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Ohne Schuld

Buch

Ein wolkenloser Sommertag, die Hitze drückt aufs Land. Im Zug von London nach York zielt ein Fremder mit einer Pistole auf eine Frau. Sie entkommt in letzter Sekunde. Zwei Tage später: Eine junge Frau stürzt mit ihrem Fahrrad, weil jemand einen dünnen Draht über den Weg gespannt hat. Sie ist sofort bewusstlos. Den folgenden Schuss hört sie schon nicht mehr.

Die Frauen stehen in keiner Verbindung zueinander, aber die Tatwaffe ist dieselbe.

Kate Linville, neu beim CID Scarborough, wird sofort in die Ermittlungen hineingezogen. Sie kommt einem grausamen Geheimnis auf die Spur und gerät selbst in tödliche Gefahr. Denn der Täter, der eine vermeintliche Schuld rächen will, gibt nicht auf …

Autorin

Charlotte Link, geboren in Frankfurt/Main, ist die erfolgreichste deutsche Autorin der Gegenwart. Ihre Kriminalromane sind internationale Bestseller, auch »Die Entscheidung« und zuletzt »Die Suche« eroberten wieder auf Anhieb die SPIEGEL-Bestsellerliste. Allein in Deutschland wurden bislang über 30 Millionen Bücher von Charlotte Link verkauft; ihre Romane sind in zahlreiche Sprachen übersetzt. Charlotte Link lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Frankfurt/Main.

Von Charlotte Link bereits erschienen:

Die Suche, Die Entscheidung, Die Betrogene, Im Tal des Fuchses, Der Beobachter, Das andere Kind, Die letzte Spur, Das Echo der Schuld, Der fremde Gast, Am Ende des Schweigens, Die Täuschung, Die Rosenzüchterin, Das Haus der Schwestern, Der Verehrer, Die Sünde der Engel, Schattenspiel

Die Sturmzeit-Trilogie:

Sturmzeit, Wilde Lupinen, Die Stunde der Erben

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Charlotte Link

Ohne Schuld

Kriminalroman

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Copyright © 2020 by Blanvalet
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Lektorat: Nicola Bartels
Umschlaggestaltung: www.buerosued.de
Umschlagmotiv: © TrevillionImages/Graham Hunt und
Plainpicture/chinch gryniewicz
NG · Herstellung: sam
Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN: 978-3-641-26314-0
V004
www.blanvalet.de

West Bromwich,
Freitag, 3. November 2006

Die Beamtin, die den Notruf um 17 Uhr und zwei Minuten entgegennahm, hatte größte Mühe, die Anruferin zu verstehen. Es war eine Frau, und sie keuchte so, dass sie kaum ein Wort hervorbrachte. Sie war entweder sehr schnell gelaufen, oder sie befand sich in einem Zustand höchster Aufregung oder beides. Letzteres war am wahrscheinlichsten.

»Ganz ruhig«, sagte die Beamtin beschwichtigend. »Jetzt atmen Sie erst einmal tief durch. Versuchen Sie, sich zu beruhigen. Bitte.«

Die Frau am anderen Ende der Leitung bemühte sich, etwas Atem zu gewinnen, aber es gelang ihr kaum. Sie schien am Ende ihrer Kräfte zu sein.

»Er … hat ein Kind … er hat ein Kind bei sich«, stieß sie schließlich hervor.

»Wer? Und von wo rufen Sie an?«

»West Bromwich. Shaw Street. Aber die Polizei muss in die Harvills Hawthorne. Ganz am Ende … Industriegebiet …« Sie rang nach Luft.

»Ganz, ganz ruhig«, mahnte die Beamtin erneut, obwohl gerade alle Alarmlichter bei ihr ansprangen. Es ging um ein Kind. Das sich offenkundig in Gefahr befand. Trotzdem hatte es keinen Sinn, jetzt schnelle, drängende Fragen abzuschießen. Ihre Gesprächspartnerin durfte nicht die Nerven verlieren, sonst legte sie am Ende noch auf. Obwohl es immerhin schon eine vage Ortsbeschreibung gab.

»Da sind Garagen. Die meisten sind leer. In einer davon ist er. Er hat ein Kind bei sich.«

»Wie alt ist das Kind?«

»Ich weiß nicht … drei oder vier …«

»Und er ist nicht der Vater des Kindes?«

»Nein. Nein, er hat kein Kind, er ist selbst noch ein Junge. Aber er ist krank. Gestört. Gefährlich. Er hat sich die Kleine irgendwo geschnappt und dorthin gebracht. Bitte, Sie müssen sich beeilen!«

»Ja, ich schicke sofort jemanden los«, sagte die Beamtin. Sie blickte auf. Eine Kollegin, die mithörte, flüsterte ihr zu: »Wir haben seit eineinhalb Stunden eine Vermisstenmeldung vorliegen. Ein dreijähriges Mädchen, verschwunden aus dem Vorgarten des Elternhauses. In West Bromwich.«

Die Beamtin, die das Telefon bediente, machte ein Handzeichen, die Kollegin nickte. Sie würde sofort die nächste Streife an den angegebenen Ort schicken.

»Kennen Sie den Namen des Entführers?«

»Ian Slade.«

»Und wie ist Ihr Name?«

Statt ihren Namen zu nennen, gab die Frau ein kurzes, verzweifeltes Lachen von sich. »Den kann ich Ihnen nicht nennen. Der darf nie rauskommen. Er wird mich sonst umbringen.«

»Wir werden alles zu Ihrem Schutz tun.«

»Können Sie nicht.«

»Sie klingen sehr jung. Wie alt sind Sie?«

»Egal.«

»Sie rufen von einer Telefonzelle an?« Diese Relikte gab es ja noch da und dort. Und gerade war deutlich das Klappern eines durchrutschenden Geldstückes zu hören gewesen.

»Ja.«

»Hören Sie, ich kann jemanden zu Ihnen schicken, der einfach erst einmal mit Ihnen spricht und …«

»Nein.«

»Ich glaube, dass Sie Angst haben, und vielleicht könnten wir …«

»Angst?« Jetzt war ein Schluchzen in der Stimme zu hören. »Angst? Ich habe Todesangst. Es könnte sein, dass er mich gesehen hat, und dann hat er mich am Ende erkannt.«

»Wir können Sie nur beschützen, wenn Sie uns …«

Ein Klicken, mit dem der Hörer zurück auf die Gabel gehängt wurde.

Das Gespräch war beendet.

Teil 1

Dreizehn Jahre später

Freitag, 19. Juli 2019

Die Mieterin eines der Ferienappartements hatte die Polizei verständigt.

»Hier im Haus wird geschossen. Ich glaube, es war in der Wohnung nebenan. Bitte kommen Sie ganz schnell!«

Unmittelbar nach dem Telefonat war ein weiterer Schuss gefallen, wie andere Hausbewohner den eintreffenden Streifenbeamten mitteilten. Die Wohnung in dem Appartementhaus direkt am Strand der Nordbucht von Scarborough, in der geschossen wurde, war von einem Mr. Jayden White für zwei Wochen gemietet worden.

