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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

 

Die Stanislaskis 3: Gegen jede Vernunft

 

Für die elegante Juristin Rachel Stanislaski scheint die Verteidigung des Einbrechers Nick zunächst ein ganz normaler Fall zu sein. Als sie jedoch dessen Stiefbruder Zackary Muldoon kennen lernt, gerät sie in Bedrängnis. Denn der raue Barbesitzer gefällt Rachel mehr, als ihr lieb ist. Doch sie merkt bald,dass ihre Gefühle für diesen Mann sie in ein gefährliches Fahrwasser bringen, aus dem es nur einen Ausweg gibt ...

Nora Roberts

Die Stanislaskis 3

Gegen jede Vernunft

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Annegret Hilje

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MIRA® TASCHENBUCH

 

erscheinen in der Cora Verlag GmbH & Co. KG,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Falling For Rachel

Copyright © 1993 by Nora Roberts

erschienen bei: Silhouette Books, Toronto

Published by arrangement with

Harlequin Enterprises II B.V., Amsterdam

Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln

Titelabbildung: by digitalvision

Autorenfoto: © by Harlequin Enterprise S.A., Schweiz

Satz: D.I.E. Grafikpartner, Köln

 

ISBN (eBook, PDF) 978-3-86278-231-4
ISBN (eBook, EPUB) 978-3-86278-230-7

 

eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
www.readbox.net

PROLOG

Nick konnte einfach nicht glauben, wie er so dumm hatte sein können. Möglicherweise bedeutete ihm die Zugehörigkeit zu einer Bande doch mehr, als er zugeben mochte. Vielleicht war er auch nur mit sich und der Welt uneins. Aber schließlich – warum sollte er eine Chance nicht nutzen, wenn sie so greifbar nahe vor ihm lag? Und natürlich bestand auch die Gefahr, dass er vor Reece, T.J. und Cash sein Gesicht verlor.

Es war das erste Mal, dass er ein Gesetz übertrat.

Na ja. Das entspricht nicht ganz der Wahrheit, korrigierte er sich, als er durch das zerbrochene Fenster in das Elektronikgeschäft einstieg. Mit den Bagatelldelikten, auf die er sich bisher eingelassen hatte, war diese Sache hier allerdings nicht zu vergleichen. Nicht mit den Hütchentricks drüben am Madison für Touristen und andere Trottel und nicht mit den heißen Uhren, die er auf der Fifth Avenue verhökerte. Auch nicht mit dem schlecht gefälschten Personalausweis, der ihn älter machte, damit er sich ab und zu mal ein Bier kaufen konnte. Eine Weile hatte er in einer Werkstatt gearbeitet, die gestohlene Autos ausschlachtete, aber schließlich war es ja nicht so, dass er die Autos gestohlen hätte. Er hatte sie nur auseinander genommen. Er hatte sich auch ein paar Messerstiche bei Kämpfen mit den Hombres eingefangen, aber das war eine Sache der Ehre.

Nein, das hier war anders. Ein weiter Sprung nach vorn. Er brach in ein Geschäft ein, um Rechner und Stereoanlagen mitgehen zu lassen. Über ein paar Bier hatte sich das Ganze noch wie ein großer Ulk ausgenommen. Jetzt allerdings stieß es ihm schwer auf.

Er hatte sich wieder mal in eine Situation hineinmanövriert, aus der er sich nur schwer befreien konnte.

„Mann, das ist echt besser, als einen Schokoriegel zu klauen, was?“ Reece ließ seine gierigen Blicke über die gefüllten Regale schweifen. Der Zwanzigjährige, der bereits einige Jahre in Jugendverwahrung zugebracht hatte, war nicht sonderlich groß. „Wir werden riesig absahnen.“

T.J. kicherte. Das war seine Art, Reece die Anerkennung für alles, was er sagte, auszudrücken. Cash, der gewöhnlich seine Meinung für sich behielt, verstaute bereits die ersten Videospiele in einer großen Tasche.

„Los, komm schon, Nick.“ Reece drückte ihm einen Seesack in die Hand. „Stopf ihn voll.“

Nick spürte, wie ihm der Schweiß den Nacken hinunterrann, als er die Radios und Kassettenrecorder in dem unförmigen Sack verschwinden ließ. Was, zum Teufel, tust du hier überhaupt? fragte er sich. Er raubte irgendeinen armen Schlucker aus, der sich mit diesem Laden seinen Lebensunterhalt zu verdienen versuchte. Das war kein Kavaliersdelikt mehr, sondern handfester Einbruch.

„Hör zu, Reece, ich ...“ Er schwieg, als Reece das Licht der Taschenlampe in seine Augen hielt.

