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Brenda Harlen, Nancy Robards Thompson, Ann Roth, Karen Templeton

BIANCA EXTRA, BAND 48

IMPRESSUM

BIANCA EXTRA erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

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© Deutsche Erstausgabe in der Reihe BIANCA EXTRA
Band 48 - 2017 by HarperCollins Germany GmbH, Hamburg

© 2015 by Brenda Harlen
Originaltitel: „A Forever Kind of Family“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
in der Reihe: SPECIAL EDITION
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Valeska Schorling

© 2012 by Nancy Robards Thompson
Originaltitel: „Texas Magic“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
in der Reihe: SPECIAL EDITION
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Alina Lantelme

© 2007 by Ann Schuessler
Originaltitel: „Mitch Takes a Wife“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
in der Reihe: AMERICAN ROMANCE
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Rainer Nolden

© 2011 by Karen Templeton-Berger
Originaltitel: „Husband Under Construction“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
in der Reihe: SPECIAL EDITION
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Tatjána Lénárt-Seidnitzer

Abbildungen: David Lees / Getty Images, alle Rechte vorbehalten

Veröffentlicht im ePub Format in 08/2017 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733732950

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

 

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BRENDA HARLEN

Schlaflos vor lauter Glück

Ryan ist ein lässiger Playboy, Harper eine schöne Karrierefrau –und zusammen sind sie plötzlich Mami und Daddy für denkleinen verwaisten Oliver! Können sie trotz aller Gegensätzeeine liebevolle Familie werden?

NANCY ROBARDS THOMPSON

Champagnernächte mit Drew

Für den Journalisten Drew Montgomery zählen nur vernünfti-ge Fakten. Allerdings ist auch Fakt, dass er höchst unvernünf-tige, verführerische Gedanken hat, seit er der schönen Caroline begegnet ist …

ANN ROTH

Die kleine Pension am Meer

Mitch sucht die Einsamkeit am Meer, um endlich sein Buch zu Ende zu schreiben. Doch warum lässt er sich dann jeden Tag aufs Neue von der hübschen Fran, die das idyllische Bed & Breakfast betreibt, ablenken?

KAREN TEMPLETON

Ein Gerüst aus Liebe und Hoffnung

Spukt es in dem alten Haus? An jeder Ecke sieht Noah die bezaubernde Roxie, selbst in seine Träume schleicht sie sich! Dabei weiß er genau: Wenn die Renovierung abgeschlossen ist, wird Roxie die Stadt wieder verlassen …

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Schlaflos vor lauter Glück

1. KAPITEL

Das Schreien des Babys holte Harper Ross unsanft aus dem Schlaf, ihr Herz raste wie wild.

Nach zweieinhalb Wochen hätte sie sich eigentlich an Olivers Heulattacken mitten in der Nacht gewöhnt haben müssen, aber das war nicht der Fall. Sie war auch davon ausgegangen, nach achtzehn Tagen sicherer im Umgang mit dem Kleinen zu sein, und auch daraus war nichts geworden.

Im Job war das ganz anders. Als Produktionsassistentin einer preisgekrönten Fernsehsendung wusste sie genau, was sie tat. Im Studio hatte sie alles unter Kontrolle. Aber wenn sie sich um den kleinen Sohn ihrer tödlich verunglückten besten Freundin kümmerte, kam sie sich vor wie eine totale Versagerin. Sie hatte keine Ahnung, wie sie Oliver helfen und ihn trösten konnte – oder ob sie es überhaupt konnte. Als Ersatzmutter fühlte sie sich völlig hilflos.

Als sie erfahren hatte, dass sie von jetzt an für den sechzehn Monate alten Jungen mit verantwortlich war, geriet sie in Panik. Schließlich kannte sie sich mit Babys nicht aus, wusste nichts über ihre Ess- und Schlafgewohnheiten und auch nicht, wie man Windeln wechselt.

Nur gut, dass sie fürs Erste unzählige Informationen und Videos darüber im Internet gefunden hatte. Aber sie musste noch so viel lernen, weshalb sie jede freie Minute damit verbrachte, Bücher über Kindererziehung und Kinderpsychologie zu lesen.

Das würde ihr auch nichts weiter ausmachen, wenn der zweite Vormund – Ryan Garrett – nicht so mühelos in seine neue Rolle geschlüpft wäre, wodurch ihre eigene Unfähigkeit umso deutlicher wurde.

Normalerweise kümmerte Ryan sich nachts um Oliver, aber heute schien er sich aus irgendeinem Grund nicht für ihn verantwortlich zu fühlen. Sie und Ryan hatten ihre jeweiligen Wohnungen aufgegeben und waren in Melissa und Darren Cannons Haus gezogen, sodass Oliver in seiner vertrauten Umgebung bleiben konnte. Vielleicht tröstete ihn das zumindest etwas über den Verlust seiner Eltern hinweg.

Seufzend schwang Harper die Beine aus dem Bett und schluckte den Kloß hinunter, den sie plötzlich im Hals hatte. Das Baby brauchte so unendlich viel mehr, als sie ihm geben konnte, obwohl sie ihr Bestes versuchte. Vermutlich hätte sie mehr Erfolg, wenn sie nachts mehr als immer nur zwei Stunden am Stück schlafen würde, aber davon konnte sie zurzeit nur träumen.

Denn Oliver, der eigentlich schon mit fünf Monaten durchgeschlafen hatte, wachte seit dem tödlichen Unfall seiner Eltern nachts wieder ständig auf. Laut Ryans Mom, an die Harper und Ryan sich bei allen Fragen zur Kindererziehung wandten, war das unter den gegebenen Umständen völlig normal und nicht weiter besorgniserregend. Er sei einfach nur traurig und verwirrt, weil seine Eltern plötzlich nicht mehr da waren. Auch wenn Harper das verstehen konnte, machte es sie fertig.

Als sie das Baby herzzerreißend Ma-ma-ma-ma-ma rufen hörte, wäre sie am liebsten ebenfalls in Tränen ausgebrochen. Sie ging raus in den Flur.

Abgesehen von dem aus dem Kinderzimmer dringenden Schein des Schlaflichts war es dort komplett dunkel. Sie hatte keine Ahnung, wie spät es war, wie lange sie geschlafen hatte und …

Sie wurde jäh aus ihren Gedanken gerissen, als sie gegen eine Wand prallte.

Okay, keine echte Wand, sondern Ryan Garretts Brust.

Seine harte, muskulöse und nackte Brust.

Die ganz nass war.

Er hielt Harper an den Hüften fest, damit sie nicht stolperte. Seine Hände fühlten sich fest und warm an. Sie konnte jeden einzelnen Finger durch den hauchdünnen Baumwollstoff ihrer Boxershorts spüren und bekam prompt eine Gänsehaut. Ihr Puls begann auf eine Art zu rasen, die sie schon lange nicht mehr erlebt hatte – und die noch dazu in diesem Fall völlig unpassend war.

