Mörder-Paket Juli 2018: Sammelband 9 Krimis für den Strand

Alfred Bekker et al.

Published by Uksak Sonder-Edition, 2018.

Inhaltsverzeichnis

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Mörder-Paket Juli 2018: Sammelband  9 Krimis für den Strand

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Verblendete Killer

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Bount Reiniger und das tödliche Testament: N. Y. D. - New York Detectives

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Killer Street

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Bount Reiniger und der Raubmörder: N. Y. D. - New York Detectives

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Wohin mit all den toten Mädchen

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Kaputt in Frankfurt

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Aus der Traum

Erwürgt!

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Mördertränen | Alfred Bekker

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Further Reading: 10 hammerharte Strand-Krimis

Also By Alfred Bekker

Also By Horst Bosetzky

Also By Thomas West

Also By Wolf G. Rahn

Also By Wolfgang G. Fienhold

Also By Earl Warren

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Mörder-Paket Juli 2018: Sammelband  9 Krimis für den Strand

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Krimis von Alfred Bekker, Horst Bosetzky, Thomas West, Wolf G. Rahn, Wolfgang G. Fienhold, Earl Warren

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Thomas West: Verblendete Killer

Wolf G. Rahn: Bount Reiniger und das tödliche Testament

Alfred Bekker: Killer Street

Wolf G. Rahn: Bount Reiniger und der Raubmörder

Earl Warren: Wohin mit al den toten Mädchen?

Wolfgang G. Fienhold: Kaputt in Frankfurt

Horst Bosetzky (-ky): Aus der Traum

Alfred Bekker: Erwürgt!

Alfred Bekker: Mördertränen

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ERMITTLER BARRY DVORKIN ist vom Schicksal arg gebeutelt worden. Seine Frau liegt nach einem Verkehrsunfall im Koma, sein Sohn ist Autist. Da wird er vom Syndikat unter Druck gesetzt. Er soll dafür sorgen, dass ein paar konkurrierende Gangs ausgeschaltet werden, sonst würde seiner Familie etwas passieren. Barry Dvorkin glaubt zunächst, keine Wahl zu haben, als zu tun, was man von ihm verlangt...

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Verblendete Killer

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Krimi von Thomas West

Der Umfang dieses Buchs entspricht 115 Taschenbuchseiten.

Ein muslimischer Geistlicher in England spricht eine Fatwa, ein Todesurteil, über drei Personen in New York aus, und zwei Leute machen sich auf den Weg, diese Urteile zu vollstrecken.

Trevellian und sein Kollege Tucker stellen schnell fest, dass es bereits einen gut organisierten Stützpunkt gibt, der Sprengstoff, Waffen und Hilfsmittel zur Verfügung stellt. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, denn das erste Todesurteil ist bereits vollstreckt.

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Vor der Abendkasse standen die Leute Schlange. Und im Theaterfoyer standen sie sich auf den Füßen. Genauso hatte Sammy es sich vorgestellt. Er wühlte sich aus dem Eingangsbereich. Bevor er die Warteschlange an der Kasse erreichte, hatte er schon zwei Brieftaschen erbeutet.

Sammy hatte keine Ahnung von Theater. Schon gar nicht von dem modernen Zeug, was hier im 92nd Street Y abgezogen wurde. Aber er hatte sich gedacht, ein Skandalstück, das seit einer Woche hohe Wellen in der New Yorker Presse schlug, müsste eigentlich eine Menge Leute auf die Beine bringen. Volltreffer. Ein Gedränge wie in einer Sardellendose. Paradiesisch für einen Taschendieb.

Er rempelte eine rotblonde Frau. „O, sorry, Ma′am!‟ Sie funkelte ihn zornig an. Mit einem gequälten Lächeln besänftigte er die Lady. „Wahnsinnsgeschiebe hier ...‟ Sie winkte ab.

Sammy steckte ihre Geldbörse ein und peilte sein nächstes Opfer an. Der Schwarzhaarige mit der Hornbrille und dem weiten Trenchcoat, nur ein paar Schritte weiter, sah nach Geld aus. Sammy drückte sich nah an ihn heran, strauchelte, als hätte ihn jemand gestoßen, und ließ sein Zauberhändchen in die Außentasche des Trenchcoats zucken. Er tastete etwas Hartes, Rundes, mit gerippter Oberfläche. Und darunter einen leicht gewölbten, konischen Körper. Kalt fühlte sich das Ding an. Und gefährlich.

Sammys Hand zuckte zurück, als hätte sie versehentlich die Lefzen eines Pitbulls berührt ... „Sorry, Sir - ′ne Menge los hier heut′ Abend ...‟, stammelte er. Der Schweiß brach ihm aus.

„Kein Problem, Sir.‟ Der Mann lächelte höflich. So höflich, wie man in Manhattan normalerweise nicht lächelte, wenn man von einer Menschenmenge eingezwängt war. Ein Ausländer. Sammy registrierte seinen bronzenen Teint, das tiefblaue Schwarz seiner Haare und die semitischen Gesichtszüge. Ein Orientale. Der Kerl hatte nichts gemerkt. Gott sei Dank ...

Sammys Herz klopfte, während er sich durch das Gedränge zurück zum Ausgang arbeitete. Seine Gedärme rumorten, sein Atem flog. Weg hier, nur weg hier, möglichst schnell, möglichst weit ...

Draußen, auf dem Bürgersteig der Lexington Avenue fummelte er eine zerknauschte Zigarettenschachtel aus der Tasche seines Anzugs. „Ein Ei‟, murmelte er. „Der Teufel soll mich holen, wenn das kein Ei war ...‟

Sammy hatte ein Jahr lang bei den Army gedient. Sie hatten ihn zwar unehrenhaft entlassen, weil er die Kameraden beklaut hatte – aber wie sich eine Handgranate anfühlte, das hatte er gelernt in dem Jahr. Weiß Gott – das hatte er gelernt ...

Nur flüchtig nahm der die vielen Leute wahr, die sich auf dem Bürgersteig vor dem 92nd Street Y versammelt hatten. „Wer dieses Theater besucht lästert den Herrn!‟, brüllten einige. Sammy sah ein Transparent. „Gott lässt sich nicht spotten‟, stand darauf.

Nichts, was Sammy interessierte. „Wieso schleppt dieses Arschloch ein Ei mit sich herum ...‟ Er hastete die Lexington Avenue herunter. „Was will dieses Arschloch mit einer Granate im Theater?‟

An der nächsten Kreuzung lief er in die 91. Straße hinein. Der Schock peitschte hundert Gedanken und Bilder durch sein aufgescheuchtes Hirn. Du greifst in eine verdammte Manteltasche, du glaubst, das Leder einer Brieftasche zu erwischen, oder ein Feuerzeug, oder einen Schlüssel oder weiß der Teufel was ...

Er starrte auf den dunklen Asphalt. Wenigstens sprach er nicht mehr mit sich selbst. ... und plötzlich hältst du ein Ei in der Hand ... Die Neonreklame einer Bar auf der anderen Straßenseite. ... das glaubt mir kein Mensch. Das glaub′ ja ich mir kaum ...

