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Christy Jeffries, Karen Templeton, Nancy Robards Thompson, Teresa Southwick

BIANCA EXTRA BAND 47

IMPRESSUM

BIANCA EXTRA erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

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© Deutsche Erstausgabe in der Reihe BIANCA EXTRA
Band 47 - 2017 by HarperCollins Germany GmbH, Hamburg

© 2017 by Christy Jeffries
Originaltitel: „The Makeover Prescription“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
in der Reihe: SPECIAL EDITION
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Patrick Hansen

© 2010 by Karen Templeton-Berger
Originaltitel: „Adding up to Marriage“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
in der Reihe: SPECIAL EDITION
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Victoria Werner

© 2012 by Nancy Robards Thompson
Originaltitel: „Texas Wedding“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
in der Reihe: SPECIAL EDITION
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Anna-Pia Kerber

© 2016 by Harlequin Books S.A.
Originaltitel: „Her Maverick M.D.“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
in der Reihe: SPECIAL EDITION
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Tatjána Lénárt-Seidnitzer

Abbildungen: Anna Om / Shutterstock, alle Rechte vorbehalten

Veröffentlicht im ePub Format in 08/2017 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733732943

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

 

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CHRISTY JEFFRIES

Die Liebe liegt so nah

Die schöne, kluge Julia fasziniert Bauunternehmer Kane sofort. Doch abgesehen von seiner Regel, keine Kundin zu daten, fürchtet er: Ein Mann wie er – ohne Collegeabschluss – hat keine Chance bei ihr …

KAREN TEMPLETON

Zum Verzweifeln? Zum Verlieben!

Jewel will keine dauerhafte Beziehung. Dazu liebt sie ihre Freiheit viel zu sehr. Als sie sich ausgerechnet in Singledad Silas verliebt, wird sie vor die schwerste Entscheidung ihres Lebens gestellt …

NANCY ROBARDS THOMPSON

Mitten hinein ins Herz

Wenn man zu sehr liebt, wird man verletzt – das hat Shane schmerzlich lernen müssen. Aber nichts spricht gegen eine Affäre mit AJ, oder? Denn bevor es zu eng werden kann, verlässt er die Stadt wieder!

TERESA SOUTHWICK

Deine blauen Augen ...

Der attraktive Dr. Jonathan Clifton weckt Dawns Misstrauen. Schon einmal hat ein Stationsarzt sie betrogen! Auch wenn sie sich insgeheim nach seinen Küssen sehnt, zeigt sie ihm die kalte Schulter …

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Die Liebe liegt so nah

1. KAPITEL

Captain Julia Calhoun Fitzgerald konnte mühelos ein komplettes Chirurgenteam durch eine komplizierte Notoperation lotsen. Wenn sie aber nackt einen Kopfstand machen und durch ein Megafon nach dem Kellner rufen würde, dann würde sie kein Mensch im Cowgirl-Up-Café eines weiteren Blickes würdigen.

„Ich hätte gern noch …“ Julia verstummte, als sie merkte, dass sie zum Rücken des jungen Mannes sprach. Er hatte den gefüllten Teller kommentarlos auf die Theke gestellt – ohne zu fragen, ob sie noch etwas brauchte.

Zwei Plätze weiter war eingedeckt, und sie überlegte kurz. Sie konnte weitere zwanzig Minuten unbemerkt sitzen bleiben oder einfach nach rechts greifen und sich die unbenutzte Papierserviette und das Besteck nehmen. Sie entschied sich für Letzteres.

Sie breitete die Serviette auf ihrem Schoß aus und schnitt den riesigen Frühstücksburrito mit chirurgischer Präzision in zwei Hälften. Mit zusammengepressten Lippen starrte sie auf die heraussickernde Bratensoße. Das konnte nicht richtig sein. Sie hob eine Hand und sah sich im Restaurant um. Die einzige Kellnerin eilte gerade zwischen mehreren voll besetzten Tischen umher, steckte ihren Bestellblock weg und nahm einen Stapel schmutziger Teller von einem leeren Tisch.

War es hier immer so voll? Seit sie im letzten Monat an das Shadowview-Militärkrankenhaus versetzt worden war, hatte sie das Restaurant ihrer Tante erst zweimal besucht – beide Male kurz vor dem Schließen, wenn in Sugar Falls in Idaho bereits die Bürgersteige hochgeklappt wurden.

Wo steckte Tante Freckles überhaupt? Julia hätte schwören können, dass sie laut der Termin-App auf ihrem neuen Smartphone um acht Uhr an diesem Morgen miteinander verabredet waren, und zwar genau hier, im Cowgirl-Up-Café. Julia blickte auf die goldene Cartier-Uhr – eines der bescheideneren Erbstücke, die ihre Mutter ihr hinterlassen hatte. In fünfzehn Minuten sollte sie sich in ihrem neuen Haus mit dem Bauunternehmer treffen.

Julia stocherte mit Gabel und Messer in der Weizentortilla auf dem Teller, beugte sich vor und schnupperte am Fleisch, das unter dem Teig zum Vorschein kam. Sie hatte dieses Gericht eindeutig nicht bestellt. Vorsichtig legte sie das Besteck ab, nippte am Orangensaft und versuchte, nicht mitzuhören, was in der Sitznische nebenan gesprochen wurde.

„Die Rockies werden es in diesem Jahr nicht mal in die Play-offs schaffen!“ Einer der älteren Cowboys schlug mit der Faust so heftig auf den Tisch, dass die Salz- und Pfefferstreuer klirrten.

Julia zuckte zusammen.

„Beruhige dich, Jonesy“, sagte sein Gegenüber – ein jüngerer Mann im Flanellhemd, dessen kräftige gebräunte Unterarme nur von harter Arbeit unter freiem Himmel stammen konnten. Das kurze rotbraune Haar war zerzaust, vermutlich von dem grünen Basecap, das an seinem wippenden Knie hing. Sein kantiges Kinn und die lächelnden Lippen wirkten auf Julia alles andere als beruhigend. Jonesy dagegen riss sich zusammen und atmete zweimal tief durch. „Ich meine ja nur …“

Aus den Augenwinkeln entdeckte Julia die Kellnerin und hob die Hand, um Monica auf sich aufmerksam zu machen. Jedenfalls glaubte sie, dass die Frau so hieß. Sicher konnte sie sich nicht sein, denn die Kellnerin war immer nur an ihr vorbeigerauscht, ohne sie auch nur anzusehen.

„Entschuldigung!“, versuchte Julia es noch einmal, als Monica hinter die Theke eilte, in der einen Hand drei gefüllte Teller, in der anderen eine Kaffeekanne und eine Sirupflasche. Aber die junge Frau schaute wieder nicht in ihre Richtung.

Seufzend beschloss Julia, sich mit den Pommes frites zu begnügen, und schluckte gerade die letzte herunter, als sie einen erstickten Laut aus der Nachbarnische hörte.

