Privatdetektiv Tony Cantrell Sammelband #6 - Fünf Krimis in einem Band

A. F. Morland and Earl Warren

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2017.

Inhaltsverzeichnis

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Privatdetektiv Tony Cantrell – 5 Krimis in einem Band

Copyright

Bete, wenn der Feuerteufel kommt

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Feuer frei auf Cantrell & Co.

Die Hauptpersonen des Romans:

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Das Baby schrie, als Wellman starb

Die Hauptpersonen des Romans:

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Kalte Boys und heiße Schlitten

Die Hauptpersonen des Romans:

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About the Publisher

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Privatdetektiv Tony Cantrell – 5 Krimis in einem Band

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Band 6

Der Umfang dieses Buchs entspricht 602 Taschenbuchseiten.

Tony Cantrell, ein Privatdetektiv und Rechtsanwalt aus Chicago, wird mit seinem Ermittler-Team oft in den besonders heiklen Fällen engagiert. Gemeinsam mit dem Capital Crime Department machen sich Cantrell und seine Mitarbeiter an die Ermittlungsarbeit. Es gilt Serienmörder, Bankräuber und Erpresser zu überführen...

Dieses Buch enthält folgende fünf Tony Cantrell Krimis:

A. F. Morland: Bete, wenn der Feuerteufel kommt

A. F. Morland: Bitte, geht’s hier entlang zum Safe?

Earl Warren: Feuer frei auf Cantrell & Co.

Earl Warren: Das Baby schrie, als Wellman starb

Earl Warren: Kalte Boys und heiße Schlitten

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Bete, wenn der Feuerteufel kommt

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Privatdetektiv Tony Cantrell #26

von A. F. MORLAND

Überraschend wird ein Nachrichtenmoderator von einem Feuerteufel getötet und verbrannt, weitere grausame Morde folgen. Die harmlose Suche nach einer entlaufenen Jugendlichen bringt das Cantrell-Team auf die Spur einer unglaublichen Geschichte, scheinbar hängen die beiden Fälle nicht zusammen, aber es dauert lange, bis Tony Cantrell herausfindet, um was es wirklich geht. Die Lösung des ungewöhnlichen Falls liegt in der Vergangenheit.

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Jeff Bailey, Steve Brodie, Kirkie Greer und Rick Shine:  Die vier Freunde hielten zusammen wie die Musketiere von Dumas. Ehe einen nach dem anderen der Feuerteufel holte.

Lenny Arnold:  Ein Playboy, der erst zur Vernunft kam, als Butch ihn an seiner Faust schnuppern ließ.

Dimmy Paige:  Es bereitete ihm das größte Vergnügen, Harry Rollins zu, verhöhnen.

Rosalind Morse:  Sie ließ das entscheidende Stichwort lallen, und Carol Cantrell nahm es sogleich auf.

Corinne Shine:  Sie wollte Ihre durchgebrannte Tochter wiederhaben und engagierte deshalb Cantrell. Doch damit löste sie eine Lawine aus, die sie selbst verschüttete.

... und das Cantrell Team.

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Blau wie das berühmte Veilchen war Jeff Bailey, als er kurz vor Mitternacht kichernd aus dem Taxi kletterte. Der Fahrer nannte seinen Preis. Bailey gab reichlich Trinkgeld mit der Bemerkung: „Hier, für eine nette kleine Eigentumswohnung!“ Dann wandte er sich mit einem zackigen „Hick“ um und schwankte auf sein Haus zu. Bis er den Schlüssel im Schloss hatte, vergingen fünf Minuten, aber was ist schon Zeit für einen Betrunkenen.

Die Party bei Freunden war prima gelaufen.

„Jenny!“ kicherte Bailey, während er sein Haus betrat. „Jenny, das kleine geile Luder mit dem prachtvollen Busen und dem gewaltigen Hintern! Sie hat sich wieder mal selbst übertroffen.“ Bailey applaudierte begeistert. Dann bückte er sich und kroch auf allen Vieren die Treppe hoch. Das machte er immer so, wenn er einen in der Krone hatte. Früher, als er diese Technik noch nicht entwickelt gehabt hatte, war er mehrmals verdammt hart die Stufen hinuntergefallen. Er hatte rasch eingesehen, dass er sich dabei mal das Genick brechen konnte und war rechtzeitig auf Vier-Pfoten-Antrieb umgestiegen. Seither erreichte er sein Ziel stets ohne besondere Vorkommnisse.

Im Schlafzimmer riss er sich die in Unordnung geratene Wäsche vom Leib. Dann stakste er ins Bad und stellte sich unter die Dusche. Da er aus Versehen den Kaltwasserhahn erwischte, stieß er ein erschrockenes Gebrüll aus, als ihn die nadeldünne, eisige Kälte voll traf. Mit einem wilden Satz schnellte er aus dem Brausestrahl.

Fäuste schwingend plärrte er: „Den Tod! Jawohl, den Tod kann man sich davon holen!“

Die Kälte ernüchterte ihn ein wenig.

Er verlor die Lust am Duschen, wickelte sich in seinen malvenfarbenen Frotteemantel und verließ das Bad.

In diesem Moment sah er sich einem Wesen gegen über, das von einem anderen Stern gekommen zu sein schien. Ein kantiger Kerl war das, so wie Kinder Roboter zeichnen. Auf den Schultern saß ein eckiger Helm. Hinter feuersicherem Glas funkelten Bailey zwei kalte Mörderaugen an. Es war

ein Sehschlitz. Nicht mehr. Vom Gesicht des Fremden war nichts zu erkennen. Seine Hände steckten in dicken Asbesthandschuhen. Der ganze unwirkliche Kerl war feuerfest. Und er trug die Flaschen eines Flammenwerfers auf dem breiten Rücken. Als Jeff Baileys vom Alkohol teilweise

gelähmtes Gehirn das alles endlich verarbeitet hatte, prallte er mit einem heiseren Entsetzensschrei zurück. Da riss der Unheimliche blitzschnell die Flammendüse hoch. Ein mörderisches Höllenfeuer fauchte Bailey entgegen, hüllte ihn ein wie eine brennende Faust, warf ihn zu Boden und tötete ihn wenige Augen blicke später gnadenlos.

Fünfzehn Minuten danach stand das ganze Haus in Flammen. Es sollte bis auf die Grundmauern niederbrennen.

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Wissen Sie, was ich mache, wenn ich in den Ruhestand getreten bin, Sergeant?“, fragte tags darauf Inspektor Harry Rollins seufzend.

„Was?“, erkundigte sich Retcliff, während er darauf achtete, dass er mit dem Dienstwagen keinen Auffahrunfall baute.

