen, dann verflog der Eindruck. Der Gegensatz ließ das Sterben noch schmerzhafter in mein Bewusstsein treten. »… ich würde bloß nicht sterben. Gelebt habe ich vorher nie.« Als sei ich schwer von Begriff, fügte Mina hinzu: »Das IST ein Unterschied und war meine eigene Entscheidung!«

Ich nickte, obwohl ich immer noch nicht vollständig überzeugt war. Manchmal waren Logik und Gefühle einfach nicht miteinander vereinbar. Schließlich wusste ich, dass es so richtig war, wunderschön und so theatralisch, dass es einer bittersüßen Operette gleichkam. Wenn die beiden glücklich waren, wer war ich dann, es nicht auch zu sein?

»Ich werde dich vermissen.« Ich beugte sich vor und hauchte Mina einen Kuss auf die Stirn. Mit ihr würde ein Teil meiner Selbst sterben. Der Teil, der zum Zeitpunkt der Liebesvermittlung glücklich gewesen war, ein Kind. Mina schloss die Augen, zu geschwächt, um wach bleiben und der Unterhaltung weiter folgen zu können.

»Euch«, korrigierte Lukas. Ich sah ihn verwirrt an. Dann folgte ich seinem Blick zu Taschentuch, das er sich beim Husten vor den Mund gehalten hatte. Es war mit Blut besprenkelt.

»Meine Lunge …«, erklärte er und zuckte mit den Achseln, als spiele es ohnehin keine große Rolle mehr, dass die alte Verletzung aus dem ersten und letzten magischen Krieg, ihn nun – fünfundzwanzig Jahre später – doch noch niederstrecken würde. »Irgendwann ist der menschliche Körper eben zu alt, um noch auf die magischen Mixturen anzuspringen.«

Tatsächlich klang Lukas zufrieden und gut gelaunt. Mit einem Lächeln, welches Mina und mich mit einschloss, griff er nach der kleinen Ampulle, die auf Minas Nachttisch stand und leerte sie mit einem Schluck. Doch mein Blick war an der Spritze hängengeblieben, die ebenfalls dort lag. Langsame Erkenntnis kroch durch meine Adern und ließ mich zittern, noch bevor ich wirklich begriff.

»Du muss es tun, Li…« Lukas verstummte, als eine Krankenschwester ohne anzuklopfen die Tür öffnete und das Zimmer betrat. Schuldbewusst verbesserte er: »… liebe Katlyn.«

Er wartete, bis die Schwester die Monitore geprüft, die intravenöse Sauerstofftherapie ausgeschaltet und mit den besten Wünschen das Sterbezimmer wieder verlassen hatte. »Bitte Lil.«

»Das kann ich nicht.« Ich schüttelte den Kopf und deutete das näherkommende Geräusch einiger Einsatzfahrzeuge mit Martinshorn als Zeichen.

»Bitte!«

»Das ist Mord.«

»Nein, es ist eine Gnade«, behauptete Lukas mit einer Gewissheit, die ich unheimlich fand. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich froh über den Krach, den Einsatzfahrzeuge veranstalteten, denn er gab mir die Chance mich ablenken zu lassen. Lukas und Mina meine Hände entziehend, stand ich auf und trat zum Fenster. Drei Etagen tiefer, hatten sich einige Polizei- und Krankenwagen zu einem Einsatztrupp formiert. Ich konnte nicht sehen, was vor sich ging, aber in Anbetracht der wimmelnden Uniformierten musste es etwas Großes sein. Ich schloss die Augen.

»Das Leben kann so schnell vorbei sein, Lil.« Lukas Stimme klang wissend und ließ einen kalten Schauer über meinen Rücken laufen. Mit einer bösen Vorahnung im Herzen öffnete ich meine Augen und starrte wieder aus dem Fenster, in die Ferne und dem letzten Einsatzfahrzeug entgegen, dessen lautes Martinshorn näherkam. Es leuchtete im unheimlichen Rot der Vollstrecker und ließ meine Ahnung zur Gewissheit werden. Obwohl sie nicht wegen mir im Einsatz waren, zitterten meine Beine, als ich mich wieder meinen Freunden zuwandte.

»Ich will nicht ohne Mina weiterleben«, erklärte Lukas und deutete auf die Blutspritzer. »Außerdem bin ich sowieso so gut wie tot.«

Ich nickte. Nicht, weil ich einverstanden war, einen Mord durchzuführen, sondern weil ich die Aussage für wahr hielt. Nichtsdestotrotz nahm ich den Brief, den Lukas mir entgegen hielt und las ihn. Er war vom Rat ausgefüllt und unterschrieben. Ein Ablass für mich und Lukas, die Genehmigung zum Freitod.

Mein Blick glitt zwischen den Liebenden und dem Geschriebenen hin und her. Unbewusst zerknüllte ich dabei das Papier in meiner Hand in demselben Maß, wie der Kloß in meinem Hals wuchs. Dabei konnte ich es den beiden nicht einmal verübeln, dass sie mich um diesen Gefallen baten. Wieder tief und bewusst atmend, dachte ich an das glückliche Paar und daran, dass die zwei eine schöne Zeit miteinander gehabt hatten. Fünfzehn Jahre lang. Dreiviertel der Länge meines eigenen Lebens. Sie waren Freunde, die ersten Lebewesen, die ich miteinander vermittelt hatte. Für die Ewigkeit oder bis das der Tod sie scheidet.

