Über das Buch

Ein Mordfall führt Kommissar Pierre Niémans nach Freiburg: Jürgen von Geyersberg, Erbe eines gigantischen Vermögens, wurde auf den französischen Ländereien der jagdbegeisterten Familie tot aufgefunden – wie ein Wild erlegt und »aufgebrochen«. Ein zweiter Mord in selber Manier geschieht. Niémans findet heraus, dass in der Vergangenheit mehrere Söhne der Familie spurlos verschwanden. Ein Fluch? Als er dem abgründigen Geheimnis der Familie auf die Spur kommt, gerät Niémans selbst in Todesgefahr …

Über den Autor

Jean-Christophe Grangé, 1961 in Paris geboren, war als freier Journalist für verschiedene internationale Zeitungen (Paris Match, Gala, Sunday Times, Observer, El Pais, Spiegel, Stern) tätig. Für seine Reportagen reiste er zu den Eskimos, den Pygmäen und begleitete wochenlang die Tuareg. »Der Flug der Störche« war sein erster Roman und zugleich sein Debüt als französischer Topautor im Genre des Thrillers. Jean-Christophe Grangés Markenzeichen ist Gänsehaut pur. Frankreichs Superstar ist inzwischen weltweit bekannt für unerträgliche Spannung, außergewöhnliche Stoffe und exotische Schauplätze. Viele seiner Thriller wurden verfilmt. In Deutschland bereits erschienen sind seine Romane »Der Flug der Störche«, »Die purpurnen Flüsse«, »Der steinerne Kreis«, »Das Imperium der Wölfe«, »Das schwarze Blut« und »Das Herz der Hölle.«

JEAN-CHRISTOPHE GRANGÉ

DIE LETZTE
JAGD

Thriller

Übersetzung aus dem Französischen von
Ulrike Werner

LÜBBE

I

Die Spur

1

Keine Erinnerung. Oder fast keine.

Als man ihn von oben bis unten aufgeschlitzt und ausgeblutet aus dem Bach gefischt hatte, war er mit Wasser gefüllt wie der Lederschlauch eines Trappers. Zu diesem Zeitpunkt war er noch bei Bewusstsein gewesen – falls man den Zustand überhaupt so bezeichnen konnte.

Erst im Krankenwagen war er ins Koma gefallen. Zwei Wochen lang. Zwei Wochen Nichts, ehe tief in seinem Gehirn ein Licht aufglomm. Sein Bewusstsein war wie ein Brunnen mit milchigem Wasser, aus dem unscharfe Dinge, amorphe Kreaturen und Lebensfragmente auftauchten … In diesem Stadium schien ihm diese Brühe aus Sperma zu bestehen.

Später wurde die Analogie zu Milch offensichtlicher, als ihm eine berühmte Episode der indischen Kosmogonie in den Sinn kam. In den Tempeln von Angkor hatte er einst Fresken bewundert, Darstellungen von Göttern und Dämonen, die ein Meer aus Milch aufwühlten, um wunderbare Kreaturen hervorzubringen. In seinem Gehirn jedoch rief dieser Tanz nur Erinnerungen an Gewalt, Gesichter von Mördern und nicht verarbeitete Niederlagen hervor – all die Dinge, die das Gedächtnis eines Kriminalbeamten bevölkern.

Zur großen Überraschung der Ärzte kam er schließlich wieder zu sich. Der Tanz der Götter setzte sich fort, jetzt aber im wirklichen Leben, und die Zeit floss durch ihn hindurch wie durch ein löchriges Behältnis. Nächte und Tage waren austauschbar, alle Empfindungen für immer unter Gips und Narkose begraben. Die Ärzte hielten das für ein gutes Zeichen.

Noch etwas später konnte er sich im Bett aufsetzen und Fragen stellen.

Zunächst erkundigte er sich nach Fanny Ferreira, der Frau, die ihn bis zur Kehle aufgeschlitzt hatte. Sie hatte den gemeinsamen Tango in der eisigen Strömung nicht überlebt. Man hatte sie zusammen mit ihrer Zwillingsschwester an einem geheimen Ort wenige Kilometer von Guernon entfernt begraben. Den unheilvollen Schwestern war die Bestattung auf einem Friedhof verwehrt geblieben.

Dann fragte er nach Karim Abdouf, seinem bei dieser schrecklichen Ermittlung eher unfreiwilligen Helfer. Abdouf hatte hastig seine Berichte zu dem Fall verfasst, sie den Gendarmen vor die Nase gehalten und anschließend den Dienst quittiert. Angeblich war er in seine Heimat zurückgekehrt. Niémans hakte nicht weiter nach: Er wusste, dass Karim staatenlos war. Er versuchte auch nicht, ihn zu kontaktieren, denn letztendlich hatten sie sich außer schlimmen Erinnerungen nicht viel zu erzählen.

Es war Zeit geworden, in die Welt der normalen Menschen zurückzukehren. In seinem Krankenzimmer hatten sich die ranghöchsten Kriminalbeamten und leitenden Beamten der Nationalgendarmerie die Klinke in die Hand gegeben, um ihm zu gratulieren. Als man ihm einen Orden an den Pyjama heftete, kam er sich vor wie ein toter, auf Kork aufgespießter Schmetterling. Sogar die Farbe stimmte.

Die Sozialversicherung erklärte ihn für schwerbehindert. Er konnte seinen Job als Kriminalkommissar im Außendienst nicht mehr ausüben und sollte eine Berufsunfähigkeitsrente erhalten. Niémans begann sich zu fragen, ob es nicht besser gewesen wäre, mit Fanny im Gletscherwasser unterzugehen.

Aber die französische Regierung lässt niemanden im Stich, sie recycelt jeden. Nach seiner Genesung bot man Niémans einen Lehrauftrag an der Polizeiakademie Cannes-Écluse an. Warum sollte er den nicht annehmen? Er hatte das Gefühl, dass seine Erfahrung den auszubildenden Polizisten zugutekommen könnte.

Nach drei Jahren jedoch gab man ihm zu verstehen, dass seine Vorstellung von diesem Beruf nicht den »gängigen Kriterien« für das Amt entsprach, wie man es formulierte. Man speiste ihn wieder in den Kreislauf, allerdings nur an den Rand. Consultant, Berater, Mediator – die Bezeichnung spielte keine Rolle, Hauptsache, er blieb auf der Ersatzbank.

Körperlich hatte er sich vollkommen erholt. Die psychische Seite stand auf einem anderen Blatt. Er lebte mit einer Art nassem Sack auf dem Rücken, jener Art von Last, die gemeinhin als »Depression« bezeichnet wird, mit den üblichen Symptomen wie Magenbeschwerden, Schüttelfrost und einem Kloß im Hals. Ständig hatte er nah am Wasser gebaut und verspürte fast ununterbrochen ein geradezu überwältigendes Bedürfnis nach Schlaf, als könne er auf diese Weise seinem elenden Zustand entkommen.

So vergingen zwei weitere Jahre zwischen Frustration und Müdigkeit, Herabwürdigung und Gleichgültigkeit, bis zu jenem Tag, an dem seine ehemaligen Gefährten – diejenigen, die in der Hierarchie aufgestiegen waren – sich an ihn erinnerten.

