Unsichtbare Mission Sammelband #6 - Fünf Thriller in einem Band

Agent Mike Borran, Volume 6

A. F. Morland and Earl Warren

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2017.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Unsichtbare Mission – Sammelband 6

Copyright

Treibjagd auf den Unschuldsengel

Prolog

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DER TIGER VON MALAYSIA

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Raketenbasis Grüne Hölle

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DER KILLERSATELLIT

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Agenten im Weltall

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Further Reading: 14 Sommermörder - 14 Super Strand Krimis

Also By A. F. Morland

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About the Publisher

Unsichtbare Mission – Sammelband 6

Fünf Thriller in einem Band

Der Umfang dieses Buchs entspricht 639 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende fünf  Thriller:

A. F. Morland: Treibjagd auf den Unschuldsengel

Earl Warren: Der Tiger von Malaysia – Teil 1

Earl Warren: Raketenbasis Grüne Hölle – Teil 2

Earl Warren: Der Killersatellit

Earl Warren: Agenten im Weltall

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

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postmaster@alfredbekker.de

Treibjagd auf den Unschuldsengel

Unsichtbare Mission - Band 26

von A. F. Morland

Anto Litanda ist Staatschef des kleinen afrikanischen Staates Kangun. Sein Gegner, der in Paris lebende Exilpolitiker Robespierre Dada, will die Regierung an sich reißen und wird dabei von  einer weltweit verzweigten Verbrecherorganisation unterstützt. Da die politischen Beziehungen zwischen den USA und Kangun unter dem amtierenden Präsidenten bestens sind, setzt der CIA alles daran, diesen an der Macht zu halten. Während Mike Borran, Top-Agent der CIA, sich um die Sicherheit der Präsidententochter in Paris kümmert und Dada im Auge behält, sollen seine Kollegen McIntire und Copley in Kangun den Putsch verhindern ...

Prolog

Weichen wurden gestellt, Hebel umgelegt. Die Vierte Macht plante wieder einmal einen großen Schachzug. Fäden wurden gewebt, Netze ausgelegt. Eifrig traf die Alpha-Organisation im verborgenen ihre Vorbereitungen.

Wo gehobelt wird, fallen Späne.

Wo die Alpha-Agenten arbeiteten, fielen Tote an.

Diesmal schlugen sie in Paris zu. Der Tod kam in die Seine-Metropole und war entschlossen, reiche Ernte zu halten ...

1

Catherine Sarville trat lachend aus der kleinen Bar am Quai d’Orsay. Ihre schwarze Lockenpracht zitterte, als sie den Kopf drehte. Sie war eine rassige, makellose Schönheit mit einer Traumfigur, in die sich Luis Galabru sofort vergafft hatte.

„Und wohin tigern wir jetzt?“, fragte Catherine unternehmungslustig.

Galabru, ein Mann in den besten Jahren, kernig und grobknochig, hob die massigen Schultern. „Wohin Sie wollen. Der Abend ist noch jung, ich habe viel Zeit und genug Geld, um mit Ihnen die verrücktesten Dinge anzustellen. Wie wär’s mit einem Besuch bei den ,Follies‘?“

„Einverstanden“, sagte Catherine und schob ihre Hand unter seinen Arm.

Er winkte einem Taxi, sie stiegen ein, Galabru sagte dem grauhaarigen Fahrer, wohin sie wollten. Während der Fahrt schmiegte sich Catherine an ihn. Das gefiel ihm ausnehmend gut. Er lächelte stolz in sich hinein. Mit dieser Eroberung konnte er sich wirklich überall sehen lassen. Catherine hatte Klasse. Sie gehörte zu den Mädchen, nach denen sich die Männer scharenweise umdrehten.

Als sie das Restaurant betrat, in dem er gespeist hatte, war sie ihm sofort aufgefallen, und er hatte den Blick nicht mehr von ihr lassen können. Sie setzte sich an den Nachbartisch, und von diesem Moment an überlegte er fieberhaft, wie er sie ansprechen sollte.

Dass er Chancen bei ihr haben würde, wagte er fast nicht zu glauben, deshalb zögerte er auch so lange mit dem ersten Wort an sie. Sie beachtete ihn nicht. Er war Luft für sie. Jedenfalls hatte er diesen Eindruck. Später gestand sie ihm, dass sie doch ab und zu zu ihm herübergesehen hatte. Aber nur dann, wenn sie sicher sein konnte, dass er es nicht bemerkte.

Bei der ist nichts zu machen, hatte Luis Galabru gedacht. Er war kein Adonis, etwas zu groß und zu kräftig, um schön zu sein. Und er sagte sich richtig: Warum sollte sie sich ausgerechnet von dir ansprechen lassen? Sie kommt bestimmt nicht ohne Grund solo hierher. Sie möchte allein sein. Vielleicht hat sie genug von den Männern. Eine Scheidung. Eine schlechte Erfahrung. Es gibt viele Gründe, weswegen sie allein dort sitzt. Sie wird es aufdringlich finden, wenn du sie ansprichst.

Aber Catherine zog ihn mit magischer Kraft an. Er musste sie einfach kennenlernen.

Die Gelegenheit ergab sich, als sie sich eine Zigarette anzünden wollte, aber weder ein Feuerzeug noch Streichhölzer in ihrer Handtasche finden konnte. Er sprang helfend ein, und sie schenkte ihm einen Blick, der ihm durch und durch ging.

Mutig fragte er, ob er sich zu ihr setzen dürfe, und zu seinem größten Erstaunen sagte sie nicht nein. Damit machte sie ihn sehr glücklich. Er redete viel, um seine Nervosität zu übertünchen. Sie nahm seine Einladung, mit ihm guten alten Cognac zu trinken, an. Er erfuhr von ihr, dass sie zwar Französin, aber keine Pariserin war. Sie wohnte in Marseille und hielt sich erst seit zwei Tagen in Paris auf, um hier Ferien zu machen. Sie meinte, es wäre eine Schande, dass sie zum ersten Mal die Seine-Metropole besuchte.

Das war ein Stichwort für ihn, das er sich nicht entgehen ließ. Er bot sich ihr als Fremdenführer an.

„Haben Sie denn so viel Zeit?“, fragte sie ihn erstaunt.

„Für Sie, so viel Sie wollen.“

„Müssen Sie denn nicht arbeiten?“

„Sagen wir, ich habe auch Ferien“, erwiderte er ausweichend. Er wollte ihr noch nicht sagen, welchen Beruf er ausübte. Vielleicht würde sie es später von ihm erfahren, wenn er sie näher kannte und ihr vertrauen konnte.

Er hatte keinen alltäglichen, dafür aber äußerst heiklen Job, war Leibwächter, und eigentlich hätte er jetzt nicht mit Catherine Sarville durch das abendliche Paris kutschieren dürfen.

Es wäre seine Aufgabe gewesen, auf Estelle Litanda, die Tochter des afrikanischen Staatschefs Anto Litanda, die hier in Paris studierte, aufzupassen. Wenn Anto Litanda gewusst hätte, wie locker Luis Galabru seine Arbeit verrichtete, wäre er die gut dotierte Stellung los gewesen.

Estelle selbst war schuld daran, dass Galabru zurzeit nicht bei ihr war. Sie hatte an der Sorbonne einen jungen, gutaussehenden Studenten kennengelernt und sich in ihn verliebt.

