Über das Buch

In einem Pariser Nachtclub werden zwei junge Tänzerinnen tot aufgefunden. Commandant Stéphane Corso findet heraus, dass sie mit einem mysteriösen älteren Maler liiert waren. Dieser Sobiesky ist erfolgreich, arrogant und ohne jede Moral. Er scheint der perfekte Täter zu sein, doch er hat stichfeste Alibis für beide Morde. Je weiter Corso sich in den Fall vertieft, desto stärker drohen ihn Sobieskys unheilvolle Geheimnisse in den Abgrund zu reißen …

Über den Autor

Jean-Christophe Grangé, 1961 in Paris geboren, war als freier Journalist für verschiedene internationale Zeitungen (Paris Match, Gala, Sunday Times, Observer, El Pais, Spiegel, Stern) tätig. Für seine Reportagen reiste er zu den Eskimos, den Pygmäen und begleitete wochenlang die Tuareg. »Der Flug der Störche« war sein erster Roman und zugleich sein Debüt als französischer Topautor im Genre des Thrillers. Jean-Christophe Grangés Markenzeichen ist Gänsehaut pur. Frankreichs Superstar ist inzwischen weltweit bekannt für unerträgliche Spannung, außergewöhnliche Stoffe und exotische Schauplätze. Viele seiner Thriller wurden verfilmt. In Deutschland bereits erschienen sind seine Romane »Der Flug der Störche«, »Die purpurnen Flüsse«, »Der steinerne Kreis«, »Das Imperium der Wölfe«, »Das schwarze Blut« und »Das Herz der Hölle.«

JEAN-CHRISTOPHE

GRANGÉ

DIE

FESSELN

DES

BÖSEN

Thriller

Übersetzung aus dem Französischen von Ulrike Werner

Lübbe

Erster Teil

1

Das Le Squonk missfiel ihm in jeglicher Hinsicht. Ein Strip-Club, angeblich angesagt, im dritten Untergeschoss eines heruntergekommenen Gebäudes im 10. Arrondissement. Wände, Boden, Decke, alles schwarz. Schon als Stéphane Corso, Leiter von Team 1 der Pariser Kriminalpolizei, die Treppe hinabgestiegen war, hatte sich ein dumpfes Dröhnen, wie das einer U-Bahn, durch seinen Magen gewunden. Doch nein, es war ein simpler Soundeffekt à la David Lynch, der ihm den Atem raubte.

Der Korridor war mit Fotos von Pin-up-Girls aus den Fünfzigerjahren dekoriert, erhellt von einem schmalen LED-Leuchtband. Er mündete in einer Bar, in der die traditionellen Flaschenreihen hinter der Theke durch Schwarz-Weiß-Fotos von baufälligen Industrieanlagen und verlassenen Hotels ersetzt worden waren. No comment.

Corso war den anderen Zuschauern nach rechts in einen Saal mit roten, ansteigend angeordneten Sitzen gefolgt. Er hatte sich in eine Ecke gesetzt, Voyeur unter Voyeuren, und darauf gewartet, dass die Lichter ausgingen. Er war gekommen, um das Terrain zu sondieren, und war, was das betraf, bedient.

Laut Programm, das auf einer schwarzen Plastikfolie mit weißer Schrift notiert war, die an ein Röntgenbild erinnerte, waren zwei Drittel der Show überstanden, und Corso fragte sich zum wohl hundertsten Mal, welchem bizarren Snobismus es zu verdanken war, dass diese Art kitschiger Darbietungen, die hier gemäß der gewählten amerikanischen Terminologie als »New Burlesque« bezeichnet wurde, wieder in Mode kam.

Er hatte bereits Miss Velvet über sich ergehen lassen, eine tätowierte Brünette mit einem Louise-Brooks-Haarschnitt, außerdem Candy Moon mit ihrem Tanz der sieben Schleier sowie Gypsy La Rose, die eine Brücke machen und dabei ihre Schuhe ausziehen konnte. Nun wartete das Publikum auf Mam’zelle Nitouche und Lova Doll … Corso hatte diese von Art von Shows nie gemocht, und auch der Körperbau der Damen stimmte ihn keineswegs nachsichtiger. Sie waren alle eher drall, viel zu stark geschminkt und grimassierten, was dem, was ihm gefiel, diametral entgegenstand.

Emiliya kam ihm in den Sinn, und die Scheidungspapiere, die seine Anwältin ihm an diesem Tag geschickt hatte. Sie waren der eigentliche Grund für seine schlechte Laune. Rechtlich gesehen kennzeichneten diese Schriftsätze nicht etwa das Ende des Verfahrens, sondern im Gegenteil erst den Beginn der Feindseligkeiten. Es handelte sich um eine offenbar von Emiliya diktierte Flut aus Verletzungen und Lügen, auf die er mit der gleichen Heftigkeit würde reagieren müssen.

Grund für die Auseinandersetzung war ihr gemeinsames Kind Thaddée, ein kleiner Junge von demnächst zehn Jahren, für den Corso das alleinige Sorgerecht beantragt hatte. Dabei ging es ihm weniger darum, seinen Sohn bei sich zu behalten, als darum, das Kind von seiner Mutter fernzuhalten, dem seiner Meinung nach schlimmsten Übel überhaupt, war sie doch eine hohe Beamtin bulgarischer Herkunft, die auf harten SM stand. Der Gedanke trieb einen Schwall Säure in seine Kehle, und er fürchtete, dass diese Angelegenheit in einem Magengeschwür, Leberkrebs oder vielleicht sogar Mord und Totschlag enden könnte.

Mam’zelle Nitouche betrat die Bühne, und Corso konzentrierte sich. Eine Blondine mit milchweißer Haut und Hüften wie ein Mammut, die nichts trug als eine Federboa, zwei silberne Sterne auf den Brustwarzen und einen schwarzen String, der die Dame nur mit Mühe komplett umspannte. Plötzlich bückte sich die Künstlerin und fummelte an ihrem Hinterteil herum, bis sie schließlich kläffend wie ein kleiner Hund eine Weihnachtsgirlande hervorzog. Corso traute seinen Augen nicht. Die Stripperin begann, sich wie ein gigantischer Kreisel gut ausbalanciert auf ihren 12-cm-Absätzen zu drehen und das Seidenband unter dem begeisterten Applaus der Zuschauer herumzuwirbeln.

Das brachte Corsos Gedanken zu dem eigentlichen Grund seiner Anwesenheit in dieser obskuren Spelunke nach dreiundzwanzig Uhr. Zwölf Tage zuvor, am Freitag, den 17. Juni 2016, war die Leiche einer Tänzerin aus dem Le Squonk am Rand der Mülldeponie an der Poterne des Peupliers in der Nähe der Place d’Italie gefunden worden. Sophie Sereys alias Nina Vice, 32 Jahre, nackt und mit ihrer Unterwäsche gefesselt. Die junge Frau war auf schreckliche Weise entstellt: Der Mörder hatte ihr Gesicht in einem überdimensionalen Schrei erstarren lassen, indem er die Mundwinkel bis zu den Ohren aufgeschnitten und ihr einen Stein in den Hals gesteckt hatte, der ihren Mund weit offen hielt.