Mit nur einem Problem: Sie wollten nicht geschieden werden.

Ich betrachtete die klare Flüssigkeit in der Spritze. Trotz aller rationalen Erklärungen und allem logischen Abwägungen überwogen Trauer und Verneinung.

»Glaubst du an ein Leben nach dem Tod?« Lukas klang hoffnungsvoll, doch ich erstarrte innerlich. Obwohl ich mit ganzer Kraft versuchte, die Erinnerungen zurückzuhalten, musste ich an meine Mutter denken. An die verzweifelten Schreie, das Feuer, die vernichtete, vernichtende Liebe. Bevor ich es verhindern konnte, hatte ich ausgesprochen, was ich dachte: »Ich glaube nicht einmal an ein Leben vor dem Tod.«

Lukas reichte mir wieder seine Hand. »Irgendwann wirst auch du die Liebe deines Lebens finden.«

»Lieber nicht.« Ich schenkte ihm ein trauriges Lächeln. »Es wäre mein Todesurteil – oder seines.«

Lukas nickte betrübt und strich zärtlich über meine Finger. »Manchmal ist es das wert.«

Ich schnaubte nur leise, und nahm die Spritze vom Nachttisch, um das Thema zu wechseln. »Wie lange?«

»Etwa fünf Minuten.« Lukas hob seinen Arm, wo schon ein periphervenöser Katheter befestigt war. Ich bemerkte ihn erst jetzt, verzichtete aber auf die Frage, ob Lukas sich die Spritze nicht doch selbst gegeben konnte. Manchmal musste man für seine Freunde da sein und das Richtige tun, auch wenn es sich verdammt falsch anfühlte. Konzentriert brachte ich meine zittrigen Händen unter Kontrolle, verabreichte ihm das Medikament und gab mir dabei große Mühe die Situation nicht noch schlimmer zu machen, indem ich ihn meine Gewissensbisse – hätte ich damals nicht einen Menschen und ein unsterbliches Wesen miteinander verkuppelt, wäre es nie soweit gekommen – anmerken ließ.

Ich ignorierte das Rufen und die gebrüllten Befehle der Einsatzkräfte, die inzwischen vor und im Krankenhaus zugange waren und setzte mich so auf die Bettkante, dass ich Mina und Lukas betrachten konnte, ohne beim Abschied zu stören. Aber es gab nicht mehr viel zu stören, ich konnte nur hilflos zuschauen, wie Mina starb, ohne noch einmal das Bewusstsein wiederzuerlangen. Der Tod ging von ihrem Herzen aus. Die linke Hand, auf die ich meine gelegt hatte, wurde noch kälter, die Adern traten deutlich hervor, rot und bläulich, ich konnte spüren, wie sich das Erlahmen allen Lebens durch den restlichen Körper der ehemals Unsterblichen zog, langsam, bis zu ihrem rechten Arm. Es zog sich von der Schulter nach unten, in die Fingerspitzen, stahl sich unter Lukas Hand. In einem Moment war die Seele noch da, dann war sie weg.

»Hast du es auch gespürt?« Lukas strahlte mich trotz der Schmerzen, die seinen Körper beugten, an, und klang triumphierend: »Walküren haben doch eine Seele!«

Er schaute andächtig zur Decke, als könne er immer noch einen Hauch des entfleuchten göttlichen Glanzes erkennen. Mein Nicken sah er schon nicht mehr, da er plötzlich und tot in sich zusammensackte. Der neuerliche kalte Windhauch, der mich streifte, riss mich aus meiner Andacht, konnte von seiner Seele stammen – oder vom Durchzug, da die Zimmertür plötzlich aufgerissen wurde.

Eine junge Frau mit wirrem, strähnigem Haar, kaum älter als ein Mädchen, starrte in den Raum. Ihr verdreckte Kleidung, ein grüner Bademantel und passende Hausschuhe aus Plüsch, ließen darauf schließen, dass sie schon seit einigen Stunden auf der Flucht war. Für gewöhnlich kam man nicht weit, wenn die Vollstrecker hinter einem her waren – aber man versuchte alles, um am Leben zu bleiben.

Ihr Blick glitt ziellos über den Inhalt des Raumes, von der Toten im Bett, über den Leichnam Lukas‘ bis zu mir. Die Erkenntnis, hier auch keine Rettung zu finden, ließ ihren Gesichtsausdruck wie den eines gehetzten Tieres wirken.

Shit! Bevor die Fremde reagieren konnte, hatte ich sie an die Hand genommen und in den Raum gerissen. Gerade rechtzeitig, denn die ersten schweren Schritte der rotgekleideten Streitkräfte polterten den nahen Aufgang nach oben und an den Sterbezimmern vorbei. Mit fliegenden Händen verriegelte ich die Tür von innen und sah nach einem Fluchtweg um. Der einzige führte durch das Fenster drei Stockwerke tief nach unten. Den Sturz würde das Sukkubus-Mädchen problemlos überleben, die dort stationierten Einsatzleiter nicht.

»Der Wagen!«

»Was?« Das Mädchen starrte mich immer noch an, scheinbar ohne sich bewegen zu können. Stocksteif.