»Der Plan ist folgender«, erklärte man ihm, »in Frankreich geschehen immer verrücktere Verbrechen, und die Bullen kommen mit der Bearbeitung nicht nach. Wir möchten eine zentrale Stelle einrichten, die von Paris aus Beamte im ganzen Land einsetzt. Erfahrene Polizisten, die die Gendarmerie bei Bedarf unterstützen.«

»Na super! Wie viele Leute habt ihr dafür vorgesehen?«

»Im Moment bist du der Einzige. Es handelt sich eher um eine Testphase als um ein offizielles Projekt.«

Was ihr nicht sagt. Allein schon der Gedanke, der zuständigen Gendarmerie einen externen Bullen zur Seite zu stellen, war wider den gesunden Menschenverstand. Niemand glaubte, dass das funktionieren würde, und niemand konnte sich erinnern, welche Abteilung diesen Plan ausgeheckt hatte.

Aber wer war für ein tot geborenes Konzept besser geeignet als ein Gespenst? Das Problem bestand lediglich darin, dass Niémans den Scherz ernst nahm. Er beantragte sogar eine Assistentin.

»Na, vollgetankt?«

Ivana beugte sich zum Fenster des Volvo hinunter, beladen mit Salat to go, Müsliriegeln, Mineralwasser und allem, was eine Tankstelle einer wunderlichen Veganerin bieten konnte.

Niémans schüttelte sich und stieg aus, um seiner Pflicht nachzukommen. Er tankte, während er über seine unmittelbare Wirklichkeit nachdachte: Er befand sich auf einer deutschen Autobahn, und der Herbst hatte gerade angefangen, der Nachmittag zeigte sich so rot glühend wie ein Gemälde von Rothko. Er fühlte sich nicht unwohl, war aber auch nicht gerade auf dem Gipfel des Wohlbefindens.

Auf dem Weg zur Kasse dachte er darüber nach, dass seine Stimmung eigentlich besser sein müsste, schließlich ging es nach Monaten voller Papierkram, Statistiken und Akten, welche die Gendarmerie nur äußerst zurückhaltend verschickt hatte, endlich zurück in den Außendienst.

Das Seltsame an dem Einsatz war, dass sie nach Deutschland geschickt wurden, nach Freiburg im Breisgau im schönen Schwarzwald. Sie waren bei Tagesanbruch in Paris losgefahren und erreichten Colmar bereits gegen zehn Uhr – Geschwindigkeitsbegrenzungen interessierten Niémans schon aus Prinzip nicht.

Der Staatsanwalt beim Landgericht in Frankreich hatte ihnen mitgeteilt, dass der Mord, den sie untersuchen sollten, im Wald bei Trusheim im Elsass begangen worden war. Das Opfer, die Verdächtigen, die Zeugen und alle anderen Involvierten allerdings waren Deutsche. Nun war die Gendarmerie des Departements Haut-Rhin für den französischen Teil zuständig, Niémans und Ivana sollten sich um die Ermittlungen in Deutschland kümmern.

Dieser Mitteilung folgten lange Ausführungen zu Vereinbarungen zwischen den Polizeiinstitutionen der europäischen Länder, die es ihnen ermöglichten, in Zusammenarbeit mit dem Landeskriminalamt von Baden-Württemberg auf deutschem Gebiet zu arbeiten.

Niémans hatte nichts davon wirklich begriffen, machte sich darüber aber keine Gedanken. Er wusste, dass Ivana im Gegensatz zu ihm, der die schwer verständlichen Erklärungen lediglich über sich ergehen ließ, die Akte der elsässischen Gendarmen an sich genommen hatte und nun jedes Detail auswendig lernte, um ihn später darüber zu informieren.

Während er zahlte, schaute er durch das Fenster zu ihr hinüber. Sie räumte im Auto herum und verteilte ihren Proviant um den Beifahrersitz, als wäre er Munition für einen Panzer.

Ivana Bogdanović.

Die Nummer zwei des Duos.

Sie war das Beste, was ihm seit seiner Rückkehr aus der Leere passiert war.

2

Ihr Style hatte ihm von der ersten Sekunde an gefallen.

Die Wildlederjacke, die sie ständig trug, nahm im Licht die Farbe eines Eichhörnchens an, im Schatten war sie maulwurfsgrau. Ihre Jeans waren abgetragen, ihre Stiefel zerschlissen und ihre Haare rot. Irgendwie passte alles zusammen. Es verströmte Wärme, eine Wärme, die sowohl an die Melancholie welker Blätter als auch an die Vitalität pulsierender Adern erinnerte.

Sie war nicht sehr groß, aber extrem schlank. Man hätte sie auch als schmächtig bezeichnen können, doch dieser Begriff stand eher für Schwäche, und dem standen ihr Knochenbau und vor allem die ausgeprägten Muskeln direkt unter der Haut entgegen. Ihr Erscheinungsbild einer gehäuteten Katze sprach eher für einen unbändigen Überlebenswillen. Es hatte eine Katastrophe gegeben, ja, aber das, was im Anschluss übrig geblieben war, zeugte von einer ungeheuren Intensität.

Knochen, Muskeln, Wut.

Ihre sehr helle Haut einer Rothaarigen ließ ihn an die Messer der Inuit denken, die aus einem einzigen Stück Elfenbein geschnitzt werden, dessen eines Ende geschärft ist, während das andere perfekt in der Hand liegt. Niémans wusste nicht, wie Ivana sich in die Arme ihrer Liebhaber einschmiegte, aber er war sicher, dass sie nachts so heißblütig und scharf sein konnte, wie sie tagsüber hart und kalt erschien.

Ivana hatte seine Vorlesungen an der Polizeiakademie in Cannes-Écluse besucht. Als er sie das erste Mal aufrief, sprach er ihren Namen falsch aus.

Sie korrigierte ihn, fügte jedoch sofort hinzu: »Aber Sie können mich nennen, wie Sie wollen.«

Der Satz klang keineswegs unterwürfig, sondern im Gegenteil äußerst stolz. Die junge Frau fühlte sich über derartige Kleinigkeiten erhaben und stand über ihnen.

Im Laufe der Monate konnte er ihre herbe Schönheit immer deutlicher entdecken, darunter ihre hohen Wangenknochen, ihre wie mit dem Tuschpinsel gezeichneten Augenbrauen. Und dieses rote Haar, das ihn faszinierte und ihn aus irgendeinem unerfindlichen Grund an Abenddämmerungen auf Ibiza, Hippiepartys und LSD-selige Meditationen erinnerte. Allesamt Dinge, die er im Allgemeinen ablehnte, die ihn im Zusammenhang mit Ivana aber plötzlich ansprachen.

In Wirklichkeit aber war dieser ganze Prozess des Entdeckens großer Quatsch, Niémans hatte damit nur versucht, sich etwas vorzumachen, und nur so getan, als wäre er erstaunt. In Wirklichkeit aber kannte er Ivana schon sehr lange und wusste, wozu sie fähig war. Beide wollten ihr erstes Zusammentreffen vor vielen Jahren vergessen und bei null anfangen.

