Die Orgie der Teufel

 

 

 

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Band 14

 

Die Orgie der Teufel

 

von Ernst Vlcek und Neal Davenport u.a.

 

 

© Zaubermond Verlag 2012

© "Dorian Hunter – Dämonenkiller"

by Pabel-Moewig Verlag GmbH, Rastatt

 

Titelbild: Mark Freier

eBook-Erstellung: story2go

 

© 2008 Zaubermond-Verlag

http://www.zaubermond.de

 

Alle Rechte vorbehalten

 

 

 

 

Was bisher geschah:

 

Der ehemalige Reporter Dorian Hunter hat sein Leben dem Kampf gegen die Schwarze Familie der Dämonen verschrieben, seit seine Frau Lilian durch eine Begegnung mit ihnen den Verstand verlor. Seine Gegner leben als ehrbare Bürger über den gesamten Erdball verteilt. Nur vereinzelt gelingt es Dorian, ihnen die Maske herunterzureißen. Unterstützung in seinem Kampf erhält er durch den englischen Secret Service, den er von der Wichtigkeit seiner Mission überzeugen konnte. Der Service gründete die Inquisitionsabteilung, deren Leiter Trevor Sullivan seitdem auch Dorians Vorgesetzter im Kampf gegen die Dämonen ist. Ihr Hauptquartier ist die Jugendstilvilla in der Londoner Baring Road, die durch Dämonenbanner gegen einen Angriff der Schwarzen Familie gesichert ist.

Bald kommt Hunter seiner eigentlichen Bestimmung auf die Spur: In einem früheren Leben schloss er als französischer Baron Nicolas de Conde einen Pakt mit dem Teufel, der ihm daraufhin die Unsterblichkeit gewährte. Um seine Sünden zu büßen, verfasste de Conde den »Hexenhammer« – jenes Buch, das im 16. Jahrhundert zur Grundlage für die Hexenverfolgung wurde. Der Pakt galt, und als de Conde selbst der Ketzerei angeklagt und verbrannt wurde, ging seine Seele in den nächsten Körper über. Dorian Hunter begreift, dass er die Wiedergeburt de Condes ist. Als die Inquisitionsabteilung wegen Erfolglosigkeit aufgelöst wird, setzt er den Kampf auf eigene Faust fort – zusammen mit den engsten Gefährten: der jungen Hexe Coco Zamis, die früher selbst ein Mitglied der Schwarzen Familie war, bis sie aus Liebe zu Dorian die Seiten wechselte, dem Hermaphroditen Phillip, dem Puppenmann Don Chapman und dem Ex-Leiter der Inquisitionsabteilung, Trevor Sullivan.

Hunter gelingt es, Asmodi, das Oberhaupt der Schwarzen Familie, zu vernichten. Als mit Olivaro auch dessen Nachfolger vor der internen Opposition der Dämonen kapituliert, scheint das Spiel gewonnen. Doch da meldet eine neue Kandidatin ihre Ambitionen an – Hekate, ein dämonisches Wesen, das aus einer Alraune geschaffen wurde und mit dem Dorian Hunter mehr verbindet, als er bisher ahnen kann. Stück für Stück kommt er seiner Erinnerung auf die Spur und muss erkennen, dass die Frau, der er in seinem früheren Leben als Georg Rudolf Speyer begegnete, heute seine Todfeindin ist ...

 

 

 

 

Erstes Buch: In der Gewalt der Schneemenschen

 

 

In der Gewalt der Schneemenschen

 

von Neal Davenport

 

1. Kapitel

 

Gregor Yameshi stemmte sich gegen den Schneesturm. Immer wieder musste er stehen bleiben. Er drückte sich an die hohe, unbezwingbar scheinende Steilwand. Der Schnee fiel so dicht, dass er kaum einen Meter weit sehen konnte. Von den vier Sherpas, die ihn begleiteten, sah er nichts.

Eine weitere Suche dürfte bei diesem scheußlichen Wetter unmöglich sein, dachte er. Ich muss versuchen, so rasch wie möglich ins Lager zurückzukommen. Aber eine Rückkehr war bei einem solchen Sturm auch nicht so einfach. Vor weniger als einer Stunde hatte er einen Gletscher überquert – und jetzt würde er die heimtückischen Spalten kaum erkennen können.

Er setzte sich und starrte die Schneeflocken an, die ihm entgegenpeitschten. Schon lange zuvor hatte er die Kapuze seines pelzgefütterten Anoraks aufgesetzt. Sein Haar war grau, etwas heller als der wild wuchernde Vollbart, der ihn älter erscheinen ließ, als er war. Yameshi war im Himalajagebiet aufgewachsen und an das Wetter gewöhnt – er kannte die Schrecken der Berge, den plötzlichen Wetterumschwung, die gefährlichen Steilwände und die Spalten, die sich wie tiefe Wunden durchs Gestein zogen. Der Berg war sein Gegner und sein Freund. Er hasste und liebte ihn. Für ihn waren die Achttausender wie Frauen – manchmal sanft und freundlich, dann trügerisch und unberechenbar.

Angeblich sollte sein Vater ein versoffener Engländer gewesen sein, der seine Mutter, eine Inderin, in Gorakhpur kennen gelernt hatte. Der Brite schwängerte sie, zog den Hut und verschwand für immer. Auch an seine Mutter konnte sich Yameshi nur undeutlich erinnern. Sie war eine sanfte, winzig kleine Frau gewesen, die selten gelacht hatte. Nach ihrem Tod war er nach Nepal zu Verwandten gebracht worden. Er wusste nicht einmal genau, wie alt er war; doch das war unwichtig. Aufgewachsen unter den Sherpas, hatte er schon in frühester Jugend Bekanntschaft mit den Bergen gemacht.

Der Schneesturm wurde noch heftiger. Irgendwo krachten gewaltige Eisbrocken ins Tal.

Yameshi lehnte sich gegen die Felswand. In den vergangenen zwanzig Jahren war er viel in der Welt herumgekommen. Man konnte ruhig sagen, dass er vermögend war. Er hätte es nicht nötig gehabt, sich hier aufzuhalten, doch die Berge des Himalajas ließen ihn nicht los. Er hätte sich irgendwo ein Haus kaufen und eine Frau heiraten können, doch er wollte es nicht; er liebte das Abenteuer, kämpfte gern. Sein ganzes Leben lang war er ein Kämpfer gewesen. Es war ihm gleichgültig, wer sein Gegner war – ein Tier, ein Berg oder ein Mensch. Gelegentlich hob er den Kopf und lauschte, doch außer dem wütend heulenden Sturm war nichts zu hören. Der Schnee hüllte seine angezogenen Beine wie ein Tuch ein.

Vor einigen Wochen hatte er sich einer Expedition angeschlossen, die auf der Suche nach dem Yeti war, jenem geheimnisvollen Schneemenschen, von dem kein Foto existierte. Die meisten Menschen hielten die Erzählungen über den Yeti für Märchen, doch Yameshi wusste es besser. Er selbst hatte einige Yetis erlegt. Früher hatte man sie oft gesehen, doch seit der Tourismus auch in diesem entlegenen Winkel der Erde boomte, hatten sich die Yetis zurückgezogen.