Sammy überquerte die Straße und betrat die Bar. Schummriges Licht, Rauchschwaden unter den tief gehängten, schwarzen Lampenschirmen, Stimmengewirr, Jazzklänge. Er setzte sich auf einen freien Barhocker und bestellte einen doppelten Bourbon.

Und wenn ich Idiot mich getäuscht hab ...?

Das Gefühl des kalten Materials schien ihm noch an den Fingerbeeren zu kleben. Die gerippte Oberfläche des Granatmantels, das glatte, gewölbte Bakelitgehäuse ... „Verflucht – es war ein Ei, der Teufel soll mich holen – es war ein Ei ...‟

Der Kellner stellte den Whisky vor ihm ab. Ein schlaksiger Jungfuchs mit Rastalocken. Student vermutlich. „Wie geht’s so?‟ Er grinste spöttisch. Ohne Sammys Antwort abzuwarten, schaukelte er ans andere Ende der Theke.

„Leck mich‟, knurrte Sammy in sich hinein. Er kippte den Bourbon hinunter. Das Bild des Schwarzhaarigen flimmerte auf seiner inneren Bühne. Die dunkle Haut, die braunen Augen, die vollen Lippen ... Das war einer von da unten, einer von diesen Allah-Freaks ...

Hatte er nicht neulich erst wieder von einem Bombenanschlag gelesen? In Jerusalem, oder Kairo, oder weiß Gott wo. Ganz egal – das war einer von diesen Radikalen, ich schwör′s dir Sammy ...

Er bestellte einen zweiten Whisky. So was ist dir noch nie passiert ... Schwein gehabt ... Noch eine Zigarette zwischen die Lippen.

Der zweite Whisky beruhigte ihn. Zunächst. Bis er an die vielen Menschen dachte, die jetzt um die nächste Ecke und einen Häuserblock weiter im 92nd Street Y-Theater hockten. Und mitten unter ihnen der Kerl in dem hellen Trenchcoat und mit der Hornbrille auf seiner Kameltreibernase. Der Kerl mit der Handgranate in der Manteltasche ...

Wer weiß, was er noch alles mit sich herumschleppt ... wer weiß, was das Arschloch vorhat ...

Und ihm fiel ein, was er da gestern über dieses Theaterstück in der New York Post gelesen hatte. „Christliche und islamische Fundamentalisten sprechen von Gotteslästerung und verlangen Verbot des Schauspiels...‟. Die Demonstranten vor dem Theater fielen ihm ein ...

Wie gesagt – Sammy hatte keine Ahnung von Theater. Und von Religion schon gar nicht. Aber er konnte zwei und zwei zusammenzählen. „Ich muss die Polizei rufen‟, murmelte er.

Was willst du ihnen sagen, du Idiot? Dass du arglos deinen Job getan hast und plötzlich eine Handgranate statt einer Brieftasche in der Pfote hattest ...?

„Scheiß drauf – ich muss den Bullen Bescheid sagen ...‟

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Sharon entdeckte Eve O′Sullivan neben der Treppe zur Empore. Die kleine, ganz in schwarzes Leder gehüllte Enddreißigerin mit dem roten Stoppelhaar lehnte gegen das Treppengeländer und rauchte. Unruhig wanderte ihr Blick über die Menschenmenge, die sich ins Foyer hinein wälzte.

Sharon drängte sich durch die Menge zur Treppe. „Hi, Eve!‟ Sie winkte.

Ein Lächeln des Wiedererkennens flog über das Gesicht der anderen. Sie winkte zurück. „Ich freue mich für dich.‟ Sharon schloss Eve in die Arme und küsste sie auf die Wangen. „Dein Stück ist Stadtgespräch. Gratuliere.‟

„Keine Ahnung, was überhaupt los ist.‟ Eve löste sich aus Sharons Umarmung. „Jahrelang interessiert sich kein Schwein für dich, und nur weil plötzlich ein paar Konservative auf die Barrikaden gehen, finden die Kritiker plötzlich ein Stück von dir ...‟ Eve spitzte die Lippen und mimte einen gestelzten Tonfall. „... bemerkenswert.‟

Sie kicherten. „Ist Mike auch da?‟, wollte Eve wissen.

„Was glaubst du denn?‟ Sharon deutete zu einer der beiden Türen, die in den Theatersaal führten. Dort stand mit verschränkten Armen ein großer, langhaariger Mann. Er trug einen abgeschabten Lederblouson und Jeans. Ein Brillenträger. Seine große Hakennase und sein mürrisches Gesicht fielen selbst auf diese Entfernung von fast zwanzig Schritten auf. „Ich hab′ ihn überreden können, sich zu rasieren für diesen Abend.‟

Eve lachte. „Seid ihr noch zusammen?‟

„Klar.‟ Sharon zog spöttisch den rechten Mundwinkel nach oben. „Wir arbeiten zusammen. Sonst verbindet uns genauso viel wie am ersten Tag – nichts.‟

Eve musterte die rotblonde, sieben Jahre Jüngere vergnügt. „Das sind die besten Voraussetzungen für lebenslange Beziehungen.‟ Sie kicherte. Sharon drückte der Älteren noch einen Kuss auf die Wange und stürzte sich wieder ins Gedränge.

Sie stolperte über irgendwelche Schuhe irgendwelcher Menschen. Ein fester Griff schloss sich um ihren Oberarm und hielt sie fest. Sie blickte auf – ein junges Gesicht fixierte sie. Ein dunkles Gesicht. Hinter den Gläsern einer Hornbrille ruhten starre, ausdruckslose Augen. Braune Augen.

„Danke‟, lächelte Sharon. Der Mann ließ sie los. Sein Lächeln wirkte bemüht.

Sharon vergaß das Gesicht sofort wieder. Sie drängte sich zu der Tür, an der Mike wartete.

„Wo steckst du‟, brummte ihr Partner. „Es geht gleich los.‟ Er drehte sich um und bohrte sich durch die Menschenmenge wie durch durch lästiges Gestrüpp. Egal, wo er sich aufhielt und bewegte – Michael Valezki wirkte immer ein bisschen so, als hielte er sich für einen der wenigen nicht überflüssigen Menschen auf der Welt.

Ein paar Minuten später saßen sie auf ihren Plätzen. Das Licht im Saal war noch an, aber das Getrampel und Gemurmel legte sich allmählich. Vier Reihen vor sich sah Sharon eine Gestalt, die ihr bekannt vorkam – der Mann in dem hellen Trenchcoat und mit der Hornbrille.

Ein Orientale sicher. Ein Palästinenser? Vielleicht auch ein Nordafrikaner. Sharon war sich nicht sicher. Sie registrierte beiläufig, dass er seinen Mantel anbehielt. Nichts Ungewöhnliches bei dem gemischten Publikum. Sharon hatte ihren Fellmantel an der Garderobe abgegeben. Mike aber gehörte auch zu denen, die sich nicht von ihrer Jacke oder ihrem Mantel trennen konnten.

Das Licht erlosch langsam. Das Stimmengewirr ebbte ab. Und dann öffnete sich der Vorhang ...

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Ich kann mich gut erinnern an diese Nacht. Viel zu gut. Wahnsinnigen begegnet man in unserem Job öfter mal. Aber einer Frau, die einem auf Anhieb den Schlaf raubt, eher selten.