Als sie scharf einatmete, stieg ihr Ryans frischer männlicher Duft in die Nase. Anscheinend kam er gerade aus der Dusche. Was zwar erklärte, warum er ganz nass war, aber nicht, warum er halb nackt im Haus herumlief.

„Ich hatte gerade das Wasser abgedreht, als ich Oliver gehört habe“, beantwortete er ihre unausgesprochene Frage. „Ich wollte ihn beruhigen, bevor er dich weckt.“

„Zu spät.“ Sie verzog das Gesicht, als das Weinen des Babys lauter wurde. „Vielleicht solltest du dich erst mal anziehen?“

Ihr Tonfall klang schärfer als beabsichtigt, aber sie hatte keine Lust, sich dafür zu entschuldigen. Sie wusste zwar, dass Ryan nichts dafürkonnte, dass sie wach geworden war, aber sie hatte selbst nicht viel an, und Ryans nackter Oberkörper rief Reaktionen an Stellen hervor, die sie gerade lieber nicht spüren wollte. Ihr war daher nicht danach zumute, fair zu sein.

„Ich habe eine Hose an“, protestierte er, als er Harper ins Kinderzimmer folgte. Obwohl es zu dunkel war, um sein sexy Grinsen zu erkennen, konnte Harper es an seiner Stimme hören. „Ich habe sie extra deinetwegen angezogen.“

Als ob man eine tief auf den Hüften sitzende Boxershorts als richtige Hose bezeichnen konnte!

Der Mann wusste genau, wie attraktiv er war. Er war schließlich ein Garrett, und die waren alle eine Augenweide. Ryan als groß, dunkel und gut aussehend zu beschreiben, wäre daher völlig unzureichend und würde ihm noch nicht mal ansatzweise gerecht.

Er war fast ein Meter neunzig groß und überragte Harper sogar dann, wenn sie hohe Absätze trug. Er hatte volles, weiches kaffeebraunes Haar und Augen, die in seinem Führerschein vermutlich als haselnussbraun bezeichnet wurden, in Wirklichkeit aber moosgrün mit goldenen Sprenkeln waren. Sein kräftiges, markantes Kinn war oft mit Bartstoppeln bedeckt. Normalerweise stand Harper nicht auf Dreitagebärte, aber sie konnte nicht leugnen, dass der Look Ryan stand und seine Anziehungskraft eher noch steigerte.

Doch da Harper von schönen Menschen umgeben aufgewachsen war, ließ sie sich nicht so schnell von einem attraktiven Gesicht oder einem tollen Körper beeindrucken – und Ryan Garrett hatte beides. Nein, wirklich gefährlich wurden ihr sein scharfer Verstand und sein schelmisches Grinsen. Und als ob das noch nicht genug wäre, war er obendrein noch freundlich, charmant und aufmerksam.

Wäre sie jetzt einigermaßen wach und denkfähig, würde sie sofort umkehren und zurück ins Bett gehen. Doch sie ging einfach weiter.

Sie knipste die Lampe neben dem Schaukelstuhl an, während Ryan direkt auf das Gitterbettchen zusteuerte und Oliver auf den Arm nahm. Das herzzerreißende Weinen wurde sofort zu einem zittrigen Schluchzen, als sich das Baby an Ryans breite Brust schmiegte.

Harper blieb unschlüssig stehen. Sie kam sich mal wieder völlig nutzlos und unfähig vor, als sie Ryan beim Trösten des verstörten Kindes beobachtete und seinem beruhigenden Murmeln lauschte. Das tiefe, sexy Timbre seiner Stimme genügte, um ihr Blut wieder in Wallung zu bringen.

Sie wusste allzu gut, wie es sich anfühlte, in Ryans starken Armen zu liegen und seinem Herzschlag zuzuhören. Und zwar deshalb, weil sie vier Jahre zuvor eine unglaubliche, geradezu magische Nacht mit ihm verbracht hatte – doch am nächsten Morgen, als die Sonne aufging, war sie wieder in der harten Realität gelandet.

„Was ist los, mein Kleiner?“, flüsterte Ryan Oliver ins Ohr. „Hast du Hunger? Oder eine volle Windel?“ Er tätschelte dem Baby sanft den Po. „Oh ja, die müssen wir unbedingt wechseln.“

Harper beobachtete Ryan. Er legte Oliver geschickt eine Hand auf den Bauch, während er aus dem unteren Fach der Wickelkommode eine saubere Windel nahm. Bei ihm sah es total einfach aus, während ihr jedes Mal der Schweiß ausbrach, weil sie ständig Angst hatte, dass der lebhafte Kleine runterfiel … auch wenn sie ihm zugegebenermaßen nicht oft die Windeln wechselte.

Im Laufe der letzten zweieinhalb Wochen hatte sich zwischen Ryan und ihr eine gewisse Routine eingespielt. Ryan kümmerte sich vormittags um Oliver, während Harper bei der Arbeit war, und wenn sie vom Fernsehstudio nach Hause kam, fuhr er für ein paar Stunden in sein Büro.

Sie hatten noch keinen Plan für den Einkauf oder die Wäsche festgelegt, doch Harper hatte den Eindruck, dass Ryan auch von diesen Aufgaben den Großteil übernahm. Im Gegenzug bereitete sie das Abendessen vor, bevor er nach Hause kam, und anschließend räumten sie zusammen die Küche auf und badeten Oliver.

Wenn es jedoch darum ging, schlafen zu gehen, bevorzugte der Kleine eindeutig Harpers Arme.

Ryan streifte sie mit einem Blick, während er die Windel zuklebte. „Geh doch zurück ins Bett, Harper. Ich kümmere mich um Oliver.“

Da Harpers Wecker schon um Viertel vor fünf klingelte, hätte sie nichts lieber getan als das. Nach der Beerdigung hatte Ryan ihr freundlicherweise angeboten, nachts aufzustehen, damit sie wenigstens durchschlafen konnte. Es war nicht seine Schuld, dass sie von jedem Geräusch wach wurde, das aus Olivers Zimmer drang.

Gut, dass sie nur hinter den Kulissen von Coffee Time with Caroline arbeitete, Charismas beliebtester Frühstücksfernsehsendung. Harpers dunkle Augenringe störten daher nicht so wie der Nebel, der ihr Gehirn in letzter Zeit zu umwabern schien.

„Soll ich ihm was zu trinken holen?“, fragte sie, als Ryan den Reißverschluss von Olivers Strampler zuzog.

„Das übernehme ich“, sagte Ryan. „Versuch, noch etwas Schlaf zu kriegen.“

Als Harper beschloss, genau das zu tun, streckte Oliver vom Wickeltisch aus seine Ärmchen nach ihr aus. „Arm!“

Ryan nahm ihn hoch. „Ich habe dich schon, Kumpel.“

Kopfschüttelnd zeigte der Kleine auf Harper. „Arm!“

„Harper muss jetzt genauso in die Heia wie du.“

„Arm!!“, beharrte Oliver.