Bis jetzt hatte die Expedition in der Gegend des Mount Everest fünf Siebentausender untersucht, aber keine Spur eines Yetis gefunden. Doch vor zwei Tagen hatte ein Sherpa Glück gehabt: Im frisch gefallenen Schnee hatte er die Fußspuren eines großen Yeti entdeckt. Irgendwo in der Gegend mussten sich diese Kreaturen also aufhalten, und Yameshis Aufgabe war es, sie aufzuspüren. Geduldig wartete er auf das Nachlassen des Schneesturms. Um die vier Sherpas, die ihn begleiteten, machte er sich nur wenig Sorgen. Sie waren, so wie er, in den Bergen aufgewachsen und hatten unzählige Expeditionen begleitet.

Seine Gedanken irrten ab. Er dachte an Jeff Parker, der vor einigen Wochen plötzlich aufgetaucht war und sich der Expedition angeschlossen hatte. Jeff Parker war nur aufgenommen worden, weil er sich mit mehr als fünfzig Prozent an den Expeditionskosten beteiligt hatte. Yameshi hatte sich für ihn eingesetzt, als er erfahren hatte, dass Jeff Parker mit Dorian Hunter befreundet war. Yameshi grinste, als er an Dorian Hunter dachte. Er hatte ihn in Schweden kennen gelernt, als er zusammen mit einigen anderen Abenteurern Elmar Larssons Auftrag, einen Werwolf zu jagen, annahm. Er hatte Erfolg gehabt – so wie immer in seinem Leben. Yameshi tötete den Werwolf und kassierte ein kleines Vermögen. Er hatte Hunter an der Prämie beteiligen wollen, doch dieser hatte abgelehnt. Yameshi gab Feodora Munoz einen Teil der Summe. Er dachte an die bildschöne brasilianische Mulattin, mit der er einige Zeit zusammengeblieben war.

Der Schneesturm ließ nach. Yameshi stand auf, lehnte sich gegen die Steilwand, klopfte sich den Schnee von den Kleidern und blickte sich um. Die Sicht war besser geworden. Das Heulen des Windes klang wie das Wehgeschrei von unzähligen klagenden Kindern.

Fünfzehn Minuten später war die Sicht so gut, dass Yameshi den Abstieg wagen konnte. Er ging an der Steilwand entlang, bis er den gewaltigen Gletscher erblickte. Der Wind blies in sein Gesicht und schleuderte ihm kleine Eisstücke entgegen. Er kam nur langsam vorwärts. Immer wieder blieb er stehen und blickte sich um. Von den vier Sherpas sah er keine Spur. Nur noch hundert Meter, dann hatte er den Gletscher erreicht. Er richtete sich auf, als er im schwachen Schneetreiben eine schemenhafte Gestalt erblickte.

»Hallo!«, brüllte Yameshi mit voller Kraft. »Hallo!«

Doch die undeutlich zu erkennende Gestalt reagierte auf sein Schreien nicht. Rasch ging er weiter. Einmal glitt er aus, fiel zu Boden und rutschte einige Meter den Abhang hinunter. Fluchend richtete er sich wieder auf. Die schemenhafte Gestalt war verschwunden.

Yameshi kniff die Augen zusammen. Er war sicher, dass die Gestalt keiner der Sherpas gewesen war. Dazu war sie zu groß und breitschultrig gewesen.

Er wandte sich nach links. Sicherheitshalber lud er seine Command Lady, die schwere Elefantenbüchse, durch. Er war überzeugt, dass er einen Yeti gesehen hatte. Vorsichtig schlich er weiter. Nach wenigen Metern wurde der Schneesturm wieder stärker, doch unbeirrt stapfte er durch den kniehohen Schnee. Ein lauter Schrei ließ ihn zusammenzucken. So schrie nur ein Mensch in höchster Lebensgefahr. Er beschleunigte sein Tempo. Keuchend hastete er vorwärts, die Waffe schussbereit in die Hüfte gestützt. Doch der Schnee fiel zu dicht ... Er konnte kaum etwas sehen. Plötzlich klaffte links in der Wand eine breite Spalte. Er zögerte einige Sekunden, dann betrat er die Öffnung. Nach wenigen Schritten wurde es dunkel. Er hatte eine Höhle betreten. Einmal wandte er den Kopf herum. Vor der Höhle fiel noch immer der Schnee in dichten Flocken, und auch in der Höhle war Schnee.

Yameshi bückte sich. Deutlich waren Fußabdrücke zu erkennen. Sie waren riesig, mindestens einen halben Meter lang und dreißig Zentimeter breit. Die Abenteuerlust trieb Yameshi tiefer in die Höhle hinein. Nach wenigen Schritten führte sie steil in die Tiefe. Es wurde immer dunkler. Yameshi holte seine Taschenlampe hervor und knipste sie an. Die Höhle war vielleicht drei Meter hoch. Die Wände waren mit Eis bedeckt. Nach zwanzig Schritten wurde es hell. Er steckte die Taschenlampe ein, trat aus der Höhle, blieb stehen und blickte sich um. Er hatte den Eindruck, dass er sich in einem kleinen Tal befand. Allzu viel konnte er nicht erkennen. Auch hier wütete der Schneesturm.

In den vergangenen Tagen hatten sie eingehend das ganze Gebiet abgesucht, dabei war ihnen aber die Höhle nicht aufgefallen. War es möglich, dass er zufällig den Schlupfwinkel der geheimnisvollen Schneemenschen entdeckt hatte? Die Sherpas munkelten viel von versteckten Höhlen und Schluchten, in denen die Yetis hausen sollten, doch nie hatte ein Mensch diese Schlupfwinkel gefunden. Sein Herz schlug rascher. Er überlegte, ob er weitergehen oder die Suche bei besserem Wetter fortsetzen sollte.

Allein kann ich kaum etwas unternehmen, dachte er. Es wird wohl besser sein, wenn ich zum Basislager zurückkehre.

Er wandte den Kopf herum, als er hinter sich ein Geräusch hörte, und riss das Gewehr hoch. Eine riesige, graue Gestalt trat aus der Höhle. In den gewaltigen Armen trug sie einen bewusstlosen Sherpa. Der Yeti blieb einen Augenblick stehen, dann ließ er den Bewusstlosen fallen und sprang auf Yameshi zu.

Yameshi warf sich zur Seite und drückte ab. Sein Schuss traf den Yeti in die rechte Schulter. Hellrotes Blut spritzte aus der Wunde – der Yeti stieß ein klagendes Winseln aus, erhob sich und ging wieder auf Yameshi los. Zwei weitere Schneemenschen stürmten aus der Höhle. Einer hatte ein dunkelbraunes Fell, während der andere fast schwarz war. Yameshi blieb keine andere Wahl. Er musste tiefer in die Schlucht hinunter. Der Zutritt zur Höhle war ihm versperrt. Er rannte los. Nach zehn Schritten verschluckte ihn der Schnee, nach hundert Metern blieb er stehen und lauschte. Deutlich hörte er die Schreie der Yetis, die ihn verfolgten. Keuchend stürmte er weiter. Er stolperte, fiel zu Boden, sprang auf und krachte mit dem Kopf gegen eine Wand. Benommen prallte er zurück.

Für einen Augenblick wurde das Schneetreiben schwächer. Yameshi hob den Kopf, und sein Mund öffnete sich vor Überraschung. Er stand vor einem gewaltigen Bauwerk, das einem Kloster ähnlich sah. Es war über und über mit Eis und Schnee bedeckt.