»Wo ist mein Kaffee?«, fragte er und drehte den Zündschlüssel.

Sie zeigte auf einen Becher im Getränkehalter.

»Kaffee ist nicht gut für die Gesundheit. Ich habe Ihnen einen Tee besorgt.«

Murrend fuhr Niémans los. Ivana machte es sich auf ihrem Sitz gemütlich und stocherte mit einer Plastikgabel in ihrem Quinoa-Salat herum. Als sie die Absätze gegen das Armaturenbrett aus Nussbaumwurzel stemmte, hätte der Polizist beinahe aufgeschrien, nahm sich aber zusammen.

Eine derartige Schmähung seines Volvo Kombi hätte er bei niemand anderem toleriert, bei Ivana allerdings … Er setzte sich in seinem Sitz zurecht, umfasste das Lenkrad und gab Vollgas. Doch, er fühlte sich wohl. Glücklich und leicht mit diesem Kind neben sich, das mit zweiunddreißig noch an den Nägeln kaute. Er genoss Ivanas Anwesenheit und ihren Duft nach Puffreis, der eher dem Geruch einer Kindercreme ähnelte als dem einer Femme fatale.

Niemand hatte verstanden, dass er Ivana Bogdanović als Assistentin auswählte. Die junge Frau verfügte als Lieutenant zwar über alle erforderlichen Qualifikationen, aber … sie war eine Frau. Unter den Kollegen hielt sich das Gerücht, dass Niémans ein alter Macho war, ziemlich frauenfeindlich und auf jeden Fall ein Phallokrat. In seinen Augen hatte ein Polizist ein Mann zu sein, so einfach war das.

Niémans selbst amüsierte sich über diesen Ruf, der ganz und gar nicht der Wahrheit entsprach, denn zu Frauen hatte er eine viel komplexere Beziehung. Er hatte nie geheiratet, aber nicht aus Verachtung oder Gleichgültigkeit, es war eher ein mit Furcht gemischter Respekt.

Was jedoch Ivana betraf, brauchte er nicht lange nachzudenken. Ihre Fähigkeiten im Bereich Polizeiarbeit waren die besten, die er je erlebt hatte. Ihre Examensnoten in Cannes-Écluse sprachen für sich, und ihre Leistungsbilanz in den darauffolgenden Jahren bedurfte keiner weiteren Erklärung. Alles passte perfekt, denn er hätte sich ohnehin niemanden anderen ausgesucht.

»Hier raus?«, fragte Niémans, als die Ausfahrt Freiburg-Mitte angezeigt wurde.

»Genau.« Ivana nickte und pickte in ihrem Schälchen herum wie ein hungriger Vogel.

Niémans beschleunigte.

»Okay, und was ist jetzt mit dem Briefing?«

3

Laut dem amerikanischen Magazin Forbes steht die Dynastie von Geyersberg an zwanzigster Stelle der reichsten Familien Deutschlands. Ihr Vermögen beläuft sich auf etwa zehn Milliarden Dollar. Es handelt sich um eine Adelsfamilie aus Baden-Württemberg, die ihr Geld mit Automobilzubehör gemacht hat. Das Unternehmen VG gilt als unverzichtbarer Partner aller deutschen Autohersteller.«

»Wer ist der Tote?«

Es mochte unwahrscheinlich erscheinen, aber Niémans hatte nicht die Zeit gehabt, die Akte auch nur zu öffnen.

»Er hieß Jürgen, war vierunddreißig Jahre alt und zusammen mit seiner Schwester Laura Haupterbe des Unternehmens. Seine Leiche wurde am vergangenen Sonntag im Wald von Trusheim im Elsass gefunden.«

»Wieso im Elsass?«

Das Eichhörnchen hatte seine Mahlzeit beendet. Ivana stopfte die leere Plastikschale in die Tasche und packte ihr iPad aus.

»Ein- bis zweimal im Jahr lädt die Familie von Geyersberg die Crème de la Crème der regionalen Aristokratie und ihre wichtigsten Unternehmenspartner zu einer großen Hetzjagd ein. Samstags essen alle gemeinsam im Jagdschloss der Familie zu Mittag. Darauf folgen die Vorbereitungen, die Gäste übernachten vor Ort, und am Sonntagmorgen wird mit großem Tamtam der Rhein überquert.«

»Aber warum ziehen sie ins Elsass?«

»Weil in Deutschland Hetzjagden seit den 1950er-Jahren verboten sind.«

Ivana klickte auf ihrem iPad herum, die Füße immer noch auf dem Armaturenbrett.

»Während der Jagd verirrten sich zwei französische Gäste im Wald und entdeckten die Leiche des Grafen. Sein Kopf lag ein paar Meter entfernt.«

Ohne das Tempo zu drosseln, warf Niémans hastig einen Blick auf das Foto. Das Motiv war nicht gerade appetitlich: Eine grünliche Leiche lag mit schwarzer, klaffender Kehle im Morast. Der Brustkorb wies eine lange, vertikale Wunde auf.

»Laut Autopsiebericht hat der Mörder die Eingeweide des Opfers gestohlen«, fuhr Ivana fort.

Das nächste Foto zeigte den Kopf auf einem Teppich aus Blättern.

»Was hat er da im Mund?«

»Einen Eichenzweig. Eine kleine Aufmerksamkeit des Mörders.«

Dieses Detail erinnerte ihn an etwas, doch er zog es vor zu schweigen – bloß keine voreiligen Äußerungen, vor allem nicht in Gegenwart einer Assistentin, die so tickte wie Ivana.

»Gibt es weitere Verletzungen?«

»Ja, zwei etwas merkwürdige Verstümmelungen. Der Mörder hat sein Opfer kastriert und anschließend einen Schnitt um den Anus gemacht, als hätte er die Genitalien durch dieses Loch herausgezogen.«

»Wurden die Genitalien gefunden?«

»Nein. Vielleicht waren sie eine Art Trophäe. Auch eine Vergewaltigung durch die Öffnung kann nicht endgültig ausgeschlossen werden, allerdings wurde kein Sperma gefunden. Außerdem ist die Aushöhlung zu groß für einen normalen Penis. Falls es zu einer Vergewaltigung gekommen sein sollte, ist unser Mörder entweder ausgestattet wie ein Stier oder er hat einen Tonfa benutzt.«

Ivana sprach in beschwingtem, fast beiläufigem Ton. Sie beliebte, über den Tod zu scherzen.