Sexy Flanellhemd hielt sich die Hand vor den Mund, und Julia schaltete in den Rettungsmodus. Sie sprang auf, eilte hinüber, zog den Mann von seinem Platz, schlang die Arme von hinten um seinen Oberkörper und verschränkte sie direkt über seinem Oberbauch. Sein Kinn stieß fast gegen ihre Stirn, als er ruckartig den Kopf in den Nacken legte, um sie anzusehen.

„Gleich geht es Ihnen besser!“, sagte sie mit all ihrer ärztlichen Autorität. „Versuchen Sie, ruhig zu bleiben.“

„Ich wäre viel ruhiger, wenn ich wüsste, warum Sie sich so an mich klammern“, erwiderte er. Wenn er sprechen konnte, dann bekam er auch Luft.

Oh nein.

Verlegen richtete Julia sich auf und ließ ihn so langsam los, dass sie mit den Fingerspitzen fühlen konnte, wie weich sein Flanellhemd war. Und wie straff die Muskeln darunter. Das musste an dem Adrenalin liegen, das sie bei einem Notfall immer durchströmte – auch wenn es sich um Fehlalarm handelte.

Hastig verschränkte sie die Hände hinter dem Rücken.

„Entschuldigung“, sagte sie zu Mr. Flanell und den beiden älteren Cowboys. Ihre Augen waren groß und rund wie Blaubeerpfannkuchen. „Ich dachte, Sie ersticken!“

„Das dachte ich auch“, gab der Mann zu. „Dann wurde mir klar, dass ich nur vergiftet wurde – von meinem Hühnchenburrito.“ Er zeigte auf seinen Teller, und Julia wusste, wo ihr Frühstück gelandet war.

„Offenbar haben Sie meinen Wrap mit Eiweiß und Veggie’s Delight bekommen.“ Sie nahm den Teller, ging zu ihrem Platz und kehrte mit seinem Gericht zurück. „Ich glaube, das hier gehört Ihnen.“

„Und wo sind meine Pommes frites?“ Er starrte auf den Teller.

Julia spürte, wie sie errötete. „Die habe ich gegessen.“

„Die meisten Leute hätten ein falsches Gericht einfach zurückgehen lassen.“

Ach ja? Die meisten Menschen würden nicht würgen und nach Luft schnappen und so tun, als hätte man sie vergiftet? Sie schluckte die Antwort herunter. Sie kannte diesen Mann nicht. Und alle anderen in dieser Stadt auch nicht. Noch nicht. Obwohl alle im Restaurant sie mittlerweile anstarrten. Auch Monica. Endlich!

Julia ging zu ihrem Platz, schnappte sich ihre Tasche und nahm die Geldbörse heraus.

„Hier. Für das entgangene Frühstück.“ Ihre Stimme zitterte, als sie zwei Zwanzigdollarscheine auf den Tisch legte. „Und nur damit Sie es wissen, Sie haben ein Stück Spinat zwischen den Zähnen.“

Auf dem Weg zur Tür hörte sie mehrere Leute lachen, aber sie blieb nicht stehen und drehte sich auch nicht um. Wie lange würde es wohl dauern, bis sich ihr peinlicher Auftritt herumgesprochen hatte?

Genau deshalb blieb sie lieber im Hintergrund.

Sie war gerade in ihren Wagen gestiegen, als ihr Smartphone zwitscherte. Rasch meldete sie sich.

„Wo bist du?“, fragte Tante Freckles.

„Ich habe gerade das Café verlassen.“ Dass sie eben an einem Gast zur Oberbauchkompression den Handgriff nach Henry J. Heimlich angewendet hatte, erzählte sie nicht. Ihre Tante würde es früh genug erfahren.

„Warum warst du im Café?“

„Weil wir dort verabredet waren, um acht.“

„Nein, waren wir nicht. Wir wollten uns beim Bäcker treffen. Warum sollte ich dich in mein Restaurant bestellen, wenn ich mir den Vormittag freigenommen habe?“

Das erklärte, warum im Café Personalmangel herrschte. Aber wie hatte sie sich so irren können? Julia tippte auf ihren Terminkalender und beendete dadurch versehentlich das Telefonat. Sie holte tief Luft und versuchte, Freckles’ Nummer aufzurufen, aber bevor sie es schaffte, kam eine SMS von ihrer Tante. Jetzt sollten sie sich im neuen Haus treffen. Julia startete ihren Mini Cooper.

Als sie in ihre Straße einbog und ihr Blick auf das alte viktorianische Haus am Ende der Sackgasse fiel, lächelte sie stolz. Wenn man die Stadtvilla in Georgetown, das Sommercottage auf Chicoteague Island in Virginia und die zahlreichen Geschäftsimmobilien im Eigentum der Familienstiftung der Fitzgeralds nicht mitzählte, dann hatte Julia noch nie ein eigenes Dach besessen.

Sie parkte in der Einfahrt und malte sich aus, welche Möglichkeiten das Haus bot. Anders als sie strahlte es weder Vernunft noch Zurückhaltung aus. Aber jeder Quadratzentimeter gehörte ihr. Es gab keine Innenarchitekten, die ihr Farbkombinationen oder überteuerte moderne Kunst vorschlugen. Keine Hausmädchen, die ihr Bett machten, nachdem sie jeden Morgen um halb sechs aufgestanden war, um auf ihrem Cello zu spielen. Keine Privatlehrer, die in der Bibliothek auf sie warteten, damit ihre Schulnoten gut genug fürs Medizinstudium ausfielen – obwohl sie noch nicht einmal alt genug war, um Alkohol zu kaufen, geschweige denn, eine Leiche zu sezieren. Hier musste sie sich nicht gesund ernähren, während ihre Klassenkameraden bei Pizza und Energydrinks für die Abschlussprüfung büffelten.

Hinter ihr hupte es. Sie drehte sich nach dem rostigen Geländewagen um. Freckles war eigentlich ihre Großtante, und bis zum Gedenkgottesdienst für ihre Eltern vor einigen Jahren hatte Julia nur sporadisch Kontakt mit ihr gehabt. Man musste kein Neurochirurg sein, um zu verstehen, warum die ehemalige Rodeo-Queen das schwarze Schaf ihrer konservativen Familie gewesen war.

„Morgen!“, rief Freckles und klopfte auf ihren Wagen. „Ist er nicht eine Schönheit? Earl Larry, mein zweiter Mann, hatte auch so einen. Wir haben einen Wohnwagen angehängt und sind durch ganz Mexiko gefahren.“

Julia hauchte einen Kuss auf die faltige, mit reichlich Rouge versehene Wange, während Freckles sie so fest an sich drückte, dass Julia Angst um ihre Rippen bekam. „Was ist aus Earl Larry geworden?“

„Sein Großvater hat ihm das Familienunternehmen hinterlassen, er wurde ein erfolgreicher Geschäftsmann und hat nur noch Anzüge mit Weste getragen. So einer war nichts für mich.“

Kein Wunder. Die achtundsiebzigjährige Eugenia Josephine Brighton Fitzgerald trug orangefarbene Cowboystiefel, eine Hose mit Zebramuster und ein schulterfreies T-Shirt, das für das Cowgirl-Up-Café warb.