Kommandant Patrick Bornek, Leiter von Team 3 der Pariser Kriminalpolizei, hatte die Ermittlungen übernommen. Der sehr erfahrene Beamte hatte das Standardprogramm abgespult: Fotos vom Tatort gemacht und Proben genommen, die Nachbarschaft sowie Bekannte aus dem Umfeld der Toten befragt, Videoüberwachungsbänder überprüft, nach Zeugen gesucht usw.

Im Fokus hatten die Kunden des Le Squonk gestanden. Bornek hatte erwartet, sich mit Sexbesessenen und Perversen herumschlagen zu müssen, doch er irrte. Die Kundschaft bestand aus modebewussten jungen Leuten, koksenden Bankern und Pseudo-Intellektuellen, die es ausgesprochen schick fanden, Live-Shows aus einer anderen Epoche zu besuchen. Auch die Überprüfung von kürzlich aus der Haft entlassenen Sexualstraftätern und anderen im Visier der Sittenpolizei befindlichen Verdächtigen hatte nichts ergeben. Außerdem hatte Borneks Team in der Bondage-Szene recherchiert, weil die Fesselung mit Unterwäsche an bestimmte BDSM-Praktiken erinnerte. Ebenfalls vergeblich.

Sämtliche digitalisierten Akten einschlägig vorbestrafter Täter wurden durchforstet, ohne den geringsten Erfolg. Sogar Anzeigen in Zusammenhang mit Unterwäsche hatten die Kollegen unter die Lupe genommen, aber keinerlei nützliche Hinweise gefunden, außer für jemanden, der einen Damenunterwäscheladen eröffnen wollte.

Die Nachbarschaftsbefragungen, sowohl im Viertel der Deponie als auch am Wohnort des Opfers in der Rue Marceau in Ivry-sur-Seine brachten nichts. In der Nacht vom 15. auf den 16. Juni hatte ein Uber-Taxi Sophie Sereys um ein Uhr morgens nach Hause gefahren und vor ihrem Wohnhaus abgesetzt, danach wurde sie nie wieder gesehen. Da sie am nächsten Tag frei hatte, hatte sich im Le Squonk niemand Gedanken gemacht. Polnische Bauarbeiter, die auf der Mülldeponie Bauschutt abladen wollten, hatten die Leiche gefunden. Bis dahin hatten weder die Wachleute noch die Überwachungskameras etwas Verdächtiges bemerkt.

Man hatte eine Zeichnung des Opfers angefertigt und ihre Vergangenheit durchleuchtet. Sophie hatte sich selbst als Künstlerin bezeichnet und sich um Engagements bemüht wie so viele andere nicht fest angestellte Schauspielerinnen. Sie hatte nur wenige Freunde, keinen Lover und keine Familie. Sie war anonym geboren, also kannte niemand, nicht einmal die Polizei, die Identität ihrer leiblichen Eltern, und in Ostfrankreich teils in Heimen, teils in Pflegefamilien aufgewachsen. Nach einem Fachschulabschluss in Betriebswirtschaft in Grenoble zog sie 2008 nach Paris, um sich ihren wahren Leidenschaften, dem Tanzen und dem Striptease, zu widmen.

Auch bei ihren Arbeitgebern kamen die Ermittler nicht weiter. Die Stripperin war beim Arbeitsamt als »Tänzerin« registriert, arbeitete lediglich an drei Tagen in der Woche im Le Squonk und hielt sich ansonsten mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Sie suchte ständig nach kleinen Engagements in Provinzclubs, ließ sich privat für Junggesellenabschiede buchen und bot Stripperkurse bei Junggesellinnenabschieden an. Als ob Striptease der erste und letzte Wunsch junger Leute vor der Hochzeit wäre …

Bornek, der gegen so manches Klischee nicht gefeit war, hatte angenommen, dass Sophie gegen Monatsende die Ebbe in der Kasse aufbesserte, indem sie mit ihren Bewunderern schlief. Doch er lag falsch. Es gab nicht den kleinsten Hinweis auf einen Liebhaber. Die junge Frau stand auf spirituelle und sportliche Aktivitäten wie Hatha-Yoga, Meditation, Marathon und Mountainbiking. Weshalb sie jeden Monat bei ihren Shows oder auf Radwegen Hunderte von Männern kennenlernte, die alle als bislang anonyme Verdächtige infrage kamen.

Nach einer Woche war Corso aufgegangen, dass die Übernahme der Ermittlungen in dem Fall gefährlich dicht auf ihn zuraste. In Ermangelung von Ergebnissen tauscht die Polizei manchmal das Team aus, um sich das Gefühl zu geben, vorwärtszukommen. Zumal gerade bei dieser Geschichte der mediale Druck immer stärker wurde, bot sie doch sämtliche Zutaten der guten alten Rubrik »Vermischtes«, darunter Anrüchiges, Blut und Geheimnisse.

Catherine Bompart, die Leiterin der Pariser Kriminalpolizei, hatte bei der Staatsanwaltschaft eine Verlängerung der Frist erwirken können, die der Polizei trotz fehlenden Gerichtsbeschlusses relativ freie Hand gewährte, und dann Corso in ihr Büro gerufen. Stéphane hatte sich gesträubt, aber Bompart hatte ihn schnell eingenordet: Er hatte keine Wahl. Sie war nicht nur seine Vorgesetzte, sondern auch seine »Patin des Herzens«, die ihn davor gerettet hatte, im Knast zu enden wie die anderen Gauner, die er nun seit fast zwanzig Jahren hinter Schloss und Riegel brachte.

Die Ablösung der Teams war an diesem Morgen erfolgt. Corso hatte sich den ganzen Tag mit der Akte eingeschlossen, die bereits fünf dicke Ordner umfasste, um seinem Team am Spätnachmittag dann mit einer selbst zusammengefassten Kurzdarstellung die Neuigkeit mitzuteilen. Er hatte ihnen aufgetragen, die Bearbeitung der laufenden Fälle so zu organisieren, dass sie am nächsten Tag mit der Arbeit an diesem Fall anfangen konnten. Briefing um 9 Uhr.

Die Lichter im Saal gingen an. Mam’zelle Nitouche hatte ihre Girlanden eingepackt, und zweifellos war auch Lova Doll aufgetreten. Corso hatte nichts davon mitbekommen. Jetzt, als alle aufstanden, war er überrascht über die heiteren und zufriedenen Mienen des Publikums. Wieder einmal, und das war ein vertrautes Gefühl, verspürte er einen Anflug von Hass auf all diese ehrlichen Menschen.

Er ließ sie gehen und wandte sich der schwarzen Tür rechts von der Bühne zu, die Backstage führte. Es war an der Zeit, Pierre Kaminski einen Besuch abzustatten, dem Inhaber.

2

Corso rief sich den Werdegang dieses Missetäters ins Gedächtnis, den er schon lange kannte. 2009, als er noch bei der Sittenpolizei arbeitete, hatte er ihn persönlich verhaftet.

