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Michael Böhm

Mein Freund SisyphoS

Roman

Inhalt

Impressum

Widmung

Zitat

Der Traum

Im weißen Raum

Erinnerungen

Das gelbe Haus

Blick in den Rückspiegel der Zeit:

Monika

Blick in den Rückspiegel der Zeit:

Fußball

Blick in den Rückspiegel der Zeit:

Einladung zu einem Abenteuer

Hausmusik

Die Suche nach mir

Die Bereinigung

Mit dem Zug durch Europa

Blick in den Rückspiegel der Zeit:

Blick in den Rückspiegel der Zeit:

Die Bundeswehr

Blick in den Rückspiegel der Zeit:

Die Musik der Beatles

Fotoausstellung

Blick in den Rückspiegel der Zeit:

Studium

Blick in den Rückspiegel der Zeit:

Eine ungewöhnliche Begegnung

Colloquium und Morgenrasur

Blick in den Rückspiegel der Zeit:

Indisches Sabbatjahr_1

Außensicht

Indisches Sabbatjahr_2

Blick in den Rücksiegel der Zeit:

Nachdenken über meinen Weg

Statistikanalyst

Anleitung zum Zaubern

Blick in den Rückspiegel der Zeit:

Unter den Teppich kehren

MHW

Warten auf Tina

Blick in den Rückspiegel der Zeit:

Die Wahl zum Oberbürgermeister

Blick in den Rückspiegel der Zeit:

Das Färber-Quartier

Weg und Wollen

Blick in den Rückspiegel der Zeit:

Eustachius

Gespräch auf dem Golfplatz

Das Grab auf der Felseninsel

Beichte auf Amrum

Klangraum

Blick in den Rückspiegel der Zeit:

Zurück als graue Figur

Blick in den Rückspiegel der Zeit:

Ein Journalist

Rituale

Das latente ungute Gefühl

Der entscheidende Tag

Blick in den Rückspiegel der Zeit:

Der Mann vom Balkan

Das kalte Gefühl

Hinter welcher Wolfshecke?

Besuch am Chiemsee

Ein dreistes Angebot

Morgen kommt Tina

Blick in den Rückspiegel der Zeit:

Epilog

Was noch zu sagen wäre …

Über den Autor

Weitere Titel im Bookspot Verlag

Die preisgekrönte Petermann-Trilogie von Michael Böhm

Leseprobe: Michael Böhm – Die zornigen Augen der Wahrheit

1 Bis zum Ende aller Tage

Der Skribent

Der Arzt

Widmung

Meinen Dank an Christel
und unseren Manuel, dem Indienfahrer.
Immer wieder.

Zitat

Wir müssen uns Sisyphos
als einen glücklichen
Menschen vorstellen.

Albert Camus

 

Die Menschen sind nicht immer,
was sie scheinen.

Lessing

Der Traum

In der vergangenen Nacht hatte ich wieder diesen Traum, der mir, als ich schweißgebadet erwachte, wirklicher erschien als die momentan entschwundene Realität. Fabian von Fernau war zum Ministerpräsidenten unseres Landes gewählt. Die Menschen glaubten an ihn, glaubten, er erfülle ihren stillen Wunsch nach einer festen und entschlossenen Führung, und sie vertrauten seinem Versprechen, ein offenes Ohr für sie zu haben. Dabei war das alles Lüge, ein Albtraum, der reine Humbug.

Psychologisch gesehen war mein Traum eine Projektion. Die Wirklichkeit sah nämlich ganz anders aus. Auf FvF war geschossen worden. Die Kugel war seitlich in seinen Kopf eingedrungen und er war auf der Stelle tot.

So hatte ich es mir vorgestellt, so geplant und so sollte es passieren.

Doch Fabian hatte sich gerade in diesem winzigen Moment nach vorn gebeugt und als sein Kopf auf den Tresen schlug, lebte er noch.