Alle Feriengäste im Haus wurden von den Beamten nach draußen gebracht, ebenso wurden Läden und Cafés im Erdgeschoss des Gebäudekomplexes geräumt, die Promenade oberhalb des Strandes sowie der vor dem Haus befindliche Strandabschnitt weiträumig gesperrt. Da der Tag heiß war und außerdem die Ferien begonnen hatten, wimmelte es von Badegästen, obwohl es erst elf Uhr am Vormittag war. Es war schnell alles getan worden, um die Sicherheit der Menschen zu gewährleisten, dennoch war ein bewaffneter und möglicherweise zu allem entschlossener Mann inmitten eines Ferien- und Strandgebietes ein Alptraum für jeden Polizisten. Vorsichtshalber wurde der CID, die Kriminalabteilung, verständigt. Niemand wusste, welchen Verlauf diese Geschichte noch nehmen würde. Niemand wollte später eines Versäumnisses schuldig sein.

Detective Chief Inspector Caleb Hale traf gemeinsam mit seinem engsten Mitarbeiter ein, Robert Stewart, der erst zwei Wochen zuvor zum Detective Inspector befördert worden war und seitdem eine stolzgeschwellte Attitüde zur Schau trug. Caleb fand, dass er seit dem Karrieresprung plötzlich arroganter auftrat als vorher, aber manch anderer hätte vielleicht gesagt: selbstbewusster. Caleb hatte jedenfalls den Eindruck, dass sich irgendetwas zwischen ihnen beiden geändert hatte, geringfügig und schwer in Worte zu fassen. Irgendwann in den nächsten Tagen wollte er mit Robert darüber reden.

Jetzt war allerdings ein absolut ungeeigneter Moment.

Er starrte an der Hauswand hinauf. Die Anlage bestand aus zwei großen Gebäuden, wovon das erste halb rund gebaut war. Es gab dort Ferienappartements in den verschiedensten Größen und Ausführungen zu mieten, ein Zimmer, Zwei- oder Drei-Zimmer-Wohnungen, Meeresblick oder auch die preiswertere Variante zur Rückseite hin. Balkon reihte sich an Balkon. Von der Vorderseite aus hatte man den direkten Blick auf das Meer und auf Scarborough Castle, das stolz auf der Landzunge thronte, die die Stadt in eine Süd- und in eine Nordbucht teilte. Allerdings saß man direkt über einer Vielzahl an Läden, Cafés, einem Diner, einem Eissalon. Und über der wogenden Menge an Badegästen. Zumindest im Sommer. Im Winter war es hier gähnend leer.

Einer der Streifenbeamten, der ganz zu Anfang am Ort des Geschehens gewesen war, stand neben Caleb und Robert und erstattete Bericht.

»Die Schüsse sind nach übereinstimmenden Zeugenaussagen in einer Wohnung im dritten Stock gefallen. Es ist die Wohnung, die wir von hier direkt sehen können, über dem Fish ’n’ Chips gelegen.« Er wies nach oben.

Caleb folgte seinem ausgestreckten Finger. Eine Wohnung wie jede andere, ein Balkon wie jeder andere. Allerdings waren an den Fenstern die Jalousien hinuntergelassen worden. Nichts regte sich. Auf dem Balkon befand sich niemand. Caleb kniff die Augen zusammen. Nur ein Tisch und drei Stühle.

»Der Mieter des Ferienappartements heißt Jayden White«, führte der Beamte weiter aus. »Er verbringt dort zwei Wochen mit seiner Frau Yasmin und zwei kleinen Töchtern. Wie alt die Kinder genau sind, wusste der Vermieter nicht zu sagen. Er schätzt sie auf sechs und sieben Jahre.«

»Die Familie ist zum ersten Mal hier?«, erkundigte sich Caleb.

»Nein. Das fünfte Jahr in Folge. Immer im Sommer. Der Vermieter sagt, es gab ein Problem mit Mr. Whites Kreditkarte, aber da er ihn so gut kennt, hat er sich darauf eingelassen, dass White erst am Ende des Urlaubs bezahlt ohne vorherige Kartenabsicherung.«

»Wo leben die Whites?«

»In der Nähe von Sheffield. Mr. White betreibt dort ein Café.«

»Was sagen andere Gäste über die Familie? Falls es da Kontakte gibt?« Es war wichtig, sich ein Bild zu machen, aber Caleb wusste auch, dass er rasch irgendetwas unternehmen musste. Jemand schoss in der Wohnung. Es gab dort zwei kleine Kinder.

»Es gab wohl nicht viel Kontakt mit ihnen, aber nach bisherigen Zeugenaussagen fielen sie jedenfalls nicht unangenehm auf. Eine ruhige Familie. Höflich und sehr zurückhaltend. So beschreibt sie auch der Vermieter.«

»Sie sagten, mit der Kreditkarte von Mr. White stimmte etwas nicht?«, mischte sich Robert Stewart ein.

Der Beamte zögerte. »Nicht direkt. Der Vermieter berichtete, dass in den Jahren davor immer die Kreditkarte hinterlegt worden sei, dass Mr. White jedoch diesmal sagte, es gebe da ein Problem. Welcher Art dieses Problem war, erläuterte er nicht näher. Er werde zum Ende der Ferien in bar bezahlen. Da es nie Schwierigkeiten mit ihm gegeben hatte, ließ sich der Vermieter darauf ein.«

»Ich würde den Vermieter gerne selbst sprechen«, sagte Caleb.

»Er muss hier noch irgendwo herumschwirren«, meinte der Beamte vage, und Caleb verbiss sich den Hinweis, dass es sinnvoll gewesen wäre, den Mann festzuhalten.

»Gibt es eine Möglichkeit, Kontakt mit Mr. White aufzunehmen?«, fragte Robert. »Oder mit seiner Frau?«

Der Beamte hob resigniert die Schultern. »Es gibt einen Festnetzanschluss in dem Appartement. Wir haben mehrfach durchklingeln lassen, aber niemand meldet sich.«

»Wie sicher ist es denn, dass überhaupt jemand in der Wohnung ist?«, erkundigte sich Caleb. Es war so absolut still dort oben. Der ganze Auflauf hier von Polizeieinsatzkräften – am Ende nur, um eine leere Wohnung zu beobachten, deren Bewohner irgendwo schwimmen gegangen waren.

»Zwei Schüsse«, sagte der Beamte. »Das haben wirklich mehrere Hausbewohner unabhängig voneinander ausgesagt. Sie werden definitiv dem dritten Stock zugeordnet. Die Wohnung der Whites war die einzige, in der niemand öffnete. Alle anderen Wohnungen wurden evakuiert und von uns gesichert. Wenn dort oben geschossen wurde, kann es nur dort gewesen sein.«

»Hm«, machte Caleb. Er wusste, dass man sich manchmal vertat, was die Zuordnung von Geräuschen anging. Wieder blickte er angestrengt nach oben, als könnten die glatte Fassade und der schweigende Balkon ihm irgendwelche Erkenntnisse bringen. Was ging hinter jenen gut verschlossenen Jalousien vor sich?