„Ich kaufe mir eine Modelleisenbahn, schmeiße mich auf den Bauch, und spiele damit den ganzen lieben langen Tag.“

Retcliff grinste. „Ja, ja. Man sagt, im Alter werden wir Menschen wieder kindisch.“

„Haben Sie denn keinen geheimen Wunsch, den Sie sich erfüllen möchten, wenn dieser tägliche Ärger endlich mal vorbei ist?“

Retcliff lachte. „Einen Wunsch hätte ich schon.“

„Darf ich ihn erfahren?“

„Warum nicht? Ich möchte irrsinnig gern zum Mond fliegen. Aber bis ich das Geld für die Touristenklasse zusammen gespart habe, wird mein Herz wohl nicht mehr so recht mitmachen wollen. Ich bin immerhin schon fünfundfünfzig.“

„Auch schon ein Alter“, schmunzelte Rollins. „Ich ziehe erst den Hut vor Ihnen, wenn Sie doppelt so alt sind.“

Retcliff feixte. „Ob Sie dazu dann noch in der Lage sein werden, Chef?“

„Das will ich doch stark hoffen, schließlich muss sich die Anschaffung der Modelleisenbahn rentieren ...“

Sie waren zu den Studios der Fernsehgesellschaft WER unterwegs. W – stand für Willobie, E – für Ellington, und R – für Rooper. Diesen drei Gentlemen gehörte das florierende Unternehmen, das rund um die Uhr sendete. Es brachte alles das, was die anderen Fernsehanstalten auch brachten. Alte Filme mit grünen Hollywoodstars, Sportübertragungen, brandheiße Diskussionen über aktuelle Themen. Doch die Spezialität von WER waren die Nachrichten für Taubstumme. Vier Sprecher hatten sich dafür qualifiziert: Herbert Fox, John Crabb, Frank Mortimer und Jeff Bailey.

Bailey war der Star gewesen. Mehrfach mit dem goldenen Bildschirm ausgezeichnet. Geliebt von Hunderttausenden Taubstummer. Sie hatten ihm an seinen Geburtstagen waggonweise Geschenke geschickt, und sie würden ihm, wenn sie erfuhren, dass er nicht mehr lebte, waggonweise Kränze schicken. Einige würden ihm vermutlich sogar in den Tod folgen ...

Retcliff steuerte den Dienstwagen auf den Besucherparkplatz. Als er ausstieg, schaute er misstrauisch zum Himmel.

„Sieht aus, als wolle es regnen.“

„Stört Sie das? Ich arbeite ganz gern, wenn es regnet. Wenn bei der Arbeit die Sonne scheint, bricht mir das Herz“, erwiderte Rollins und warf den Wagenschlag zu. Sie betraten das helle Chrom-Stahl-Gebäude, ließen sich vom invaliden Portier beim Aufnahmeleiter melden und fuhren dann zum 48. Stock hoch. Der Lift legte die Strecke im 60km/h-Tempo zurück. Beim Start hatten Rollins und Retcliff ihren Magen in den Schuhen, und am Ziel fühlten sie ihn dicht unter den Haarwurzeln.

Ein dralles Mädchen kam ihnen auf dem Flur entgegen.

Retcliff griente: „Ich bin zwar schon fünfundfünfzig, Chef, aber bei solch einem Anblick denke ich immer noch: Mein Gott, was einem Pfarrer so alles entgeht.“

Sie traten in ein Vorzimmer, in dem noch so ein dralles Mädchen auf der Schreibmaschine Krieg spielte.

„Lieutenant Rollins und Sergeant Retcliff“, sagte Harry und wies sich aus.

„Ah, ja.“ Die feuerrote Bombe nickte mit einem freundlichen Lächeln. Ihr Puppengesicht war kunstgerecht mit allerlei Kosmetika in Schuss gebracht. Rollins fragte sich insgeheim, wie die Kleine wohl aussah, wenn sie frühmorgens aus dem Bett stieg  ohne Nerzwimpern, ohne Augenbrauenstift, ohne Perücke, ohne Wangenrouge und so fort.

„Mr. Frazer erwartet Sie bereits, meine Herren. Diese Tür“, sagte das aufgedonnerte und recht angenehm duftende Girl.

Frazer erwartete sie tatsächlich. Mit einer dicken Zigarre, die er kaum in den Mund bekam, hockte er hinter seinem Schreibtisch. Der Rauch umgab ihn wie eine blaue Aureole. Als er sich erhob, wurde er nur unwesentlich größer.

„Wir alle sind erschüttert, Gentlemen, das darf ich Ihnen gleich zu Beginn versichern“, sagte John Frazer, der Aufnahmeleiter. Rollins fand, dass dem Mann ein solch pompöses Büro aufgrund seines Jobs eigentlich gar nicht zustand, aber er verlor darüber kein Wort. Sie nahmen auf der Konferenzgruppe Platz. Plötzlich war die feuerrote Bombe da und servierte dreimal Kaffee. Rollins fragte sich, was das Girl wohl getan hätte, wenn er ihr gestanden hätte, dass ihm der Arzt den Genuss von Kaffee strengstens untersagt hatte ... Ein Lächeln für jeden von ihnen  dann war sie wieder draußen.

„Wir fielen aus allen Wolken, als wir erfuhren, dass Bailey ermordet wurde“, sagte Frazer und schnippte eine Staubfaser von seinem dunklen Anzug. „Als wir hörten, dass sein Haus völlig abgebrannt ist, dachten wir zuerst, er hätte im Bett noch eine Zigarette geraucht, wäre dabei eingeschlafen, und da wäre es dann eben passiert ... Man hört sehr oft von solchen Unglücksfällen.“

„Wir wären nicht hier, wenn es sich eindeutig um einen Unfall handeln würde, Mr. Frazer“, sagte Rollins.

„Mordkommission.“ Frazer nickte. „Ich hab’s nicht vergessen, Lieutenant Rollins. Aber sagen Sie mir bloß, wie Sie darauf kommen, dass Jeff Bailey einem Mord zum Opfer fiel?“

„Den Tipp hat uns die Feuerwehr gegeben. Die Jungs kennen sich bei Bränden selbstverständlich hervorragend aus..

„Das ist völlig klar“, gab Frazer seinen unbedeutenden Senf dazu.

„Und es gibt Brandsachverständige, die herauszufinden versuchen, wodurch so ein Feuer entstand.“

„Was war die Ursache?“, forschte Frazer sogleich.

„Brandlegung. Wir wissen zwar noch nicht, wie es genau geschehen ist, aber das Haus wurde sozusagen buchstäblich an allen vier Ecken angezündet. Der Täter wollte anscheinend ganz sicher sein, dass das gesamte Gebäude sich in Schutt und Asche verwandelt.“

„Und Bailey?“, fragte Frazer schaudernd.

„Der war mittendrin in dieser Flammenhölle.“

„Schrecklich. Hatte er denn keine Möglichkeit, zu fliehen?“

„Ich will Ihnen nicht den Tag verderben, indem ich Ihnen schildere, wie Bailey nach dem Brand ausgesehen hat, Mr. Frazer. Das sage ich nur deshalb, damit Sie verstehen, wie schwer es für unsere Spezialisten ist, den Tathergang zu rekonstruieren.“

„Wie Sie wissen, war Jeff der Star unserer Nachrichten für Taubstumme“, begann Frazer.

„Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, Nachrichten in dieser Form zu produzieren?“, erkundigte sich Sergeant Retcliff. „Ich finde den Gedanken nämlich ausgezeichnet. Warum sollen die Taubstummen nicht erfahren, was in der Welt vor sich geht?“

„Das war auch unsere Meinung“, sagte Frazer. „Es ist schon eine Weile her, da war man in San Francisco gezwungen, über Fernsehen eine Erdbebenwarnung an die Bevölkerung durchzugeben. Damals hatte man den Einfall, mittels Taubstummensprache auch diese Menschengruppe zu informieren. Wir vom WER griffen das bereits einen Tag später auf. Und seither bringen wir zu jeder vollen Stunde auch Nachrichten für Taubstumme.“

Rollins leerte seine Kaffeeschale.