Der junge Mann hatte ihr den Vorschlag gemacht, mit ihr für ein paar Tage auf das Gut seiner Eltern zu fahren, und Estelle hatte freudestrahlend zugesagt. Aber sie wollte da nicht mit ihrem Leibwächter aufkreuzen, deshalb hatte sie Galabru so lange bekniet, bis er sie allein fahren ließ. Niemand würde von dieser Unregelmäßigkeit erfahren, das hatte sie ihm fest versprochen. Er hatte die Adresse verlangt, unter der er sie — wenn es dringend sein sollte — erreichen konnte, und Estelle hatte ihm eine Fantasieanschrift genannt, wie er kurz darauf herausfand.

Nun befand er sich in der fatalen Lage, nicht zu wissen, wo sich sein Schützling aufhielt. Wenn das nur keinen Ärger gab.

Er hoffte, Estelle Litanda würde sich so bald wie möglich wieder bei ihm melden. Ein zweites Mal würde er sich von ihr bestimmt nicht mehr so austricksen lassen, das schwor er sich.

Estelles kleine Romanze war also schuld an seinem freien Abend, der ihm Catherine Sarville beschert hatte. Reicher hätte ihn das Schicksal nicht beschenken können.

Sie blieben zwei Stunden bei den „Follies“ und tranken teuren Champagner. Luis Galabru war bester Laune, und es gefiel ihm, dass Catherine einen kleinen Schwips hatte.

In der Garderobe ließ sie sich von ihm in ihren dunklen Kamelhaarmantel helfen, lehnte sich seufzend an ihn und flüsterte: „Ich bereue nicht, nach Paris gekommen zu sein. Die Stadt ist herrlich.“ Er lachte. „Sie haben noch nicht viel davon gesehen.“

„Ich bin sicher, Sie werden mir keine Sehenswürdigkeit unterschlagen.“

„Bestimmt nicht.“

Sie verließen die „Follies“, und Catherine ließ ihn wissen, dass sie von diesem Abend noch nicht genug hatte. Sie wollte mit ihm allein sein. Als er das hörte, schlug sein Herz mit einem Mal hoch oben im Hals. Das war die Chance seines Lebens, die er nicht verpassen durfte.

„Wenn Sie es nicht für unschicklich fänden, könnten wir zu mir ... gehen“, schlug er zögernd vor.

Sie schaute ihm voll in die Augen, und ihr Blick elektrisierte ihn. „Ist es weit?“

„Mit dem Taxi zehn Minuten“, antwortete er heiser.

„Einverstanden.“

Anto Litanda, verzeih mir!, dachte Galabru glücklich.

Fünfzehn Minuten später betraten sie seine Junggesellenbude. Vier Zimmer, Bad, Küche und so weiter. Die Einrichtung sah gediegen aus.

„Nett haben Sie’s hier“, sagte Catherine anerkennend.

Er half ihr aus dem Mantel. „Bitte nehmen Sie Platz. Möchten Sie noch etwas trinken?“

Sie wollte. Er ließ sie aus dem reich sortierten Angebot wählen. Sie entschied sich für echt russischen Wodka. Er fragte sie, welche Art von Musik sie bevorzuge.

„Musik zum Träumen“, antwortete sie, und als sie sich vorbeugte, um nach ihrem Glas zu greifen, gewährte sie ihm einen prachtvollen Einblick in ihren tiefen Ausschnitt. Unter seiner Haut entstand ein angenehmes Kribbeln. Er legte eine Langspielplatte auf. Aus den Stereoboxen, die in Ohrhöhe an der Wand hingen, plätscherten einschmeichelnde Klänge.

Sie forderte ihn auf, sich zu ihr zu setzen.

Kaum saß er, da lehnte sie sich an ihn. „Was machen Sie, wenn Sie nicht Urlaub machen?“, wollte sie wissen.

„Ich gebe auf Personen acht.“

„Sind Sie bei der Polizei?“

Er lächelte. „Nein, ich bin mein eigener Herr. Ich habe eine harte Ausbildung hinter mir. Nun kann mich jedermann für Geld mieten.“

„Als was?“

„Als Leibwächter.“

„Darf man fragen, auf wen Sie derzeit aufpassen, oder ist das ein Geheimnis?“

„Nicht für Sie“, erwiderte Galabru und streichelte zärtlich ihr Haar. „Haben Sie schon mal von Kangun gehört?“

„Ja, das ist einer von diesen kleinen Staaten in Afrika.“

Galabru nickte. „Er liegt zwischen dem zehnten und dem zwanzigsten Breitengrad und wird von Anto Litanda regiert.“

„Der Name ist mir nicht unbekannt.“

„Vielleicht haben Sie auch schon von seiner Tochter Estelle gehört.“

„Schon möglich, im Augenblick erinnere ich mich allerdings nicht an ihren Namen.“

„Sie ist mein Schützling.“

„Befindet sie sich denn in Paris?“

„Sie studiert an der Sorbonne.“

„Müssten Sie als ihr Leibwächter nicht ständig in ihrer Nähe sein?“

„Das bin ich zumeist auch, aber gestern Morgen hat Estelle Litanda Paris verlassen.“

„Ohne Sie?“

„Ja, aber dafür mit einem netten jungen Mann. Sie hat sich verliebt, und meine Nähe stört sie.“

Catherine räkelt sich schnurrend. „Paris ist tatsächlich die Stadt der Liebe.“ Sie schaute ihm tief in die Augen, und er hatte auf einmal den brennenden Wunsch, sie in seine Arme zu nehmen und zu küssen. Als seine Lippen ihren sinnlichen Mund berührten, spürte er, dass sie dasselbe heiße Verlangen hatte wie er. Sie versanken in einem Rausch der Sinne.

Sein stummer Blick richtete sich auf die Schlafzimmertür, und sie hauchte ihm ins Ohr: „Ich habe nichts dagegen, Luis. Aber gib mir zuerst noch was zu trinken, und dann lass uns dieses Lied zu Ende tanzen.“ Während er für sie noch einen Wodka holte, öffnete sie ihre Handtasche und entnahm ihr ein unscheinbares röhrenförmiges Fläschchen. Es sah aus, als wollte sie sich parfümieren, doch in dem Fläschchen befand sich kein Parfüm, da waren K.o.-Tropfen drin.

Ahnungslos summte Luis Galabru, während er an der Hausbar hantierte. Wie hätte er auch wissen sollen, dass dieses Mädchen eine Agentin der Vierten Macht war.

Eine eiskalte Killerin!

Grausamkeit, luxuriös verpackt und hundertprozentig tödlich. Bisher hatte Catherine Sarville noch jeden Mann, den sie aufs Korn nahm, erwischt. Sie kannte ihre Qualitäten und setzte die Waffen der Frau geschickt und mit verderbenbringender Raffinesse ein.

Ein paar farblose Tropfen fielen in Galabrus Glas.

Sein Schicksal war damit besiegelt. Ohne dass er es merkte, ließ Catherine das Fläschchen wieder in ihrer Handtasche verschwinden. Er brachte ihren Drink. Sie nahm ihn mit einem dankbaren Lächeln entgegen, ohne die Absicht zu haben, ihn auch tatsächlich zu trinken. „Auf uns“, sagte sie leise. „Auf diese Nacht, Luis. Möge sie nie zu Ende gehen.“

„Ja“, sagte Galabru begeistert. „Darauf trinken wir.“

Er leerte sein Glas auf einen Zug. Catherine nahm es zufrieden zur Kenntnis.

