Eiskalte Morde für den Urlaub: Zehn Krimis

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker, 2018.

Inhaltsverzeichnis

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Eiskalte Morde für den Urlaub

Copyright

Killerfrühling

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Tote Bullen

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Championship des Todes

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Erwürgt!

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Zuhälter, G-men und ein Gangster

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Durchsiebt

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Hass war sein Lebenselexier

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Der Kopf-Abhacker

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Gottes Mühlen mahlen langsam ...  (Teil 1)

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Gottes Mühlen mahlen langsam ...  (Teil 2)

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Further Reading: 10 hammerharte Strand-Krimis

Also By Alfred Bekker

Also By Pete Hackett

Also By Earl Warren

About the Author

About the Publisher

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Eiskalte Morde für den Urlaub

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von Alfred Bekker, Pete Hackett & Earl Warren

Der Umfang dieses Buchs entspricht 671 Taschenbuchseiten.

Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Dieses Buch enthält folgende zehn Krimis:

Earl Warren: Killerfrühling

Alfred Bekker: Tote Bullen

Pete Hackett: Championship des Todes

Alfred Bekker: Erwürgt!

Pete Hackett: Zuhälter, G-men und ein Gangster

Alfred Bekker: Durchsiebt

Pete Hackett: Hass war sein Lebenselexier

Alfred Bekker: Der Kopf-Abhacker

Pete Hackett: Gottes Mühlen mahlen langsam... Teil 1

Pete Hackett: Gottes Mühlen mahlen langsam... Teil 2

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK EBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Authors , Cover: Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Killerfrühling

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von Earl Warren

Ein Anhänger der Maha-Rah-Sekte, die dem selbsternannten Guru Chang Moo folgt, wird im Central Park ermordet aufgefunden. Für Lieutenant Milo Baldy, Leiter des Morddezernats Manhattan Süd, scheinbar ein Routinefall. Doch mit seinem ausgeprägten detektivischen Spürsinn erkennt er schnell, dass der Mord mit Rauschgift zu tun hat, der Guru kein „Heiliger“, sondern skrupelloser Geschäftemacher und auch die Mafia involviert ist. Baldy wittert eine Möglichkeit, mit der Aufklärung des Mordes an dem jungen Sektenmitglied auch endlich dem New Yorker Mafia-Boss Sergio Corluzzi, hinter dem er schon lange her ist, aber nie etwas nachweisen konnte, das Handwerk zu legen.

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Drei Viertel aller Mordfälle sind einfach zu lösen. Dazu braucht man keine Genies, sondern gute, zuverlässige und tüchtige Cops, die nach der Dienstvorschrift vorgehen und Punkte für den Ankläger sammeln, die Fragen stellen, das Motiv ergründen und dann den Hauptverdächtigen einkreisen.

Mit Zeugenaussagen, Indizien und Beweisketten. Und damit hat es sich dann schon. Kompliziert wird es, wenn kein Motiv vorzuliegen scheint, wenn der Täter clever genug war, keine Spuren zurückzulassen.

Aus dieser Schublade stammen die ungelösten Fälle, die uns noch jahrelang ärgern.

So einer sollte mir wieder angehängt werden, als das Telefon klingelt. Ich weiß es nur noch nicht. Detective Sergeant Kostas betrachtet gerade die Blattlausprozession auf dem Bürogummibaum, und Potter nimmt den Hörer ab.

Er meldet sich, hört eine Weile zu und ruft dann meinen Namen, gerade, als ich Kostas sagen will, wo er sich die Blattläuse hinsetzen kann. Es ist Freitagvormittag, ein sonniger Frühlingstag in Manhattan.

Im Squad Room des Morddezernats Manhattan Süd sind nur Kostas, Potter, ich und der junge McLane.

»Wir haben eine Leiche, Lieutenant!«, ruft Potter.

Ich seufze, schaue zur Decke.

»Wann hätten wir die mal nicht? Was glaubst du, wo du hier bist, Potter? Bei den Pfadfindern?«

»Es ist einer von diesen glatzköpfigen Kuttenmönchen«, sagt er gelassen. »Er liegt hinter einem Gebüsch im Central Park und hat einen Messerstich in der Brust. Die Parkstreife ist am Apparat. Wir sollen gleich hinfahren.«

Ich überlege. Die morgendliche Einsatzbesprechung ist vorbei, die Arbeit eingeteilt. Ich will eigentlich den Berg auf meinem Schreibtisch aufarbeiten, der beängstigende Formen annimmt. Aber der Kram kann warten.

Draußen scheint die Sonne, und mich interessiert, wer, zum Teufel, ein Interesse daran hat, einen Maha-Rah-Sadhu mit dem Messer zu tranchieren. Mir fallen gleich die Maha Rah ein, als ich von dem Toten höre.

Die Jungs, die meine Glatze imitieren und mit gelben Kutten umherlaufen. Die an den Straßenecken betteln, mit Tamburinen und dergleichen Katzenmusik machen, und Traktate mit unausgegorenen fernöstlichen Weisheiten verkaufen. Der Name ihres Chefs fällt mir im Moment nicht ein.

Diese Maha Rah tauchen überall auf und gehören seit einiger Zeit zum normalen Straßenbild in Manhattan.

»Sag den Jungs, wir sind gleich dort«, sage ich zu Potter. Mein Blick streift Kostas, unseren Pflanzenenthusiasten, der seit Wochen einen wütenden Vernichtungskrieg gegen Blattläuse führt. Dann sehe ich McLane an, den Neuen. »McLane und ich.«

McLane fährt hoch.

»Lieutenant?«

»In zwei Minuten Abmarsch«, sage ich. »Wird Zeit, dass du mal den Außendienst erlebst.«

Er ist seit Anfang der Woche hier und hat selten mehr als drei Worte hintereinander gesagt. Er ist blond, ein bisschen blass, kleidet sich unauffällig. Es wird Zeit, dass ich ihm einmal auf den Zahn fühle.

Der Junge ist dreiundzwanzig, frisch vom College und hat nur die Polizeischule und einen Kurs an der Kriminalakademie absolviert. Hat keine praktische Erfahrung, noch nie eine Verhaftung durchgeführt. Und da heißt es immer, der Polizeietat wird weiter gekürzt, es müssen wieder Leute entlassen werden.

In meinem Office ziehe ich das helle Jackett an und setze den Hut auf. Einen hellen Tiroler mit einer kleinen bunten Feder am Band.

Dann gehe ich mit McLane los, während Potter die Routineanrufe erledigt. Der Erkennungsdienst muss benachrichtigt werden, der Polizeiarzt, der Leichenwagen, der Fotograf. Wenn Sie mal ermordet werden, wundern Sie sich bestimmt, was für einen Rummel man Ihretwegen anstellt.

Wir fahren die Fifth Avenue hoch, die an diesem Morgen wie blankgeputzt aussieht. Der Himmel ist klar, der Verkehr mäßig. Ein Tag, wie aus dem Bilderbuch. Die Sonne spiegelt sich in den Glasfronten der Hochhäuser und Wolkenkratzer.

Ich kurbele das Fenster ein wenig herunter, um frische Luft hereinzulassen. Sie schmeckt nach Frühling, trotz der Abgase.

Im Central Park grünt und blüht es überall. Ich fahre den Buick auf den Fußgängerweg, zu den beiden Cops, die bei einem Rhododendronbusch stehen. Ein paar Neugierige, ein Dutzend etwa, haben sich schon eingefunden.