»Sir«, sagte Robert Stewart, »was tun wir als Nächstes?«

Caleb wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er fand es entsetzlich heiß, und es gab hier unten auf der Promenade keinerlei Schatten. Sehnsüchtig blickte er hinüber zu den Sonnenschirmen vor einer Bar am Ende der Häuserzeile. Er wünschte, das ganze Drama würde sich dort zutragen, dann hätten sie alle den Schatten aufsuchen können. Allerdings hatte er nicht den Eindruck, dass irgendjemand so stark schwitzte wie er. Robert Stewart wirkte beneidenswert kühl und ungerührt, obwohl er einen dunkelgrauen Anzug und eine förmliche Krawatte trug. Caleb hatte sein Jackett längst abgelegt und zerfloss trotzdem. Er hätte den Whisky nicht trinken sollen, heute früh um neun Uhr, als er am Schreibtisch gesessen und irgendwann an nichts anderes mehr als an die Flasche im gut verschlossenen Fach rechts unten hatte denken können. Bei der Hitze … Generell sollte man allerdings wohl nicht morgens um neun den ersten Whisky des Tages zu sich nehmen. Er hoffte, dass Robert nichts roch. Er stand so dicht neben ihm.

Ein weiterer Beamter trat heran, streckte Caleb einen Zettel hin. »Sir, ein junges Mädchen, die Tochter des Betreibers vom Eissalon, hat die Handynummer von Mrs. White. Sie hat in der letzten Woche einmal auf die Kinder aufgepasst, als die Whites abends noch etwas trinken gingen. Sie erwähnte, dass sie das vereinbarte Geld nicht bekommen habe. Mrs. White habe gerade kein Bargeld gehabt, ihr jedoch zugesagt, sie am nächsten Tag zu bezahlen. Das sei bisher nicht geschehen.«

»Ein Problem mit der Kreditkarte, kein Geld für das Kindermädchen«, sagte Robert. »Seltsame Häufung, oder? Geldprobleme bei den Whites?«

»Könnte sein«, meinte Caleb. Das alles klang nicht gut. Leider waren es häufig finanzielle Schwierigkeiten, die Männer, und gerade auch Familienväter, völlig durchdrehen ließen. Er griff den Zettel. »Ich versuche es mal.«

Er holte sein Handy hervor, tippte die Nummer ein. Stellte auf Lautsprecher, damit Robert das Gespräch ebenfalls hörte. Täuschte er sich, oder betrachtete ihn sein Mitarbeiter tatsächlich irgendwie lauernd?

Nicht der Moment, darüber nachzudenken, entschied er.

Es dauerte so lange, dass er schon fast aufgegeben hätte, aber dann meldete sich plötzlich ein zittriges Stimmchen. »Ja?«

»Mrs. White?«

»Ja.« Es klang wie ein Hauchen.

»Mrs. White, hier spricht Detective Chief Inspector Caleb Hale vom CID Scarborough. Befinden Sie sich im Moment in einem Ferienappartement der Scarborough Beach Chalets am Peasholm Gap?«

»Ja.«

»Ihre beiden Kinder auch?«

»Ja.«

»Und Ihr Mann?«

Von Yasmin White kam ein ersticktes Schluchzen. »Er … ist auch hier …«

»Mrs. White, werden Sie und die Kinder bedroht?«

»Ja.«

»Ist Ihr Mann bewaffnet?«

»Ja.«

Caleb wischte sich erneut den Schweiß von der Stirn. Er wünschte, Sergeant Helen Bennett, die eine Zusatzausbildung als Polizeipsychologin hatte, träfe endlich ein. Sie war für Gespräche der Art, wie er sie nun führen musste, besser geeignet als er. Sie hatte sich freigenommen, weil sie ein langes Wochenende mit ihrer Mutter verbringen wollte, die in Saltburn-by-the-sea lebte. Sie hatten Helen erreicht, und sie hatte versprochen, so schnell wie möglich zu kommen, aber sie hatte zum Zeitpunkt des Telefonats mit ihrer Mutter in einem Café gesessen und musste die ältere Frau nun zuerst in deren Wohnung zurückbringen. Wenn sie anschließend schnell durchkam, wäre Helen dann nach ungefähr einer Stunde Fahrzeit in Scarborough. Meist dauerte es länger, weil man auf dieser Landstraße entlang der Küste immer wieder hinter langsam dahinschleichenden Fahrzeugen festhing.

Er würde diese Situation hier allem Anschein nach alleine durchstehen müssen.

»Mrs. White, Hausbewohner haben Schüsse gehört. Hat Ihr Mann geschossen?«

»Ja.«

»Ist jemand verletzt?«

»Nein. Aber …« Sie senkte die Stimme, sprach noch leiser. Caleb musste sich sehr anstrengen, um noch etwas zu verstehen. »Sie müssen uns helfen. Bitte. Er ist … er ist nicht er selbst. Er will uns alle töten.«

»Mrs. White, bleiben Sie auf jeden Fall ganz ruhig und verlieren Sie nicht die Nerven. Wir sind alle hier, um Ihnen zu helfen. Können Sie mir sagen, wo in der Wohnung Sie sich befinden? In dem vorderen Zimmer zum Balkon hinaus?«

»Nein. Ich bin in einem der Schlafzimmer. Es geht nach hinten. Zum Hof.«

»Okay. Sind Ihre Kinder bei Ihnen?«

»Ja.«

»Und wo ist Ihr Mann?«

»Ich weiß nicht. Ich glaube, im Wohnzimmer.«

»Gibt es irgendeine Möglichkeit für Sie, mit den Kindern die Wohnung zu verlassen?«

»Nein. Das Fenster ist zu hoch. Wir können nicht springen.«

»Verstehe.« Caleb bedeutete mit einigen Handbewegungen, dass Robert Stewart auf die Rückseite des Hauses wechseln sollte. Dort waren bereits Beamte positioniert, aber Robert sollte sich selbst ein Bild von den Gegebenheiten dort machen. Caleb spürte, wie er sofort leichter atmen konnte, als sein Mitarbeiter nicht mehr unmittelbar neben ihm stand.

»Haben Sie die Tür des Schlafzimmers abgeschlossen?«

»Er hat den Schlüssel abgezogen.«

»Können Sie etwas unter die Türklinke schieben? Eine Kommode? Einen Stuhl?«

Er vernahm ihr leises Weinen. »Nein. Das würde er hören.«

»Könnten Sie mit den Kindern das Bad erreichen? Und sich dort einschließen?«

»Nein. Nein, das ist zu gefährlich. Da müssten wir über den ganzen Flur.« Sie war ganz offenbar wie paralysiert vor Angst. Caleb konnte sie sich vorstellen, wie sie irgendwo in dem Schlafzimmer kauerte, beide Mädchen eng an sich gepresst, mit angehaltenem Atem, ohne die geringste Bewegung.