»Wann wurde der Tote zuletzt gesehen?«

»Samstagmittag. Er verschwand am Nachmittag und tauchte erst am Sonntagmorgen am Fuß dieser Eiche wieder auf.«

»Besteht ein Verdacht gegenüber den beiden Franzosen?«

»Nicht der geringste. Sie sind übrigens Hersteller von elektronischen Fahrzeugkomponenten und kommen aus Straßburg.«

»Was hat die Gendarmerie bisher herausgefunden?«

»Gar nichts. Die Ermittlungen am Tatort haben nichts ergeben. Es gab weder Fingerabdrücke noch irgendwelche menschlichen Hinterlassenschaften.«

»Auch keine Fußspuren?«

»Nein. Der Untergrund wurde in einem Radius von zwei bis drei Metern gründlich gefegt. Jenseits davon könnte man meinen, der Mörder hätte sich in Luft aufgelöst. Laut Rechtsmedizin wurde Jürgen am Sonntagmorgen vor Sonnenaufgang getötet. Später hat es geregnet, und Blätter fielen. Vielleicht hat der Mörder auf Wind gewartet, ehe er den Tatort verließ, oder er ist auf Bäume geklettert.«

Niémans spürte eine gewisse Anspannung, eine Art vielschichtiger Neugier auf dieses Raubtier, das der Natur näherzustehen schien als der modernen Zivilisation. Auf jeden Fall passte das zu seinem ersten Bauchgefühl. Der Eichenzweig, die Verstümmelung der Analregion. Der Bauernhof …

»Haben unsere Gendarmen die Aristokraten vernommen?«

»Den ganzen Sonntag über. Niemand hat etwas gehört oder gesehen, weil alle nur auf ihre Beute konzentriert waren. Es waren ja auch nur schlappe fünfzig Typen und ungefähr hundert Hunde, die einen Hirsch hetzten …«

Niémans kannte Ivanas unerbittliche Einstellung und fürchtete sich ein wenig vor dieser Ermittlung in der Welt der Jäger. Aber jetzt war keine Zeit für Kontroversen. Gerade fuhren sie durch einen hinreißenden Wald, eine wahre Feuersbrunst aus grünen Flammen unter einem absolut reinen Himmel.

»Könnte der Mörder einer der Gäste der Familie von Geyersberg gewesen sein?«

»Wenn dem so wäre, dann hätte er mitten in der Nacht den Rhein überqueren müssen, um in den Wald von Trusheim zu kommen, und danach wäre er nach Deutschland zurückgekehrt, um am nächsten Morgen mit der ganzen Truppe wieder nach Frankreich überzusetzen.«

»Warum denn nicht?«

»Klar, möglich wäre es schon, aber ziemlich kompliziert. Die eigentliche Frage ist, was der Graf mitten in der Nacht in diesem Wald zu suchen hatte.«

»Vielleicht war er hinbestellt worden?«

»Der letzte Anruf von seinem Handy erfolgte am Samstag um 15:23 Uhr.«

»Wen hat er angerufen?«

»Seine Schwester. Das Gespräch dauerte nur wenige Sekunden.«

»Was ist mit den Verbindungsdaten der Gäste und den Anrufen in der Umgebung?«

»Das war schnell überprüft. Der Wald gehört auf beiden Seiten der Grenze der Familie von Geyersberg. An Wochenenden ist das Telefonieren dort verboten, angeblich erfordert die Hetzjagd maximale Konzentration. Außerdem funktionieren Handys nicht überall.«

»Warum?«

»Weil die Familie Störsender installiert hat. Ihr Wald soll ursprünglich bleiben. Naturschutz im wahrsten Sinne des Wortes.«

Ivana überflog die Verhörprotokolle des LKA.

»Kannst du etwa Deutsch?«, fragte Niémans überrascht.

»Ich hatte es als zweite Fremdsprache im Gymnasium.«

»Offenbar waren wir nicht auf derselben Schule. Meine Fremdsprachenkenntnisse beschränken sich auf Englisch, du wirst auf unserer Reise also genug zu tun haben. Irgendwelche Hinweise auf ein Motiv?«

»Da bietet sich eine ganze Menge an, zum Beispiel Geld, Eifersucht, berufliche Konkurrenz. Wie schon gesagt: Die Familie ist mehr als zehn Milliarden Dollar schwer. Seit dem Tod ihrer Eltern führen die Geschwister das Unternehmen mit strenger Hand.«

»Wer erbt?«

»Ganz klar ist das noch nicht, aber wie es aussieht, gehört der Jackpot wohl Jürgens Schwester Laura.«

»Wie alt ist sie?«

»Zweiunddreißig.«

»Wurde sie verhört?«

»Sie hat ein Alibi für die Nacht von Samstag auf Sonntag. Sie war mit einem Typen aus ihrer Firma zusammen. Wie dem auch sei: Jürgen und Laura waren unzertrennlich. Wir werden Laura heute noch treffen und uns dann selbst ein Urteil machen.«

»Wer kommt noch infrage?«

»Konkurrenzfirmen, andere Familienmitglieder, Aktionäre. Das Unternehmen VG ist ziemlich komplex strukturiert, und es gibt eine Menge Leute, denen dieser Tod ganz gelegen kommt.«

Ein Opfer mitten im Wald, geköpft, die Eingeweide und Genitalien gestohlen – eine solche Vorgehensweise entsprach kaum der eher beherrschten Welt industrieller Konflikte und finanzieller Interessen.

»Es gibt übrigens noch etwas Exotisches«, fuhr Ivana fort. »Der kleine Graf stand auf SM. Er besuchte einschlägige Clubs in Stuttgart und holte sich Professionelle nach Freiburg.«

»Ich wage zu bezweifeln, dass man ihn enthauptet hat, weil er sich gern den Arsch versohlen ließ. Wir beide sind doch nun wirklich mit diesem Milieu vertraut, so was kann man doch höchstens als Doktorspielchen des Verbrechens bezeichnen.«

Sofort bereute er seinen gönnerhaften Ton. Erstens, weil es jedem freistand, seine Lust nach eigenem Gutdünken zu befriedigen, aber vor allem, weil es keinen Grund gab, etwas herunterzuspielen, das nicht wirklich gewalttätig war. Denn gerade diese Mischung aus Faszination und Bewunderung, mit der die moderne Gesellschaft vergiftet wird, fördert die echten Verbrechen.

»Da bin ich anderer Meinung«, antwortete Ivana. »Vielleicht ist Jürgen auf eine falsche Nummer hereingefallen. Außerdem ist man genau in diesen Momenten ja sehr leicht verwundbar.«

Die Vorstellung eines solchen Szenarios beantwortete allerdings nicht die Hauptfrage: Warum im Wald? Wie im Versuch einer ersten Antwort führte die Straße nun über die Höhen des Schwarzwalds, einer Bergkette, die vollständig mit einer Art funkelndem Fell bedeckt war, von dem behauptet wurde, er spiele aus einer gewissen Entfernung ins Schwärzliche.

Jetzt allerdings, in der hellen Nachmittagssonne, sah die endlose Reihe aus Hügeln, Tälern und geschwungenen Linien aus wie ein sattgrünes Meer aus Pflanzen, in dem man sich verlieren konnte. Ein gigantisches Labyrinth aus Straßen und Wegen unter einer lustvoll erigierten Vegetation, in der sich ein Raubtier verborgen hielt.

»Gibt es sonst noch ein mögliches Motiv?«

»Ein politisches Attentat«, sagte Ivana.

Niémans wurde sofort klar, dass einiges für dieses Motiv sprach.