Er befand sich in etwa sechstausend Metern Höhe. Mit allem hätte er gerechnet, doch in dieser Höhe ein gewaltiges Bauwerk zu finden, das war eine echte Überraschung. Ein Schrei riss ihn in die Wirklichkeit zurück.

Eine gewaltige Tatze schlug ihm das Gewehr aus der Hand. Er taumelte, und mächtige Pranken griffen nach ihm. Verzweifelt schlug er um sich, doch die zwei Yetis, die ihn gepackt hatten, ließen nicht locker. Yameshi bekam einen Schlag in den Nacken und gleich darauf noch einen. Rote Kreise explodierten vor seinen Augen, dann brach er bewusstlos zusammen. Er fiel in den Schnee, und die Yetis umringten ihn.

Yameshi merkte nicht mehr, dass er hochgehoben und in das tempelartige Gebäude getragen wurde.

 

Es war ein strahlender schöner Maitag, an dem die Maschine der Royal Nepal Airlines Corporation auf dem Flughafen Tribhu van Biman Ghat landete. Unter den siebenundzwanzig Passagieren – hauptsächlich Touristen – befanden sich auch Dorian Hunter und Coco Zamis. Sie betraten die Gangway und blieben einen Augenblick stehen. Es war heiß. Der Flughafen war ziemlich primitiv: einige Hangars und ein unscheinbares Abfertigungsgebäude. Aber darauf kam es nicht an. Weit im Hintergrund sah man die Himalajakette mit ihren unzähligen schneebedeckten Gipfeln.

Dorian stieg die Gangway hinunter. Er schlüpfte aus der dünnen Leinenjacke und hängte sie sich über die Schultern. Er war ein hochgewachsener, gut aussehender Mann, ein Meter neunzig groß, schlank, und seine Gestalt wirkte sportlich. Das schwarze Haar trug er mittellang. Sein Gesicht war braun gebrannt, und er trug einen dichten Schnurrbart, dessen Spitzen nach unten gezwirbelt waren.

»Hübsch.« Er wandte den Kopf, musterte Coco und zeigte auf die Himalajakette.

»Hübsch ist wohl nicht der richtige Ausdruck, Dorian«, sagte Coco mit ihrer rauchigen Stimme. »Eindrucksvoll passt besser.«

Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Coco war eine ungewöhnlich attraktive Frau, die an die mehr oder minder unverschämten Blicke der Männer gewöhnt war. Ihr langes, pechschwarzes Haar trug sie offen, im leichten Wind bewegte es sich wie ein Schleier. Das Gesicht mit den hoch angesetzten Wangenknochen und den dunkelgrünen, fast schwarzen Augen war ungewöhnlich. Es war ein Gesicht, das man nicht so bald vergaß. Coco trug ein leicht ausgeschnittenes, zitronengelbes Kleid, das ihre üppigen Brüste und langen Beine wunderbar zur Geltung brachte.

Sie hakte sich bei Dorian ein, und gemeinsam gingen sie zum Abfertigungsgebäude.

»Hoffentlich erwartet Jeff uns.« Immer wieder wanderten seine Blicke zu den gewaltigen Bergen hinüber.

»Auf Jeff ist Verlass«, sagte Coco. »Ich bin sicher, dass er uns schon ungeduldig erwartet.«

Sie mussten einige Minuten warten, bis sie endlich ihr Gepäck bekamen. Ein Zollbeamter studierte aufmerksam ihre Pässe. Sie mussten genau angeben, wie viel Geld sie bei sich hatten.

Der Beamte war ziemlich lästig. Er ließ die Koffer öffnen. Dorian warf Coco einen resignierten Blick zu, während sie lächelnd die Schultern hob.

Sie hätte den Beamten hypnotisieren können, doch das wollte sie nun doch nicht. Sie ging in letzter Zeit mit ihren Fähigkeiten eher sparsam um. Der Beamte erklärte ihnen, dass pro Person nur 150 Zigaretten zollfrei eingeführt werden durften. Dorian hatte aber drei Stangen bei sich. Außerdem war nur ein Liter Spirituosen erlaubt, während Dorian ein halbes Dutzend Flaschen mitgebracht hatte.

Dorian zahlte den Zoll, und der Beamte stempelte ihre Pässe ab. In der Flughafenhalle mussten sie nicht lange suchen. Jeff Parker kam ihnen mit ausgestreckten Händen entgegen. Kein Mensch hätte ihn älter als dreißig geschätzt, dabei war er schon an die vierzig. Er war fast so groß wie Dorian, breitschultrig, und sein blondes Haar war kurz geschnitten.

Er stürmte auf Coco zu, drückte ihr einen Kuss auf die Stirn; dann reichte er Dorian die Hand.

»Es tut gut, dich zu sehen, alter Halunke.« Dorian lächelte.

»Ich kann euch gar nicht sagen, wie ich mich freue, dass ihr da seid!«, sagte Parker begeistert und schlug Dorian auf die Schulter. »Erst mal gehen wir einen Schluck trinken. Das Flughafenrestaurant ist zwar miserabel, aber dafür ist das Chang kalt und gut.«

»Chang?«, fragte Dorian.

»Das ist eine Art Reisbier«, erklärte Jeff. Er packte einen der Koffer und ging voraus.

Sie betraten das Restaurant, fanden einen freien Tisch und setzten sich. Jeff bestellte bei dem Kellner drei Changs. In den Wochen, seit er sich in Nepal aufhielt, hatte er einige Brocken Nepalesisch aufgeschnappt; so konnte er bereits einfache Unterhaltungen in dieser Sprache führen.

»Wir haben uns eine Menge zu erzählen«, sagte Parker. »Ist schon fast drei Monate her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben – in Rom, während der Dreharbeiten zu diesem verdammten Horrorfilm. Das war eines der seltsamsten Abenteuer, die ich je erlebte. Ich denke noch oft an diesen Hajime Tanaka, der theriaksüchtig gewesen war. Und an die Geisterfrau, die auf den Filmen sichtbar wurde. Ich habe mich auf ihre Fährte gesetzt – und bin schließlich hier gelandet.«

Der Kellner stellte drei Becher mit Chang vor sie hin. Dorian griff nach seinem und musterte die Flüssigkeit misstrauisch. Sie sah wenig einladend aus, wie geronnene Milch.

»Trink ruhig!« Jeff grinste. »Schmeckt nicht übel.«

Dorian nippte an seinem Becher, dann trank er ihn halb leer.

