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2. Auflage

Originalausgabe

© 2014 Kailash Verlag, München

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion: Janette Schroeder Illustration: Florian Mitgutsch Umschlaggestaltung und Layout: Daniela Hofner, München Umschlagmotiv: Frank Brunke

Satz: EDV-Fotosatz Huber/Verlagsservice G. Pfeifer, Germering

ISBN 978-3-641-12170-9

www.kailash-verlag.de

Inhalt

Bevor wir in den Wald gehen

Die Zeit des Vergessens

Die Utopie vom ursprünglichen Matriarchat

Die Steinzeitmenschen und das Mysterium der Welt

Am Anfang war harmonische Polarität

Das Medizinrad der europäischen Waldvölker

Das Sonnenkreuz

Halloween und die Geisterzeit

Wintersonnenwende und der alte Wintergott

Die Percht, das Fest der Lichtbirke und die Fastnacht

»Die Jungfrau mit der Schlüsselblume«

Frühlingsgleiche, blühender Schwarzdorn und Ostern

Walpurgis und Maifeiertag

Sonnwendfeuer und Johanniskräuter

Kornernte, Augustfeuer und Bilwiss-Schnitter

Herbstgleiche, heiliges Blut und Michaels Drachen

Das Leben – ein ewiger Kreislauf

Der Tag – das kleine Jahr

»Die Legende von der heiligen Notburga«

Frau Holle und der Holunder

Das Holle-Reich und der Weg dorthin

»Frau Holle«

»Der Weg der Seelenvögel«

Die Baba Jaga

»Wassilissa, die Wunderschöne«

Die Farben der Göttin

Weiß, Rot und Schwarz

»Sneewittchen«

Von Störchen, Schwänen und Käfern

Der Glück bringende Storch

Der göttliche Schwan

»Die Schwanenjungfrau«

Vom Sonnenkind zum Marienkäfer

Die Göttin der Tiere und Pflanzen

Sedna, die Frau Holle der Inuit

»Wie ein Angakoq Sedna gnädig stimmt«

Hüterin der Samen und der Kinderseelen

Orte der Kinderempfängnis

Die spinnenden Göttinnen

Die Schicksalsfrauen Urd, Werdandi und Skuld

Spinnende Frauen und die Macht des Schicksals

Holunder – ein Baum mit zwei Gesichtern

Droge, Medizin und Nahrungsmittel

Baum des Todes und des Lebens

Krankheiten schamanisch entsorgen

Der Teufel und seine Großmutter

Verteufelte Naturgeister

»Der Teufel und der gewitzte Bauer«

»Rendezvous mit dem Teufel«

Den Tabak hat der Teufel gebracht

»Bauernschlau«

Die Holle hat den Teufel im Griff

»Der Teufel mit den drei goldenen Haaren«

So wirkt der Zauber des Holunders

»Vom Ende der Gichtplage«

Krankheiten schamanisch entsorgen

Was beim Zurückschneiden des Hollers zu beachten ist

Wacholder: Schutz auf dem Weg ins Jenseits

»Das Märchen vom Machandelboom«

Von der Umwandlung der Seele

Schamanische Zerstückelung

Wiederbelebungsrituale

»Die erlene Hex«

»Thor zu Gast«

Hagedorn: Schutz gegen alles Böse

»Schneeweißchen und Rosenrot«

Von Zaunreiterinnen und Heckensitzerinnen

»Merlin unterm Weißdorn«

Haselstrauch: Verbindung zur Anderswelt

»Die weiße Schlange«

Von Haselwürmern, Wünschelruten und Wollust

»Der Lachs und Finn, der Seher«

»Aschenputtel«

Brennnessel: Schwanenflug und das Hier und Jetzt

»Die sechs Schwäne«

Der Segen des Seehundes

»Jungfrau Marleen«

Von Gänseblümchen, Beifuß und Pferden

»Die Gänsemagd«

Beifuß

Der Pfad zu den Ahnen

Wie alt sind die Märchen?

Wer waren unsere Ahnen?