Sonst ist noch keiner da, wenn man von dem Toten absehen will. Wir steigen aus, und ich setze meine Sonnenbrille auf. McLane schaut mich an, wie der Zauberer das weiße Kaninchen aus dem Zylinder, das ihn gerade in die Nase gebissen hat.

Ich lächle.

»Lieutenant Milo Baldy, Morddezernat«, stelle ich mich den Cops von der Parkstreife vor. »Wo ist er?«

Der Größere deutet hinter den Busch. Ich mache ein paar Schritte zur Seite und vorwärts, denn ich will keine Spuren zertrampeln. Zuerst sehe ich nur einen quittengelben Fleck mit einem roten Tüpfelchen drauf. Dann erkenne ich die Einzelheiten.

Der Kutte und dem kahl rasierten Kopf nach ist der Tote ein Maha Rah. Er liegt auf dem Rücken, das Gesicht blass wie ein Laken und voller Erstaunen, den Mund ein wenig und die Augen weit offen. Um den Hals trägt er seinen Gebetsbeutel oder wie immer diese Kahlkopfsektierer dieses Ding nennen.

Der Stich muss im Herzen sitzen, soweit ich das aus der Entfernung erkennen kann: Es ist nur ganz wenig Blut ausgetreten. McLane tritt zu mir. Er schaut fast so verstört drein wie der Tote.

»Na?«, frage ich und sehe mich schon nach Spuren am Boden um.

»Er ist tot«, sagt McLane, und seine Stimme zittert ein wenig.

»Tatsächlich? Ich dachte, er verstellt sich. Was schließt du aus dem Messerstich ins Herz?«

Ich duze meine Mitarbeiter, denn Förmlichkeiten liegen mir nicht. McLane fühlt sich noch nicht wohl dabei.

Er schluckt, überlegt.

»Eine Profiarbeit«, sagt er dann. »Ausgeführt mit einem Stilett. Bei einem Stilettstich schließt sich die Wunde nach außen, und nach innen treten Blutungen auf.«

McLane schnellt in meiner Achtungsskala nach oben. Das hätte ich ihm nicht zugetraut.

»Genau«, sage ich. »Ein Profi hat den Jungen mit einem einzigen Herzstich erledigt. Es muss blitzschnell gegangen sein. Bleibt die Frage, warum er es getan hat.«

»Das weiß ich nicht, Lieutenant.«

Auch das gefällt mir. McLane redet nicht herum und stellt keine unsinnigen Vermutungen an.

»Ich auch nicht. Deshalb müssen wir es herausfinden.« Ich wende mich an die Cops. »Wer hat ihn gefunden?«

»Der dort«, sagt der Kleinere, und er deutet auf einen Typ, der es längst aufgegeben hat, sich um den Titel des bestgekleideten Mannes der Stadt zu bewerben.

Es ist ein Stadtstreicher. Ein Bartgestrüpp verdeckt den größten Teil seines Gesichts. Zwei Äuglein funkeln darin, seine Nase hat die Farbe einer Winterpflaume. Er trägt speckige, ausgebeulte Hosen und ein Hemd von undefinierbarer Farbe.

Als ich zu ihm trete, werde ich mir der Eleganz meiner eigenen Kleidung erst richtig bewusst. Ich habe nun mal keine Lust, in ausgefransten Bluejeans und einer alten Cordjacke durch die Stadt zu schieben.

»Terry Gallagher, Lieutenant«, sagt er sofort, ohne dass ich ihn gefragt habe. »Ich schlief auf der Bank dort. Als ich mal hinter den Busch ging, um zu Pin... um Auszutreten, fand ich ihn.«

Leute seines Schlages sind nicht begierig darauf, die Polizei zu verständigen. Ich muss wohl zweifelnd ausgesehen haben, denn er wirft sich gleich in die Brust.

»Ich bin ein anständiger Bürger, Lieutenant. Beim Sozialamt bestens bekannt. Da ich den Toten entdeckt habe, bin ich doch jetzt eine Berühmtheit. Die Reporter werden mich befragen. Und ich rede natürlich nur, wenn etwas für mich dabei herausspringt. Bei Ihnen ist das natürlich was anderes.«

Der Kerl ist nicht dumm. Wenn er es geschickt anstellt, hat er sein Schnapsgeld für die nächsten Wochen. Er hat noch nicht richtig »Reporter« gesagt, als die Meute auch schon anstürmt. Da gibt es ein paar Überschlaue, die immer den Polizeifunk abhören.

Diesmal schaffen es die Reporter gleichzeitig mit den beiden Streifenwagen, deren Besatzungen die Mordstelle abzusperren haben. Kurz darauf treffen die Leute vom Erkennungsdienst ein, zusammen mit dem Einsatzwagen vom Morddezernat, dem Polizeiarzt - unserem Dr. Agajanian - und dem Fotografen.

Die Absperrungen werden aufgestellt, Ketten mit Schildern, auf denen steht: Verbrechensschauplatz - Polizeiermittlungen - Betreten verboten. Die Fotoreporter knipsen aus allen Knopflöchern.

Die anderen Zeitungshengste fragen die Cops, die Zuschauer, einfach jeden, und sprechen auf die Kassetten ihrer Taschendiktiergeräte.

Ich stehe da, ignoriere alle Anrufe der Reporter und sehe zu. Die Leute vom Erkennungsdienst sind an der Arbeit. Ich kenne das Team und weiß, dass ich mich nicht einzumischen brauche. Dem Toten werden die Prints abgenommen, der Polizeiarzt nimmt die erste Untersuchung vor, und dann beginnt der Fotograf mit seinem Job.

Er hat eine lange Haarmähne, und er handhabt seine Kamera mit einer Begeisterung, als fotografiere er für den »Playboy« das Playmate des Monats.

Dr. Agajanian geht zu mir und bestätigt mit sanfter Stimme meine und McLanes Vermutung. Stilettstich genau ins Herz. Nähere Einzelheiten werde ich seinem Bericht noch entnehmen können.

»Wann ist der Tod eingetreten, Doc?«, frage ich.

»Nach meiner ersten unverbindlichen Schätzung zwischen Mitternacht und ein Uhr morgens.«

Er geht weg, zurück zu seinem Wagen, und lässt mich allein mit der Frage, was ein Maha-Rah-Anhänger nach Mitternacht im Central Park zu tun hatte. Und warum ihn jemand dort erstach.

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Der Wind versucht mir meinen Hut abspenstig zu machen. Ich drücke ihn etwas fester auf den kahlen Kopf. Einen schönen Menschen kann nichts entstellen. Das sagte ich mir schon damals, als mir die Haare ausgingen und ich mir meinen Totalscheitel zulegte.

Ich bin nun einmal kein Buchhaltertyp, der die letzten Strähnen sorgfältig scheitelt, ölt, fettet und pflegt. Der jeden Morgen eine halbe Stunde vor dem Spiegel herumprobiert, ob es besser aussieht, wenn er die letzten Skalplocken nach links, nach rechts, nach vom oder nach hinten kämmt.

Oder mit raffinierten Spiralen arbeitet.

Der Leichenwagen rückt an.