»Schmeckt wie Most«, sagte er. »Um ehrlich zu sein, Jeff, ich fand es verrückt, dass du auf einige vage Hinweise hin nach Nepal fuhrst.«

»Ich habe den sechsten Sinn.« Jeff lachte. »Und ich hatte Recht. Ich wollte diese geheimnisvolle Pflanze finden, von der du eine Abbildung hast. Die Pflanze fand ich noch nicht, aber dafür kann ich andere Ergebnisse vorweisen. Ich war kaum in Katmandu angekommen, als ich mich mit dem Central Immigration Office in Verbindung setzte. Ich wollte eine Expedition organisieren. Aber das ist nicht so einfach. Will man Höhen über 6000 Meter ersteigen, muss man um eine Sonderbewilligung ersuchen. Bis die gewährt wird, dauert es oft ein Jahr. Die einzige Möglichkeit für mich war also, dass ich mich einer Expedition anschloss. Ich erkundigte mich und stieß auf eine Gruppe, die sich auf Yetisuche gemacht hat. Sie steht unter der Leitung von Khapa Srong und Gregor Yameshi, den du ja aus Schweden kennst. Yameshi legte ein gutes Wort für mich ein. Ich beteiligte mich an den Expeditionskosten und wurde aufgenommen. Doch ich brauchte fast drei Wochen, bis ich mich akklimatisiert hatte.«

»Die Suche nach den Yetis war erfolgreich?«

»Ja und nein«, sagte Jeff. »Wir fanden Yetispuren, die auch fotografiert wurden, und machten uns auf die Suche. In verschiedenen Gruppen zogen wir los. Yameshi und vier Sherpas verschwanden. Wir suchten sie, fanden aber keine Spur von ihnen. Drei Tage nach dem Verschwinden tauchte Yameshi plötzlich im Basislager auf. Er behauptete, dass er ein verborgenes Tal entdeckt hätte, in dem ein tempelartiger Bau steht. Er wurde von einigen Yetis niedergeschlagen, verlor das Bewusstsein und kam in der Nähe des Lagers wieder zu sich.«

»Und er ist sicher, dass er das Tal wieder finden wird?«

»Er versuchte bereits vor einigen Tagen die Höhle zu finden, die zu diesem Tal führt – doch er hatte keinen Erfolg.«

»Beweise für diese Höhle gibt es also nicht?«

»Wir haben keine Beweise, außer Yameshis Behauptung. Ich kann mir aber keinen Grund vorstellen, weshalb er diese Geschichte hätte erfinden sollen.« Jeff trank seinen Becher leer und bestellte beim Kellner noch drei Changs. »Was habt ihr in der Zwischenzeit erlebt?«

»Einiges«, sagte Dorian und steckte sich eine Players an. »Nach unserem Abenteuer in Rom kehrten Coco und ich nach London zurück. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Ich wurde theriaksüchtig.«

»Was?«, fragte Jeff überrascht und beugte sich vor.

»Ich hatte ein Gegenmittel, das mir Coco gebraut hatte, doch mit diesem Gegenmittel erledigte ich einen Dämon, den Count of Alkahest. Dabei erfuhr ich, dass eine der Zutaten des Rauschgiftes von einer Hexe namens Hekate stammt.«

»Hekate«, sagte Jeff nachdenklich. »Wenn ich mich nicht irre, dann galt sie bei den Griechen als Toten-, Spuk- und Mondgöttin.«

»Stimmt«, sagte Dorian. »Diese Hekate sollte sich in Sardinien aufhalten. Sie gehört der Sippe der Alkahests an, gilt aber als Einzelgängerin, die nach Allmacht strebt. Mir blieb keine andere Wahl – ich musste nach Sardinien, da ich Coco nicht erreichen konnte. Ich fuhr hin, wurde gefangen genommen und konnte mich aus eigener Kraft nicht mehr befreien. Ein Schriftsteller half mir. Doch auch er konnte nichts ausrichten. Ich wurde in eine Grotte gebracht, in der Hekate einen Riesenkalmar hielt. Ich sollte von dem Biest gefressen werden. Sie sagte mir, dass ihr Reich im Himalaja liege, wo sie auch die Blumen züchtet, von der ich die japanische Tuschzeichnung habe. Coco und der Schriftsteller folgten mir in die Grotte und vergifteten das Monster. Ich bekam von Coco ein Gegenmittel, das meine Sucht beseitigte. Dann fuhren wir nach London, und dort erhielt ich von dir die Nachricht, dass du in Nepal bist und eine viel versprechende Spur entdeckt hast.«

»Hm«, brummte Jeff. »Diese geheimnisvolle Hekate soll sich also im Himalajagebiet aufhalten. Wie sieht sie denn aus?«

Dorian hob die Schultern. »Ich habe sie nicht gesehen.«

»Und natürlich weißt du auch nicht, in welchem Teil des Himalajas sich Hekate aufhält.«

»Keine Ahnung«, bestätigte Dorian. »Aber vielleicht ist das Tal, von dem Yameshi berichtete, ihr Schlupfwinkel.«

»Daran dachte ich auch schon«, sagte Jeff leise. Er rieb sich das Kinn. »Aber das würde mir nicht besonders gefallen. Bis jetzt wurde das Tal nie gefunden. Ich hörte von den Sherpas unzählige Berichte über die Yetis und deren Schlupfwinkel. Immer wieder verschwinden Tiere und Menschen. Wahrscheinlich kam es schon früher des Öfteren vor, dass zufällig irgendwelche Expeditionen oder Sherpas die Höhle und die Schlucht entdeckten, aber sie kehrten nie zurück. Und das macht die ganze Geschichte recht verdächtig. Zufällig entdeckt Yameshi das Tal. Er bleibt drei Tage verschwunden, kehrt zurück und berichtet uns von den Yetis und dem tempelartigen Gebäude.«

»Du hast Recht«, schaltete sich Coco ein. »Ich glaube auch nicht an solche Zufälle. Aber nehmen wir mal an, dass sich Hekate tatsächlich in diesem Tal aufhält. Sie ist eine mächtige Hexe. Es muss ihr ein Leichtes gewesen sein, Yameshi zu hypnotisieren. Von ihm kann sie erfahren haben, dass du an der Expedition beteiligt bist. Außerdem weiß sie, dass du ein Freund von Dorian bist. Wenn ich mich in Hekates Lage versetze, ist der nächste Schritt klar. Ich an ihrer Stelle hätte Yameshi beeinflusst, ihn zurück ins Lager geschickt und ihn ruhig von den Yetis und der Schlucht erzählen lassen.«

»Das sind aber alles nur Vermutungen«, meinte Dorian. »Wo hält sich Yameshi jetzt auf?«

»Im Basislager«, sagte Jeff. »In drei Tagen kommt er aber nach Pheriche. Dort treffen wir ihn.«

»Dann würde ich vorschlagen, dass wir unsere Vermutungen einmal beiseite lassen. Sobald wir mit Yameshi zusammentreffen, wird Coco sich ihn vornehmen. Dann wissen wir mehr.«

»Einverstanden.« Jeff winkte den Kellner heran, zahlte und stand auf. »Wir fahren nach Katmandu. Morgen geht es dann mit dem Hubschrauber weiter. Wir fliegen nach Namche Bazar, übernachten dort und legen den Rest des Weges zu Fuß zurück.«

Sie verließen das Flughafengebäude und betraten den Parkplatz. Jeff hatte einen Buick gemietet. Sie verstauten das Gepäck im Kofferraum, und Jeff fuhr los.

Die ersten Eindrücke der Hauptstadt Nepals waren verwirrend. Rikschafahrer, das Klingeln unzähliger Fahrräder, dazwischen Autos, meistens uralte Modelle, fahrbare Wracks, Straßenverkäufer, alte Männer, die am Straßenrand hockten und Geschichten erzählten, dazwischen Katzen und Hunde, Träger, die alle Lasten auf dem Rücken trugen, Bettler und Kinder, unzählige Kinder.

Coco und Dorian konnten sich an dem exotischen Durcheinander nicht satt sehen.

Jeff fuhr ziemlich langsam und spielte Fremdenführer. Coco und Dorian hörten nur mit halbem Ohr zu; zu viel nahm ihre Aufmerksamkeit in Anspruch.