Das lebendige Universum, Götter und Bäume

Entmachtung und Weiterleben der alten Götter

Altsteinzeit: Himmelszelt und Glasberg

Die Milchstraße und der Götterbär

Die Urgermanen

Frau Sonne

»Der Froschkönig«

Die Erde gehört den Frauen

Die Invasion kriegerischer Hirtenvölker

Kelten, eine pan-europäische Kultur

Der Hirsch und weitere heilige Tiere der Kelten

Über die Kraft des Zaubers und der Illusionen

Nachwort

Anmerkungen

Über den Autor

Bevor wir in den Wald gehen

Wir gehen durch den Wiesentau,

Wir gehen zu der Kräuterfrau,

Die wohnt im dichten Wald.

Richard von Schaukal: Die Hexe

Wer ist nur diese kräuterkundige Frau, die da im dichten Wald wohnt? Ihrer taufrischen Spur wollen wir in diesem Buch nachgehen. Und diese Spur führt uns nicht nur über blühende Wiesen, durch moosbewachsene Wälder und in dunkle Schluchten, sondern auch in die Tiefen unseres eigenen Wesens. Sie erhellt unseren kulturellen Werdegang, verbindet uns mit unseren Vorfahren und zuletzt mit den Bildern unserer innersten Seele. Diese Alte, die sämtliche heilende Kräuter kennt, ist keine andere als die Große Göttin, die Herrin des Lebens und des Todes. Wir werden sehen, dass schon unsere steinzeitlichen Vorfahren sie kannten und verehrten.

Aber ehe wir uns in steinzeitliche Gefilde wagen, um mehr über die Göttin und die ihr geweihten Pflanzen zu erfahren, so wie sie uns bis heute in Märchen, Sagen und Mythen überliefert wurden, wollen wir in der neueren Zeit anfangen.

Die Zeit des Vergessens

In den fünfziger Jahren, als ich im amerikanischen Mittelwesten aufwuchs, schien es der weiblichen Hälfte der Schöpfung nicht allzu gut zu gehen. Während die Männer in Büros oder in den Fabriken ihren Brotberufen nachgingen, blieben die Frauen zuhause. Haushalt, Vorgarten und die Bingo-Partys der Wohltätigkeitsorganisationen füllten sie nicht aus. Apparaturen – Staubsauger, Kühlschränke, Spülmaschinen, elektrischer Grill, Waschmaschinen – verrichteten die meiste Arbeit. Tiefkühltruhen, Fast Food und das Warenüberangebot in den Supermärkten machten Gemüsegärten, Einmachen, Dörren, Vorratshaltung und -pflege überflüssig. Mit Spinnen, Weben und Kleidungsherstellung war es sowieso vorbei. Krankenhäuser und Kliniken kümmerten sich nun um die Kranken, Schulen und Jugendeinrichtungen um die Kinder, Seniorenheime um die Alten und Gebrechlichen. Der moderne Fortschritt hatte den Bereich der weiblichen Tätigkeiten ausgehöhlt und überflüssig gemacht. Der Mann dagegen machte das Geld. Und Geld bedeutet Geltung. Frauen wurden fernsehsüchtig, Soaps und das Glitzerleben schillernder Stars wurden zum Inhalt ihres Seelenlebens. Viele Frauen wurden alkoholkrank oder abhängig von sedierenden, narkotisch wirkenden Barbituraten. Manch süßer Engel verwandelte sich im Laufe der Zeit zum neurotischen Putzteufel oder Hausdrachen. Besonders schlimm wurde es, wenn die Kinder das Haus verließen. Soziologen sprachen von den »grünen Witwen« der Vorstadt, die da, alleingelassen in ihren gepflegten Vorortvillen vor sich hin vegetierten. Nicht wenige nahmen insgeheim Rache an ihren Männern, indem sie die Kinder, insbesondere die Söhne, an sich banden und gegen den Vater, den Dad, in Stellung brachten. Die Söhne hatten es deswegen schwer, zur Reife und psychologischen Unabhängigkeit zu gelangen. Sie wurden zu Muttersöhnchen. Was ihnen fehlte, waren die schmerzhaften Initiationsriten, die in traditionellen Gesellschaften den jungen Männern dabei helfen, sich vom Rockzipfel der Mutter zu lösen. Philip Wylie (in Generations of Vipers, 1942) nannte das Phänomen, wenn sich alles um die besitzergreifende, narzisstische Mom dreht, Momism.