Meine Gedanken sind bei dem Ermordeten. Ich bin ziemlich sicher, dass er an Ort und Stelle umgebracht wurde, denn Reifenspuren habe ich vorhin auf dem Kiesweg keine entdeckt. Wenn sie ihn nachträglich dorthin geschleppt hätten, wären tausend Stellen besser gewesen, ihn zu deponieren, als direkt am Weg.

Der Tote wird aufgehoben und in einen Zinksarg gelegt. Die Reporter knipsen ihn mit einer Vehemenz, die jeden Filmstar vor Neid erblassen lassen würde. Die Leichenstarre ist noch nicht eingetreten.

In seiner gelben Kutte, in der Umgebung der leuchtenden Frühlingsfarben, sieht der blasse Junge sehr tot aus. Ja, ein Junge ist es, nicht älter als siebzehn, achtzehn.

Kennan, der Leiter des Spurensicherungsteams, kommt zu mir. Er trägt einen uralten Einreiher, für den kein Pfandleiher bei klarem Verstand mehr als fünfzig Cents geben würde.

Neidisch mustert er meinen hellen Frühlingsanzug mit den dunklen Nadelstreifen, das Einstecktuch, das lila Hemd und die gepunktete Krawatte.

»Keine Spuren, Milo«, murmelt er. »Die Identität des Toten ist nicht bekannt. Ein paar Zigarettenkippen und ein alter Kaugummi liegen herum. Wir haben sie eingesammelt, aber ich wette tausend gegen eins, dass nicht der Killer sie zurückgelassen hat. Der Boden ist zu hart für Fußabdrücke.«

Das habe ich auch schon gemerkt. Routinemäßig, nicht, weil ich ernsthaft glauben würde, dass Kennan und sein Team etwas übersehen haben, betrachte ich mir den Tatort und die Leiche aus nächster Nähe. Detective third grade McLane ist an meiner Seite und sagt nicht mehr, als die Auster zum Perlenfischer.

Kennan gibt mir den Medizinbeutel des Toten; ich werfe einen Blick hinein. Zwei zerknüllte Papiertaschentücher, ein alter Schlüssel, ein Federmesser. Und eines dieser winzigen Büchelchen, aus denen ich früher in der Schule immer die Vokabeln abgespickt habe.

In diesem hier stehen keine Vokabeln, sondern die »Veden und Weisheiten des großen Guru Chang Moo«. Laut Titeldruck. Während ich das Büchlein durchblättere, fällt mir ein, dass Chang Moo der Boss dieser Kahlköpfe ist. Ein mondgesichtiges Schlitzauge und sicher auch ein Schlitzohr, das von der Transzendenz des Universums und vom wahren Sinn des Seins faselt. Ich habe den Typ mal im Fernsehen erlebt.

Kennan bekommt den Medizinbeutel zurück. Die Zuschauermenge ist inzwischen beträchtlich angewachsen. Die Reporter schreien nach mir.

»Was werden Sie jetzt tun, Milo?«, fragt Kennan, während der Tote von zwei Weißkitteln zum Leichenwagen getragen wird.

»Zu den Maha-Rah-Burschen fahren, zu denen er gehört hat«, beantworte ich Kennans Frage. »Sie als gut informierter Mann wissen doch sicher, wo sie ihr Hauptquartier haben?«

»Irgendwo im Village.«

Das habe ich auch gewusst. Ich rufe noch einmal Terry Gallagher herbei. Die Reporter haben ihn schon in die Mangel genommen. Terry hat keine feste Adresse. Mal hier, mal da, sagt er, als ich ihn frage.

Gehört und gesehen hat er in der Nacht auch nichts. Er ist morgens gegen zwei Uhr zu seiner Schlafbank gewankt, benebelt bis unter die Haarspitzen. Terry riecht jetzt noch wie eine Fuselfabrik, sein Atem könnte einen Aasgeier vom Ast werfen.

Ich stelle mich so zu ihm, dass ich den Wind im Rücken habe, und halte zwei Yards Abstand. Terry ist also nichts aufgefallen, bis ihn am Morgen die Blase drückte. Er hat auch zum ersten Mal auf dieser Bank geschlafen, auf der noch seine alten Zeitungen umherliegen, und weiß von nichts.

Ich glaube ihm, denn zu mehr, als von den Reportern ein paar Dollar für Schnaps zu schnorren, reicht es bei ihm nicht. Seine Hände flattern, in seinem Bart zuckt es.

Wenn er nicht bald etwas Hochprozentiges trinken kann, wird er eine Gratisvorstellung mit weißen Mäusen und blauen Elefanten und ähnlichen Erscheinungen erleben. Ich sage ihm, er soll seine Aussagen in unserem Einsatzwagen - der auch ein Kleinbüro enthält - zu Protokoll geben und hinterlassen, wo man ihn auftreiben kann.

»Aber nur bei offener Tür und laufendem Ventilator«, sagt Detective Riley, der mit seinem Kollegen Einsatz macht.

Der Wagen enthält das Kleinbüro mit Schreibmaschine, ein Funktelefon. Ein Minilabor, in dem meistens gerade das fehlt, was man am dringendsten braucht, und eine Menge Werkzeuge in Koffern und Kästen. Ferner Scheinwerfer, die ihren Strom von einem Generator erhalten, den der Motor antreiben kann, und etliche andere Gerätschaften.

Alles fein säuberlich und platzsparend verstaut.

Ich tippe an die Hutkrempe und will zu meinem Wagen gehen. Aber die Reporter hängen an mir wie die Kletten. Sie bombardieren mich mit Fragen. Ob ich den Fall selbst bearbeite, ob ich einen Verdacht habe, was ich davon halte und so weiter und so fort.

»Gentlemen«, sage ich freundlich, »warten Sie auf das nächste Pressebulletin des Morddezernats. Oder gehen Sie einfach zu einem Hellseher. Er kann Ihnen mehr sagen als ich.«

Ich zwänge mich in meinen Buick. McLane, der hinter mir hergetrabt ist, spielt den Taubstummen, als die Reporter ihn fragen. Er steigt auf der Beifahrerseite ein, und ich starte und fahre auf die Transverse Road, die quer durch den Park führt.

Zweihundert Yards weiter stoppe ich in einer Parkbucht. Vögel zwitschern, überall sehe ich frisches Grün. Auf dem See, der The Lake heißt, schwimmen Schwäne. Alte Leute füttern sie. Um diese Zeit wirkt der Central Park so friedlich, dass man gar nicht glauben kann, dass hier nach Einbruch der Dunkelheit böse Buben lauern, die schon für fünf Dollar bereit sind, einem Passanten den Schädel einzuschlagen.

Der Central Park gehört noch zu meinem Bezirk. Ich weiß, was hier alles vorgeht. Ich nehme das Funkmikro aus der Halterung und rufe die Zentrale. Zwei Minuten später weiß ich, wo sich das Hauptquartier der Maha-Rah-Sekte befindet.

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Greenwich Village ist aus einem Dorf entstanden, und in mancher Hinsicht hat es sich seinen dörflichen Charakter erhalten. Hier gibt es nur vereinzelt Hochhäuser - im Kern des Village gar keine - und zumeist zwei und dreistöckige Backsteinbauten. Das Village ist das Eldorado der Künstler, der Individualisten und der Ausgeflippten.