Ich schob sie in die Ecke, hinter das Bett und drückte das Mädchen nach unten. Mit raschen Handgriffen hob ich die lange, weiße Tischdecke hoch, entfernte die einzelnen Ebenen des Wagens und schob die dünnen Bretter unter den leblosen Körper Minas, bevor ich der Verfolgten deutete, in das kleine Versteck zu kriechen. Immer noch reagierte das Mädchen nicht und schien am Rande der Hysterie zu balancieren. Ich traf eine Entscheidung. Meine leichte Ohrfeige riss die Fremde aus der Starre. Sekunden später war sie in den Wagen geklettert und hatte die Decke zurückgezogen.

Mit einem flauen Gefühl im Magen und nur einer winzigen Spur Erleichterung, sah ich nach draußen. Inzwischen waren noch mehr der rotblinkenden Einsatzfahrzeuge eingetroffen und schienen das Krankenhaus umstellt zu haben. Shit! Ich trat einen Schritt zurück und ballte die Hände zu Fäusten. Was habe ich mir dabei nur gedacht? Es war vollkommen unmöglich, das Mädchen aus dem Gebäude hinaus und in Sicherheit zu bringen.

Ich zuckte zusammen, als die Tür ohne Vorwarnung aufgetreten wurde, schwerbewaffnete Männer mit Schutzwesten und Helmen einen Schritt weit in den Raum traten und in alle Richtungen zielten, um die Umgebung zu sichern. Wie gebannt starrte ich die uniformierte, rote Eliteeinheit an – sie starrten zurück, als sie erkannten, dass sie einer einzelnen Frau und zwei Toten gegenüberstanden.

Trotz meines Schrecks gelang es mir etwas von wegen pietätslos zu murmeln, bevor ich mich auf dem zweiten Besucherstuhl niederließ. Weniger, um cool zu wirken. Aber meine Beine gaben nach.

»Haben Sie diese Frau gesehen?« Einer der Männer hielt ein Bild hoch, während die anderen bereits zurücktraten und das Zimmer verließen.

Benommen schüttelte ich den Kopf und verfluchte mich selbst. Ich hatte mich eingemischt!

»Das Kopfgeld beträgt 10.000 Euro.«

Ich pfiff leise und bestätigte die unterschwellige transportierte Botschaft des Mannes. Das war wirklich eine Menge Geld. Allerdings war mir auch klar, was Kopfgeld in diesem Fall bedeutete. Manchmal bedeutete das Wort nämlich genau das, was es bedeutete. Nicht mehr und nicht weniger. Wieder schüttelte ich meinen Kopf.

Der Mann zog sich ebenfalls zurück und schloss die Tür hinter sich. Eine nette Geste, obwohl die Zarge verrutscht war und man durch die Lücke zwischen Holz und Wand auf den Flur hinaussehen konnte.

Mit zittrigen Händen griff ich nach meinem Handy. Beim dritten Versuch gelang es mir endlich, die richtige Kurzwahl-Kombination zu drücken, um die einzige Person anzurufen, die helfen konnte. Meine beste Freundin. Nach dem vierten Läuten ging leider Darias genaues Gegenteil an den Apparat: »Der mythisch-mythologische Rat, sie sprechen mit DeVil.«

»Ich brauche Hilfe.« Ich war so von mir selbst überrascht, dass ich nicht einmal über das Schicksal fluchen konnte, und beachtete weder DeVils sinnlich-manipulative Tonlage noch seine Fähigkeit des raschen geistigen Umschaltens.

»Wo bist du?«

»Im Krankenhaus.«

»Aber nicht in dem Krankenhaus, das gerade in allen Nachrichten auftaucht und von Einsatzkräften umstellt ist?!«

Obwohl der Ratsherr keine echte Frage gestellt hatte, antwortete ich mit einem »Doch«, und fügte ein »Du musst uns hier rausholen«, hinzu.

»Uns?« DeVil schwieg kurz, dann wetterte er: »Bist du jetzt vollkommen verrückt geworden?«

»Bitte!« Unmöglich konnte ich das Mädchen allein zurücklassen – ihrem Schicksal und dem Todesurteil ausgeliefert. Ich warf einen Blick zu dem Wagen, wo sich die Flüchtige gerade aus ihrem Versteck schob. Angst zeichnete sich auf dem jungen Gesicht ab. Ich biss die Zähne aufeinander. Genausogut könnte ich an ihrer Stelle sein. Allein, verloren.

»Du kennst die Regeln. Auch der Rat kann sich nicht einmischen«, erklärte DeVil rational, »wir müssen die Gesetze der einzelnen Gattungen befolgen und unterstützen …«

Ich lauschte den Atemzügen meines Gesprächspartners. Dabei konnte ich förmlich hören, wie er geistig all seine Argumente und meine entsprechenden Entgegnungen durchging. Schließlich gab er nach, ohne auch nur ein einziges von seinen Argumenten angeführt zu haben. Anscheinend wusste er genausogut wie ich, dass ich die Kleine nicht zurücklassen würde. Auf keinen Fall und unter keinen Umständen. »Wo?«

»Zimmer 313.«

Das Tuten der freien Leitung klärte mich darüber auf, dass DeVil das Gespräch ohne Abschiedsgruß beendet hatte und mit viel Glück bereits auf dem Weg war.