Ryan sah Harper unschlüssig an.

Sie zuckte die Achseln. „Ich habe Brüste.“

Sie hatte das ganz automatisch gesagt, da ihr Gehirn noch im Halbschlafmodus war und sie daher nicht bedacht hatte, mit wem sie sprach oder wie ihr Gegenüber darauf reagieren würde.

Und natürlich reagierte Ryan wie jeder gesunde heterosexuelle Mann – er ließ den Blick zu ihren Brüsten gleiten und lächelte anzüglich. „Stimmt. Ist mir auch schon aufgefallen.“

Ihre Wagen brannten, als sie spürte, dass sich ihre Knospen unter dem dünnen Baumwollstoff ihres Tank Tops verräterisch abzeichneten. Hastig nahm sie ihm das Baby ab, um sie zu bedecken. „Ich habe nur gemeint, dass er zum Kuscheln eine weiche Brust bevorzugt.“

„Kann ich ihm nicht verdenken“, sagte Ryan trocken.

Oliver schmiegte den Kopf an ihre Schulter und schob ihr eine Hand in den Ausschnitt.

„Geschickter Move“, stellte Ryan grinsend fest.

Harper schoss wieder das Blut ins Gesicht. Sie ging zum Schaukelstuhl und setzte sich. „Er sucht nur Trost“, erklärte sie schaukelnd, ohne auf Ryans Worte einzugehen.

„Vielleicht brauche ich den ja auch“, zog Ryan sie auf.

Sie verdrehte genervt die Augen. „Dann solltest du vielleicht Brittney anrufen.“

Verständnislos sah er sie an. „Wen?“

„Na, die Frau, mit der du zusammen warst, als ich dich angerufen und dir von Melissas und Darrens Unfall erzählt habe.“

Allmählich schien ihm zu dämmern, wen sie meinte. „Ach so. Du meinst Bethany.“

„Ich werde mir die Namen deiner Freundinnen notieren müssen, um sie nicht alle durcheinanderzubringen.“

„Das wird nicht nötig sein. Weil du ihnen ganz bestimmt nicht über den Weg laufen wirst.“

„Einverstanden“, entgegnete sie. „Solange du um halb sechs Uhr morgens wieder hier bist, sodass ich zur Arbeit kann. Ansonsten interessiert es mich nicht, wo du schläfst.“

„So früh gehst du aus dem Haus? Um halb sechs?“

Sie nickte.

Da Oliver zurzeit nachts so oft wach wurde, schlief Ryan um diese Uhrzeit normalerweise noch wie ein Toter. Er hatte zwar gewusst, dass Harpers Arbeitstag früh begann, aber nicht, wie früh. „Das ist ja Wahnsinn!“

„Sieh es doch mal positiv. Das erspart dir den peinlichen Abschied am Morgen danach.“

Harper hatte vom Anfang ihrer Bekanntschaft an keinen Zweifel daran gelassen, dass sie nicht viel von Ryan hielt. Damals war sie erst einundzwanzig und hatte noch nicht mal ihr Diplom von der New York University in der Tasche gehabt, sie war jedoch voller ehrgeiziger Pläne gewesen.

Ryan hingegen stand kurz vor seinem Abschluss in BWL an der Columbia University und bereitete sich auf seinen ersten Job bei Garrett Furniture vor. Obwohl es damals heftig zwischen ihm und Harper gefunkt hatte, hatte sie ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass ein Mann, der sich mit einem Verkaufsjob begnügte, nicht ihren Erwartungen entsprach. Seinen Einwand, dass das nur ein Einstieg sei, hatte sie völlig ignoriert.

Es hatte sie auch nicht beeindruckt, als sie später erfahren hatte, dass seiner Familie die millionenschwere Firma gehörte. Stattdessen hatte sie ihm vorgeworfen, sich ins gemachte Nest zu setzen, und da war vielleicht sogar etwas Wahres dran. Doch Ryan hatte nie ein Workaholic werden wollen wie sein Vater und hatte sich daher früh vorgenommen, nicht nur für seinen Beruf zu leben. Und er hatte nicht die Absicht, sich deswegen zu entschuldigen.

Genauso wenig für sein Privatleben.

„Den einzigen peinlichen Abschied hatte ich bei dir“, erwiderte er.

Harper funkelte ihn über den Kopf des Babys hinweg verärgert an. „Wir haben uns doch darauf geeinigt, nie über diese Nacht zu reden.“

„Ich habe gar nichts“, widersprach er. „Du hast das einfach so beschlossen, und ich habe mich gefügt.“

Sie senkte den Blick zu Oliver, der trotz des hitzigen Wortgefechts sofort wieder eingeschlafen war. „Und warum fängst du ausgerechnet jetzt damit an?“

Gute Frage. Ryan wusste selbst nicht, was ihn geritten hatte. Denn obwohl ihre gemeinsame Nacht für ihn kein Tabuthema war, hatte er bisher immer so getan, als sei nie etwas zwischen ihnen passiert. Dabei hatte er diese Nacht nie vergessen, so sehr er es auch versucht hatte – schließlich war es ziemlich demütigend, wenn die Frau, mit der man gerade tollen Sex gehabt hatte, einen hinterher wissen ließ, dass es kein zweites Mal geben würde.

„Weil es nun mal passiert ist“, sagte er. „Selbst wenn wir nicht darüber reden – es steht einfach zwischen uns.“

„Es ist vier Jahre her“, protestierte sie. „Eine Ewigkeit.“

„Wenn es so lange her ist und so unbedeutend war, warum hast du Melissa dann nie davon erzählt?“

„Was?“

„Du hast immer gesagt, dass ihr beide euch absolut alles anvertraut. Warum hast du unsere gemeinsame Nacht ihr gegenüber nie erwähnt?“

„Weil ich nicht wollte, dass es zwischen uns peinlich wird.“

„Wen meinst du mit uns? Dich und Melissa? Oder dich und mich?“

„Uns alle.“ Sie hielt den Blick hartnäckig auf das schlafende Baby gerichtet. „Hätte ich Melissa davon erzählt, hätte sie es Darren weitererzählt, und dann wäre jedes Treffen mit ihnen irgendwie unangenehm und komisch gewesen.“

„War es denn nicht auch so schon unangenehm und komisch genug?“

„Überhaupt nicht!“

„Du empfindest also noch nicht mal mehr einen winzigen Rest körperlicher Anziehung, wenn wir zusammen sind?“

„Wie kommst du denn darauf?“

Ihr verächtlicher Tonfall kränkte Ryan, aber ihm entging nicht, dass sie seinem Blick immer noch auswich. Stattdessen richtete sie ihren auf seinen nackten Oberkörper. Und zwar mit Wohlgefallen, wie Ryan sogar bei der schwachen Beleuchtung erkennen konnte. „Du bist doch eine kluge Frau, Harper.“

Nur mühsam wandte sie sich von seiner nackten Brust ab. „Ach ja?“, fragte sie misstrauisch.