Das Hauptquartier der Maha-Rah-Anhänger befindet sich in der 11th Street. Ich manövriere den Wagen durch die winkligen Gassen, die noch genauso verlaufen, wie damals die Grenzen zwischen den Bauernhöfen und zwischen Äckern und Gärten. Die Maha Rah wohnen in einem alten Herrschaftshaus mit einer schönen Torbogeneinfahrt. Im Hof vor dem großen dreistöckigen Backsteinhaus stehen zwei Kastanienbäume, jetzt in voller Blüte.

Unter diesen Bäumen haben sich weit über hundert kahlköpfige junge Leute in gelben Kutten versammelt. Sie hocken auf den Fersen am Boden, haben den Oberkörper zurückgelegt und schauen aus, als wollten sie die Wolken am Himmel verschlucken.

Jedenfalls sehen sie hinauf und saugen gewaltig die Luft ein. Ich lasse den Wagen kurz hinter der Einfahrt stehen und steige aus. McLane folgt mir. Wenn er mit mir zurechtkommen will, muss er sich seine schweigsame Art abgewöhnen. Ich habe immer das Gefühl, als hätte er seine Zunge verschluckt.

Vor den Gelbkitteln hockt ein Kahlkopf, der offenbar der Eintänzer ist. Oder der Übungsleiter, um es vornehmer auszudrücken. Jedenfalls demonstriert er, wie die andern zu atmen haben. Dabei gibt er langgezogene Laute von sich, die sich wie aaaaatmaaaannnn anhören.

Ich sehe mir das eine Weile an und tippe dem Spiegelköpfchen dann auf die Schulter. Es wendet den Kopf, und ich sehe, dass das Spiegelköpfchen eine Sie ist. Ein junges, zierliches, blauäugiges Mädchen.

Einen Moment bin ich geschockt, denn diese Art von oben ohne habe ich bisher noch bei keinem Girl gesehen.

Dann zeige ich meinen Dienstausweis.

»Ich bin Soma«, sagt das Girl, das immer noch im Lotossitz vor mir hockt. »Hat das nicht Zeit, Lieutenant? Ich leite eine Übungsgruppe.«

»Aha. Und was üben Sie, wenn ich fragen darf?«

»Wir versenken uns ins Nirwana. Wer diese Technik völlig beherrscht, kann genügend Kraft schöpfen, um aus dem Kreislauf der Wiedergeburten auszubrechen.«

Ich nicke.

»Leider muss ich aber trotzdem stören. Einem Maha Rah, den ich gerade im Central Park besichtigt habe, steht die nächste Wiedergeburt nämlich unmittelbar bevor. Oder auch nicht, je nachdem, wie weit seine Atemtechnik fortgeschritten war. Ich konnte es nicht feststellen, er atmete nämlich nicht mehr.«

Ihre blauen Augen werden groß und rund. Sie steht auf, während die anderen weiter ihre Zwerchfellatmung in Gruppen durchführen. Etwas außer Takt jetzt.

»Wie soll ich das verstehen?«, fragt das Girl, das bestimmt nicht mit seinem richtigen Namen Soma heißt.

»Er ist tot«, sage ich. »Ermordet. Der Doc sagt, es ist zwischen Mitternacht und ein Uhr früh passiert. Der Killer hat ihm ein Messer ins Herz gestoßen. Einmal. Profiarbeit.«

»Nein!«

»Doch!«

Ihr linkes Augenlid flattert. Einen Augenblick glaube ich, sie dreht durch. Aber dann bestimmt sie ganz ruhig einen Stellvertreter, der die Meditationsstunde weiterleiten soll. Sie führt uns zum Hintereingang des großen Hauses.

Es hat drei Stockwerke, ist würfelförmig und hat eine Länge von fast zwanzig Yards. In dem Walmdach gibt es an jeder Seite drei Gauben.

»Es muss Rando sein«, sagt sie, und es ist klar, dass sie von dem Toten spricht. »Ist er wirklich tot?«

Ich nicke.

»Hat dieser Rando auch einen bürgerlichen Namen?«, frage ich.

»Tommy«, antwortet sie. »Tommy Connell. Oder war es Donnell? Der große Maha Rah wird es wissen.« Sie mustert mich. Mein Tirolerhut sitzt keck auf dem Hinterkopf. Sie kann sehen, dass ich nicht mehr als eine Skalplocke darunter verbergen kann. »Meditieren Sie, Lieutenant?«, fragt sie.

Wegen meiner Glatze hält sie mich für einen Seelenverwandten. Ich muss sie enttäuschen.

»Nein«, sage ich. »Mir sind die Haare von selbst ausgegangen.«

Das Interesse in ihren Augen erlischt. Aber ein wenig Hoffnung ist da doch noch.

»Immerhin müssten Sie klüger und fortgeschrittener sein als der Durchschnitt«, sagt sie. »Die kosmischen Strahlen können direkt auf Ihr Gehirn einwirken. Sie sind nicht so, wie die anderen Cops und Detectives, die manchmal hier aufkreuzen. Oder wie die Leute von den Behörden. Gesundheitsamt, Finanzamt, was weiß ich noch alles. Sie stecken ihre Nasen in alles. Ob wir niemanden mit Gewalt hier festhalten, wollen sie wissen, ob die sanitären Einrichtungen den Vorschriften entsprechen, ob Steuern bezahlt werden. Als ob das für die geistige Erleuchtung maßgeblich wäre.«

»Auch der geistig Erleuchtete muss ab und zu auf den Lokus gehen«, sage ich. Da kann er sich anstellen, wie er will.« Sie zuckt so heftig zusammen, als hätte ich sie geschlagen. Mir wird dieses Spiel nun zu dumm. »Woher wissen Sie, dass der Tote dieser Tommy Connell oder Donnell ist?«, frage ich. »Und wie ist Ihr richtiger Name?«

»Tommy war der Einzige, der die Nacht nicht in unserem Heim verbracht hat!«, sagt sie. »Wir waren schon in Sorge. Ich hieß Beatrice Cauley, bevor ich erleuchtet wurde.«

»Schön, Miss Cauley. Ist der Boss zu Hause? Der Sektenhäuptling oder Oberon? Sie wissen schon, wen ich meine.« Jetzt bin ich ihr unsympathisch. Ihr Rückgrat wird so steif wie ein Ladebock.

»Der große Maha Rah hält Zwiesprache mit der Allseele«, sagt sie. »Ich weiß nicht, ob ich es verantworten kann, ihn zu stören.«

Jetzt ist es mir endgültig zu viel. Ich bin Lieutenant des Morddezernats und nicht hierhergefahren, um mir dieses Erleuchtungsgewäsch anzuhören. Ich will meinen Mordfall klären, und das möglichst schnell. Es liegen nämlich auch noch eine Menge anderer Fälle an. Ganz zu schweigen von dem Papierberg auf meinem Schreibtisch, der abgetragen werden muss. Sir Edmond Hilary hatte es gut. Er hat den Mount Everest einmal bezwungen, und damit war Ruhe, ich aber ärgere mich mit dem Papierberg alle paar Tage herum, und ich ernte keinen Ruhm dabei.

»Ich verantworte die Störung«, sage ich. »Holen Sie mir den großen Maha Rah, aber schnell. Sonst wird er bei uns im Dezernat Zwiesprache halten müssen, aber nicht mit der Allseele!«

Sie führt uns ins Haus in einen Warteraum mit kahlen weißen Wänden. Auf dem Boden liegen ein paar Strohmatten. »Sie können sich setzen«, sagt das hübsche Spiegelköpfchen und geht raus.