»Kann dein Freund mich hier rausholen?« Die Flüchtige stand auf, immer noch in der Deckung des Wagens, bereit, sich jederzeit wieder in ihm zu verstecken. Ich deutete ihr, sich wieder zu verstecken, aber sie reagierte nicht. Die Hoffnung, die auf ihrem Gesicht leuchtete, ließ mich innerlich zittern. Schließlich kannte ich die Regeln und Gesetze genauso wie DeVil, und genügend Präzedenzfälle zeugten davon, dass Hoffnung absolut nicht angebracht war. Andererseits erhöhte DeVils unerwartete Hilfe die Chance eines Entkommens erheblich.

Ich trat wieder einen Schritt zum Fenster und starrte in durch die regennassen Scheiben auf die wimmelnden Einsatzkräfte. Erst nach einer Minute fiel mir auf, dass ich nervös mit meinem Ohrring spielte. Ich nahm die Hand wieder nach unten.

»Ich kenne dich!« Ein anklagender Unterton hatte sich in den Ausruf der Flüchtigen geschlichen. Einen Moment lang hing die Aussage in meinem Gehirn fest, dann bahnte sie sich einen Weg in mein Bewusstsein – mit allen Konsequenzen. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Einen zweiten, als mir auffiel, dass sie wie gebannt meinen Ohrring anstarrte. Mit zittrigen Händen berührte ich das handgefertigte, silberne Schmuckstück. Meine Mutter hatte nie die Chance gehabt, es mir zum achtzehnten Geburtstag zu schenken. Vorher war das Todesurteil gefallen. Es kam mir so unendlich lange her vor, dass es beinahe unwirklich war. Mein Leben vorher.

Ich betrachtete mein Gegenüber genauer. Langsam wurde ihre Gestalt ein wenig kleiner, die Figur veränderte sich und auch die Gesichtszüge zerflossen, um sich Sekunden später neu zu formen. Die Verwandlung und das darin implizierte Vertrauen rührten mich mehr, als Angst und Panik es vermocht hatten. Als auch die Haare des Mädchens wieder ihre eigenen waren, erkannte ich die Tochter des Schmuckdesigners. Verdammt! Das Mädchen war wirklich sehr jung, ein Teenager, noch ein bisschen jünger als ich. Trotz der gestiegenen Bedrohung für mein eigenes Leben, verdrängte Mitleid meine Angst. Wie konnte jemand ein Todesurteil gegen so ein junges Wesen aussprechen? Welch hartherziger Vater seine unschuldige Tochter für vogelfrei erklären?

»Du kennst mich nicht.« Ich verdrängte den Gedanken an meinen eigenen Vater, ließ meine Stimme sehr sicher klingen und sogar ein Lächeln gelang mir.

»Du bist auch eine Sukkuba!«

»Nein!« Ich lachte und sogar in ihren eigenen Ohren klang es ein wenig zu schrill. »Mein Name ist Katlyn, ich bin eine gewöhnliche Nymphe.«

»Deine Mutter hat die Matching-Myth geleitet – bis sie mit einem Menschen rumgemacht und das Todesurteil deines Vaters auf sich geladen …«, fuhr die junge Frau unbeirrt fort und betrachtete mich, während ich innerlich starb. Weniger wegen meiner Mutter und der Erinnerung, dass ihr Verhalten und das anschließende Urteil mich selbst ebenfalls in die kopfgefährdende Kopfgeld-Position gebracht hatte, als vielmehr weil die Flüchtige wirklich wusste, wer ich war.

Ich hatte mich selbst herumgewirbelt und vor die Sukkuba gestellt – so, dass ihr Arm um mich geschlungen und die Hand mit dem Skalpell an meinem Hals lag – bevor sie das Geräusch zugeordnet hatte. Vollkommen starr blieb die überrumpelte, plötzliche Geiselnehmerin stehen. Ich, als lebendes Schutzschild, ebenfalls. Rote Laserpunkte – Zielpunkte von Waffen – glitten über meinen Körper.

Obwohl ich innerlich vor Angst wie gelähmt war, war ich nicht in Gefahr. Zumindest nicht akut. Keine der Waffen war für mich tödlich. Genauso wenig wie das Skalpell, dass die junge Frau an meinen Hals hielt. Nun ein wenig fester, ein wenig sicherer. Offenbar hatte sie begriffen, was ich ihr ermöglicht hatte: Freies Geleit aus dieser Sackgasse, Schutz durch meinen Körper.

In die Männer kam Bewegung. Wie von einer unsichtbaren Kraft getrieben wichen sie zur Seite und machten Platz für das Sondereinsatzteam der Vollstrecker. Ich schloss einen Augenblick lang die Augen, um mir meine Gefühle nicht anmerken zu lassen. Diese Männer konnten mich sehr wohl töten – und würden es mit Freuden tun, wenn sie wüssten, wer ich war.

Die Geräusche der schweren Stiefel verteilte sich und mit aller Selbstbeherrschung, die mir zur Verfügung stand, zwang ich mich dazu, die Augen wieder zu öffnen. Die Vollstrecker hatten Position bezogen und sich vor den anderen Männern in Stellung gebracht. Das Blutrot ihrer Kleidung und der Schnitt ihrer Anzüge erinnerte mich mehr an Uniformen als an Berufskleidung und rief auf einer tiefen Ebene meiner Instinkte pure Panik hervor. Zum Glück sorgte diese Panik für totale Lähmung. Selbst mein übergroßes Verlangen nach Flucht konnte daran nichts ändern.

Mein Blick wanderte zu dem Mann in der Mitte – und blieb wie gebannt an ihm hängen. Er war der einzige, der noch nicht kniete und eine gute, sichere Schussposition eingenommen hatte. Trotz seiner scheinbar lässigen Haltung ging von ihm die größte Bedrohung aus, da er den Befehl über Leben oder Tod innehatte.