»War er denn in der Politik?«

»Nein. Aber er war passionierter Jäger wie alle Mitglieder seiner Familie.«

»Na und?«

»Die Familie von Geyersberg besitzt Tausende Hektar Wald, einzig zu diesem Zweck. Sie haben Grundstücke aufgekauft, sich um entsprechende Verordnungen gekümmert und die Landwirtschaft verbannt – nur um einen noch größeren Spielplatz zu schaffen.«

»Du hast mir doch eben erklärt, dass sie zur Jagd nach Frankreich gehen müssen.«

»Hetzjagd ist in Deutschland verboten, aber die Familie übt auch alle anderen Arten von Jagd aus, darunter die Ansitzjagd, die getriebene Jagd …«

»Es heißt ›Treibjagd‹.«

»Ich habe von so was keine Ahnung«, erklärte Ivana mit einer Mischung aus Ekel und Stolz. »Jedenfalls war Jürgen mit all seiner Widerlichkeit der geborene Jäger und lebte nur für seine Gier nach Blut.«

»Dann hat er sich also von Antijagdaktivisten oder wütenden Bauern abmurksen lassen?«

Sie lächelte wissend, als hätte sie eine Idee. Niémans gefiel es, wie sie schalkhaft den Hals einzog.

»Die Antijagdaktivisten sind in dieser Gegend ziemlich rege.«

»Aber es verlangt einiges mehr, jemanden zu enthaupten.«

»Vielleicht hat jemand seinen Tod inszeniert, um ein Exempel zu statuieren.«

Niémans zog es vor, sich auf bewährteres Terrain zurückzuziehen: »Wie wäre es mit einem Verrückten? Jemand, der mordet, ohne sein Opfer zu kennen? Einfach nur, weil er wahnsinnig ist? Jemand, dem Jürgen vielleicht zufällig über den Weg gelaufen ist?«

»Die Gendarmerie hat alle Akten gesichtet, sowohl im Elsass als auch in Baden-Württemberg. Es gibt keine weiteren Morde dieser Art, und keine Anstalt vermisst einen Patienten. Falls es sich um einen psychopathischen Mörder handelt, wäre dies sein erstes Mal. Allerdings gibt es etwas, das für diese Hypothese spricht.«

»Nämlich?«

»Der Mond. Als unser Milliardär ausgeweidet wurde, war Vollmond.«

Genau das war Niémans’ Droge. Das Blutige, das Abgedrehte, das Unerklärliche. Ihn durchfuhr ein Schauder, der sich in Zittern verwandelte. Seit er dem Tod ins Auge gesehen hatte, fror er ständig, als hätte sein Körper nie wieder seine ursprünglichen Fähigkeiten zurückerlangt.

»Wie hat sich die Familie geäußert?«

»Die deutsche Polizei hat bisher kaum gewagt, sie zu befragen. Das ist einer der Gründe, weshalb wir dazugerufen wurden: Für uns ist es einfacher, den Clan zu verhören. Biegen Sie in die nächste Straße rechts ab.«

»Wo genau fahren wir eigentlich hin?«

»Zu dem Arzt, der bei der Obduktion dabei war.«

»›Dabei war‹? Was meinst du damit?«

»Die Familie von Geyersberg hat verlangt, dass ihr Hausarzt der Autopsie beiwohnt.«

»Was sind denn das für Faxen?«

»Sie hatten eine Ausnahmegenehmigung. Schengen funktioniert auch in Bezug auf Leichen, und die Familie von Geyersberg hat großen Einfluss. Biegen Sie hier links ab.«

Niémans folgte ihrer Anweisung und fand sich auf einem steinigen, sehr schattigen Weg wieder. Grünbraune Bäume schlossen ihre Wipfel eng zusammen, als bauten sie sich gegenseitig eine Räuberleiter in den Himmel.

»Ich verstehe nicht ganz. Fahren wir nicht in ein Krankenhaus?«

»Immer geradeaus.«

4

Plötzlich teilte sich der Weg und gab den Blick auf den See frei. Er lag ein Stück unterhalb wie ein gigantischer, in der Sonne funkelnder Spiegel, dessen Konturen sich in einem Saum aus schwarzen Tannen verloren. Die Farbe des Wassers schwankte zwischen Stahl und Schiefer und erinnerte an eine harte, kompakte, undurchdringliche Masse.

»Der Titisee«, verkündete Ivana sichtlich stolz auf die Überraschung.

Niémans betrachtete die Chalets an den Flanken der Hügel rings um das Gewässer. Die nagelneuen, auf altmodisch getrimmten Holzhütten vermittelten den Eindruck geruhsamer Zeitlosigkeit. Ein Anblick, der sich als Bild auf einer Schokoladentafel eignen würde.

Sein Blick wanderte zurück zu dem perfekten Chromglanz der Wasseroberfläche. Der See sah aus wie die Schürfstelle eines besonderen Erzes, aus dem die Bomben der Luftwaffe hergestellt werden könnten.

Der Weg beschrieb eine Kurve, der See verschwand, und sie drangen erneut in den Tunnel aus Nadelgehölzen ein. Niémans hatte nicht die geringste Ahnung, wohin es ging.

»Wir fahren zu Philipp Schüller«, erklärte Ivana. »Er lebt in einem Forschungszentrum, das der Max-Planck-Gesellschaft angegliedert ist. Die Wissenschaftler dort leben in einer Gemeinschaft und fast vollkommen autark. Die Labore werden mit Solarenergie betrieben, sie bauen ihr eigenes Gemüse an und stellen ihre eigene Seife her.«

»Genial.«

Niémans konnte gar nicht anders, als alles, was mit Ökologie und deren Verfechtern einherging, spöttisch zu kommentieren, obwohl er genau wusste, dass diese auf der richtigen Seite der Zukunft standen.

Wie zur Bestätigung waren in der Landschaft plötzlich keine Anzeichen modernen Lebens mehr zu sehen, weder Leitungsmasten noch irgendwelche andere Spuren menschlichen Wirkens. Hier herrschte nur noch die Natur, hoheitsvoll mit ihrer kühlen Gleichgültigkeit.

Nun ging es hinunter in ein kleines Tal. In dessen Mitte lag ein Komplex aus mehreren Bauernhöfen, umgeben von einer mit wildem Wein überwucherten Einfriedung.

»Bist du sicher, dass wir hier richtig sind?«, erkundigte sich Niémans verwirrt. »Es sieht eher aus wie eine Käserei. Machen die hier vielleicht Ziegenkäse?«

»Es gibt keinen Grund für Sarkasmus, Niémans. Leuten wie denen hier gehört die Zukunft.«

»Sieh mal einer an«, frotzelte er. »Da vorne kommt uns schon einer von den sieben Zwergen entgegen.«

Der Mann hatte zwar Bart und Bauch wie ein Zwerg, aber je näher er kam, desto mehr nahm er die Größe eines durchschnittlichen Menschen an. Mit seiner runden Brille, dem Stock in der Hand und dem fröhlichen Blick in seinem rosigen Gesicht hätte er in der Tat zu Schneewittchens kleiner Bande gehören können – halb Professor, halb lustiger Geselle.