Eine Tür braucht sie nicht zu öffnen oder zu schließen. Es gibt nämlich keine. In diesem Haus existieren gar keine Türen, und die Flure und Wände sind in verschiedenen blassen Farben gehalten. So gut wie keine Einrichtung. Außer der Erleuchtung scheinen die Maha Rah nicht viel ihr eigen zu nennen.

Ich sehe McLane an, der mich anschaut, wie der ABC-Schütze die Lehrerin mit der Warze auf der Nase am ersten Schultag. Kostas, wie ich griechischer Abstammung, hätte jetzt eine sarkastische Bemerkung parat.

Bei Bobby Potter könnte ich mit einem faulen Witz rechnen. Selbst Firestone wüsste noch etwas. Aber McLane schweigt und schweigt. Armer McLane, du wirst es nicht leicht haben bei uns.

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Wir werden der Ehre teilhaftig, mit Chang Moo zu sprechen. Dem großen Maha Rah, wie ihn seine Anhänger nennen. Er sitzt, im Lotossitz natürlich, in einem großen Dachzimmer, dessen Wände goldgelb gestrichen sind. Ich glaube, ich bin in ein Omelett geraten.

Bastmatten bedecken den Boden, Tuschezeichnungen hängen an den Wänden. Von der Decke baumelt ein Mobile. Es riecht nach Räucherstäbchen. Ein bulliger, stiernackiger Typ mit zusammengewachsenen Augenbrauen schlägt einen Gong, als wir eintreten.

Hier gibt es auch Türen. Kein Wunder, das ist ja auch der Raum des Meisters. Als der Gongschlag verhallt ist, verschränkt der Stiernackige, der ebenfalls die hier übliche gelbe Kutte trägt, die Arme vor der Brust.

Die Kuttenärmel verrutschen, und ich sehe eine Tätowierung, die eine nackte Frau und einen Anker darstellt. Der Stiernackige hat Unterarme, wie sie der Würger von Boston auch nicht muskulöser besaß. Seinem Gesicht sieht man weniger die Erleuchtung an, als vielmehr die aktive Teilnahme an ein paar Dutzend wüsten Schlägereien.

Ich zeige meinen Dienstausweis und muss eine Weile warten, bis Chang Moo geruht, die Augen aufzuschlagen. Er betrachtet den Ausweis vor seiner Nase und gibt sich völlig versunken. Er ist siebenundzwanzig, das weiß ich noch von der Fernsehsendung, er kam vor drei Jahren aus Seoul in die Staaten, weil er in Korea keinen Blumentopf gewinnen konnte mit seinen Lehren.

Blumentöpfe hat er immer noch nicht gewonnen, aber immerhin ein paar fette Bankkonten im Ausland, ein Apartment in einem Hochhauspalast an der Fifth Avenue, dort wo sie am teuersten ist, einen Privatjet, einen Cadillac, einen Mercedes Roadster, einen Maserati Ghibli und noch ein paar andere Spielzeuge.

Das alles haben ihm seine Anhänger zusammengebettelt. Und sie betteln Tag für Tag weiter, hauptsächlich in Manhattan, aber auch im übrigen New York und außerhalb.

Chang Moo ist ziemlich fett, und wirkt ölig, obwohl er keine Haare auf dem Kopf hat. Seine Augen sind klein und funkeln schlau. Seine Ohren weisen die Größe von Topfhenkeln auf. Er erhebt sich nun, und ich stelle fest, dass ich ihn fast um einen Kopf überrage. Dafür misst er um die Leibesmitte herum wesentlich mehr als ich.

»Sie wünschen, Lieutenant?«, fragt er in akzentfreiem Englisch.

Ich erkläre es ihm knapp. Er versucht, ein bekümmertes Gesicht zu ziehen. Aber ich bin ein Fachmann, und ich merke meistens, wenn mir einer was vormachen will. Der Tod des Jungen berührt ihn innerlich nicht mehr, als mich die Wahl des Mister Schottenrock.

»Der arme Rando«, sagt er. »Er hatte gute Anlagen. Wäre er noch eine Weile auf dem Pfad der Erleuchtung vorangeschritten ...« Er seufzt schwer. »Haben Sie einen Verdacht, wer ihn ermordet haben könnte, Lieutenant?«

»Ich bin hier, um Sie zu fragen«, antworte ich. »Also, dann machen wir mal das Spielchen. Was hatte Tommy Donnell oder Connell im Central Park verloren, nach Mitternacht? Da hätte er doch hier seine Bastmatte abhorchen sollen. Haben Sie ihn hingeschickt, Chang Moo?«

»Ich? Nein. In den Veden steht, dass der Erleuchtungssuchende um diese Zeit ruhen soll. Wir gehen hier um halb neun zu Bett und stehen um vier Uhr morgens auf, manchmal schon bei Sonnenaufgang.«

»Pfui Teufel!«, fährt es mir heraus, denn ich bin kein Frühaufsteher. »Hatte dieser Junge Feinde? Haben Sie eine Ahnung, was er um diese Zeit im Central Park zu suchen hatte?«

»Von Feinden weiß ich nichts. Ich kann es mir nur so erklären, dass ihn sein Karma hingetrieben hat.«

»Sein ... was?«

Chang Moo erklärt mir, was ein Karma ist. Ich kann seinen Ausführungen nicht ganz folgen. Er erzählt mir, dass Tommy Donnell oder Connell in einem früheren Leben böse Taten begangen hat, und dass sein Geist daher nicht die Reinheit erlangen durfte. Deshalb ging er, so Chang Moo, in den Central Park und starb, beraubte sich der Chance, die Chang Moo’s Lehre ihm bot.

Eines ist mir klar. Dieser Komiker will mich auf den Arm nehmen. Ich hole einen Zigarillo aus dem Etui, aber da fängt er an zu zetern und ringt die Hände. Ich lasse den Zigarillo unangezündet im Mund, denn die Nerven, die mir Chang Moo mit seinem Theater raubt, kann mir das Nikotin nicht wiedergeben.

Nun werde ich dienstlich. Ich verlange, seinen Ausweis und seine Aufenthaltsbewilligung zu sehen. Er führt McLane und mich in ein Nebenzimmer. Der Urtyp mit den zusammengewachsenen Augenbrauen und dem Nussknackerkinn folgt uns auf dem Fuße.

Ich kann einen Gangster erkennen, wenn ich einen sehe, und wenn er sich als Osterhase verkleidet. Und der Vierschrötige ist ein Gangster, oder ich will wieder Streife gehen.

Chang Moo öffnet eine Schublade und zeigt uns seine Papiere. In der großen Truhenschublade liegen Ausweise in rauen Mengen. Von jungen Männern und Mädchen.

Ich frage ihn deshalb.

»Die Papiere meiner Anhänger«, sagt er. »Sie werden hier aufbewahrt.«

»Wie praktisch«, sage ich. »Wenn einer seinen Ausweis sucht, braucht er nur einen Bulldozer, um all das hier durchzuwühlen, und ein oder zwei Tage Geduld. Schon hat er ihn gefunden.«

»Um solch profane weltliche Dinge kümmern wir uns nicht«, sagt Chang Moo und winkt ab. Er öffnet eine andere Schublade, eine zweite, dritte. »Das hier sind Schreiben von allen möglichen Stellen, auch von Behörden.«

Die Schubladen sind vollgeschichtet mit Papieren. Aber nicht etwa gebündelt und geordnet, sondern alles liegt gerade so, wie es eben reingesteckt wurde. Der Papierwust auf meinem Schreibtisch ist ein Muster an Ordnung dagegen. So etwas wie das hier habe ich überhaupt noch nicht gesehen.