Frazer wandte sich wieder an ihn: „Ich erwähnte vorhin, dass Jeff unser Star war, Lieutenant.“

„Neideten ihm seine Kollegen das?“, fragte Rollins.

„Absolut nicht. Die vier waren ein kongeniales Team. Neid und Missgunst gab es zwischen denen nicht.“

„Wie waren Ihre Beziehungen zu Bailey?“

„Ich kann ohne Übertreibung behaupten, sie waren bestens, Lieutenant.“

„Hat er mal geäußert, dass er Angst hat? Hatte er irgendwelche Probleme, die er Ihnen anvertraute?“

Frazer lächelte kurz. „Jeff war ein ganz und gar problemloser Mensch. Vielleicht trank er ein wenig zu gern, aber irgendein Laster haben wir schließlich alle.“

Rollins verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich zurück.

„Nun sagen Sie mir einmal ehrlich, ob Sie das nicht seltsam finden, Mr. Frazer: Da wird ein Mann umgebracht, der von der ganzen Welt geliebt wird. Er hat keine Feinde. Er ist problemlos. Und doch gibt es jemanden, der ihn tötet. Nun versuchen Sie mir zu erklären, wie so etwas möglich ist.“

Frazer hob die Schultern. „Das kann ich nicht erklären. Es ist mir ein Rätsel. Soweit ich in die Sache hineinsehen kann, gab es nicht den geringsten Grund, Jeff zu ermorden. Das muss ein Verrückter getan haben. Anders kann ich es mir nicht vorstellen.“

„Ein Verrückter“, sagte Rollins. „Das sagen auch wir immer, wenn wir mit unserem Latein am Ende sind. Er hatte also keine Feinde?“

„Ganz bestimmt nicht. Nur Freunde. Gute Freunde.“

„Können Sie uns da mit Namen dienen?“

„Aber ja. Einer seiner besten Freunde heißt Steve Brodie. Er ist Anlageberater. Ein netter Mensch. Ich kenne ihn persönlich. Und auch Kirkie Greer und Rick Shine kenne ich. Die beiden sind zwei herzerfrischende Jungs in der Metallarbeitergewerkschaft. Die sind weder zu übersehen, noch zu überhören. Zwei Spitzenfunktionäre, die für ihre Leute wahre Wunder vollbringen ...“

Rollins nickte. „Ich kenne die beiden. Vor allem Shine hat in der jüngsten Vergangenheit von sich reden gemacht. Hat er nicht von irgendeiner weitschichtigen Tante drei Millionen Dollar geerbt?“

„O ja, das hat er, Lieutenant.“

„Und er hat die Absicht, mit diesem Vermögen nun seinen Einstieg in die große Politik zu finanzieren, wenn ich richtig informiert bin.“

Frazer nickte hastig. „Wenn Sie mich fragen, dann schafft Shine, was er sich vorgenommen hat. Dieser Mann ist der Prototyp eines Karrieremenschen. Das ist ein Senkrechtstarter. Von dem werden wir noch viel hören ...“

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Durchgebrannt ist dieses verdammte nymphomane Luder!“, brüllte zur selben Stunde Rick Shine im großen Salon seiner imposanten Stuckvilla aus den dreißiger Jahren.

Corinne Shine, seine Frau, schnellte wie eine Furie hoch. Ihre himmelblauen Augen schossen wütende Blitze ab.

Gereizt stemmte sie ihre Fäuste in die Seiten. Ihr straffes, ebenholzschwarzes Haar umrahmte das honigfarbene Gesicht mit der schlanken Nase und den vollen Lippen und fiel unter einer Silberklammer in lockeren Flechten über den Nacken. Sie trug ein Kleid, dessen Farben ineinander verschwammen.

„Ich dulde nicht, dass du so über Jessica redest!“, schrie sie ihren Mann an.

„Ist es vielleicht nicht die Wahrheit?“, schrie Shine zurück. „Ein nymphomanes Biest ist sie, deine verfluchte Tochter!“

„Jessica ist siebzehn, und sie sehnt sich nach Liebe! Nach einer Liebe, die du ihr niemals gegeben hast.“

„Hat sie sie von dir etwa bekommen? Du hast dich ebenso wenig um sie gekümmert wie ich.“

„Hat es einen Sinn, sich jetzt darüber zu streiten, Rick? Sieh lieber zu, dass wir sie wiederfinden!“

Shine winkte wütend ab. „Sie wird wiederkommen.“

„Ich sage dir, wir müssen etwas unternehmen!“

„Nichts werden wir tun. Sie ist von zu Hause allein durchgebrannt, also soll sie auch wieder allein heimkehren.“

„Das arme Kind.“

„Ich höre immer arm! Wieso ist sie denn arm? Sie hätte bloß nicht fortzurennen brauchen, dann wäre alles bestens.“

„Ja. Bestens für dich! O Gott, was bist du bloß für ein karrieresüchtiger Mensch. Hätte ich das nur früher gewusst, ich hätte dich nie im Leben geheiratet.“

Shine stieß ein zorniges Lachen aus. „Du konntest jederzeit gehen. Warum hast du mich nicht verlassen? Warum bist du geblieben? Aus Liebe etwa? Das kannst du mir nicht weismachen. Du bist geblieben, weil du an meiner Seite nach oben schwimmen wolltest. Okay. Die Chance hast du heute mehr denn je. Immerhin habe ich drei Millionen Dollar geerbt. Nun kannst du nicht mehr weg von mir. Geld hatte seit jeher eine faszinierende Anziehungskraft auf dich. Du wirst also wegen des Geldes bei mir bleiben ...“ Shine nahm sich schnell einen Drink und stürzte ihn sich hastig in die Kehle. Dann schüttelte er fassungslos den Kopf. „Verdammt, was ist bloß aus unserer Ehe geworden, Corinne? Ich kann diese Entwicklung nicht verstehen. Ich habe dich vom ersten Tag, als wir uns begegneten, geliebt, und ich liebe dich heute noch ...“

„Mach dich doch nicht lächerlich, Rick!“, rief Shines Frau zornig aus.

„Ich liebe dich wirklich immer noch, Corinne. Wie soll ich es dir beweisen?“

„Unternimm etwas, damit Jessica zu uns zurückkommt!“

„Das kann ich nicht. Du kennst meine Pläne. Ich möchte vorwärtskommen. Meine Chancen stehen nicht schlecht. Es gibt viele Freunde, die mich zu protegieren bereit sind. Aber nur dann, wenn ich sauber bin. Du kennst doch die spießbürgerliche Moral in unserem Land. Ich kann nur dann nach oben stoßen, wenn ich keinen Makel an mir habe. Das gilt in gleichem Maße natürlich auch für meine Familie. Ein Politiker, das ist heutzutage ein Vorbild für viele Menschen. Deshalb bin ich nicht gewillt, an die große Glocke zu hängen, dass meine Frau bei der Erziehung ihrer Tochter versagt hat, und dass meine Jessica jedem Kerl nachrennt, dessen Hose sich an einer bestimmten Stelle genügend auffallend bauscht.“

Corinne zündete sich mit zitternden Händen eine Zigarette an. Dann verlangte sie von ihrem Mann einen Ballantine.

Er stellte das gefüllte Glas neben sie auf die Kommode.

„Machst du es dir nicht ein bisschen zu einfach, Rick?“, fragte Corinne mit vor Zorn geröteten Wangen.