Pierre Kaminski kam 1966 in der Nähe von Chartres zur Welt und verließ den Bauernhof der Familie im Alter von sechzehn Jahren. Zunächst streunte er als Punk mit Hund umher, dann wurde er Jongleur und schließlich Feuerschlucker, ehe er im Alter von zweiundzwanzig Jahren in die Vereinigten Staaten übersiedelte, wo er in der Off-Broadway-Szene tätig war, zumindest behauptete er das. 1992 kehrte er nach Frankreich zurück, um in der Nähe der Place de la République einen Nachtclub namens Le Charisma zu eröffnen. Drei Jahre später wurde er wegen Körperverletzung an einer seiner Serviererinnen verhaftet und verurteilt. Bewährung. Bankrott. Untertauchen.

Einige Zeit später eröffnete er einen Club, Le Chafouin, in der Nähe des Canal Saint-Martin. Das Geschäft florierte, ehe er wieder straffällig wurde, dieses Mal wegen Zuhälterei. Drei Jahre Haft, von denen er nur zwei absaß. Im Jahr 2001 stieg er wie Phönix aus der Asche auf und eröffnete Le Shar Pei, einen Striptease-Club in der Rue de Ponthieu, der acht Jahre lief, bevor er wegen Menschenhandels geschlossen wurde. Kaminski hatte die nächste Klage am Hals und wurde gleich anschließend sogar des Mordes an einer seiner Tänzerinnen verdächtigt, die man entstellt in einer Mülltonne ein paar Blocks von seinem Etablissement entfernt gefunden hatte. Man konnte ihm nichts nachweisen, auch weil Zeugen und Kläger verschwunden waren, und er tauchte erneut unter. Das war auch gut so, denn Corso, der von seiner Schuld überzeugt war, hätte den Fall durchaus auf seine Weise erledigt. 2013 schließlich erschien der Zuhälter wieder auf der Bildfläche und eröffnete das Le Squonk, ein sehr erfolgreiches Etablissement.

Corso landete in einer Garderobe. An zwei Wänden befanden sich Kleiderstangen mit Kostümen, an der dritten hingen mit Glühbirnen umrahmte Schminkspiegel. Es herrschte ein fröhliches Durcheinander: Auf den Tischen lagen Schminksachen herum, Rollkoffer, Schuhe und Accessoires waren über den Boden verstreut. Es sah aus wie auf einem Schlachtfeld.

Die meisten der Damen waren noch splitterfasernackt. In einer Ecke war eine stage kitten – das Äquivalent zu einem Balljungen auf einem Tennisplatz, außer dass sie BHs und Höschen einsammelte – damit beschäftigt, ihre Ausbeute auf Kleiderbügel zu hängen. Auf einem Hocker saß ein Stepptänzer mit schwarzer Haut im rosa Kostüm und schraubte Eisen unter seinen Schuhen fest.

»Wo ist Kaminski?«, sprach Corso den Schwarzen an.

Der Typ musterte ihn mit einem einzigen Blick. Er schien weder überrascht zu sein noch Angst vor diesem neuen Beamten zu haben. Seit Ninas Ermordung gaben sich die Bullen hier die Klinke in die Hand.

»Den Flur runter.«

Corso stieg über ein aufgeblasenes Sitzkissen in der Form eines Hamburgers, Kopfputze mit Federn, Satinkorsetts und Tahiti-Halsketten hinweg. Er dachte an seine eigene Kindheit, als er sich als Indiana Jones verkleidet oder vor dem Spiegel im Schlafsaal Bruce Lee imitiert hatte, und empfand mit einem Mal eine gewisse Zärtlichkeit für diese Mädchen, die ihre Nummern selbst kreierten, ihre Kleidung nähten und ihre Choreographie perfektionierten.

Corso trat ohne anzuklopfen ein. Auf einer Leiter stand ein Bühnenarbeiter, der eine Deckenleuchte reparierte. Kaminski überwachte die Aktion, als sei es der Bau der Brücke am Kwai, mit nacktem Oberkörper und in Drillichhosen, die Fäuste auf die Hüften gestemmt.

Das Gesicht unter seinem Legionärshaarschnitt war dürr und kantig. Er hatte einen ansprechenden Körper voller wie mit der Richtschnur gezogener, trainierter und einsatzbereiter Muskeln. Der berühmteste Lude der Hauptstadt glich einem dem Konflikt entflohenen Fallschirmjäger.

»Sieh einer an«, sagte er nach einem kurzen Blick auf Corso, »die Polente ist da.«

Corso bemerkte, dass er keine Schuhe trug und der Boden mit Kokosmatten ausgelegt war, die als Tatami-Ersatz durchgehen konnten.

»Du scheinst nicht überrascht, mich zu sehen.«

»In letzter Zeit habe ich genug Polizisten gesehen, um mir den Arsch bis zur Schnauze damit vollstopfen zu können.«

Corso zwang sich zu einem Lächeln.

»Ich wollte dir ein paar Fragen stellen.«

Ohne Vorwarnung nahm Kaminski die Zenkutsu-Dachi-Stellung ein, mit gebeugtem vorderem und gestrecktem hinterem Bein und geballten Fäusten.

»Hat es euch nicht gereicht, mich in Gewahrsam zu nehmen?«

Aufgrund von Kaminskis Strafregister war es Borneks erste Amtshandlung gewesen, den Mann zu verhaften. Ein weiterer Irrtum. Nach Überprüfung seines Alibis hatte der Polizist ihn einige Stunden später wieder freilassen müssen.

Kaminski drehte sich in Richtung des Bühnenarbeiters und vollführte einen Mawashi Geri, einen »drehenden Fußtritt«, den er nur Millimeter vor dem Mann stoppte. Der Techniker schien daran gewöhnt zu sein, denn er zuckte nicht einmal mit der Wimper.

»Ihr seid ungefähr zehnmal hier gewesen«, fuhr er fort. »Ihr habt meine Tänzerinnen befragt, mein Personal zu euch zitiert, meine Kunden genervt. Mein Name und der Name meiner Firma werden seit einer Woche durch die Scheiße gezerrt. Das ist nicht gut fürs Geschäft.«

»Quatsch. Seit Ninas Ermordung ist dein Laden voller denn je. Es gibt nichts Besseres als den Geschmack von Blut, um Kunden anzulocken.«

Kaminski breitete die Arme aus.

»Dann hast du ja endlich ein Motiv für mich gefunden!«

»Lass uns ernsthaft von Mann zu Mann reden.«

Der Zuhälter lachte.

»Mensch, Corso, was willst du von mir? Wir waren noch nie zusammen bei den Nutten, und wenn ich mich recht entsinne, hatten wir zuletzt Kontakt, als du mich 2009 in den Knast geschickt hast.«

Corso ging nicht auf die Provokation des Gangsters ein.

»Ich möchte, dass du mir Nina beschreibst. Ihre menschliche, intime Seite. Du hast ihr doch nahegestanden, oder?«

Kaminski brachte sich wieder in die Zenkutsu-Dachi-Position.