»Finden Sie da überhaupt noch durch?«, kann ich mir nicht verkneifen zu fragen.

»Wer wirklich etwas von uns will, meldet sich schon irgendwann persönlich«, antwortet Chang Moo.

Allmählich begreife ich, wie er seine Reichtümer ansammeln konnte. Das Finanzamt wird seine Freude an ihm haben. Allmählich begreife ich auch den Sinn der spärlichen Möblierung. Der gewiefteste Gerichtsvollzieher müsste hier mit Tränen in den Augen wieder abziehen.

Diesem Chang Moo kann man nicht einmal ein Haar ausrupfen.

Ich überlege mir, wie ich ihn kriege. Aber dazu bedarf es einiger Vorbereitungen. Wenn ich mit ihm herumschreie, zieht er nur ein dummes Gesicht, faselt seine Sprüche und grinst sich eins. Aber ich kriege ihn schon dahin, wo ich ihn haben will. Milo Baldy hat schon Burschen gefangen, die so glatt waren, dass sie an einem Fleischerhaken hinunterrutschen konnten.

Ich zeige mein schönstes Lächeln, während McLane konsterniert dreinschaut. Dann lasse ich Chang Moo den Ausweis des Toten aus dem Durcheinander heraussuchen, was seine Zeit dauert. Ich studiere den Ausweis. Der Knabe darauf hat langes Haar und überhaupt wenig Ähnlichkeit mit dem Toten im Central Park. Aber das ist nicht verwunderlich. Als Anschrift ist auf dem Ausweis eine Upper East Side Adresse angegeben.

Wohl die Wohnung der Eltern. Das wird zu überprüfen sein.

Der Junge auf dem Bild heißt Thomas Eugene Donnell und ist siebzehn Jahre alt. Viel zu jung, um zu sterben. Aber bei Chang Moo auf die Tränendrüsen zu drücken, ist sinnlos. Genauso gut könnte ich einer Steinfigur auf die Hühneraugen treten.

Ich stelle noch ein paar Routinefragen, die Chang Moo alle negativ beantwortet. Er weiß nichts Näheres über Tommy Donnell, von seinen Jüngern kann auch keiner was wissen. Über Donnells Familie, Bekanntschaften und mögliche Feinde ist er nicht informiert.

Als ich ihn noch einmal frage, ob er sich ein Motiv für den Mord vorstellen kann, erzählt er mir wieder vom Karma. McLane will etwas sagen, lässt es dann aber.

»Das Karma also«, spotte ich. »Das ist wohl kaum strafrechtlich zu belangen.«

»Bei manchen Menschen kann ich es erkennen«, murmelt Chang Moo.

»So? Bei mir etwa auch?«

In seinen Augen blitzt es auf, und ich merke, dass ich ihm in die Falle gegangen bin.

»Gerade bei Ihnen, Lieutenant. Ich weiß, was Sie in Ihrem früheren Leben waren.«

Ich frage ihn nicht. Den Gefallen tue ich ihm nicht. Aber es hilft nichts, er sagt es mir auch so.

»Sie müssen ein Bettelmönch gewesen sein, der vom rechten Weg abirrte und verschiedenen Lastern verfiel.«

Jetzt zünde ich mir doch mein Zigarillo an, und wenn es ihn zerreißt. Er verzieht aber nur das Gesicht und verdreht die Augen. Da öffnet sich die Tür zur Rechten, und ein berückendes weibliches Wesen tritt ins Zimmer.

Die Schöne trägt einen hautengen Hosenanzug, der sich an eine Figur schmiegt, die jeden Filmstar neidisch machen könnte. Sie hat wasserstoffblondes, toupiertes Haar und macarafarbenen Lidschatten. Ihr Gesicht ist geschminkt wie bei einer Diva der Dreißiger Jahre.

Aber sehr reizvoll, wenn man Blondinen mit Katzenblick mag.

Sie mustert uns, dann flötet sie: »Oh, Chang, Darling, ich wusste nicht, dass du Besuch hast. Willst du mich den Herren nicht vorstellen?«

Einen Büstenhalter trägt sie jedenfalls nicht, und ihre Oberweite übertrifft glatt doppelt D. Viel älter als Anfang Zwanzig kann der blonde Vamp nicht sein. Solche Frauen rangieren oberhalb meiner Gehaltsklasse, denn ich weiß, dass sie nur auf dicke Brieftaschen ansprechen.

»Das ist Susan Benton«, sagt Chang Moo unfreundlich. »Susan, Lieutenant Baldy vom Morddezernat und Detective ...«

»McLane«, sagt McLane. »Gehören Sie zu Chang Moos Anhängern?«

Bei Frauen kriegt er den Mund anscheinend doch auf.

»Oh nein«, flötet die blondierte Susan mit der großen Oberweite. »So weit habe ich es noch nicht gebracht. Aber ich studiere Changs Lehren eifrig. Er ist ja sooo ein interessanter Mann.«

»Zweifellos«, sage ich. »Kannten Sie vielleicht einen jungen Maha Rah namens Tommy Donnell?«

»Nein, jedenfalls nicht dem Namen nach.« Sie kichert. »Diese kahlköpfigen Jungens und Mädels sehen für mich alle gleich aus, das muss ich zu meiner Schande gestehen. Ist etwas nicht in Ordnung mit diesem Tommy Donnell?«

»Wie man’s nimmt. Er ist heute Nacht zwischen zwölf und ein Uhr im Central Park ermordet worden.«

»Oh, das ist ja ganz entsetzlich. Der arme Junge.«

Sie spitzt die Lippen zu einem Mündchen und macht Kulleraugen. Ich lächle und blase genüsslich eine Rauchwolke in Chang Moos Gesicht.

»Miss Benton«, sage ich, »Sie sollten zum Film gehen. Sie hätten eine große Karriere als Naive vor sich. Ich darf mich jetzt verabschieden. Sie hören noch von mir.«

Ich gehe, und McLane folgt mir wie ein Hündchen. So naiv, wie sich Susan Benton stellt, kann ein New Yorker Girl gar nicht sein. Bevor ich hinaus ins Treppenhaus gehe, werfe ich noch einmal einen Blick über die Schulter. Der Vierschrötige, der während der ganzen Zeit kein Wort gesagt hat, steht in der Verbindungstür zwischen den zwei Zimmern, die er so ziemlich ausfüllt.

Er grinst, so wie ein Gangster eben grinst, wenn er damit sagen will: Na, Bulle, dir haben wir es gegeben. Ich mache mich davon aus dem Bau, in dem jeder glaubt, dass er mich verschaukeln kann. Es gibt ein altes Sprichwort, das zwar nicht aus dem Griechischen stammt, aber trotzdem einen hohen Wahrheitsgehalt besitzt.

Es heißt: Die schlimmste Form des Hochmuts ist die Demut.

Daran denke ich jetzt.

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5

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Wir fahren zum Dezernat zurück, in mein Büro. Hier fange ich an, die Fäden zu ziehen. Halten Sie mich nicht für zu abgebrüht, aber Mordfälle sind für mich Routine. In New York haben wir jedes Jahr über tausend Morde. Zirka zweihundertfünfzig davon entfallen auf Manhattan. Und mehr als die Hälfte davon habe ich am Hals.

