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b - a - c - h oder Die Unwirklichkeit der Zeit


b - a - c - h oder Die Unwirklichkeit der Zeit


1. Auflage

von: Volker Ebersbach

7,99 €

Verlag: Edition Digital
Format: EPUB
Veröffentl.: 30.11.2021
ISBN/EAN: 9783965215764
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 149

Dieses eBook enthält ein Wasserzeichen.

Beschreibungen

Ein geheimnisvolles, zuvor unbekanntes Manuskript aus der Leipziger Universitätsbibliothek. Sein Verfasser bleibt unbekannt, aber alles, was er darin berichtet, scheint zu stimmen. Zwölf Mal habe er in dessen letzten Lebensjahr den schon fast blinden Thomaskantor besucht und seine Äußerungen mitgeschrieben – ohne dass es Bach bemerkte. In seinen Aufzeichnungen hielt er auch ein Geheimnis des alten Mannes fest: „Mir allein vertraute er sein Geheimnis an, das Geheimnis, was er mit dem zunehmend sich verzweigenden, in vier magischen Tönen sich steigernden Geflecht perfekter Fugen gewollt hatte. Er ließ mich allein mit den seinen Worten, die man schlechthin nicht für sich behalten kann, so wie er an der Stelle, wo die Quadrupelfuge abbricht, den Lauschenden alleinlässt, sooft das Werk originalgetreu aufgeführt wird.“
Er erlebt einen rätselhaften und unheimlichen Bach und fürchtet, dass ihm niemand glauben wird, was er aufgeschrieben hat. Und der Anonymus berichtet von dem Ringen des Komponisten mit seiner „Kunst der Fuge“, die ihm zum Vermächtnis wird – auch wenn er schon zu Ende seines Lebens der Musikwelt seiner Zeit mehr und mehr unbekannt geworden war. Eine neue Musik schien die alte Musik vertrieben zu haben …
Volker Ebersbach hat einen philosophisch-musikalischen Roman geschrieben, in dem es um mehr geht als um biografische Einzelheiten, sondern um letzte Fragen nach menschlicher Schöpferkraft, um künstlerische Ansprüche und künstlerische Zweifel und um die geheimnisvollen Parallelen von Musik und Zeit. Bei dem Anonymus lesen wir: „Darum sind mir alle kompilatorischen Versuche, Bachs letztes Werk abzuschließen, so verhasst wie die Unart, nach dem Verklingen des letzten Tones den Choral ‚Vor deinen Thron tret‘ ich‘ anzustimmen. Die Stille, die da eintritt, muss ausgehalten werden. Sooft ich mir vorzustellen versuchte, wohin über die Quadrupelfuge und über den 239. Takt hinaus das nachgelassene Werk des Thomaskantors noch hätte gedeihen sollen, fand ich ihn – meist im Gegensatz zu mir, der ihn so lange nicht verstand – versöhnt mit seinem Erblinden und Dahinwelken, und mit seinem Sterben ging er nur den Weg, den „Die Kunst der Fuge“ mit ihrem ersten Thema längst eingeschlagen hatte.“
1. PRÄLUDIUM: Von Vätern und Müttern
2. TOCCATA: Orgelträume
3. PASTORALE: Bachin bleibt Bachin
4. PASSACAGLIA: Lebenslinien
5. CONCERTO: Gebändigtes Chaos
6.SONATE UND PARTITA: Seelentänze
7. SUITE UND CONTRAPUNCTUS: Bacchus und Bach
8. INVENTION UND FUGHETTA: Der wohltemperierte Mann
9. MOTETTE: Das nahe Rathaus und der ferne Hof
10. CANTATE: Nymphen und Engel
11. MISSA UND PASSION: Gebete
12. FUGA: Gipfelgänge
Volker Ebersbach ist am 6. September 1942 in Bernburg/Saale geboren und dort aufgewachsen. Nach Abitur und Schlosserlehre studierte er von 1961 bis 1966 Klassische Philologie und Germanistik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. 1967 promovierte er über den römischen Satiriker Titus Petronius. Danach lehrte er Deutsch als Fremdsprache ab 1967 in Leipzig, 1968 in Bagdad, 1971 bis 1974 an der Universität Budapest, wo er auch mit seiner Familie lebte.
Seit 1976 ist er freier Schriftsteller, Übersetzer und Herausgeber. Er schreibt Erzählungen und Romane, Kurzprosa, Gedichte, Essays, Kinderbücher, Biografien und Anekdoten. Er übersetzte aus dem Lateinischen ausgewählte Werke von Catull, Vergil, Ovid, Petronius, das Waltharilied, Janus Pannonius und Jan Kochanowski. Einzelne Werke wurden ins Slowenische und Koreanische übersetzt.
Von 1997 bis 2002 war er Stadtschreiber in Bernburg. Danach lehrte er bis 2004 an der Universität Leipzig.
Preise und Auszeichnungen
Lion-Feuchtwanger-Preis, 1985
Stipendiat des Künstlerhauses Wiepersdorf und des Stuttgarter Schriftstellerhauses, 1993