„Hast du Probleme, Bruder?“

In die Enge gedrängt, überlegte er es sich noch mal. Selbst wenn er jetzt ausstieg – die anderen würden den Laden trotzdem ausräumen. Und er würde sich nur erniedrigen. „Nein, Mann, null Probleme“, erwiderte er hastig und packte einige kleinere Lautsprecherboxen ein. „Wir sollten jetzt abhauen. Wir haben mehr eingesackt, als wir verhökern können.“

Reece klopfte ihm auf die Schulter und grinste boshaft. „Du denkst immer so zweckmäßig. Das mag ich an dir. Aber mach dir keine Gedanken, wie wir das Zeug loswerden. Ich hab da so meine Beziehungen.“

„Alles klar.“ Nick leckte sich über die trockenen Lippen und erinnerte sich daran, dass er ein Cobra war. Er gehörte zur Bande. Er war ein Cobra und würde es auch immer bleiben.

„Cash, T.J., bringt die erste Ladung schon mal ins Auto.“ Reece klapperte mit den Schlüsseln. „Und schließt bloß ab. Wir wollen doch nicht, dass uns einer beklaut, oder?“

T.J.s Kichern hallte von der Decke wider, als er durch das Fenster nach draußen stieg. „Klar, Sir.“ Er schob die Sonnenbrille zurecht. „Heutzutage wird ja überall geklaut. Oder, Cash?“

Cash brummte nur missmutig und quetschte sich durch das Fenster.

„Dieser T.J. ist ein richtiger Vollidiot.“ Reece hob einen Videorecorder hoch. „Pack mal mit an, Nick.“

„Wir wollten doch nur Kleinzeug mitnehmen.“

„Ich hab’s mir anders überlegt.“ Er stemmte den Karton in Nicks Arme. „Meine Alte liegt mir schon lange wegen so einem Ding in den Ohren.“ Reece strich sich die Haare zurück, bevor er ebenfalls aus dem Fenster kletterte. „Weißt du, was dein Problem ist, Nick? Dein Gewissen. Und was hat dir das je eingebracht? Aber was uns Cobras angeht – wir Cobras sind eine Familie. Nur gegenüber deiner Familie solltest du ein Gewissen haben.“ Er streckte die Arme aus, nahm Nick den Recorder ab und verschwand in der Dunkelheit.

Familie. Reece hat Recht, überlegte Nick und begann aus dem Fenster zu klettern. Die Cobras waren seine Familie. Man konnte sich auf sie verlassen. Er musste sich auf sie verlassen. Er schob alle Zweifel beiseite und schulterte den Seesack. Und er musste an sich selbst denken, oder etwa nicht? Sein Anteil an der Beute garantierte ihm für weitere zwei Monate ein Dach über dem Kopf. Er hätte die Miete ja auch längst bezahlt, wenn er bei der Spedition nicht entlassen worden wäre.

Lausige Wirtschaftslage, beschloss er still. Wenn er stehlen musste, um über die Runden zu kommen, konnte er immer noch die Regierung dafür verantwortlich machen. Bei dem Gedanken begann er zu grinsen und schwang ein Bein durch die zerbrochene Glasscheibe. Reece hatte Recht. Man musste selbst zusehen, wie man am besten zurechtkam.

„Darf ich dir beim Aussteigen behilflich sein?“

Nick erstarrte. Die Stimme war ihm unbekannt. Im Halbdunkel erkannte er den Lauf einer Pistole und das metallene Glitzern einer Dienstmarke. Einen Moment überlegte er, ob er den Seesack auf die Silhouette werfen und sein Heil in der Flucht suchen sollte. Aber da trat der Cop auch schon mit einem Kopfschütteln näher. Er war jung, ein dunkler Typ. In seinen Augen lag ein Ausdruck, der Nick erkennen ließ, dass er mit Kerlen wie ihm Erfahrung hatte.

„Tu dir selbst einen Gefallen, Junge, und versuch es erst gar nicht. Du hast eben Pech gehabt“, bemerkte der Polizist trocken.

„Gibt es denn überhaupt eine Alternative zu Pech?“ Nick stieg resigniert aus dem Fenster, stellte den Seesack ab und drehte sich mit dem Gesicht an die Wand, während ihm seine Rechte vorgelesen wurden.

1. KAPITEL

Die Aktenmappe in der einen, einen Bagel in der anderen Hand, eilte Rachel die Stufen zum Gerichtssaal hinauf. Sie hasste Unpünktlichkeit, und bei der morgendlichen Anhörung sollte sie ausgerechnet auf den überkorrekten Richter Snyder treffen. Das war Grund genug, spätestens eine Minute vor neun ihren Platz als Verteidigerin eingenommen zu haben. Es blieben also noch drei Minuten. Sie hätte die doppelte Zeit gehabt, hätte sie nicht noch in ihrem Büro vorbeischauen müssen.

Wie hätte sie auch wissen sollen, dass ihr Chef mit einem neuen Fall aufwartete.

Zwei Jahre arbeitest du nun schon als Strafverteidigerin, überlegte sie, während sie die zahlreichen Türen aufstieß und die Treppen hinaufeilte, da die Fahrstühle ständig besetzt waren. Sie nahm den letzten Bissen ihres Bagels und wünschte sich sehnlichst eine Tasse Kaffee, mit der sie ihr improvisiertes Frühstück hinunterspülen könnte.