»Wir werden Sie da rausholen. Bitte bleiben Sie ruhig.«

Ein Klicken, und das Gespräch war beendet. Yasmin White hatte aufgelegt. Vielleicht hatte sie ihren Mann kommen hören. Oder einfach die Nerven verloren.

Robert Stewart tauchte wieder auf. »Sir, es geht nach hinten um die Tiefgarage herum und dann durch ein Hoftor. Alles schön bepflanzt, und es gibt auch Balkone. Aber nicht bei dem Appartement der Whites, denn die haben ihren Balkon ja nach vorne.«

»Was ist mit den Wohnungen nebenan? Balkone, von denen aus man das Schlafzimmerfenster erreichen könnte?«

Robert schüttelte den Kopf. »Nein. Zu weit weg. Wenn wir jemanden in die Wohnung schicken, sollten wir es von oben machen. Mit einem Seil vom Dach. Das ist meiner Ansicht nach etwas weniger gefährlich und deutlich realistischer.«

»Wenn wir auf diese Weise wenigstens die Kinder rausbekämen, dann …«

Sein Handy klingelte. Das Display zeigte die Nummer von Yasmin White. Er meldete sich sofort. »Mrs. White?«

»Hier ist Jayden White. Sie haben mit meiner Frau gesprochen.«

»Ja. Mr. White, hier ist DCI Caleb Hale. Ich bin froh, dass Sie sich bei mir melden. Sehr froh.« Er hatte sich selten so sehr nach Helen gesehnt. Sie würde das einfach besser können als er.

»Was wollten Sie von meiner Frau?«

»Ich wollte wissen, wie es ihr geht. Und den Kindern. Den beiden kleinen Mädchen.«

»Es geht allen gut.« Jayden White hatte eine monotone Sprechweise ohne Höhen und Tiefen. Zumindest hatte er sie jetzt. Caleb vermutete, dass er für gewöhnlich ganz anders sprach. Er wirkte wie jemand, der völlig neben sich stand. Oder in einen Schockzustand geraten war. Er legte die Hand auf den Apparat und zischte Robert zu: »Wir brauchen einen Psychologen. Der Mann kommt mir wie in Trance vor.«

»Helen ist auf dem Weg.«

»Das dauert zu lange. Versuchen Sie, jemand anderen zu bekommen!«

Robert verdrehte ganz leicht die Augen. Caleb verstand die Botschaft sofort: Das müssen Sie auch so schaffen, Chef!

»Mr. White, wollen Sie mir erzählen, was geschehen ist?«

»Es ist nichts geschehen.«

»Nachbarn haben gehört, dass …«

»Einen Scheiß haben die gehört!« Jayden sagte auch dies völlig monoton. »Einen Scheiß! Die sollen sich um ihren eigenen Kram kümmern.«

»Mr. White, ich verstehe sehr gut, wenn Sie keine Lust haben, Ihre privaten Angelegenheiten mit Ihrer Nachbarschaft zu teilen. Deshalb schlage ich Ihnen ja ein Gespräch mit mir vor. Nur wir beide. Unter vier Augen.«

»Was soll das bringen?«

»Es bringt immer etwas, wenn man redet. Dinge sortieren sich.«

»Mir kann niemand helfen.«

»Ich bin sicher, dass wir Ihnen helfen können.«

Es kam keine Erwiderung. Caleb fragte: »Sind Sie noch da, Mr. White?«

»Ich bin noch da.«

»Wie wäre es, wenn Sie Ihre Frau und die Kinder nach draußen schicken würden? Es ist herrliches Wetter, sie könnten sich am Strand aufhalten. Ich komme dann zu Ihnen. Nur ich, sonst niemand. Wir können in aller Ruhe miteinander sprechen.«

»Meine Familie verlässt nicht diese Wohnung!«

»Okay. Aber darf ich reinkommen?«

Wieder ein langes Schweigen.

»Es hat keinen Sinn«, sagte Jayden schließlich. Sein Atem ging schwer.

»Was immer Ihr Problem ist, wir werden einen Ausweg finden«, sagte Caleb. Ihm war bewusst, wie drängend er klang. Er musste vorsichtig sein. Wenn Jayden das Gefühl bekam, dass Druck auf ihn ausgeübt wurde, konnte die Situation eskalieren. Menschen, die sich und ihre Familie in eine Lage wie die brachten, die sich gerade in diesem Haus abspielte, standen bereits wahnsinnig unter Druck, vollkommen mit dem Rücken zur Wand.

»Wenn Sie das möchten«, fügte er daher hinzu. Ihm klang im Ohr, was Helen einmal über einen Geiselnehmer gesagt hatte – und in gewisser Weise war White ein Geiselnehmer: Geben Sie ihm das Gefühl, eine Wahl zu haben. Geben Sie ihm einen Handlungsspielraum. Schnüren Sie ihm um keinen Preis die Luft ab.

»Es gibt keinen Ausweg«, sagte Jayden.

Es schien das zu sein, was sich in seinem Kopf, in seinem Bewusstsein verfestigt hatte und was er von nun an auf alles erwidern würde, was Caleb vorschlug oder sagte oder fragte: Dass es keine Lösung gab, keinen Ausweg, dass nichts mehr Sinn machte, dass alles zu Ende war.

»Ich weiß, dass ich Sie jetzt mit nichts, was ich sage, wirklich erreiche«, sagte Caleb. »Aber bitte glauben Sie mir, das Leben ist auch in schwierigen Situationen nicht einfach zu Ende. Geben Sie sich und Ihrer Frau und vor allem Ihren Kindern die Chance weiterzuleben. Sie sind nicht der Mann, der so etwas tut. Der eine Frau und zwei kleine Mädchen einfach erschießt.«

»Sie haben keine Ahnung«, sagte Jayden.

Caleb hoffte, dass er keinen Fehler machte, aber er beschloss, das einzige Thema, das er sich aufgrund seiner Informationslage vorstellen konnte, anzusprechen. »Wenn es möglicherweise um finanzielle Schwierigkeiten geht, Mr. White, so denke ich …«

»Ich habe keine finanziellen Schwierigkeiten«, entgegnete Jayden.

»Nun, umso besser, dann …«

»Ich stecke in einer finanziellen Tragödie«, sagte Jayden.

Dann legte er auf.

Eine halbe Minute später fielen mehrere Schüsse.

Samstag, 20. Juli

1

Der Zug der London North Eastern Railway hatte London King’s Cross pünktlich um neun Uhr verlassen und nahm nun den Weg Richtung Norden. Draußen wechselten Städte mit Dörfern und mit Wiesen, Wäldern und Feldern ab. Das Land lag unter hochsommerlicher Sonne. Keine Wolke war am tiefblauen Himmel zu sehen. Es war ein Tag, um auf dem Balkon zu sitzen oder mit dem Fahrrad an einen See zu fahren oder sich mit Handtuch und Picknickkorb bewaffnet ans Meer zu begeben.