„Dir muss doch bewusst sein, wie viele Männer deine Bemerkung als Herausforderung betrachten würden.“

„Ich habe lediglich eine Tatsache festgestellt.“

Er brummte abfällig.

Harper stand mit dem schlafenden Baby auf. „Ich lege Oliver jetzt hin und gehe zurück in mein Zimmer.“

Ryan konnte nicht widerstehen, sie noch weiter zu provozieren. Nur ein bisschen. „Ist das jetzt eine Einladung?“

„Ist die Hölle inzwischen zugefroren?“, gab sie wie aus der Pistole geschossen zurück.

Lächelnd beobachtete er, wie sie Oliver behutsam hinlegte. Was hatte diese Frau nur an sich, dass er sie auch dann noch für ihren scharfen Verstand und ihre Schlagfertigkeit bewunderte, wenn sie ihn total wütend machte?

Er begleitete sie zur Tür. „Gib es doch zu, du willst mich immer noch.“

„Du solltest dringend mal etwas gegen dein aufgeblasenes Ego unternehmen, bevor …“

Er berührte ihre Lippen mit einem Finger und brachte sie damit zum Verstummen. „Du willst mich immer noch“, beharrte er. „Genauso wie ich dich.“

Er zeichnete die Umrisse ihrer Lippen mit der Fingerspitze nach. Sogar nach vier Jahren erinnerte er sich noch an Harpers weichen Mund, ihre zärtlichen Küsse. An ihre Leidenschaft und das Gefühl ihrer Hände auf seinem Körper.

Ihr Blick verdunkelte sich und ihr schneller werdender Puls verriet ihm, dass auch sie an damals denken musste.

Blinzelnd trat sie einen Schritt zurück. „Machst du mich etwa gerade an – keine drei Wochen nach der Beerdigung unserer besten Freunde?“

„Ich habe lediglich eine Tatsache festgestellt.“

„Du meinst wohl deine völlig verblendete Wahrnehmung dieser Tatsache“, erwiderte sie schnippisch.

Er stützte eine Hand gegen den Türrahmen und versperrte ihr so den Weg. „Du hast kein Recht, mir Verblendung zu unterstellen, wenn du selbst nicht zu deinen Gefühlen stehst.“

Sie verdrehte genervt die Augen. „Na klar doch! Ich verdränge meine Gefühle, nur weil ich dich nicht in mein Bett zerre?“

„Das wäre gar nicht nötig. Ich würde vielleicht sogar freiwillig mitkommen, wenn du mich ganz lieb darum bittest.“

„Darauf kannst du lange warten!“

„… freien Termine nächsten Monat.“

Die Worte drangen wie aus weiter Ferne in Harpers Bewusstsein.

Sie erkannte die Stimme ihrer Assistentin, wusste jedoch nicht, ob Diya gerade mit ihr sprach, aber sie hatte nicht genug Energie, um zu fragen.

„Hast du mich gehört?“ Diyas Stimme klang schärfer, näher. „Harper?“

Harper hob blinzelnd den Kopf. „Ja, natürlich.“

Diya sah sie besorgt an. „Alles okay mit dir?“

„Klar.“ Harper griff nach dem Kaffeebecher neben sich und trank einen Schluck. Angeekelt verzog sie das Gesicht, als ihr die kalte Flüssigkeit die Kehle hinunterfloss. Offensichtlich hatte sie mehr als nur ein paar Minuten geschlafen, wenn der Kaffee, den sie sich doch gerade erst eingeschenkt hatte, schon kalt war.

Daran war nur dieser dämliche Ryan schuld! Nachdem sie Oliver wieder hingelegt hatte und selbst ins Bett gegangen war, lag sie nämlich noch lange wach und dachte über seine Worte nach – und verwünschte ihn insgeheim, weil er recht hatte.

Sie wollte ihn tatsächlich. Schon allein seine Nähe brachte ihr Blut in Wallung und beschleunigte ihren Herzschlag. Und als er die Umrisse ihrer Lippen mit der Fingerspitze nachzeichnete, hatte sie sich für einen Moment wirklich gewünscht, er würde endlich ernst machen und sie küssen. Sie hatte sich danach gesehnt, ihn zu berühren, die Hände über seinen Waschbrettbauch und seine muskulöse Brust gleiten zu lassen. Und ja, verdammt, sie hatte ihn tatsächlich in ihr Zimmer zerren und mit ihm schlafen wollen.

Aber diese Wirkung hatte er vermutlich auf fast alle Frauen. Wie sollte man auch dem intensiven Blick aus grün-goldenen Augen widerstehen, mit dem Ryan einem das Gefühl gab, die einzige Frau auf der Welt zu sein? Wie konnte sie sich der Faszination seines sexy Grinsens entziehen, das ihr alle möglichen Sinnesfreuden versprach? Sie war schließlich auch nur ein Mensch.

Harper wusste, dass Männer, denen sich die Frauen förmlich zu Füßen warfen, oft selbstsüchtige Liebhaber und nur auf ihre eigene Befriedigung aus waren. Aber leider wusste sie auch, dass Ryan Garrett definitiv nicht zu diesen Männern gehörte.

Wie dem auch sei, eine tolle Liebesnacht vor vier Jahren hatte nichts an der unumstößlichen Tatsache geändert, dass sie absolut nicht zusammenpassten. Ryan war wie ihre Lieblingsschokolade mit gesalzenem Karamell: verlockend und köstlich, aber wenn man der Versuchung nachgab, bereute man es hinterher unweigerlich. Nur diese Erkenntnis hatte ihr die Kraft gegeben, sich von ihm fernzuhalten.

Leider hatte seine Berührung die Erinnerungen an ihre so lange zurückliegende gemeinsame Nacht wieder wachgerufen und Harper bis in die frühen Morgenstunden nicht schlafen lassen. Dass sie sich auch nach vier Jahren noch lebhaft an jedes Detail erinnern konnte, sagte viel aus über ihr Liebesleben.

Als sie den Kopf schüttelte, um die unwillkommenen Erinnerungen loszuwerden, fiel ihr auf, dass ihre Assistentin den kalt gewordenen Kaffee mitgenommen hatte und mit frischem, dampfendem zurückkehrte.

„Danke“, sagte Harper erleichtert.

Diya zeigte auf ihre rechte Wange. „Du hast da Knitterfältchen im Gesicht.“

So viel zu Harpers Versuch, den Eindruck zu erwecken, dass sie an ihrem Schreibtisch hart arbeitete. „Ich bin anscheinend kurz eingenickt“, gestand sie.