„Wieso?“

„Es ist Aufgabe der Eltern, ein Kind zu erziehen. Jetzt zu behaupten, ich hätte bei der Erziehung meiner Tochter versagt, ist eine impertinente Frechheit. Wo warst denn du, als es galt, Jessica zu erziehen? Soll ich es dir sagen? Du warst auf Gewerkschaftstagungen, du hast bis spät in die Nacht an Sitzungen teilgenommen. Um deine Arbeiter und um deine Kollegen, ja, um die hast du dich gekümmert. Aber wann hast du dich einmal um deine Familie gekümmert, wann denn, Rick?“

„Es ist nun mal das Los der Politiker, wenig zu Hause zu sein, viel auf Reisen zu sein. Du bist nicht die einzige Frau, der es so ergeht, Corinne. Ich dachte, du würdest das verstehen.“

Corinne schaute ihren Mann eindringlich an. Er war groß und breitschultrig, mit dichtem, lockigem, braunem Haar, das hier und dort von grauen Strähnen durchsetzt war. Vierzig war er, doch er sah jünger aus, denn sein Gesicht hatte trotz der kräftigen scharfen Züge einen glatten Teint und kaum Falten. Obwohl er etwas zu schwer wirkte, erweckte er doch den Eindruck kraftvoller Vitalität.

Wie weit hatten sie sich doch voneinander entfernt. Corinne hatte eigentlich nur noch Jessica. Deshalb verlangte sie erneut von ihrem Mann, er solle endlich etwas unternehmen, und heiser fügte sie hinzu: „Ich will Jess wiederhaben, Rick! Ich brauche sie. Sie ist mein Leben.“

Doch Shine blieb unerbittlich. Energisch schüttelte er mit zusammengezogenen Brauen den Kopf.

„Sie weiß, wo ihr Zuhause ist, Corinne. Wenn sie nicht freiwillig zurückkommt, soll sie bleiben, wo sie ist.“

„Herrgott, sie könnte ermordet worden sein! Seit Tagen haben wir nichts von ihr gehört.“

„Jess kann sich wehren. Die ermordet so schnell keiner. Ich gehe mit dir jede Wette ein, dass du dich ganz grundlos um sie sorgst. Deine verzogene kleine Tochter liegt wahrscheinlich eben in diesem Augenblick mit einem Mann im Bett und schert sich einen Dreck darum, ob du dich um sie sorgst oder nicht.“

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Der Regen, von dem Sergeant Retcliff gesprochen hatte, kam einen Tag später. Es war der Tag, an dem Sally, die kleine Tochter Harry Rollins’, Geburtstag hatte. Ein wenig traurig hatte sie sich schon frühmorgens das Näschen an der Fensterscheibe plattgedrückt und den Regentropfen zugesehen, die an die Scheibe prasselten und dann hastig daran hinunterrannen. Es gab Kuchen und Kakao. Helen Rollins, die Frau des Lieutenants, hatte Sallys Lieblingskuchen gebacken. Jeder bekam ein Stück davon, und hinterher widmete sich Sally den Spielsachen, die sie geschenkt bekommen hatte. Um neun erschien Tony Cantrell in seiner Funktion als „Fast-Onkel“. Er überbrachte Sally die herzlichsten Geburtstagswünsche von seiner Frau Carol und von seinen beiden Mitarbeitern Jack O’Reilly und Morton Philby. Da Glückwünsche bei einem kleinen Kind nicht so recht ziehen, kam er zudem mit einer riesigen Puppe angerückt, die so ziemlich alles konnte, was heutzutage gefragt war, und obendrein deckte er Klein-Sally mit so viel Schokolade ein, dass sie, ohne sparen zu müssen, Vorrat bis zum nächsten Geburtstag hatte.

Um zwölf musste Harry Rollins seinen Dienst antreten. Cantrell bot dem Freund an, ihn in die Roosevelt Road zu bringen. Es hatte zu regnen aufgehört, aber die Fahrbahn war noch nass.

Rollins begann von selbst über einen Fall zu sprechen, der ihn zur Zeit beschäftigte. Die Zeitungen hatten die Sensation selbstverständlich bereits aufgegriffen und schlachteten sie nun in ihren Rubriken weidlich aus. Ein Publikumsliebling verbrannt. Die ersten Stimmen tauchten auf und redeten von einem „Feuerteufel“. Fotos von Jeff Baileys abgebranntem Haus waren in jedem Magazin abgebildet. Es schien eine Pflichtübung für sämtliche Reporter gewesen zu sein, sich einen Bericht über Baileys seltsames Ende zu sichern. Rollins langte da an, wo er im Augenblick stand: Bei ein paar Namen, die nun zu überprüfen waren.

Von allen Namen, die Harry im Verlauf seiner Schilderung nannte, drängte sich Cantrell einer ganz besonders auf: Rick Shine.

„Mit Shine bin ich persönlich bekannt“, sagte der Anwalt und Privatdetektiv aus Western Springs.

„Tatsächlich?“

„Shine hat mich ein paarmal in kniffligen Rechtsfragen konsultiert. Ich fragte ihn: Warum gehen Sie nicht zu Ihren eigenen Rechtsanwälten? Die Gewerkschaft beschäftigt doch ein ganzes Heer davon. Da meinte er geringschätzig, das wären in Bausch und Bogen Idioten. Die könne man nur zu Rate ziehen, wenn man einen simplen Vertrag abzufassen hätte.“

„Ist dir bekannt, dass er drei Millionen gute Dollars geerbt hat?“

„Ich hab’s gelesen.“

„Das wär’ was für Harry Rollins“, grinste der Lieutenant.

„Was würdest du mit soviel Geld denn anfangen?“

„Eine ganze Menge.“

„Du weißt doch, dass Geld den Charakter verdirbt.“

„Dann müsste deiner schon längst verdorben sein. Du hast doch mehr davon, als du ausgeben kannst.“

„Nun, so ist es auch wieder nicht“, wehrte Cantrell schmunzelnd ab. „Es reicht für ein sorgloses Leben.“

„Und es reicht dafür, dass du dir deine Fälle aussuchen kannst. Du brauchst nicht jeden Dreck zu nehmen. Du kannst dir die Rosinen aus dem Kuchen herauspicken. Mit drei Millionen würde ich meinen Abschied von der Polizei nehmen und mich  genau wie du, auf eigene Beine stellen.“

Cantrell lachte. „Gott behüte, dass du eine solche Erbschaft machst. Ich kann keine Konkurrenz gebrauchen.“

Wenig später tauchte das Chicago Police Headquarters Building auf. Der blonde, blauäugige Lieutenant bedankte sich für die Gratisfuhre und sprang aus dem Wagen. Bevor Rollins den Eingang des Polizeigebäudes erreichte, zischte Cantrell bereits wieder von der Gehsteigkante ab. Er klemmte sich in den Wagenpulk und rollte mit diesem in Richtung Western Springs davon.

Als er seinen Wagen in der Garage abgestellt hatte, kam seine hübsche, blonde Frau, um ihn zu begrüßen.

„In deinem Arbeitszimmer wartet eine Klientin“, sagte Carol.

„Hübsch?“

„Tony!“, sagte Carol rügend.