Natürlich nahm diese gesellschaftliche Pathologie nicht erst in der Mitte des letzten Jahrhunderts ihren Anfang, aber sie spitzte sich in dieser Zeit zu. Schon vorher hatte die Entwicklung hin zur industriellen Massengesellschaft die Sphäre des sinnvollen und erfüllten weiblichen Schaffens zurückgedrängt. Für Kriege und koloniale Expansionen waren von Testosteron getriebene Soldaten nötig; für die Schwerindustrie harte, muskulöse Kerle und ebenso hart kalkulierende Bosse. Nicht alle Frauen waren mit den ihnen zugewiesenen, unterstützenden Rollen – als Sekretärinnen, Krankenschwestern, Grundschullehrerinnen oder Verkäuferinnen – zufrieden. Sie fanden eine Stimme in den Werken von Simone de Beauvoir, Betty Friedan und anderen Feministinnen. Die Matriarchatsforschung hatte plötzlich Hochkonjunktur, der Geschlechterkrieg erreichte einen neuen Höhepunkt.

Die Utopie vom ursprünglichen Matriarchat

Und da, mit dem Matriarchat, der Frauenherrschaft, und der ursprünglichen Urgöttin, sind wir wieder beim Thema. Die Idee wurde zuerst von dem wohlhabenden Basler Seidenfabrikanten und Rechtsgelehrten Johann Jakob Bachofen (1815–1887) formuliert. Im Jahr 1861 veröffentlichte er ein Werk mit dem Titel Das Mutterrecht. Die Urmenschen, so schreibt er, lebten besitzlos, klassenlos und, da sie keine Ahnung von Vaterschaft hatten, in sexueller Promiskuität. Jeder vögelte also mit jedem, sodass die Vaterschaft unbekannt blieb. Folglich führten diese Menschen ihre Abstammung auf ihre Mutter zurück. Die Mutter war demnach die Mitte der Gesellschaft. Eine Muttergöttin war die Herrin des Universums und nicht, wie es das patriarchale christliche Dogma verkündet, ein allmächtiger, väterlicher Schöpfergott. In Bachofens Weltbild verlief die menschliche Evolution vom weiblichen Pol – assoziiert mit Dunkel, Erde, Nacht, Linksorientierung, Stofflichkeit (Materie von mater = lateinisch: Mutter), Gefühl – hin zum Männlichen, assoziiert mit Licht, Tag, Sonne, Rechtsorientierung, Verstand, Willenskultur und Spiritualität. Um seine These zu belegen, stöberte er vor allem in der nahöstlichen und frühgriechischen Mythologie und suchte sich heraus, was ihm passend erschien.

Um eine Idee zu verstehen, hilft es manchmal, sich mit der Biographie des Autors zu befassen. Über Johann Jakob Bachofen erfahren wir, dass er zeitlebens von seiner Mutter Valeria dominiert wurde. Er wohnte im elterlichen Haus; als er im Alter von 50 Jahren schließlich heiratete, soll die Mutter noch immer in seine Ehe hineingeredet haben. War er vielleicht das Opfer einer Übermutter? Kulturanthropologisch betrachtet ist seine Theorie ein Brimborium und wäre wahrscheinlich sang- und klanglos in Vergessenheit geraten, hätte nicht Friedrich Engels sein Werk gelesen. Engels, der Gönner und Freund von Karl Marx, sah darin eine Bestätigung der kommunistischen Idee. Da stand es schwarz auf weiß: Die heile Welt der Frauenherrschaft und Promiskuität wurde durch das Patriarchat und die Monogamie ersetzt, Gemeinschaftsbesitz durch Privatbesitz, Kooperation durch Ausbeutung. Der Kommunismus würde das ursprüngliche Paradies wiederherstellen.

