Über die Autorin

Foto: Deborah Feingold

Amy Bloom, geboren 1953, ist Autorin mehrerer Romane und Erzählungen. Ihr Erzählungsband Liebe ist ein seltsames Kind war für den National Book Award nominiert. Bei Atlantik erschienen zuvor ihr Roman Wir Glücklichen (2015) und die Erzählungen Zwischen hier und hier (2016). Sie schreibt u.a. für den New Yorker, The New York Times und Vogue und unterrichtet Creative Writing an der Wesleyan University in Connecticut.

 

Über die Übersetzerin

Kathrin Razum, geboren 1964, hat Anglistik und Geschichte studiert und arbeitet als freiberufliche Übersetzerin in Heidelberg. Zu den von ihr übersetzten Autoren gehören Susan Sontag, V. S. Naipaul, T. C. Boyle, Hilary Mantel und Edna O’Brien.

29 Washington Square West

New York, New York

 

Alte Liebe rostet nicht.

Ich habe die Blumen so schön wie möglich arrangiert. Levkojen und Löwenmäulchen, rosa Rosen und Osterglocken, besorgt beim italienischen Floristen, in jedem Zimmer steht eine Vase davon. Ich habe die vier Zimmer, die bereits sauber und ordentlich waren, auf Vordermann gebracht. Das Radio funktioniert noch. Der Plattenspieler ebenso, irgendjemand hat Alben von Cole Porter und Gershwin dagelassen, und aus den Zeiten, als ich häufiger hier war, ist noch eine zerkratzte Schallplatte von La Bohème mit Lisa Perli da. Ich war zweimal beim Lebensmittelladen an der Ecke (Eier, Milch, Brot, Meerrettichkäse, Sardinen, und dann musste ich noch mal los, weil ich in der Wohnung keinen Büchsenöffner fand) und habe uns ein paar Häuser weiter etwas zum Zwitschern besorgt. Ich hoffe, dass wir heute Nachmittag um fünf bereits unsere Sidecars trinken. Ich habe Zitronen gekauft. Alles, was wir brauchen, soll zur Hand sein. Ich hoffe, wir werden dieses Wochenende nicht einmal den Hausflur zu sehen kriegen.

Ich ziehe mich im Wohnzimmer um. Das Schlafzimmer

Der Radiosprecher erhebt die Stimme wie ein Trainer auf dem Spielfeld und meldet, achtzehn große deutsche Städte stünden in Flammen. Die deutsche Infanterie-Division Potsdam ermorde systematisch im Kampf verwundete Amerikaner. Mit munterer Stimme verkündet er, zweitausend amerikanische Flugzeuge bombardierten derzeit Eisenbahnknoten in der Nähe von Berlin sowie Nachschublinien in Süddeutschland. Er sagt: Gute Nacht, meine Damen und Herren, der Sieg ist in Sicht. Ich hoffe, er hat recht.

Ich bin froh, und ich bin müde. Ich werde das Ende des Kriegs auf Long Island feiern, mit ein paar anderen alten Schrullen und unseren Hunden, und wir werden alle auf Franklin Roosevelt anstoßen, der das Kriegsende nun also nicht mehr erleben darf. Meine Nachbarin Gloria und ich werden »Straighten Up and Fly Right« singen. Wir werden alle weinen.

Ich setze mich auf die Wohnzimmercouch und warte. Früher konnte ich, wenn ich Eleanors Gesicht sah, in ihrem Herzen lesen, und ich habe Angst, dass ich das vielleicht nicht mehr kann. Ich rechne damit, dass sie aschgrau vor Roosevelt-Leid sein wird, einem Leid, das nicht nur ertragen, sondern zugleich zur Schau getragen werden muss, und zwar elegant, sodass man ihr Bemühen erkennt, gegenüber der Trauer und demonstrativen Bedürftigkeit aller anderen Geduld zu zeigen. Darunter allerdings quält sie vermutlich, genau wie damals bei ihrem Bruder, ein Widerhaken zorniger Trauer, den sie herausziehen würde, wenn sie es nur könnte. Sie hat mir mal gesagt, nichts sei so schlimm für sie gewesen wie der Tod ihres Kleinen, des ersten Franklin Junior, aber ich war in den langen

Die Türglocke ertönt, was bedeutet, dass sie die Hände voll hat und nicht an ihren Schlüssel kommt.

Ich öffne, und Eleanor lehnt an der Wand, weiß wie ein Laken.