„Warum gehst du nicht nach Hause und schläfst dich richtig aus?“

„Weil ich Babydienst habe, sobald ich nach Hause komme.“

„Babys schlafen zwischendurch. Man muss sich nur angewöhnen, sich dann ebenfalls hinzulegen.“

Dieser Rat stand auch in zahlreichen Erziehungsratgebern, aber wenn Oliver ein Nickerchen machte, hatte sie immer noch jede Menge anderer Dinge zu erledigen, die sie vom Schlafen abhielten. „Klingt vernünftig“, stimmte sie zu. „Aber wenn ich mich hinlege, kriege ich kein Auge zu.“

„Und am Schreibtisch schon?“

Harper lächelte schuldbewusst. „Anscheinend.“

Diya schüttelte belustigt den Kopf. „Woran arbeitest du gerade?“

Harper musste einen Blick auf ihren Computerbildschirm werfen, damit es ihr wieder einfiel. „Ich vervollständige die Einkaufsliste für Kanes Kochbeitrag morgen früh.“

„Kane.“ Harpers Assistentin seufzte schwärmerisch. „Der Mann ist genauso zum Anbeißen wie alles, was er kocht.“

„Und ein totaler Tyrann, wenn es um die Zutaten dafür geht. Drei der Sachen, die er für morgen haben will, kriegt man nur in einem Spezialgeschäft in Raleigh.“

„Leite mir die Liste auf mein Handy weiter. Ich übernehme das.“

„Wirklich?“

„Klar. Meine Schwester Esha wohnt in Raleigh, und ich wollte sie diese Woche sowieso besuchen.“

„Das wäre mir eine große Hilfe, danke.“

„Ich bin die Assistentin der Produktionsassistentin. Helfen ist mein Job“, rief Diya ihr ins Gedächtnis.

„Na ja, ich weiß es jedenfalls zu schätzen, dass du mir den Abstecher auf dem Heimweg ersparst.“

„Gern geschehen.“

Doch als Harper auf dem Weg zu ihrem Wagen war, bekam sie eine Nachricht auf ihr Handy:

bringst du für oliver milch mit

So wie es aussah, würde Harper jetzt doch noch einen Abstecher machen müssen.

2. KAPITEL

Noch vor ein paar Wochen hätte Ryan seinen Bruder Justin aufgefordert, zum Baseballabend vor dem Fernseher Bier mitzubringen. Heute bat er die Frau, mit der er zusammenwohnte, Milch für das Baby zu besorgen.

Kein Zweifel, sein Leben hatte sich radikal verändert, vor allem seit er mit Harper Ross Vater, Mutter, Kind spielte. Mit einer schönen, klugen, sexy und sehr anstrengenden Harper Ross.

Früher mal hatte er sich ebenfalls für klug gehalten, doch seine nicht nachlassenden Gefühle für seine Mitbewohnerin ließen auf das Gegenteil schließen. Natürlich hatte er sich auch zu anderen Frauen hingezogen gefühlt – zu vielen anderen Frauen sogar, und er hatte mit nicht wenigen davon geschlafen. Doch jede dieser Beziehungen war spätestens nach ein paar Monaten ausgelaufen – in der Regel in beiderseitigem Einverständnis.

Seiner Meinung nach war das Problem bei Harper, dass ihre Beziehung kein natürliches Ende gefunden hatte. Eine Nacht mit ihr war ihm nicht genug gewesen, noch nicht mal ansatzweise. Leider hatte sie ihm nach dieser einen Nacht klargemacht, dass es keine zweite geben würde.

Und er hatte diese Entscheidung akzeptiert und nicht versucht, ihre Meinung zu ändern. Es gab schließlich jede Menge anderer Frauen, die ihn wollten. Zu blöd nur, dass die Nächte mit besagten anderen Frauen sein Verlangen nach Harper nicht gedämpft hatten. Er begehrte sie immer noch, sehnte sich danach, sie zu küssen und ihre Leidenschaft zu wecken. Er hatte gehofft, dass seine Sehnsucht im Laufe der Zeit und mit etwas räumlichem Abstand nachlassen würde.

Ihre gegenwärtigen Lebensumstände waren da leider nicht hilfreich.

Als er die Nudeln in den Topf mit kochendem Wasser schüttete, lauschte er mit einem Ohr dem Babyfon, ob Oliver schon aufgewacht war. Doch noch schlummerte der Kleine friedlich und war sich der Tatsache nicht bewusst, dass „mama“ und „dada“, nach denen er immer noch rief, nie wieder nach Hause zurückkehren würden. Ryan versuchte, nicht allzu viel darüber nachzudenken, aber manchmal – vor allem wenn er am wenigsten damit rechnete – traf ihn sein eigener Schmerz mit voller Wucht.

Er vermisste seinen Freund und fand es schrecklich, dass dessen Leben auf so tragische Weise kurz nach dem dreißigsten Geburtstag hatte enden müssen. Manchmal war Ryan auch wütend, dass er jetzt für Darrens und Melissas Kind mit verantwortlich war, auch wenn er das natürlich nie laut sagen würde.

Diese Momente hielten jedoch nur so lange an, bis sie von Schuldgefühlen verdrängt wurden – und das dauerte höchstens ein paar Sekunden. Denn wie konnte Ryan wütend auf seinen Freund sein, der alles verloren hatte? Wie konnte er es ihm übel nehmen, sich um Oliver kümmern zu müssen, wo der Kleine doch bereits sein Herz erobert hatte?

Ryan hatte bisher nie wirklich darüber nachgedacht, ob er selbst Kinder wollte oder nicht, aber Darren war überglücklich gewesen, als Melissa ihm eröffnet hatte, dass sie ihr erstes Kind erwarteten. Ihn hatte noch nicht mal die Aussicht gestört, seinen Sportwagen gegen einen Van eintauschen zu müssen. Er hatte sich aufrichtig darauf gefreut, mit seinem Sohn Fußball zu spielen und das zu machen, was die meisten Väter mit ihren Sprösslingen unternahmen.

Doch diese Chance hatte er nie bekommen, weshalb Ryan jetzt für ihn einsprang. Ryan würde sogar besagten Van kaufen, wenn es sein musste – auch wenn das hoffentlich nicht nötig werden würde. Ein Jeep wäre vielleicht eine Idee. Ja, ein Jeep hatte genug Sitzplätze, um mehrere Kinder durch die Gegend zu kutschieren, und noch dazu jede Menge Stauraum …

Die Zeitschaltuhr am Herd summte. Als Ryan gerade den Topf vom Herd nahm und die Makkaroni abgoss, kam Harper mit der Milch für die Käsesoße durch die Hintertür.

Ihre auf den Fliesen klackernden Absätze lenkten seine Aufmerksamkeit auf die sexy Sandalen an ihren Füßen. Er ließ den Blick an ihren Waden zum Saum ihres knieumspielenden Rocks höhergleiten und …

„Schläft Oliver noch?“

Nur mühsam wandte er sich von Harpers Beinen ab. „Ja, aber er regt sich schon, also wird er wahrscheinlich gleich wach.“ Ryan schüttete die Pasta zurück in den Topf und griff nach der Milch. Stirnrunzelnd betrachtete er das Etikett. „Die ist ja fettarm.“

„Ja und?“ Harper streifte ihre Schuhe ab und legte ihre Handtasche auf den Tresen.