»Es war die angemessene Distanz zwischen einem Chef und seiner Angestellten.«

Corso musste an die Kellnerin denken, der Kaminski den Kiefer ausgerenkt hatte, und an die gesichtslose Tänzerin in der Rue Jean-Mermoz.

»Ihr habt nicht miteinander geschlafen?«

»Nina hat mit niemandem geschlafen.«

»Wie kam sie über die Runden?«

Kaminski drehte sich und vollführte einen Yoko Geri, den »Seitenkick«, bis zur Kniehöhe des Arbeiters, der noch mit seiner Leuchtleiste kämpfte.

»Ihre Lieblingsbeschäftigung war, nackt an weißen Sandstränden herumzulaufen.«

Corso hatte in der Akte gelesen, dass Sophie Sereys FKK-Anhängerin war. Nicht einmal ein Höschen trennte ihr Privatleben von ihrem künstlerischen Dasein.

»Keine Drogen oder Alkohol?«

»Rede ich vielleicht Chinesisch? Nina war so rein wie eine Thermalquelle.«

»Keine Nümmerchen mit Kunden?«

Der Zuhälter atmete tief ein und ging in die Shiko-Dachi-Stellung, Beine gebeugt, Füße im 45-Grad-Winkel, Hände auf den Knien – die Position der Sumoringer. Für einen Fünfzigjährigen war er geradezu in olympischer Form.

»Such nicht nach irgendwelcher Scheiße, Corso. Nina war ein Mädchen ohne Fehl und Tadel, ganz sicher. Sie bestand nur aus Freundlichkeit. Allein ihre Anwesenheit in diesem Laden hat unser Ansehen ein wenig verbessert. Vor drei Tagen war ihre Beerdigung. Nina hatte keine Familie, aber ganz ehrlich: Ich habe noch nie so viele Menschen auf einem Friedhof gesehen. Alles Freunde, Kollegen, Bewunderer.«

Corso hätte gerne an der Beisetzung teilgenommen und die Atmosphäre selbst in Augenschein genommen.

»Und außerdem war sie ein echter Profi!«, fuhr der Karateka fort. »Sie war eine der Besten in Frankreich. Schrieb ihre eigenen Drehbücher, erfand Haltungen und gewisse Ausdrücke sowie kleine Details. Himmelherrgott noch mal, ich hätte ihr eine Zukunft als Star vorausgesagt. Die neue Dita Von Teese!«

Kaminski übertrieb. Im Internet hatte Corso nur eine hübsche Blondine mit dem ausgefallenen Aussehen einer Stummfilmschauspielerin bei recht einfachen Choreographien gesehen.

Grundstellung. Doppelschritt, nicht gekreuzt. Okuri Ashi.

»Ein nettes Mädchen, das einfach dem Falschen begegnet ist.«

»Vielleicht hier bei dir.«

»Du verschwendest deine Zeit, Corso. Nichts ist sauberer als mein Etablissement und sein Publikum. Perverse findet man nur unter den sexuell Verklemmten. Es ist die Moral, die das Böse hervorruft, nicht umgekehrt. Das solltest du doch wissen, oder?«

Corso schluckte mit dem unangenehmen Gefühl, nackt dazustehen. Er hatte schon immer Spuren verwischt: Zwar war er steif wie ein Jansenist, kleidete sich aber auch mit fast vierzig Jahren wie ein Fan von Nirvana; trotz des in seiner Seele verwurzelten Flegelhaften war er Polizeibeamter geworden; als selbsternannter Christ besuchte er nie oder fast nie eine Kirche. Und was Sex betraf, so gefielen ihm ausschließlich ätherische Jungfrauen, aber nur, weil sie sich besser beschmutzen ließen. Wen wollte er täuschen? Sich selbst?

»Was ist mit deinen Freunden?«, hakte er nach. »Hast du keinen Kontakt mehr zu deinen Kumpels aus dem Knast? Oder zu Anhängern eher stürmischer Liebe?«

Kaminski vollführte einen Ura Mawashi Geri mit der Rückseite des Fußes und einen Tsumasaki Geri mit gestreckten Zehen. Corso war selbst Karatekämpfer gewesen und musste zugeben, dass der Lude die Technik einwandfrei beherrschte. Die Knie des Bühnenarbeiters begannen zu zittern.

»Du irrst dich schon wieder, Maricón. Der Mörder, den du suchst, hat nicht hinter Gittern gesessen und trägt kein Schild mit der Aufschrift ›Serienmörder‹. Er ist ein normaler Kerl, vollkommen unauffällig und ohne irgendwelche Geschichten.«

Corso war derselben Meinung. Die innere Gewalt, die den Mörder bei seiner Tat überwältigt hatte, stand zweifellos proportional der Ruhe entgegen, die er an der Oberfläche zeigte.

»Wie haben deine Mädchen reagiert?«

»Was glaubst du wohl? Wir mussten sie psychologisch betreuen lassen.«

Corso hätte beinahe aufgelacht.

»Aber immerhin arbeiten sie schon wieder«, fuhr der andere fort. »Aus Solidarität. Sie sind der Meinung, dass es das Beste ist, was man zu Ninas Gedenken tun kann.«

»Show must go on …«

Endlich schloss der Arbeiter die letzten Drähte an und befestigte die Deckenleuchte. Die roten Augen eines Skeletts leuchteten auf, das sein Dasein in einer Zimmerecke fristete und Kaminski als Sparringspartner dienen sollte.

Corso hatte sich lange genug hier herumgetrieben. Er hatte eine bedrückende Show gesehen und seine Zeit mit einem verrückten Karateka verschwendet. Der Zuhälter stank nach Schweiß und Beschränktheit, aber nicht nach Angst und schon gar nicht nach dem organisierten Wahnsinn, der den Mord an Nina Vice kennzeichnete. Corso war in der Tat zu der Überzeugung gelangt, dass der Mörder nicht zum Kreis um das Le Squonk gehörte, dann hätte Bornek ihn längst ausfindig gemacht. Sie hatten es mit einem externen Angreifer zu tun.

Während der Bühnenarbeiter von seiner Stehleiter stieg, verbeugte sich Kaminski zu einem formvollendeten Gruß. Der Techniker nickte kurz, packte seinen Werkzeugkasten und verschwand.

»Corso, jeder weiß, dass du ein guter Bulle bist«, flüsterte der Lude und angelte nach einem Stück Shit und Zigarettenpapier. »Finde den Bastard, der sie auf dem Gewissen hat, anstatt mich um diese unchristliche Zeit zu nerven.«

»Hebst du deinen Mawashi Geri für ihn auf?«

Kaminski leckte am Zigarettenpapier und zwinkerte ihm zu.

»Vielleicht verwahre ich ihn für dich …«

Corso hatte den schwarzen Gürtel im zweiten Dan gehabt, allerdings in seiner Jugend, die ihm heute wie die Jugend eines anderen erschien. Gegen Kaminski würde er keine zwei Minuten durchhalten.