„Wessen Auto ist das?“

„Kanes“, antwortete Freckles. „Er stand am Snowflake-Boulevard und meinte, er hätte etwas gegessen, das ihm nicht bekommen ist. Ich habe ihm gesagt, er braucht nur frische Luft. Weil ich seinen alten Bronco schon lange mal fahren wollte, durfte ich mich ans Steuer setzen, damit er den Rest des Wegs zu Fuß gehen kann. Es sind nur ein paar Blocks, also müsste er jeden Moment hier sein.“

Kane Chatterson war der Bauunternehmer, den Tante Freckles ihr vermittelt hatte, aber Julia hatte ihn noch nicht kennengelernt. Falls dieser rollende Schrotthaufen bezeichnend für die Qualifikation des Mannes war, so stand ihrem neuen Zuhause nichts Gutes bevor.

„Möchtest du dir das Haus von innen ansehen?“

„Unbedingt!“, erwiderte Freckles.

„Ich habe nur eine Stunde, bis meine Schicht im Shadowview beginnt. Wenn Mr. Chatterson nicht bald kommt, schicke ich ihm meine Ideen und Vorschläge per E-Mail.“ Das wäre Julia am liebsten, zumal nach dem katastrophalen Beginn dieses Tages.

Aber ihre Tante schüttelte den Kopf. „Kane ist ein guter Junge und äußerst zuverlässig. Er wird pünktlich sein, schließlich habe ich sein Baby als Geisel genommen.“ Sie klimperte mit den Wagenschlüsseln. „Männer haben zu ihren Autos eine unnatürliche Beziehung. Wenn du dir endlich mal die Zeit nimmst, um mit einem anständigen Kerl auszugehen, dann wirst du das selbst merken.“

Julia verdrehte die Augen. Für ihre Tante war jeder Mann unter sechzig ein Junge, und sie ließ keine Gelegenheit aus, Julia an ihr ereignisloses Privatleben zu erinnern.

„Ich stehe fast den ganzen Tag im OP, und wenn ich mal frei habe, dann schwimme ich meine Bahnen oder schlafe mich in der Offiziersunterkunft aus.“

„Du arbeitest zu hart, Süße.“ Freckles tätschelte ihre Schulter. „Und du musst mehr essen. In dem blauen OP-Anzug und der Strickjacke siehst du aus, als wärst du flach wie ein Brett. Gibt es denn gar keinen netten Arzt oder Admiral, mit dem du mal essen gehen kannst?“

„Ich brauche keinen Mann, der mich zum Essen einlädt.“

„Hmm. Die Stadt gibt Ende des Jahres einen großen Empfang, um Geld für das Krankenhaus zu sammeln. Du bist einer der neuen Ärzte und offizieller Einwohner von Sugar Falls, da erwartet das Festkomitee, dass du als Ehrengast kommst, und zwar mit Begleitung, wenn du weißt, was ich meine.“

Ehrengast? In Begleitung? Ein mulmiges Gefühl stieg in Julia auf, und sie begann zu schwitzen, obwohl sich die Novembersonne noch immer hinter den Wolken verbarg. Einen Begleiter zu finden, war einfacher gesagt als getan. Außerdem hatte sie nicht vor, sich jemals wieder in der Öffentlichkeit zu zeigen.

„Oh, sieh mal“, fuhr Freckles fort. „Da ist Kane ja schon. Versuch, zu lächeln, Julia.“

Nervös drehte sich Julia um.

Oh nein. Das darf nicht wahr sein.

Im Cowgirl-Up-Café war der Mann ihr nicht ganz so groß erschienen, aber jetzt sahen die breiten Schultern und der Brustkorb genauso muskulös aus, wie sie sich vor zwanzig Minuten angefühlt hatten. Was sollte sie tun? Ihm entgegengehen und ihn bitten, den peinlichen Vorfall nicht zu erwähnen, oder sollte sie sich gleich hinter der wuchernden Azalee verstecken?

Sie stand wie gelähmt da, als ihre Tante den Mann auf die Veranda winkte. „Kane Chatterson, das ist meine Lieblingsnichte, Doktor und Captain Julia Fitzgerald.“

„Ich bin deine einzige Nichte.“ Julia räusperte sich nervös und sah ihn an. „Wir sind einander noch nicht vorgestellt worden.“

Kane Chatterson nickte nur. „Soll ich Sie Doktor oder Captain nennen?“

„Einfach Julia, bitte.“ Sie schüttelte ihm die Hand und fühlte dabei seine Schwielen an der Haut. Als Medizinerin konnte sie sich nicht erklären, warum es ihr dabei kalt den Rücken herunterlief. Als Frau ahnte sie, dass es mit der Ermahnung ihrer Tante zu tun hatte – und vermutlich auch mit der Tatsache, dass sie den Mann attraktiver fand als jeden, dem sie jemals zuvor begegnet war.

„Einfach Julia“, wiederholte er und lächelte noch immer nicht.

Sie blickte auf die Uhr. In zehn Minuten musste sie los. Bis dahin würde sie es wohl schaffen, sich wie eine normale erfolgreiche Frau zu benehmen.

„Was soll das heißen, ihr seid euch noch nicht vorgestellt worden?“ Verdammt. Tante Freckles entging wirklich nichts.

„Wir … haben uns im Cowgirl-Up-Café kurz unterhalten, als unsere Bestellungen verwechselt wurden“, erklärte Julia. Die kupferfarbenen Stoppeln an seinem kantigen Kinn ließen nicht erkennen, ob er errötete.

„Ja, hab mir schon gedacht, dass ich die neue Kellnerin nicht allein lassen sollte“, antwortete Freckles und zwinkerte ihr zu. „Heute Morgen läuft offenbar so einiges schief.“

„Hier.“ Julia reichte ihrer Tante das Smartphone. „Hier steht, dass wir im Café verabredet waren.“

Während Freckles auf dem Display herumtippte und Mr. Chatterson die abblätternde gelbe Farbe am Haus betrachtete, riskierte Julia einen zweiten Blick auf sein missmutiges Gesicht. Sie hatte lediglich versucht, ihm das Leben zu retten. Das konnte er ihr doch nicht übelnehmen – es sei denn, das Gelächter im Restaurant hatte ihm gegolten. Oder er war einfach nur erschöpft und fror nach dem langen Fußmarsch hierher.

Julia schaute auf seine Cowboystiefel. Nein, die sahen ziemlich abgetragen aus. Sie ließ den Blick an den Jeans nach oben wandern, am aus der Hose hängenden Shirt entlang und bis zur grünen Baseballkappe mit der gelben Aufschrift Patterson’s Dairy.