Wir waren im East Village unterwegs. Milo steuerte unseren Dienstwagen, einen grauen Mercury. Langsam rollten wir die zwölfte Straße Richtung Campos Plaza entlang. Es war ein Frühsommerabend. Kurz vor acht würde ich sagen – es dämmerte bereits.

„Da ist es.‟ Milo deutete auf die Hausnummer und fuhr an den Straßenrand.

Ich griff nach dem Mikro. „Trevellian an Zentrale. Wir haben fragliche Adresse erreicht. Schauen uns die Burschen mal an.‟

„Okay. Die anderen sind auch schon bei ihren Zieladressen angekommen.‟ Clive Caravaggios Stimme. Er koordinierte den Einsatz von der Federal Plaza aus. „Dann greift zu. Und haltet uns auf dem Laufenden.‟ Wir stiegen aus. An der Haustür des Mietblocks sahen wir uns die Namen neben den Klingelschildern an.

Ein halbes Dutzend FBI-Teams waren an diesem Abend in Manhattan unterwegs. Die CIA hatte in den letzten Wochen mehrfach Alarm geschlagen. Den Kollegen aus Langley, Virginia, lagen beunruhigende Informationen ihrer ägyptischen Agenten vor: Eine radikale Gruppierung der Muslim-Men – der Muslim-Brüder – in Kairo versuchten ihre Terroristen in die Vereinigten Staaten einzuschleusen.

„Das ist der Name.‟ Ich deutete auf ein Klingelschild im dritten Obergeschoss: „Hosni Mussawi‟. Der Mann war vor zwei Wochen über den John F. Kennedy International Airport aus London eingereist. Mit gefälschten Papieren. Diese Nachricht aus Langley war unserem Chef erst am Vormittag dieses Tages auf den Schreibtisch geflattert.

Und nicht nur Mussawi. Mindestens vier weitere Männer hatten sich in den letzten Wochen mit gefälschten Dokumenten in Manhattan eingenistet. Deswegen also unsere Aktion an diesem Abend – mit sieben Teams wollten wir möglichst zeitgleich an verschiedenen Stellen des Big Apples zuschlagen.

Milo klingelte im Erdgeschoss. Der Türöffner summte, Licht flammte im Treppenhaus auf, wir traten ein. Auf dem Treppenabsatz stand eine alte Lady mit Morgenmantel und Lockenwicklern in den Haaren. „Verzeihung, Ma′am.‟ Milo zog seine Dienstmarke. „Wir müssen ins Haus, danke fürs Aufmachen.‟

Die Frau riss erschrocken die Augen auf. Sie wackelte zurück in ihre Wohnung. Schon auf der Treppe nach oben hörten wir ihre Sicherungsschlösser einschnappen.

Vor der Tür im dritten Stock entsicherten wir unsere Dienstwaffen. Ich drückte auf den Klingelknopf über dem Namen „Mussawi‟.

Schritte vor der Tür. „Wer ist da?‟ Die Männerstimme aus der Wohnung sprach ein Englisch mit hartem Akzent.

„FBI‟, sagte ich, „wir müssten Sie mal sprechen, Mr. Mussawi.‟

Einen Augenblick herrschte Stille hinter der Tür. „Moment bitte.‟ Dann wieder Schritte, rascher diesmal, und schließlich das Geräusch eines hastig hochgezogenen Fensters. Ein kurzer Blick meines Partners verriet mir seine Gedanken – sie deckten sich mit meinen: Mussawi versuchte über die Feuertreppe zu fliehen.

Wir zogen unsere SIG Sauer Pistolen, traten drei Schritte zurück, und warfen uns gegen die Tür. Sie sprang sofort auf. Ein spartanisch eingerichteter Raum. Kühlschrank, Matratze, zwei Stühle, eine Herdplatte auf einer Kommode. Auf einem Tisch eine Batterie Cola-Flaschen um PC und Monitor, und eine Menge loser Blätter. Drei Fenster – eines davon hochgezogen.

Wir stürzten ans Fenster – ein Stockwerk unter uns zwei Männer auf der Feuerleiter.

„FBI!‟, brüllte ich. „Stehen bleiben oder wir schießen.‟ Ein Schusssalve aus einer Maschinenpistole war die eindeutige Antwort – Kugeln ratschten über den Klinker der Hausfassade, schlugen über uns in ein Fenster ein, knallten gegen die Feuertreppe und pfiffen als Querschläger durch die Abenddämmerung.

Ich hielt dagegen. Milo zog sich ins Zimmer zurück und alarmierte über Handy die Zentrale. „Ich schneid′ ihnen den Weg ab!‟, rief er. Schon verschwand er wieder im Treppenhaus.

Eng an die Zimmerwand gedrückt feuerte ich in den Hinterhof hinunter. Von gezielten Schüssen konnte keine Rede sein. Ich wollte die Männer aufhalten, um Zeit zu schinden für Milos Angriff.

Die Bewegung links neben mir nahm ich aus den Augenwinkeln wahr – ich fuhr herum. Etwas knallte dumpf auf den Holzboden des Zimmers auf. An der offenen Badezimmertür ein Mann. Ich sah sein entschlossenes Gesicht, ich sah die Pistole in seiner Hand – und zog zweimal durch. Er stürzte nach hinten in die Badewanne. Jetzt erst sah ich das hässliche Ding keine zwei Schritte neben mir unter dem Tisch – eine Handgranate.

Draußen die Maschinenpistolen der Flüchtlinge, hier drinnen Granatsplitter – mein Instinkt traf die Entscheidung. Ich warf mich über das Fensterbrett und drückte mich flach auf das Laufgitter der Nottreppe. Die Explosion hallte über die Hinterhöfe. Glas und Fensterrahmen schossen aus der Hausfassade und fielen in den Hof. Glassplitter regneten auf mich herab.

Ich schoss einfach in den Hof hinunter, nur um die beiden Männer am Zielen zu hindern. Einen sah ich am Müllcontainer vor der Mauer zum Nachbarhof, den zweiten unten an der Feuertreppe – er hielt seine MP nach oben und jagte mir eine Salve nach der anderen entgegen.

Die Treppe dröhnte wie eine Glocke von den Einschlägen der Geschosse. Plötzlich ein einzelner Schuss – der Mann brach zusammen. Milo hatte ihn vom Treppenhaus aus angegriffen.

Der zweite hing schon auf der Mauerkrone. Was sollte ich tun? Einen Bewaffneten, der gerade bewiesen hatte, dass er zum Äußersten entschlossen war, entkommen lassen? Damit er irgendwo in Manhattan untertauchen und wer weiß wen massakrieren konnte? Ich musste schießen, und mir blieb keine Zeit zu zielen. Der Mann rutschte von der Mauerkrone, schlug auf dem Müllcontainer auf und blieb reglos liegen.

Zurück ins Zimmer – zertrümmerte Möbel, Computerteile, Papiere überall verstreut. Der Mann im Bad war blutjung. Ein schwarzhaariger, dunkelhäutiger Typ. Palästinenser oder Ägypter – Orientale jedenfalls. Er hing zusammengekrümmt in der Badewanne und atmete noch. Über Handy alarmierte ich die Ambulanz.