»Mit dir nehme ich es auf, wann immer du willst«, antwortete er trotzdem, um nicht klein beigeben zu müssen.

Kaminski hatte seinen Joint fertig gedreht, zündete ihn an und vollführte einen weiteren Yoko Geri zum Gesicht des Beamten. Corso, der den Schlag nicht kommen sah, spürte, wie die Fußkante sein Kinn streifte.

Er schluckte mit trockenem Mund und versuchte zu lächeln.

»Lass mich mal ziehen.«

3

Corso bewohnte eine Zweizimmerwohnung in einem Gebäude aus den Sechzigerjahren in der Rue Cassini, deren Miete wegen der unverbaubaren Sicht nach unten korrigiert worden war: Der Blick ging auf die Blindmauer des Hôpital Cochin. Die Wohnung war nicht toll, aber der Beamte mochte das Viertel, das sich jenseits des Boulevard Arago zu öffnen schien und sich bis zum Parc Montsouris ausbreitete. Vor allem die Avenue René-Coty mit ihrer Rambla-Atmosphäre, ihren Platanen und ihren Künstlerateliers hatte es ihm angetan.

Corso ließ Jacke und Holster auf sein Sofa fallen und trat an den Tresen, der den Großteil der Küche ausmachte. Er öffnete den Kühlschrank und blickte auf das erstarrte Abbild seines Junggesellenlebens, darunter verfallene Lebensmittel, offene Konserven, Reste von Junkfood. Er nahm ein Bier heraus und setzte sich auf das Schlafsofa, das neben dem Schreibtisch sein einziges Möbelstück war. Nach der Trennung von Emiliya hatte er diese Zuflucht gefunden, sie aber gar nicht erst eingerichtet – bis auf das für Thaddée vorgesehene Zimmer, das er mit viel Hingabe renoviert hatte. Was den Rest betraf, so gefiel ihm dieses Provisorium, es erinnerte ihn an seinen Status als Ausgestoßener, als auf ewig der Heimat Verwiesener.

Corso kam von ganz unten, ebenso anonym geboren wie Nina Vice. Er war in Heimen und Pflegefamilien aufgewachsen und in seiner Jugend wie ein Hund herumgestreunt. Nie hatte er eine feste Anlaufstelle gehabt oder je gelernt, sich anzupassen. Er hatte sich als Dieb durchgeschlagen, drogensüchtig und asozial, ehe er buchstäblich in letzter Sekunde von Catherine Bompart gerettet worden war, die ihn unter ihre Fittiche nahm und ihm gestattete, das einzige zu erreichen, worauf er, außer auf seinen Sohn, wirklich stolz war: seine Karriere als Polizeibeamter.

Aber trotz seines Dienstausweises, seiner blitzsauberen Akte und einer extremen Härte, die ihm als Integrität ausgelegt wurde, wucherte das Unkraut weiter tief in seinem Herzen. Als verheirateter Beamter und Steuerzahler hatte er in den 2000er-Jahren versucht, sich ein gutbürgerliches Verhalten zu erkaufen, aber seine wahre Natur war im Galopp zurückgekehrt. Nach wenigen Jahren lebte er getrennt, war Außenseiter unter den Kollegen und wanderte wie ein Nomade durch sein eigenes Leben. Ein Heimatloser im Ödland.

Schon nach wenigen Schlucken Bier revoltierte sein Magen. Er stürzte zur Toilette und erbrach seine letzten Stunden – den Alkohol, den Joint und die Cellulite der Stripperinnen. Als Polizist hatte Corso eine Schwachstelle: Er konnte die Nacht nicht ertragen. Weder ihre Stunden noch ihre Gestalten. Das, was den braven Bürger zum Träumen und manche Intellektuelle zum Fantasieren brachte, war für ihn nur ein Pfuhl aus Dummheit und Lastern eines Rudels fauler Idioten. Ein fälschlicherweise zum Mythos erklärtes Universum, eine Welt der kleinen Händel und mit Trinken, Schwadronieren und Ficken vergeudeten Stunden. Nichts als Anmaßung.

Nach Mitternacht verspürte er einen unbändigen Wunsch nach Schlaf. Seine Beine schmerzten, und die Übelkeit wühlte in seinen Eingeweiden. Vielleicht hätte er besser zum Militär gehen und sich vom Klang des Horns wecken lassen sollen. Oder Sportlehrer werden sollen, um früh am Morgen im Laufschritt der Sonne entgegenzujoggen.

Als er seinen Kopf von der Klobrille hob, fühlte er sich besser. Er spritzte sich Wasser ins Gesicht, putzte die Zähne und setzte sich an seinen Schreibtisch. Mit einem Mal war er nicht mehr müde. Vor seinem Computer hatte er die Wahl zwischen zwei vollkommen verschiedenen Albträumen: Borneks Ermittlungsakte, deren sämtliche Dokumente er hatte einscannen lassen, oder die ersten Schriftsätze seines Scheidungsverfahrens. Er zog den Schrecken des Ersteren den Lügen des Letzteren vor.

Er begann mit den Bildern des Fundortes. Die Leiche wirkte im trüben Licht des regnerischen Tages sehr blass. Ihre Haltung war außergewöhnlich: Die Hände auf dem Rücken gefesselt, die Beine in Fötushaltung angezogen, der Kopf in einem fast unmöglichen Winkel nach hinten gebogen. Der Mörder hatte Handgelenke und Knöchel seines Opfers mit ihrem Slip gefesselt und sie anschließend mit ihrem BH erwürgt. Corsos erster, ziemlich absurder Gedanke drehte sich darum, sich über die extreme Reißfestigkeit dieser Unterwäsche der Marke Princesse tam.tam zu wundern.

Auf den ersten Blick schien es wie eine Vergewaltigung durch einen brutalen Kerl, der das verwendet hatte, was ihm gerade zwischen die Finger kam, um sein Opfer ruhigzustellen und zu töten. In Wirklichkeit allerdings waren die Dinge komplizierter. Zunächst einmal war die Frau nicht vergewaltigt worden. Man hatte weder die dafür typischen Verletzungen noch die geringste Spur von Sperma gefunden. Außerdem hatte der Killer den BH und das Höschen auf dem Rücken der Frau mit einem fachmännischen Knoten verbunden. Darüber hinaus gab es Grund zu der Annahme, dass er ihr die Schnitte im Gesicht beigebracht hatte, als sie noch lebte, und sich das Opfer selbst stranguliert hatte, indem es sich vor Schmerzen wand.

Die Verletzungen im Gesicht waren grauenhaft. Der Mörder hatte die Wangen mit seiner Waffe – einem Messer oder Cutter, auf jeden Fall einer sehr dünnen Klinge – so weit aufgeschnitten, dass der Mund bis zu den Ohren klaffte. Dann hatte er einen Stein tief in die Kehle geschoben, um den Mund offen zu halten. Das Ergebnis war ein schwarzer und unproportionierter Schrei, der an Edvard Munchs Bild erinnerte. Dazu kam ein weiteres entsetzliches Detail: Die Kapillaren der Augenlider und das Weiß der Augen waren durch den Überdruck geplatzt, was in einem gleichmäßig roten Blick mündete.