Sie blieb vor der Tür des Gerichtssaals stehen, rückte ihre blaue Jacke zurecht und glättete ihr halblanges, schwarzes Haar. Noch ein letzter Blick auf die Uhr und einmal tief durchgeatmet.

Pünktlich auf die Minute, Stanislaski, lobte sie sich und betrat gefasst den Gerichtssaal. Während sie ihren Platz einnahm, wurde ihr dreiundzwanzig Jahre alter Mandant in Begleitung eines Wachmannes in den Saal geführt.

Rachel hatte ihrem Mandanten bereits erklärt, dass er nicht auf Verständnis hoffen könne, wenn er seine Mitmenschen um zweihundert Dollar und eine Scheckkarte erleichterte.

„Erheben Sie sich von Ihren Plätzen!“

Der große, massige Richter trat in seiner schwarzen Robe ein. Sein kugelrundes, unfreundliches Gesicht entsprach farblich einem guten Cappuccino. Richter Snyder duldete keine Verspätung, keine Aufsässigkeiten und keinen Widerspruch in seinem Gerichtssaal.

Rachel tauschte einen freundlichen Blick mit dem stellvertretenden Bezirksstaatsanwalt, der die Anklage vertrat, und ging ans Werk.

Mit einer Verurteilung zu neunzig Tagen Haft kam ihr Mandant vergleichsweise schlecht davon. So war es nicht verwunderlich, dass er sich nicht gerade überschwänglich bei ihr bedankte, als er von einem Gerichtsdiener aus dem Saal geführt wurde.

Etwas mehr Glück bescherte ihr der nächste Fall, bei dem es um tätliche Beleidigung ging ...

„Euer Ehren, mein Mandant bezahlte die Bestellung in dem guten Glauben, ein heißes Essen zu erhalten. Als die Pizza eiskalt serviert wurde, wies er auf das Problem hin, indem er der Bedienung ein Stück derselben zukommen ließ. Unglücklicherweise führte seine Offenherzigkeit dazu, dass er dem Kläger die Pizza zu heftig empfahl und das Objekt im darauf folgenden Handgemenge fahrlässigerweise auf dem Kopf desselben landete ...“

„Ein ausgesprochen amüsanter Vortrag der Verteidigung. Fünfzig Dollar erscheinen mir eine angemessene Strafe.“

Rachel hangelte sich durch die morgendlichen Sitzungen. Taschendiebstahl, Trunkenheit in Verbindung mit Ruhestörung, zwei weitere Beleidigungen und ein Bagatelldelikt. Gegen Mittag schlossen sie mit einem Fall von Ladendiebstahl ab. Rachel musste all ihre juristischen Fähigkeiten aufbieten, um den Richter davon zu überzeugen, dass zunächst ein psychiatrisches Gutachten eingeholt werden sollte.

„Nicht übel.“ Der Staatsanwalt war nur wenige Jahre älter als die sechsundzwanzigjährige Rachel, zählte sich aber im Geschäft bereits zu den alten Hasen. „Schätze, der Vormittag ist unentschieden ausgegangen.“

Rachel lächelte und schloss die Aktenmappe. „Keineswegs, Spelding. Bei der Sache mit dem Ladendiebstahl habe ich dich ganz schön alt aussehen lassen.“

„Möglich.“ Spelding begleitete sie zum Gerichtsgebäude hinaus. „Dein Mandant wird bald wieder zurechnungsfähig sein.“

„Aber sicher. Der Typ ist zweiundsiebzig, stiehlt bevorzugt Einweg-Rasierer und lässt Glückwunschkarten mitgehen, auf denen Blümchen abgebildet sind. Zweifellos handelt er bei klarem Verstand.“

„Ihr Strafverteidiger seid einfach zu mitleidig“, erwiderte er freundlich. Rachels Fähigkeit, juristisch zu argumentieren, fand seine ungeteilte Bewunderung. Diese Einschätzung traf übrigens auch auf ihre Beine zu. „Weißt du was? Ich werde uns etwas zum Essen besorgen, und du kannst dabei versuchen, meine Einstellung zur Gesellschaft zu ändern.“

„Tut mir Leid.“ Sie lächelte ihm zu und stieg die Treppen hinunter. „Ich muss noch zu einem Mandanten.“

„Ins Gefängnis?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Üblicherweise treffe ich sie dort. Also, viel Glück bei unserem nächsten Zusammentreffen, Spelding.“

Das Untersuchungsgefängnis war ein Gebäude mit hohem Lärmpegel, in dem es ständig nach abgestandenem Kaffee roch. Rachel trat leicht fröstelnd ein. Dabei hatte der Wetterbericht einen heißen Sommertag angekündigt. Und jetzt hing eine dichte Wolkenschicht über Manhattan. Rachel ärgerte sich, dass sie weder einen Mantel noch einen Regenschirm mitgenommen hatte.

Vielleicht konnte sie in spätestens einer Stunde zurück im Büro sein, bevor es anfing zu regnen. Sie begrüßte ein paar der Polizisten, die sie kannte, und legte ihren Besucherausweis vor.