Zufällig erschien kurz darauf Ancient Society (1877), das Buch des New Yorkers Henry Lewis Morgan (1818–1881). Morgan war Logenbruder und wollte die Riten seiner Loge nicht länger auf die alten Ägypter oder Griechen zurückführen müssen, sondern – näher zuhause – auf die Indianer, die in der Region lebten. Deswegen interessierte er sich für das Waldvolk der Irokesen, mit denen er sich befreundete. Die Irokesen waren brandrodende Hackbauern. Sie bauten Mais, Kürbisse, Bohnen und Gänsefußarten an. Ähnlich wie die Bandkeramiker, die ersten Bauern in Mitteleuropa, lebten sie in Langhäusern, in denen jeweils alle Verwandten des mütterlichen Clans untergebracht waren. Während die Männer für die Außenwelt, für die Jagd und Kriegszüge zuständig waren, organisierten die Frauen das Leben innerhalb der Siedlungen und bestellten gemeinsam die Felder, die den Frauenclans gehörten. Es gab keinen Privatbesitz, die Gemeinschaft teilte alle materiellen Güter. Nach der Heirat zog ein Mann ins Langhaus seiner Frau (matrilokaler Wohnsitz). Die Clan-Mütter ernannten die Häuptlinge. Die Verwandtschaftszugehörigkeit wurde durch die mütterliche Linie bestimmt. Henry Lewis Morgan nahm an, dass die Gesellschaftsform dieser Waldindianer die ursprünglichste war.

Auch Morgans Forschung entging dem belesenen Friedrich Engels nicht. Sie war Wasser auf den Mühlen der marxistischen Ideologie. In den Augen von Marx und Engels praktizierten die Irokesen so etwas wie den Urkommunismus. Um die Jahrhundertwende gab es kaum einen gestandenen Proletarier, der nicht etwas über die irokesische Gesellschaft wusste. Inzwischen sehen das die Ethnologen differenzierter. Matrilineare und matrilokale Gesellschaftsformen sind selten und charakterisieren – wie wir später sehen werden – vor allem primitive Hackbauern- und Pflanzervölker. Eine allumfassende Muttergöttin kannten die Waldindianer auch nicht. Es gab zwar eine Erdgöttin – und die Kulturpflanzen waren Verkörperungen von göttlichen Jungfrauen, die aus dem Himmel gefallen waren –, aber sie spielten in der Kosmologie keine sonderlich hervorstechende Rolle.

Die neueste Auflage des Gedankens eines ursprünglichen Matriarchats stammt von Marija Gimbutas (1921–1994). Die Kulturhistorikerin beruft sich auf alteuropäische, neolithische Fundstätten. Sorgfältig durchgeführte Ausgrabungen im Balkan deuten auf die Existenz einer friedlichen und sesshaften, egalitär mutterrechtlichen Bauernkultur hin, in der die Große Göttin verehrt wurde. Doch dann kam das Unglück. Vor rund 6000 Jahren stürmten indoeuropäische Kriegerhorden aus dem Osten herein. Reitervölker und Hirtennomaden aus den Steppen des Wolgabeckens überrannten die matrilinearen Bauern und etablierten eine aristokratische, patriarchale Gesellschaftsordnung. Auch bei Marija Gimbutas färbt der Lebenslauf das Weltbild. Sie ist Litauerin; als junge Frau musste sie mit ihrer Familie vor der Roten Armee fliehen. Es scheint, als übertrage sie ihr persönliches Trauma auf frühhistorische Zeiten.