Xenia Paget seufzte, weil sie wusste, dass ihr nach der Ankunft in Leeds keine dieser Möglichkeiten offenstehen würde. Das lag nicht nur daran, dass es in der Nähe von Bramhope, wo sie wohnte, weder Meer noch See gab; immerhin hatte sie einen Garten und eine Terrasse. Leider aber auch einen Ehemann, der es als einen unverzeihlichen Ausbruch schlimmster Faulheit ansehen würde, wenn sie sich nach fast drei Tagen Abwesenheit auch noch ein paar gemütliche Stunden im Liegestuhl gönnte. Während sie fort gewesen war, hatte er mit Sicherheit weder den Staubsauger betätigt noch die Waschmaschine angeschaltet oder die Blumen gegossen. Das hatte er für sie aufgehoben. Und würde erwarten, dass sie sofort mit der Arbeit anfing.

Xenia lehnte sich in ihrem Sitz zurück. Besser, sie genoss die Reise. Immerhin war es ein kleiner Ausflug in die Freiheit gewesen. Es würde sehr lange dauern, ehe sie eine solche Gelegenheit erneut bekam.

Wenn nur der Kerl, der ihr jenseits des Ganges in diesem Großraumwagen schräg gegenübersaß, nicht dauernd zu ihr hinschauen würde. Die ganze Zeit über starrte er sie an. Seit London. Sie blickte zum Fenster hinaus, sie blickte zur Decke, sie schaute in das Buch, das sie dabeihatte, sie schickte WhatsApp-Nachrichten an ihre Freundin Maya, bei der sie zu Besuch gewesen war … aber wann immer sie dann wieder den Blick nach vorne richtete, begegnete sie seinen Augen. Schwarze Augen. Sehr dunkel, sehr leer. Absolut unheimlich. Der Mann war ziemlich jung, höchstens Mitte zwanzig, und er war bestimmt nicht an ihr interessiert. An einer siebenunddreißigjährigen, stark übergewichtigen Frau in einem wallenden Hippiekleid, mit dessen Stofffülle sie ihre üppigen Formen zu kaschieren versuchte. Es waren auch keineswegs begehrliche Blicke, die er ihr zusandte. Dafür waren sie viel zu starr.

Bedrohlich.

Wer war das, und was wollte er?

Sie hatte sich überall im Wagen umgeschaut, aber es gab keinen freien Platz, auf den sie hätte ausweichen können. Sie war zur Toilette gegangen und hatte auch dabei nach einer Alternative gesucht, aber nichts entdeckt. Der Zug war voll besetzt. Sie traute sich nicht zu weit von ihrem Koffer weg, daher ging sie nicht durch alle Wagen bis nach vorne. Sie wagte auch nicht, ihren Koffer einfach mitzunehmen. Das wäre zu auffällig gewesen. Irgendetwas sagte ihr, dass der Typ ihr folgen würde, wenn er begriff, dass sie den Platz wechseln wollte.

Okay, nicht mehr weit bis York. Dort würde sie umsteigen in den Zug nach Leeds. Unwahrscheinlich, dass der seltsame Mann auch dorthin wollte. Und wenn doch, dann würde sie sich diesmal geschickter platzieren. Es war heller Tag, es konnte ihr nichts passieren. In Leeds würde Jacob, ihr Mann, sie am Bahnhof abholen. Nicht, dass sie sich darüber normalerweise gefreut hätte, aber diesmal kam es ihr entgegen.

Sie klappte ihr Buch zu und schob es in ihre Handtasche. Sie konnte sich ohnehin nicht konzentrieren. Vorsichtig hob sie den Blick. Der Typ glotzte. Er sah verschlagen aus. Lauernd. Aggressiv. Und irgendwie krank. Total gestört.

Sie fröstelte. Hätte sie nur mehr Selbstbewusstsein. Dann würde sie so lange zurückstarren, bis es ihm zu blöd wurde. Oder sie würde ihn ganz offensiv ansprechen. Aber ihr fehlte der Mut. Wie immer.

Sie schaute an die Decke, da hörte sie, wie die Frau, die neben ihr saß, erschrocken seufzte. Instinktiv sah Xenia sofort zu dem Fremden hin.

Er hielt eine Pistole in der Hand. Plötzlich.

Xenia zweifelte keinen Moment daran, dass er sie benutzen würde. Und dass sie das Opfer war.

Sie griff noch ihre Handtasche, sprang auf und rannte los.

So ein schöner Sommertag, dachte Kate, und da muss ich Stunden in diesem klimatisierten Zug sitzen!

Sie war müde, und sie hatte schlechte Laune, aber sie wusste, dass sie bei alldem etwas ungerecht war. Die Fahrt nach Leeds dauerte, einschließlich des Umsteigens in York, zweieinhalb Stunden, sie würde also keineswegs den ganzen Tag im Zug verbringen. Und das Wellnesswochenende in den Yorkshire Dales, das ihr die Kollegen von Scotland Yard zum Abschied geschenkt hatten, war im Grunde nichts, was ein Drama darstellen müsste, zumindest nicht für einen normalen Menschen. Kate hatte, selbstkritisch, wie sie war, allerdings manchmal den Verdacht, nicht ganz normal zu sein. Müsste sie denn nicht Lust auf ein Wochenende in einem schönen Hotel haben, immerhin nur den Samstagnachmittag und den halben Sonntag, mit gutem Essen, mit Massagen und Schlammpackungen und Gurkenscheiben auf dem Gesicht? Mit Heubädern und sonstigen seltsamen Anwendungen, die ihr alle guttun würden? Sie hatte so etwas noch nie gemacht. Sie hatte die Befürchtung, dass sie es keine halbe Stunde lang ertragen würde.

Am Donnerstagabend hatte sie für die Kollegen eine kleine Abschiedsfeier gegeben, mit zwei Kisten Sekt und einem Buffet vom Caterer. Sie wusste, dass man sie in ihrer Abteilung immer für eigenartig gehalten hatte und dass Attribute wie verschlossen, introvertiert, undurchschaubar noch zu den netteren gehörten, mit denen man über sie sprach. Tatsache war, zwanzig Jahre bei Scotland Yard hatten sie bis zuletzt eine Außenseiterin sein lassen, und trotz ihrer beachtlichen Erfolgsquote hatte sie es nur bis zum Detective Sergeant gebracht. Es war üblich, dass der Vorgesetzte seine Mitarbeiter für die Prüfung zum nächsthöheren Rang vorschlug und ihnen auch Mut machte, sich anzumelden. Ihr Vorgesetzter hatte das nie getan. Ihre Prüfungen hatte Kate auf eigene Initiative in die Wege geleitet, sich entsprechend unsicher gefühlt und auch das Gefühl gehabt, dass sich die anderen über sie mokierten. Nach dem Motto Ganz schön überheblich. Ohne Rückendeckung vom Chef. Dabei war Kate nicht überheblich, nicht im Mindesten, und gerade ihr mangelhaftes Selbstbewusstsein wurde ihr andererseits auch oft genug angekreidet.

Ein ewiger Kreislauf. Unlogisch und ohne Ausweg.

Sie atmete tief und schaute zum Fenster hinaus. Das Kapitel lag hinter ihr. Ein neues vor ihr. Die Frage war, ob nun alles besser würde.