Er verneigte sich leicht vor ihr. „Darf ich jetzt bitten?“

Sie erhob sich und glitt in seine Arme. Ihre Körper verschmolzen ineinander. Catherine wiegte sich aufreizend im trägen Takt der Musik. Galabru wurde heiß. Der Raum fing sich an zu drehen. Luis Galabru dachte, es wäre Leidenschaft, aber gleich darauf stellten sich Atembeschwerden ein, und er sah das hübsche Mädchen nur noch wie durch einen trüben Schleier.

Da begriff er.

Fassungslos starrte er Catherine Sarville an.

„Du ... du hast mir etwas in meinen Drink getan.“

„Richtig.“

„Gift?“, keuchte Galabru.

„Aber nein, du wirst nur sehr tief schlafen“, erwiderte das schwarzhaarige Mädchen beruhigend.

„Wer bist du?“, fragte er mit schwerer Zunge. „Warum machst du das?“

„Auftrag“, sagte Catherine kalt.

„Du verfluchte ...“ Er wollte sie packen, doch sie stieß ihn von sich. Er war so kraftlos wie ein Kleinkind. Ihr Stoß warf ihn um, und einen Moment später verlor er die Besinnung.

„Du wirst nur sehr tief schlafen“, sagte die Killerin der Alpha-Organisation noch einmal. „Und nicht wieder erwachen.“

Emotionslos traf sie die Vorbereitungen für den Mord. Sie eilte ins Bad und ließ warmes Wasser in die Wanne laufen, dann kehrte sie ins Wohnzimmer zurück und betrachte den Leibwächter verächtlich. Man hatte ihr gesagt, Luis Galabru wäre ein gefährlicher Mann, der mit seiner Kanone sehr flink und treffsicher umzugehen verstand. Judo, Boxen, Karate — es gab kaum eine Kampftechnik, die dieser Mann nicht beherrschte. Und doch hatte ihn Catherine ohne die geringste Schwierigkeit auf die Matte gelegt.

Man muss wissen, wie man’s anstellt, dachte die Alpha-Killerin.

„Männer“, sagte sie spöttisch. „Ihr seid alle blöd wie die Hammel, wenn ihr ein schönes Mädchen seht.“

Sie sank neben Galabru auf die Knie und begann ihn zu entkleiden. Sobald er nackt war, schleppte sie ihn ins Bad, und es stellte sich heraus, dass dieses schlanke Mädchen mehr Kraft hatte, als man ihr zugetraut hätte.

Sie legte den Bewusstlosen in die Wanne, die sich langsam füllte, kehrte abermals ins Wohnzimmer zurück und legte Galabrus Kleider auf einen Stuhl. Dann begab sie sich mit beiden Gläsern in die Küche, schüttete den Wodka aus, wusch die Gläser gründlich, trocknete sie ab und stellte sie an ihren Platz. Niemand sollte wissen, dass jemand bei Luis Galabru gewesen war.

Nachdem die Spuren verwischt waren, kehrte Catherine ins Bad zurück. Dampf füllte den Raum. Das Mädchen öffnete die schmalen Türen des beschlagenen Spiegelschranks und fand Galabrus Rasiermesser. Sie setzte sich auf den Wannenrand, wartete, bis das Wasser hoch genug gestiegen war, drehte es ab und schnitt dem Mann dann mit dem Rasiermesser die Pulsadern auf.

Selbstmord ...

2

„Selbstmord“, sagte General Benson zu Mike Borran, seinem besten Mann. „Das ist die offizielle Version, aber wir glauben es nicht. Luis Galabru war ein lebensbejahender Mann, der weder an Depressionen litt noch sonst einen Grund gehabt hat, sich umzubringen. In seinen Augen waren Selbstmörder Feiglinge, die den Mut nicht aufbringen, gegen ihr Schicksal anzukämpfen. Nein, Mike, dieser Mann hat sich nicht selbst das Leben genommen.“

Mike Borran blickte auf das Foto, das ihm der General, der die CIA-Fäden fest in seinen Händen hielt, gegeben hatte.

Das Bild bot keinen schönen Anblick. Ein Mann lag in einer Badewanne, die mit Blut gefüllt zu sein schien.

Mike gab das Foto zurück.

„Dieser Mann wurde ermordet“, behauptete General Benson, dessen kurz geschorenes Haar auf dem kantigen Schädel wie ein abgeerntetes Weizenfeld aussah. „Wenn’s die Pariser Polizei auch nicht wahrhaben will. Nichts deutet auf ein Kapitalverbrechen hin. Der Mörder ist die Sache mit größter Vorsicht angegangen.“

„Und warum musste Luis Galabru sterben?“, fragte Mike, der dem General im CIA-Hauptquartier in Langley in dessen spartanisch eingerichtetem Büro gegenübersaß.

„Weil er der Leibwächter von Estelle Litanda war.“

„Jetzt klingelt’s“, sagte Mike. „Estelle ist die Tochter von Anto Litanda, und dieser wiederum ist der Staatschef von Kangun. Auf einen einfachen Nenner gebracht, heißt ein Mord am Leibwächter dieses Mädchens, dass es jemand auf sie abgesehen hat. Das Hindernis ist nun aus dem Weg geräumt. Das bedeutet: Estelle Litanda ist in Gefahr.“

„In großer Gefahr sogar“, sagte General Benson, und Kummerfalten erschienen auf seiner Stirn. „Sie wissen, wie wichtig Kangun für die USA ist, Mike. Dieser Staat hat erstaunlich reiche Bodenschätze. Erdöl, Diamanten, Uran. Die Vereinigten Staaten sind froh, so gute Beziehungen mit diesem Land zu unterhalten. Anto Litandas prowestliche Einstellung ist zudem ein harter Riegel für den Osten, der die Wichtigkeit Afrikas genau wie wir schon lange erkannt hat und sich gern die Vormachtstellung in allen afrikanischen Staaten verschaffen würde. Doch nicht nur wir und der Osten, sondern auch die Vierte Macht ist an Kangun interessiert. Uns haben Gerüchte erreicht, dass Alpha einen Staatsstreich vorbereitet. Anto Litanda soll von der Bildfläche verschwinden.“

„Und wer soll an seine Stelle treten?“

„Robespierre Dada. Er musste Kangun auf Litandas Weisung verlassen und lebt zurzeit in Paris im Exil. Er hasst Litanda wie die Pest und hat vor, so bald wie möglich nach Kangun zurückzukehren. Johnnie McIntire und Ben Copley befinden sich bereits in Moloba, der Hauptstadt Kanguns, um die Vorbereitungen für den Staatsstreich zu torpedieren.“

„Robespierre Dada bedient sich also der Vierten Macht, um Litanda stürzen zu können“, sagte Mike.