Als ich unten im Hof ankam, stürmten hinter mir zwei Cops ins Treppenhaus. Milo stand neben dem Müllcontainer und tastete die Halsschlagader des Mannes, der darauf lag. „Tot‟, sagte mein Partner.

Der zweite Bursche lag bäuchlings auf dem Hof. Seine Beine hingen noch zwischen den Stufen der Feuertreppe. Auch er hatte keinen Puls mehr. Beide Männer sahen aus, als würden sie aus einem arabischen Land stammen.

„In der Wohnung ist noch ein dritter‟, rief ich den Cops zu. „Schwer verletzt.‟ Die Uniformierten liefen die Treppen hinauf.

Milo machte ein bekümmertes Gesicht. „Ich hörte die Explosion, und dachte: Das ist unser letzter gemeinsamer Einsatz gewesen ...‟

„Bullshit!‟, zischte ich. „Diese Kerle sind verflucht gefährlich ...‟ Ich machte mir klar, dass der junge Mann im Bad ein Himmelfahrtskommando hatte: Er sollte uns aufhalten, um den anderen beiden die Flucht zu ermöglichen. Er wollte sein Leben opfern, um uns aufzuhalten. „Bullshit ...‟

Milos Handy dudelte in seiner Jackentasche. „Tucker?‟ Seine Miene verdunkelte sich, während er seinem Gesprächspartner zuhörte. „Verstanden‟, sagte er. „Clive.‟ Er steckte das Handy weg. „Der Abend hat gerade erst angefangen, Partner – in einem Theater in der zweiundneunzigsten Straße will jemand einen Mann mit einer Handgranate gesehen haben. In einem vollbesetzten Theater ...‟

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Sie standen vor der Wand mit dem Stadtplan. Clive Caravaggio und Jonathan McKee. Die Männer sahen sich schweigend an. Clives Kaumuskeln pulsierten. Jonathan McKee, der Chef des FBI District Offices New York City, presste die Lippen zusammen. Sein Blick war todernst.

„Ein Araber?‟, sagte Jonathan McKee. „Hat er wirklich von einem Araber gesprochen?‟

Clive nickte. „Wenn es stimmt, Sir ...‟, sagte er leise. „Verdammt – wenn er die Wahrheit gesagt hat ...‟

„Von wo aus hat er angerufen?‟, wollte der SAC wissen.

„Er hat es nicht verraten.‟ Clive strich sich mit beiden Händen über den Kopf. Die Anspannung trieb ihm den Schweiß auf die Stirn. „Auch seinen Namen wollte er nicht nennen. Er muss aus einer Bar angerufen haben. Im Hintergrund lief Musik – Jazz.‟

„Und er sprach von einer Handgranate?‟

„Er schwor, dass der Mann eine Handgranate mit sich herumträgt. In der Manteltasche ...‟

„Wie kann er wissen, was andere Leute in ihren Taschen haben?‟ Jonathan McKee wandte sich ab und ging langsam zum Schreibtisch von Clives Büro.

„Fragen Sie mich etwas Leichteres, Sir ...‟

Der SAC fuhr auf den Absätzen herum. „Würden Sie den Anrufer ernst nehmen, Clive?‟ Seine grauen Augen bohrten sich ins Gesicht des Agenten.

Clive nickte langsam. „Seine Stimme klang ... sie klang geschockt. Und aufgeregt.‟ Er nickte energischer. „Ja, Sir – ich würde den Mann ernst nehmen.‟

„Gut.‟ Jonathan McKee wandte sich dem Stadtplan zu. „Orry und Jennifer sind hier, am Riverside Museum. Jesse und Milo fahren jetzt gerade von der East Village los. Leslie und Jay in der South Bronx sind am nächsten dran.‟

„Sie werden in schätzungsweise zwölf Minuten in der Zweiundneunzigsten sein‟, sagte Clive. „Bis dahin kann es zu spät sein.‟

„Wenn es wirklich stimmt, was der Anrufer erzählt hat, dann können wir sowieso nur noch beten. Und Schadensbegrenzung betreiben. Rufen Sie das neunzehnte Revier an, Clive.‟ Jonathan McKee ging zum Schreibtisch und griff nach einem der Telefone. „Sie sollen ein paar Streifenwagen hinschicken. Wie hat der Anrufer den Mann beschrieben?‟

„Mittelgroß, schmal, schwarzhaarig, heller Trenchcoat, Hornbrille.‟

„Die Cops sollen das Theater weiträumig absperren. Ein Team soll in den Saal gehen, falls es vor Leslie und Jay vor Ort ist. Evakuierung von der hintersten Reihe an. Vielleicht können sie den Mann erkennen. Die Sicherheit der Schauspieler und Theaterbesucher hat oberste Priorität.‟

„In Ordnung, Sir.‟ Clive nahm ebenfalls einen der fünf Telefonhörer ab.

Jonathan McKee wählte die Nummer der Telefonzentrale. „McKee. Hören Sie zu, Linda – ich muss mit dem 92nd Street Y-Theater sprechen. Versuchen Sie, den Regisseur an den Apparat zu kriegen – es geht um Leben und Tod ...‟

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Sharon lachte laut. Das abgefahrene Stück machte ihr Spaß. Apfelschnaps hieß es. Auf der Bühne ging es zu, wie bei einer wilden Fete.

Gut zwanzig Schauspieler tummelten sich vor einer blutroten Kulisse: Abgerissene Penner, Transvestiten mit aufgedonnerten Frisuren und Klamotten, Punks, Typen in Nadelstreifentuch und so weiter, und so weiter.

Hinter ihnen, vor der Kulisse, zog sich ein Stacheldraht quer über die Bühne. Dahinter war ein Baum zu sehen. In seinem Geäst hing die Box, aus der die bekiffte Stimme von Axel Rose und die unverwechselbaren Klänge seiner entfesselten E-Gitarre drangen.

Auch ein paar nackte Männer und Frauen befanden sich unter dem bunten Volk auf der Bühne. Die ganze Gesellschaft tanzte zu Axel Rose′ Knockin on Heavens Door. Nur drei Männer nicht – sie trugen lange, schwarze Gewänder und starrten todernst ins Publikum hinunter.

Sharon beugte sich zu Mike, der neben ihr saß. „Sollen das Priester oder so was sein?‟, flüsterte sie.

Ihr Partner machte ein ähnlich versteinertes Gesicht wie die drei Figuren in den schwarzen Umhängen auf der Bühne. „Das sind Jesus, Mohammed und Buddha‟, flüsterte er.

Am wildesten tanzte eine Frau. Sie war in ein loses weißes Tuch gehüllt. Während ihres Tanzes öffnete sich das Tuch, und man sah ihre Brüste und das dunkle Dreieck zwischen ihren Beinen. Auf der Rückseite des Umhangs war ein Paar kleiner, goldener Flügel angenäht. Sharon hatte schnell begriffen, wen diese halbnackte Tänzerin darstellen sollte – den Erzengel Michael, der den Eingang zum Paradies bewachte.

„Gegen Eves Stück sind unsere Comics ja religiöse Erbauungsliteratur‟, kicherte Sharon in Mikes Ohr.

