Über den Autor

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Peter Leonard, geboren in Mainz, lebt und arbeitet in Spanien.

In seinen Geschichten verarbeitet er Geschehenes und das immer Mögliche, das in der Erinnerung wacht. Über Literatur sagt er, dass sie jeden Tag den Kopf erhebt und sich nach Erntehelfern umsieht.

Er hat einen Sohn, dessen Geburt die Werte neu justierte.

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„Was macht dich schön“ von Felix Wetzel (Kurzgeschichten)

„Etwas hat sich verändert. Anders ist. Dass die Hände ständig vergriffen sind. Weil sie soviel zu greifen haben. Weil sie halten sollen. Und begreifen. Und auch näher heran holen. Weil sie streicheln und Reißverschlüsse ziehen. Weil sie Schultern stützen und Atemzüge durch ganze Nächte schleppen. Weil sie Gesichter verformen können. Wie Feilen. Und ein Lächeln aus jedem Mundwinkel herauskitzeln. Wie Federn. Weil sie hohl gehalten Tränen auffangen. Und man das Salz von ihnen mit den Zungen wäscht. Weil sie soviel geben und nehmen.“

112 Seiten, 2. Auflage, 14,90 Euro

www.worthandel.de/hib

„Sommer Stück Berlin“ von Sebastian Lühn (Roman)

„Der Schweiß trocknete nur langsam auf unserer Haut, als wir in der klimatisierten S-Bahn saßen, dunkler Staub hatte sich mit ihm verwischt und eine graue Schicht über unsere Arme gezogen. In dreckigen Schlieren war sie sichtbar, wirkte wie ein Schatten. Unser Ziel sei weit draußen, hatte Paula gesagt. Eigentlich sei das schon gar nicht mehr Berlin. Der Club hieß Breezer und sah seltsam aus. Zwar hatte man sich Mühe gegeben, dem kleinen, beigefarbenen Gebäude einen Touch von angesagter Berliner Heruntergekommenheit zu verleihen, doch für eine überzeu-gende Täuschung waren die roten Bordelllampen an der Außenfassade zu sauber geputzt und die Handschuhe der Türsteher zu weiß.“

2. Auflage, 150 Seiten, 13,80 Euro

www.worthandel.de/sommer

„die fels predigt - das rote evangelium“ von Mikal Numa Shayegi

Worum es in seinen Versen geht, ist kaum zu beschreiben, kaum zu fassen. Er nutzt die deutsche Sprache in einer Art und Weise, die verwirrend ist. Versucht man ihm inhaltlich zu folgen, ist man verloren. Es ist eher die Melodie der geschriebenen Worte, welche faszinierend ist. Ist es Literatur? Ist es Musik? Ist es Kunst? Auf jeden Fall ist es anders. Thorsten Korber, 2007

100 Seiten schwarzer Text auf blutrotem Papier, 15,80 Euro

www.worthandel.de/das-rote-evangelium

Wer weiß

Wer will das schon wissen, fragt Bent.

Er hat so blonde Haare, fast weiß.

Sie stechen heraus vor dem stahlblauen Himmel; nur ein paar Wolken; sie ragen in ihn hinein.

Tage, an denen ich mich frage, was das soll. Sie sind seltener geworden. Aber es gibt sie.

Wir stehen an der Kaimauer, das Wasser dunkelgrün; ein Algenteppich schwappt an die Steine, die Ränder sind schwarz.

Bent hält meine Hand.

Das sind die Versprechen, die er gibt.

Über uns ein paar Möwen.

Breiten die Flügel aus, lassen sich treiben, kein Hin, kein Zurück. Nur weißes Gefieder.

Bent arbeitet jetzt weniger. Er zieht ein Bein nach, wenn er geht.

Die Luft ist klar und warm; ich atme tief und bewusst; seltsam, nur hier an dieser Kaimauer ist mir deutlich, wie viele Fragen ich habe.

Die Schaumkronen der Wellen sind eine Geschichte, die ich nicht zu enträtseln weiß.