Dazu noch Selbstmorde, zweifelhafte Todesfälle und Unfälle. Überhaupt jedes unnatürliche Ableben. Wir können nicht über Beschäftigungsmangel klagen. Außerdem bearbeitet mein Dezernat noch andere Fälle von Kapitalverbrechen.

Manchmal geht es bei uns zu, wie in einem Taubenschlag oder in der Kommandozentrale der Alliierten am Tag der Invasion an der Normandie. Nur mit dem Unterschied, dass die Alliierten ein Ende absehen konnte, wenn die Operation erst einmal gelaufen war.

Bei uns gibt es ständig neue Fälle.

Einige dreißig Detectives habe ich zur Verfügung. Hundert wären noch zu wenig.

Ich rufe den Ermittlungsdienst an und gebe Tommy Donnells Personalien und seine Beschreibung durch. Dann rufe ich McLane und Firestone, der inzwischen im Squad Room eingetroffen ist, herein. Während ich ungeduldig auf den Bescheid vom Ermittlungsdienst warte, frage ich McLane nach seiner Meinung zu dem Fall.

Ganz sauber seien die Kutten der Maha Rahs nicht, meint er. Da ist er der gleichen Meinung wie ich. Der Ermittlungsdienst meldet sich und teilt mir mit, dass Tommy Donnell vor einem Dreivierteljahr wegen der Teilnahme an einer ungenehmigten Demonstration verhaftet worden sei.

Vorübergehend natürlich nur, eine Lappalie. Ich sage dem Heini vom Ermittlungsdienst, er soll mir sämtliche Unterlagen über die Maha-Rah-Sekte, über Chang Moo und eine gewisse Susan Benton schicken, die ich ihm nach der Erinnerung beschreibe. Dann gebe ich McLane eine Denkaufgabe: Er soll mir den Affen beschreiben, den wir bei Chang Moo sahen. Siehe da, die Beschreibung stimmt bis auf’s i-Tüpfelchen. Ich muss nur ein paar unbedeutende Einzelheiten korrigieren.

Ich beauftrage unser Küken, sich zur Verbrecherkartei zu trollen und zuzusehen, dass er den Vierschrot herausfindet. Ich will nicht Baldy heißen, wenn der Bursche nicht ein paar Vorstrafen auf der Latte hat.

McLane geht; ich telefoniere rasch noch mit Kennan vom Erkennungsdienst, bevor ich mich an Firestone wende. Kennan weiß noch nichts Neues, er glaubt auch nicht, dass er viel herauskriegt. Ein Profi hinterlässt keine Spuren.

Firestone hat seinen üblichen schläfrigen Gesichtsausdruck. Aber das täuscht, er kann ein fähiger Detektiv sein, wenn er will. Er will bloß selten.

»Was hat ein Maha-Rah-Anhänger um Mitternacht im Central Park zu suchen?«, frage ich Firestone. »Und wer hätte einen Grund, ihn zu erstechen? Mit einem Profistich ins Herz? Mit einem einzigen Stilettstich?«

Firestone könnte mehrere Gründe nennen. Aber er entschließt sich für ein mattes Grinsen und einen Kalauer.

»Vielleicht hat er einen Messerkiller angebettelt und zu ihm gesagt: Doppelt gibt, wer schnell gibt.« Darüber kann ich gar nicht lachen. Firestone fährt gleich fort. »Diese Maha Rah sind eine unverschämte Bande. Neulich gehe ich an meinem freien Tag zum United Nations Headquarters, weil ich mir eine Debatte anhören will. Vor der Tür steht so ein Gelbkittel und verteilt Traktate. Ich nehme eins, nur so, um eben mal reinzuschauen, nachdem ich gefragt habe, wie viel es kostet. >Es kostet nichts<, sagt er, >aber Sie können uns geben, was Sie für richtig halten<. Mehr als zehn Cents ist das Ding nicht wert. Ich hole also einen Dime aus der Tasche.«

»Na und? Bisher weiß ich nur, dass du zu viel Freizeit hast, wenn du dich in der Quasselbude am East River herumdrücken kannst, und zu viel Geld offenbar auch.«

»Der Kerl guckt mir doch glatt ins Portemonnaie und sagt: >Sie haben doch noch mehr Geld einstecken. Warum geben Sie mir keine fünf Dollar? Oder wenigstens zwei? Vorher war einer da, der hat mir zehn Dollar gegeben<.«

»Und? Was hast du geantwortet?«

»Dass ich nur belämmert aussehe, es aber nicht bin. Etwas Besseres fiel mir im Moment nicht ein.«

Die Rohrpostanlage schießt eine Kapsel hoch. Ich angele sie ans dem Kasten und hole den Inhalt heraus. Es sind die Informationen über die Maha Rah und ihren Boss. Ich überlese sie flüchtig. Danach gibt es in Manhattan weit über dreihundert Maha Rah. Sie wohnen in dem Haus, in dem ich gerade mit McLane war, und auch in der Umgebung davon.

Bei den Behörden sind die Maha Rah schon verschiedene Male angeeckt. Eltern haben Anzeige erstattet und behauptet, ihre Kinder würden von der Sekte einer Gehirnwäsche unterzogen und unter Druck gesetzt. Aber die Maha Rah, deren Hirn und Seele der schlitzäugige und -ohrige Chang Moo ist, haben gute Anwälte.

Sie berufen sich auf die Religionsfreiheit. Den Betteleiparagraphen umgehen sie, indem sie behaupten, dass das zu ihrer Religionsausübung gehört. Außerdem wollen sie angeblich sehr aktiv an der Bekämpfung des Rauschgiftunwesens arbeiten.

Sie geben an, schon zahlreiche Junkies von der Spritze abgebracht zu haben. Ob das stimmt, kann niemand sagen. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft verliefen bisher negativ; ein Ende ist noch nicht abzusehen.

Chang Moo, der Sektenboss, könnte sein Apartment mit Strafmandaten für Falschparken tapezieren, wie ich seinen Unterlagen entnehme. An seiner Aufenthaltsgenehmigung gibt es nichts zu rütteln. Er hat einen festen Wohnsitz und ist nicht unvermögend. Außerdem, man höre und staune, hat er sogar einen Job. Er ist in einer Galerie im Village als Kunstpfleger angestellt.

Ich notiere mir die Anschrift der Galerie, als deren Eigentümer ein Mr. Jason H. Brown figuriert. Ich lasse Firestone die Papiere einsehen und gebe ihm dann seine Order. Er soll die Eltern des ermordeten Tommy Donnell aufsuchen, die wahrscheinlich an der Adresse in der Upper East Side wohnen, einem teuren Wohnviertel.

Firestone schiebt los, und ich überlege mir gerade, dass ich auf dem Weg zum Mittagessen auch bei unserem Public-Relations-Mann vorbeischauen kann. Ich will nämlich den Fall mit dem ermordeten Maha Rah in Presse, Rundfunk und Fernsehen lancieren, aber nicht nur als Sensationsmache, sondern so, dass die Ermittlungen auch wirklich davon profitieren.

So ein Maha-Rah-Anhänger ist auffällig. Leute müssen ihn gesehen haben, als er in den Central Park ging. Vielleicht hat ihn ein Taxifahrer hingebracht. Wir werden die Bevölkerung um Hinweise und Mitwirkung bitten.