Ihre schönen blauen Augen sind rot umrändert, und sie sieht aus, als hätte sie noch nie im Leben gelächelt. Ihr staubiger schwarzer Mantel wirkt riesengroß, und ihre Baumwollstrümpfe sind ausgeleiert. Ich will sie küssen, weil ich sie zur Begrüßung immer küsse, wenn wir allein sind und uns gerade vertragen, und sie hält mir die Wange hin und schaut dann weg. Sie reicht mir Handtasche und Koffer. Ich stelle beides ab und lege ihr den Arm um die Taille. Ich versuche ihr Gesicht an meines zu ziehen, aber sie wendet sich ab und stützt sich mit einer Hand auf meine Schulter, um sich die Schuhe auszuziehen.

Sie legt Hut, Mantel und Schal auf den großen Brokatsessel. Sie knöpft ihre graue Bluse auf und lässt sie zu Boden fallen. Sie geht ins Schlafzimmer, öffnet den Reißverschluss ihres

Sie zieht die Haarnadeln aus ihrem grauen Haar und streift die schrecklichen Baumwollstrümpfe ab. Wegen dieser Strümpfe haben wir uns öfter gestritten. Ich sagte, nicht einmal im Krieg müsse die First Lady Mitglieder von Königshäusern in Strickstrümpfen aus weißer Baumwolle empfangen, und sie sagte, doch, genau das müsse die First Lady tun. Ich ziehe die Strümpfe über der Lehne des Klubsessels in Form, und sie zuckt mit den Achseln.

Sie legt sich aufs Bett, das Gesicht zur Wand, und hebt den rechten Arm in meine Richtung. Ohne sich zu mir umzudrehen, winkt sie mich zu sich.

»Na, Ihro Majestät«, sage ich.

Sie lässt den Arm sinken. Das ist nicht meine Eleanor. Ich habe früher oft geweint, wenn sie streng und huldvoll zu mir war, mir meine Verfehlungen erläuterte, bis ich mich zusammenkrümmte wie eine Schnecke auf einem Salzbett. In tragischer Enttäuschung saß sie dann reglos da, eine Stunde und länger, bis ich um Vergebung flehte. So kenne ich mein Schätzchen. Diese wächserne Teilnahmslosigkeit ist neu.

Ich lege ihre Kleider auf den Holzstuhl. Ich stelle ihre schwarzen Schuhe vor das Kaminfeuer. Ich hänge ihren schwarzen Mantel in den Schrank, neben meinen marineblauen, und mein roter Schal fällt über beide. Ich bereue es, dass ich gekommen bin.

Oh, Hick, sagt sie, wenn du mich nicht hältst, sterbe ich.

Ich klettere hinter ihr ins Bett, und sie entkleidet mich mit einer langen weißen Hand, immer noch ohne mich anzusehen. Ich schaue über ihre Schulter nach draußen und sehe zu, wie die Leute ihre Lichter anmachen.

 

Eleanor und ich hatten uns zu unserem ersten privaten Mittagessen im Weißen Haus getroffen, wo wir wie Teenager grinsend vor den Porträts posierten. Zieh doch auch hier ein, sagte sie. Wir haben so viel Platz.

Ich fragte sie, wie sie das meinte, und sie sagte noch einmal: Wir haben so viel Platz. Ich beugte mich vor, um sie zu küssen, und sie schob mich sachte von sich weg. Wenn du kommen willst, muss ich ein bisschen was organisieren, sagte sie. Hol du doch in der Zwischenzeit deine Sachen.

Ich fuhr zurück nach Brooklyn und gab den Scheck mit der Miete in die Post; es war fast der volle Betrag. Am nächsten Tag transportierte ich meinen blauen Koffer, meine Schreibmaschine – eine Underwood Portable – und eine Kiste mit Büchern nach D.C. Eine der Haushälterinnen führte mich im Weißen Haus die Treppe hinauf zu Eleanors Suite, höflich und mit ausdrucksloser Miene, als hätte sie mich noch nie gesehen, als hätte sie noch nie meine Wäsche gewaschen oder meinen Rock gesäumt, wenn ich übers Wochenende da war, doch als sie die Tür zu meinem Zimmer öffnete, lächelte sie und stellte meine Schreibmaschine auf den Tisch. Mein neues Zimmer lag direkt neben dem von Eleanor, es war ihr bisheriges Wohnzimmer.