„Die darf Oliver nicht trinken.“

„Warum nicht?“

„Weil Babys Vollmilch brauchen, bis sie zwei Jahre alt sind. Das ist wichtig für die Entwicklung ihres Gehirns.“

Harper schnaubte ungeduldig. „Du hast nichts von Vollmilch geschrieben.“

„Ich habe gedacht, du wüsstest das.“

„Offensichtlich hast du dich da geirrt“, erwiderte sie schnippisch, schlüpfte wieder in ihre Schuhe und griff nach ihrer Handtasche.

„Wo willst du hin?“

„Vollmilch holen.“

Anscheinend hatte er mal wieder alles falsch gemacht. „Lass nur“, beschwichtigte er sie. „Die hier ist okay für die Soße. Ich gehe später noch mal los und …“

„Du hast mich doch gebeten, Milch mitzubringen, oder nicht?“, rief sie ihm ins Gedächtnis und streckte eine Hand nach der Tür aus.

Wie schon in der Nacht versperrte Ryan ihr den Weg, indem er eine Hand gegen den Türrahmen stützte. „Vergiss es. So schlimm ist es nun auch wieder nicht.“

Doch er sah an den Tränen in ihren Augen, dass es schlimm war – für sie zumindest. Wie hatte er es nur geschafft, sie binnen weniger Sekunden dazu zu bringen, fast in Tränen auszubrechen – und noch dazu aus Gründen, die ihm völlig schleierhaft waren?

„Hast du schon mal von der Redewendung gehört, dass man wegen verschütteter Milch nicht weinen soll?“, fragte er betont locker, um die Situation zu entschärfen. „Also, ich glaube, das gilt auch für fettarme Milch.“

„Ich weine nicht.“

Sie weinte vielleicht nicht wirklich, aber sie schniefte eindeutig. „Willst du mir nicht sagen, was dein eigentliches Problem ist?“, fragte er sanft.

Abwehrend schüttelte sie den Kopf. „Ich bin einfach nur erledigt.“

Kein Wunder, wenn man ihre Arbeitszeiten im Studio bedachte – und auch die Stunden, die sie nachts wach war. „Es ist fast Wochenende – du kannst den ganzen Samstag schlafen, wenn du willst.“

„Ich meine nicht körperlich, obwohl das auch zutrifft“, gab sie zu. „Nein, ich habe es satt, ständig so zu tun als ob.“

Verwirrt sah er sie an. „Wie meinst du das?“

Sie holte tief Luft und hob den Blick zu ihm. „So zu tun, als wüsste ich, was ich hier mache, und die Mommy zu spielen, obwohl ich in Wirklichkeit keine Ahnung von Kindern habe.“

Er strich ihr das Haar hinter ein Ohr und zog sanft ihren Kopf an seine Schulter. „Du schlägst dich doch ganz wacker. Wir beide tun das.“

Sie entzog sich ihm nicht, schüttelte jedoch den Kopf. „Du übernimmst schon jetzt viel mehr Aufgaben als ich, und wenn du mich dann mal bittest, eine Kleinigkeit zu erledigen, dann mache ich auch noch alles falsch.“

„Niemand rechnet hier irgendwas gegeneinander auf, Harper.“

„Na falls doch, würdest du alle Punkte gutgeschrieben bekommen.“

„Das stimmt nicht. Du würdest auch einen kriegen. Für deine Brüste“, witzelte er.

Diese Bemerkung trug ihm endlich ein Lächeln ein, wenn auch eins unter Tränen. „Warum holst du nicht schon mal Oliver, während ich die Käsemakkaroni mache?“, schlug er vor. „Es ist auch genug für dich da, falls du Hunger hast.“

„Mal sehen. Aber nur, wenn du die Soße mit Magermilch machst“, witzelte sie zurück, um zu zeigen, dass sie ihren Sinn für Humor noch nicht verloren hatte.

Harper aß jedoch nichts von der Pasta. Stattdessen machte sie sich einen Salat, während Oliver sich ganze Hände voll Makkaroni in den Mund schob und dabei Käsesoße im ganzen Gesicht bis zu den Haaren verschmierte.

Ryan hatte seinen Teller wegen einer Telefonkonferenz mit seiner Firma mit ins Wohnzimmer genommen. Früher hatte sie ihn für seinen Job im Familienunternehmen verachtet. Inzwischen war sie jedoch dankbar, dass er seine Arbeitszeit so flexibel gestalten konnte.

Nicht nur weil sie sich so besser um Oliver kümmern konnten, sondern weil ihre unterschiedlichen Arbeitszeiten es auch erlaubten, einander gut aus dem Weg zu gehen. Ihr nächtlicher Zusammenstoß hatte Harper nämlich allzu bewusst gemacht, wie gefährlich Ryan Garretts Nähe für sie war.

„Mehr!“, rief Oliver und klopfte mit seinem leeren Plastikschälchen auf das Tischchen seines Hochstuhls.

„Bitte“, sagte Harper automatisch.

„Mehr!“, wiederholte er.

Sie stand auf, füllte ein paar Makkaroni in sein Schüsselchen und stellte es kopfschüttelnd vor ihn hin. „Du siehst aus wie ein Ferkel.“

„Fekel“, echote er grinsend und zeigte dabei seine acht winzigen perlweißen Zähnchen.

Lächelnd zauste sie ihm die langen weichen Locken.

Er brauchte dringend einen Haarschnitt – seinen ersten. Vor ein paar Monaten hatte Melissa ihr erzählt, dass Darren sie ständig drängte, mit Oliver zum Friseur zu gehen, weil er es satthatte, dass Fremde ihren Sohn sogar dann für ein Mädchen hielten, wenn er blau angezogen war. Melissa hatte gezögert, da sie Angst gehabt hatte, dass Olivers Locken dann für immer verschwunden sein würden. Vorsorglich hatte sie eine abgeschnitten und mit einem Stück Klarsichtfolie in sein Babybuch geklebt.

Melissa hatte es in der obersten Schublade von Olivers Kommode aufbewahrt, damit sie die Meilensteine seiner Entwicklung immer spontan festhalten konnte. Sie hatte dort alles von Geburtsgewicht und – größe über den Tag von Olivers Heimkehr aus dem Krankenhaus, sein erstes Lächeln, Händeklatschen und Winken bis hin zu seinem ersten Zahn und ersten Schritt notiert.

Es war nicht nur eine lückenlose Dokumentation seiner Entwicklung, sondern auch ihrer Liebe zu ihrem Sohn, und Harper wusste nicht, ob sie das Buch weiterführen oder ob es bleiben sollte, wie Melissa es hinterlassen hatte. Doch so oder so, sie musste mit Ryan über einen Friseurtermin sprechen.