„Verzeih.“ Cantrell grinste. „Hat die Klientin einen Namen?“

„Corinne Shine.“

„Was will sie?“

„Sie wird es dir gleich selbst sagen.“

„Wartet sie schon lange?“

„Halbe Stunde.“

„Dann will ich sie gleich mal erlösen“, meinte Cantrell und suchte sein Arbeitszimmer auf. Corinne zuckte zusammen, als die Tür aufging. Sie ruckte ihren Kopf herum. Ihre Augen weiteten sich.

„Endlich, Mr. Cantrell“, seufzte sie, als sie den schlanken, elegant gekleideten Anwalt erkannte.

„Entschuldigen Sie. Ich hatte keine Ahnung – warum haben Sie nicht mit meiner Frau besprochen, was Sie bedrückt, Mrs. Shine?“

Corinne schüttelte mit sorgenvoller Miene den Kopf. „Ich wollte mit Ihnen persönlich reden, Mr. Cantrell.“

Der Anwalt nahm an seinem Schreibtisch Platz. „Was kann ich für Sie tun, Mrs. Shine? Was ist passiert? Wenn Sie mir die Bemerkung erlauben, Sie sehen beunruhigt aus.“

„Ich fühle mich grässlich, Mr. Cantrell“, ächzte die junge Frau.

„Möchten Sie einen Drink haben?“

„Lieber nicht. Ich trinke in letzter Zeit ohnehin schon viel zu viel.“

„Was führt Sie zu mir?“

Corinne Shine zerkratzte mit ihrem Daumennagel das Leder ihrer Krokodillederhandtasche. Sie schien damit so sehr beschäftigt zu sein, dass sie darüber vergaß, wo sie sich befand. Erst als sie den Blick nach einer Weile hob, erkannte Cantrell in vollem Umfang, wie unglücklich diese Frau war.

„Jessica ist verschwunden, Mr. Cantrell“, sagte Corinne heiser.

„Verschwunden?“

„Durchgebrannt. Das ist die treffendere Bezeichnung!“, sagte Corinne aufgeregt. „Sie kennen Jessica. Sie ist ein frühreifes Ding. Vielleicht habe ich sie auch nicht richtig erzogen. Jedenfalls ist sie ganz wild auf Männer. Ich schäme mich, das von meiner Tochter zu sagen, aber hat es einen Sinn, Ihnen etwas zu verheimlichen, worauf Sie früher oder später doch kommen werden?“

Cantrell zündete sich eine Zigarette an. „Ihre Tochter ist also mit einem Mann durchgebrannt.“

„Ja“, gab Corinne gepresst zu.

„Waren Sie schon bei der Polizei?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Weil Rick das nicht will. Er möchte in der großen Politik Karriere machen. Und er ist der Meinung, wenn die Öffentlichkeit erfährt, was für eine Tochter er hat, gelingt ihm das nie. Deshalb wende ich mich an Sie. Sie kennen Jessica. Von Ihnen weiß ich, dass Sie als Privatdetektiv genauso hervorragend sind wie als Rechtsanwalt. Und vor allem kann ich bei Ihnen sicher sein, dass Sie diesen Job – vorausgesetzt, Sie übernehmen ihn – mit der nötigen Diskretion erledigen werden.“

Cantrell stippte die Asche in den Aschenbecher und zog dann wieder an seiner Zigarette.

Ein entlaufenes Hündchen soll ich also suchen. Ich würde es nicht tun, wenn es sich nicht um Jessica Shine handelte, dachte er.

„Seit wann ist Jessica abgängig?“, wollte er wissen.

„Seit sieben Tagen schon.“

„Haben Sie eine Ahnung, wo ich sie suchen sollte?“

„Zuletzt war sie mit einem Jungen zusammen, der Mario Lizzani heißt. Sie kann aber inzwischen gewechselt haben.“

„Wo wohnt dieser Mario?“

„Das weiß ich nicht.“

„Hat er einen Beruf?“

„Wenn ich mich recht erinnere, sagte Jess einmal, er wäre Flugzeugmechaniker. Er kümmert sich auf irgendeinem kleinen Privatflugplatz um die Sportmaschinen reicher Leute.“

„Der Mann ist zu finden“, sagte Cantrell.

„Oh, Sie werden mir meine kleine Jessica wohlbehalten wiederbringen, nicht wahr, Mr. Cantrell?“

„Ich werde mein Möglichstes tun, Mrs. Shine.“

„Ich bin sicher, dass Sie Jessica finden werden.“

„Angenommen, sie will nicht zu Ihnen und Ihrem Mann zurückkehren“, sagte Cantrell.

Corinne erschrak. „Sie muss, Mr. Cantrell. Sie muss! Schließlich ist sie erst siebzehn.“ Die Klientin erhob sich. Mit zitternden Fingern öffnete sie ihre Handtasche. Als Anzahlung ließ sie einen Scheck über zweitausend Dollar auf den Schreibtisch flattern. Und sie erklärte sich bereit, dieselbe Summe noch einmal zu bezahlen, wenn sie ihre fortgelaufene Tochter wieder in ihre Arme schließen könne. Dann verließ sie den Bungalow des Anwalts. Cantrell trat aus seinem Arbeitszimmer. Er übergab Carol den Scheck.

„Wo ist Butch?“, fragte er.

„Der ist zum Segeln.“

Cantrell staunte. „Bei dem Mistwetter!“

„Hat Butch schon einmal irgendein Wetter von irgend etwas abgehalten? Der geht doch auch im Hochsommer zum Schlittschuhlaufen.“

„Dann schick mir Silk“, verlangte Cantrell und zog sich wieder in sein Allerheiligstes zurück. Er goss zwei Schwenker mit Veuve-Cliquot-Cognac voll. Es klopfte.

Morton Philby trat ein. Böse Zungen behaupteten, er trüge seidene Unterhöschen und hätte von seinen Freunden deshalb den Spitznamen Silk bekommen. Das war natürlich nicht der Fall. Wahr war vielmehr, dass Philby ganz verrückt nach seidenen Krawatten war. Und sollte er mal die Absicht haben, durch Selbstmord aus dem Leben zu scheiden, dann würde er sich gewiss an einer von seinen reinseidenen Krawatten aufhängen.

„Was darf ich dir antun?’’, fragte Silk seinen Chef.

„Nimm erst mal einen zur Brust.“

„Ist es nötig, dass ich mich stärke?“

„Kennst du Jessica Shine?“

„Hat dir die Kleine nicht schon mal einen unsittlichen Antrag gemacht?“, fragte Silk grinsend zurück. Er nahm den Kognakschwenker in die Hand.

„Sie ist mit einem Mann durchgebrannt“, erzählte Cantrell. Und dann erfuhr Silk alles, was er wissen musste.

Sie tranken. Hinterher nickte der drahtige Philby, der nicht wie ein Privatdetektiv, sondern eher wie ein sensibler Künstler aussah.