Langsam, wie um die vermeintliche Geiselnehmerin nicht zu provozieren, griff er nach oben und öffnete die Klappe seines Visiers. Cassius! Mir stockte der Atem beim Anblick des wohlbekannten Gesichtes und die Panik in meinem Inneren verlagerte sich. Unfähig, meine Gefühle weiter unter Kontrolle zu halten, begann ich zu zittern.

»Lassen Sie Ihre Geisel gehen und wir vollstrecken das Urteil schmerzlos und auf der Stelle«, bot mein Bruder dem Mädchen an. Seine Worte klangen wie Hohn in meinen Ohren.

»Nein, ich biete euch etwas.« Die Hysterie in der Stimme der Gestellten war unüberhörbar. »Ich biete euch Informationen über eine andere gesuchte Sukkuba an und ihr gewährt mir Straffreiheit.«

Selbst mein Zittern erstarrte; vollkommen überrascht von so viel Niederträchtigkeit. Niemals, niemals wäre ich auch nur auf die Idee gekommen … Ich meine … ich riskierte mein Leben für das Miststück und sie … Meine Panik und Gedanken gefroren in der Kälte, die sich in mir breit machte und alles andere auslöschte.

»Es gibt keine Straffreiheit. Das Urteil ist gefallen.« Cassius Stimme war selbstsicher wie immer. Schließlich machte das System keine Fehler. Auch nicht bei den eigenen Eltern, der eigenen Schwester. Es existierte schon seit Jahrtausenden. Ob der einzelne Inkubus oder Sukkubus daran glaubte oder nicht, spielte keine Rolle. Früher oder später erwischte es einen. Meistens früher.

Trotzdem regte sich ein winziger Hauch Trotz in mir und hätte am liebsten laut protestiert. Zum Glück war die andere Flüchtige schneller. »Ich habe nichts getan und will nicht für die Verfehlungen meiner Mutter hingerichtet werden!«

Da sind wir schon zwei, dachte ich und versuchte meinen Körper zu bewegen. Wenn ich ihn bewegen konnte, könnte ich mich vielleicht aus meiner misslichen Situation befreien. Meiner Geiselnehmerin entkommen, meinem Leben und meinem Aussehen ändern – und so weit laufen, wie ich nur konnte.

Aber nein! Jede Geste, jede Gegenwehr würde mich von der Geisel zur Verdächtigen machen. Dank ihres Angebots. Geschicktes Miststück!

Ich stoppte jeden Versuch, mich aus ihrem Griff zu winden und atmete tief und bewusst ein. Nur Ruhe konnte mir helfen, mich retten. Niemand war so verdorben, seine Retterin ans Messer zu liefern. Das war die Hoffnung, an die ich mich klammern musste. Und die mich einen Atemzug später in den Arsch trat.

»Ich biete euch Lil Cara im Austausch für mein Leben.«

Ein ungläubiges Raunen ging durch die Menge der hinteren Einsatzkräfte und das Zögern der Vollstrecker war sogar durch ihre Helme hindurch spürbar. Anders der Gesichtsausdruck ihres Einsatzleiters. Über das Gesicht meines Bruders Cassius zog für den Bruchteil einer Sekunde purer, unverfälschter Hass. Lang genug, um mich erneut zu schockieren und das Mädchen Hoffnung schöpfen zu lassen. Ihre Anspannung war nicht nur spürbar, sondern auch fühlbar. Die Klinge des Skalpells verletzte meine Haut und der körperliche Schmerz verband sich mit dem in meiner Seele.

Der nächste Schmerz war ungleich stärker, fraß sich durch meinen in Form einer Kugel in meinen Körper und löschte den psychischen einen Moment lang vollständig aus. Erst als sich die Magie in meinen Adern verteilte, von Körperzelle zu Zelle gleißte, hörte ich den Schuss. Er schrillte noch in meinen Ohren, während ich wie gelähmt zu Boden fiel, der Nymphenmagie ausgeliefert. Ein zweiter Schuss gellte durch den Raum, Sekunden bevor ich von dem tödlich getroffenen Mädchen fortgerissen wurde.

Obwohl Magie durch meinen Körper pulsierte, und die Panik drohte meine Seele zerspringen zu lassen, drehte ich mich zu der anderen um. Ihr Mund war zu einem lautlosen Schrei aufgerissen, ihr Körper zerfressen von einem inneren Feuer. Es glühte durch ihre Adern, loderte in ihren Augen. Flammen leckten über ihre Haut. Die Hitze traf mich und ließ mich aufschreien.

Eine Sekunde lang lebte das Mädchen noch, ich sah den Schmerz der Ewigkeit in ihren Augen, fühlte die unendliche Angst, dann war es vorbei. Nur Staub blieb von ihr zurück. Der einzige Beweis ihrer Existenz.

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Das Nächste, was ich bemerkte, waren die Schmerzen. Es tat weh. Wirklich weh.

Verwirrt starrte ich an mir hinab und versuchte zu ergründen, weshalb ich die Schmerzen eines Körpers spürte, der mir vollkommen fremd war, und warum er in einem Krankenhausbett lag. Erst dann begriff ich. Ich war nicht erschossen, sondern angeschossen worden.