„Nicholas LeBeck“, erklärte sie dem wachhabenden Sergeanten. „Versuchter Einbruch.“

„Ja ja ...“ Der Sergeant blätterte die Papiere durch. „Dein Bruder hat ihn eingelocht. LeBeck ist gerade erst zu uns gekommen.“

Rachel seufzte. Die Tatsache, dass ihr Bruder Polizist war, machte ihr das Leben nicht gerade leichter. „Ich habe davon gehört. Hat er von seinem Recht zu telefonieren Gebrauch gemacht?“

„Nein.“

„Hat ihn jemand besucht?“

„Nein.“

„Na, großartig.“ Rachel hob die Aktenmappe hoch. „Dann lass ihn bitte holen.“

„Sieht so aus, als bekämst du wieder einen waschechten Verlierertypen, Rachel. Raum A, wenn’s beliebt.“

„Danke.“ Sie wandte sich ab und ging zu dem kleinen Raum, der nur mit einem langen Tisch und vier Stühlen ausgestattet war. Unterwegs gelang es ihr, sich eine Tasse Kaffee zu besorgen. Sie setzte sich, öffnete die Mappe und nahm die Akte von Nicholas LeBeck heraus.

Ihr Mandant war neunzehn, arbeitslos und wohnte in einem Zimmer in der Lower East Side. Sie seufzte beim Anblick seines Vorstrafenregisters. Keine weltbewegenden Delikte, stellte sie fest, aber es reichte, um diesmal erheblich in Schwierigkeiten zu kommen. Mit dem versuchten Einbruch war er eine Stufe höher geklettert, und auch die Möglichkeit, ihn als Minderjährigen einzustufen, war nur ein schwacher Lichtblick. Immerhin hatte er elektronische Geräte im Wert von mehreren tausend Dollar in einem Seesack bei sich, als Detective Alexej Stanislaski ihn schnappte.

Alex würde ihr den Sachverhalt ausgiebig schildern, daran bestand kein Zweifel für Rachel. Ihr Bruder tat nichts lieber, als sie mit der Nase auf alle Einzelheiten einer Straftat zu stoßen, das wusste sie aus Erfahrung.

Sie nahm noch einen Schluck aus dem Pappbecher, als ihr Mandant von einem griesgrämigen Polizisten hereingeführt wurde.

Nicht übergroß, dafür etwas untergewichtig, dunkelblonde, struppige Haare, eigentlich ganz attraktiv, schätzte sie ihn auf den ersten Blick ein. Wenn er nicht so verbittert aussehen würde.

„Danke, Officer.“ Auf ihr Nicken hin verließ der Polizist den Raum und ließ sie allein. „Mr. LeBeck, ich bin Rachel Stanislaski, Ihre Pflichtverteidigerin.“

„Ach ja?“ Er ließ sich auf einen Stuhl fallen und lehnte sich zurück. „Mein letzter Verteidiger war klein, dürr und glatzköpfig. Scheint, dass ich diesmal mehr Glück habe.“

„Ganz im Gegenteil. Sie wurden dabei ertappt, wie Sie aus dem zerbrochenen Fenster eines verschlossenen Lagerraumes kletterten. In Ihrem Besitz befand sich Ware im Wert von sechstausend Dollar.“

„Unglaublich, was das Zeug wert ist.“ Nick lächelte hämisch. Er hatte keine sehr angenehme Nacht in der Zelle verbracht, aber sein Stolz war ungebrochen. „Haben Sie Zigaretten dabei?“

„Nein. Mr. LeBeck, ich möchte Ihre Anhörung vor dem Untersuchungsrichter möglichst bald ansetzen, damit wir die Kaution aushandeln können. Es sei denn, Sie möchten Ihre Nächte lieber hier in der Zelle verbringen.“

Er zuckte mit den Schultern und versuchte, gleichgültig zu wirken. „Ich überlasse das alles Ihnen, Süße.“

„Fein. Und nennen Sie mich ruhig Stanislaski“, erwiderte sie freundlich. „Miss Stanislaski. Ich konnte Ihre Akte heute Morgen leider nur kurz einsehen. Deshalb hatte ich kaum Gelegenheit, mich mit dem zuständigen Staatsanwalt zu unterhalten. Angesichts der Vorstrafen und des Straftatbestands, dessen Sie hier beschuldigt werden, hat die Staatsanwaltschaft beschlossen, Sie nach dem Erwachsenenstrafrecht anzuklagen. Die Verhaftung war rechtens, Sie werden also keine Nachsicht erwarten können.“

„Erwarte ich auch nicht.“

Sie schloss die Akte. „Also, Mr. LeBeck, fassen wir zusammen: Sie wurden geschnappt, und falls Sie dem Gericht keine fantastische Geschichte wegen des zerbrochenen Fensters auftischen können, werden Sie sich mit dem Gedanken einer Haftstrafe anfreunden müssen.“