»Katmandu wurde im Jahr 732 gegründet«, erklärte Jeff. »Damals hieß es Kantipur. 1770 wurde es Nepals Hauptstadt. 1934 wurde ein Großteil der Stadt durch ein gewaltiges Erdbeben zerstört. Ganze Straßenzüge wurden im europäischen Stil angelegt.«

Das Leben schien sich größtenteils auf der Straße abzuspielen. Jeff musste plötzlich heftig bremsen, als eine Kuh die Fahrbahn betrat. Sie blieb mitten auf der Straße stehen, kaute und musterte misstrauisch den Buick.

»Hup sie mal an!«, verlangte Dorian.

»Das lasse ich lieber bleiben«, knurrte Jeff. »Das tat ich einmal, da wurde ich fast gelyncht. Kühe sind heilig. Man hupt sie nicht an.«

Die Kuh hob den Schwanz, machte laut Muh und erledigte ihr Geschäft. Ein Träger blieb neben der Kuh stehen und schob sie sanft zur Seite. Jeff konnte weiterfahren.

»In wenigen Minuten sind wir im Hotel«, erklärte er.

 

Coco und Dorian hatten sich rasch umgezogen, dann trafen sie sich mit Jeff, der auf sie in der Hotelhalle wartete.

»Was steht jetzt auf dem Programm?«, fragte Coco.

»Ich zeige euch die Altstadt«, meinte Jeff. »Wir gehen zu Fuß. In einer halben Stunde haben wir den Durbar Square erreicht. Dort gibt es allerhand zu sehen.«

Sie verließen das Soaltee Oberoff, das im Stadtteil Tahachal lag, traten auf die Straße und folgten Jeff Parker.

»Habt ihr meinen Rat befolgt und ordentlich Konditionstraining betrieben?«, fragte Jeff.

Coco nickte lächelnd. »Dorian nahm dabei fünf Kilogramm ab.«

»Wir waren einige Tage am Dachstein«, sagte Dorian, »dann drei Tage am Jungfrauenjoch. Coco hetzte mich jeden Tag mehrere Stunden umher. Ich fühle mich aber jetzt so gut wie seit Monaten nicht mehr.«

»Das ist gut«, sagte Jeff zufrieden. »Mir ging es die ersten Tage ganz scheußlich. Ich war gewarnt worden, doch ich hörte nicht. Ich fühlte mich schwach und war völlig apathisch. Aber jetzt habe ich mich schon recht gut akklimatisiert.«

Sie gingen langsam weiter. Immer wieder kamen ihnen bettelnde Kinder entgegen, immer wieder wurden sie von zwielichtigen Händlern aufgehalten, die ihnen von Dolchen bis Haschisch alles Mögliche verkaufen wollten.

»Katmandu ist ein richtiges Aussteiger-Paradies«, sagte Jeff. »Meist halten sich die arbeitsscheuen Europäer und Amerikaner in der Gegend der Taleju-Pagode auf. Lebensmittel und Drogen sind billig hier.«

Eine halbe Stunde später betraten sie den alten Marktplatz. Vor ihnen lag die weiße königliche Thronhalle, links stand ein Palastbau, der mit eindrucksvollen Holzschnitzereien verziert war.

»Kumari Bahal«, erklärte Jeff und zeigte auf den Palast. »Residenz der lebenden Göttin Kumari.«

»Den Palast muss ich mir ansehen«, sagte Coco.

Sie traten durch das Tor, das von zwei Steinlöwen flankiert wurde, und kamen in einen großen Innenhof. Jeff zeigte auf den Balkon, der sich dem Tor gegenüber befand. »Dort erscheint die Kumari auf Bitten der Gläubigen. Sie trägt immer ein rotes Gewand, eine goldene Tiara und ist vor allem an ihrer auffälligen schwarzen Augenbemalung erkennbar.«

»Schade, dass wir sie nicht sehen können«, meinte Coco bedauernd.

Dorian nickte. Er wusste, dass die Kumari eine junge Frau war, die als Inkarnation der Göttin Kali galt. Sie durfte den Palast nur einmal jährlich verlassen, und zwar während des Indra-Jatra-Festes.

Jeff führte sie im Schnellzugtempo durch die Altstadt, vorbei am Narayan-Tempel, dem Shiva-Tempel und zum Tempel des Akash Bhairav.

»So, genug der Besichtigungen für heute«, sagte er schließlich. »Ich habe Hunger. Gehen wir ins Mascara. Da bekommt man recht gutes Essen.«

Coco und Dorian hatten nichts dagegen. Während sie zum Restaurant gingen, wurde es langsam dunkel. Nach dem Essen spazierten sie langsam zum Hotel zurück. Einige Halbwüchsige sprachen Jeff und Dorian an. Es störte sie nicht, dass Coco in ihrer Begleitung war. Sie boten ihnen junge Frauen an, wollten Haschisch verkaufen und Geld umtauschen. Dann durchquerten sie eine kleine, dunkle Gasse, die nur notdürftig von einigen Petroleumlampen erhellt wurde. Plötzlich blieb Coco stehen.

»Ich glaube, es ist besser, wenn wir nicht weitergehen«, sagte sie.

Dorian zuckte zusammen, als ihm Coco einen Stoß versetzte, taumelte gegen eine Wand und hörte das Zischen. Ein Dolch flog an seinem Kopf vorbei, prallte gegen eine Hauswand und fiel zu Boden.

»Nichts wie weg!«, rief Jeff, als vier dunkle Gestalten aus einem Haus stürmten und auf sie zuliefen. Es waren Männer, die Dolche in den Händen trugen.

Coco blieb ruhig stehen. Ihre Augen schienen plötzlich zu strahlen. Die vier Männer erstarrten mitten in ihren Bewegungen – sie waren gelähmt.

»Ich möchte nur zu gern wissen, was diese Typen vorhatten«, sagte Coco nachdenklich. »Jeff, versuch dich mit einem der Männer zu verständigen! Ich werde ihn aus der Trance aufwecken. Er soll dir sagen, wer hinter all dem steckt.«

Jeff nickte und blieb vor einem der Männer stehen. Coco hob die Hypnose auf, und Jeff unterhielt sich mit dem Mann. Die Unterhaltung schien ziemlich schwierig zu sein. Schließlich wandte sich Jeff an Coco.

»Der Bursche behauptet, dass sie einen Hinweis bekommen hätten, dass wir viel Geld bei uns trügen. Deshalb überfielen sie uns. Sie sollten uns töten. Über den Auftraggeber kann er nichts sagen – er kann sich nicht an ihn erinnern.«

Dorian nahm den Männern die Waffen ab, dann hob Coco den Zauber auf. Dorian und Jeff hielten die vier mit den Dolchen in Schach.

»Spricht einer von euch Englisch?«, wollte Dorian wissen.

»Nix Englisch«, antwortete einer der Männer.

»Da bekommen wir nichts heraus.« Dorian wandte sich ab.

Jeff und Coco folgten ihm. Am Ende der Gasse warfen sie die Dolche zu Boden.

»Das sieht mir ganz danach aus, als würde jemand verhindern wollen, dass wir uns in Nepal umsehen.«

»Hekate?«, fragte Jeff.