„Okay. Dann werde ich fürs Erste herauszufinden versuchen, auf welchem Flugfeld Mario Lizzani an Sportmaschinen herumbastelt.“

Das Ganze war für Silk eine Arbeit von fünfundvierzig Minuten. Er rief jeden Flugplatz an, der ihm bekannt war. Und als die fünfundvierzigste Minute schlug, sagte ein Girl mit piepsender Stimme: „Ja, Mario ist hier.“

„Sind Sie sicher? Lizzani, Mario Lizzani?“

„Aber ja. Er hat mich vor fünf Minuten erst in den Hintern gekniffen. Ich werde doch Mario kennen. Soll ich ihn holen?“

„Nein, vielen Dank. Ich möchte mich auch von ihm kneifen lassen, und das geht durchs Telefon ja wohl nicht.“ Silk legte auf. Er hämmerte mit den harten Knöcheln seiner Faust gegen die Arbeitszimmertür seines Chefs, steckte den Kopf zum Spalt hinein und meldete: „Lizzani, den unheimlichen Popokneifer, ausfindig gemacht, Chef.“

„Wo steckt er?“

„Auf einem kleinen Flugplatz in Evanston. Ich fahr gleich mal hin und höre mir an, was er über Jessica Shine zu plaudern weiß.“

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In einem kleinen Glaskasten fand Silk das Mädchen, an dessen Hintern Lizzanis Finger sich verirrt hatten.

„Mein Name ist Philby. Wir haben miteinander telefoniert“, sagte er zu der Schwarzhaarigen. Nicht nur ihre Kehrseite war beachtlich. Die Vorderseite war es noch weit mehr.

„Der Süße, der sich von Mario gern kneifen lassen möchte?“

„Sie sagen es.“

„Ich bin Belinda“, sagte das Mädchen kokett. „Und in zwei Stunden bin ich noch dazu frei.“

Silk hob grinsend beide Hände. „Wo finde ich Mario?“

„Der zerlegt gerade eine Beechcraft. Hat keine Zeit für Sie.“

„Ich werde ihn bestimmt nicht lange aufhalten.“

Silk drehte sich um und ging hinaus.

Lizzani arbeitete unter freiem Himmel. Er sah aus, als hätte er mitsamt seinem Overall in gebrauchtem Maschinenöl gebadet. Er war porentief dreckig.

„Schöner Tag heute“, sagte Silk, als er den Jungen erreicht hatte.

„Beschissener Tag“, widersprach Lizzani.

„Man kann jedes Ding von zwei Seiten betrachten“, meinte Silk und hob die Schultern.

Lizzani klapperte mit einem großen Schraubenschlüssel. Er stand an einem fahrbaren Werktisch und zerlegte einen Teil des Flugzeugmotors.

„Sind Sie sicher, dass Sie das alles auch wieder richtig zusammen kriegen?“, erkundigte sich Philby.

„Was meinen Sie wohl, wozu ich drei Jahre Lehrling war?“

„Ich dachte, in den ersten drei Jahren lernt man nur, wie diese Dinger zerlegt werden.“

„Sie laufen wohl auch nur auf drei Zylindern, wie? Kann ich etwas für Sie tun?“

„Nicht in dieser Beziehung. Mein Name ist Morton Philby.“

„Nie gehört.“

„Sie sind Lizzani, nicht wahr?“

„Was wollen Sie von mir?“

„Wo steckt Jessica Shine?“

Wenn Silk den Flugzeugmechaniker einen Vollidioten genannt hätte, wäre die Reaktion vermutlich dieselbe gewesen. Zum ersten Mal glotzte Lizzani ihn ärgerlich an. Sein ölverschmiertes Gesicht zuckte kurz.

Silk entging nicht, dass Lizzani plötzlich den Schraubenschlüssel ganz anders in der Hand hielt. Nicht mehr als Werkzeug, sondern als Waffe war das lange schwere Metallstück nun anzusehen. Die schmale Brust des Mechanikers ging auf, wie gut durchgeschlagener Hefeteig.

„Ich schlage vor, Sie zischen ab, Philby“, sagte Lizzani drohend.

„Ich habe noch keine Antwort auf meine Frage.“

„Kriegen Sie auch nicht. Machen Sie ’ne Fliege, Mann.“

„Gleich nach der Antwort.“

„Sie kriegen keine, verdammt noch mal! Höchstens Hiebe kriegen Sie.“

„Wer wird denn gleich so pampig sein? Ich möchte doch nur wissen, wo Jessica Shine steckt.“

„Ich habe zu arbeiten“, sagte Lizzani ruppig.

„Davon hält Sie doch keiner ab.“

Mario Lizzani wurde unter der schwarzen Ölschicht merklich bleich vor Wut. Noch beherrschte er sich. Aber die Explosion stand kurz bevor. Er holte tief Luft und sagte dann gepresst: „Mann, wenn Sie jetzt nicht schleunigst Leine ziehen, passiert ein Unglück.“

Silk nickte. „Dieses Unglück will ich Ihnen ja ersparen, Mario. Sagen Sie mir, wo ich Jessica finden kann, und ich erspare Ihnen einen längeren Krankenhausaufenthalt.“

Das war dem dreckigen Mario zu viel der rücksichtsvollen Herzlichkeit. Er schwang den Schraubenschlüssel hoch, wollte ihn Silk auf die Stirn schlagen, doch als das Arbeitsgerät nach unten sauste, war Philbys Kopf einen halben Meter weiter rechts. Der sehnige Detektiv fasste blitzartig nach dem Arm des Mechanikers. Was kein Mensch dem mittelgroßen Silk ansah, kam nun voll zur Geltung. Philby drehte den starken Arm des Mechanikers unglaublich hart und ungemein schnell herum. Die Hand Lizzanis flog auf seinen Rücken. Er spannte das Kreuz, verzerrte das dreckige Gesicht, und stieß einen krächzenden Schmerzensschrei aus. Dann öffneten sich seine Finger. Der Schraubenschlüssel klirrte zu Boden. Silk dachte, das müsste reichen, doch sobald er Lizzanis Arm losließ, griff dieser ihn sofort wieder an. Mit schwirrenden Fäusten warf er sich auf den verhassten Detektiv. Sein öliges Gesicht war zu einer unnatürlichen Fratze geworden. Er deutete einen Fußtritt an und wollte gleichzeitig oben nach Silks Kinn schlagen. Aber Philby fing den Schwinger geschickt ab und konterte mit einer harten Rechten auf den Solarplexus des Gegners.

Lizzani wankte zurück und knallte mit den Schulterblättern gegen die Beechcraft. Von da stemmte er sich fauchend ab und versuchte zum dritten Mal, seinen Zorn mit einem glatten Niederschlag zu entladen. Diesmal traf seine Linke den Kopf des Detektivs. Silk wurde zur Seite geschleudert. Lizzani setzte nicht schnell genug nach. Als er loslegen wollte, hatte sich Philby bereits wieder gefangen. Er blockte eine Gerade ab und drosch dem Gegner seine Rechte in die Herzgrube. Lizzanis Mund klaffte auf. Und als Silk seine Faust in die Magengrube des Mechanikers versenkte, blieb diesem nicht nur die Luft weg, er musste vorübergehend auch auf die Knie.

Morton Philby zerrte Lizzani sofort wieder hoch.

„So, Freundchen. Und nun reden wir miteinander wie zwei vernünftige, erwachsene Männer wenn dir das auch verdammt schwerfällt“, sagte Philby zornig. „Die Frage steht noch: Wo steckt Jessica Shine?“

„Warum interessiert Sie das?“, gurgelte Mario.