Wie ein Springteufel aus den Tiefen meiner Gedanken trat DeVil in mein Sichtfeld. Die Sorge in seinen braunen Augen konnte beinahe als echt durchgehen. »Alles klar?«

»Du hast auf mich geschossen.«

Ich hatte nur geraten. Aber sein Gesichtsausdruck bestätigte trotz seiner Worte meine Vermutung. »Ich habe dich gerettet.«

»Du hast auf mich geschossen!«

Er zuckte nonchalant mit den Schultern. »Das wollte ich doch sowieso schon lange mal tun …« Er setzte sich auf die Kante des Krankenhausbettes. »Und jetzt war einfach die perfekte Gelegenheit dazu.«

»Arschloch!«

»Ich liebe dich auch. Bist du in Ordnung?«

»Nein.« Es würde lange dauern, bis ich das Gesicht des Mädchens wieder aus meinen Gedanken bekommen würde. Vielleicht würde ich es auch nie schaffen. Sie war tot und ich lebte. Trotzdem konnte ich nicht wirklich undankbar sein. Ein Fakt, der beinahe so sehr schmerzte, wie der Tod an sich. »Ich hätte sie retten können …«

«Nein, hättest du nicht.« Zum Glück war DeVil der Vernünftige von uns beiden und beschränkte sich auf ein kurzes Blickduell. Er gewann. »Das war verdammt dämlich von dir.«

»Man tut, was man kann!« Ich zuckte mit den Schultern und konzentrierte mich auf meine Umgebung. Mein Körper – ich – lag tatsächlich auf einem Krankenhausbett. Eine Nadel steckte in meinem rechten Arm und eine Infusion träufelte irgendetwas durch den obligatorischen Schlauch in mich hinein. Der Stoff meiner Hose war an einem Bein entfernt worden und mein entblößtes Bein lag nackt auf dem weißen Bettbezug, von dem sich Blutsprenkel farbenfroh abhoben. Die Wunde, ein Streifschuss, hatte bereits aufgehört zu bluten.

»Ätzend!«, fluchte ich und ließ mich zurücksinken.

»Kann man so ausdrücken.« Unbemerkt war mein Bruder an das Bett getreten und betrachtete das Bein. Trotz meiner neu aufkeimenden Panik gelang es meinem Verstand, meinen Körper zu bewegen und die Haare so zu schütteln, dass sie die Ohrringe verbargen. Wenn schon eine Bekannte sie erkannte, dann Cassius doch wohl erst Recht, oder?

»Sie haben heute sehr viel Glück gehabt!«, behauptete der Einsatzleiter der Vollstrecker und hob mein Bein etwas an, um die Wunde zu betrachten. Seine Magie glitt wie eine kurze Liebkosung über meinen Körper und versetzte meine Seele erneut in Panik. Nur DeVils Blick beruhigte mich. Hätte er nicht mit Nymphenmagie auf mich geschossen, wäre ich jetzt aufgeflogen.

»Glück kann man das nicht nennen.« Obwohl die Antwort meinem Bruder galt, schenkte DeVil mir ein diabolisches Grinsen.

»Sie hätten es uns sagen sollen, als wir beim ersten Mal ins Zimmer gekommen sind.«

»Ist schwierig, wenn jemand den Skalpell auf sie gerichtet hat und sie als Geisel hält«, log ich und betete stumm, dass meine Tarnung gut genug war. Wenn er nur einen winzigen Verdacht hatte, würde die Vollstreckung meines Todesurteils schneller erfolgen, als ich »tot« sagen konnte.

Unsere Blicke verhakten sich ineinander. Cassius gab das stumme Duell zuerst auf. Zögernd nahm er seine Hand von meiner Haut und beendete die Prüfung. »Sie sollte in Zukunft vorsichtiger sein. Man kann diesen Leuten nicht trauen. Sie sind nicht umsonst verurteilt worden.«

»Nein, sie sind verurteilt worden, weil sie weiblich sind.« Mein Mund hatte geantwortet, ohne mein Gehirn zwischenzuschalten. Aber was hätte mein Verstand auch sagen sollen? Wenn ein Inkubus fremdgeht, geschieht nichts, wenn eine Sukkuba es tun, wird sie zum Tode verurteilt – und alle anderen weiblichen Personen ihrer Familie ebenfalls. Ein Fakt, kein Argument.

Dementsprechend schnaubte Cassius lediglich: »Meine kleine Schwester hätte auch versucht, ihr zu helfen.« Er sagte es, als sei das eine Charakterschwäche von mir.

Dann wandte er sich zu den drei Männern, die immer noch auf der Türseite des Raumes Position bezogen hatten.

»Räumt den Dreck weg.« Mein Bruder nickte in Richtung des Staubs und verließ, ohne sich noch einmal umzudrehen, das Zimmer. Seine Abwesenheit schmerzte beinahe so sehr, wie die vorangegangene Konfrontation.

Gott, wie sehr ich ihn vermisste. Sein fröhliches, unbezwungenes Lachen. Das Bild von seinem achten Geburtstag tauchte unwillkommenerweise vor meinem inneren Auge auf. Ein kleiner, blonder Junge, der mit seinem ersten Wind-Drachen (Motiv Spiderman) auf mich zugelaufen kam und der stolz darauf gewesen war, das Geschenk seiner geliebten, großen Schwester im Herbstwind steigen zu lassen, wobei er die Dreckwolke ignorierte, die hinter ihm her wehte.