„Jetzt halt endlich mal die Klappe‟, fauchte ihr Partner.

„O Verzeihung.‟ Sharon mimte die Hochachtungsvolle. „Sir Michael Valezki will sich ungestörtem Kulturgenuss hingeben ...‟ Grinsend betrachtete sie den vierzigjährigen Griesgram. In den vier Jahren ihrer Zusammenarbeit hatte sie sich an seine chronisch schlechte Laune gewöhnt. Selbst wenn er die witzigsten Comics zeichnete, machte er ein Gesicht, als hätte man gerade seinen Hund vergiftet. Sharons Aufmerksamkeit konzentrierte sich wieder auf das chaotische Treiben auf der Bühne.

Der halbnackte Erzengel hatte sich inzwischen eine Drahtschere geschnappt und zerschnitt den Stacheldraht – den Zaun vor dem Paradies. Grölend strömte das bunte Volk durch die Lücke. Die drei schwarz Verhüllten schlossen sich der Menge an, aber der Erzengel stellte sich ihnen in den Weg und bedrohte sie mit der Drahtschere. „Ihr kommt hier nicht ′‚rein, bevor ihr nicht einige von euren Klugscheißereien zurücknehmt, mit denen ihr die arme Menschheit verwirrt habt ...‟

Sharons Blick fiel auf einen Mann, vier Reihen weiter vorne. Der Orientale mit der Hornbrille und dem Trenchcoat. Langsam erhob er sich. Tief gebeugt drängte er sich an den Zuschauern seiner Reihe vorbei zum Mittelgang. Die Hände in den Taschen seines Mantels vergraben ...

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Sergeant Roger Castle steuerte seinen Streifenwagen die Lexington Avenue hinunter. Beleuchtete Häuserfassaden flogen vorbei, an den Kreuzungen die Kühlerhauben der Fahrzeuge aus den Seitenstraßen. Bremsen quietschten, Castle fuhr Slalom zwischen Gegenverkehr und Autos, die nicht ausweichen wollten.

Castles Partner, Officer Kenneth Miler, bekreuzigte sich. „Himmel, Roger!‟, schrie er. „Geh vom Gas! Du musst kein Extremrennen fahren, es geht nur um einen beschissenen Einsatz, kapiert?!‟

„Ein Terrorist mit ′‚ner Granate im Theater‟, knurrte Castle. „Darum geht’s, und nicht um irgendeinen Einsatz ...‟

„Wer, zum Teufel, hat gesagt, dass wir als erste am Einsatzort sein müssen?!‟ Mit beiden Händen hielt Miler sich am Griff über dem Beifahrerfenster fest. „Du liest doch Zeitung, Sarge! Die Typen schrecken vor nichts zurück! Ich will nicht befördert werden!‟

„Du bist und bleibst ein Loser, Ken ...‟ Eine Ampel tauchte auf. Die Kreuzung zur 92. Straße. Das Theater. Castle stieg in die Bremsen.

„Das Trassierband!‟, brüllte er seinen Partner an. Bevor der sein Gurtschloss fand, war Castle schon aus dem Wagen gesprungen.

Er rannte auf die Menge zu, die sich vor dem Theatereingang aufhielt. Die Leute skandierten irgendwelche Sprüche, die Castle nicht verstand, und die ihn auch nicht interessierten. „Weg hier!‟ Er zog seine Dienstwaffe. „Verschwinden Sie!‟ Die Menge wich zurück. „Los, los! Oder wollen Sie sich eine Anzeige wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt einhandeln!‟

Polizeisirenen näherten sich. Zwei aus der anderen Richtung der Lexington Avenue, eine aus der 92. Castle sah seinen Partner mit einer Rolle Trassierband heran schaukeln. Die drei Streifenwagen stoppten, Wagentüren wurden aufgestoßen, Cops stülpten sich ihre Mützen auf die Köpfe und liefen mit großen Schritten herbei.

„Sperrt den ganzen Block ab!‟, rief Castle. „Wir brauchen Platz für die Ambulanzen und die Feuerwehr!‟

„FBI schon hier?!‟, schrie einer der Cops. Castle hörte es nicht. Er hetzte die Treppe hoch und stieß die Tür zum 92nd Street Y auf. Kein Mensch im Foyer. Die beiden Frauen hinter dem Garderobentresen beäugten ihn verblüfft.

„Bombendrohung‟, zischte der Sergeant. „Raus hier.‟ Er sah sich um. Die vielen Türen irritierten ihn. „Durch welche der Scheißtüren komme ich so in den Saal rein, dass mich nicht gleich jeder sieht?!‟

Die Frau hatten schon die Klinken der Ausgangstüren in der Hand. Eine drehte sich um und zeigte auf die letzte der Saaltüren. „Durch die kommen Sie auf der Höhe der letzten Reihen in den Saal‟, sagte sie mit dünner Stimme.

Castle stürmte zu der Tür. Er lauschte. Musik und laute Stimmen drangen aus dem Saal nach draußen. Das Stück war in vollem Gang. Was sollte er machen? Er wusste, dass die Federal Plaza sich mit dem Theater in Verbindung gesetzt hatte. Aber das Stück lief noch. „Verdammt – was soll ich machen ...?‟

Behutsam drückte er die Klinke hinunter und öffnete die Tür einen Spalt. Die Musik wurde lauter. Er blinzelte in das Halbdunkel des Saales. Zahllose Köpfe und vorn auf der hellen Bühne ein Riesenspektakel.

Wie sollte er in dieser Menschenmenge einen einzelnen Mann finden? Einen Mann, von dem er nur wusste, dass er arabisch aussah – was immer das heißen mochte – und einen Trenchcoat trug. Und nicht zu vergessen die Hornbrille. Vermutlich gab es in diesem dunklen Saal zwanzig oder dreißig Männern mit Hornbrillen ...

Castle stutzte. In einer der vorderen Reihen sah er die Umrisse eines Mannes. Der arbeitete sich an den sitzenden Zuschauern vorbei zum Mittelgang. Als er den erreichte, richtete er sich auf. Castles Hand fuhr zum Kolben seiner Dienstwaffe. Der Mann trug einen Trenchcoat. Und tatsächlich – die Brille in seinem Gesicht schien eine Hornbrille zu sein ...

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Die Zuschauer waren ganz bei der Sache. Eve O′Sullivan konnte die konzentrierten Gesichter sehen. Sie hörte Gelächter an den richtigen Stellen, sie sah betroffene Mienen an den richtigen Stellen. Und hin und wieder entdeckte sie auch jemanden, der empört den Kopf schüttelte.

Auch gut. Eve gehörte nicht zu den Theaterautoren, die es allen Recht machen wollten. Und der heftige Widerspruch von Teilen der Presse hatte ihr eine Menge Publicity gebracht. Und schon den siebten Tag ein volles Haus.

Sie stand hinter dem Proszenium – also dem seitlichen Vorhang, der die Bühne begrenzte – und blickte ins Publikum hinein. Der Mann in der siebten Reihe, der sich an den Knien der anderen Zuschauer vorbei zwängte, schien die Schnauze schon voll zu haben. Eve grinste. Bei jeder Vorführung hatten ein paar Leute die laufende Vorstellung verlassen. Sie betrachtete das als Kompliment.