Wieder fühlte sie das eigenartige Kribbeln am Rücken.

Was war los mit ihr? Sie starrte keine fremden Männer an, und ihre Hormone gerieten selbst dann nicht in Aufruhr, wenn der Mann extrem gut aussah.

„Süße.“ Tante Freckles hielt das Smartphone hoch. „Irgendwie hast du es geschafft, das Cowgirl-Up-Café als Treffpunkt für jede Verabredung in diesem Monat abzuspeichern. Unter anderem für fünf Operationen, zwei Teambesprechungen, ein Seminar über neurologische Störungen und das Streichquintett von Boise.“

„Oh!“ Julia nahm das Smartphone und schaltete es aus. Sie hatte Wichtigeres zu tun, als irgendeine dämliche App zu meistern. Hastig nahm sie den Schlüssel aus der Strickjacke, von der Freckles behauptete, dass sie weder ihrem Teint noch ihrer Figur schmeichelte. „Soll ich Sie durchs Haus führen?“

„Na ja, wahrscheinlich könnte ich mich auch allein umsehen.“ Während sie die Tür aufschloss, streifte er seine Stiefel an der obersten Stufe ab. „Aber es kann nicht schaden, wenn ich mir ein paar Ihrer Ideen anhöre.“

Wie großzügig.

„Wollen Sie sich nichts zu schreiben holen?“ Sie zeigte auf seine Rostlaube.

„Wozu?“

„Damit Sie sich Notizen machen können?“

„Brauche ich nicht.“

„Was ist mit den Abmessungen? Sie werden sich doch wohl kaum jede Zahl merken können.“

„Nein, Ma’am. Wahrscheinlich nicht. Aber ich bekomme ein Gefühl für das Haus. Das ist mehr, als mir ein Maßband vermitteln kann.“

„Aber wie wollen Sie mir einen Kostenvoranschlag machen?“

Falls ich den Auftrag übernehme.“ Er schaute zu den Pinien hinauf, die dem reparaturbedürftigen Dach bedenklich nahe kamen. „Ich komme wieder, messe aus und schreibe alles ganz sauber und ordentlich für Sie auf.“

„Süße“, flüsterte Freckles viel zu laut. „Kane weiß, was er tut. Er platzt nicht in deine OP und erzählt dir, wo du schneiden musst.“ Lächelnd drehte sie sich zu dem Bauunternehmer um. „Julia ist Neurochirurgin bei der Navy. Hat einen messerscharfen Verstand, meine Großnichte. Oder habe ich das schon erwähnt?“

„Ja. Sollen wir anfangen?“, fragte er und marschierte ins Haus, als wäre es ihm völlig egal, wie klug Julia war. Nicht, dass sie von ihm bewundert werden wollte, aber es kam selten vor, dass jemand sich von ihrem überragenden IQ nicht beeindrucken ließ.

Der Mann schlenderte durch den Eingangsbereich, als wäre es sein Haus. Julia ärgerte sich darüber ebenso wie über ihre unerklärliche körperliche Reaktion auf ihn. Zu dritt gingen sie von Zimmer zu Zimmer, und irgendwann zählte Julia nicht mehr, wie oft sie ihrer Tante erklären musste, dass sie weder Glitzerfarbe an den Wänden noch eine komplett ausgestattete Bar in jedem Stockwerk haben wollte. Als sie die Besichtigung in der Küche beendeten, riskierte Julia bereits, zehn Minuten zu spät zu ihrer Schicht zu kommen. Leider musste sie befürchten, dass ihre Tante dem Mann irgendeine verrückte Idee aufdrückte, wenn die beiden allein waren.

„Ich finde, du solltest diese coolen türkisfarbenen Retro-Armaturen nehmen und sämtliche Schränke pink und weiß streichen.“ Freckles wedelte mit den Armen wie ein Verkehrspolizist. „Wenn du schwarz-weiß karierte Fliesen anbringst, hast du einen echten Fünfzigerjahrelook. Außerdem könntest du diese Wand entfernen und die Küche zum Wohnzimmer hin öffnen.“

„Welches ist das Wohnzimmer?“ Julia rieb sich die Schläfen.

„Ich glaube, das Zimmer, das Sie als Arbeitszimmer bezeichnet haben“, erwiderte Kane und sah aus, als würde er sie auslachen. „Oder war das der Salon?“

„Was auch immer. Ich möchte kein Fünfzigerjahremotto in meinem Haus. Und die Küche ist mein geringstes Problem.“

„Süße, die Küche ist das Herz des Hauses!“, beharrte Freckles.

„Meistens esse ich im Krankenhaus, und solange ich einen Kühlschrank für all die Reste habe, die du mir mitgibst, komme ich prima zurecht.“

„Genau das ist das Problem. Der Kürbisfestumzug steht kurz bevor, und danach beginnt auch schon die Skisaison, da habe ich im Café jede Menge zu tun. Ich mache mir große Sorgen, dass du ganz allein hier wohnst, nicht richtig isst und immer weniger wirst.“

„Wenn es dich beruhigt, kaufe ich mir ein Kochbuch und bringe mir ein paar einfache Grundrezepte bei. So schwer kann das doch nicht sein.“

„Süße, ich weiß, dir fällt das meiste leicht.“ Freckles legte einen Arm um Julias Taille. „Aber es gibt Dinge im Leben, die kann man nicht aus Büchern lernen.“

Das stimmt leider, dachte Julia. Freckles war ihre letzte lebende Angehörige und der Grund dafür, dass sie sich nach Idaho hatte versetzen lassen. Sie brauchte den Bauunternehmer gar nicht erst anzusehen, um zu wissen, dass sie jeden Preis zahlen würde, den er verlangte. Hauptsache, ihre Tante war beruhigt.

„Na gut“, sagte sie, „aber zuerst brauche ich ein bewohnbares Schlafzimmer, danach kann Mr. Chatterson mit der Küche beginnen – jedoch keine türkisfarbenen Armaturen oder karierte Fußböden.“

„Natürlich, Süße.“

„Und jetzt muss ich wirklich los.“ Julia blickte auf die Uhr. „Lassen Sie sich ruhig Zeit.“

„Soll ich hinterher abschließen?“, fragte Kane, als Julia ihre Tante umarmte.

„Wenn es Ihnen nichts ausmacht. Muss ich etwas unterschreiben?“

„Erst wenn ich Ihnen meinen Kostenvoranschlag schicke. Wie gesagt, ich weiß noch nicht, ob dieser Auftrag in meine Terminplanung passt.“

Auf dem Weg nach vorn griff sich Julia ihre Ledertasche, schaute auf Kanes alten Wagen und fragte sich, wie sie damit umgehen sollte, dass sie den Mann trotz allem attraktiv fand.

2. KAPITEL

Kane atmete tief durch und spürte, wie sich seine Anspannung etwas legte. Der Auftrag war ganz nach seinem Geschmack – er sollte einem heruntergekommenen Haus zu seinem alten Glanz verhelfen. Doch Dr. Captain Julia Fitzgerald war exakt die Art von Auftraggeber, die er nicht schätzte.