»In Scarborough hat es gestern ein scheußliches Verbrechen gegeben. Ganz schlimm.«

Sie zuckte zusammen, wandte sich ihrem Sitznachbarn zu. Colin Blair. Er war vielleicht der einzige Freund, den sie hatte, wobei der Begriff Freundschaft fast schon zu hoch gegriffen war. Eigentlich waren sie eine Art Notgemeinschaft, zwei Menschen, die das Problem mit den sozialen Kontakten nicht richtig in den Griff bekamen und sich nun gelegentlich an den Wochenenden trafen, um nicht völlig alleine zu sein. Sie hatten sich zwei Jahre zuvor beim Onlinedating getroffen. Es hatte nicht gefunkt zwischen ihnen, sie waren kein Paar geworden, aber irgendwie waren ihre einsamen Seelen doch in eine Beziehung getreten. Kate wusste nicht einmal, ob sie wirklich Sympathie für Colin empfand. Zumindest aber verstand sie ihn. Und hatte den Eindruck, dass es ihm umgekehrt genauso ging.

Das Abschiedsgeschenk der Kollegen war für zwei Personen vorgesehen. Kate fragte sich die ganze Zeit, ob das Unbedarftheit war oder eine perfide Form, ihr das Alleinsein noch einmal deutlich unter die Nase zu reiben. Allgemein wusste man, dass es keine engen Beziehungen in Kates Leben gab. Keine Freunde und schon gar keinen Partner oder Ehemann. Woher sollte sie jemanden nehmen, der sie zu einem Wochenende in einem Wellnesshotel begleitete? Tatsächlich war ihr bloß Colin eingefallen, und letztlich hatte sie ihn dann nur gefragt, um die Kollegen zu überraschen. Es gab doch jemanden! Sie würde insgeheim einen Zuschlag bezahlen, damit Colin sein eigenes Zimmer bekam, aber das brauchte niemand zu erfahren. Tatsächlich war ihre Kollegin Christy McMarrow, der sie am Vorabend ihre Katze Messy für die zwei Tage ihrer Abwesenheit gebracht hatte, ausgesprochen überrascht gewesen.

»Ach, du nimmst wirklich jemanden mit?«, hatte sie perplex gefragt.

»Ja«, hatte Kate erwidert, »einen Freund.« Und hatte Christy mit offenem Mund stehen gelassen.

Dafür hatte sie nun Colin am Hals, aber vielleicht ließen sich Heubäder zu zweit tatsächlich besser ertragen.

Colin verbrachte die Fahrt mit dem Smartphone vor der Nase und war nun offensichtlich auf eine interessante Meldung gestoßen.

»Ein Verbrechen?«, fragte Kate. »In Scarborough?«

»Ein Mann hat seine ganze Familie erschossen. Seine Frau und seine zwei noch ziemlich kleinen Kinder. Die Polizei war von Nachbarn gerufen worden, die Schüsse gehört hatten. Zu dem Zeitpunkt lebten aber noch alle, der Mann hatte einfach an die Decke geschossen. Dein neuer Chef hat dann mit ihm über Handy verhandelt.«

»Caleb Hale?« In seiner Abteilung hatte sie sich beworben und war angenommen worden. Was natürlich niemand in ihrem Umfeld verstand: Beamtin bei Scotland Yard, bei einer der berühmtesten Behörden der Welt. Und dann ging sie zur North Yorkshire Police, zum CID Scarborough. In den strukturschwachen Nordosten Englands und zu einer Behörde, die kein Mensch kannte. Egal. Kate wusste, warum sie es tat. Sie und Caleb hatten zwei Fälle zusammen gelöst. Er war vielleicht der einzige Mensch im gesamten Polizeiapparat Großbritanniens, der Kate für eine geniale Ermittlerin hielt.

»Ja. DCI Caleb Hale. Aber er hat es nicht verhindern können. Der Typ hat das Gespräch abgebrochen und dann unmittelbar die beiden Kinder und seine Frau erschossen. ›Geradezu hingerichtet‹, schreibt die Daily Mail.« Colin schüttelte den Kopf. »Echt krass.«

»Hat er sich selbst auch erschossen?«, fragte Kate. Die Geschichte war schrecklich, aber es handelte sich um ein nicht allzu seltenes Phänomen. Männer, die keinen Sinn mehr in ihrem Leben sahen, die sich von der Last ihrer Probleme erdrückt fühlten und allem ein Ende setzen wollten, neigten dazu, ihre Familien in ihren Selbstmord mitzunehmen. So wie es auch eher Männer waren, die ihren Abgang als Geisterfahrer auf einer Autobahn inszenierten und dabei Unbeteiligte mit in den Tod rissen. Tatsächlich geschah dies bei Frauen äußerst selten: Im Allgemeinen beschränkten sie ihren Suizid ausschließlich auf sich selbst.

»Nein«, sagte Colin, »hat er nicht. Hier steht, er wurde festgenommen und habe erklärt, dass er sich selbst auch töten wollte, aber es dann doch nicht fertiggebracht habe. Du liebe Güte. Was für ein Feigling!«

»Grauenhaft«, sagte Kate, »ganz grauenhaft.«

»Für die Presse ist das alles natürlich ein gefundenes Fressen«, meinte Colin. »Eine tote Frau. Zwei tote Kinder. Und die Polizei stand die ganze Zeit vor dem Haus. ›Wurde zu spät eingegriffen?‹, wird hier gefragt. Dein Caleb Hale dürfte jetzt einigen Ärger am Hals haben.«

Kate nickte. Das fürchtete sie auch. In Fällen wie diesen brauchte man einen Schuldigen. Das war natürlich der Familienvater, aber mit Sicherheit würden sich mildernde Umstände für ihn finden lassen. Viel besser und dramatischer ließ sich auf die Polizei einschlagen. Problemlos konnte in jede Richtung spekuliert werden. Und natürlich war die Beurteilung einer Situation im Rückblick immer wesentlich einfacher. Hätte die Polizei die Wohnung gestürmt und es hätte tote Kinder gegeben, wäre ein Sturm der Kritik losgebrochen. Im vorliegenden Fall hatte Caleb Hale als der Einsatzleiter offensichtlich auf Verhandlung gesetzt, und es hatte trotzdem tote Kinder gegeben. Nun würde er ebenfalls in einem Kritikhagel stehen. Immer wieder wurde in Fällen wie diesem eine Tatsache negiert, die Kate für ebenso traurig wie zutreffend und unveränderbar hielt: dass es Situationen im Leben gab, die eine gute Lösung ausschlossen. Egal, was man tat und wie man es tat.