Dorian schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht. Sie weiß, dass sie uns nicht mit so ein paar gedungenen Halsabschneidern erledigen kann.«

»Ich bin sicher, dass weitere Anschläge folgen werden«, sagte Coco. »Die Kerle waren allerdings nicht magisch beeinflusst.«

»Zerbrechen wir uns nicht darüber den Kopf«, meinte Dorian. »Auf jeden Fall werden wir in den nächsten Tagen ziemlich vorsichtig sein.«

 

Am nächsten Tag flogen sie mit einem von der Helicopter Services Ltd. gemieteten Hubschrauber nach Namche Bazar. Sie hatten Bergsteigerkleidung angezogen. Das berühmte Sherpadorf lag in 3440 Meter Höhe. Es bestand aus etwa hundert einfachen Häusern, billigen Hotels, einem Laden und einer Polizeistation, in der sie sich melden mussten. Der kleine Ort mit den doppelstöckigen Häusern, die parallel zueinander am Berghang standen, beeindruckte Coco und Dorian nicht besonders. Auf einigen Terrassen waren Kartoffeln angepflanzt – das Hauptnahrungsmittel der Sherpas.

Atemberaubend war indessen der Anblick der Berge. Unzählige Gipfel waren zu sehen, aber nicht der Everest. Coco und Dorian zogen sich in ihr Zimmer zurück, während sich Jeff um die Sherpas kümmerte, die sie morgen begleiten sollten. Zwei Stunden später kehrte Jeff zurück.

»Alles ist vorbereitet«, sagte der Millionär zufrieden. »Morgen um acht Uhr brechen wir auf. Und wir gehen jetzt nach Khumjung. Ein wenig Bewegung wird euch nicht schaden.«

Es war warm. Der Himmel leuchtete in einem fast unwirklichen Blau. Jeff ging voraus. Sie kamen am erst kürzlich von Japanern erbauten Hotel Everest-View vorbei und betraten das Sherpadorf. Coco machte die dünne Luft keine Schwierigkeiten, während sich Dorian nicht besonders fühlte. Er hatte Kopfschmerzen und hustete stark. Sie besichtigten das Sherpadorf. Hier hatte Sir Edmund Hillary, der zusammen mit Tenzing Norkay als erster Mensch den Mount Everest bestieg, eine kleine Dorfschule errichten lassen. Dorian fühlte sich immer miserabler. Seine Kopfschmerzen waren stärker geworden, und er hatte Ohrensausen.

Sie setzten sich auf die Terrasse des Everest-View-Hotels, bestellten Tee und genossen das herrliche Panorama. Dorian fühlte sich allmählich wieder etwas besser. Trotzdem fiel ihm jede Bewegung schwer.

»Weshalb bleiben wir nicht hier, Jeff?«, fragte Dorian matt. »Das Hotel ist modern, ganz im Unterschied zu der Bruchbude in Namche Bazar.«

»Wir bleiben in Namche Bazar«, sagte Jeff grinsend. »Es wird langsam Zeit, dass du dich an das einfache Leben gewöhnst.«

»Das sagst gerade du mir«, brummte Dorian ungehalten, »wo du einer der bequemsten Menschen bist, der den Luxus über alles liebt.«

»Das stimmt nicht mehr«, sagte Jeff. »Ich genieße das einfache Leben. Ich kann dir gar nicht sagen, wie viel Spaß es mir macht, hier in Nepal zu sein.«

Der Hotelmanager gesellte sich zu ihnen. Es war ein junger Japaner, der ewig grinste. Er nannte ihnen die Namen der Berge. Sie blieben mehr als eine Stunde sitzen, dann machten sie sich an den Abstieg. Dorian musste alle hundert Meter stehen bleiben. Sein Herz klopfte rasend schnell, er japste nach Luft. Er war glücklich, als sie das einfache Hotel in Namche Bazar erreichten, und er fühlte sich so müde wie nie zuvor in seinem Leben. Ohne Abendessen kroch er ins Bett und schlief augenblicklich ein.

»Ich mache mir Sorgen um Dorian«, sagte Coco, als sie mit Jeff in der einfachen Gaststube des Hotels saß.

»Keine Bange! Er wird sich schon an das Klima gewöhnen. In zwei Tagen sind wir in Pheriche. Dort bleiben wir so lange, bis sich Dorian akklimatisiert hat. Für den Notfall haben wir auch Sauerstoff mit.«

»Ist der Weg nach Pheriche schwierig?«

Jeff schüttelte den Kopf. »Nein.«

»Ich gehe auch schlafen«, sagte Coco und stand auf.

 

Dorian hatte sich in der Nacht gut erholt. Er fühlte sich wieder frisch und munter. Nach dem Frühstück – es gab Spiegeleier, Toast und starken Tee – verließen sie das Hotel. Jeff führte Coco und Dorian aus dem Dorf. Auf einer der Wiesen warteten mehr als zwanzig Sherpas auf sie. Bei ihnen befanden sich etwa zehn langhaarige Yaks und einige kläffende Hunde. Dorian hatte ein schlechtes Gewissen, als er sah, welche gewaltigen Lasten die Sherpas schleppen mussten – und dafür bekamen sie nur einen lächerlichen Lohn. Es waren nicht nur Männer, die bis zu dreißig Kilo schwere Lasten trugen, es gab auch Jünglinge und Frauen darunter. Zwei der Frauen hatten Babys mit, die sie zusätzlich auf dem Rücken trugen oder in Körben in der Hand hielten.

Jeff unterhielt sich mit dem Anführer der Sherpas, der für die gerechte Aufteilung der Lasten verantwortlich war. Langsam setzte sich die Expedition in Marsch. Der Weg war tatsächlich nicht schwierig. Er war mehr als einen Meter breit und verlief einen Steilhang entlang. Nach etwa zwei Stunden bogen sie in einen schmalen Weg ab, der in ein kleines Tal führte. Sie legten eine kurze Rast ein, dann ging es weiter. Nach einer weiteren Stunde Abstieg erreichten sie die Brücke am Imja Dranga. Die nächste Rast machten sie in Phunki. Die kleine Raststation war eine armselige Bretterbude. Davor standen einige Tische und Bänke. Sie waren nicht allein. Mehr als zwanzig Touristen aus allen möglichen Ländern rasteten hier.

Dorian war wieder müde. Er wusste, dass es noch einige Tage dauern würde, bis er völlig fit war. Er saß apathisch da, trank eine Tasse Buttertee und aß etwas gerösteten Mais. Dann steckte er sich eine Zigarette an, doch nach zwei Zügen trat er sie hustend aus.

»Vielleicht gewöhne ich mir jetzt das Rauchen ab«, sagte er, ohne es damit sonderlich ernst zu meinen. Er sah zu den vier kleinen Häusern, die mit Gebetsmühlen ausgestattet waren, die durch die Kraft des Wassers angetrieben wurden und sich Tag und Nacht bewegten. Eine Stunde später marschierten sie weiter. Sie gingen langsam einen steil in Serpentinen führenden Weg hoch. Normalerweise schafft ein halbwegs guter Bergsteiger den Weg nach Tengpoche in neunzig Minuten. Dorian brauchte fast eine Stunde länger, und er war völlig groggy, als Tengpoche zu sehen war. Er musste sich hinsetzen und atmete schwer. Der Anblick, der sich ihm bot, belebte ihn nur wenig, während sich Coco vor Begeisterung kaum zu halten wusste. Sie stand bewegungslos wie eine Statue da und sog das Panorama förmlich in sich hinein.

»Es ist herrlich!«, sagte Jeff leise, und Coco nickte.