„So ist es.“

„Es ist das gleiche, als hätte er einen Blutpakt mit dem Teufel geschlossen.“

„Das stört Dada nicht. Er weiß, mit wem er sich einlässt, und er wird sich Doc Alpha gegenüber mehr als erkenntlich zeigen, sobald er an der Macht ist. Kangun würde eine scharfe Kursänderung vornehmen und sich von uns distanzieren. Alle unsere Abkommen wären hinfällig. Die Vierte Macht würde sich ins gemachte Nest setzen und den Staat nach ihrem Willen mit Dadas Hilfe regieren.“

„Okay“, sagte Mike. „Es liegt also etwas in der Luft, das uns nicht gefallen kann. Alpha-Agenten befinden sich bestimmt schon in Moloba, um sich auf den Aufstand vorzubereiten.“

„Ich setze auf McIntire und Copley. Vielleicht können sie den Alpha-Ring rechtzeitig sprengen.“

„Und welche Aufgabe haben Sie mir zugedacht?“, wollte Mike Borran wissen.

„Ich möchte, dass Sie sich nach Paris begeben.“

Mike wippte mit den Augenbrauen. „Herrliche Stadt.“

„Sie werden nicht viel davon sehen, sondern sich auf Robespierre Dada konzentrieren. Er plant die Rückkehr nach Kangun, und Sie sollen das mit allen zu Gebote stehenden Mitteln verhindern. Der Mord an Luis Galabru war ein Auftakt.“

„Dada wird sich an Estelle Litanda vergreifen wollen, um seinen Widersacher in die Knie zwingen zu können. Vielleicht hat er sich das Mädchen sogar schon geschnappt.“

General Benson schüttelte den Kopf. „Das kann er nicht.“

„Wieso nicht?“

„Niemand weiß, wo sich Estelle Litanda im Augenblick aufhält. Soviel bekannt ist, hat sie Paris mit einem jungen Mann mit unbekanntem Ziel verlassen.“

„Ohne ihren Leibwächter.“

„Estelle ist ein junges, unbekümmertes Ding. Sie denkt, ihr würde keine Gefahr drohen. Sie findet, dass der Leibwächter eine lächerliche Maßnahme ist.“

„Wie hat Anto Litanda auf den .Selbstmord Galabrus reagiert?“

„Dadurch kam heraus, dass Estelle ohne Schutzengel unterwegs ist. Litanda ist natürlich aus dem Häuschen. Er ist wütend, und wir befürchten, dass er sich zu einer Unvorsichtigkeit hinreißen lässt.“

„Was würde er in einem solchen Fall anstellen?“

„Nun, er weiß, dass Robespierre Dada ihn stürzen will. Um seinen Gegner zuvorzukommen, könnte er beispielsweise ein Killerkommando losschicken. Sie werden in Paris also sehr vorsichtig und umsichtig agieren müssen, wenn Sie nicht zwischen die Fronten geraten wollen.“

„Ich werde mich vorsehen.“

„Meine persönliche Ansicht ist, dass Anto Litanda ein paar Spezialisten in Marsch setzen wird oder dies schon getan hat, obwohl wir ihm klarmachten, dass wir das nicht gutheißen würden. Er wird auch keinen französischen Leibwächter mehr für seine Tochter engagieren, sondern einen Mann aus seinem Land schicken. Mit größter Wahrscheinlichkeit wird es Enneda Morko sein, ein Mann, dem Litanda voll vertraut.“ Der General blätterte in seinem Schnellhefter und brachte ein Foto von Morko zum Vorschein.

Und noch ein Bild flatterte vor Mike auf den Tisch. „Kennen Sie diesen Mann?“, fragte Benson.

„Charles Parkinson“, sagte Mike Borran sofort. Vom Foto her schaute ihn ein Mann mit großen runden Augen und sympathischen Lachfalten an. „Ist der etwa auch mit im Spiel?“

„Wir vermuten, dass er in Paris mit Robespierre Dada zusammenarbeitet. Er könnte der Mann sein, der in Alphas Auftrag die Rückkehr des Exilpolitikers vorbereitet. Ein hervorragender Stratege. Brandgefährlich. Er tötet jeden, der sich ihm in den Weg stellt, oder er lässt ihn von seinen Spezialisten abservieren. Einer da von muss sich um Luis Galabru gekümmert haben, das sagt mir mein kleiner Finger.“

„Gut, dann verlege ich also meinen Aufenthaltsort für eine Weile nach Frankreich.“

„Sorgen Sie dafür, dass es in Kangun ruhig bleibt, Mike. Nichts liegt uns im Moment mehr am Herzen, als dass Anto Litanda am Staatsruder bleibt.“

„Ich werde sehen, was ich für ihn tun kann.“

„Ein Tipp von mir: Nehmen Sie Ihre Freundin mit“, sagte General Benson. „Dada steht auf rothaarige Frauen. Miss Parker könnte für Sie unter Umständen eine wertvolle Hilfe sein. Wenn sie es geschickt anstellt, kann sie Dinge erfahren, an die Sie niemals herankommen.“

Mike lächelte. „Plenty wird vor Freude an die Decke springen, wenn ich ihr sage, dass wir nach Paris reisen.“

„Ich wünsche Ihnen einen guten Flug und viel Erfolg.“

„Danke, Sir.“

„Sollte es nötig sein, informiere ich Sie über die Ergebnisse, die Ihre Kollegen in Moloba erzielt haben. Wenn Sie irgendwelche Wünsche haben, setzen Sie sich mit der amerikanischen Botschaft in Paris in Verbindung. Ich werde veranlassen, dass Sie jede Unterstützung kriegen.“

3

Seit vier Tagen befanden sich Johnnie McIntire und Ben Copley nun schon in Moloba. Vier Tage Knochenarbeit. Ergebnislos. Es stand für sie nur fest, dass sich Agenten der Vierten Macht in der Stadt aufhielten, aber sie konnten ihre Fährte nicht finden. Die Alpha-Leute hatten sich gut getarnt. Unauffällig bereiteten sie sich auf den Tag X vor, der nicht mehr allzu fern war.

Den CIA-Agenten brannte die Zeit auf den Fingernägeln. Sie wussten vom „Selbstmord“ Galabrus, und ihnen war auch bekannt, dass General Benson die Absicht hatte, Mike Borran in Paris einzusetzen. Der CIA wollte der Vierten Macht und ihrem Verbündeten Robespierre Dada so wenig Spielraum wie möglich lassen.

Über Spitzel und Kontaktleute erhielten der rothaarige Ire und der schwarz häutige Ben Copley schließlich einen Wink, der für sie einen Silberstreifen am dunklen Horizont darstellte.

Am Stadtrand von Moloba sollten sich Alpha-Agenten versteckt haben.

„Nichts wie hin“, sagte Ben Copley sofort. Er war ein impulsiver Mensch, konnte herzlich sein und sich hin und wieder so sehr aufregen, dass McIntire über ihn lachen musste.

Ben hatte eine schwere Jugend hinter sich, war in Harlem aufgewachsen und hatte es bei der Air Force bis zum First Lieutenant gebracht. Aber einigen Leuten hatte seine Hautfarbe nicht gefallen, und so war er zum CIA abgewandert, der in ihm einen sehr brauchbaren Agenten fand.

Die Amerikaner setzten sich in ihren Wagen und begaben sich zu der angegebenen Adresse. Das Gebäude war drei Stock hoch, im Erdgeschoss gab es Terrassenwohnungen, und eine davon war von den Leuten der Vierten Macht als Schlupfwinkel gemietet worden.

McIntire öffnete das Handschuhfach und holte ein Fernglas heraus. Damit beobachtete er eine Weile die Wohnungen.

„Lass mich auch mal“, verlangte Ben.

„Es ist nichts zu sehen“, sagte Johnnie McIntire.