Nick grinste herablassend. „Klingt doch gar nicht so übel.“

„Die Sache stinkt. Sie haben sich schuldig gemacht. Und da der Officer bei Ihrer Verhaftung keinen Formfehler beging und Sie unglücklicherweise bereits ein Vorstrafenregister vorzuweisen haben, werden Sie um eine Strafe nicht herumkommen. Die Höhe der Strafe hängt allerdings von Ihnen ab.“

Er schaukelte weiter mit dem Stuhl. Eine Zelle, dachte er. Diesmal werden sie dich richtig einsperren, in eine Zelle ... nicht für ein paar Stunden, sondern für Monate oder Jahre. „Die Gefängnisse sind doch überfüllt, soweit ich weiß. Das kostet die Steuerzahler eine Menge Geld. Der Staatsanwalt könnte sich doch auf einen kleinen Handel einlassen.“

„Waren im Wert von fünfzehntausend Dollar sind verschwunden. Sie waren also nicht allein, LeBeck. Ich weiß das, Sie wissen das, die Polizei weiß es, und der Staatsanwalt ebenfalls. Geben Sie ihnen die Namen der Mittäter, einen Hinweis, wo sich die gestohlene Ware befinden könnte, und ich wäre in der Lage, einen Handel mit der Staatsanwaltschaft zu Ihren Gunsten abzuschließen.“

„Den Teufel werde ich tun. Ich habe nie gesagt, dass jemand dabei war. Niemand kann das Gegenteil beweisen.“

Rachel beugte sich vor und sah ihn herausfordernd an. „Ich bin Ihre Verteidigerin, LeBeck, und Sie sollten mich unter gar keinen Umständen anlügen, sonst lege ich den Fall nieder. Wenn Sie mitarbeiten, springen sechs Monate auf Bewährung heraus. Aber sitzen Sie nicht da und erzählen mir, Sie hätten das Ding allein gedreht.“

Nick schüttelte den Kopf. „Ich werde meine Freunde nicht verraten. Also, kein Handel.“

Rachel holte tief Luft. „Sie trugen bei der Verhaftung eine Jacke mit der Aufschrift Cobra.“

„Und weiter?“

„Sie werden nach Ihren Freunden fahnden, denselben Freunden, die sich aus dem Staub gemacht haben und Sie die Suppe jetzt allein auslöffeln lassen. Die Staatsanwaltschaft wird aus der Sache einen vorsätzlich vollendeten Einbruch zimmern und Ihnen eine Zwanzigtausend-Dollar-Schuld aufladen.“

„Keine Namen“, erwiderte er stur. „Kein Handel.“

„Ihre Loyalität ist bewundernswert, aber leider völlig fehl am Platz. Ich werde alles tun, die Strafe so gering wie möglich ausfallen zu lassen und eine Kaution zu erwirken. Aber ich glaube, es werden nicht weniger als fünfzigtausend werden. Könnten Sie zehn Prozent selbst zusammenkratzen?“

Keine Chance, dachte er und zuckte mit den Schultern. „Ich könnte ein paar Schulden eintreiben.“

„Also gut. Ich komme wieder.“ Sie stand auf und nahm eine Visitenkarte aus ihrer Tasche. „Falls Sie mich vor der Anhörung sprechen wollen oder falls Sie Ihre Meinung geändert haben, rufen Sie mich an.“

Sie klopfte gegen die Tür. Kaum hatte sich die Tür geöffnet, spürte sie, wie sich ein Arm um ihre Hüfte legte.

„Hallo, Rachel, lange nicht gesehen“, begrüßte ihr Bruder sie mit einem freudigen Lächeln.

„Ja, das muss schon etwas mehr als vierundzwanzig Stunden her sein.“

„Du bist gereizt.“ Er warf einen Blick auf Le-Beck. „Ach so, haben sie dir den Burschen angedreht?“

Sie stupste ihn mit dem Ellbogen in die Seite. „Lass deine Gehässigkeiten. Besorg mir lieber einen Kaffee.“

Sie verließen das Gebäude und gingen zum Präsidium, das nur wenige Blocks entfernt war. Rachel setzte sich hinter Alex’ Schreibtisch und wartete darauf, dass ihr Bruder mit den Pappbechern kam.

Am nächsten Schreibtisch saß ein kleiner, rundlicher Mann, der sich mit einem Taschentuch immer wieder über die verschwitzte Stirn wischte, während er kurzatmig eine Aussage zu Protokoll gab. Irgendwo ließ jemand eine laute Schimpfparade in Spanisch auf sein Gegenüber niederprasseln. Eine Frau mit einem Bluterguss im Gesicht saß auf einer Bank und wiegte ein Kleinkind in den Armen, während ihr unaufhörlich Tränen über die Wangen strömten.

Der Geruch von Verzweiflung, Wut, Hoffnungslosigkeit hing in der Luft, erfüllte das Revier. Rachel hatte schon immer gedacht, dass nur jemand, der einen ausgesprochen feinen Geruchssinn hatte, unter diesen erdrückenden Lagen auch den kaum wahrnehmbaren Hauch von Gerechtigkeit erkennen konnte. Es war auch nicht anders in den Räumen, in denen die Verteidiger arbeiteten.