Ich hatte einen großen Schreibtisch, ein Bücherregal und einen alten Windsor-Stuhl. Zwei Tischlampen und eine Stehlampe. Ich hatte ein Bett, eine dunkle Samtcouch, die schon bessere Zeiten gesehen hatte und die ich in die Ecke schob, und einen riesigen Kleiderschrank, in dem ich mich hätte ver

Ich saß ungefähr eine Stunde lang aufrecht auf meinem schmalen Bett, noch mit Hut und Mantel, starrte auf diese Holztür und versuchte durch schiere Willenskraft zu bewirken, dass sie sich öffnete und mich einließ, damit ich in den Rosengarten hinunterschauen und das Fenster zu der großen Magnolie öffnen konnte.

Schließlich kam Eleanor herein und setzte sich neben mich.

»Ich überschütte andere Menschen mit Liebe, weil mir das Freude macht«, sagte sie. »Ich finde es schön, Menschen mit Liebe zu überschütten. Du hast mich ja schon mit meinen Freunden erlebt.«

Das hatte ich. Es machte mich schier verrückt, schon jetzt.

Sie sagte: »Ich möchte, dass du weißt, dass ich neben meinen Freunden auch immer mal wieder einen Schwarm habe. Ich treffe auf irgendjemanden, oft sind es wundervolle Menschen, aber das muss gar nicht unbedingt sein, und bin hingerissen, ob ich will oder nicht. Doktor Freud würde sagen, das liegt an meiner Mutter, wieder einmal. Oder meinem Vater.«

Sie nahm mir lachend den Hut ab. Mir fiel nichts Geistreiches oder Charmantes zu tun oder sagen ein, aber auch gar nichts. Ich rieb mir die Fingerknöchel.

»Ich bin fest entschlossen, dir zu sagen, was ich dir sagen will«, fuhr sie fort. »Über diese Schwärmereien. Denn möglicherweise wirst du zu hören bekommen, dass ich zu so etwas neige. Und dass auch du so ein Schwarm bist. Die Leute schauen mir in die Augen und sehen die unbändige Liebe, die ich für sie empfinde. Das genießen sie, und sie lieben mich

Sie ging zu der Holztür und drehte den Knauf ein paarmal hin und her.

»Dieses Ding klemmt immer.«

»Komm zu mir«, sagte ich.

Sie setzte sich wieder aufs Bett und nahm meine Hand, hielt den Blick nach vorn gerichtet.

»Aber du siehst mich. Du siehst mich ganz, und ich glaube nicht, dass dir alles gefällt, was du siehst. Ich wünsche es mir, aber ich bezweifle es. Du siehst mich. Die ganze Person. Nicht nur dein Spiegelbild in meinen Augen. Nicht nur den Menschen, der dich liebt. Sondern mich.«

Meine Ohren glühten wie nach drei Gläsern Scotch.

Jetzt wandte sie sich mir zu.

»Lorena Alice Hickok, du bist die Überraschung meines Lebens. Ich liebe dich. Ich liebe deine Unerschrockenheit. Ich liebe dein Lachen. Ich liebe es, wie du mit Sprache umgehst. Ich liebe deine schönen Augen und deine schöne Haut, und ich werde dich immer lieben, bis zu meinem letzten Atemzug.«

Ich stieß die Worte hervor, bevor sie es sich noch anders überlegte.

»Anna Eleanor Roosevelt, du erstaunliche, vollkommene, unvollkommene Frau, du hast mich umgehauen. Ich liebe dich. Ich liebe deine Freundlichkeit und deinen funkelnden Geist und dein weiches Herz. Ich liebe es, wie du tanzt, und ich liebe deine schönen Hände, und ich werde dich immer lieben, bis zu meinem letzten Atemzug.«

Ich streifte meinen Saphirring ab und schob ihn auf ihren kleinen Finger. Sie löste die goldene Ansteckuhr von ihrem

 

Auf dem gesamten Weg zum Büro von Associated Press lag meine Hand auf der goldenen Uhr. Ich wusste, dass ich meinen Posten aufgeben musste. Ich hatte mir schon ein Dutzend preisverdächtiger Roosevelt-Stories verkniffen, um sie oder ihn oder die Kinder zu schützen. Ich musste das Ressort wechseln oder auf sie verzichten.