„Lass mich trotzdem mal.“

Der rothaarige Hüne reichte seinem Freund und Kollegen das Fernglas. Ben richtete das Glas nicht nur auf das Erdgeschoss und auf die erste, sondern auch auf die zweite und auf die dritte Etage. „Du hast recht, es ist nichts zu sehen.“

„Du solltest meinen Worten mehr Glauben schenken.“

„Ich überzeuge mich lieber gern selbst.“

„Weil du mich für einen ausgemachten Idioten hältst?“

Ben grinste und zeigte dabei seine blitzweißen, kräftigen Zähne. „Das hast du gesagt.“

Ein Wagen hielt vor dem Gebäude, für das sich die CIA-Agenten interessierten. Drei Männer stiegen aus.

„Na, wer sagt’s denn!“, brummte Johnnie McIntire. „Da sind die Brüder ja.“

„Und ich dachte schon, unser Informant hätte uns geleimt.“

„Das dachte ich auch“, sagte McIntire und beobachtete die Alpha-Agenten durch das Fernglas, das er Ben wieder weggenommen hatte. Die drei Männer verschwanden im Haus. Gleich darauf erschien einer von ihnen kurz auf der Terrasse, zog sich aber sofort wieder zurück.

„Bist du willens, sie zu packen?“, fragte Ben Copley.

„Mann, wer hat dir denn beigebracht, so geschwollen zu reden?“

„Niemand. Darauf bin ich selbst gekommen.“

„Das glaube ich dir aufs Wort.“

Sie stiegen aus. Das Fernglas ließ McIntire im Wagen. Er prüfte den Sitz seines Smith & Wesson, der in dem Schulterholster steckte. Auch Ben Copley tastete kurz nach seinem Revolver.

„Wie gehen wir’s an?“, fragte der farbige Agent.

„Du kannst es dir aussuchen. Willst du die Terrasse übernehmen oder lieber an der Tür klopfen?“

„Terrasse“, sagte Ben.

„Ist mir recht“, gab McIntire zurück.

Sie trabten los und trennten sich nach etwa hundert Metern. Da sie nicht zum ersten Mal zusammenarbeiteten, bedurfte es nicht vieler Worte. Jeder wusste, was er zu tun hatte, und jedem war klar, dass er sich auf den Partner hundertprozentig verlassen konnte.

Johnnie McIntire betrat das Haus. Alles roch noch neu, und es schienen noch nicht einmal alle Wohnungen vermietet zu sein. Sobald die Haustür hinter Johnnie zugefallen war, zog er die Kanone und entsicherte sie. Ein eigenartiges Gefühl entstand in seinem Bauch.

Die Gegner waren zu dritt. Er musste sie überrumpeln. Gewiss, Ben würde ihm Schützenhilfe leisten, wenn es erforderlich sein sollte, aber niemand konnte mit Sicherheit vorhersagen, wie die Sache ausgehen würde. Die Geschichte konnte unter Umständen auch ins Auge gehen. Deshalb machte sich bei Johnnie McIntire dieses unangenehme Gefühl bemerkbar.

Entschlossen ging er auf die Tür zu, hinter der sich die Alpha-Agenten befinden mussten. Er vernahm Stimmen. Einer der Männer lachte, sie waren gut gelaunt.

Na wartet!, dachte McIntire. Euch wird das Lachen gleich vergehen.

Er klopfte, und seine Nervenstränge spannten sich.

Schritte näherten sich der Tür. Wenn sie sich öffnete, musste er handeln ...

4

Ben Copley wartete nicht gern. Er war ein ungeduldiger Bursche, der die Dinge gern im Sturmlauf erledigte. Trotz dieser Eigenschaft konnte man ihn jedoch nicht als unvorsichtig bezeichnen. Seine Erfolge hatten ihm im Laufe der Jahre bei der Agency einen guten Ruf eingebracht, und jeder Agent arbeitete gern mit ihm zusammen.

Sein Blick streifte kurz die Armbanduhr. Johnnie McIntire musste jetzt die Tür erreicht haben.

Ben eilte auf das Haus zu, sprang über einen kniehohen Zaun, landete auf weichem Rasen und huschte auf die Terrasse zu, wobei er sich bemühte, von den Agenten der Vierten Macht nicht gesehen zu werden.

Hinter einem hohen Tropenstrauch blieb er kurz stehen. Die Blüten des Strauchs verströmten einen süßen, schweren Duft. Der Farbige schlich konzentriert weiter. Blätter streiften sein Jackett, strichen über seinen Hals. Er duckte sich und erreichte die drei Stufen, die zur Terrasse hinaufführten. An der Wand schlich er auf die halb offene Terrassentür zu. Er hörte die Agenten der Vierten Macht miteinander reden.

„Trink nicht schon wieder!“, sagte einer von ihnen.

„Nur einen kleinen Schluck.“ Der Mann lachte meckernd. „Meine, Güte, werde ich froh sein, wenn ich kein Kindermädchen mehr habe. Dann kann ich wieder tun und lassen, was ich will.“

Es klopfte.

Das war Johnnie McIntire. Ben Copley spannte die Muskeln. Sein Auftritt stand unmittelbar bevor. Er angelte den Revolver aus dem Schulterholster und harrte der Dinge, die kamen. Vorsichtig linste er in den großen Raum. Die drei Männer blickten einander kurz an, dann begab sich einer zur Tür, um zu öffnen.

5

Johnnie McIntire hielt den Atem an. Kaum war die Tür zwei Zentimeter weit offen, explodierte der rothaarige Hüne auch schon. Er warf sich mit der Schulter gegen die Tür, die dem Alpha-Agenten gegen den Schädel krachte. Der Mann schrie auf und torkelte zurück. Johnnie McIntire federte mit schussbereiter Waffe in die Wohnung.

„Hände hoch! Keine Bewegung!“

Die Alpha-Agenten bewiesen, dass sie ohne Schrecksekunde zu reagieren vermochten. Sie sahen nur einen Mann und griffen sofort zu ihren Waffen. Alle drei auf einmal konnte der CIA-Agent nicht erschießen. Zwei würden auf jeden Fall überleben, und darauf ließen es die Kerle ankommen.

Sie rissen ihre Schießeisen heraus.

Im selben Moment schrie Ben Copley von der Terrassentür her: „Fallenlassen! Wer nicht gehorcht, dem jage ich augenblicklich eine Kugel in den Kopf!“

Ben hätte das nicht wirklich getan. Er war kein Killer, tötete nur in Notwehr, aber das konnten die Alpha-Agenten nicht wissen.

Johnnie stand der Schweiß auf der Stirn. Einige Sekunden vertickten, in denen nichts passierte. Die Zeit schien eingefroren zu sein. Dann fiel die erste Waffe auf den Boden.

Eine zweite polterte.

Die dritte folgte.

„An die Wand!“, rief Johnnie McIntire. „Los! Los! Bewegt euch! Sonst mache ich euch Beine!“

Die Alpha-Leute gehorchten widerwillig. Zwei Gesichter waren McIntire nicht unbekannt. Diese Männer wurden auf der ganzen Welt eingesetzt. Mal vertraten sie Doc Alphas Interessen in Europa, dann kämpften sie für die Vierte Macht in Asien oder tauchten in Australien auf. Doc Alpha, der ehrgeizige, habgierige und machthungrige Genieverbrecher hatte sein Netz über alle fünf Erdteile gebreitet. Er strebte die Weltherrschaft an, und um dieses Ziel zu erreichen, war ihm kein Verbrechen zu schmutzig, keine Intrige zu gemein. Mit seinen schier unerschöpflichen finanziellen Mitteln kaufte er Staatsmänner und Regierungen. Er schürte Kriege, bereicherte sich am Waffenhandel, belieferte die Süchtigen in aller Welt mit Rauschgift und hatte vor, den Globus in ein Chaos zu stürzen, um im geeigneten Moment die Macht zu übernehmen.