Das Bild ihrer Schwester Natasha stieg in ihr auf, wie sie ihrer Familie in dem großen hübschen Haus in West Virginia das Frühstück in der gemütlichen Küche zubereitete. Oder wie sie die Tür zu dem wunderbaren Spielzeugladen aufschloss, um die ersten Kunden des Tages zu empfangen.

Das Bild ließ sie leise lächeln, so auch jenes, wenn sie sich vorstellte, wie ihr Bruder Mikhail in seinem hellen Atelier saß und leidenschaftlich an einem Holzblock schnitzte, um etwas unvergleichlich Schönes mit seinen Händen entstehen zu lassen. Vielleicht würde er eine schnelle Tasse Kaffee mit seiner großartigen Frau nehmen, bevor sie in ihr Büro im Stadtzentrum fuhr.

Und sie saß hier und wartete ungeduldig auf einen Pappbecher mit unweigerlich schlechtem Kaffee, in einem muffigen Raum, angefüllt mit den Bildern und den Gerüchen und den Geräuschen, die so typisch für das großstädtische Elend waren.

„Danke.“ Rachel seufzte, als ihr Bruder zurückkam und ihr den Kaffee in die Hand drückte. „Was ist bloß los mit uns, Alex?“

Er grinste spitzbübisch und legte den Arm um ihre Schultern. „Was soll schon los sein? Wir schlagen uns so durchs Leben, schlecht bezahlt und ohne Dank.“

Sie lachte leise und nahm einen Schluck von dem Kaffee, der verdächtig nach Motorenöl schmeckte. „Du bist immerhin gerade befördert worden, Detective Stanislaski.“

„Ich kann eben nichts dazu, dass ich gut bin. Du dagegen sorgst dafür, dass die Ganoven wieder frei herumlaufen können, während ich mein Leben riskiere, um sie hinter Schloss und Riegel zu bringen.“

Rachel warf ihm einen Blick über den Rand des Bechers zu und schnaubte abfällig. „Die meisten Leute, die ich vertrete, versuchen nur zu überleben.“

„Sicher ... indem sie stehlen und betrügen.“

Sie merkte, wie es in ihr zu brodeln begann. „Heute Morgen bei Gericht habe ich einen alten Mann verteidigt, der ein paar Einweg-Rasierer hat mitgehen lassen. Richtig gefährlich! Wahrscheinlich hätte man ihn wohl lebenslang in Einzelhaft stecken sollen, was?“

„Aha, es ist also in Ordnung, dass man stiehlt, solange es sich dabei um nichts Wertvolles handelt?“

„Der Mann braucht Hilfe, keine Gefängnisstrafe.“

„Wie dieser Kerl, den du letztens rausgepaukt hast? Der die beiden alten Leutchen im Laden terrorisiert und das Geschäft zerlegt hat, um an die erbärmlichen sechzig Dollar in der Kasse zu kommen?“

Sie schämte sich für diesen Fall, ja, sie schämte sich jämmerlich dafür. Aber die Regeln des Gesetzes waren eindeutig. „Das habt ihr Jungs selbst zu verantworten. Der Officer, der ihn festgenommen hat, hätte dem Mann seine Rechte in seiner Muttersprache verständlich machen sollen oder einen Übersetzer besorgen müssen. Mein Klient verstand kaum Englisch.“ Sie schüttelte den Kopf, bevor Alex sich weiter über sein Lieblingsthema auslassen konnte. „Ich habe nicht die Zeit, mit dir über Recht und Ordnung zu diskutieren. Ich wollte von dir etwas über Nicholas LeBeck erfahren.“

„Was ist denn mit ihm? Du hast doch schon den Bericht gelesen.“

„Du hast ihn verhaftet.“

„Ja, und? Ich wollte gerade nach Hause, als ich das zerbrochene Fenster und das Licht sah. Er kam mit einem prall gefüllten Sack elektronischer Geräte geradewegs herausgeklettert. Ich habe ihm seine Rechte verlesen und ihn eingelocht.“

„Was ist mit seinen Komplizen?“

Alex zuckte mit den Schultern. „Außer LeBeck war niemand am Tatort.“

„Komm schon, Alex. Mehr als das Doppelte von dem, was mein Mandant mit sich führte, ist verschwunden.“

„Er hatte vermutlich Komplizen, aber ich habe niemanden gesehen. Dein Mandant hat von seinem Schweigerecht Gebrauch gemacht. Und er hat ein ansehnliches Vorstrafenregister.“

„Kinderkram.“

„Jetzt behaupte bloß noch, er hätte seine Kindheit als Pfadfinder verbracht.“

„Er ist ein Cobra.“

„Nach seiner Jacke zu schließen, ja“, stimmte Alex zu. „Und er verhält sich auch so.“

„Er ist ein verängstigtes Kind.“

Alex warf den leeren Becher in den Papierkorb. „Er ist kein Kind mehr, Rachel.“

„Es ist mir egal, wie alt er ist, Alex. Jetzt sitzt er wie ein ängstliches Kind in seiner Zelle und spielt den starken Mann. Das könntest auch du sein, oder Mikhail, ja sogar Tash oder ich ... wenn wir andere Eltern gehabt hätten.“