Die blonde Frau war ihm sofort aufgefallen, als sie sich im Cowgirl-Up-Café an die Theke gesetzt hatte. Ihr hübsches Gesicht nicht zu bemerken, wäre schwierig gewesen, obwohl sie jeden Blickkontakt mit den anderen Gästen vermieden und nichts getan hatte, um deren Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Nicht, dass er in den letzten zwei Jahren besonders umgänglich gewesen wäre. Aber bevor er sich versah, schlang die Frau ihre Arme um ihn und presste ihre kleinen festen Brüste an seinen Rücken. Plötzlich war ihm das Gemüse, in das er versehentlich gebissen hatte, völlig egal gewesen – er konnte nur noch daran denken, wie sehr er sich wünschte, sie würde ihre verschränkten Hände über seinen Bauch nach unten gleiten lassen.

Er war sich nicht mehr sicher, worüber sie danach gesprochen hatten. Er wusste nur noch, dass sie auf etwas zwischen seinen Zähnen gezeigt hatte, bevor die anderen Gäste in Gelächter ausgebrochen waren. Dann war sie verschwunden, bevor er erfahren konnte, wer sie war.

Eine Stunde später hatte er sich noch immer nicht von dem Schock erholt, die Frau aus dem Café neben Freckles auf der Veranda stehen zu sehen. Und wenn er an einer Fensterscheibe vorbeigekommen war, hatte er jedes Mal nachgeschaut, ob er immer noch Spinat zwischen den Zähnen hatte.

„Ist sie wirklich deine Nichte?“, fragte er Freckles und schaute durchs Küchenfenster zu Dr. Captains Wagen hinaus. Julia saß am Steuer und starrte mit gerunzelter Stirn auf ihr Smartphone. Die junge Frau war also Ärztin. Sie verdiente ihr Geld damit, Leben zu retten. Offenbar versuchte sie es sogar beim Frühstück. Er brauchte keinen Collegeabschluss, um zu begreifen, dass Männer wie er unter ihrer Würde waren.

„Hast du die Ähnlichkeit nicht gesehen?“

Er musterte Freckles. Ihr purpurner Lidschatten passte exakt zu dem geometrischen Muster des Tuchs, mit dem sie das orangefarbene Haar hochgebunden hatte. Julia dagegen trug keine Spur von Make-up, aber dafür eine hässliche beigefarbene Strickjacke über ihrer Krankenhausbekleidung.

„Na ja, sie ist fast so hübsch wie du, aber irgendwie erinnert sie mich an diese Legofiguren, mit denen ich als Kind gespielt habe“, antwortete er lächelnd und hoffte, dass Freckles ihm seine Ehrlichkeit nicht übelnahm.

Sie grinste nur. „Ja, sie ist etwas steif und förmlich, aber sie taut bestimmt auf, sobald ich sie mir vorgeknöpft habe.“

Kane erschien Julia eher kalt und leblos – genau wie die Streber in der Highschool, die auf ihn herabgeschaut hatten, weil er in ihren Augen nur ein dämlicher Sportler gewesen war.

„Was macht sie mit dem armen Handy?“, fragte er, als Julia das Gerät schüttelte und aufs Armaturenbrett warf, bevor sie ihren Wagen aus der Einfahrt lenkte.

Freckles seufzte. „Technik ist nicht ihre Stärke. Aber verrat ihr nicht, dass ich das gesagt habe. Sie ist es gewöhnt, immer die Beste zu sein.“

„Ich wette, das wirkt sich nicht gerade positiv auf zwischenmenschliche Beziehungen aus.“

„Das musst gerade du sagen, Kane Chatterson!“, konterte Freckles tadelnd. Sofort bereute er die Bemerkung. Wie immer hatte er ausgesprochen, was ihm als Erstes in den Sinn kam. Er war einfach zu schnell, zu impulsiv. „Wir haben alle unsere Fehler, mein Junge.“

Kane wollte nicht darüber nachdenken, warum er sich seit Monaten praktisch in Sugar Falls versteckte. „Und welche Fehler hast du?“

„Das geht dich nichts an, du kleiner Charmeur!“ Sie verpasste ihm einen Klaps auf den Arm. „Und da wir gerade von Charme sprechen, komm bloß nicht auf die Idee, ihn bei meiner Julia spielen zu lassen, hörst du?“

„Keine Ahnung, was du meinst.“

„Sie ist zu vertrauensvoll und braucht lebenserfahrene Menschen wie uns, die auf sie aufpassen.“

„Das machst du doch schon.“ Und zwar ganz allein, dachte er. Der Mann, der dumm genug war, sich mit Freckles anzulegen, tat ihm jetzt schon leid.

„Vergiss es nicht. Julia ist nicht wie die Major-League-Groupies, mit denen du dich als Baseballprofi vergnügt hast.“

Fast hätte er die Augen verdreht. Wie sollte er seine unrühmliche Vergangenheit hinter sich lassen, wenn er immer wieder darauf angesprochen wurde? Die meisten Leute in der Stadt wussten, dass sie seine Karriere als Pitcher oder den Skandal in Chicago auf keinen Fall erwähnen durften, wenn sie sich länger als fünf Minuten mit ihm unterhalten wollten – was bedeutete, dass diese kleine Plauderei mit Freckles schon viel zu lange dauerte.

„Keine Sorge. Ich mache deiner Nichte einen fairen Preis und habe absolut nicht vor, dort anzuknüpfen, wo ich aufgehört habe.“ Er holte die antiquarische Taschenuhr heraus und ließ den Deckel mehrmals aufschnappen. „Komm, ich nehme dich zum Café mit, damit du mir einen frischen Burrito machen kannst.“

„Wenn du ihn bezahlst.“ Seufzend stieg Freckles in den Bronco. „Meine Nichte ist dir also nicht attraktiv genug?“

„Das habe ich nicht gesagt.“ Er warf die Beifahrertür heftiger als nötig ins Schloss. Jeder, der Augen im Kopf hatte, konnte sehen, dass Julia atemberaubend aussah, auch wenn sie ihre klassische Schönheit unter grässlicher OP-Kleidung verbarg. Freckles brauchte nicht zu wissen, wie sein Körper reagiert hatte, als Julia ihm die Hand gegeben hatte.

Kane renovierte noch nicht lange alte Häuser, aber er hatte bereits drei eiserne Regeln aufgestellt.

Regel Nummer eins: Er arbeitete stets allein.

Regel Nummer zwei: Er packte immer ein extra Sandwich ein, für den Fall, dass er keine Mittagspause einlegen konnte – wie fast jeden Tag.