Noch nicht ganz wach, springe ich aus dem Bett, stelle mich ans Fenster, starre in die Nacht. Mein Shirt ist schweißnass. Warum fällt mir gerade jetzt einer der Fragebogen von Max Frisch ein? Haben Sie Angst vor dem Tod? Wenn ja, warum? Und ich denke auch: Was dir in der Nacht träumt, sollst du nach dem Erwachen nicht mehr zu ernst nehmen. Ist es so?

Der Augenblick des Attentats, dieser spitze Punkt in der Zeit, der in meinem Kopf wie ein Film in Endlosschleife läuft, verfolgt mich bis in den Schlaf hinein. Diese schreckliche Szene wird für immer ein Eckpfeiler meiner Erinnerung sein, davor gibt es bestimmt kein Entrinnen. Indolenz ist bei Schuld kein Ausweg.

Die Fassung meines Traumthemas sieht so aus: Bei dem, was ich dort auf dem Bildschirm sehe, seltsam braun unterlegt, ist es auch für mich mühsam, ja fast nicht möglich, meine Zweifel weiter bestehen zu lassen. Keine Frage, FvF hat die Wahl gewonnen. Der ersten Prognose zufolge, die gerade der Moderator mit kühler, neutraler Miene erläutert, wird es ein Erdrutschsieg werden. Der Souverän hat ganz bewusst, wie seit Wochen in fast allen Umfragen unisono vorhergesagt, ein politisches Großreinemachen mit seinem Wahlzettel bewirkt. Ergo ist unser Plan voll aufgegangen. Nein, ich bin gewiss nicht versucht, mir selbst auf die Schulter zu klopfen, wurde mir doch schon zu bald klar, wohin der Hase laufen würde. Mein Vorteil war allein das Privileg, das Ohr des Kandidaten, das von Fabian von Fernau, vor jeder anderen Einflüsterung für mich zu haben.

Ich stehe einen guten Schritt hinter FvF in einem Nebenraum der Zentrale der Bewegung Helles Morgen im Marsstall des Stadtschlosses. Meine Augen fixieren seinen Hinterkopf, während meine Gedanken ganz woandershin entschweben. Neben ihm wartet seine Frau Sibil, die ihn strahlend anlächelt. Für mich fehlt nur der weiße Pudel auf ihrem Arm. Ja, die beiden sind ein schönes Paar, wie für die Medien gemacht, schlank, groß, jung, er dunkel, sie blond. Wie viele Wähler werden dieses Bild vor Augen gehabt haben, diese Symbiose von Schönheit und Erfolg, als sie in der Stille der Wahlkabine ihr Kreuz machten? FvF und Sibil genießen ihren Sieg und ich gönne ihnen mit einem sauren Geschmack im Mund dieses überwältigende Gefühl. Auch, und vor allem, weil ich sicher weiß, dass in jeden Triumph versteckt auch schon der Beginn des Niedergangs lauert. Nur nebenbei gesagt, auch auf diesem Weg ins Tal hinunter werde ich in ihrer Nähe bleiben, wenn sie es denn wollen. Fabian nämlich hat mir dieses Abenteuer, von dem wir träumten, das wir mit heißem Herzen herbeisehnten, für das wir schufteten wie Galeerensklaven, wenn es wohl auch ein Pyrrhussieg sein wird, überhaupt erst ermöglicht, wahrlich ein Geschenk, das ich ihm bestimmt nicht vergessen werde. FvF hat mich aus den Niederungen einer ungeliebten Tätigkeit, einem ziellosen, langweiligen Alltag befreit, mich mit einer faszinierenden Aufgabe als Köder zu sich gelockt und nicht mehr gehen lassen.

FvF und Sibil halten sich an den Händen. Ich kann es nicht sehen, denke mir aber, dass Sibil in eine helle Zukunft lächelt, der sie selbst mit viel Kraft und Fantasie sowie gebündeltem Willen akribisch mit den Weg bereitet hat. Sie hat das Absolute gewollt und jetzt liegt der Zielstrich direkt vor ihr, mit den Spitzen ihrer modischen Schuhe berührt sie ihn bereits.