Die Agenten der Vierten Macht stellten sich an die Wand, wie es Johnnie McIntire von ihnen verlangt hatte.

Ben Copley trat ein.

„Durchsuch sie“, forderte McIntire den Freund auf, während er die gefährlichen Kerle mit seiner Waffe in Schach hielt.

Wie gefährlich die Alpha-Agenten wirklich waren, sollte sich Augenblicke später herausstellen. Sie fürchteten weder Tod noch Teufel. Ihr eigenes Leben schien ihnen ebenso wenig wert zu sein wie das der Leute, die sie schon getötet hatten.

In dieser aussichtslosen Situation setzten sie alles auf eine Karte. Sie riskierten ihr Leben. Johnnie McIntire und Ben Copley dachten nicht, dass sie das tun würden. Es grenzte an Selbstmord, was die Alpha-Agenten taten — und gerade deswegen kamen sie damit durch.

Als Ben den ersten Mann abtastete, kreiselte dieser herum.

Und dann ging alles sehr schnell. Das Knie des Mannes sauste hoch. Ben kassierte einen schmerzhaften Treffer, der ihn gegen Johnnie McIntire schleuderte. Reflexhaft fing der Ire den Freund auf. Ein zweiter Alpha-Agent schleuderte einen Stuhl nach Johnnie, und dann dampften die Kerle ab.

Rechts war eine Tür.

Die Männer der Vierten Macht rissen sie auf und verschwanden dahinter.

„Verdammt, wir haben uns wie Idioten übertölpeln lassen!“, zischte Ben Copley. Er wollte das sofort wiedergutmachen. Als erster stürmte er auf die Tür zu, hinter der die Alpha-Agenten verschwunden waren.

Als er sie aufstieß, sah er gerade den letzten Mann aus dem Fenster springen. Ben schwang die Waffe hoch und wollte den Kerl mit einem Schuss stoppen, doch bevor der farbige Agent den Finger krümmen konnte, verschwand der Mann aus seinem Schussfeld.

Ben hetzte in Richtung Fenster.

Da passierte es.

Etwas Faustgroßes flog herein.

Ein Todesgruß der Alpha-Agenten! Eine Handgranate!

Sie knallte gegen die Wand und fiel zu Boden.

„Deckung!“, brüllte Johnnie McIntire und ließ sich fallen.

Er sah nicht, was Ben Copley tat. Kaum lag er auf dem Boden und schützte seinen Kopf mit den Armen, da explodierte die Handgranate mit ohrenbetäubendem Getöse. Der Boden bebte. Eine heiße Druckwelle nahm dem Iren den Atem. Ein Stahlhagel fegte durch das Zimmer. Ein Schrank stürzte krachend um. Der Raum verwandelte sich in ein Inferno aus Rauch, Staub und Schutt. Draußen heulte ein Automotor auf. Sekunden später raste das Fahrzeug mit schrill quietschenden Reifen davon.

Johnnie erhob sich hustend. Er konnte kaum die Hand vor den Augen sehen. Dicker Qualm wälzte sich durch den Raum. Der Ire suchte seinen Freund und Kollegen. Ben war nirgendwo zu sehen.

Johnnie McIntires Nackenhärchen stellten sich auf. „Ben!“

Nichts.

„Ben!“

Der Farbige antwortete nicht. McIntire hatte das Gefühl, eine eiskalte Hand würde sich um sein Herz legen. Großer Gott, was war mit Ben? Wo war er? Die Schwaden bekamen allmählich Risse. Der Staub setzte sich. Johnnie sprang über Möbelteile. Sogar in der Decke steckten Granatsplitter. Vielleicht auch in Ben Copleys Körper — wenn er sich nicht rechtzeitig fallen lassen hatte.

Johnnie McIntire eilte dorthin, wo sein Kollege vor wenigen Augenblicken gestanden hatte. Unter dem umgestürzten Schrank ragten Bens Beine hervor. McIntire schluckte trocken.

„Ben! Himmel! Ben!“

Er fiel auf die Knie, steckte den Revolver weg, packte den Schrank mit beiden Händen und stemmte ihn hoch. Keuchend drückte er den Kasten zur Seite. Dann beugte er sich über den Freund. Ben rührte sich nicht. Der Schrank war ihm auf den Kopf gefallen und hatte ihm die Besinnung geraubt. Dennoch atmete Johnnie McIntire erleichtert auf, als er feststellte, dass der Kollege unverletzt war.

Mit einigen Schlägen auf die Wangen brachte der rothaarige Hüne den Freund wieder zur Besinnung.

Ben Copley öffnete verwirrt die Augen. „Wo sind sie?“, fragte er benommen.

„Weg“, knurrte McIntire.

„Alle drei?“

„Ja, leider.“

„Verdammter Mist.“

„Lass nur, Ben. Wir finden sie noch einmal, und dann entwischen sie uns nicht mehr.“

Ben stand zerknirscht auf. „Wir haben uns wie blutige Anfänger benommen, Johnnie.“

„Wir waren uns unserer Sache zu sicher. Außerdem, wer konnte damit rechnen, dass wir es mit Selbstmördern zu tun hatten?“

6

„Paris?“, fragte Maureen Parker, die von ihren Freunden nur Plenty gerufen wurde, strahlend. „Du musst nach Paris und nimmst mich wirklich mit?“ Sie schlang begeistert ihre Arme um Mike Borrans Nacken und küsste ihn überschwänglich. „Arc de Triomphe, Notre Dame, Montmartre, Sacre Coeur ... Oh, Mike, ich liebe Paris.“

Mike Borran schmunzelte. „Dann ist es höchste Zeit, dass wir da mal hinfliegen, nicht wahr?“

„Die Pariser Haute Couture ist weltberühmt. Ich muss mir mindestens zwei Kleider kaufen.“

„Und eines kaufe ich dir, damit du nicht nackt herumlaufen musst“, sagte Mike.