Ich gab meinen Posten auf. Und wurde zugleich gefeuert. Ich bot an, einen anderen Bereich zu übernehmen, die Wall Street oder Innerstädtische Kriminalität. Mein Chef schob seinen Stuhl zurück, faltete die Hände über seinem großen Bauch und sah mich an, als wäre ich die übelste Sorte Kakerlake. Sie sind Teil des Ganzen, Kleine, sagte er. Ich hatte nie einen besseren Draht ins Weiße Haus, warum sollte ich den aufgeben. Wenn das so ist, sagte ich, muss ich kündigen. Er zuckte mit den Achseln, als hätte er nichts anderes erwartet, und wir gaben uns die Hand.

Ein paar alte Kumpel sahen zu, wie ich meinen Schreibtisch ausräumte, aber niemand lud mich auf einen Drink ein. Die Frau, die für die Hochzeiten zuständig war, winkte mir fröhlich zu. Der Sportreporter schüttelte den Kopf. Der Mann für die Nachrufe lüpfte den Hut. (Wie nennt man einen jüdischen Gentleman, der das Zimmer verlässt?, hat Bernard Baruch mich mal gefragt. – Itzig.) Ich hatte fünfundzwanzig Dollar auf dem Konto und keine neue Arbeit in Aussicht.

Auf dem Weg zurück ins Weiße Haus hielt ich mir immer wieder vor Augen, wie redlich und ehrenhaft ich war, welche Schönheit und Tiefe dem Opfer eignete, das ich gebracht

 

Ich weiß bis heute nicht, wer von ihnen als Erster auf die Idee kam, aber sie sagten mir beide, ich solle mit Harry Hopkins sprechen, der jemanden für Reportagen und Recherchen zur Unterstützung der Federal Emergency Relief Administration suche. (Sie berichten Harry einfach, wie schlimm die Lage ist, sagte Franklin. Verstehen Sie sich als Reporterin, nicht als Sozialarbeiterin.) Sie sagten mir beide, ich würde besser bezahlt werden als bei Associated Press. Hopkins stellte mich innerhalb von zehn Minuten ein, er hielt meinen Lebenslauf hinter dem Rücken und blickte aus dem Fenster, als läse er von einem Manuskript ab. Danke, Miss Hickok, ich werde mich auf Ihre Berichte verlassen, sagte er, den Blick immer noch abgewandt.

Ich eilte zu Eleanor zurück und sagte ihr, ich hätte die Stelle bekommen, und sie lächelte.

Um fünf kam eine der Hausangestellten und sagte mir, ich solle auf einen Drink nach unten kommen. Franklin und

Wir planten einen Urlaub. (Ich will alles mit dir zusammen erleben, sagte Eleanor.) Wir konnten Franklin ausreden, jemanden vom Geheimdienst mitzuschicken, beluden das Auto und winkten ihm von der Auffahrt aus zu. Er winkte von der Veranda zurück. Benehmt euch, rief er. Wir winkten ein weiteres Mal.

 

Wir dachten, wir wüssten alles Entscheidende übereinander, und nichts von dem, was einmal entscheidend werden sollte, zeigte sich auch nur als Staubkörnchen im goldenen Licht. Wir hatten unsere junge Liebe und dieses wunderbare Land, Sorglosigkeit und Weite. Wir hatten Eleanors Sportwagen, einen hellblauen Buick Roadster, und genug Geld für alles, was wir brauchten oder wonach uns gelüstete. Eleanor wickelte sich ein Tuch ums Haar und ließ den einen Arm aus dem Wagen baumeln, wie ein Filmstar. Wir schwebten von Ort zu Ort, verliebt, verzückt, genossen jeden Tag, jede Sekunde, fuhren weiter, um weiter zu genießen.

Wir machten Rast und unterhielten uns. Ich sang für Eleanor jedes Kirchenlied, das mir nur einfiel, und zotige Lieder, bei denen sie sich die Ohren zuhielt. (Auf Hick reimt sich ziemlich viel.) Im Wagen türmten sich Tüten mit Salzbrezeln, nagelneue Sonnenbrillen, ein Haufen Landkarten, ein Beutel mit Eleanors Strickzeug, worüber ich lachen musste, ein Kartenspiel für alle Fälle und etliche Gedichtbände. (»›Sturmnächte‹« rezitierte ich, während sie fuhr. »›Ein Boot in Eden – Ach – das Meer! Verankert sein – heut nacht – In dir!‹ Verankert«, rief ich noch einmal, und Eleanor errötete. Ich liebe Emily Dickinson, sagte sie.)