Regel Nummer drei: Er arbeitete nicht für Kunden, die seine Vorstellung nicht teilten. Manche Leute hielten das für mangelnden Geschäftssinn, aber es war nicht so, dass er Geld verdienen musste. Er hatte seine Einkünfte als Profisportler vernünftig angelegt und hätte eigentlich nie wieder arbeiten müssen. Die Baufirma hatte er gegründet, weil er seine Ideen verwirklichen wollte, nicht weil er gern mit Menschen zusammen war.

Ab heute gab es noch eine vierte Regel: keine Dates mit einer Kundin – egal, wie anziehend er sie auch fand. Zum Glück war das kein Problem, denn zusammen mit seinem Baseballhandschuh hatte Kane auch sein Herz an den Nagel gehängt.

„Was stellst du dir für das Haus vor?“, fragte er Julias Tante, bevor er den alten Bronco startete, den er nach Feierabend aufgearbeitet hatte.

Auf der Fahrt in die Stadt hörte er ihr zu und stellte fest, dass alle ihre Vorschläge das genaue Gegenteil davon waren, was ihrer Nichte vorschwebte. Das würde es ihm erleichtern, Regel Nummer drei zu befolgen: Julia und er waren sich darin einig, den Charakter des Hauses zu erhalten.

Kane bog in den Snowflake-Boulevard ein und hielt vor dem Cowgirl-Up-Café, um Freckles abzusetzen. Er versprach ihr, am Mittag vorbeizukommen, und winkte ein paar Einheimischen zu. Dabei achtete er darauf, sein grünes Cap tief ins Gesicht zu ziehen – nur für den Fall, dass Touristen unterwegs waren und ein Autogramm oder gar ein Selfie mit dem legendären Chatterson wollten.

Er hasste diesen Spitznamen.

Ihm gefiel das gemächliche Tempo der Kleinstadt, genau wie die Sicherheit und die Anonymität, die sie ihm bot. Bisher. Der Brawlgate-Skandal geriet langsam in Vergessenheit, und er wollte das Schicksal nicht herausfordern, indem er zu früh aus der Deckung kam. Natürlich vermisste er seinen Sport – nicht mehr im Rampenlicht zu stehen, hatte jedoch etwas für sich. Hin und wieder riefen sein ehemaliger Agent oder Trainer noch an, aber im Großen und Ganzen konnte er tun und lassen, was er wollte – an alten Autos herumwerkeln oder Häuser renovieren zum Beispiel. Und im Moment gab es eine in die Jahre gekommene viktorianische Villa am Pinecone Court, die nach ihm verlangte.

Auf der Fahrt nach Hause holte er den Notizblock unter dem Sitz hervor. Okay, dass er keinen brauchte, war nicht ganz ehrlich gewesen. Er parkte und nahm ein Maßband vom Rücksitz. Da er Freckles die Schlüssel noch nicht zurückgegeben hatte, wollte er sich in Ruhe im Haus umsehen und sich Notizen machen.

Er konnte nur hoffen, dass er sich beim Kostenvoranschlag nicht verrechnete oder irgendetwas falsch schrieb. Hausaufgaben waren nie seine Stärke gewesen, und er wollte nicht, dass Julia ihre süße Nase über ihn rümpfte.

Als Kane am zweiten Donnerstag im November auf den Besucherparkplatz des Shadowview-Militärkrankenhauses einbog, lief seine Gruppensitzung schon fünf Minuten. Na ja, es war nicht seine Sitzung, sondern eine, die von seinem Schwager Drew geleitet wurde.

Am Kiosk in der Eingangshalle holte er sich einen koffeinfreien Frappuccino und eilte mit gesenktem Kopf durch die Korridore, bis er die psychologische Abteilung fand. Dr. Drew Gregson wollte seinen Patienten mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung klarmachen, dass ihre Therapie der von Menschen ähnelte, die nach dem Verlust eines Beines wieder das Laufen lernen mussten. Heute Abend traf er sich mit einer neuen Gruppe in einer Art Klassenzimmer – und Kane hasste Klassenzimmer. Zum Glück ging es danach auf den Sportplatz oder in den Kraftraum.

Während seiner Physiotherapie nach der Schulteroperation hatte seine Schwester Kylie ihn überredet, in der Klinik zu trainieren. Drew hatte ihm vorgeschlagen, an dem Programm teilzunehmen, das er für seine PTBS-Patienten entwickelt hatte. Kane tat es gut, die Welt mit den Augen verwundeter Soldaten zu sehen. Verglichen mit deren Schicksal erschienen ihm sein Skandal, das Ende seiner Baseballkarriere und das beunruhigende Interesse an seiner neuesten Kundin geradezu unwichtig.

Er blickte auf die Nummer, die er sich auf die Hand geschrieben hatte, damit er nicht den falschen Sitzungsraum ansteuerte. Deshalb sah er die attraktive Blondine, die gerade aus dem Fitnesszentrum kam, erst, als er mit ihr zusammenstieß.

„Entschuldigung, Darling“, sagte er automatisch und hob den Kopf.

Wow. Die großen grünen Augen kannte er doch. Er war Julia nicht mehr begegnet, seit sie seinen Kostenvoranschlag abgezeichnet hatte. Jetzt trug sie keine Krankenhauskluft, sondern ein sportliches Outfit, das ihre Figur betonte und in dem sie aussah wie eine Frau, die in Hotelbars abhing, um einen Baseballprofi abzuschleppen.

„Mr. Chatterson?“, fragte sie, und Kane versuchte, nicht auf die Träger ihres Sport-BHs zu starren, während er sein Kaltgetränk in die andere Hand nahm.

„Tut mir leid. Ich habe Sie nicht erkannt. In dem Outfit sehen Sie aus wie …“ Wie wer? Eine von Beyoncés Bühnentänzerinnen? Ihm fiel nichts ein, was ihn weniger idiotisch hätte wirken lassen. „Ich habe nicht damit gerechnet, Ihnen hier über den Weg zu laufen.“

Sie hielt ihr Smartphone hoch. „Ich habe diese neue Fitness-App, aber irgendwie habe ich sie wohl falsch programmiert. Sie zeigt mir an, dass ich erst dreißig Kalorien verbrannt habe und mein Puls bei 543 liegt. Am liebsten würde ich das ganze Ding einfach löschen, weil ich meinen Puls selbst messen kann und … Entschuldigung, das wollen Sie wahrscheinlich gar nicht hören.“

Sie tippte noch heftiger auf dem Display herum, bis Kane ihr das Smartphone abnahm. „Lassen Sie mich das machen.“

Sie beobachtete gebannt, wie er die Anwendung entfernte. Er brachte es nicht fertig, ihr zu sagen, dass Touchscreens nicht ihre Stärke waren. Oder dass ihre Nähe ihn an eine ganz andere körperliche Anstrengung denken ließ.

Wütend auf sich selbst, weil er einen solchen Gedanken zuließ, gab er ihr das Smartphone zurück. „Was tun Sie überhaupt hier?“

„Ich arbeite hier.“

„Arbeiten Sie jetzt auch?“ Endlich erlaubte er sich einen Blick auf das enge Sport-Top, das ihre schmale Taille betonte. Sein Mund wurde trocken.