Philby ließ ihn versuchsweise aus. Er blieb auf den Beinen. „Ihre Mutter macht sich Sorgen um sie. Ich soll sie nach Hause bringen.“

„Schnüffler also.“

„Ganz recht.“

„Bei mir ist sie nicht mehr, war sie nur drei Tage.“

„Und dann?“

„Dann ist sie einen Ast weitergegangen.“

„Wie heißt der Ast?“

„Finden Sie’s raus! Sie sind doch Schnüffler.“

Philby fletschte die Zähne und hob die Fäuste. „Ich bin gerade dabei, es herauszufinden, Mario.“

Lizzani wich vor Silks Fäusten, die so unscheinbar aussahen und so unglaublich hart zuschlagen konnten, erschrocken zurück. Er wies auf die Beechcraft und schloss mit einer weitreichenden Handbewegung den gesamten Flugplatz ein.

„Alles Maschinen von finanziell gut gestellten Typen. Und Mario Lizzani ist ihr Mann, wenn es Schwierigkeiten gibt. Ich repariere ihre Vögel, checke sie vor jedem Start gründlich durch, kümmere mich um die Brummer. Hin und wieder steige ich auch mal mit einem Flugzeug hoch. Niemand hat etwas dagegen. Jessica hat das imponiert. Sie flog gern mit. Es war nicht schwer, sie gleich nach dem ersten Flug ins Bett zu kriegen. Eigentlich war es beinahe umgekehrt. Sie hat mich verführt, das kleine Luder. Ich dachte, das könnte etwas für längere Zeit werden. Schon am nächsten Tag sagte sie, sie würde zu mir ziehen. Ich hatte nicht einmal die Möglichkeit, ja oder nein zu sagen. Peng, da war sie schon.

Und sie machte sich mit allem, was sie mitgebracht hatte, sofort in meiner Wohnung breit. Okay, dachte ich. Dann hast du eben jetzt eine Frau. Auch nicht schlecht. Zu heiraten brauchst du sie nicht, das verlangt sie nicht von dir. Und wenn du von ihr genug hast, kannst du sie ja wieder hinauswerfen. Doch vom Genughaben war ich noch ziemlich weit weg. Sie hat einem Mann nämlich verdammt viel zu bieten. Nur – sie kann nicht kochen und versteht absolut nichts von Hausarbeit. Ihr Interesse beschrankt sich lediglich aufs Bett. Das ist zwar auch ganz schön, aber der Mensch muss arbeiten, wenn er Geld haben will, das er braucht, um Futter einzukaufen. Jessica wollte das nicht verstehen. Ich wäre ihretwegen beinahe meinen Job losgeworden, denn sie nagelte mich im Bett fest. Ich kam nicht einmal dazu, anzurufen, dass ich verhindert wäre. Auf die Dauer wäre das natürlich kein Zustand gewesen. Aber drei Tage waren mir doch ein bisschen zu wenig. Kann ich eine Zigarette haben?“

Silk schenkte dem Mechaniker die ganze Packung. Lizzani rauchte sein Stäbchen mit kräftigen Zügen.

„Jessica ist ein wilder Vogel, verstehen Sie? Man kann sie in keinen Käfig sperren. Sie liebt die Freiheit. Und sie fliegt weg, wann immer sie dazu Lust hat.“

„Wenn sie siebenundzwanzig wäre, wäre ich nicht hier“, sagte Silk. „Aber Jessica ist erst siebzehn. Und sie gehört noch ins Elternhaus, wenn dieses darauf Wert legt.“

„Jess hält weder von ihrem Vater noch von ihrer Mutter.viel. Wenn sie über sie sprach, hat sie bloß immer geschimpft. Wenn Sie mich fragen, die beiden haben das Mädchen irgendwie verkorkst. Ich kann nicht sagen, wie man Jess hätte erziehen sollen, ich weiß nur, dass sie falsch erzogen wurde. Und das Ergebnis davon: Ein unbändiger Freiheitsdrang, und eine geradezu schamlose Gier nach Liebe.“

„Wer ist nun dran, sie glücklich zu machen?“, erkundigte sich Silk.

„Lenny Arnold.“

„Der Playboy? Wie kam sie denn an den?“

„Er hat einen Vogel bei uns eingestellt. Sieht gut aus der Junge, das muss ihm der Neid lassen. Sieht weit besser aus als ich. Ich meine auch dann, wenn ich gewaschen bin. Klar, dass Jess sich sofort an seinen Hals hängte. Ich konnte gar nichts dagegen tun. Sie ging mit ihm auf und davon. Wie eine wilde Stute, die hinter einem Hengst in die Weite der Prärie hinaus trabt, pffft! Weg war sie. Und ich hockte da mit meinem verletzten männlichen Stolz. Können Sie jetzt verstehen, dass ich von niemandem gern daran erinnert werde? Ein Mann verkraftet eine solche Schlappe nicht so leicht. Einen Tag im siebten Himmel. Am anderen Tag in der siebten Hölle. Als Sie mich vorhin nach Jessica fragten, dachte ich: Schon wieder einer, der es mit ihr treiben will. Ich bin verdammt jähzornig. Das ist mein Fehler. Ich glaube, ich sollte mich bei Ihnen jetzt entschuldigen ...“

Silk winkte ab. „Geschenkt.“

„Denken Sie nicht, ich wollte Lenny Arnold ungeschoren davonkommen lassen. Ich stellte ihn einen Tag, nachdem Jess zu ihm gezogen war. Aber der Knabe hat verflucht viel Dampf im Hemd. Der drosch mich genauso zusammen wie Sie vorhin. Langsam kriege ich Minderwertigkeitskomplexe.“

„Wo wohnt Lenny Arnold? Können Sie mir mit seiner Adresse aushelfen?“

Lizzani schnippte die Kippe weg und grinste. „Natürlich kann ich das. Ich wollte ihm ja das Haus über dem Kopf anzünden. Weiß der Kuckuck, warum ich’s nicht getan habe.“

Silk erfuhr die Adresse.

Er verließ den abgehalfterten Liebhaber Jessicas, wusch sich die öligen Hände auf der Toilette sauber, kam an der schwarzhaarigen Belinda vorbei, kniff ein Auge zu, und verfrachtete sich gleich darauf in den Chevelle.

Er fuhr sogleich zu Arnolds Haus. Ein schönes Gebäude mit rostrotem Ziegeldach und Kapuzenfenstern. Ein von fachkundiger Hand angelegter Park darum herum. Kieswege. Ziersträucher. Und ein schmiedeeisernes Tor zwischen zwei hoch aufragenden gemauerten Pfeilern, das Silk den Zugang zum Haus verwehrte. Er schellte mehrmals. Doch das Gebäude war zur Zeit verwaist. Niemand nahm von Philby Notiz. Nicht einmal ein kleiner kläffender Köter.

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Das Gebäude der Metallarbeitergewerkschaft stand in der Divison Street, Ecke Stone Street. Kirkie Greer hatte da im 19. Stock ein helles Büro, mit Blick auf den Oak Street Beach.

Der Raum war funktionell eingerichtet. Nebenan gab es einen Konferenzsaal.

Greer war mittelgroß, doch seine kerzengerade, kommißhafte Haltung ließ ihn größer erscheinen. Das jettschwarze Haar war kurz geschnitten, sein Gesicht war streng und schmal. Die Augen spiegelten Intelligenz und Hartnäckigkeit wider. Greer hatte eine steile Karriere hinter sich. In einer großen Eisengießerei war man in Kollegenkreisen sehr bald auf ihn aufmerksam geworden. Er konnte fabelhaft reden und vermochte die Geschäftsleitung nicht bloß zu überzeugen, sondern verstand es, sie sogar zu überfahren. Also machte man ihn zum Arbeitervertreter. Ein paar Jahre fegte er von einem Rednerpult zum anderen. Und schließlich holte man den tüchtigen Mann in die Division Street, wo er wichtigere Aufgaben übertragen bekam.