Ich hatte meinen marineblauen Pyjama eingepackt und sie

Wir genießen es, wenn uns mächtige Menschen ihre Aufmerksamkeit schenken, fühlen uns geschmeichelt von der unerwarteten Gunst, aber Eleanor war kein strahlendes Licht, dessen Glanz diese kleinen Leute nur kurz streifte. Sie wollte die Seele der Menschen erreichen, die mit ihr sprachen, jeden Tag aufs Neue. Sie neigte einem den Kopf zu, als gäbe es

Wir begegneten hauptsächlich Farmern und älteren Republikanern, Leuten, die nicht in die Zeitung schauten, wenn sie es irgend vermeiden konnten, die Lokalnachrichten, den Sportteil und die Futterpreise ausgenommen. Meistens waren wir einfach Jane und Janet Unbekannt, wir gingen untergehakt und flüsterten einander ins Ohr. Frauen mittleren Alters, die einander mochten: Schwestern, Cousinen, beste Freundinnen. Wir blieben für uns, wenn man von Eleanors ausgeprägtem Wunsch absah, zu allen Menschen nett zu sein, und die meiste Zeit dachten die Leute von uns, was man eben so von Frauen mittleren Alters denkt, und mehr auch nicht.

Wir genehmigten uns eine Pause von den Ziegen und Patchworkdecken, und Eleanor fuhr uns nach Quebec, ins Château Frontenac; schon am Stadtrand sagte sie: Mach die Augen zu. Ich glaube, wenn ich mal eine alte Frau bin und man schreien muss, um meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, wird es reichen, wenn jemand leise »Château Frontenac« murmelt, und schon werde ich lächeln wie eine Katze, die bis zu den Knien in Sahne steht. Eleanor tat für uns, was sie für sich allein nie getan hätte, und sie tat es im großen Stil, mit Goldrand. Für ein paar Tage schwelgten wir in verschwenderischstem französisch-kanadischem Luxus. Wir erhielten Massagen von zwei starken Frauen, die mit zwei Massagebänken und Picknickkörben voll warmer Handtücher und Rosen- und Orangenöl in unsere Suite kamen. Ich tat so, als wäre ich gerade zufällig vom Schlafsofa im Wohnzimmer herübergekommen. Sie stellten die Massagebänke auf und gaben uns zu verstehen, dass wir uns ausziehen und in Laken hüllen sollten. Wir taten wie geheißen und tapsten zu den

Ich sagte: »Das ist zu schön, um wahr sein.«

»Ich weiß«, sagte Eleanor. »Nach dem Mittagessen kommt die Maniküre.«

 

Ich sagte zu Eleanor, das ist unsere Fahrt ins Land Erewhon, und sie stimmte mir zu. Unser persönliches Nowhere, sagte sie, liegt nördlich von Maine. Hol schon mal deinen Pullover heraus. In der Abenddämmerung erreichten wir eine Hütte mit Blick aufs Meer, und wir luden das Auto aus, ehe es ganz dunkel wurde. Wir teilten uns einen Brandy und die restlichen Salzbrezeln und standen in unserer Nachtwäsche auf der kleinen Veranda, die große Steppdecke um unsere Schultern gelegt. Der gescheckte, strahlend helle Mond zog die Flut wie einen silbernen Teppich auf den dunklen Kiesstrand. Der Himmel hätte von Sternen übersät sein müssen, aber er war einfach nur tiefblau, wie das Meer darunter, bloß der Abendstern war zu sehen.

»Ich wünsche mir jetzt etwas«, sagte ich.

Wir aßen Kartoffelpfannkuchen zum Frühstück. (In jedem Café und jedem Diner standen Kartoffeln auf der Karte. Wir aßen sie gerieben mit Butter und Käse aus der Kartoffelschale, was köstlich war, und gestampft als Beigabe zu Schokoladenkuchen, was nicht köstlich war.) Wir gingen spazieren und entwarfen unser Traum-Cottage. Manchmal war es eine Variante von Val-Kill, Eleanors geliebtem Cottage in Hyde Park, einem regelrechten Labyrinth von Zimmern, mit viel Platz, einer Bibliothek und einem großen Speisezimmer. Manch