Eine Hand berührte sie von hinten an der Schulter. Sie zuckte zusammen und fuhr herum. Der Regisseur. Er machte ein Gesicht, als sei ihm gerade eben gekündigt worden.

„Wir müssen abbrechen, Eve‟, flüsterte er.

„Bist du bescheuert?‟

„Das FBI hat gerade angerufen – die Feds halten es für möglich, dass ein Bombenanschlag geplant ist ...‟

„Was erzählst du da ...?‟ Eve hielt den Atem an. Gleichzeitig sah sie die Schlagzeile vor sich. „Bombendrohung unterbricht Apfelschnaps‟ Gute Publicity. Wann hatte es das zuletzt gegeben?

„Wie zum Teufel willst du das hinkriegen?‟ Sie blickte zurück in den Saal. Der Mann, der genug von dem Stück hatte, stand jetzt im Mittelgang. Doch statt nach hinten zu einem der Ausgänge, ging er noch vorn in Richtung Bühne ...

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Rotlichter blinkten, Menschenmassen standen vor dem Trassierband. Die Reifen unseres Mercurys schrien, als Milo auf die Bremse stieg. Wir stiegen aus und spurteten auf die Wand aus menschlichen Rücken zu.

„Platz machen, FBI!‟, brüllte ich. „Lassen Sie uns durch!‟

Die Leute wichen auseinander. Erschrockene Gesichter überall. Und faszinierte Gesichter. Die Gaffer genossen ihre Late Night Show – an diesem Abend Live. Kalte Wut packte mich. „Gehen Sie nach Hause, zum Teufel, wenn Ihnen was an Ihrer Gesundheit liegt!‟

„Und an einem vorstrafenfreien Lebenslauf‟, knurrte Milo hinter mir. Wir sprangen über das Trassierband.

„Eure Kollegen sind schon drin‟, sagte einer der vielen Cops auf der Vortreppe. Im Foyer trafen wir auf Jay Kronburg und Leslie Morell.

„Wir sind grade erst eingetroffen‟, sagte Jay. „Ein Polizeisergeant sei angeblich da drin.‟ Mit einer Kopfbewegung deutete er auf die Saaltüren.

„Clive hat nochmal angerufen‟, sagte ich. „Wir sollen unter allen Umständen das Theater räumen.‟

„Ich weiß‟, knurrte Jay. „Aber die Idioten haben noch nicht einmal die Vorstellung abgebrochen.‟

„Okay.‟ Milo zog seine SIG. „Dann reden Jesse und ich jetzt mit dem Regisseur.‟

Jay nickte. „Und wir gehen in den Saal ...‟

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Sergeant Castle hatte sich an der letzten Reihe vorbei auf den Mittelgang geschlichen. Schritt für Schritt näherte er sich dem Mann. Der lief auf die Bühne zu. Von dort aus beschallte immer noch Rockmusik den Saal. Die Leute rechts und links von Castle begannen zu tuscheln. Wellenartig breitete sich die Unruhe über das ganze Theater aus. Nur die Schauspieler schienen nichts zu merken. Die Bühnenscheinwerfer blendeten sie.

Castle lief schneller. Er richtete seine Waffe auf den Rücken des Mannes. Unmöglich, in diesem vollbesetzten Saal zu schießen. Das wusste der Sergeant genau. Aber wenn der Mann tatsächlich eine Handgranate bei sich trug, wenn es tatsächlich ein Terrorist war, wenn er das verdammte Ding scharf machte – es würde mehr Opfer geben, als eine verirrte jemals Kugel kosten konnte.

Castle sah, wie der Mann die rechte Hand aus der Manteltasche zog. Und er sah das mehr als faustgroße, ovale Ding in seiner Hand. Castles Herzschlag schien plötzlich seinen Brustkorb sprengen zu wollen. Die Granate ... die verdammte Granate ... Mit beiden Fäusten packte er seine Dienstwaffe hoch.

„Hände hoch!‟, schrie er ...

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Für einen Moment dachte Sharon allen Ernstes, die beiden Männer wären Schauspieler, und ihr Auftritt würde zum Stück gehören. Erst als der Mann im Trenchcoat sich in die Reihe der Zuschauer warf, begriff sie, dass sich eine Katastrophe anbahnte.

Sie stieß einen Schrei aus und klammerte sich an Mikes Arm fest. Plötzlich schrien alle durcheinander. Die Leute sprangen auf und drängten aus den Sitzreihen. Mike blieb sitzen und blickte um sich, als wäre das ausbrechende Chaos für ihn weiter nichts, als eine besonders interessante Szene des Stücks.

„Wir müssen raus hier, Mike!‟, schrie sie ihn an.

„Uns tottrampeln lassen?‟ Er schüttelte den Kopf.

Sharon stand auf und wollte ihn hochziehen. Von überall her drangen jetzt panische Schreie. Und das Getrampel unzähliger Schritte. „Wir müssen raus!‟, kreischte Sharon.

Ihr Partner zog sie zu sich herunter. „Still jetzt‟, zischte er. „Tief durchatmen!‟ Mit seinen großen Händen packte er ihren Kopf und fixierte sie. Hinter seinen dicken Brillengläsern wirkten seine grünen Augen unnatürlich groß. Wie kleine, exotische Tiere.

„Niemand kann seinem Schicksal entgehen.‟ Er rutschte von seinem Sitz und zog Sharon mit sich auf den Boden hinter den Stuhllehnen. „Mach dich klein, kauer dich zusammen‟, befahl er.

Im nächsten Moment übertönte eine Explosion das Geschrei und das Getrampel der Schritte ...

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Wie die Salzsäulen standen die Schauspieler auf der Bühne. Sie schirmten ihre Augen mit den Händen ab und blinzelten in das grelle Licht der Bühnenscheinwerfer. Keiner von ihnen begriff, was sich im Zuschauerraum abspielte. Noch immer dröhnte Musik aus dem Lautsprecher in der Baumattrappe.

Ich hatte den seitlichen Vorhang zur Seite gerissen und stand am Rand der Bühne.

„Weg hier!‟, schrie ich. „Verlassen Sie die Bühne!‟ In dem Augenblick knallte etwas hart auf den Bühnenboden. Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen – schon wieder eine Handgranate! Ein Aufschrei ging durch die Schauspieler.

Mit drei langen Schritten erreichte ich das Teufelsding. Ich dachte nicht nach – ich sah nur die kleine Kuppel an der Bühnenkante aus dem Boden ragen, ich sah nur die leere Öffnung des Souffleurkastens, und mein Instinkt steuerte meinen Fuß. Ein Tritt, und die Handgranate schlitterte in den Kasten hinein und verschwand in der Unterwelt der Bühne.

„Flach hinlegen!‟, schrie ich und hechtete mich auf den Boden, rollte mich ab, und robbte auf der anderen Seite der Bühne unter den seitlichen Vorhang. Die Explosion hörte sich dumpf und trocken an. Der Boden zitterte. Ich verbot mir die Vorstellung, irgendjemand könnte sich unterhalb der Bühne aufgehalten haben.