»Trotzdem – hätten wir nicht lieber einen Hubschrauber mieten sollen?«, murrte Dorian, dessen Lungen noch immer rasselten.

»Helikopter dürfen in dieser Region nur in Notfällen eingesetzt werden, das verlangt der Umweltschutz – und dem ungezügelten High-Tech-Tourismus will man damit auch einen Riegel vorschieben«, erklärte Jeff. »Es ist leider unumgänglich, die Strecke zu Fuß zurückzulegen.«

Im Vordergrund Birken und Föhren, blühende Rhododendron-Sträucher, dazwischen das Kloster, eine Mauer, die aus unzähligen Gebetsplatten bestand, im Hintergrund die mächtigen Berge, Gletscher, die in der Sonne glitzerten. Und über allem ein dunkelblauer Himmel.

Jeff kümmerte sich um das Lager. Die Zelte waren schon aufgeschlagen, das Essen fertig. Endlich stand Dorian auf. Er ging schwankend mit zusammengepressten Zähnen weiter und setzte sich vor das Zelt, das ihm ein Sherpa zuwies. Es war ein großes Zelt, in dem bequem drei Leute Platz gefunden hätten. Nach dem Essen kroch Dorian in seinen Daunenschlafsack.

 

 

2. Kapitel

 

Sie besichtigten kurz das Kloster und unterhielten sich einige Minuten mit dem Abt, dann ging es weiter. Sechs Stunden benötigten sie, um Pheriche, die Sommersiedlung der Sherpas, die in 4243 Metern Höhe lag, zu erreichen. Die Siedlung bestand aus etwa zwanzig armseligen Hütten. Das Lager befand sich etwas außerhalb des Dorfes; überall weideten Schafe und Ziegen.

»Dieser Ort ist ideal für unsere Zwecke«, sagte Jeff. »Hier gibt es ungezählte Berge.«

Dorian nickte. Er fühlte sich schon wesentlich besser. Die Kopfschmerzen waren verschwunden.

»Wo ist das Basislager?«, erkundigte sich Coco.

Jeff zeigte auf einen Berg im Südosten.

»Auf dem Amai Dablang«, sagte er. »Amai Dablang heißt Medaillon. Und der riesige Gletscher sieht ja tatsächlich wie ein silbernes Medaillon aus.«

Coco und Dorian starrten den trapezförmigen Berg an.

»Er wurde am 13. März 1961 erstmals bestiegen«, sagte Jeff. »Wir bleiben einige Tage in Pheriche, damit ihr euch besser akklimatisiert. Dann steigen wir zum Basislager auf. Hoffentlich haben wir Glück, und Yameshi findet die Höhle, die zur Schlucht der Yetis führt.«

»Das hoffe ich auch«, sagte Dorian. »Wo steckt Yameshi?«

»Er ist schon unterwegs«, meinte Jeff. »In einer Stunde wird er eintreffen.«

Coco und Dorian setzten sich vor ihr Zelt, tranken Bier und betrachteten das fröhliche Treiben um sie herum. Die Sherpas waren damit beschäftigt, sich ihr Abendbrot zuzubereiten.

Dorian stand auf, als sich drei Gestalten dem Zeltlager näherten. Er kniff die Augen zusammen und lächelte.

Gregor Yameshi, begleitet von zwei Sherpas, war eingetroffen.

»Hallo, Hunter!«, sagte Yameshi breit grinsend.

Er drückte Dorians Hand, dann wandte er sich Coco zu, verbeugte sich leicht und setzte sich neben sie. Coco studierte Yameshi ungeniert. Mit seinem hellen Turban, dem Vollbart und der großen Nase sah er drollig aus. Sie versuchte Yameshi unauffällig zu hypnotisieren, doch sie hatte damit keinen Erfolg. Das kam aber relativ oft vor, dass es ihr nicht gelang, Menschen zu hypnotisieren. Der Betreffende brauchte nur eine besonders stark ausgeprägte Persönlichkeit zu sein. Coco entdeckte keine Anzeichen dafür, dass sich Yameshi im Einflussbereich eines Dämons befand.

»Ziemlich lange her, seit wir uns getroffen haben, Hunter, was?«

Dorian nickte. »Was haben Sie die ganze Zeit getrieben, Yameshi?«

»Ich war einige Zeit in Afrika und Südamerika, doch ich hatte Sehnsucht nach meiner Heimat. So kehrte ich nach Nepal zurück, und da hörte ich von einer Expedition, die den Schneemenschen aufstöbern will. Das ist genau das Richtige für mich.«

»Jeff sagte mir, dass Sie den Schlupfwinkel der Yetis entdeckt haben?«

»Ob es der Schlupfwinkel ist, das kann ich nicht sagen«, meinte Yameshi vorsichtig. »Ich nehme es aber an.«

»Sie wurden von den Schneemenschen gefangen genommen«, schaltete sich Coco ein. »Und Sie waren drei Tage verschwunden. Können Sie sich an irgendetwas erinnern, was in dieser Zeit mit Ihnen geschah?«

Yameshi schüttelte den Kopf, runzelte die Stirn und fixierte Coco.

»Nein«, sagte er. »Ich kann Ihnen nicht mehr sagen, als Sie bereits von Jeff erfahren haben.«

»Wie fühlten Sie sich, nachdem Sie damals erwacht waren?«

»Schwach. Sehr schwach. Ich konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Ich wankte ins Lager und brach zusammen. Mein Kopf dröhnte, und mir war übel. Ich musste mich übergeben. Eine Ärztin untersuchte mich, doch sie fand nichts. Sie gab mir ein paar Tabletten, und ich schlief fast vierundzwanzig Stunden. Als ich erwachte, war ich wieder okay.«

»Versuchten Sie noch mal, das Tal zu finden?«, wollte Dorian wissen.

»Ja, zweimal – ohne Erfolg. Mir ist das unbegreiflich, da ich mir die Stelle gut gemerkt hatte. Manchmal frage ich mich, ob ich mir nur alles eingebildet habe. Aber die vier Sherpas, die mich begleitet hatten, blieben verschwunden. Ich war ein Gefangener der Schneemenschen, aber weshalb ließen sie mich frei?«

»Das frage ich mich auch«, sagte Coco.

»Über Jeff Parkers Auftauchen war ich etwas überrascht«, redete Yameshi weiter. »Als er dann von Ihnen zu sprechen begann, erwachte mein Interesse. Nach unserem Abenteuer in Schweden unterhielten wir uns ja einige Zeit. Sie ließen etwas von Ihren Aufgaben durchblicken und erzählten mir von der Schwarzen Familie und dass Sie unsterblich waren. Lauter Dinge, über die ein normaler Mensch nur den Kopf geschüttelt hätte. Ich nicht. Ich glaubte Ihnen, denn ich hatte schon zu viele unbegreifliche Abenteuer in meinem Leben erlebt. Weshalb sind Sie nach Nepal gekommen?«

Dorian überlegte einen Augenblick. Er hatte gesehen, dass Coco vergeblich versucht hatte, Yameshi zu hypnotisieren.

»Ich suche eine Blume«, sagte er schließlich.

»Eine Blume?« Yameshi zeigte sich überrascht.

Dorian holte die Tuschzeichnung hervor, die er Hajima Tanaka abgenommen hatte. Er reichte sie Yameshi, der sie genau studierte. Nach einer halben Minute gab er sie Dorian zurück.

