Details

Neue Farm der alten Tiere


Neue Farm der alten Tiere


1. Auflage

von: Sonja Voß-Scharfenberg

7,99 €

Verlag: Edition Digital
Format: PDF
Veröffentl.: 09.08.2022
ISBN/EAN: 9783965217393
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 245

Dieses eBook enthält ein Wasserzeichen.

Beschreibungen

„Dem Ostdeutschen geschrieben und dem Westdeutschen ins Nest gelegt“ - so kommentiert die Schweriner Schriftstellerin SONJA VOSS-SCHARFENBERG ihr jüngstes Buch „Neue Farm der alten Tiere“.
Nahm George Orwell mit seiner 1943/1944 entstandenen Parabel „Die Farm der Tiere“ noch den Stalinismus Ende der Dreißiger-, Anfang der Vierzigerjahre mit beißendem Spott aufs Korn, so wird die Farm hier zum Schauplatz der Wende und der Wiedervereinigung.
Ein fantasievolles Buch, das die Ereignisse unserer jüngsten Vergangenheit mit einem lachenden und einem weinenden Auge ins Reich der Fabel rückt.
Zugleich unterhaltsam und bitterernst schärft es den Blick auf die Geschehnisse in diesem Land.
Ein „Wendebuch“ besonderer Art, das mit Sicherheit die Gemüter erhitzen wird.
In seiner Neuauflage, fünfundzwanzig Jahre nach dem Mauerfall macht das Buch sich abermals auf den Weg, sich in die euphorischen Gesänge zu drängen und dem rauschenden Feste beharrlich vom nackten Kaiser zu sprechen.
Geboren am 4. August 1957 in Schwerin, kommt aus der Bewegung der schreibenden Arbeiter, hat ihren literarischen Weg dort begonnen und später (1981-1984) am Institut für Literatur in Leipzig ein Fernstudium absolviert; hat in verschiedenen literarischen Gruppen, Zirkeln und Werkstätten mitgewirkt, Workshops und Seminare geleitet und Lesungen organisiert; lebt in Schwerin.
Veröffentlichungen
Erster Prosaband „Gegenwind“, erschienen 1990 beim Verlag Neues Leben Berlin.
Funkmonolog „Schickelkind“ DS Kultur, 1991. Der Funkmonolog war über längere Zeit auch Bestandteil des Theaterabends „Abwege, ganz normal nach rechts?“ in der Kulturfabrik auf Kampnagel.
„Neue Farm der alten Tiere. Ein Märchen?“ gewissermaßen eine Fortsetzung von Orwells „Farm der Tiere“, projiziert auf die Wende – erschienen 1994 beim Verlag „Stock & Stein“ Schwerin, Neuauflage 2015 Wieden-Verlag.
„…dies Land wär lauter Braut“. Lyrik und Fotografie aus Mecklenburg-Vorpommern, gemeinsam mit der Fotografin Angelika Lindenbeck. Erschienen 2000 bei NORA 5 Verlag und Werbe GmbH, Schwerin.
„Im Gelben“, Geschichten aus Mecklenburg-Vorpommern, Edition „M“ 2004, hrsg. vom Litraturhaus „Kuhtor“ Rostock.
„Max und Moritz im neuen Deutschland“, eine Adaption der Bildergeschichte von W. Busch, projiziert auf die heutige Zeit, Vorwort, sieben Teile und Schlusswort, gereimt. Mit Handzeichnungen von L. Meinke, Wieden Verlag, 2013.
Eisblumen, Erzählung freiraum-verlag Greifswald 2014.

Seit 2012 wöchentliche Kolumne in der Schweriner Volkszeitung zu lokalen und auch übergreifenden aktuellen Geschehnissen: Bis 2018 „Neulich am Runden Tisch“ und seit 2018 als Straßenfeger „Vadder Felten“.
- Veröffentlichungen kurzer Prosa in regionalen und überregionalen Zeitschriften, u. a. in der ndl, im „Spiegel“ und im Rundfunk, mehrmals in RISSE, Zeitschrift für Literatur in Mecklenburg und Vorpommern.

- Anna-Seghers-Stipendium der Akademie der Künste Berlin 1990.
- Preisträgerin des 1. Landschreiber-Wettbewerbs (1. Preis) des ADW Verlags und der Gesellschaft für deutsche Sprache (Leipziger Buchmesse 2013)