„Ich hatte heute Vormittag eine OP nach der anderen, deshalb wollte ich die Anspannung abbauen, bevor ich mit den Berichten anfange. Normalerweise schwimme ich einige Bahnen, aber der Pool war besetzt, also habe ich stattdessen Ausdauertraining gemacht. Leider habe ich versehentlich das Gerät falsch eingestellt, und es blieb auf der höchsten Stufe, deshalb wollte ich mit dem Smartphone meinen Puls messen. Aber warum erzähle ich Ihnen das?“

„Weil mein Gesicht Leute dazu bringt, sich mir zu öffnen?“ Warum um alles in der Welt flirtete er mit ihr? Weil ihr Anblick ihn kalt erwischt hatte. Und weil sie viel natürlicher und sympathischer wirkte, wenn sie einfach drauflosplapperte.

„Ihre Gesichtszüge sind völlig in Ordnung. Aber Ihre Augen bringen einen dazu, sich wie bei einem Test mit dem Lügendetektor zu fühlen.“

Interessant. Machte er sie etwa nervös?

„Heißt das, mein Gesicht gefällt Ihnen?“ Er hob die Hand, um über seinen Bart zu streichen. Doch dann fiel ihm ein, dass er ihn sich abrasiert hatte, als er nach Sugar Falls gezogen war.

„Die Frage beantworte ich nicht.“

Aber die Röte, die aus ihrem Ausschnitt aufstieg, verriet ihm, dass sein Anblick ihr besser gefiel, als sie zugeben wollte. In seinem Kopf schrillte eine Alarmglocke. Und dann, als hätte sie es auch gehört, straffte sie den Rücken und verschränkte die Arme. „Was tun Sie hier?“

„Ich bin hier, um …“ Kane brach ab. Er konnte ihr schlecht erzählen, dass er hier war, um die Moral der Truppe zu stärken. „… um an einer Sitzung teilzunehmen“, fuhr er fort und nahm seinen Frappuccino wieder in die andere Hand. Hoffentlich registrierte sie nicht, dass der Eingang zur psychologischen Abteilung direkt hinter ihm lag.

Sie tat es, und ihre grünen Augen erweiterten sich.

„Eine Therapie ist nichts, dessen man sich schämen müsste“, sagte sie.

„Nein?“, entgegnete er. „Machen Sie eine?“

„Tante Freckles hat mir geraten, mich intensiv mit … Ach, das ist jetzt nicht wichtig.“

Oh. Die kluge Ärztin hatte ein Geheimnis.

„Ich wollte Sie ohnehin anrufen und fragen, wie Sie mit den Schlafzimmern im Obergeschoss vorankommen.“

Schlafzimmer – er durfte nicht daran denken, dass diese Frau in ihrem hautengen Outfit ihm gegenüber gerade das Wort Schlafzimmer in den Mund genommen hatte. „Na ja, in zwei Räumen sind die Böden fertig. Im Flur auch. Die Treppe müsste nächsten Mittwoch so weit sein. Ich warte noch immer darauf, dass Sie sich wegen der Fliesen fürs Elternbadezimmer melden.“

„Ich möchte so bald wie möglich einziehen. Meine Tante macht sich Sorgen, dass ich kein Privatleben habe, weil ich so nahe an meiner Arbeit wohne und … Entschuldigung, das wollen Sie alles gar nicht hören.“

„Sie wollen einziehen, obwohl das Haus noch nicht fertig ist?“

„Ich verspreche Ihnen, ich werde Sie nicht stören. Meistens bin ich den ganzen Tag in der Klinik, und abends halte ich mich nur in einem Schlafzimmer und dem Bad oben auf.“

„Hören Sie auf, dauernd Schlafzimmer zu sagen“, murmelte er.

„Wie bitte?“

„Ich sagte, ich muss das Schlafzimmer noch zu Ende streichen. Das Bad braucht mindestens eine Woche, sobald ich die Fliesen bestellt habe. Mit der Küche habe ich noch nicht mal angefangen, und Ihre Tante findet, sie muss komplett eingerichtet sein, bevor Sie einziehen.“

Julia seufzte. „Tante Freckles bemuttert mich zu sehr. Sie sollten den flüssigen Eyeliner sehen, den sie mir gekauft hat, damit ich mir Katzenaugen schminken kann.“

Kane gefielen ihre Augen so, wie sie waren, und er arbeitete lieber in unbewohnten Häusern.

„Ich gehe jetzt in mein Büro, um mir die Musterfliesen anzusehen, und dann planen wir meinen Einzug in der nächsten Woche.“ Ohne seine Antwort abzuwarten, ging sie davon.

Offenbar war sie es als Chirurgin und Offizierin gewöhnt, dass ihre Anweisungen befolgt wurden. Kane war jedoch kein Rekrut oder arbeitsloser Tagelöhner. Er hatte zwar keine akademischen Lorbeeren geerntet, aber er hatte zwei Meisterschaften errungen, und sein Foto war zweimal auf der Titelseite von Sports Illustrated erschienen – auch wenn eins davon nicht gerade schmeichelhaft gewesen war.

Wenn sie so mit ihren Mitmenschen umsprang, wunderte es ihn nicht, dass sie kein Privatleben hatte. Falls Frau Doktor glaubte, dass sie so einfach einziehen und ihn herumkommandieren konnte, dann hatte sie sich gehörig getäuscht.

Es hatte Julia nicht gestört, als Freckles eine Einkaufsberaterin engagierte, die ihr Kleider für die Spendengala des Krankenhauses im Dezember vorschlug. Schließlich war es ihr nicht besonders wichtig, was sie an dem Abend tragen würde. Viel problematischer war die Frage, mit wem sie hingehen sollte.

Julia saß an ihrem Schreibtisch, starrte auf das dunkle Display ihres Smartphones und stöhnte auf, als es ihr nicht gelang, die E-Mail ihrer Tante zu öffnen. Sie konnte nur beten, dass Kane Chatterson sie nicht gelesen hatte, als er ihr vor zwanzig Minuten mit dem störrischen Gerät geholfen hatte.

Sie wollte nicht daran denken, wie der Mann sie vorhin angestarrt hatte. Schließlich gab es dringlichere Fragen – zum Beispiel die, wie sie Tante Freckles von ihrem Kleiderschrank und ihrem Privatleben fernhalten sollte. So schwer konnte es doch wohl nicht sein, selbst einen Begleiter zu finden. Sie musste sich nur entscheiden, was für eine Art von Mann sie wollte, und sich auf die Suche danach machen. Sie stopfte sich ein paar Schokorosinen in den Mund, während sie Eigenschaften, die ein Mann für mich haben sollte oben auf den Notizblock schrieb.