»So eine Blume habe ich noch nie gesehen«, sagte Yameshi. »Nach der Zeichnung zu schließen, scheint sie aber im Schnee zu blühen.«

»Genau, und ich bekam einige Hinweise, dass diese Blume im Himalajagebiet wachsen soll.«

»Diese Hinweise dürften aber nicht stimmen«, sagte Yameshi. »Ich wuchs hier auf. Ich kenne alle Pflanzen und Tiere, die es in dieser Gegend gibt. Doch diese Blume kenne ich nicht.«

»Die Blume ist nur ein Grund«, sagte Dorian. »Ich kam her, als ich Jeff Parkers Bericht erhielt, dass Sie ein unbekanntes Tal entdeckt hätten, in dem sich ein klosterähnliches Gebäude befindet. Klöster in sechstausend Meter Höhe sind ziemlich ungewöhnlich, nicht wahr?«

»Und was hoffen Sie in diesem Kloster zu finden?«

Dorian zögerte einen Augenblick. »Eine Hexe namens Hekate!«

Yameshi lachte. Das war seine einzige Reaktion.

»Glauben Sie an Hexen, Yameshi?«, fragte Coco.

Der Bärtige wurde augenblicklich ernst. »Hätten Sie mich vor zehn Jahren gefragt, ob ich an Yetis glaube, hätte ich sicherlich nein gesagt. Nun, warum soll es keine Hexen geben? Unter den Sherpas gibt es viele Sagen. Die meisten klingen völlig unwahrscheinlich, doch meist steckt ein Körnchen Wahrheit dahinter. Ich unterhielt mich oft und lange mit Khapa Srong. Er ist der Leiter der Expedition, ein ungewöhnlicher Mann. Sie werden ihn im Basislager kennen lernen. Er ist ziemlich religiös und bekennt sich zum Lamaismus. Ich erzählte ihm von unserem Abenteuer in Schweden, als wir den Werwolf erledigten. Er war nicht überrascht, denn er glaubt an die Existenz von Werwölfen.«

»Das ist allerdings ungewöhnlich«, sagte Dorian.

»Khapa Srong beschäftigt sich seit seiner frühesten Jugend mit der Religion. Er stützt sich hauptsächlich auf alte Dokumente des Zervanismus, der shivaitischen Sekten Indiens und des tantrischen Lamaismus. Es gibt da Hinweise auf Männerbünde mit Wolfsemblemen, die sich in Vollmondnächten tatsächlich in Wölfe und Hunde verwandelt haben sollen. Der Hund gilt in vielen tibetischen Vorstellungen als Totenbegleiter. In vorbuddhistischen Zeiten wurde Pe-har, der Herr der Berge, meist als Wolf dargestellt. Srong glaubt sogar daran, dass die Yetis eine Art Werwolf sind. Er vermutet, dass sie normale Menschen sind, die sich nur zu bestimmten Zeiten in affenähnliche Monster verwandeln. Einer der Hauptgründe, weshalb er diese Expedition mitfinanzierte, ist sein Wunsch, zu erfahren, ob seine Vermutung richtig ist.« Yameshi sah Dorian nachdenklich an. »Weshalb sind Sie eigentlich an dieser Hexe namens Hekate interessiert?«

Dorian war dankbar, dass in diesem Augenblick Jeff auftauchte und er deshalb nicht zu antworten brauchte.

Jeff begrüßte Yameshi freundlich.

»Ist im Basislager alles in Ordnung?«, erkundigte er sich und setzte sich neben Dorian nieder.

Yameshi bejahte.

»In fünf Minuten ist das Abendbrot fertig«, sagte Jeff.

Die Sherpas saßen um die Feuerstellen und aßen ihre Gurrfladen und Kartoffeln; dabei schwatzten und lachten sie.

Dorian hob den Kopf, weil sich eine rot gekleidete Gestalt dem Lager näherte. Es war ein hagerer Mann, der einen bodenlangen Umhang trug. Auf den Kopf hatte er eine spitze Mütze gestülpt. Die Hände hatte er unter den Ärmeln seines Umhangs versteckt. Sein faltiges, braunes Gesicht war ausdruckslos. Gemessenen Schrittes kam er näher, blieb einen Augenblick stehen und sah sich um. Er musterte Dorian genau und ging schließlich langsam weiter.

»Wer ist das?«, fragte Dorian.

»Ein Lama«, erklärte Yameshi.

»Gehen wir essen!«, sagte Jeff und stand auf.

Die anderen folgten seinem Beispiel.

Der Priester kam jetzt näher. Dorian warf ihm einen Blick zu, und sein Misstrauen erwachte. Die Augen des Mannes waren dunkel und schimmerten feucht. Sie wirkten seltsam starr, fast gläsern. Dorian runzelte die Stirn. Der Lama hatte sich abgewandt. Jeff und Coco gingen an ihm vorbei. Dorian folgte ihnen zögernd. Er war nur noch einen Schritt vom Priester entfernt, als sich dieser blitzschnell um die eigene Achse drehte und die Hände aus den Ärmeln seines Umhangs riss. In jeder Hand blitzte ein geschwungener Dolch. Das Gesicht des Lamas veränderte sich, wurde zu einer hassverzerrten Fratze. Er öffnete die schmalen Lippen und schrie etwas Unverständliches. Dann sprang er nach vorn und wollte mit seinem Dolch zustechen.

Dorian wich geistesgegenwärtig aus, doch der Priester setzte ihm sofort nach. Da griff Yameshi ein. Wie üblich hatte er seine Elefantenbüchse bei sich. Er hob die Waffe und schlug sie dem Priester wuchtig gegen den Schädel. Der Getroffene schloss die Augen und sackte lautlos zusammen.

»Danke«, sagte Dorian zu Yameshi, der leicht nickte und neben dem bewusstlosen Priester niederkniete.

Einige Sherpas kamen näher.

Yameshi schrie ihnen etwas zu, und sie zogen sich zu ihren Feuern zurück, warfen aber dem Bewusstlosen immer wieder scheue Blicke zu.

»Der Lama wollte Sie töten, Hunter«, sagte Yameshi und wälzte den Priester auf den Rücken.

»Haben Sie verstanden, was er geschrien hat?«, fragte Coco.

Yameshi nickte. »Tod dem falschen Bodhisattva, das waren seine Worte. Das hat etwas mit dem Lamaismus zu tun.«

»Erklären Sie es uns!«, bat Jeff, der ebenfalls neben dem Bewusstlosen niederkniete, die beiden Dolche zur Seite legte und die Kutte untersuchte. In einer der Taschen fand er eine winzige Gebetsmühle und eine kleine Wurzel, die er verwundert betrachtete.

»Eine Alraune!«, sagte Dorian überrascht und nahm die Wurzel an sich. Sie war klein und hatte eine fast menschliche Gestalt. Er betrachtete die Wurzel ganz genau. Ein Stück war abgebrochen worden. Er hob sie höher. Nein, das Stück war abgebissen worden.

»Was soll diese Aufregung wegen der Wurzel?«, fragte Yameshi verwundert. »Man kann sie hier überall kaufen. Einige Sherpas und Priester verwenden sie als Haschisch-Ersatz. Wenn man sie kaut, kommt man in einen rauschähnlichen Zustand.«

Der Lama bewegte sich leicht.

»Wir müssen ihn fesseln«, sagte Jeff.