»Fahr langsamer«, warnte Ivana. »Das muss Schüller sein. Ich habe ihm unseren Besuch angekündigt.«

Niémans bremste und kam neben ihrem Gastgeber, der vor dem Tor der Einfriedung wartete, zum Stehen.

»Es tut mir leid«, sagte der Mann und beugte sich zum Fahrerfenster hinunter. »Im Dörfchen sind Autos nicht gestattet.«

Er sprach ein perfektes Französisch, allenfalls mit einem ganz leichten deutschen oder elsässischen Akzent.

»Das Dorf ist Landschaftsschutzgebiet«, fügte er hinzu und zeigte auf ein planiertes Geviert. »Hier, das ist unser Privatparkplatz.«

Als Niémans aus dem Volvo ausstieg, bemerkte er, dass die lang gestreckten Häuser innerhalb der Einfriedung, die umgebende Mauer und die unterschiedlichen Baumarten rings um das Dörfchen einen Garten von geradezu japanischer Harmonie ergaben. Der Komplex war offenbar bewusst sowohl farblich als auch gestalterisch so ausgewogen angelegt, dass er ein Gefühl von Ausgeglichenheit vermittelte.

Sie stellten sich gegenseitig vor, dann folgten die Polizisten Schüller durch das Tor. Alle Zeichen standen auf Grün: Moos, Farne und Brennnesseln waren wie Ornamente rings um die Veranda verteilt. Mit jedem Schritt nahm der starke Geruch nach Gülle zu. Forschung für die Zukunft? Ernsthaft?

Im Innenhof verstärkten sich Niémans’ Zweifel daran noch, denn hier wuschen Frauen ihre Wäsche mit der Hand in Zinkwannen, und Männer schoben Karren mit Kompost, andere – alle bärtig – saßen um einen langen Holztisch und palten Erbsen.

»Lassen Sie sich vom Schein nicht täuschen.« Schüller lächelte. »Unsere Forscher gehören zu den besten in ganz Europa. Unter uns ist sogar ein Nobelpreisträger!«

»Und woran genau arbeiten Sie?«

»Biologie, Physik und Genetik. Wir suchen nach Lösungen für ökologische Probleme.«

Nun meldete sich auch Ivana zu Wort: »Aber Sie sind auch der Hausarzt der Familie von Geyersberg?«

»Das kommt doch auf das Gleiche raus, oder?«, erwiderte Schüller verschmitzt, schien die Bemerkung jedoch sofort zu bereuen.

»Entschuldigen Sie«, fuhr er hastig fort, »jetzt ist nicht die richtige Zeit für Scherze. Armer Jürgen … Sie müssen wissen, dass ich schon bei seiner Geburt dabei war. Bitte, hier entlang.«

Schüller wandte sich zum Hauptgebäude, über dessen Tür eine Glocke und ein schmiedeeiserner Storch hingen. Niémans konnte den Blick nicht von den hochrangigen Wissenschaftlern abwenden, die ihn an eine Gruppe von Hippies aus den 1970er-Jahren erinnerten.

Der Arzt öffnete eine schwere Tür und streifte auf der Steintreppe seine Gummistiefel ab. Drinnen waren lange Reihen von Filzpantoffeln zu sehen.

»Es macht Ihnen hoffentlich nichts aus, Ihre Schuhe auszuziehen? Treten Sie ein.«

5

Sie betraten eine Küche wie aus einem anderen Jahrhundert. Der Boden war gefliest, und neben einem zimmerhohen Kamin standen Regale mit Kupfertöpfen. In der Mitte des Raumes befand sich ein großer Tisch, über dem kleine Lampen mit matten Glasschirmen hingen. Durch die halb geschlossenen Fensterläden war alles wie in dunkles Gold getaucht.

Die beiden Polizisten schlüpften in ihre Filzpantoffeln und schlurften vorwärts.

»Ein Bier? Oder vielleicht einen Schnaps?«

Schüller öffnete einen riesigen Kühlschrank mit Eiswürfelspender, der nicht recht zur restlichen Einrichtung passen wollte. Das Licht der Innenbeleuchtung ließ Schüllers Bart schimmern wie dunkles Bier.

»Ein Bier wäre gut«, sagte Niémans.

»Gern.« Auch Ivana stimmte nickend zu.

Schweigend setzten sie sich. In der Küche roch es nach Bohnerwachs und nassem Stein, was angenehmer war als die Gülledünste draußen.

Sie öffneten ihre Flaschen, während weitere Sekunden verstrichen. Mit etwas Fantasie hätte man sich in einer mittelalterlichen Taverne wähnen können.

»Was genau möchten Sie wissen?«, fragte Schüller schließlich. »Vor zwei Tagen habe ich meinen Bericht bei der französischen Polizei abgegeben. Außerdem wurde ich von der deutschen Polizei verhört. Glauben Sie mir: Ein ermordeter von Geyersberg schlägt hier in der Gegend ziemlich hohe Wellen!«

»Als Erstes«, begann Niémans, »würde ich gern ein Detail klären: Wieso waren Sie bei Jürgens Obduktion dabei? Wer hat Sie darum gebeten?«

Schüller schnalzte mit der Zunge. Mit auf dem Tisch aufgestützten Ellbogen und dem Bier in der Hand schien er wie einem Gemälde von Bruegel dem Älteren entsprungen.

»Franz hat mich darum gebeten.«

»Wer ist Franz?«

»Ferdinands Bruder«, erklärte Ivana.

Wie zur Bestätigung prostete Schüller der Rothaarigen zu.

»Der Onkel von Jürgen und Laura wünschte, dass ich einen eigenen Bericht schreibe. Der Staatsanwalt in Colmar hat sogar zugestimmt, ihn den offiziellen Unterlagen beizulegen.«

»Dann misstraut Franz also dem französischen Rechtsmediziner?«

Schüller zuckte die Schultern.

»Erblich bedingter Argwohn. Ein von Geyersberg misstraut grundsätzlich allem und jedem.«

»In diesem Dokument steht«, fuhr Ivana fort, »dass Ihrer Ansicht nach die genaue Todesursache keineswegs sicher ist.«

Schüller trank einen Schluck und verzog das Gesicht.

»Absolute Sicherheit ist wegen der Enthauptung unmöglich.«

»Aber Sie glauben, dass ihm zuvor die Kehle durchgeschnitten wurde?«

»Daran besteht kein Zweifel«, antwortete Schüller mit dumpfer Stimme. »Armer Kerl …«

Offenbar trat ihm im Verlauf des Gesprächs der Albtraum der Autopsie – oder des Martyriums – von Jürgen wieder deutlich vor Augen.

»Eines ist sicher«, fuhr er fort. »Der Mörder hat ihm den Kopf mit einem Messer abgetrennt. Was das Modell betrifft, möchte ich meine Hand zwar nicht ins Feuer legen, aber ich könnte wetten, dass es sich um ein Jagdmesser handelt. Am Hals waren noch die Schnittspuren zu erkennen. Dadurch scheidet eine Säge oder irgendeine Maschine aus.«

Ivana schrieb eifrig mit. Um in Situationen wie diesen schnell sein zu können, hatte sie sich eine längst im Aussterben befindliche Technik angeeignet: die Stenografie.