Beim Anblick der Fotos empfand Corso nichts. Wie die meisten Polizisten hatte seine Fähigkeit, sich über menschliche Gewalt zu empören, im Lauf der Jahre abgenommen. Er ging schlicht davon aus, dass sie es mit einem Ungeheuer erster Klasse zu tun hatten, das diesen Mord akribisch geplant hatte und vollkommen verrückt agierte, sobald es die Zügel seiner Grausamkeit schleifen ließ.

Corso blätterte noch einige Verhörprotokolle durch. Bornek hatte ohne Zweifel ganze Arbeit geleistet, nichts fehlte. Vielleicht hatte der Mörder Nina gekannt, vielleicht auch nicht. Vielleicht war er ihr schon zwanzig Jahre früher begegnet, vielleicht erst am Vorabend ihres Todes. Irgendwo in Zeit und Raum hatte er ihren Weg gekreuzt, und es war unmöglich, zu dem Auftauchen dieses Schattens und seinem mörderischen Blick zurückzukehren.

2 Uhr. Corso war immer noch nicht müde. Er holte sich ein weiteres Bier und beschloss, sich dem schlimmsten Albtraum zu stellen. Mit einem Klick öffnete er die Schriftstücke der Anwältin und studierte die Liste seiner Mängel, seiner Missetaten und seiner Versäumnisse. Darauf fand sich alles: Alkoholmissbrauch, häusliche Gewalt, häufige Abwesenheit, moralische Belästigung. Das Einzige, was Emiliya noch nicht gewagt hatte, war der Vorwurf, er hätte den gemeinsamen Sohn berührt. Aber im Notfall würde sie das nachreichen, daran zweifelte er nicht.

Alles war so dick aufgetragen, dass es unglaubwürdig schien, und er konnte nur hoffen, dass das Gericht nicht darauf hereinfiel. Heimtückisch war die Art und Weise, in der es Emiliya und ihrer Anwältin gelang, jeden seiner Charakterzüge einschließlich seiner Qualitäten ins Negative zu verdrehen. Er arbeitete fleißig? Dann war er ein ständig abwesender Vater. Er kümmerte sich um die Hausaufgaben seines Sohnes oder sorgte dafür, dass er Klavier übte? Dann war er ein fordernder, autoritärer Tyrann. Er versuchte, sich den Hobbys seines Sohnes zu widmen? Nur, um ihn von seiner Mutter fernzuhalten.

Als die Zeilen auf dem Bildschirm verwischten und zu elektrischen Drähten kurz vor dem Verglühen wurden, schloss er die Datei und konnte sich nur mit Mühe beherrschen, den Computer nicht gegen die Wand zu knallen.

Er musste einen Weg finden, seiner Wut freien Lauf zu lassen. Deshalb rief er Lambert an, den Leiter von Team 2 beim Drogendezernat.

»Lambert? Corso.«

»Alles klar, Kumpel?« Der andere lachte. »Ich dachte, ihr von der Kripo geht um zehn ins Bett.«

»Habt ihr heute Abend was?«

»Was geht dich das an? Bist du bei der Polizei?«

»Ich meine es ernst.«

Der Beamte lachte missmutig.

»Nur eine kleine Hausdurchsuchung.«

»Heiß?«

»Bei den Brüdern Zaraoui, Bruder. Drei Jahre haben wir darauf gewartet. Laut unserer Quelle haben sie eine brandneue Produktionseinheit mit Labor, hydraulischer Presse und allem Drum und Dran. Sehr schön und sehr heiß.«

»Wie viel?«

»Hundert Kilo Harz, ebenso viel Gras und ein ordentliches Paket reines Kokain.«

Corso pfiff anerkennend. Er hatte auf ein kleines Manöver zu seiner Aufheiterung gehofft, aber das entpuppte sich mit einem Mal zu einem groß angelegten Einsatz.

»Wo?«

»Picasso.«

Die Siedlung Pablo-Picasso in Nanterre stand ganz oben auf der Liste der rechtsfreien Zonen. Hier herrschten Bedrohung und Unsicherheit.

»Ich bin dabei.«

»Hallo, Bruder, wir sind das Drogendezernat. Das wird kein Kindergeburtstag.«

»Ich kann euch nützlich sein. Ich bin dort aufgewachsen.«

»Angeber! Warum willst du mitmachen?«

»Ich muss mich abreagieren.«

»Wir sind kein Ventil.«

»Was du nicht sagst.«

Doch plötzlich schien Lamberts Interesse geweckt.

»Probleme mit den Vorgesetzten?«

»Mit meiner Ex. Ihre Anwältin hat die ersten Scheidungsunterlagen geschickt.«

Der Beamte kicherte. Er klang wie ein Truthahn.

»Das nenne ich einen Fall von höherer Gewalt. Be my guest.«

4

Genau genommen gab es gar keine Siedlung Pablo-Picasso. Was so bezeichnet wurde, war ein Wohngebäudekomplex an der Avenue Pablo-Picasso in Nanterre. Die vom Architekten Émile Aillaud entworfenen hohen runden Türme zeigten auf ihren Fassaden farbige Muster, die an Wolken erinnerten, die Fenster hatten die Form von Wassertropfen. Doch der ansprechende Traum des Architekten hatte sich in einen Albtraum aus Elend und Kriminalität verwandelt.

Corso hatte seine Jugend dort verbracht und erinnerte sich an jedes Detail der Innenausstattung. In den Gemeinschaftsräumen waren die Türen farbig gestrichen und die Wände bunt verputzt. In den Wohnungen waren die Wände rund und die Böden mit Teppichen ausgelegt, die an sehr kurz gemähtes Gras erinnerten. Man hatte großzügige Räume geschaffen und viel Utopie investiert, doch die Bewohner hatten schon sehr bald alles beschädigt, verunreinigt und zerstört. Was schert uns die Flasche, Hauptsache, wir haben den Rausch.

Corso konnte die Türme vor dem indioblauen Hintergrund bereits vom Boulevard de la Défense aus sehen. 3:45 Uhr. Er war pünktlich. Lambert hatte ihm gesagt, dass das Drogendezernat die gerichtliche Erlaubnis für einen nächtlichen Einsatz erhalten hatte und sie um Punkt 4 Uhr zuschlagen würden.

Er verließ den Ringboulevard und fuhr an Geschäftsgebäuden mit klaren Linien aus Glas und Stahl vorbei, die es in seiner Jugend noch nicht gegeben hatte. Am ersten Kreisverkehr bemerkte er, dass die Party bereits begonnen hatte. Blaulichtblitze zuckten über die Basis der Türme. Detonationen zerrissen die Nacht. Polizeiautos rasten mit Höchstgeschwindigkeit und quietschenden Reifen an ihm vorbei.