»Caleb wird einiges aushalten müssen«, meinte Kate. »Aber er schafft das. Es gehört zu seinem Job, mit Kritik und Anfeindungen umgehen zu müssen.«

Schlimmer würden für ihn die Vorwürfe sein, die er sich selbst machte. Eine wehrlose Familie, grausam ermordet im eigenen Schlafzimmer. Er, wenige Meter entfernt mit seinen Leuten, hatte ihnen nicht helfen können. Sie kannte ihn, und sie wusste, wie sehr ihn die Bilder verfolgen, wie sehr ihn die Frage nach möglichem eigenem Versagen quälen würde. Leider kannte sie auch die Art, wie er auf Stress, auf Krisen, auf Selbstzweifel reagierte: Er war Alkoholiker. Seit vielen Jahren. Zwischendurch hatte er einen Entzug in einer Klinik gemacht und bezeichnete sich seitdem als trockenen Alkoholiker. Was er nicht war, wie Kate wusste. Er war längst rückfällig. Die Frage war, wie lange er damit noch durchkommen würde.

»Er bekommt ja jetzt dich an seine Seite«, meinte Colin. »Da kann nichts mehr schiefgehen.«

Sie lächelte ihn an. Manchmal konnte Colin durchaus charmant sein.

Sie blickte auf die Uhr. In wenigen Minuten würden sie den Bahnhof in York erreichen, wo sie umsteigen mussten. Sie stand auf.

»Ich gehe noch ganz schnell zur Toilette. Passt du auf meine Tasche auf?«

»Klar.« Colin nickte.

Kate ging den Gang zwischen den rot gepolsterten Sitzen im Großraumwagen entlang und dann durch einen Wagen mit geschlossenen Abteilen. Sie hatte die Toilettentür fast erreicht, als sie hinter sich Schritte vernahm, schnelle Schritte. Jemand kam den Gang entlanggerannt. Kate drehte sich um.

Eine Frau stürzte auf sie zu. Sie keuchte. Ihr Gesicht glänzte von Schweiß. Ihre Augen waren weit aufgerissen. Sie stolperte, als sie Kate fast erreicht hatte, und konnte sich nur auf den Beinen halten, weil Kate blitzschnell ihren Arm griff und sie stützte.

»Oh Gott. Helfen Sie mir. Bitte helfen Sie mir!«

»Was ist denn los?«

»Er … er ist da hinten!« Sie wies in die Richtung des Ganges, aus der sie gekommen war. Kate folgte mit den Augen ihrem ausgestreckten Zeigefinger. Der Gang war leer.

»Wer denn? Beruhigen Sie sich doch.«

»Ich weiß es nicht«, flüsterte die Frau. »Ich habe keine Ahnung. Er hat eine Waffe.«

Kate wollte schon zu einer beschwichtigenden Rede ansetzen und sich nach möglichen Angehörigen oder Freunden der Frau im Zug erkundigen, weil sie glaubte, es mit einer Psychotikerin zu tun zu haben, da ging die gläserne Automatiktür auf, die zum Großraumwagen führte. Ein Mann erschien. Und in der nächsten Sekunde peitschte ein Schuss haarscharf an den beiden Frauen vorbei.

Die Fremde schrie. »Nein! Nein!«

Kate, die immer noch den Arm der Frau hielt, drückte mit der Schulter die Tür zur Toilette auf, stieß die Frau hinein, drängte hinter ihr her, zog die Tür zu und schob den Riegel vor. Draußen fiel ein zweiter Schuss. Die Frau begann wie eine Irre zu schreien.

Kate schob sie in den toten Winkel hinter der Tür und platzierte sich vor ihr. Sie hatte richtig vermutet: Im nächsten Moment durchschlug eine Kugel die Tür.

»Ruhig, ganz ruhig.« Kate hielt die Hand der Frau. »Wie heißen Sie?«

Die Frau starrte sie aus panischen Augen an. »Xenia.«

»Okay, Xenia. Ich heiße Kate. Wir sind hier drinnen in Sicherheit. Beruhigen Sie sich.«

Die nächste Kugel kam durch die Tür. Der Täter konnte die beiden Frauen in der Ecke, in der sie kauerten, nicht direkt treffen, aber es musste nur eine Kugel von den gegenüberliegenden Wänden abprallen, dann rettete sie nichts mehr.

Wieder zwei schnell aufeinanderfolgende Schüsse.

Kate blickte auf die Uhr. Noch zwei Minuten bis York. Der Zug fuhr schon langsamer. Menschen würden in die Gänge strömen, um die Türen zu erreichen. Sie konnte nur hoffen, dass man die Schüsse bereits gehört hatte und dass niemand den Gang vor der Toilette betreten würde. Es konnte sich um einen Amokläufer handeln, der wahllos auf alles schießen würde, was sich bewegte. Kate fingerte in den Taschen ihrer Jeans herum und stöhnte, als ihr aufging, dass sich ihr Handy in ihrer Handtasche befand. Und die hatte sie auf dem Sitz neben Colin stehen gelassen. Sie konnte sich mit niemandem in Verbindung setzen.

Wieder ein Schuss. Xenia zitterte wie Espenlaub.

»Xenia, haben Sie ein Handy?«

»Ich habe meine Handtasche verloren, als ich durch den Zug gerannt bin. Ich war ja ganz hinten in einem der Wagen … Ich weiß nicht, wo sie ist.« Sie begann zu weinen.

»Kein Problem. Bleiben Sie ruhig.« Natürlich war es ein Problem. Sie saßen jetzt in dieser Zugtoilette fest, und vor der Tür stand ein Mann mit einer Waffe. Hilfe konnten sie nicht herbeitelefonieren. Allerdings würde der Zug jeden Moment zum Stehen kommen. Und andere Reisende mussten die Schüsse gehört haben. Vielleicht war die Polizei längst verständigt.

Kates Blick glitt zu dem Schiebefenster an der Zugaußenwand hin. Sie wusste nicht, ob es sich öffnen ließ, aber es wäre einen Versuch wert. Während sie daran herumrütteln würde, wäre sie allerdings die perfekte Zielscheibe für den Verrückten draußen. Wenn er schoss, konnte er sie direkt in den Rücken treffen. Sie musste es trotzdem probieren.

»Bleiben Sie ganz still«, flüsterte sie Xenia zu. »Er soll nicht mitbekommen, dass ich unsere Ecke hier verlasse. Ich versuche, das Fenster zu öffnen.«

Xenia umklammerte sofort ihre Hand. »Bitte nicht. Bleiben Sie hier. Bitte.«

»Ich öffne nur das Fenster. Und dann klettern wir beide nach draußen.«

Xenias Zittern verstärkte sich, aber sie nickte. So tief geduckt, wie sie konnte, bewegte sich Kate zu dem Fenster hinüber. Mehr als knappe zwei Schritte waren es nicht in dem winzigen Raum. Links von ihr befand sich jetzt das Waschbecken aus Edelstahl mit dem kleinen Spiegel darüber. Direkt vor ihr die Toilettenschüssel. Darüber das Fenster. Hinter ihr, in direkter Linie, die Tür mit dem Schützen dahinter. Kate spürte, dass ihr der Schweiß ausbrach. Zum Glück dröhnte das Rattern der Räder laut genug, um mögliche Geräusche des Fensters zu übertönen. Kate griff in die Halterungen und zog daran. Tatsächlich glitt die Scheibe geräuschlos und ohne größere Schwierigkeiten nach unten. Allerdings nur ein Stück weit. Dann war Schluss.