Ich blinzelte die Erinnerungen fort und versuchte die Dreckwolke ebenfalls zu ignorieren. Es ging nicht. Höhnisch wirbelte der Staub auf, und schließlich aus dem Fenster davon, als habe das Mädchen voller Todesangst nie existiert.

Mir wurde schwarz vor Augen.

KAPITEL 2

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Dorian lehnte sich entspannt in seinem schwarzen Chefsessel zurück und legte die Füße auf den Schreibtisch. Dabei ignorierte er geflissentlich die tadelnden Blicke seines Halbbruders ob dieses Benehmens.

Zwar haben auch 400 Euro teure Designerschuhe nichts auf einem Tisch zu suchen, aber es sind meine Schuhe, mein Tisch und damit auch mein Dreck und mein Problem, dachte Dorian. Wieder wunderte er sich darüber, dass ein unausgesprochener Tadel seines Bruders reichte, um sich geistig rechtfertigen zu müssen. Als Trotzreaktion flegelte sich der Chef der »Aufspürung und Verfolgung GmbH« noch tiefer in das dunkle Leder und startete die Aufnahme.

»Wir vermitteln für die Ewigkeit!«, dröhnte das Motto der Matching-Myth aus dem Fernseher. Die menschliche Journalistin, die durch die Sendung »Übernatürliches für Jedermann« führte, war kompetent und zeichnete sich durch ihre Optik aus, die Dorian ein wenig an eine Kuh erinnerte.

Nicht unattraktiv, aber nicht sein Fall.

Anders dagegen das Objekt seiner Begierde: Hübsch, brünett und absolut dem gängigen Schönheitsideal entsprechend präsentierte sich die derzeitige Leiterin der Matching-Myth von ihrer besten Seite: Katlyn, gebildete Nymphe und begabte Vermittlungsagentin in Sachen Liebe.

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»Wie haben genug zu tun, Dorian!«, mahnte Johannes. »Auch ohne einen Privatkrieg zu eröffnen!«

Tatsächlich erlebte die »Aufspürung und Verfolgung GmbH« nun, fast 25 Jahre nach Ende des magischen Krieges und dem Anfang des Zusammenlebens von Menschen und übersinnlicher Wesen, einen gewaltigen Aufschwung. Nie schien es beliebter zu sein, andere verfolgen zu lassen – so, dass sie es bemerkten. Anscheinend hatte die Fernsehsendung »Tod TV« mit ihrem Bericht über die legalen Stalker einen neuen Trend initiiert. Und da die Gesetze zum Aufspüren und Verfolgen im Rahmen der Zusammenführung der Kulturen und Wesen gelockert worden waren, oblag es nun allein Dorian, ob und auf welche Art und Weise jemand aufgespürt und verfolgt wurde – bis der oder die Verfolgte Rechnungen beglich, Verpflichtungen nachkam oder ein magisches Versprechen einhielt. Solange das Verfolgen nur nervte oder bloßstellte und nicht ernsthaft physisch oder psychisch schadete, war alles erlaubt, und die Gründe für die Aufträge der AV waren vielfältig, ihr Rechtsberater, der jeden Fall prüfte, brillant, der Ruf der Firma hervorragend, und es gab kaum Konkurrenz.

»Wenn du das wirklich durchziehen willst, verlieren wir Kunden – und Ansehen.«

»Nicht, wenn es klappt.« Dorian klang selbstgefällig. »Dann haben wir die beste Werbung, die man umsonst bekommen kann.«

Sein Blick wanderte von Johannes zu Katlyn, die im Standbild in die Kamera strahlte. Bald wird ihr das Lachen vergehen – und mit ihr der ganzen verdammten Welt! Unbewusst ballte Dorian seine Hände zu Fäusten.

»Kostenlos! Nicht umsonst!«, korrigierte Johannes. »Umsonst ist der Plan ohnehin – egal ob es dir gelingt oder nicht!« Er lehnte sich über die Stuhllehne zu seinem Bruder und verzog sofort das Gesicht. Der Schmerz aus seinem Rücken schoss durch seinen Körper und erinnerte ihn daran, dass er nicht mehr so jung war wie sein Gegenüber.

»Alles okay?« Dorian sprang auf und vergaß offensichtlich die Reportage, die Frau und die Matching-Myth. Er hockte sich neben Johannes Stuhl. »Was ist los?«

»Ich bin einfach zu alt für diesen Scheiß!«, zitierte der Ältere und lächelte über Dorians Besorgnis und über den Gedanken an die wahren Prioritäten seines Halbbruders.

Erst als sich der einzige Formwandler der Welt nicht vom Fleck rührte, erklärte Johannes: »Ich bin nur nicht mehr der Jüngste. Nächtelanges Verfolgen in Kneipen mit kakophonischer Musik und anschließende Beobachtungspositionen in mitternächtlichen Parkanlagen liegen meinem Körper einfach nicht.«

»Ein weiterer Punkt für mich, Bruder!«

Der Formwandler ging zum Vertiko, holte zwei Tassen und Untertassen aus der ersten Glastür und wandte sich dann der Pad-Kaffeemaschine zu.

Er drückte auf den Knopf und wartete geduldig darauf, dass aus Wasser Kaffee wurde.

»Milch und Zucker?«, frage er, obwohl er bereits beides hineingetan hatte und nur aus reiner Gewohnheit immer noch fragte.