Immer noch flach gegen das Podium gepresst schob ich den Vorhang beiseite. Zersplitterte Holzdielen ragten bizarr aus dem Bühnenboden, Rauch stieg aus einem klaffenden Loch, die Schauspieler drängten sich auf der anderen Bühnenseite hinter den Vorhang. Einige zerrten eine Frau in einem weißen Umhang mit sich. Ich sah Blutflecken im Weiß des Stoffes.

Aus dem Zuschauerraum Schrei und Getrampel vieler Schritte.

„Bleiben Sie ruhig!‟, schrie jemand. „Keine Panik, Herrschaften!‟ Jays Stimme. Ich konnte nicht erkennen, was sich dort unten abspielte. Noch immer prallte das Licht der Bühnenscheinwerfer auf die Bühne herab. Keine Chance, hinter diese Wand aus blendendem Licht zu sehen. Kurz entschlossen legte ich meine Waffe an und zielte auf die Scheinwerfer.

Der Schuss dröhnte durch den Saal, Funken sprühten, Glas splitterte – die grelle Beleuchtung erlosch.

Ein Notlicht erhellte den Saal dürftig. Die vordere Hälfte war schon fast leer. Hinten Menschen über Menschen. Helleres Licht fiel durch die weit geöffneten Saaltüren.

„Ruhe! Beruhigen Sie sich! Keine Panik! Wir haben alles im Griff!‟ Jay, Leslie und ein paar Cops brüllten dahinten durcheinander. Und aus dem künstlichen Baum noch immer Rockmusik.

Und dann sah ich ihn. Heller Trenchcoat, dicke Brille, schwarzes Haar – rückwärts bewegte er sich auf die Bühne zu. Vor sich hielt er eine Frau fest. Wie einen Schutzschild schleifte er sie mit sich zur Bühne. Offenbar erwartete er keinen Angriff von dort. Aber was, um alles in der Welt, hatte dieser Wahnsinnige vor?

Ich robbte auf die Bühne. Der Seitenvorhang bewegte sich. Milo tauchte auf. Der Kerl unten holte eine zweite Handgranate aus der Manteltasche. Und ich begriff, was er vorhatte. Er wollte die Granate in die panisch flüchtende Menge werfen.

Ich sprang auf. Wenn es dem Wahnsinnigen gelang, die Granate scharf zu machen, war alles zu spät. Ein Schatten flog an mir vorbei. Milo – er warf sich in den Zuschauerraum. Unter dem Aufprall seines Körpers stürzte der Terrorist mitsamt seiner Geisel zu Boden. Die Handgranate kullerte unter eine Sitzreihe.

Schon war ich neben Milo. Er lag auf dem Wahnsinnigen. Und unter beiden die kreischende Frau. Zwei Griffe, und die Handschellen schlossen sich um die Handgelenke des Mannes. Milo riss ihn von der Frau herunter und drückte ihn auf den Boden. Für einen Moment trafen sich unsere Blicke. Es war, als wollten sich jeder vergewissern, dass der andere noch am Leben war.

Ich wandte mich der Frau zu. Sie weinte wie ein kleines Kind.

„Ist gut, Ma′am.‟ Ich streichelte ihren Hinterkopf und half ihr hoch. „Ist gut. Der Albtraum ist vorbei ...‟

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Was sollte ich tun, verdammt!‟ Der Polizeisergeant fuchtelte mit den Armen in der Luft herum. „Ich seh′ den Scheißkerl zur Bühne marschieren ...‟ Er schoss einen bösen Blick auf den Mann in Handschellen ab. „... ich seh′ die gottverdammte Granate in seiner Hand! Was hätten Sie getan?!‟

„Schon okay, Sergeant Castle.‟ Ich klopfte ihm auf die Schulter. „Schon okay.‟ Der Mann hatte ja Recht. Wahrscheinlich hätte ich ähnlich gehandelt wie er.

Es hatte drei Tote gegeben. Die Handgranate unter der Bühne hatte einen Bühnentechniker getötet. Ich durfte gar nicht daran denken. Bei der panikartigen Flucht der Zuschauermenge waren zwei Frauen zu Tode getrampelt worden. Außerdem hatten die Ambulanzen fünfundzwanzig, zum Teil Schwerverletzte, in die Krankenhäuser gefahren.

Sergeant Castle packte den Attentäter. „Komm mit, du Mistkerl ...‟

Die Augen des Mannes versprühten Hass. „Es wird euch nichts nützen‟, zischte er. „Mich habt ihr, aber das gerechte Urteil des Allmächtigen könnt ihr nicht rückgängig machen!‟

Vier Cops zerrten ihn über den Mittelgang des Saales zu einem der Ausgänge. Es knirschte, als er auf seine Brille trat. Sie war aus Fensterglas.

„Klingt überzeugend, was?‟, knurrte Milo.

„Klingt wahnsinnig‟, sagte ich.

Das Saallicht war inzwischen eingeschaltet worden. Hinten, in der letzten Reihe, saßen zwei Frauen und ein Mann. Eine der Frauen weinte leise vor sich hin, eine zierliche, rothaarige. Der Attentäter stemmte sich gegen den Cop, der hinter ihm ging. Für ein paar Sekunden blieb die Gruppe stehen. Ich sah, wie der Fanatiker die drei Leute fixierte.

Er schrie etwas in einer fremden Sprache. Es klang persisch und hörte sich nach einem Fluch an. Die größere der beiden Frauen sprang auf.

„Du verdammter Idiot!‟, schrie sie. „Fahr zur Hölle!‟ Die Cops zerrten den Mann aus dem Saal.

Milo und ich gingen zu den drei Leuten. Der Mann hielt die Rothaarige in seinen Armen und versuchte, sie zu trösten. Er hatte langes, strähniges Haar und ein hartes, knochiges Gesicht. Ich schätzte ihn etwas älter, als fünfundvierzig.

„Entschuldigen Sie, Gentlemen‟, sagte die Frau, die den Attentäter angebrüllt hatte. „Ich hab eine Stinkwut! Kommt hier rein und schmeißt mit Bomben um sich! Diese Fanatiker! Irgendeiner sieht die Welt anders als sie – und sie stimmen ein gehässiges Gebrüll an und bringen Tod und Verderben!‟ Sie stemmte die Fäuste in die Hüften. „Das darf doch nicht wahr sein, oder?!‟

Sie hatte rotblondes Haar, und einen großen Mund mit vollen Lippen. Ziemlich groß war sie und eher kräftig gebaut. Im Rückblick würde ich nicht sagen, dass Sharon eine Schönheit war. Aber sie hatte das gewisse Etwas. Schon die Art, wie sie mit ihren großen, blaugrauen Augen funkelte.

„Ich kann ihre Wut verstehen‟, sagte ich.

„Wir sind auch wütend, glauben Sie uns das.‟ Milo ließ sich auf einem der Klappstühle nieder. „Leider sind solche Leute nicht vom Aussterben bedroht.‟

„Ja, leider.‟ Sie kam näher. „Ich bin Sharon Lewis. Sie waren Klasse, Sie beide! Einfach toll! Vielen Dank!‟ Sie drehte sich nach den anderen beiden um. „Das arme Mädchen da heißt Eve O′Sullivan. Sie hat dieses Theaterstück geschrieben. Und jetzt ist sie ziemlich fertig.‟

Das „Mädchen‟ war ein paar Jahre älter Sharon. Mitte bis Ende dreißig schätzte ich. Ihre schwarze Lederkleidung und ihr kurzes, feuerrot gefärbtes Haar wollten nicht recht zu dem heulenden Elend passen, dass sie bot. „Und das ist mein Kollege Mike Valezki.‟ Der Mann brummte irgendetwas Unverständliches und nickte kurz.