- Mitglied im VS
Für einen Bruchteil von Sekunden mögen die Tiere den Atem angehalten haben. Dann änderte die Masse jäh ihre Richtung um 180 Grad und lief, galoppierte, watschelte, rannte, sprang und hüpfte hinunter zum Tor. Ein jedes von ihnen beeilte sich so gut es konnte zu sehen, was sie erst glauben würden, wenn ihre eigenen Augen es ihnen bestätigten.
So hinterließ diese bunte Herde nur das eigenartige und beängstigende Geräusch, das durch ihre schnelle und massive Fortbewegung hervorgerufen wurde, und eine riesige Staubwolke. Vergessen waren das Treffen, das Programm, die Mühsal und die Furcht.
Jeder von ihnen war während des Rennens damit beschäftigt, was es wohl, wenn wirklich das Tor offen sein sollte, was man immer noch bezweifelte, dahinter gäbe.
Beth, eine der Kühe, wollte, wenn es überhaupt gelänge, dieses Land so vorsichtig wie nur möglich betreten, dass nichts zerstört würde in ihm durch ihren Huf.
Viele der Schafe dachten, jetzt würden sie es ja sehen und möglicherweise gar kosten dürfen, was es auf sich habe mit den Berichten der Tauben über die Futtermittel.
Bob, der eben noch als Vertreter in den Gemischten Kreis gewählt worden war, überlegte, ob man sich nicht besser gleich umsehen sollte, um dortbleiben zu können.
Die Hühner träumten von goldenen Eiern, die man dort angeblich zu legen pflegte, die Enten von Teichen, auf denen man vor gesundem Entengrün kein Wasser sah.
Und Kleeblatt, vielleicht die einzige, die nicht zweifelte, ob die Nachricht denn stimme, wollte zum erstbesten Pferdestall, einen Knecht zu suchen. Einmal noch gestriegelt von fester Hand und dann sterben, dachte sie.
Benjamin hatte zwar wenig Eile, aber auch er trabte in Richtung Tor. Ein historischer Moment, bephraselte er sich, und wenn man schon lange lebt, darf man die wenigen historischen Momente nicht verpassen.
Muriel stand verlassen und traurig noch am Platze des Treffens. Die Revolutionäre, konstatierte sie sarkastisch, erleben ihren Nurmalguckentraum, da muss die Revolution halt warten. Langsam trottete sie in ihren Stall, um dann dort hemmungslos zu weinen.
Selbst Moses und die Tauben, für die drüben nicht so etwas Besonderes war, waren zum Ort des Geschehens geflogen.
Wenn die Tiere, obwohl in großer Eile, zum Tor noch einigermaßen vernünftig und rücksichtsvoll gelaufen waren, so gab es, als sie des zweifelsfrei offenen Tores ansichtig wurden, einen weit hörbaren Jubel und ein katastrophales Gedränge.
Zwei Hühner ließen ihr Leben, noch ehe sie die andere Seite gesehen hatten, zertreten von den größeren Tieren. Die Katze, die sich auch hier wieder eingefunden hatte, büßte ein Stück ihres Schwanzes ein. Gequetschte Schnäbel, verstauchte Flügel – die kleineren Tiere wurden zu mehreren verletzt.
Ein Schaf hatte sich durch einen langen rostigen Nagel im Tor das Fell eingerissen.
Beth beklagte ein angebrochenes Horn, eine andere Kuh ein verletztes Auge. Die Hühner hatten sich nach dem Tod der beiden Artgenossen und dem unwürdigen Verhalten der Großen wie Adler auf die Huftiere gestürzt und hackten nun mit ihren Schnäbeln nach ihnen.
Das Tor war zu eng. Und so hat es in dieser Jubelnacht viel Schmerz und einiges Blutvergießen gegeben.
Schließlich kamen von drüben Menschen mit Werkzeugen und rissen ein Stück des Zaunes ein.
Tiere von dort kamen gelaufen und standen Spalier. Man wieherte, muhte, blökte, grunzte, gackerte, quiekte, schnatterte – jeder auf seine Art und jeder, so glaubte er, glücklicher als er es jemals zuvor war.
Drüben hatte man auf die Schnelle für jeden Gast ein reiches Mahl bereitet, als Begrüßungsgeschenk sozusagen. Man beschnupperte sich, freute sich und man bekundete sich gegenseitig die Brüder- und Schwesternverwandtschaft. Mr. Pilkington persönlich ließ sich in den verschiedenen Ställen sehen. Er streichelte diesen und jenen, klopfte den Pferden freundlich den Rücken, verteilte Zucker, kümmerte sich mit anderen Menschen um die Verletzten.
Als ein paar Schafe sich in Mr. Pilkingtons Garten fressend umtaten, wofür die von drüben hatten mit der Peitsche rechnen müssen, wurden sie freundlich und bestimmt hinausgeleitet, worüber die Drüben-Schafe sich sehr empörten.
Einerseits waren sie neidisch, denn Pilkingtons offenbar guten Salat hatten sie nie probiert, andererseits rümpften sie alsbald die Nasen, weil die armen Schafsbrüder nicht wüssten, was sich gehörte, was man ihnen sicher aber bald beibringen würde.
Im Kuhstall diskutierte man die Vor- und Nachteile der jeweiligen Systeme. Nun, man hatte wenige Argumente, wenn man als Kuh der Farm der Tiere, nicht eben fett und nicht eben mit großer Milchleistung, in einem hell erleuchteten im September schon beheizten Kuhstall stand und immerzu nach den Melkmaschinen schielte, von deren Existenz man zwar schon gehört hatte, aber noch keine Ahnung besaß, wie so etwas funktionierte.
Die Fresskübel waren randvoll, und das Wasser sah aus, als käme es aus einem Wasserhahn, wie Menschen ihn benutzten, so sauber war es.
So wollte man es auch gern haben.
Aber auch hier gab es Nasenrümpfen von Seiten der Drüben-Kühe, als eine der anderen, die gerade ihre Freiheit erlangt hatten, ihren Fladen dort ließ, wo sie stand, eben mit glotzenden Augen vor der Melkmaschine.
Man nahm dies zum Anlass, den Kühen den Rost zu zeigen, der sich eine Kuhlänge entfernt vom Fresstrog befand. Dort sei diesem tierlichen Bedürfnis nachzukommen, an der Melkmaschine gehöre es sich nicht, um nicht zu sagen, das sei eine grobe Verletzung der Stallordnung.
Die betroffene Kuh schämte sich so gut sie konnte und hatte alsbald keine Lust mehr, länger in diesem sterilen Stall zu stehen und zu diskutieren.

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