»Danke!« Johannes nahm die Tasse entgegen und genoss das Gefühl der Wärme an seinen Fingern, während Dorian sich wieder neben ihn in seinen Chefsessel setzte. Oh ja! Er wurde tatsächlich zu alt.

»Ein Job bei der Matching-Myth ist viel entspannter, wärmer und außerdem auch irgendwie sexy.« Dorian nickte in Richtung Bildschirm, bevor er mit der »Play«-Taste die Aufzeichnung weiterlaufen ließ.

»Du weißt schon, dass das nahezu krankhaft ist, was du da planst?«

Dorian zuckte mit den Schultern. »Der Plan ist simpel!«, behauptete er. »Wahrscheinlich haben sich ohnehin bereits etliche Paare der Matching-Myth getrennt – wir müssen diese Trennungen nur öffentlich machen.«

»Klar! Und weder Tatjana Franke noch ihre gesamte Redaktion haben sich ausgerechnet um den wichtigsten Fakt der Sendung nicht gekümmert und nicht recherchiert!« Johannes unterdrückte den Sarkasmus in seiner Stimme nicht länger. »Du verrennst dich da in etwas! Niemand, der je die Dienste der Matching-Myth in Anspruch genommen hat, hat sich bisher getrennt.«

»Dann werden wir eben für eine Trennung sorgen!« Dorian wirkte gut gelaunt, und sein Lächeln brachte die beiden Grübchen in seinen Wangen zur Geltung. Sie ließen ihn weniger perfekt wirken.

»Du bist besessen!« Ungeduldig trank Johannes einen Schluck. Der Kaffee war inzwischen lauwarm.

»Jeder braucht ein Hobby!«, behauptete der Formwandler.

»Dann geh Golf spielen oder kauf dir ein Haustier!«

»Niemand würde mit mir spielen oder mir ein Haustier verkaufen!« Dorians Stimme war frei von Bitterkeit, obwohl Johannes wusste, wie sehr sein Halbbruder unter dem Stigma seiner Eltern als Kriegstreiber und verräterische Formwandler litt. Tatsächlich war nur die Firma ein Erfolg – ihr Chef, lebendes Symbol für den magischen Krieg und die Enttarnung der Magie, wurde gemieden wie eh und je.

Johannes sah sich in dem gepflegten Büro um. Ganz in schwarz-weiß gehalten, ohne jeden persönlichen Gegenstand, war es absolut austauschbar. Es hätte jedem gehören können, doch die Wahl der Farben und Formen zeigte deutlich, wie Dorian tickte. Schwarz und weiß, Grautöne war etwas für die Anderen. Für Wesen die Freunde hatten und ein Leben mit Höhen und Tiefen. Sein Blick wanderte zu seinem Bruder zurück. Er würde nie verstehen, warum die Menschen – nein, eigentlich alle – Dorian so sehr verachteten. Außer seinen Angestellten, selbst Außenseiter der Gesellschaft, hatte sich nie jemand die Mühe gemacht, den einzigen noch existierenden Formwandler kennen zu lernen.

Dorian verschränkte abwehrend die Arme vor der Brust und setzte einen herausfordernden Gesichtsausdruck auf. Er mochte es nicht, von seinem Bruder analysiert zu werden. Es gab ihm das Gefühl unzulänglich zu sein und sich langsam in das Monster zu verwandeln, das alle in ihm sahen. Jemanden, der sich in alles und jeden verwandeln konnte, durfte man eben nicht trauen. Vor dem Krieg ein Vorurteil, nach dem Krieg ein Naturgesetz.

»Hilfst du mir, oder hilfst du mir nicht?« Obwohl Dorian sich Mühe gab, seine Stimme ruhig klingen zu lassen, wusste Johannes, um wie viel mehr es ging. Nicht bloß um einen Plan, sondern auch um die einzige Person, die immer zu Dorian gehalten hatte.

»Ich halte deine Idee für absoluten, totalen Wahnsinn!«, teilte er ihm mit. Die Linien der Müdigkeit und der Verzweiflung in Dorians Gesicht wurden deutlicher, als er sich auf Johannes Ablehnung vorbereitete: »Ich kann nicht nachvollziehen, was du gegen sie hast. Sie scheint keine böse Person zu sein.«

»Wie alle, oder?« Sarkasmus, die nicht zu seinem attraktiven Äußeren passte, hatte sich in Dorians Stimme geschlichen. Er klang desillusioniert.

Johannes wandte sich der Reportage zu, die auf dem riesigen Monitor schräg gegenüber lief und wo gerade die Erfolge der Matching-Myth aufgelistet wurden. Nur die bekanntesten aus jeder Epoche. Ein Beweis dafür, dass die Vermittlungsdienste der Liebesvermittlungsagentur zuverlässig waren, vielfältig und tatsächlich bisher immer garantiert.

Nicht ein einziges Paar hatte sich bisher getrennt.

Wieder erschien Katlyn, die hübsche Nymphe im Bild. Sie lächelte trotz des öffentlichen Rufes nach einer »Menschenquote« in Firmen, Parteien, Ämtern und allen möglichen und unmöglichen Berufen.

»Sie kann nichts für deine Situation, Dorian!«

»Ich weiß!«, gab der Formwandler zu. »Es ist ja auch nicht persönlich gemeint!« Doch sein Blick hing unverwandt an der Nymphe, bis Tatjana Franke wieder auftauchte und auf die nächste Sendung verwies.