In Bauerngesellschaften, abhängig von der Frucht der Erde – von den Kindern der Erdgöttin – spielt die Mutter Erde eine gewichtigere Rolle als bei nomadisierenden Hirtenvölkern. Aber eine absolute Matriarchin ist sie nicht (siehe dazu Der Pfad zu den Ahnen). Die Große Göttin des Matriarchats ist eher eine moderne, ideologische Fantasie, eine kulturelle Konstruktion, die die gegenwärtige Geschlechterproblematik spiegelt. Älter als das Bild der Göttinnen des sesshaften, neolithischen oder bronzezeitlichen Bauerntums, und älter als die Götter der Hirten, sind die Imaginationen, die wir aus der Steinzeit geerbt haben. Hirten und Bauern gibt es ja erst seit 10 000 Jahren, die Steinzeit dagegen zog sich über mehrere Millionen Jahre hin – Steinwerkzeugtraditionen reichen fast drei Millionen Jahre zurück, die Feuerstelle als Mittelpunkt der Gemeinschaft mindestens anderthalb Millionen Jahre (in Cheswanya, Kenia).

Die Steinzeitmenschen und das Mysterium der Welt

Das Leben unserer Vorfahren, wie das der Jäger und Sammler überall, verlief in vollkommenem Einklang mit dem jahreszeitlichen Wandel und den ökologischen Gegebenheiten. Es war nicht, wie in der urbanen, technisierten Zivilisation, in der wir heute leben, von der umgebenden Natur getrennt: Weder Funk und Fernsehen noch Fiktion schoben sich zwischen die unmittelbare Wahrnehmung der Natur; weder Leuchtreklamen noch Industrie- und Straßenbeleuchtungen ließen die Sterne am Nachthimmel verblassen oder führten dazu, dass sich der Tag-Nacht-Rhythmus verschob und Vögel und Insekten dezimiert wurden; kein Motorengeräusch störte den Gesang der Natur; niemand verbrachte den Großteil seines Lebens in viereckigen Schul-, Büro- oder Fabrikräumen hinter Beton und Glas; niemand flitzte auf asphalt- und betongeplätteten Bahnen über das Land oder flog in Metallkisten durch die Luft. Die Menschen liefen zu Fuß auf der lebendigen Haut der Erde und kommunizierten mit ihr. Diese innige Naturnähe hat uns zutiefst geprägt. Beinahe 99 Prozent unseres Daseins als Homo sapiens verbrachten wir Menschen auf diese Weise als freie, durch die Natur streifende Jäger und Sammlerinnen.

Die natürliche Um- und Mitwelt wurde damals auch anders wahrgenommen, als wir es in den Schulen und Medien lernen. Die Welt bestand für diese Menschen nicht aus Energiequanten, Atomen, Molekülen und Zellen, die nach irgendwelchen mathematisch-physikalischen Gesetzen zusammenwirken, sondern sie war ein vielschichtiges, facettenreiches, magisches, lebendiges, von Geistwesen durchdrungenes Mysterium. In der ekstatischen Vision, in der schamanischen Schau, die hinter die Erscheinung dringt, sahen die Naturvölker das Wirken von Göttern. Woher wissen wir das? Völkerkundler und Kulturanthropologen, die in langjährigem Kontakt das Leben der letzten verbliebenen Wildbeuterstämme, der Jäger und Sammlerinnen, als teilnehmende Beobachter miterlebt haben, geben uns ein glaubwürdiges Zeugnis davon. Aber auch unsere ältesten Mythen und Märchen, sowie unsere Intuition lassen das erahnen.

Am Anfang war harmonische Polarität

In der Natur, so wie sie sich unseren Vorfahren zeigte, waltet eine dynamische, spannungsreiche, aber zugleich harmonische Polarität: Tag und Nacht, Sonne und Mond, Regenzeit und Trockenzeit, Winter und Sommer, Mann und Frau, jung und alt, Leben und Tod. Im chinesischen Taoismus – einer Philosophie, die steinzeitliche Wurzeln hat – wird dieses Prinzip mit Yin und Yang bezeichnet. Bei den nördlichen Waldvölkern kam diese spannungsvolle dynamische Gegensätzlichkeit als Feuer und Wasser zum Ausdruck, bei den Kelten im Bild des Kessels (Gral) und des Lichtstrahls (Speer). Daher auch war die Große Göttin, die Mutter der Tiere und Pflanzen, die Urgöttin, die alles hervorbringt und wieder zu sich nimmt, nicht alleine. Sie hatte einen Gefährten, der sie liebte, begattete und sich in ihr erneuerte. Oft war es – wie bei den alten europäischen Völkern – der Himmelsgott, der Blitze schleudernde Donnerer. Oder es war der Hirsch oder der Stier, der gehörnte Gott, der in die Höhle der Göttin steigt und sie befruchtet. Manchmal nahm der Gott auch die Gestalt eines Bären an, der die Winterzeit in der Höhle, im unterirdischen Reich der Göttin verbracht hat. Aus der Vereinigung des männlichen und weiblichen Pols wurde dann, in einem neuen Zyklus, das »Kind«, die neue Sonne, das Lebensfeuer, das neue Jahr, die neue Welt geboren.