Lustlos betrachte ich den Papierstapel auf meinem Schreibtisch, während mein Magen hörbar knurrt. Dann erhalte ich kurz nacheinander zwei Nachrichten, die auf mich wirken wie Doping.

Die erste Neuigkeit stammt von Kostas. Er hat den Polizeifunk gehört, die laufenden Meldungen. Er weiß, dass ich in der Maha-Rah-Sache tätig bin, und so teilt er mir mit, dass es in der Grand Central Station gerade eine größere Keilerei gegeben hat. Zwischen ein paar Schlägern und einer Gruppe von Maha-Rah-Anhängern.

Als Kostas hinausgeht, gibt er McLane die Klinke in die Hand. Der Junge hat in fabelhaft kurzer Zeit Erfolg gehabt. Er präsentiert mir die Akten des Vierschrots, der so einen verdächtigen Eindruck machte.

Auf den Polizeifotos hat er noch langes schwarzes Haar, ziemlich zerzaust und fettig, und einen über die Mundwinkel herabgezogenen Schnurrbart. Er sieht aus, wie der Milchbruder von Attila dem Hunnenkönig.

Er heißt Andy Bullard, und er war früher mal Mitglied einer der berüchtigsten Straßengangs, die wir je in Manhattan hatten, der »Bloody Tigers« von der Lower East Side. Später fuhr Bullard zur See, dann verschlug es ihn für zwei Jahre zu den Ledernacken.

Wegen Vergewaltigung und schwerer Körperverletzung wurde er unehrenhaft entlassen. Körperverletzung scheint überhaupt eine Spezialität von Bullard zu sein. Nicht weniger als vierzehn Anklagen, von denen vier zu einer Verurteilung führten. Außerdem zwei weitere Sittlichkeitsdelikte und eine Anklage wegen bewaffneten Raubüberfalls auf eine Tankstelle.

Deswegen wurde er aber nicht verurteilt. Der Tankwart, der Bullard bei der ersten Gegenüberstellung einwandfrei identifiziert hatte, konnte sich bei der Verhandlung nicht mehr erinnern. Ich kann mir vorstellen, wie es zu diesem Gedächtnisschwund gekommen ist.

Ich grinse wie ein Honigkuchenpferd und bin überzeugt davon, dass sogar meine Glatze meine Zufriedenheit widerspiegelt. Chang Moo hat einen einschlägig vorbestraften Schläger und Gangster unter seinen Anhängern. Und seine Anhänger, diese angeblich so friedliebenden Turteltauben, prügeln sich in der Grand Central Station herum.

Da ist nicht nur einiges faul, da ist sogar vieles oberfaul. Diese Spiegelköpfchen sind keineswegs die harmlosen Weltbeglücker, als die sie sich ausgeben. Tommy Donnells Tod scheint mir einen sehr triftigen Hintergrund zu haben.

Ich glaube jetzt nicht mehr, dass er rein zufällig ermordet wurde. Es hätte immerhin sein können, dass er aus irgendwelchen obskuren Gründen im Central Park herumspukte; weil er dort Erleuchtung suchte oder sein Karma verloren hatte, oder was weiß ich.

Dabei war er einem Messerstecher in die Quere geraten, der sich mal testen oder ein paar Fans beweisen wollte, wie gut er mit der Klinge umgehen konnte. Das gibt es in New York.

Ich betrachte die Polizeifotos von Andy Bullard noch einmal. Kein Zweifel, das ist unser kahlköpfiger King Kong, auch wenn er auf den Bildern Haar und Bart trägt. Gewisse unveränderliche Kennzeichen im Gesicht sagen es mir.

Nicht nur die vernarbte Augenbrauenpartie und die Boxernase.

Da sind die Gesichtsproportionen, der Augenabstand, die Kinnlinie, die Mundform und ein paar andere Merkmale. Aber es ist nicht leicht, Andy Bullard nach seinem Polizeifoto zu identifizieren. Ich kenne ein paar ältere und erfahrenere Detectives als McLane, die da Schwierigkeiten gehabt hätten.

»Nicht übel«, sage ich. »Jetzt werden wir gleich ein paar Bissen zwischen die Beißerchen schieben. Aber vorher muss Onkel Milo noch zwei Dinge erledigen.«

McLane staunt, denn so aufgeräumt hat er mich noch nicht erlebt. Ich will mich mit unserem Public-Relations-Mann in Verbindung setzen. Dann habe ich vor, mich wegen der Schlägerei in der Grand Central zu erkundigen. Mich interessiert, wer da alles mitmischte und warum. Die Namen und die Gründe.

Wenn es geht, will ich mir auch die Leutchen vorknöpfen, zu denen die Namen gehören.

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Wir fahren zur Grand Central Station, McLane sitzt neben mir in der Spesenkutsche, wie ich meinen Wagen manchmal nenne. Das Radio dudelt den neuesten Hit dieser grünäugigen, rothaarigen Katze, die sich Samantha nennt. Ihre Stimme hat ein Timbre, das mir in die Poren eindringt.

McLane schaut eher kläglich drein. Aber das kann am Essen im Variety Luncheonette liegen, dem Stammimbiss unseres Dezernats. Weshalb wir dort eigentlich essen, weiß ich nicht genau. Vielleicht, weil das Essen im Luncheonette immer wieder ein Gesprächsthema hergibt.

Wenn jemand Potter fragt, wie es dort schmeckt, antwortet er treuherzig: »Übergeben habe ich mich bisher noch nicht.«

Die Straßen Manhattans fangen an, verstopft zu werden, denn viele Arbeiter und Angestellte haben am Freitag schon um die Mittagszeit Schluss. Was zur Rushhour los sein wird, daran mag ich gar nicht denken.

Bei der Grand Central Station stelle ich meinen Buick auf den Parkplatz, der den Angestellten der U-Bahn-Linien vorbehalten ist, und dort auf die reservierte Parkfläche eines hohen Tieres aus der Verwaltung. Der Parkplatzwächter schießt heran, um mich auf meinen Frevel aufmerksam zu machen.

Freundlich lächelnd zeige ich ihm meinen Dienstausweis. Missbilligend schniefend zieht er ab. Die Sonne strahlt noch immer vom Himmel, an dem nur einige weiße Wattebauschwolken dahintreiben.

In der Grand Central Station geht es schon turbulent her. Jährlich werden hier mehr Passagiere durchgeschleust, als die USA Einwohner haben. Ich gehe schnurstracks zur Wache der Transit Authority, der U-Bahn-Polizei.

Die drei großen U-Bahn-Gesellschaften IRT, IND und BMT unterhalten eine eigene Polizeitruppe, die auf den Bahnhöfen und in den Zügen für Ordnung sorgen soll. Die Transit Authority besteht zum großen Teil aus pensionierten Polizisten und Ex-Soldaten. Diese Leute sind keineswegs so alt, wie sich das vielleicht anhört.

Mit siebzehn Jahren kann sich ein Junge zur Army melden. Wenn er als Berufssoldat zwanzig Jahre hinter sich hat, mit siebenunddreißig also, kriegt er eine ganz ordentliche Pension. Als Polizist ist er vielleicht zwei Jahre später dran, weil die Zeit der Ausbildung nicht mitgerechnet wird bei den aktiven Dienstjahren.