Aber das einzige Bild, das ihr in den Sinn kam, war Kane Chatterson – mit wachsamem Blick, breiten Schultern und unverfälschter Ausstrahlung. Sicher, bei der Navy hatte sie viele Männer kennengelernt, aber Uniformen waren langweilig verglichen mit verwaschenen Jeans und Flanellhemden, wie sie ihr Bauunternehmer über den kräftigen Muskeln trug. Zugleich war er schlank und sehnig wie jemand, der selten zur Ruhe kam. Außerdem wirkte er auf sie konzentrierter als ein Medizinstudent vor der ersten Zwischenprüfung – dauernd schaute er sich um, als wollte er sich jedes Detail in seiner Umgebung merken, um auf alles und jeden vorbereitet zu sein.

Bisher hatte sie an ihm außer einem herablassenden Lächeln nur ein permanentes Stirnrunzeln wahrgenommen. Angesprochen hatte er sie lediglich, um sie zu fragen, welche Farbe sie an den Wänden haben wollte. Umso schockierter war sie gewesen, als er sie vorhin im Krankenhausflur Darling genannt hatte und sie anstarrte, als hätte er seinen Kaffee auf sie gekippt und wollte ihn an Ort und Stelle von ihr ablecken.

Dann hatte sie etwas von Therapie gesagt, und er hatte sich wieder in einen zurückhaltenden, distanzierten Mann verwandelt. Ihr war nichts Intelligenteres eingefallen, als von Schlafzimmern und Eyelinern zu reden und so gefasst davonzugehen, wie es das beunruhigende Kribbeln an ihrem Nacken erlaubte.

Hör auf, daran zu denken, was zwischen euch auf dem Klinikkorridor passiert ist. Kein Wunder, dass ihre Tante ihr nicht zutraute, sich selbst einen passenden Begleiter für die Spendengala zu suchen.

Lächerlich. Sie konnte es. Julia hatte immer alles geschafft, was sie sich vorgenommen hatte, und würde es auch diesmal schaffen.

Sie schaute auf die leere Seite und begann zu schreiben.

– Muss in Flanell gut aussehen.

– Muss eine sexy Stimme haben.

– Muss mich ansehen, als wäre ich die Schlagsahne auf seinem Frappuccino.

Nein, das hier war lächerlich. Sie riss die Seite aus dem Block und warf ihn in den Papierkorb neben dem Schreibtisch. Seit der katastrophalen Beziehung mit einem ihrer Professoren vor ein paar Jahren wollte Julia überhaupt keinen Mann mehr. Sie wusste, dass ihr fehlendes Privatleben alles andere als normal war, aber bisher hatte es ihr nichts ausgemacht. Tante Freckles schien es allerdings sehr wichtig zu sein, dass sie sich anpasste. Und wenn sie normal sein oder wenigstens normal wirken wollte, so musste sie sich mehr Mühe geben.

Julia begann mit einer neuen Liste und ließ alles weg, was irgendwie an Kane Chatterson erinnerte.

Sie war gerade fertig, als es an der Bürotür klopfte. Chief Wilcox, ihre medizinische Assistentin, kam herein. „Haben Sie die OP-Berichte fertig? Der Physiotherapeut hat schon danach gefragt.“

„Ja, sie müssten in der Onlineakte des Patienten sein“, sagte sie zu der Soldatin, die einen pinkfarbenen Rucksack über der Schulter trug und offenbar Feierabend machen wollte.

„Dort habe ich nachgesehen.“

„Ich habe sie nach meinem Workout abgespeichert.“ Sie rief die Akte auf ihrem iPad auf. „Oh! Offenbar habe ich sie nicht abgeschickt. Okay, jetzt müssten die Berichte in der Akte sein. Ich rufe den Physiotherapeuten gleich an.“ Sie sah die Assistentin an. „Sie sehen aus, als wollten Sie ins Wochenende.“

Das war keine sehr geistreiche Feststellung. Julia wollte nicht, dass die Frau sie für unprofessionell hielt, aber wie sollte sie ihre Mitarbeiter sonst kennenlernen?

„Ja, das will ich. Einige von uns wollen eine Wanderung zum Sugar River unternehmen. Ich muss noch meine Ausrüstung zusammenpacken, und Chief Filbert hat mich für den Proviant eingeteilt, also muss ich mich darum auch noch kümmern.“

Julia hatte keine Ahnung, wer Chief Filbert war, aber das Gefühl der Enttäuschung, das sie gerade beschlich, kam ihr vertraut vor. Nicht, dass sie oft zelten ging, aber es war auch ihr freies Wochenende, und niemand hatte daran gedacht, sie zu fragen, ob sie vielleicht mitwollte. Genauso war es bei gemeinsamen Happy Hours oder in der Mittagspause. Es war einfacher, sich uninteressiert zu geben, als sich anmerken zu lassen, dass sie sich ausgeschlossen fühlte.

„Viel Spaß. Wir sehen uns am Montag um sechs Uhr.“

„Aye, aye, Captain“, erwiderte Wilcox. Julia schloss die Augen und erinnerte sich an ihren ersten Tag in der Highschool. Sie war erst zwölf und so dumm gewesen, mehrere Cheerleader zu fragen, ob sie an deren Tisch sitzen durfte. Eine Weile hatten die Schulschönheiten sie als eine Art Maskottchen ertragen, aber damit war es vorbei gewesen, als Julia mühelos bessere Englischnoten als die älteren Mitschüler bekam.

Auf dem College war es ihr nicht besser ergangen. Erst im Medizinstudium war es ihr egal gewesen, was andere von ihr dachten. Sie hatte ihr Cello, ihr Schwimmen und ihre Fachbücher und keine Zeit für Drinks zum Semesterbeginn oder nach den Abschlussprüfungen – selbst wenn sie alt genug gewesen wäre, um mit ihren Kommilitonen durch die Bars zu ziehen.

Nach dem Examen wollte sie in die Forschung gehen, aber dann sah sie eine Dokumentation über Frauen beim Militär. Die Ordnung und Disziplin bei der Navy erinnerten sie an ihre strikt geregelte Kindheit und trösteten sie über ihr fehlendes Privatleben hinweg. Sie fand genug Gründe, um auch abends in ihrem Büro zu arbeiten, anstatt in ihrer spartanischen Unterkunft ein Tiefkühlgericht in die Mikrowelle zu schieben.

Warum um alles in der Welt machte sie sich plötzlich darüber Gedanken? Sie zog das Haarband vom Pferdeschwanz und massierte die Schläfen, bevor sie sich zu den Fliesen umdrehte, die sie auf dem niedrigen Aktenschrank abgelegt hatte. Mit den Fingern strich sie über die glatten Oberflächen der farbenfrohen Muster. Kane hatte neutrale Farben vorgeschlagen, weil das Haus dann einfacher weiterzuverkaufen wäre. In einigen der Wohnzeitschriften, die sie durchgeblättert hatten, waren weiße Badezimmer angesagt, aber die Chirurgin in ihr befürchtete, dass sie eine so sterile klinische Umgebung bald leid sein würde.