„Hast du in Paris zu tun, oder machen wir eine kleine Ferienreise?“

Mike lächelte trübe. „Wann habe ich schon mal Ferien?“

„Wir werden trotzdem viel Zeit für die Stadt haben, nicht wahr?“

„Das kann ich noch nicht versprechen. Vielleicht hängen wir ein, zwei Tage an, wenn ich meinen Auftrag erledigt habe. Sag mal, bist du nicht so etwas wie eine kleine Hobby-Agentin?“

„Oh ja, es macht mir Spaß, Spion zu spielen — solange es nicht zu gefährlich ist.“

„Du könntest mich unterstützen.“

„Wobei?“

„In Paris lebt der Exilpolitiker Robespierre Dada aus Kangun. Er plant einen Staatsstreich.“

„Den soll ich verhindern?“

Mike lächelte. „Wenn du’s kannst, ist es mir recht. Dada liebt rothaarige Frauen, du verstehst?“

„Nein, noch nicht ganz. Was habe ich in Paris zu tun?“

„Nichts weiter, als schön zu sein, und das fällt dir bei Gott nicht schwer“, sagte Mike und drückte das bildhübsche Mädchen innig an sich. „Man wird dich dem Politiker auf einer Party vorstellen. Ihr werdet euch, so hoffe ich, ein bisschen näherkommen, und du wirst mir berichten, was er so alles plant.“

„Angenommen, er verliebt sich in mich.“

„Das soll er.“

„Aber er wird Dinge von mir verlangen ...“

„Es liegt immer bei der Frau, wie weit ein Mann gehen kann, und mein Vertrauen in deine Tugend ist grenzenlos.“

7

Charles Parkinson hätte auf jeder Bühne die Rolle des Hauskomikers übernehmen können. Er sah harmlos und sympathisch aus, wirkte ein wenig linkisch und hilfsbedürftig, aber all das war er nicht. Sein Weg war mit grausamen Taten gesäumt. Am Beginn seiner Karriere hatte er einer Verhörgarde der Alpha-Organisation angehört. Jeder, der ihnen in die Hände fiel, hatte geredet — vorausgesetzt, er hatte die schrecklichen Foltermethoden, die sich Parkinson ausdachte, überlebt.

Heute leitete Charles Parkinson Alpha-Unternehmungen in großem Stil. Ihm standen Geldmittel in unbeschränkter Höhe zur Verfügung. Damit kaufte er die besten Leute ein, motivierte sie persönlich für ihren Job und setzte sie genau dort ein, wo sie am wirkungsvollsten zur Geltung kamen. Parkinson war ein klarer Denker und ein kühler Rechner. Und ein hervorragender Stratege. Zwei Staatsstreiche waren ihm bereits gelungen, und nun arbeitete er mit Ehrgeiz und Eifer daran, den dritten Putsch vorzubereiten.

Er traf sich in der Rue de Rome mit Robespierre Dada in einer aufgelassenen Lokomotivfabrik.

Dadas Haut war so schwarz wie Kohle. Ein eleganter Schwarzer mit markanten Zügen, fotogen und nicht weniger ehrgeizig als Charles Parkinson. Ein Mann, der nach Macht gierte, zum Befehlen geboren, ein Herrschertyp.

Robespierre Dadas Leute hielten sich im Hintergrund.

Auch Parkinson war nicht allein gekommen. Auch seine Männer befanden sich außer Hörweite. Es fand ein Gespräch unter vier Augen statt.

„Elegant, wie sie Luis Galabru ausgeschaltet haben“, lobte Dada. „Meine Gratulation.“

„Catherine Sarville ist ein Todesengel“, sagte Charles Parkinson lächelnd. „Wem sie begegnet, der hat nicht mehr lange zu leben. Und er kommt nicht einmal dazu, sich zu wehren.“

„Ein ganz beachtliches Mädchen“, sagte Dada anerkennend. „Arbeitet sie schon lange für die Vierte Macht?“

„Doch, ja.“

„Man hat mir mitgeteilt, dass Anto Litanda die Nachricht vom Tode des Leibwächters mit Entsetzen aufnahm.“

„Wir werden ihm noch einige Schocks mehr verpassen“, sagte Parkinson.

„Das hoffe ich. Wissen Sie schon, wo Estelle Litanda steckt?“

„Nein, aber wir werden es herausfinden. Auch Catherine Sarville sucht sie.“ Robespierre Dada blickte den Alpha Mann erschrocken an. „Lieber Himmel, Sie haben der Sarville doch nicht etwa den Auftrag erteilt, Estelle ...“

„Nein, natürlich nicht. Sie soll sie nur suchen. Sollten wir, was ich nicht hoffe, kein Glück mit der Suche haben, werden wir uns das Mädchen schnappen, wenn es nach Paris zurückkehrt. Inzwischen läuft unser Countdown wie abgesprochen weiter.“

„Anto Litanda wird Spezialisten nach Frankreich schicken.“

„Wir werden sie abfangen, keine Sorge.“

„Ich habe erfahren, dass sich Enneda Morko bereits auf dem Weg nach Paris befindet. Kaum einem Menschen vertraut Anto Litanda mehr als ihm. Morko soll Galabrus Platz einnehmen.“

Sie schlenderten ein Stück durch die Ruine. Parkinson blieb stehen. „Auch wir wissen, dass Morko kommt.“

„Was werden Sie tun?“

Parkinson hob die Schultern. „Nun, Morko wird seinen Job erst gar nicht antreten.“

„Wer wird sich um ihn kümmern?“

„Catherine Sarville natürlich. Da wir mit ihr die besten Erfahrungen gemacht haben, sehe ich keinen Grund, eine andere Taktik anzuwenden.“

„Anto Litanda glaubt natürlich nicht, dass Galabru Selbstmord verübt hat.“ Parkinson lachte leise. „Niemand kann beweisen, dass es Mord war. Wir liegen sehr gut im Rennen. Das ist ein beruhigendes Gefühl. Auch in Moloba stehen die Zeichen gut für einen Sieg. Für mich heißt heute schon der neue Staatschef von Kangun Robespierre Dada.“

„Ich werde mich für Ihre Hilfe sehr dankbar erweisen.“

„Davon bin ich überzeugt“, sagte Charles Parkinson und kehrte mit dem schwarzen Exilpolitiker um.

Wenig später rollten zwei Limousinen durch die Rue de Rome. Die eine fuhr zum Gare St. Lazare, die andere zum Boulevard Pereire. Und keiner von denen, die es nicht wissen sollten, wussten von dem heimlichen Treffen in der aufgelassenen Lokomotivfabrik.

8

Johnnie McIntire und Ben Copley stellten in aller Eile die Wohnung auf den Kopf. Sie durften sich nicht viel Zeit lassen, denn es würde nicht lange dauern, bis die Polizei eintraf. Immerhin hatte die Handgranate einigen Radau gemacht.

Flink suchten die CIA-Agenten nach Aufzeichnungen und Plänen, die auf den bevorstehenden Putsch hinwiesen. Dem rothaarigen Agenten fiel ein Zettel in die Hände, auf dem mehrere Namen und Adressen standen. Er steckte ihn ein. Ben entdeckte in einem Schrank mehr als ein Dutzend Schnellfeuergewehre und so viel Munition dazu, dass man damit einen Kleinkrieg hätte veranstalten können. Auch Revolver und Pistolen sowie Plastiksprengstoff fand Ben.

„Wird Zeit, dass wir uns verziehen“, sagte Johnnie McIntire. Er hatte damit bis zum Äußersten zugewartet, aber nun musste es sein. „Vielleicht können wir zu einem späteren Zeitpunkt noch mal vorbeischauen.“

Davon hielt Ben Copley nichts. Er zog die Mundwinkel nach unten. „Wenn die Polizei erst mal hier war, können wir die Wohnung vergessen. Man wird jeden Raum gewissenhaft auseinandernehmen ...“

„Dann eben nicht“, unterbrach der Ire seinen Freund und verließ mit ihm das Apartment. Auf der Straße standen Leute. Schwarze und Weiße gemischt.

Johnnie und Ben traten aus dem Haus und bogen gleich um die Ecke. Niemand folgte ihnen. Sie begaben sich zunächst nicht zu ihrem Wagen, sondern setzten sich zu Fuß ab. Ein Streifenwagen kam ihnen mit Sirene und Rotlicht entgegen. Sie wechselten mehrmals die Richtung und näherten sich schließlich von Süden her ihrem Auto. Niemand sah sie einsteigen und abfahren.