Auf einmal wendet FvF seinen Kopf, schaut mich fragend an, und ich weiß, er erwartet von mir das Zeichen, will mich den genau richtigen Moment bestimmen lassen, um durch die Tür hinaus auf die Bühne zu treten. Ich verneine mit den Augen, noch ist der Augenblick nämlich nicht erreicht, die Kulisse zu verlassen. Draußen müssen sie mit noch mehr Spannung auf ihn warten, ihn regelrecht ersehnen, ihn, Fabian von Fernau, ihren politischen Heiland, ihr Versprechen auf eine neue Zeit.

Im weißen Raum

Wir befanden uns in einem Warteraum der Klinik. Jeder war mit sich selbst beschäftigt, in sich versunken.

Irgendetwas, ich weiß nicht, was, beendete meine Versunkenheit abrupt. Da stand jemand mitten im Raum. Ich schaute zu ihm hoch, meine Augen blieben für eine Winzigkeit an dem Button hängen, den er an der Jacke trug, wie jeder von uns. Dieser Button war auch eine Idee von mir gewesen. Bei einem Cartoonisten hatten wir uns die Rechte an einer Strichzeichnung besorgt, die FvF zeigt. Die Buttons mit dem Zeichen wurden an alle abgegeben, die mit der Bewegung Helles Morgen sympathisierten. Auch für Fabians unmittelbare Umgebung war der Anstecker Pflicht.

Es brauchte eine kleine Weile, bis ich fähig war, meine Trägheit im Kopf abzuschütteln und zu mir zu kommen. In der Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit war der Grund zu suchen, warum ich mich so schwertat, ohne zu viel Emotion klar zu denken.

Nicht willentlich, vielmehr unbewusst, suchte ich die wirren Bruchstücke der Erinnerung zusammen, um mir selbst sagen zu können, wo ich mich überhaupt befand. Genau: Ich hatte mich auf ein altes Sofa gesetzt, neben mir saß Sibil, deren eiskalte Hand ich hielt. Zwei in Eis verwandelte Menschen. Eine junge Ärztin hatte unsere Gruppe – wir waren, glaube ich, sieben – in einen unwirklichen weißen Raum gebracht, scheinbar in eine andere Welt, wo wir vor der Medienmeute sicher auf Nachricht aus dem OP warten sollten. Alle, wie auf eine stille Verabredung, schwiegen wir, niemand wollte oder konnte etwas sagen. Was hätten das auch für Worte sein können? Wir standen unter Schock, wie es so schön heißt, wie unter eine von der übrigen Welt abgeschottete Käseglocke gestellt, das gerade vor kurzer Zeit Geschehene konnte sich doch nicht anders als erst einmal traumatisch auf uns auswirken.

Auf dem Sofa sitzend gelang es mir einfach nicht, das wirre Chaos in meinem Kopf zu ordnen. Alle Versuche in diese Richtung wurden von den unglaublichen Bildern, die ich mir so nicht vorgestellt hatte, die direkt neben mir passierten, und sich darum tief in meine Erinnerung brannten, überlagert.

Sibil hatte meine Hand losgelassen, so, als wäre sie plötzlich nicht mehr kalt, sondern ein heißes Eisen, war aufgestanden und zum Fenster gegangen. Gedankenverloren sah ich mir ihren geraden Rücken an, erhob mich ebenfalls vom Sofa, ging zu jedem Einzelnen unseres Teams, außer Sibil und mir drei Männer und zwei Frauen, legte meine Hand kurz an den Oberarm, suchte mit Aufbietung meiner ganzen Kraft Augenkontakt, den mir nur zwei von ihnen gestatteten. Nein, so redete ich mir ein, es war nicht dieser Schrecken, den wir gemeinsam erlebt hatten, der uns lähmte, es war vielmehr dieses Gefühl des freien Falls aus der rauschenden, abundanten Euphorie in eine bodenlose dunkle Traurigkeit, das uns jetzt zu leblosen Puppen machte.