Bents Zähne knirschen. Ich spüre es bis in meinen Handrücken, die Finger sind unsere Brücke, lass sie nicht abreißen, nie.

Bents Familie hat ihn verstoßen. Ich glaube, er war acht oder neun. Seine Schuld war, nicht zu wenig verlangt zu haben.

Ich habe mich gleich in ihn verliebt.

Nicht deswegen, obwohl Dole das sagt. Sie ist verheiratet und glaubt an nichts mehr.

Nicht deswegen, sagt sie.

Nicht deswegen, sage ich.

Bent und sie haben noch nie ein Wort miteinander gewechselt.

Daran muss ich denken, jetzt, an der Kaimauer; es ist früher Nachmittag, die Arbeiter sind langsam und träge, sie haben gegessen und ihre Bäuche träumen noch.

Ich weiß, dass Dole nicht glücklich ist.

Bent macht ein paar Schritte, ich folge seiner Hand.

Wir umrunden ein Schild, das davor warnt, zu nah an den Rand der Mauer zu treten. In vier Sprachen steht darauf, wie leicht man sein Leben verlieren kann.

Das Schild ist rostzerfressen, mitten in den Warnungen braune, runde Löcher, durch die man das Meer sieht.

Ein Arbeiter mit ölverschmierten Händen geht an uns vorbei. Sein Blick ist hart, als sehe er mehr.

Bent grüßt, der Mann nickt kurz. Er besteht nur aus seinen schmutzigen Händen, ohne sie verschwände er augenblicklich.

Vielleicht könnte er mir über das Gesicht streicheln; er würde Spuren hinterlassen, schwarze Schlieren, ich wäre gezeichnet, das wäre schon was.

Ich zittere bei dem Gedanken.

Aber ich drehe mich nicht um, als er vorbeigeht. Das Bewegen der Finger in Bents Hand würde mich verraten.

Ein Kran thront über dem Hafen, sein langer Arm reicht bis zum Meer. Ein gelber Riese vor dem blauen Hintergrund des Himmels.

Bent geht weiter, ich mache große Schritte; er sieht mich an, ich spüre es.

Das Schreien der Möwen ist eindringlich, sie sind Boten. In mir pocht ein Stück Fleisch, jede Sekunde, jede Minute, jede Stunde, jeden Tag.

Zwischen meinen Beinen ist es trocken.

Der Baum ist gepflanzt, Vater.

Ich brauche ein Schwert.

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Delta

Ein flüchtiger Kuss.

Auf die Backe.

Ich spüre nicht, dass es brennt; vielleicht zieht es noch.

Meine Frau trocknet sich die Hände mit einem rotkarierten Badetuch.

Sie schließt die Tür hinter mir. Sie trägt Lockenwickler.

Auf einer Seite des Kopfes.

Sie war im Bad; sie hat die Klingel erst beim dritten Mal gehört.

Ich kann warten. Bin gewohnt, zu warten.

Während ich vor der Tür stand, meiner eigenen Wohnungstür, habe ich mich umgesehen.

Im Hausflur.

Er müsste gestrichen werden, bald. Werde eine Eingabe machen. Bald.

Carstens muss sich das anhören. Fauler Sack.

Bierbauch und Krähenfüße unter den Augen.

Wann arbeitet der eigentlich, habe ich meine Frau gefragt.

Sie hat die Schultern hochgezogen, nichts gesagt.

Breite Schultern. Sie wird fett.

Langsam, aber stetig.

Wo ist dein Schlüssel, fragt sie jetzt, während sie zurück ins Bad geht.

Auch die Hüften sind runder.

Ich stütze mich auf die Kommode.

Im Auto, sage ich.

Mein Atem geht rasselnd.

Ich will nicht alt werden.

Später, beim Mittagessen.

Überbackene Nudeln, Endiviensalat.

Ein Bier.

Du wolltest mittags doch nicht trinken, sagt meine Frau.

Sie sitzt mir gegenüber. Mit den Lockenwicklern.