»Der Mörder hat den Bauch geöffnet und alle Organe entnommen. Warum hat er das Ihrer Ansicht nach getan?«

Schüller stand auf und holte sich ein weiteres Bier aus dem Kühlschrank.

Er öffnete die Flasche mit einem Handkantenschlag und setzte sich wieder.

»Typisch Jäger. Beim Aufbrechen eines erlegten Tieres werden die Innereien sofort entnommen, weil sie schnell verderben und damit das ganze Tier unbrauchbar machen würden.«

»Stammt die Verstümmelung des Anus auch aus dem Bereich der Jagd?«

»Oh ja. Die meisten Innereien zieht man durch den Bauchschnitt heraus, den Enddarm aber entfernt man durch den After.«

Ivana blickte ihren Mentor wütend an. Niémans hatte das also von Anfang an gewusst, aber keinen Ton dazu gesagt.

»Dann ist unser Mörder also ein Jäger?«, fuhr sie mit dem Stift in der Hand fort.

»Hier geht es nicht um irgendeine Jagd. Diese Vorgehensweise ist vielmehr typisch für die Pirschjagd.«

»Die was?«

»Die Jagd durch langsame Annäherung an die Beute«, erklärte Niémans.

Schüller nickte lächelnd.

»Nun, auf der einen Seite gibt es die Art von Jagd, die jeder kennt, das Ansitzen. Und dann die, die jeder hasst, die Hetzjagd. Außerdem haben wir noch die Pirsch.« Er senkte seine Stimme, als wolle er ein Geheimnis verraten. »Damit meint man das lautlose Annähern eines einzelnen Jägers an die Beute. Man versucht, dem Tier so nah wie möglich zu kommen, und entscheidet dann, ob das Wild überhaupt erlegt werden kann.«

»Das verstehe ich nicht.«

»In Betracht kommt nur ein männliches Tier mit perfekten Attributen. Es muss gut bestückt sein, ein Wildschwein zum Beispiel muss lange Hauer haben, bei Rotwild zählt ein möglichst mächtiges Geweih. Das Wichtigste an der Sache aber ist die Annäherung. Die Heldentat, sich bis auf wenige Schritte an einen erfahrenen Gegner anzuschleichen …«

»Und dann? Lässt man das Tier einfach laufen?«

Schüller lachte auf.

»Man merkt, dass Sie keine Jägerin sind! Das Tier wird mit einer einzigen Kugel erlegt, die nach sehr strengen Regeln abgefeuert wird. Ein sauberer Schuss.«

»Aber Jürgen wurde nicht erschossen«, stellte Niémans fest.

»Nein. Ihr Täter hat sich zwar von der Pirsch inspirieren lassen, aber zum Töten eine andere Methode gewählt: das Messer.«

»Jürgen von Geyersberg hatte einen Eichenzweig zwischen den Zähnen, so was wie den ›letzten Bissen‹, nicht wahr?«

Dieses Mal prostete Schüller Niémans zu. Ihm gefiel offenbar, dass der Polizist sich auskannte.

»Richtig. Wenn das Tier tot ist, gewährt man ihm einen letzten Gruß und einen letzten Schmuck.«

»Und Sie?«, erkundigte sich Ivana provozierend. »Sind Sie auch ein Anhänger dieser Art von Raffinesse?«

Schüller war scheinbar unbeeindruckt von der Aggressivität der Polizistin. Er blickte Niémans lediglich an, als wolle er fragen: »Wieso haben Sie dieses Gör mitgebracht?«

»Nein. Dazu bin ich zu ungeduldig. Ich verfolge das Wild lieber mit meinem Hund.« Erneut hob er seine Flasche. »Ich bin sogar Spezialist für Jagdhundrassen!«

Ivana kritzelte etwas in ihr Notizbuch und hob dann wieder den Blick.

Gut, überlassen wir es ihr.

»Laut Ihrem Bericht«, fuhr sie fort, »hat der Mörder die Organe nicht nur entnommen, sondern sie offenbar auch entsorgt: Eingeweide, Speiseröhre und Magen fehlen.«

»Er hat sie nicht entsorgt, sondern an einem Ort versteckt, wo sie niemanden stören. Auch das gehört zu den Regeln der Pirsch.«

»Warum?«

»Zunächst einmal sind diese Teile ungenießbar. Aber darüber hinaus handelt es sich auch um eine Art Tabuzone.« Der Arzt sprach nun mit verschwörerischem Tonfall. »Denn in diesen Organen liegt die Quelle der Wärme des Tieres, dort wohnen sein dunkles Blut und seine wilde Natur.«

»Aber im vorliegenden Fall sind wir gar nicht sicher, ob er sie wirklich irgendwo versteckt hat.«

»Natürlich hat er das.«

»Wieso sind Sie da so sicher?«

Schüller blickte sie überrascht an.

»Aber … Sie wurden doch ein Stück entfernt gefunden! Haben Sie denn nicht mit Ihren französischen Kollegen gesprochen?«

Ivana und Niémans tauschten einen Blick. Entweder hatten die Gendarmen ihnen einen bösen Streich gespielt, oder sie hatten schlicht vergessen, es ihnen zu sagen.

Doch die Polizistin war nicht gewillt, auf die internen Querelen bei der französischen Polizei einzugehen, und fuhr hastig fort: »Wird bei der Pirschjagd auch der Kopf abgetrennt?«

»Ja, aber nur, wenn man daraus eine Trophäe machen möchte, denn das ist ein ziemliches Massaker.«

Niémans bemerkte Ivanas verstohlenes Lächeln. Endlich fiel ein Begriff, den sie für angemessen hielt.

»Hatte der Mörder physiologische Kenntnisse? Könnte er vielleicht Metzger sein? Oder Chirurg?«

»Es genügt, dass er Jäger ist. Diese Leute wissen genau, was sie tun. Ich möchte Ihnen ein weiteres Beispiel nennen: Um die Eingeweide zu entfernen, hat er direkt das Brustbein aufgesägt, genau wie jeder Profi im Wald es tun würde, nachdem er seine Beute erlegt hat.«

Niémans dachte an Jürgen von Geyersberg. Auch wenn er noch keine Details kannte, hatte er eine genaue Vorstellung von der Jugend und Erziehung dieses Unternehmenserben. Teure Schulen, Elitesportarten, Luxusurlaube. Keinesfalls war es ihm vorherbestimmt, zu sterben wie ein gewöhnliches Wildschwein.

Was versuchte der Mörder ihnen mitzuteilen?

»Vielen Dank, Professor, das wäre im Moment alles.«

»Im Moment?«

Niémans verbeugte sich höflich.

»Damit will ich sagen, dass wir Ihren Bericht aufmerksam lesen werden und danach vielleicht weitere Fragen haben.«

»Was ist mit meiner Aussage von heute? Muss ich keine Erklärung unterschreiben?«

»Unser heutiges Gespräch bleibt off the record

Ivana zuckte angesichts dieser grotesken Journalistenformulierung zusammen, hatte die unterschwellige Botschaft aber offenbar verstanden: Sechshundert Kilometer von Paris entfernt und jenseits der französischen Grenzen gab es keinen Grund, sich mit Papierkram zu belasten.