Warme Sommerluft strömte herein. Weich.

Ich will nicht sterben, dachte Kate, ich will auf keinen Fall sterben.

Sie musterte die schmale Fensteröffnung. Sie selbst würde möglicherweise mit einiger Anstrengung hindurchpassen, sie war relativ klein und sehr dünn. Aber Xenia hätte keine Chance. Sie war ziemlich mollig, und das war freundlich formuliert. Hoffnungslos, sie nach draußen schieben zu wollen.

Xenia erkannte das Problem ebenfalls. »Bitte lassen Sie mich nicht allein. Bitte!«

»Natürlich nicht.« Das war klar. Kate war Polizistin, auch wenn sie gerade nicht im Dienst war: Bei Scotland Yard hatte sie zwei Tage zuvor aufgehört. Und in Scarborough würde sie im August beginnen. Sie befand sich im Augenblick in einer Art beruflichem Niemandsland. Dennoch hätte sie nie im Leben eine Frau in Xenias Situation zurückgelassen und sich selbst in Sicherheit gebracht. Das war vollkommen ausgeschlossen.

In diesem Moment fiel der nächste Schuss, und fast gleichzeitig kam der Zug mit kreischenden Bremsen und quietschenden Rädern im Bahnhof von York zum Stehen.

Kate spürte einen Schmerz an ihrer rechten Wade, scharf und durchdringend, aber nur kurz, und sie dachte eine Sekunde später schon, sie habe sich das nur eingebildet. Sie kroch zu Xenia zurück in die Ecke. Er war noch da. Immer noch.

Durch das geöffnete Fenster drangen Lautsprecheransagen. Ein weiterer Zug fuhr dröhnend ein. Man hörte das Rattern von Rollkoffern auf Bahnsteigen. Entfernt Stimmen.

Bahnhofsgeräusche.

»Er ist noch vor der Tür«, hauchte Xenia.

»Ja, offensichtlich. Aber inzwischen müssen andere Leute etwas mitbekommen haben. Mit Sicherheit ist die Polizei schon verständigt. Die werden uns hier rausholen. Keine Angst.«

Sie fragte sich, was Colin jetzt tat. War es ihm schon komisch vorgekommen, wie lange sie auf der Toilette blieb? Hatte er die Schüsse gehört? Er musste nervös sein. Sie mussten hier umsteigen, ihr Zug nach Leeds ging knappe zwanzig Minuten später. Sie hoffte, dass er nicht kam, um nach ihr zu schauen. Er würde dem Täter direkt vor die Waffe laufen.

Xenia stieß plötzlich einen Schreckenslaut aus und deutete auf Kates Beine. »Sie bluten da!«

Kate sah, dass sich der Stoff ihrer Jeans an ihrer rechten Wade rotbraun verfärbt hatte. Der Fleck schien auch ständig größer zu werden. Sie entsann sich des scharfen Schmerzes. Sie war getroffen worden. Es tat seltsamerweise nicht weh. Der Schock, die Überflutung mit Adrenalin.

»Ein Streifschuss«, flüsterte sie, obwohl sie keine Ahnung hatte, »nicht weiter schlimm.«

»Er wird uns töten. Oh Gott, er wird uns töten!«

»Haben Sie irgendeine Ahnung, wer er ist? Und warum er hinter Ihnen her ist?«

»Nein. Ich saß im letzten Großraumwagen im Zug. Er saß mir schräg gegenüber, zwischen uns der Gang. Er starrte mich die ganze Zeit an, es war absolut unangenehm und unheimlich.«

»Und Sie haben den Mann nie zuvor gesehen?«

»Nein.«

»Hm. Das ist sehr merkwürdig.« Es gab Amokläufer. Die schossen dann aber meist wild um sich, egal, wen sie trafen, Hauptsache, sie erwischten viele Opfer. Dieser Mann jedoch hatte ausschließlich Xenia ins Visier genommen. Das wies darauf hin, dass es irgendeine Verbindung zwischen ihnen gab.

»Ich höre gar nichts mehr«, hauchte Xenia. »Aus dem Zug.«

Tatsächlich waren da die Geräusche des Bahnhofs. Aber der Zug klang wie ausgestorben.

»Glauben Sie, er ist noch da?«

»Ich weiß nicht. Ich möchte ungern meinen Kopf da rausstrecken. Es müssten eigentlich neue Passagiere einsteigen, und das würden wir mitbekommen. Da das nicht der Fall ist, hat die Polizei wohl schon die Kontrolle über die Situation übernommen.«

Xenia entspannte sich ein wenig. Sie zitterte nicht mehr so heftig, ihr Atem ging etwas ruhiger. Dann schraken sie beide heftig zusammen, als plötzlich an die Tür gehämmert wurde.

»Polizei! Wer ist da drinnen?«

Kate hielt Xenia, die sofort zur Tür stürzen wollte, zurück. »Detective Sergeant Kate Linville. Und eine Passagierin.«

Xenia blickte fassungslos drein. »Sie sind …?«

»Hier ist Detective Sergeant Jenkins von der North Yorkshire Police. Können Sie öffnen? Es ist alles unter Kontrolle.«

»Und wenn er es ist?«, fragte Xenia leise.

»Das hätte er dann schon längst auf diese Weise versucht«, meinte Kate. Sie humpelte zur Tür. Ihr Bein fing jetzt an zu schmerzen, und sie konnte kein Gewicht darauf verlagern. Sie schob den Riegel zurück. Vor ihr erschien ein Mann in dunklem Anzug.

»DS Linville?«

»Ja.«

»Ist jemand verletzt?«

»Ich habe einen Streifschuss am Bein«, erklärte Kate. »Sonst sind wir beide in Ordnung.«

»Sie sind also eine Kollegin?«, fragte Jenkins.

»Ja. Aber nicht im Dienst. Ich bin zufällig in diese Situation geraten.« Sie schaute den Gang auf und ab. Überall Polizei. Auch draußen auf dem Bahnsteig.

»Mehrere Passagiere haben Notrufe abgesetzt. Im Zug werde geschossen. Sekunden nachdem der Zug eingelaufen war, trafen auch wir zur Unterstützung der Bahnhofspolizei ein.« Er zögerte. Kate ahnte, was kam.

»Sie haben ihn nicht?«

»Nein. Es stürzten massenweise Menschen raus und liefen davon, die beiden Beamten der Bahnhofspolizei waren völlig überfordert. Wir haben dann versucht, die Lage zu kontrollieren, aber viele Passagiere waren bereits auf und davon. Einige werden in einem Raum des Bahnhofsgebäudes betreut. Andere sind über alle Berge. Wir mussten erst mal Gleise absperren, den Bahnhof sichern. Den Zug durchsuchen.« Er wischte sich über die Stirn. Es war nicht optimal gelaufen. Da draußen war ein Mann mit einer Waffe. Er war flüchtig. Er hatte sein Ziel nicht erreicht.

Xenia war noch bleicher geworden. »Wenn er es wieder versucht?«, flüsterte sie. »Was mache ich, wenn er es wieder versucht?«

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DS