Zu den Weihnachtstagen des Jahres 1749 habe ich Herrenhaus und Park zum letzten Mal gesehen, vor mehr als einem halben Jahrhundert. Der Berg und das Gut liegen im flachen Land wie eine Insel im Meer, und es war sozusagen ein zugefrorenes Meer, denn in der Ebene lag, was selten vorkommt, viel Schnee, und Tag für Tag zog die Sonne ihren flachen Bogen über einen wolkenlosen, frostblauen Himmel, der so blau und kalt war, dass er mir wie eine Glocke aus Eis in den Ohren klirrte. Weit schien die Wintersonne in die mittägliche Flucht der alten, hohen Bäume und leuchtete in die letzten staubigen Winkel. Sie brachte die Goldrahmen der Ahnenporträts, die Intarsien der Möbel und die Nippes zum Leuchten und legte in die verschossenen Gobelins und die zerschlissene Seide der Polstermöbel einen gedämpften Glanz, ja sie weckte alle Gerüche meiner Kindheit und verschärfte den Schmerz über die Vergeblichkeit meines Kommens.
Das alles hätte mir gehören sollen! Aber meine Eltern, denen ich hier nichts Abträgliches nachsagen möchte, zumal meine Mutter bald darauf verstarb, mussten es verkaufen. Und der Besitzer war der Vormund meiner Braut. Alle Rechtsmittel, über die ich in Leipzig Erkundigungen eingeholt hatte, verschlugen nichts, denn ich war nicht mündig, und mein verwitweter Vater hatte sich, nicht ohne einen rührenden Abschiedsbrief, mit seiner Geliebten nach England abgesetzt, um weiteren Gläubigern zu entkommen. Wenn jemand Schiffbruch erleidet, kommen Leute, die ihm helfen wollen, aber es kommen auch Strandräuber. Die Hilfreichen sind anständig und scheuen die Gewalt. Die Strandräuber sind gewalttätig und kennen keinerlei Anstand: Man sieht leicht das Schicksal des Schiffbrüchigen voraus.
Zum Schmerz gesellte sich die Scham, denn die Sinnlosigkeit meines Versuchs lag auf der Hand, und ich machte mich lächerlich. Und zur Scham kam die Schmach, denn es geschah, was ich unter allen Umständen hätte vermeiden wollen: Ich begegnete meiner Braut, die inzwischen die Frau eines anderen war. Ein gemeinsamer Gang durch die lange, schneehelle Allee des Parks überzeugte mich davon, dass ich ihre Liebe noch hatte, und so war zur Schmach auch noch die Bitternis gekommen. Denn es erschütterte mich, mit welch schlichten Argumenten sie sich in unser Schicksal fügte, als wäre es nur ein Missgeschick, dass wir einander nicht gehören sollten, und alle Gelegenheiten heimlicher Zusammenkünfte von sich wies. Ich glaubte schon, sie sähe wie ihr Vormund und ihr Gatte auf mich, den Habenichts herab. Aber dann lag sie lange, jeden Kuss erwidernd, in meinen Armen.
Das alles erzählte ich dem Thomaskantor. Ich wollte nur seine Frage beantworten, weshalb ich ihm meinen Besuch nicht schon vor dem Fest abgestattet, sondern bis zum Tag vor Silvester damit gewartet hätte. Aber es brach aus mir heraus. Freilich durfte ich nicht damit rechnen, dass ihn das interessierte.
„Köthen!“, rief er, kaum dass ich auch die Türme der Stadt erwähnt hatte, die man in der Klarheit des Frostwetters hatte erkennen können. „Nur Köthen war besser als Weimar. Was bin ich nicht herumgereist zwischen deutschen Wäldern und deutschen Küsten. Und eigentlich bin ich ein zutiefst sesshafter Mensch, und in Köthen wäre ich gern geblieben, wenn es dem Herrgott gefallen hätte.“
Dann sagte er stumpf und mit verdrießlichem Gesichtsausdruck, man könne übrigens einander auch weit grausamer verfehlen.
Ich selbst war schuld, dass unser Gespräch gleich eine Wendung zu nehmen drohte, die mir zu nahe ging.
Was ihm denn so an dieser kleinen, sehr kleinen Residenz gefallen habe, fragte ich.
„Der junge Fürst“, kam im vorangegangenen frischen Ton die Antwort. „Leopold kannte mit vierundzwanzig Jahren Holland und England, Wien, Rom und Venedig. Er hatte die Leute, deren Sachen wir in Weimar spielten, selbst musizieren hören. Den Johann David Heimchen, der dann kursächsischer Hofkapellmeister in Dresden wurde, schnappte ihm in Rom der Kurprinz vor der Nase weg. Das war mein Glück, an Dresden dachte ich da noch nicht weiter, außer dass ich für meinen wachsenden Hausstand das Preisgeld hätte brauchen können. Doch ich erhielt ein besseres Gehalt als bei Wilhelm Ernst in Weimar, war als Hochfürstlich Anhalt-Köthenscher Kapellmeister den prinzlichen Kammerdienern gleichgestellt.“
Die Kirchenmusik hatte ihm anscheinend nicht gefehlt. Nur dass sie keine Rolle spielte bei den Reformierten in Anhalt, erwähnte er kurz, und dass er, wann er wollte, in der Schlosskapelle an der schon erwähnten Zuberbier-Orgel aus Bernburg improvisieren und komponieren und sie nach Belieben, wie es üblich wurde, statt des Cembalos als Soloinstrument für ein Konzert benutzen durfte.
„Ich bin Musikant, nichts weiter!“, sagte er, wie schon einmal, dazu.

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