Niémans war entschlossen, seinen Instinkten zu folgen, ohne Spuren zu hinterlassen. Schüllers auf Deutsch verfasste Berichte würde er ganz bestimmt nicht lesen, aber er würde sich den Professor unter der Hand als Berater erhalten. Immerhin war der Mann Jäger, mit viel Erfahrung.

Niémans war längst zu der Überzeugung gelangt, dass ihr Mörder Experte in Sachen Pirschjagd war.

6

Nächstes Mal sagen Sie mir vor der Zeugenbefragung gefälligst, wenn Sie Informationen haben«, fauchte Ivana auf dem Weg durch den Innenhof des Forschungszentrums.

»Immer mit der Ruhe. Ich habe lediglich eine Vermutung ausgesprochen.«

»Sie wissen ganz genau, was ich meine. Ich hasse es, wie Klein-Doofi dazustehen.«

Ivana hatte es vor allem überhaupt nicht gefallen, neben zwei Machos zu sitzen, die sich über die Kunst der Jagd und die verschiedenen Möglichkeiten austauschten, hilflose Tiere zu töten.

Aber sie lag falsch: In Wirklichkeit war Niémans weder Experte auf diesem Gebiet, noch ging er überhaupt zur Jagd. Nicht einmal gelegentlich. Er besaß durch seine Erfahrung mit Schusswaffen lediglich ein paar Grundkenntnisse.

»Wir müssen mit den Gendarmen telefonieren«, sagte er, als sie das Haupttor passierten.

»Das hat keinen Sinn. Die sind offenbar sauer auf uns.«

»Ich fürchte sogar, es ist noch schlimmer: Die lassen uns schlicht zappeln.«

Auf dem Weg zum Volvo griff Ivana nach ihrem Telefon. Es war etwa fünf Uhr am Nachmittag. Der Tag neigte sich allmählich dem Ende, der Himmel nahm einen seltsamen Schwefelton an.

»Hoffentlich sind die deutschen Polizisten kooperativer«, sagte sie beim Einsteigen.

Wer’s glaubt. Diese Ermittlung begann unter denkbar schlechten Voraussetzungen. Ein junger Milliardär, der wie ein Hirsch geopfert worden war. Ermittlungen im Ausland. Gendarmen, die der Ansicht waren, ihre Arbeit sei erledigt. Und darüber hinaus wartete die deutsche Polizei sicherlich nicht darauf, dass zwei Franzosen ihnen Ratschläge erteilten.

Niémans schloss die Augen. Irgendwo auf den Höhen lärmten Scharen von Vögeln – die Nachzügler, die noch nicht in den Süden geflogen waren.

Als er die Lider wieder öffnete, stob ein Schwarm winziger schwarzer Vögel über den Himmel wie eine Schrotladung aus einer doppelläufigen Flinte.

Niémans schüttelte sich kurz und stieg ebenfalls ins Auto.

»Was machst du da?«, fragte er, während er sich ans Steuer setzte.

»Ich schreibe doch noch eine Nachricht an die Gendarmerie. Wir brauchen die komplette Datei.«

»Sei freundlich.«

»Immer. Sie kennen mich doch.«

»Was steht als Nächstes auf dem Programm?«, erkundigte er sich, als er den Wagen anließ.

»Wir widmen uns jetzt den ernsthaften Dingen«, sagte Ivana und öffnete eine Navi-App. »Wir fahren zu Laura von Geyersberg, Jürgens Schwester. Ihre Villa liegt nur ein paar Kilometer von hier entfernt. Biegen Sie am Ende des Weges rechts ab.«

Erneut kamen sie am Titisee vorbei. Das Wasser war inzwischen sehr dunkel, es sah aus wie ein Kohleflöz oder eine Öllache – ein kalter, schwarzer Rohstoff mit der Fähigkeit, ein Feuer dantesken Ausmaßes zu nähren.

Ivana öffnete ihr Fenster und zündete sich eine Zigarette an. Niémans und sie hatten einen Deal: Rauchen war gestattet, solange dabei das Fenster geöffnet war. Bei der Vorstellung, seine Ledersitze könnten den Geruch nach kaltem Tabak annehmen oder im Armaturenbrett aus Wurzelholz entstünden Brandlöcher, stieg zwar Niémans’ Blutdruck, aber er wollte ein einzelnes Laster nicht verurteilen. Die moderne Gesellschaft, die im Namen des Guten alles verbot, war ihm zuwider. Nie würde er sie gutheißen, diese unterschwellige, ekelhafte Diktatur, die sich – und das war das Schlimmste überhaupt – auf das Gewissen berief.

Im Fahren beobachtete er Ivana aus dem Augenwinkel. Sie zog an ihrer Zigarette, als gelte es, Sauerstoff zu inhalieren. Diese junge Dame bestand aus vielen Widersprüchen. Auf der einen Seite achtete sie sorgfältig auf sich, sie ernährte sich vegan und ökologisch, trieb Yoga und Ähnliches, andererseits richtete sie sich tagtäglich zugrunde, indem sie rauchte wie ein Schlot, und mit Drogen und Alkohol hatte sie nur aufgehört, um eine Überdosis oder eine Ethanolvergiftung zu vermeiden. Außerdem hielt sie große Stücke auf die Natur und die Zukunft des Planeten, aber sie hatte noch nie einen Fuß in den ländlichen Raum gesetzt und fühlte sich nur in der Stadt wohl, wo sie CO2 atmen konnte.

»Wie alt ist die Gräfin noch mal?«

»Zweiunddreißig. Zwei Jahre jünger als Jürgen. Nach dem Tod der Eltern haben die Geschwister die Leitung des Unternehmens VG übernommen. Laura wird das nun allein schaffen müssen.«

»Wie sind die Eltern gestorben?«

Ivana hatte ihr iPad herausgeholt.

»Die Mutter durch Freitod, Krebs beim Vater. 2012 und 2014.«

»Gab es außer diesen beiden Nachkommen niemanden, der das Steuer hätte übernehmen können?«

»Die Generation davor bestand aus drei Brüdern. Ferdinand, der Vater von Jürgen und Laura, daneben Dieter, sein Bruder, der zwei Söhne hat und sehr früh starb, außerdem Franz, über den wir bereits gesprochen haben. Er lebt, hat aber keine Kinder.«

»Ist es möglich, dass er auf seine alten Tage doch noch die Firma übernehmen will und den Neffen aus dem Weg geschafft hat?«

»Keine Ahnung. Wir müssen sein Alibi überprüfen.«

»Was ist mit den Vettern, den Kindern von Dieter?«

»Für die gilt das Gleiche. Die Aktionäre des Unternehmens haben Jürgen und Laura im Übrigen immer vertraut, und die Bilanzen von VG sind super. Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass Jürgen durch einen anderen Geyersberg ersetzt werden sollte.«