Je eher, desto besser, so verschmiert wie Olivers Haar jetzt war.

„Ich glaube, du hast genug gegessen“, sagte sie zu ihm.

„Mehr!“

Sie schüttelte den Kopf. „Heute nicht.“

„Kee.“

Sie begann allmählich, seine Babysprache zu verstehen, und dieses Wort gehörte zu seinen Lieblingswörtern. „Zuerst machen wir dich sauber. Danach kriegst du einen Keks.“ Sie wischte ihm die Hände und das Gesicht – und das Haar – mit einem feuchten Lappen ab. „So, fertig, Süßer.“

Sein Lächeln brachte ihr Herz zum Schmelzen. „Kee?“

Sie lachte. „Ich hol dir einen.“

Während er an seinem Vollkornkeks knabberte, räumte sie die Küche auf. „Und was machen wir heute Nachmittag?“, fragte sie ihn, als sie damit fertig war.

Er schlug mit den Händen aufs Tischchen. „Bababa.“

„Dafür brauche ich eine Übersetzung.“ Sie schnallte ihn von seinem Hochstuhl ab. „Meinst du Ball spielen, oder willst du so tun, als wärst du ein Schaf?“

„Bababa!“

„Er meint seine Bauklötze“, sagte Ryan von der Tür aus.

Harper blickte hoch, während sie den Kleinen absetzte. Oliver stürzte auf Ryan zu, der ihn auf den Arm nahm. „Willst du mit deinen Bauklötzen spielen?“

„Bababa!“

Stirnrunzelnd folgte sie Ryan ins Wohnzimmer. „Glaubst du, sein Sprechvermögen ist verzögert?“

„Nein, ich glaube, er ist nur ein sechzehn Monate altes Kind mit dem begrenzten Vokabular eines sechzehn Monate alten Kindes.“

Ryan hatte vermutlich recht, aber Harper nahm sich trotzdem vor, in einem ihrer Bücher nachzuschlagen. „Schon fertig mit deiner Telefonkonferenz?“

Er nickte. „Mir war klar, dass es nicht lange dauern würde.“

Harper stellte den Eimer mit den Bauklötzen auf den Teppich und setzte sich hin, um mit Oliver zu spielen. Der Kleine kippte den Eimer sofort aus. „Fährst du jetzt ins Büro?“

„Nein, heute nicht.“

Harper begann, das Fundament für einen Turm zu legen. „Warum nicht?“

„Ich dachte, ich verbringe heute Nachmittag lieber etwas Zeit mit Oliver.“

„Da“, sagte Oliver und gab ihr einen blauen Klotz.

„Er will, dass du den Turm größer machst“, sagte Ryan und hockte sich hin, um mehr Klötze zum Fundament hinzuzufügen.

„In Wirklichkeit willst du doch nur spielen“, zog sie ihn auf.

Er stritt das nicht ab. „Hast du ein Problem damit?“

„Du hast dich schon den ganzen Vormittag um Oliver gekümmert. Jetzt hat meine Schicht angefangen.“

„Wir rechnen nicht nur nichts gegeneinander auf, wir haben auch keine Stechuhr“, sagte er milde. „Falls du also etwas anderes vorhast, dann nur zu.“

Sie zögerte, innerlich hin- und hergerissen zwischen der Versuchung, sein Angebot anzunehmen, und Schuldgefühlen, weil er ohnehin schon so viel mehr tat als sie. „Ich müsste noch ein paar Notizen für Carolines nächste Sendung machen.“

Er zuckte die Achseln. „Oder du legst dich hin, damit du morgen nicht wieder schlechte Laune hast.“

„Ich habe doch keine schlechte Laune“, widersprach sie empört.

Er hob nur vielsagend eine Augenbraue.

Seufzend stand sie auf und verließ das Zimmer.

Harper hatte eigentlich nicht vorgehabt zu schlafen, sondern wollte sich nur aufs Bett legen, um ein Kapitel in einem Ratgeber über Kleinkinder zu lesen. Doch schon nach vier Seiten fielen ihr die Augen zu.

Als sie aufwachte, war es schon fast fünf Uhr, und ihr knurrender Magen erinnerte sie daran, dass sie noch keine Vorbereitungen für das Abendessen getroffen hatte. Nach einem raschen Abstecher ins Bad ging sie in die Küche, um nachzusehen, was es im Kühlschrank gab.

Doch Ryan war ihr zuvorgekommen, denn er schälte gerade Kartoffeln in der Spüle. Oliver saß auf dem Fußboden und spielte mit ein paar Plastikdeckeln. Sie blickten beide auf, als Harper reinkam.

„Ich sollte wohl ‚Tut mir leid‘ und ‚Danke‘ sagen.“

„Warum?“

„Tut mir leid, dass ich vorhin so müde und schlecht gelaunt war, und danke, dass du mich hast schlafen lassen und jetzt das Abendessen vorbereitest.“

„Kein Problem.“

„Was gibt’s denn?“

„Steak Pie mit Kartoffelbrei und Mais.“

„Soll ich die Kartoffeln zu Ende schälen?“

„Isst du denn überhaupt welche?“

„Wahrscheinlich nicht.“

„Dann mach dir doch deinen Salat“, schlug er vor.

Harper nahm die Zutaten aus dem Kühlschrank und machte sich an die Arbeit.

Eine halbe Stunde später setzten sie sich gemeinsam an den Tisch. Wie eine ganz normale Familie, dachte Harper. Obwohl sie bisher ehrlich gesagt keine Erfahrungen mit einem normalen Familienleben hatte.

Sie war in New York aufgewachsen, wo ihr Vater als Schauspieler arbeitete und ihre Mutter als Künstleragentin. Seit Harper denken konnte, waren ihre Eltern ständig bei Vorsprechen, Meetings und Events gewesen. Manchmal hatten sie sie und ihren Bruder Spencer mitgenommen, aber meistens hatten sie sie zu Hause bei einer Nanny gelassen.

Melissa war ähnlich unkonventionell aufgewachsen wie Harper. Die Eltern ihrer Freundin hatten sich schon früh getrennt, und danach war Melissas Mutter so oft umgezogen, dass Melissa nie das Gefühl gehabt hatte, irgendwo Wurzeln zu schlagen. Sie hatte sich daher vorgenommen, ihre Kinder ganz anders großzuziehen – in einem normalen Zuhause, wo es selbstverständlich war, dass die Kinder zusammen mit ihren Eltern aßen. Harper war zwar nicht sicher, was „normal“ war, aber sie wollte es zumindest versuchen – Oliver zuliebe.

„Mm, lecker“, sagte sie, nachdem sie etwas von dem Pie probiert hatte.

Oliver war offensichtlich ganz ihrer Meinung, denn es gelang ihm tatsächlich, mehr Fleisch und Soße in seinen Mund zu befördern als auf sein Gesicht.