„Verdammt, Rachel.“

„Wenn unsere Eltern nicht so hart für uns gearbeitet hätten, wären wir auch auf der Straße gelandet. Das weißt du.“

Alex widersprach seiner Schwester nicht. Aber was glaubte sie, warum er Polizist geworden war? „Fakt ist, wir sind eben nicht da gelandet. Wir wussten immer zu unterscheiden, was richtig und was falsch ist. Und das ist der springende Punkt.“

„Manchmal entscheiden sich die Menschen für den falschen Weg, weil sie niemanden haben, der ihnen den richtigen zeigt.“

Sie hätten noch stundenlang weiterreden können, aber Alex musste zum Dienst. „Du bist zu weichherzig, Rachel. Pass auf, dass dein Verstand nicht ebenfalls aufweicht. Die Cobras sind eine der härtesten Gangs in Manhattan, und dein Mandant gehört zu ihnen.“

Rachel sah ihren Bruder an. „Hatte er eine Waffe bei sich?“

„Nein.“

„Hat er Widerstand geleistet?“

„Nein, aber das ändert nichts an dem, was er getan hat und was er ist.“

„Das mag nichts an dem ändern, was er getan hat, aber das sagt doch möglicherweise eine Menge darüber aus, wer er ist. Die erste Anhörung ist um zwei.“

„Ich weiß.“

Sie küsste ihn und lächelte. „Wir sehen uns dort.“ Sie drehte sich um und verließ den Raum.

„Miss Stanislaski!“

Rachel blieb im Gang stehen und warf einen Blick über ihre Schulter. Hinter ihr stand ein großer, breitschultriger Mann in einem ausgebeulten Sweatshirt und abgetragenen Jeans. Er sah ziemlich verärgert aus. Seine dunkelblauen Augen verrieten, wie aufgebracht er war.

„Rachel Stanislaski?“

„Ja.“

Er schüttelte ihre Hand und begleitete sie die Stufen hinunter. „Ich bin Zackary Muldoon“, stellte er sich in einem Tonfall vor, als besage das bereits alles.

„Kann ich Ihnen helfen, Mr. Muldoon?“

„Das will ich schwer hoffen.“ Er strich sich mit der Hand durch das pechschwarze Haar. Er fasste sie am Ellbogen und nötigte sie die restlichen Treppen hinunter. „Wie kriegen wir ihn da raus? Und warum, zum Teufel, hat er Sie und nicht mich angerufen? Wozu muss er die ganze Nacht in der Zelle verbringen? Was für eine Anwältin sind Sie eigentlich?“

Rachel befreite sich aus seinem Griff und hob die Aktenmappe, bereit, sich gegen ihn zu schützen. „Mr. Muldoon, ich weiß nicht, wer Sie sind und wovon Sie sprechen. Und zufälligerweise bin ich ziemlich beschäftigt ...“

„Das interessiert mich nicht die Bohne. Antworten Sie mir. Wenn Sie keine Zeit haben, Nick zu helfen, werden wir einen anderen Anwalt nehmen. Ich möchte nur wissen, warum er sich eine so elegante, durchgestylte Tussi wie Sie aussuchen musste.“

Rachel hielt die Luft an und stieß ihm einen Finger auf die Brust. „Tussi? Sie sollten erst einmal richtig hinsehen, bevor Sie derartige Ausdrücke benutzen, oder ...“

„Oder Sie lassen mich durch Ihren Freund in eine Zelle sperren, stimmt’s? Welche Art Verteidigung sollte Nick wohl von einer Frau erwarten, die ihre Zeit damit verbringt, Bullen zu küssen und sich mit ihnen zu verabreden?“

„Das geht Sie überhaupt nichts an.“ Sie holte tief Luft. Nick. „Sprechen Sie von Nicholas LeBeck?“

„Von wem denn sonst? Und jetzt erwarte ich klare Antworten, sonst sind Sie den Fall los.“

„Hallo, Rachel.“ Ein Polizist in Zivil stellte sich hinter Rachel und sah Zackary argwöhnisch an. „Bist du in Schwierigkeiten?“

„Nein.“ Sie lächelte ihn gezwungen an. „Nein, alles klar, Matt. Vielen Dank.“ Sie stellte sich neben Zackary und dämpfte ihre Stimme. „Ich bin Ihnen keine Erklärung schuldig, Mr. Muldoon. Und Beleidigungen sind kein Erfolg versprechender Weg, mich zur Mitarbeit zu bewegen.“

„Dafür werden Sie bezahlt“, erwiderte er. „Also, wie viel?“

„Wie bitte?“

„Was ist dein Preis, Süße?“

Rachel biss die Zähne zusammen. Süße war in ihren Augen nicht minder beleidigend als Tussi. „Ich bin Pflichtverteidigerin, Mr. Muldoon. Die Stadt New York hat mir den Fall LeBeck übertragen. Ich bin nicht sein Privatbesitz.“