Heute war Kirkie Greer ein Mann, vor dem die Politiker zitterten, und sie trachteten, stets gut mit ihm auszukommen, denn wenn Greers Missfallen erst mal geweckt war, bestand Gefahr, dass die gesamte metallverarbeitende Branche auf ein einziges Wort von ihm auf die Barrikaden kletterte. Ja, er war ein mächtiger Mann geworden in dieser verhältnismäßig kurzen Zeit. Trotzdem hatte er sein Ziel noch lange nicht erreicht. Greer war vierzig. Und er war voller Ideen. Genau wie Rick Shine ...

Dieser klopfte soeben.

„Ja, bitte?“, rief Greer zur Tür. Er ging um den Schreibtisch herum und setzte sich. Das machte sich immer gut. Die Leute mussten sehen, dass er ein vielbeschäftigter Mann war. Ohne eine einzige freie Minute.

Shine trat ein. „Hallo, Kirkie.“

„Tag, Rick“, sagte Greer. Er erhob sich. Shine war der einzige, vor dem er kein Theater zu spielen brauchte. „Mach die Tür hinter dir zu und setz dich. Ich habe mit dir zu reden.“

„Beruflich oder privat?“, erkundigte sich Shine. Die beiden Männer waren seit vielen Jahren miteinander befreundet.

„Sowohl als auch. Was möchtest du trinken?“

„Egal.“

„Bourbon?“

„Okay.“ Shine setzte sich in einen mit Wildschweinleder gepolsterten Sessel. Greer kam mit zwei Gläsern und einer noch vollen Flasche. Hinterher ging er noch einmal zur Hausbar und holte den Silberthermos, in dem sich die Eiswürfel befanden, denn Shine trank seinen Bourbon gern mit Eis, wie er wusste. Das war zwar ein Verbrechen am Getränk, aber Rick liebte seinen Drink nun mal so, und deshalb sollte er ihn so und nicht anders bekommen.

Sobald die Gläser voll waren, nahm Greer einen großen Würfel mit der Eiszange aus dem Behälter und ließ ihn vorsichtig in Shines Glas gleiten.

„So recht?“, fragte er.

Shine nickte und griff nach dem Drink. Ein kurzes Nippen. Dann stellten die Freunde ihre Gläser auf den Couchtisch, dessen Platte aus grauem Rauchglas bestand.

„Irgend etwas bedrückt dich, habe ich recht?“, fragte Shine.

Greer nickte. Er nagte an der Unterlippe und starrte auf den Teppich.

„Mir will nicht aus dem Kopf gehen, was Jeff Bailey zugestoßen ist, Rick. Ich kann es nicht begreifen, verstehst du? Jeff war ein Kumpel, mit dem man durch dick und dünn gehen konnte. Ich kann keinen Sinn darin sehen, dass jemand hergeht und ihn umbringt. Warum tut ein Mensch so etwas? Kannst du mir das verraten?“

Shine schüttelte den Kopf. „Ich bin darüber genauso konfus wie du, Kirkie.“

Greer seufzte. „Ein Mensch, der keinen einzigen Feind hatte. Ein Mann, auf den man sich in jeder Lebenslage verlassen konnte. Ich meine, wir beide wissen am besten, wie Jeff war. Pferde stehlen konnte man mit dem. Und plötzlich heißt es: Jeff lebt nicht mehr. Er hatte Besuch von einem Feuerteufel, der ihm das Haus über dem Kopf anzündete!“ Greer klatschte sich die flache Hand auf die Stirn. „Das will mir einfach nicht in die Birne rein.“ Er hob die Schultern, griff zum Glas und leerte es auf einen Zug. „Wir beide werden es nicht ungeschehen machen, nicht wahr?“

„Leider nicht.“

„Er war ein netter Kerl.“

„Aufrichtig und ehrlich war er.“ Shine nickte.

Sie schwiegen. Jeder schaute vor sich hin. Es sah so aus, als würden sie Jeff Bailey vor ihrem geistigen Auge noch einmal wiedersehen. Greer machte einen tiefen Atemzug und leitete das Gespräch auf ein anderes Thema über.

„Wie geht es zu Hause?“

„Gut.“

„Corinne ist okay?“

„Aber ja.“

„Und Jessica?“

„Die macht mir wie immer Sorgen.“

„Was du nicht sagst. Was ist es denn diesmal?“

Shine räusperte sich. Er rutschte verlegen im Sessel hin und her, trank zuerst, bevor er über das unangenehme Thema sprach.

„Ich sag’s nur dir, Kirkie. Und ich bitte dich, halt anderen gegenüber den Schnabel, ja?“

„Ich kann schweigen wie ein Grab, wenn’s sein muss.“

„Das muss es.“

„Was ist denn so Ungeheuerliches passiert?“, fragte Greer und füllte die Gläser erneut.

„Jess ist uns durchgebrannt“, sagte Shine zähneknirschend.

Greers Augen weiteten sich. „Das ist ja ein Ding. Corinne und du - ihr habt keine Ahnung, wo sie steckt?“

„Nicht die geringste. Corinne möchte, dass ich etwas unternehme.“

„Das solltest du.“

„Denkst du, ich versaue mir damit meine ganze politische Zukunft? Ich bin doch nicht blöde!“

„Hör mal, Rick, du kannst Jessica aber doch nicht so einfach ihrem Schicksal überlassen. Sie ist doch noch ein halbes Kind. Sie muss gelenkt werden, sonst gerät sie womöglich noch auf die schiefe Bahn. Wäre das nicht noch schlimmer für dich?“

„Das wäre das Ende vom Traum“, knurrte Shine und trank hastig. Dann bat er den Freund, das leidige Thema unter den Tisch fallen zu lassen. Er wollte kein weiteres Wort mehr darüber verlieren, er hätte mit Corinne bereits mehrere Auseinandersetzungen deshalb gehabt, und das würde ihm eigentlich reichen. Greer wechselte erneut geschickt das Thema. Jetzt erst kam er auf das zu sprechen, was er die ganze Zeit schon im Köcher hatte: Es handelte sich um eine groß angelegte Gewerkschaftsaktion, die für Tausende Arbeiter enorme Verbesserungen arbeitstechnischer und finanzieller Art bringen sollte. Aber es gab innerhalb der Gewerkschaft Leute, die mit Greers Idee nicht so recht mitziehen wollten. Einwände wie weltweite Rezession waren schon laut geworden und: Man solle den Bogen gerade in solchen Zeiten nicht überspannen. Doch Greer brauchte wieder einmal einen Erfolg, wenn er auf der Leiter, die nach oben führte, eine weitere Sprosse erklimmen wollte. Deshalb holte er sich nach und nach einen Mitarbeiter nach dem anderen in sein Büro, um sich nach seiner Einstellung zu erkundigen und ihn, wenn nötig, unter vier Augen entweder zu bearbeiten oder irgendwie unter Druck zu setzen. Greer war dafür bekannt, dass er das Politikerklavier meisterhaft zu spielen wusste. Von Shine erfuhr er, dass er mit dessen vollster Unterstützung rechnen könne.

„Wenn es losgeht, werde ich an deiner Seite stehen, Kirkie“, versprach Rick seinem Freund in die Hand.