Das hat sie früher nie gemacht.

Nur eins, Schatz, sage ich.

Ich warte. Ich warte auf ihre Antwort, sie kommt nicht.

Das Essen dauert zwanzig Minuten.

Lina hat Windpocken, sagt meine Frau, als sie abräumt.

Lina ist ihre beste Freundin. Windpocken sind ansteckend, das weiß ich.

Für Erwachsene nicht ungefährlich.

Wirst du sie besuchen, frage ich.

Keine Regung in der Stimme, ich bin stolz auf meine Kontrolle.

Weiß noch nicht, sagt meine Frau. Dann geht sie in die Küche.

Ich bleibe eine Weile sitzen, lockere die Krawatte etwas.

Wenn das Meer ruhig ist, bin ich auch ruhig.

Es liegt hinter den nächsten Häuserblocks, man kann es nicht sehen.

Aber ich weiß, wann es ruhig ist und wann nicht.

Mein Herz schlägt im Takt der Wellen.

Als ich aus dem Haus trete, sehe ich Carstens.

Er steht im Vorgarten, ohne Hemd. Er hat Brüste wie eine Frau.

Sein Kopf ist rot.

Er schneidet die Hecke.

Ich nicke ihm zu.

Er hält einen Moment inne, die Schere weit geöffnet wie ein Maul.

Schöner Tag heute, sagt er und wischt sich über die Stirn.

Seine Frau hat ihn verlassen.

Er sagte allen, dass er es so wollte; allen, ob sie es hören wollten oder nicht.

Man munkelt, er habe sie geschlagen.

Mit Füßen getreten.

Auf die Eigentümerversammlungen ist er allein gekommen. Immer.

Die Scherenblätter glänzen in der Sonne.

Ein Leichtes, ihm den Hals durchzuschneiden damit.

Wie durch Butter.

Soll noch eine Weile heiß bleiben, sage ich und gehe weiter.

In meinem Rücken das metallene Schnappen.

Im Auto. Ich fahre.

Nicht ziellos. Nur nicht ins Büro.

Nicht viel Verkehr.

Ich lege die Krawatte neben mir auf den Sitz.

Sieht wie ein Beifahrer aus. Ich grinse.

Im Radio spricht ein Kerl mit dunkler Stimme.

Während ich fahre, höre ich zu.

Er erzählt von Afrika.

Einmalig, sagt er; es gibt einen Interviewer, aber der sagt kaum etwas.

Der Kerl mit der dunklen Stimme ist ganz in seinem Element.

Er hat die Wüste durchquert, allein; er spricht von Halluzinationen.

Berge mitten im Sand. Schneebedeckt.

So hoch wie der Mount Everest.

Er hat einen Bogen gemacht, aber da war nichts.

In Wirklichkeit war da nichts.

Nicht einmal eine Karawane ist ihm begegnet. Nicht einmal die.

Was die Reiseprospekte so versprechen, sagt der Kerl und lacht sein dunkles, raues Lachen.

Ich fahre am Meer entlang; es ist grün und tief.

Am Strand einige Leute. Ich möchte sie nicht kennen.

Ich fahre langsam, mit halb geöffneten Fenstern.

Es ist zu heiß für diese Jahreszeit.

Jedenfalls bin ich so nach Ägypten gekommen; nach Alexandria, sagt der Kerl im Radio.

Der Interviewer sagt nichts. Als habe er Angst, den anderen abzulenken mit seinen Fragen.

Hinter Alexandria bin ich weiter, zum Nildelta, sagt der Kerl.

Er schnauft ein bisschen beim Sprechen, vielleicht hat er Asthma.

Dann aber mein Kompliment.

Eine solche Reise mit einer solchen Einschränkung.

Während ich fahre, höre ich zu.

Die Sonne steht hoch, das Auto ist ein Ofen. Die Klimaanlage kostet Aufpreis, hat der Verkäufer mit den strahlenden Zähnen gesagt.

Eine Liste hervorgekramt.

An seinem Finger ein goldener Ring, viel zu groß.