„Sie sind Pflichtverteidigerin? Wozu braucht Nick einen Pflichtverteidiger?“

„Weil er völlig mittellos ist. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte.“

„Er hat seinen Job verloren? Aber ...“ Diesmal wirkte Zackary eher resigniert, verzweifelt. „Er hätte doch zu mir kommen können.“

„Und wer, zum Teufel, sind Sie?“

 Zackary strich mit der Hand über sein Gesicht. „Ich bin sein Bruder.“

Rachel schob die Lippen vor und hob eine Augenbraue. Sollte er etwa auch zu den Cobras gehören? „Gibt es bei den Cobras keine Altersbegrenzung?“

„Bitte? Sehe ich so aus, als wäre ich Mitglied einer Straßengang?“

Rachel betrachtete ihn von oben bis unten. Er sah so aus, als könne er sich mit seinen großen Fäusten den Weg freimachen. Das scharfkantige Gesicht und der hitzige Blick bestärkten sie in der Annahme, dass er es möglicherweise genoss, anderen den Schädel einzuschlagen. „Ihr Benehmen passt wie die Faust aufs Auge zu meiner Annahme. Sie sind unverschämt und primitiv.“

Es kümmerte ihn nicht im Geringsten, was sie über sein Aussehen oder sein Benehmen dachte, aber es wurde Zeit, mit dieser Frau Klartext zu reden. „Ich bin Nicks Bruder – Stiefbruder, wenn Sie es genau nehmen wollen. Seine Mutter heiratete meinen Vater. Kapiert?“

„Aber er sagte, er habe keine Verwandten.“

„Er hat mich, ob er will oder nicht. Und ich kann mir einen richtigen Anwalt leisten.“

„Zufällig bin ich eine richtige Anwältin, stellen Sie sich das vor, Mr. Muldoon. Und wenn LeBeck einen anderen Rechtsbeistand wünscht, so kann er das selbst bestimmen.“

„Das hat noch Zeit.“ Er war sichtlich bemüht, seine Geduld wiederzufinden. „Im Augenblick möchte ich nur wissen, worum es eigentlich geht.“

„Na schön.“ Rachel warf einen Blick auf die Uhr. „Ich gebe Ihnen fünfzehn Minuten meiner Zeit, und zwar, während ich etwas esse. Ich muss in einer Stunde wieder im Gericht sein.“

2. KAPITEL

So wie sie aussah – elegant und sexy in einem Dreiteiler –, hätte Zackary darauf gewettet, dass Rachel ihn in eines der kleinen, beliebten Restaurants führen würde, in denen raffinierte Nudelgerichte und Weißwein serviert wurden. Stattdessen eilte sie mit großen Schritten – einmal brauchte er also sein Tempo nicht zu reduzieren! – den Gehweg entlang, blieb vor einem Imbissstand stehen und bestellte sich ein Hotdog.

Bei dem Gedanken, zu dieser Tageszeit etwas zu essen, das auch nur annähernd Ähnlichkeit mit einem Hotdog haben könnte, drehte sich ihm der Magen um. Also beschloss Zackary, sich mit einer Cola zu stärken und sich eine Zigarette anzuzünden.

Rachel nahm einen Bissen und leckte sich den Senf vom Daumen. Trotz eines intensiven Zwiebelgeruchs und diverser anderer Düfte nahm Zackary einen Hauch ihres Parfums wahr. Es war wie der Gang durch einen Dschungel, in dem sich süße Düfte überlagerten, um ganz plötzlich einem exotischen, verführerischen Aroma zu weichen.

„Die Anklage lautet auf Einbruchsdiebstahl“, erklärte Rachel mit vollem Mund. „Daran gibt es kaum etwas zu rütteln. Er wurde dabei ertappt, wie er aus einem Fenster kletterte, im Besitz von Waren, die mehrere tausend Dollar wert sind.“

„Reine Dummheit.“ Zackary trank das Glas halb leer. „Er hat es nicht nötig zu stehlen.“

„Sie können es drehen und wenden, wie Sie wollen. Er wurde erwischt, steht unter Anklage, und er leugnet die Tat auch nicht. Die Staatsanwaltschaft schlägt einen Handel vor. Wenn Nick mitmacht, dann könnte er mit einer Strafe auf Bewährung und einer Arbeit zum Wohl der Allgemeinheit rechnen.“

Zackary stieß eine Rauchwolke aus. „Dann wird er also mitmachen.“

Rachel zog eine Augenbraue hoch. Sie zweifelte nicht daran, dass Zackary Muldoon davon überzeugt war, immer seinen Willen durchzusetzen. „Ich habe so meine Zweifel. Er fürchtet sich zwar vor den Folgen, aber er ist auch sehr dickköpfig. Und er deckt die Cobras. Da es seine erste Straftat dieser Art ist, glaube ich, dass er mit drei Jahren davonkommen wird. Bei guter Führung könnte er nach einem Jahr entlassen werden.“