Corso befestigte das Blaulicht auf dem Dach und schaltete das Funkgerät ein. Durch ein lautes Knistern dröhnte die Durchsage:

»TN5 an alle Patrouillen, ein Beamter am Boden. TN5 an alle Patrouillen, ich wiederhole: Beamter am Boden!«

Lambert konnte den Beginn des Einsatzes nicht vorverlegt haben. Waren sie von den Choufs, den Wachposten entdeckt worden? War das Team in eine Falle geraten? Es brauchte nicht viel, damit ein Informant die Seiten wechselte.

Am zweiten Kreisverkehr musste Corso voll in die Eisen steigen, weil in versetzten Reihen geparkte Transporter ihm den Weg versperrten. Alles, was in Nanterre eine Uniform trug, schien sich hier versammelt zu haben, Corso erkannte Kollegen aus den unterschiedlichsten Abteilungen. Ironischerweise befand sich nur ein paar hundert Meter entfernt in der Rue des Trois-Fontanot ein Nebengebäude des Innenministeriums.

Er parkte auf dem Bürgersteig und sprang aus seinem Auto. Kofferraum. Schusssichere Weste. Sig Sauer SP 2022. Mit der Waffe in der Hand lief er die Straße entlang der geparkten Autos hinauf, während er versuchte herauszufinden, was geschehen war. Die Schießerei fand am Fuß des vom Kreisverkehr aus zweiten Aillaud-Turms statt. Der Turm, in dem er gelebt hatte.

Als er auf die erste Ordonnanz traf, zeigte Corso seinen Dienstausweis.

»Was zum Teufel ist hier los?«, rief er.

»Brigadier Ménard. Polizeiwache Nanterre.«

»Ich habe dich etwas gefragt. Was ist hier los?«

»Erst zwei Eingreiftrupps. Wir erwarten noch drei weitere.«

Corso fragte sich, ob der Kerl sich über ihn lustig machte oder etwas geraucht hatte, doch dann begriff er. Er trat unmittelbar vor den jungen Mann.

»Nimm diese verdammten Dinger raus!«, schrie er ihm ins Ohr.

Der Polizist zuckte zusammen und nahm seine Gehörschutzstöpsel heraus.

»Entschuldigung«, stammelte er, »ich hatte sie ganz vergessen.« Er zitterte am ganzen Körper und hielt seine Waffe mit bebender Hand. »Was haben Sie gesagt?«

»Ich will wissen, was zum Teufel hier los ist!«

»Wir wissen es nicht. Sie schießen seit zehn Minuten …«

Corso lief mit kleinen Schritten weiter, die Waffe fest mit beiden Händen umklammert. Er konnte auf der beleuchteten Rampe nun mehrere Schützen ausmachen. Unterhalb des Turms zu seiner Rechten, hinter den gepflasterten Wällen, die in diesem Viertel anstelle von Grünflächen angelegt worden waren, feuerten zwei Polizisten in kugelsicheren Westen Schrotflinten ab.

Links, auf der anderen Straßenseite, hielt ein Absperrband Neugierige auf Abstand, obwohl sich niemand in die Nähe des Kampfgebiets wagte.

Hinter den Autos bemerkte Corso mehrere Polizisten. Er sah zwischen den Kämpfern unter den Straßenlaternen zudem eine große Frau stehen, mit Schleier und Djellaba.

»’Iibni! ’Iibni! ’Ayn hu? ’Ayn hu?«, schrie sie.

Er konnte genug Arabisch, um die Botschaft zu verstehen. »Mein Sohn! Mein Sohn! Wo ist er? Wo ist er?« Vor ihr kniete ein Polizist und versuchte, sie durch Ziehen am Kleid auf den Boden zu zwingen.

Corso rückte weiter vor bis zur Seite der Türme, wobei er mehrere bewaffnete Polizisten überholte, die blind drauflos schossen. Kugeln pfiffen durch die Luft wie die letzten bengalischen Feuer eines todbringenden Festes. Im Hintergrund ergänzte das Krächzen der Funkgeräte das Chaos.

Er suchte hinter einigen Müllcontainern Deckung – und entdeckte eine Leiche. Das Gesicht war weggeschossen, eine Blutlache verklebte die Rollen der Container und Müllsäcke auf dem Boden. Corso, ein Knie auf dem Boden, kümmerte das nicht. ’Iibni! ’Iibni! ’Ayn hu? ’Ayn hu? Vermutlich war dieser Sohn der Tote.

Er kletterte auf einen der gepflasterten Wälle, der ihn vom Schlachtfeld trennte. Zunächst sah er nichts als Blitze, die die Nacht zerrissen, bis er schließlich die Schuppen der riesigen Schlangenskulptur ausmachen konnte, die den Platz schmückte. Erst da entdeckte er ein verblüffendes Bild: Oberhalb der Parkbänke hing ein Mann an einem Laternenpfahl, den Kopf im rechten Winkel zum Mast.

Lambert und seine Männer hatten sich unter dem ovalen Eingang des Gebäudes verschanzt und schossen immer weiter. Sie trugen schwarze Kleidung und kugelsichere Westen, der einzige Farbklecks waren ihre roten Armbandagen.

Corso lief zu ihnen, doch noch bevor er sie begrüßte, sah er, dass sie halbautomatische HK G36 Sturmgewehre mit 5,56 mm Munition in den Händen hielten. Die Standardwaffe der NATO.

Lambert warf einen Blick über seine Schulter und lachte angespannt.

»Konntest du dir frei nehmen? Du wirst auf deine Kosten kommen.«

5

Wer ist der Erhängte?«, wollte Corso wissen, während er versuchte, den Bullen über die Schulter zu schauen.

»Unser Informant. Der Blödmann hat sich erwischen lassen, nachdem er uns den Tipp gegeben hatte. Er muss uns aber verpfiffen haben. Die Kerle haben uns erwartet.«

Im Licht der Eingangshalle konnte Corso seine Kollegen besser erkennen. Lambert war groß und blass, mit einer strohfarbigen Haarmähne und farblosen Augenbrauen. Seine Haut war vernarbt und seine Zähne faulig. Seine beiden Stellvertreter passten zusammen, denn der eine war vom Hals bis zu den Schläfen mit Mareros-Tattoos verziert, der andere hatte ein »tunesisches Lächeln«, eine Narbe, die sich vom Mundwinkel bis zu seinem Ohr erstreckte, als Andenken an Dealer, die er hinter Gitter gebracht hatte.

»Ich geb dir jetzt die Kurzversion«, kündigte Lambert an. »Hinter der Schlange befinden sich die Brüder Zaraoui samt Komplizen und schießen auf uns. Hinter denen wiederum, neben dem Turm im Hintergrund, haben sich die Freunde des Erhängten verschanzt und ballern ebenfalls. Von Zeit zu Zeit erinnern sich die ersten an die zweiten und brennen ihnen ein paar Kugeln auf den Pelz, ehe sie wieder auf uns losgehen. Dann wieder erinnern sich die im Hintergrund daran, dass auch Polizisten da sind und schicken uns ein paar Salven. Ein wahrlich flotter Dreier.«

Lamberts Heiterkeit hatte einen verzweifelten Unterton. Heute würde es wieder einmal Tote und Verwundete geben, aber nicht einmal einen Kaninchenfurz zugunsten der gerechten Sache.