Zweitausendfünfhundert, hat er gesagt und immer noch gestrahlt.

Carstens’ Schere hätte mir gute Dienste geleistet.

Das Delta ist riesig, sagt der Mann im Radio. Die Flüsse sind wie starke Arme, sagt er. Mir gefällt der Vergleich.

Haben Sie es umrundet, fragt der Interviewer. Jetzt fragt er doch.

Der andere holt Atem. Es ist deutlich zu hören.

Nein, ich habe es durchquert, antwortet er.

Man muss es durchqueren, um es kennenzulernen.

Wie die Wüste.

Ein Glas klirrt. Sie trinken.

Ich fahre langsam, möchte keine Windgeräusche, die stören.

Nicht viel Verkehr.

Die Leute sind im Büro oder am Strand.

Die am Strand haben es nicht wirklich besser.

Ich denke für einen Moment an Lina. Die Pocken hat.

Ich kann sie nicht ausstehen. Sie sieht mich so an.

Ich weiß nicht, was sie reden, Lina und meine Frau.

Vielleicht über mich. Sicher über mich.

Lina gibt mir die Hand, ohne Kraft.

Ich stelle mir vor, dass ich ihr die Windpocken übertragen habe.

Ich lächele bei dem Gedanken.

Mein Fuß rutscht vom Gaspedal, einer hupt hinter mir. Laut.

Durchdringend.

Ich zeige ihm den Mittelfinger im Rückspiegel.

Er überholt, hupt immer noch.

Ein grauer Luxusschlitten.

Ich merke mir das Nummernschild. Man kann nie wissen.

Im Radio spielen sie jetzt Musik.

Ich habe einen Moment nicht aufgepasst; vielleicht habe ich das Ende der Geschichte verpasst.

Ich stoße auf.

Immer, wenn ich wütend bin, stoße ich auf. Seit Jahren.

Dolly merkt es sofort.

Was hast du, fragt sie. Streichelt meinen Arm.

Ich streife sie ab. Ich muss etwas trinken.

Gehe in die Küche. Blau-weiße Kacheln, bekannter Eindruck.

Sie läuft hinter mir her.

Diese typischen trippelnden Schritte.

Sie hat mich erwartet; ich weiß nicht, warum.

Das Bier ist kühl und schmeckt gut.

Ich setze mich, sehe Dolly an.

Sie steht vor dem Tisch, blaue Augen. Wirklich blaue Augen.

Sie trägt eine Schürze, legt sie jetzt ab.

Kommt auf mich zu, fährt mir mit den Fingern durchs Haar.

Ich stelle mir vor, dass es knistert. Funken schlägt.

Du hast Glück, dass ich zu Hause bin, sagt sie.

Ich spüre ihre Stimme in mir, Vibration der Haut.

Ziehe sie zu mir herunter, küsse sie auf den Mund.

Sie schmeckt nach Erdbeere; irgendwie schmeckt sie nach Erdbeere.

Ich knöpfe ihre Bluse auf, ohne hinzusehen.

Ich sehe nur ihre blauen Augen.

Soll Lina an den Windpocken krepieren. Hat es verdient.

Dollys Körper auf der Tischplatte; die Bierflasche fällt herunter.

Zerbricht nicht.

Das Meer ist ruhig. Ich auch.

Ich bekomme die Kontrolle zurück. Glaube ich.

Dolly öffnet ihre Beine, das hilft.

Ihre Hände sind überall, tasten meinen Körper ab.

Der Tisch verschiebt sich unter unserem Gewicht.

Die Metallbeine schaben über den Boden.

Ich lache. Ich lache in Dollys blaue Augen.

Minuten, Stunden danach wird es dunkel.

Schwarze Schatten vor dem Fenster. Wir machen kein Licht.

Dolly raucht.

Ich sehe das Aufglühen der Zigarettenspitze.

Sie sitzt auf dem Bett, die Beine verschränkt.

Sie trägt keinen Slip, nur ein leichtes Nachthemd.