Gott und Göttin bedingten einander. Aber auch auf der ganz alltäglichen Ebene waren in den Urgesellschaften Männer und Frauen einander ebenbürtig. Beide trugen das ihrige bei, damit die Gruppe gut leben und gedeihen konnte. Es gab eine natürliche Arbeitsteilung, die das ermöglichte. Kulturanthropologische Studien zeigen, dass bei den Naturvölkern im Durchschnitt die Frauengruppen rund 80 Prozent der Nahrung – Wurzeln, Knollen, Kräuter und Wildfrüchte – sammeln, derweil die Männer als Jäger die Ernährung mit tierischen Eiweißen ergänzen. Selbstverständlich gibt es unterschiedliche geschlechtsspezifische Interessen. Es ist universal, dass Frauen gegenüber Themen wie Geburt, Kinder, Heilzauber und Pflanzenwissen aufgeschlossener sind, während sich die Männer mehr für die Herstellung effektiver Harpunen oder Pfeilspitzen, oder auch den Rausch interessieren. Aber auch da ergänzen sie sich. Die absurde Idee eines Geschlechterkampfes, das Auseinanderdividieren von Mann und Frau, ist eine neuzeitliche Erscheinung, gehört zur Konsumgesellschaft, die Menschen zu konkurrierenden, egozentrischen Monaden degradiert. Männer sind Väter und Frauen sind Mütter von Töchtern und Söhnen. Sie gehören zusammen.

Märchen wurden über Generationen hinweg erzählt und stellen als mündliche Überlieferungen zum Teil Urerinnerungen dar, die bis in die alte Steinzeit zurückreichen (siehe dazu Der Pfad zu den Ahnen). Auch die Pflanzen, die unsere steinzeitlichen Vorfahren verwendeten, sind stille schweigende Zeugen unserer kollektiven Stammeserfahrungen. Wie der geniale Ethnobotaniker Bruno Wolters zeigen konnte, sind 50 bis 65 Prozent der Heilpflanzen, die in der heutigen mitteleuropäischen Volksmedizin verwendet werden, Relikte aus der Altsteinzeit. Nicht nur, dass dieselben Heilkräuter in der indianischen Heilkunde verwendet werden, es gibt sogar Übereinstimmungen, was die dazugehörigen Zubereitungen aber auch bei den Ritualen, Erzählungen und Sagen betrifft. Es ist steinzeitliches Wissen, das die Ur-Indianer, die Paläosibirier, in die Neue Welt mitnahmen und das bei den europäischen Waldvölkern, den Kelten, Germanen, Slawen und Balten, bis heute noch stark nachwirkt. Aber ehe wir uns darin vertiefen, ehe wir die altsteinzeitliche Göttin der Höhle und ihren Hörner tragenden Gefährten zu Wort kommen lassen, schauen wir uns – als Brücke sozusagen – den Tanz des göttlichen Paares, den Reigen der Sonne und der Pflanzengöttin im Spiegel des Jahreskreises an. Diese an Natur und Jahreszeiten gebundene Imagination wurzelt in der Megalithkultur mit ihren Hünengräbern und Großsteinmonumenten, wurde weitergetragen von den Kelten und lebte, in christlichem Gewand gekleidet, fort bis in die Neuzeit.