Meine Augen wanderten immer wieder zu Sharon. Sie war nicht besonders auffällig gekleidet – eine enge, bunte Hose, ein seidenes, schwarzes T-Shirt – und trotzdem: Sie gehörte zu der Sorte Frauen, die selbst mit einem schmierigen Overall noch etwas Edles und Elegantes ausstrahlen. Das T-Shirt war oben herum ziemlich offenherzig geschnitten und enthüllte einen großen Teil ihrer herrlichen Schultern. Ich entdeckte ein paar Sommersprossen über ihren Schlüsselbeinen.

Ein paar gute Freunde von mir kennen die wenigen Dinge, die mich aus der Fassung können. Sommersprossen auf der Haut einer attraktiven Frau gehören dazu.

Eve O′Sullivan konnte sich nicht mehr beruhigen. Sie verfiel in einen regelrechten Weinkrampf. Wir holten einen der Notärzte in den Theatersaal. Er spritzte ihr ein Beruhigungsmittel und nahm sie mit ins Lennox Hill Hospital.

Auf einer Trage brachten zwei Sanitäter die Autorin nach draußen. Wir begleiteten sie bis zum Ambulanzwagen. Auf der Treppe entdeckte ich Medina und Jennifer.

„Verdammt, Jesse‟, sagte Orry. „Das hätte viel schlimmer ausgehen können ...‟

„Wem erzählst du das?‟ Ich blickte über die vielen Einsatzfahrzeuge auf der Lexington Avenue vor dem Theater. Hinter dem Trassierband, aus der Menge der Gaffer, ragten ein paar Transparente. „Gott lässt sich nicht spotten‟, stand auf einem.

„Was sind das für Leute?‟, wollte ich wissen.

„Fromme Leute‟, erklärte Jennifer, „rechtgläubig bis in die Knochen. Demonstrieren bei jeder Vorstellung.‟

Wir informierten die Zentrale. Milo und Sharon standen immer noch zwischen den Einsatzfahrzeugen. Eve O′Sullivan war inzwischen in die Klinik gebracht worden, und den langhaarigen Griesgram konnte ich nirgends entdecken. Ich ging zu Milo und Sharon. Gerade rechtzeitig, um Zeuge zu werden, wie die Lady meinem Partner ihre Visitenkarte überreichte. Na, prächtig, dachte ich, dein unvergleichlicher Partner versteht es mal wieder Arbeit und Vergnügen miteinander zu verbinden ...

Sharon verabschiedete sich von uns. Ich hatte den Verdacht, sie hatte damit gewartet, bis ich wiederkam. Ihr Händedruck und der Blick ihrer Augen gingen mir mächtig unter die Haut. Wir sahen ihr nach, bis sie in einen alten, braunen Jaguar Sovereign stieg. Mr. Mürrisch hockte schon hinter dem Steuer und rauchte Zigarre.

„Sie wird doch wohl nichts mit diesem grantigen Tier haben?‟ Milo runzelte die Stirn.

„Du machst dir Sorgen um die Lady?‟ Ich ging voraus zu unserem Dienstwagen.

„Was heißt hier Sorgen – ich würde ihr nur einen angenehmeren Typen gönnen.‟

„Einen richtig netten und gutaussehenden, stimmt′s?‟ Ich setzte mich auf den Beifahrerplatz und überließ Milo das Steuer.

„Stimmt genau.‟

„Einem Kerl, dem die Männlichkeit, der Charme und die innere Überlegenheit aus allen Knopflöchern quillt ...‟

„So ist es, mein Freund, ein anderer passt doch nicht zu einer Edel-Lady wie Sharon ...‟ Milo startete den Mercury.

„Kurz: Du würdest ihr einen Kerl wünschen, wie du einer bist!‟ Ich grinste ihn an, aber mein Grinsen war etwas mühsam.

„Hey, Jesse!‟ Milo strahlte. „Du überrascht mich doch immer wieder aufs Neue – korrekt: Einen Kerl wie mich, würd′ ich ihr wünschen.‟

Auf dem Weg in die Federal Plaza erfuhr ich, dass Sharon in Chelsea wohnte, dass sie einunddreißig Jahre alt war, und dass sie zusammen mit Mr. Mürrisch eine erfolgreiche Comicserie produzierte. Und natürlich, dass Milo ihre Visitenkarte erobert hatte. Aber das wusste ich schon.

Viel später stand ich mit einer Dose Bier am offenen Fenster meines Apartments und blickte auf den nächtlichen Central Park hinunter. Der zurückliegende Abend zog an mir vorbei. Ich kam zu dem Schluss, dass es ein brandgefährlicher Abend gewesen war.

Weniger wegen der beiden Handgranaten, über die ich gestolpert war, und wegen des Wahnsinnigen im 92nd Street Y. Diese Art von Gefahr gehört ja zu meinem Job. Nein – ein gefährlicher Abend, weil ich über Sharon gestolpert war. Ich hatte mich verliebt. Herzlichen Glückwunsch ...

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Wasser klatschte gegen die Windschutzscheiben. Die Scheibenwischer arbeiteten auf Hochtouren. So dicht fiel der Regen, dass man die Themse unter der Brücke kaum sehen konnten.

Raphael Mussa steuerte sein Taxi über die London Bridge. Die alte Dame neben ihm auf dem Beifahrersitz seufzte.

„Ein abscheuliches Wetter. Wird höchste Zeit, dass ich die Insel verlasse.‟

„Sie fliegen aufs Festland?‟, erkundigte Raphael sich höflich.

„Nach Ägypten‟, sagte die weißhaarige Lady. Sie trug einen blauen Regenmantel. Der Schmuck an Fingern und Hals, das dezente Make-up und die teuren Ledertaschen hinten im Kofferraum hatten Raphael längst verraten, dass er einen wohlhabenden Fahrgast zur Waterloo Station transportierte. Er hoffte auf ein entsprechendes Trinkgeld.

„Ich fliege fast jedes Jahr nach Ägypten. Mein Mann und ich haben lange dort gelebt. Er war Botschafter der Krone.‟ Sie sprach es aus wie ein Offenbarung.

Raphael zeigte sich nicht beeindruckt. „Und wie hat es Ihnen gefallen dort?‟

„Eine herrliche Zeit ...‟ Sie schwärmte von Land und Leuten. Die vielen Orte, in denen Armut und Schmutz regierte, schien sie nie gesehen zu haben.

„Das freut mich‟, sagte Raphael. „Ägypten ist meine Heimat.‟

„Was Sie nicht sagen ...‟ London Bridge und Themse blieben hinter ihnen zurück. Raphael bog in die Southwark Street ein. „Sie sprechen ein tadelloses Englisch, junger Mann‟, staunte die alte Lady. „Wie lange sind Sie denn schon in London?‟