Ich stellte mir vor, wie Eleanor ihren Kindern von uns erzählen würde. Wären sie tatsächlich noch Kinder gewesen, hätte ich wohl bessere Karten gehabt. Wären sie noch Kinder gewesen, hätte ich ihnen selbst von uns erzählt. Kinder mochten mich. Ich verteilte großzügig Süßigkeiten und schimpfte wenig. Ich konnte einen Angelhaken beködern, Kartenhäuser bauen und Erdbeerkuchen backen. Ich zwinkerte ihnen hinter dem Rücken ihrer Mutter zu, wenn sie nach dem letzten Plätzchen griffen, und fand es schön, wenn ein kleines Kind auf meinen Schultern saß. Ich hatte ein Händchen für Kinder, aber die Roosevelt-Söhne waren verzogen und hohl und unendlich fordernd, und Anna war hübsch und durchtrieben. Hätte sie eine ausgeprägtere Arbeitsmoral gehabt, hätte sie bei L’Étoile du Nord Burlesque-Tänzerin werden können. Ich empfand ihnen allen gegenüber, was hart arbeitende arme Leute gegenüber den Reichen empfinden (nicht unbedingt Bewunderung und Zuneigung), und sie empfanden mir gegenüber, was Kinder für die Person empfinden, die das Herz ihrer

Eleanor sagte, wir müssten doch keine offizielle Erklärung abgeben.

»Wir bestellen sie ja nicht ins Oval Office ein. Es gibt keinen Grund, das an die große Glocke zu hängen.«

Sie saß so da, wie wenn sie ihren Kindern eine Strafpredigt hielt, mit straffem Rücken und gefalteten Händen. Ich warf ein Kissen nach ihr, und sie duckte sich.

»Es ist das Ende seiner Amtszeit –«

»Er wird eine zweite haben«, sagte ich.

Sie runzelte die Stirn.

»Ich habe nichts gesagt. Sprich weiter.«

»Wir sagen ihnen: ›Ihr Lieben, jetzt wo Vater nicht mehr Präsident ist, haben er und ich die Gelegenheit, weiter im Staatsdienst zu arbeiten und unsere Ehe fortzuführen. Aber zugleich werden wir auch getrennte Wege gehen.‹«

»Was nichts Neues ist«, sagte ich.

»Stimmt. Ich sage natürlich auch, dass Franklin und ich immer ein Team bleiben werden.«

»Natürlich«, sagte ich. »Boola boola.«

»Wir sind nicht in Yale«, sagte sie kopfschüttelnd.

»Und anschließend bricht Junior zusammen, als hätte ihn eine Kugel getroffen, Jimmy betrinkt sich, John fordert eine Taschengelderhöhung, und Elliott kreischt: ›Und wer kümmert sich um unseren armen Herrn Papa?‹«

»So viel trinkt Jimmy gar nicht. Ich sage ihnen: ›Euer Vater und ich lieben uns, und unsere Ehe wird fortbestehen.‹ Und dann: ›Ihr könnt ihn auf Campobello besuchen, und uns könnt ihr in …‹«

Sie wischte sich die Augen.

»Das ist mehr als genug«, sagte ich.

 

Wir glauben immer, wir würden alles in Erinnerung behalten, und am Ende erinnern wir uns an fast nichts. Selbst wenn das Auto nur vierzig fährt, ist es immer noch zu schnell. Die Bäume sind verwischte grüngraue Flecken, das Restaurant, wo wir uns über die Schreibfehler auf der Speisekarte halbtot lachten, ist längst von der Bildfläche verschwunden. Neongrüne Streifen und flamingorosa Blitze erleuchten den Himmel in einer Winternacht in Maine, und wir denken, oh, dieses Nordlicht, das werden wir nie vergessen, und dann vergessen wir es doch. Was wir in Erinnerung haben, ist dieses wellig gewordene Bild in der linken Schublade (Presque Isle, Maine, 1934) oder ein hinreißendes halbseitiges Foto aus einem alten Reisemagazin, aber das, was wir sahen, als wir Händchen haltend das Kinn in den Himmel reckten, wie um in dieses zuckende, funkelnde Leuchten einzutauchen, das sahen wir nur für zehn Sekunden und dann nie wieder.

 

Sie liebte das Theater. Sie war verrückt nach Cole Porter, und es gab keinen Song von ihm, den sie nicht gekannt hätte. Sie nickte allen zu. Sie drückte jede Hand. Die Beleuchtung im Zuschauerraum wurde gedämpft, und Eleanor küsste mich auf die Handfläche und flüsterte mit der Musik: You’re the top. You’re Mahatma Gandhi. You’re the top. You’re Napoleon Brandy. Ich dachte: Das vergesse ich nie. Und ich habe es nicht vergessen.