»Ich habe den Funk abgehört«, sagte Corso. »Einer von uns liegt am Boden?«

»Nur eine oberflächliche Verletzung. Die Zaraouis hingegen haben einen Mann verloren, ein weiterer ist schwer getroffen. Mit ein bisschen Glück liegen hinter der Schlange ein oder zwei Leichen.«

»Wie sieht euer Plan aus?«

»Es gibt keinen Plan. Wir warten auf die Leute vom regionalen Einsatzkommando, die greifen an und verstreuen alle. Wenn wir unbeschadet hier rauskommen, danken wir der heiligen Rita von Cascia.«

»Was ist mit dem Labor?«

»Ein Satz mit X. Während wir alle hier wild rumballern, transportieren manche von denen die Ware längst unter dem Platz ab. Die Mistkerle verteidigen die Zufahrt zur Tiefgarage. Bis die Verstärkung hier ist, ist alles weg.«

Corso hatte eine Idee.

»Es gibt noch einen anderen Zugang.«

»Was?«

»Die Keller haben einen Zugang zur Tiefgarage.«

»Du irrst dich. Wir haben die Pläne hier, die Zugänge sind im Erdgeschoss.«

»Ich habe dir doch gesagt, dass ich hier mal gewohnt habe. Man kann über die Lüftungsschächte der Tiefgarage vordringen.«

Lamberts Blick flackerte zwischen Interesse und Zurückhaltung.

»Die Keller wurden zu einer Moschee umgebaut«, antwortete er. »Man kann nur noch von außen hinein.«

»Deine Leute sollen uns Deckung geben. Die Feuertür ist zehn Meter vor uns, wir müssen an der Wand entlangschleichen.«

Lambert entsicherte sein HK G36 und schrie:

»Habt ihr das gehört, Jungs? Heute Abend gibt es eine Party. Eintritt frei!«

Die Polizisten bezogen ihre Positionen. Auf das Signal ihres Teamleiters hin begannen sie zu schießen, während Lambert und Corso entlang der Vorderseite des Turms geduckt vorwärts schlichen. Als Corso zum Maul der Schlangenskulptur hinüberspähte, die sich mit ihren großen Steinschuppen aus den Platten des Vorplatzes erhob, dankte er Gott dafür, Kriminalbeamter zu sein und diese außergewöhnliche, durch den Tod elektrisierte Existenz erleben zu dürfen.

Lambert blieb stehen. Gleich würden sie die Deckung verlassen. Wieder gab er ein Signal, und sie legten die wenigen Meter zurück, die sie noch von der Feuertür trennten. Mosaiken zerplatzten, in der Dunkelheit suchten Kugeln nach den beiden Männern. Lambert öffnete die Tür zur Kellermoschee mit einem Fußtritt, und beide tauchten hindurch und schalteten ihre Taschenlampen ein. Niemand war zu sehen.

Früher hatte der Raum einmal als Garage für Zweiräder gedient. Corso hatte dort unzählige Nachmittage mit dem Herumschrauben an Mofas verbracht. Jetzt jedoch erschienen Teppiche im Strahl der Taschenlampen, an der Wand gerahmte Koranverse und die göttlichen Namen, außerdem die Mihrab aus Holz, welche die Richtung nach Mekka anzeigte.

Corso nahm sich ein paar Sekunden Zeit, um sich zu orientieren.

»Da entlang!«

Sie durchquerten den Raum schräg nach links bis zum Heizungsraum. Corso versuchte die Tür mit einem Tritt zu öffnen, hatte aber weniger Glück als Lambert, denn das Vorhängeschloss hielt. Der Drogen-Bulle schob ihn beiseite und feuerte einen Schuss auf den Stahlbügel, der sofort wie eine Patronenhülse explodierte. Schüsse in einer Moschee: Vom Sakrileg zur Entweihung.

Sie erreichten einen Verschlag mit einer ganzen Batterie an Knöpfen, Hebeln und Sicherungen. Zwei Meter über dem Boden schützte ein seitliches Gitter den Lüftungsschacht. Lambert kletterte auf die Armaturen und entfernte die Schrauben mit seinem Messer, einem finnischen Puukko, das der Beamte gern beim gemeinsamen Mittagessen im Restaurant präsentierte.

Das Gitter fiel herunter, und Lambert schlängelte sich samt seinem Gewehr in die mit Glaswolle ausgekleidete Röhre. Corso folgte ihm, doch er verspürte Unsicherheit. Hier war er noch nie gewesen, er wusste nicht einmal genau, ob der Schacht tatsächlich zur Tiefgarage führte. Nach wenigen Metern wurde die Dunkelheit bedrückend. Schwitzend überschlug Corso die zurückgelegte Wegstrecke – vermutlich hatten sie ungefähr die Hälfte des Weges zurückgelegt.

Plötzlich schrie Lambert auf. Corso bemerkte, dass sich die Hitze verändert hatte, sie war jetzt bissig und scharf wie ein Tier, das in seiner Höhle aufgeweckt worden war.

»Zurück! Sie haben Feuer gelegt!«

Corso legte den Rückwärtsgang ein, stieß sich mit den Ellenbogen ab und versuchte, mit den Knien eine ähnliche Bewegung zu machen. Rauch, Fasern und Rußpartikel drangen in seine Kehle. Die brennende Glaswolle würde sie in einem Mantel aus Feuer einhüllen.

»Zurück! Scheiße! ZURÜCK!«

In seiner Panik trat Lambert mit den Füßen. Corso bekam die Tritte ab, während er sich mühte, rückwärts zu kriechen wie ein Holzwurm in einem Loch. Endlich spürte er leeren Raum unter seinen Sohlen. Er schob noch einmal nach und stürzte in den Verschlag, in dem jetzt giftige Dämpfe waberten. Nur Sekundenbruchteile später fiel Lambert mit seinen eisenbeschlagenen Stiefeln auf ihn. Die beiden Männer fanden sich hustend und spuckend in einer 69er-Stellung wieder.

»Tür auf!«, keuchte Lambert. »Sonst krepieren wir!«

Mit dem Absatz stieß Corso die Holztür beiseite, und sie schleppten sich auf allen vieren aus dem Verschlag. Zusammengekauert und halb blind spuckten sie Wollfasern und schnappten nach Luft wie Ertrinkende, die im allerletzten Augenblick die Oberfläche erreicht hatten.

Lambert rappelte sich auf und packte Corso an der Jacke.

»Wir müssen hier raus, sonst verbrennen wir in dem Mist!«

Corso warf einen Blick in den Verschlag. Nirgendwo waren Flammen zu sehen. Er brauchte noch einen Moment, ehe er begriff, warum: Die Glaswolle war feuerfest, und der Rauch in der Röhre stammte von einer Brandbombe am anderen Ende.

»Und jetzt?«, fragte Lambert, nachdem Corso ihm seine Überlegung mitgeteilt hatte.