Ben Copley schlug immer wieder mit der Faust grimmig gegen die Tür. „Möchtest du aussteigen?“, fragte Johnnie McIntire grinsend.

„Womöglich während der Fahrt, he? Verdammt, ich muss meine Mutter fragen, ob sie mich als Kind zu heiß gebadet hat.“

„Davon bin ich überzeugt.“

„Red nicht so groß, deine Mutter hat garantiert denselben Fehler gemacht“, gab Ben zurück. „Es sitzt wie ein Stachel in meinem Fleisch, dass ich so unvorsichtig war. Wenn wenigstens du besser aufgepasst hättest.“

„Aha, ich merke schon, nun willst du die Schuld auf mich abwälzen. Sag mal, wie finde ich denn das? Wir hatten heute beide nicht unseren besten Tag ...“

Ben Copley nickte. „Und wir müssen froh sein, mit heiler Haut davongekommen zu sein.“

„Genau. Es hätte auch anders ausgehen können.“

„Ich bin aber nicht froh. Ich will meinen Fehler wiedergutmachen.“

„Dazu wirst du hoffentlich bald Gelegenheit haben.“

9

Enneda Morko ging mit schweren Schritten durch die Ankunftshalle des Pariser Flughafens Orly. Ein stattlicher Mann, der im grauen Flanellanzug etwas dicklich wirkte, ohne es zu sein. Was sich da unter dem Stoff wölbte, waren ausgeprägte Muskeln. Man konnte Morko mit einem Preisbullen vergleichen. Er war ein Kampfstier edelster Sorte und seinem Herrn treu ergeben. Für Anto Litanda hätte sich Enneda Morko jederzeit in Stücke reißen lassen, und das galt selbstverständlich auch für Estelle, auf die er von nun an aufpassen würde.

Morko, ein Mulatte mit schwarzem Kraushaar, milchkaffeebrauner Haut und schmaler Nase, begab sich zu einem der Leihwagenschalter. Er kam nicht zum ersten Mal nach Paris. Vor zwei Jahren war er schon mal für zwei Monate hier gewesen, um sich um einen Politiker aus Kangun zu kümmern.

Einen herkömmlichen Beruf hatte Morko nicht erlernt. Er war lange zur Schule gegangen, dann in die Armee eingetreten und hatte die Laufbahn eines Berufssoldaten eingeschlagen.

Auf Grund seiner außergewöhnlichen Leistungen — vor allem im Ringkampf — fiel er seinen Vorgesetzten auf. Man kümmerte sich mehr um ihn, baute ihn in der Nahkampfschule auf und machte aus ihm einen hervorragenden Sicherheitsmann, der bei Staatsbesuchen und Auslandsreisen des Präsidenten herangezogen wurde.

Am Leihwagenschalter mietete Morko ein Auto.

Anschließend kümmerte er sich um sein Gepäck.

Ein Träger schleppte es für ihn zum Wagen. Morko gab generös Trinkgeld und setzte sich in das Fahrzeug.

Paris. Er freute sich schon auf die Stadt. Es gab nur zwei Plätze auf der Welt, an denen er gern wohnte. Das war Moloba und Paris.

Natürlich freute er sich auch auf Estelle, die Tochter des Staatschefs, der er im Auftrag von Anto Litanda gründlich den Kopf waschen sollte, sobald sie in Paris eintraf.

Auch er glaubte nicht an Luis Galabrus Selbstmord, und er nahm sich vor, mehr denn je auf der Hut zu sein, denn wenn Galabru einem Mordanschlag zum Opfer fiel, dann drohte vermutlich ihm das gleiche Schicksal. Aber an ihm würden sich die Gegner die Zähne ausbeißen, dafür würde er sorgen.

Seine Gedanken beschäftigten sich mit Estelle, diesem jungen, unbekümmerten Mädchen, das nicht gelten lassen wollte, dass die Welt nicht nur aus guten Menschen bestand. Sie war zu vertrauensselig, zu leichtgläubig, ließ sich zu leicht täuschen. Nun, er würde dafür sorgen, dass sie lernte, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen und nicht mehr, wie bisher, zu träumen.

Geistesabwesend drehte Enneda Morko das Lenkrad nach links.

Plötzlich ein Schrei, der ihn erschreckte.

Dann ein dumpfer Aufprall.

Und im nächsten Moment flog ein Mädchen durch die Luft. Sie rollte über die Motorhaube. Es ging sehr schnell, trotzdem bekam es Enneda Morko wie in Zeitlupe mit. Ihr verzerrtes Gesicht näherte sich der Windschutzscheibe, sie spreizte die Arme ab, um sich zu fangen, rutschte von der Motorhaube und fiel auf die Straße.

Morko hatte sofort gebremst.

Nun sprang er aus dem Wagen. „Gütiger Himmel!“, stieß er aufgeregt hervor. „Es tut mir so leid. Ich habe Sie nicht gesehen.“

Das Mädchen lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Asphalt. Sie schien Schmerzen zu haben, stützte sich mit den Händen ab und atmete hechelnd. Ihre große schwarze Handtasche lag neben ihr. Sie hatte schwarz gelocktes Haar, und soweit es Morko sehen konnte, war sie eine ausnehmende Schönheit.

„Es ist mir ja so peinlich ...“, sagte er verlegen.

Er griff nach ihrem Arm. Sie ließ sich von ihm aufhelfen.

„Haben Sie Schmerzen?“, fragte er besorgt.

„Mein Knie. Warum haben Sie nicht besser aufgepasst?“

„Ich bin untröstlich. Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um meinen unverzeihlichen Fehler wiedergutzumachen. Wenn Sie zum Arzt möchten, bringe ich Sie hin ...“

„Sie Unglücksrabe. Ich bin Tänzerin. Ihretwegen platzt mein nächstes Engagement.“

„Ist es wirklich so schlimm?"

„Mit dem Knie falle ich für mindestens vier Wochen aus. Das ist genau die Zeit, die die Tournee dauert, von der ich seit Jahren geträumt habe.“

„Ich werde für den finanziellen Schaden selbstverständlich aufkommen“, sagte Enneda Morko. Das ließ sich regeln. Er brauchte nur nach Moloba zu tickern. Im Handumdrehen würde ihm Anto Litanda aus dieser peinlichen Patsche helfen.

„Und was ist mit dem ideellen Schaden, den Sie mir zugefügt haben?“, fragte das Mädchen. „Ich hätte während dieser Tournee entdeckt werden, das große Los ziehen können.“ Sie humpelte mit verzerrtem Gesicht im Kreis. „Niemand schert sich um eine hinkende Tänzerin. Oh, ich würde Sie am liebsten ins Gesicht schlagen.“

„Das kann ich verstehen“, sagte Morko demütig. Er hielt dem Mädchen die Wange hin. „Nur zu. Bedienen Sie sich. Vielleicht schafft Ihnen das Erleichterung.“

Er bückte sich und hob ihre Handtasche auf. Sie riss sie ihm aus der Hand, als befände sich etwas Kostbares darin. Wut funkelte in ihren Augen.

„Mein Name ist Enneda Morko“, stellte er sich vor. „Ich stamme aus Kangun.“