„Das ist eine der Spezialitäten meiner Tante Susan“, erklärte Ryan. „Ich habe sie nur aufgewärmt.“

„Dank deiner Mutter, Tanten und Cousinen haben wir inzwischen genug Pies, Aufläufe und Pasta, um uns bis Weihnachten über Wasser zu halten.“

„Meine Familie war immer schon davon überzeugt, dass man mit Essen jede Krise lösen kann.“

„Mit den Vorräten könnte man das Hungerproblem in einem Dritte-Welt-Land bewältigen.“

„Meine Mutter weiß, dass mir sogar Toast verbrennt“, sagte Ryan. „Und bei dir wusste sie nicht so recht.“

„Ich koche ganz gut, wenn ich Zeit und die richtigen Zutaten habe.“

„Echt? Ich habe dich bisher nie etwas anderes als Salat essen sehen“, zog er sie auf.

„Das stimmt doch gar nicht!“

„Du hast recht – Salat und einen Happen von was auch immer sonst auf dem Tisch steht.“

Da das der Wahrheit schon näherkam, verkniff Harper sich eine Antwort. „Deine Familie ist toll, vom Essen mal ganz abgesehen. Sie sind so zahlreich auf der Beerdigung erschienen, dass ich mich gar nicht mehr an alle Namen erinnern kann.“

„Beim nächsten Familientreffen mach ich ihnen Namensschilder, damit du es leichter hast“, witzelte er.

„Das wäre jedenfalls hilfreich.“

Er grinste. „Und was ist mit deiner Familie?“

„Die ist nur klein. Mein Dad hat eine Schwester, die für eine Versicherung in Wyoming arbeitet, aber sie hat nie geheiratet und hat keine Kinder. Seine Mutter lebt in Florida, aber ich habe sie seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen. Meine Mom war ein Einzelkind, also gibt es nur meine Eltern, mich und meinen Bruder.“

Und niemand von ihnen war zur Beerdigung gekommen, obwohl Melissa seit dem College ihre beste Freundin gewesen war.

Gayle Everton-Ross hatte zwar ihr Beileid ausgedrückt, als ihre Tochter angerufen und ihr von dem tragischen Heliskiing-Unfall erzählt hatte, bei dem Melissa und Darren ums Leben gekommen waren, aber sie hatte das Telefonat rasch wieder beendet, da sie gerade auf dem Weg zu einem Meeting war. Peter Ross war mit den Dreharbeiten zu seiner Seifenoper beschäftigt, während Spencer, ein Unterwäsche-Model und Möchtegern-Schauspieler, bei einer Off-Off-Broadway-Produktion mitspielte.

„Steht ihr euch nahe?“, fragte Ryan.

Harper schüttelte den Kopf. „Nein, mit Melissa war das Verhältnis viel enger.“

„Ich habe jede Menge Brüder, Cousins und Cousinen, aber Darren hat für mich ebenfalls zur Familie gehört.“

„Ich weiß.“

Schweigend beendeten sie ihre Mahlzeit. Sogar Oliver sagte eine Weile nichts, so konzentriert aß er.

Während Harper ihren Salat kaute, ließ sie ihre Gedanken schweifen. Sie hatte Ryan vor über sechs Jahren über Melissa und Darren kennengelernt, konnte jedoch nicht behaupten, dass sie ihn gut kannte. Sie gingen freundschaftlich miteinander um, aber sie waren nicht wirklich Freunde – dafür waren sie viel zu unterschiedlich.

Ab und zu hatten sie mal was zusammen unternommen, in der Regel immer mit Melissa und Darren, aber sie hatten so wenig gemeinsam, dass sich nie mehr zwischen ihnen entwickelt hatte. Sogar als Melissa und Darren sich verlobt und Harper und Ryan gebeten hatten, Trauzeugen zu sein, waren sie einander nicht nähergekommen. Er war ihr viel zu lässig gewesen und sie ihm zu verkrampft, obwohl es ihnen gelungen war, ihre persönlichen Differenzen ihren Freunden zuliebe beiseitezuschieben.

Und dann war Melissas und Darrens Hochzeit gekommen – und Harper in der Nacht in Ryans Bett gelandet. Am nächsten Morgen hatten sie sich darauf geeinigt, dass es ein Fehler gewesen war, und danach nie jemandem auch nur ein Sterbenswort davon erzählt.

Nach Olivers Geburt hatten die stolzen Eltern sich wieder an ihre besten Freunde gewandt und sie gebeten, Paten zu werden. Sowohl Ryan als auch Harper sagten Ja, da der Wunsch ihrer Freunde ihnen wichtiger war als ihre persönlichen Animositäten. Natürlich hatte damals keiner von ihnen geahnt, dass sie je die gemeinsame Vormundschaft für Oliver würden übernehmen müssen.

Doch jetzt, ein paar Monate später, waren sie dazu gezwungen, dem Kleinen zuliebe irgendwie miteinander auszukommen, weil es sonst niemanden gab, der sich um Oliver kümmern konnte. Harper wusste das deshalb so genau, weil sie nach Melissas und Darrens Tod fast verzweifelt nach anderen Optionen gesucht hatte.

Celeste Trivitt, seine Großmutter mütterlicherseits, lebte mit ihrem Mann, einem Investmentbanker, in Frankreich. Sie war nach dem tödlichen Unfall ihrer Tochter zwar am Boden zerstört gewesen und sofort zur Beerdigung gekommen, hatte jedoch deutlich gemacht, dass ihre Heimat inzwischen in Europa war und ihr Enkel sich glücklich schätzen konnte, Ryan und Harper zu haben.

Quentin Trivitt, Olivers Großvater mütterlicherseits und Celestes Exmann, war mit seiner vierunddreißigjährigen – und schwangeren – Frau im Schlepptau bei der Beerdigung erschienen. Sie hatten großes Mitgefühl für den „armen Kleinen“ und seine Situation zum Ausdruck gebracht, aber keinen Zweifel daran gelassen, dass sie sich ausschließlich auf ihr noch ungeborenes Kind konzentrieren wollten und keinen Enkel gebrauchen konnten.

Olivers Großeltern väterlicherseits wiederum wohnten beide in einer betreuten Wohneinrichtung in Greensboro. Darren hatte zwar noch eine Schwester, doch weder Ryan noch Harper waren ihr je begegnet, und niemand hatte gewusst, wie man sie erreichen und über den Tod ihres Bruders informieren konnte. Melissa hatte Harper mal erzählt, dass Darren und seine Schwester schon lange keinen Kontakt mehr miteinander hatten.

Harper stand auf und trug ihren Teller zur Spüle. „Hast du dich eigentlich je gefragt …?“ Sie stockte.

Ryan räumte das restliche Geschirr ab. „Was?“

Harper zögerte. Sie wollte nicht illoyal wirken. „Ob Melissa und Darren sich nicht jemand anderen hätten aussuchen sollen, der sich um Oliver kümmert?“

„Ständig“, gab er zu.

„Echt?“