Als wir am frühen Abend aus den weißen Kleinbussen gestiegen waren, die beide an den Seiten Fabians lächelndes Konterfei zeigten, und über den Augustiner-Platz auf die Stadthalle zugingen, spannte sich der Himmel in einem kristallenen Blau, geschmückt mit einigen leichten hohen Federwolken, über die Stadt.

Doch jetzt stecken wir in diesem finsteren undurchdringlich scheinenden Nebel fest, wie gefangen in einer babylonischen Verwirrung. Wer von uns kann denn sagen, wie es weitergehen soll, wer hat den Kopf für solche Gedanken überhaupt frei? Kann man in solch einer Situation überhaupt vorausdenken? Die zähe Spannung ist mit Händen zu greifen. Wann wird die Tür aufgehen, eine weiß gekleidete Gestalt hereinkommen und uns die Nachricht kundtun, auf die wir so dringend warten und die wir noch mehr fürchten?

Ich gehe auf die Tür zu, noch ohne tatsächliche Absicht, den Raum zu verlassen, bleibe stehen, entscheide mich endlich, doch nach draußen zu gehen. Um dort was zu machen? Auf dem Gang auf und ab zu spazieren? Eine zufällige Begegnung zu suchen? Mit wem denn? In der schon geöffneten Tür stehend blicke ich zurück. Stumme Gesichter, fast wie leblose Masken, starren irgendwohin, keiner beachtet mich. Sibil steht noch immer abgewandt am Fenster.

Draußen auf dem Flur steht einer der Bodyguards, Eddy, vor mir. Ich nicke ihm zu. Wir kennen uns seit einer kleinen Ewigkeit, seit der Zeit bei der Bundeswehr. Der leere Klinikflur ist lang. Meine Augen nehmen die modernen, bunten Gemälde an der weißen Wand wahr. Sie hängen in ungleichmäßigem Abstand. Ich betrachte jedes einzelne, kann im Moment nichts mit ihnen anfangen, aber es ist eine kleine Ablenkung, immerhin. Der Flur endet weit vorn an einem Fenster, dahinter die Nacht. Wie davon angezogen, wende ich mich von den Bildern ab und steuere auf das dunkle Rechteck vor mir zu. Ich fühle mich allein, und das ist im Augenblick auch gut so. Mein Denkapparat ist wieder angesprungen. Mein erster Entschluss ist, alles auszublenden, um zur unbedingt notwendigen Vernunft zurückzufinden. Einer von uns, also ich, muss den Kokon des Entsetzens, der Panik durchbrechen, und klare Strukturen vorgeben, wie es zumindest für den aufdämmernden Tag weitergehen soll. Habe ich denn nicht alles im Voraus längst bedacht, muss doch nur meinem Plan folgen?

Meine Augen haben sich an dem Fenster festgesaugt, sodass ich die Person im grünen Bademantel, die aus dem Gang von links in meinen Weg tritt, erst wahrnehme, als wir uns schon gegenüberstehen. Es ist ein untersetzter Mann undefinierbaren Alters, mit rundem Gesicht, dessen helle grüne Augen mich freundlich anlächeln. Er hat das Down-Syndrom, das heute Trisomie 21 genannt wird, wie ich mich erinnere. Wir stellen uns nebeneinander ans Fenster, sehen die unzähligen blinkenden Lichter der Stadt und unterhalten uns. Er spricht langsam, bedächtig, ist ohne Weiteres fähig zu vernünftigen Gedankenverbindungen und vermag sie klar in Worte zu fassen. Zusammen hier am Fenster zu stehen findet er richtig gemütlich. Unsere Plauderei lenkt mich ab, nimmt mir den dumpfen Druck einer unbestimmten, konturlosen Angst, in der im Hintergrund die Panik lauert. Als wir uns nach einer ziemlichen Weile trennen, geben wir uns die Hand, wünschen uns gegenseitig eine gute Zeit.

Eddy steht an die Wand gelehnt, nur wenige Schritte hinter mir.

Ich kehre in unseren Warteraum zurück und nichts scheint sich verändert zu haben, alle stehen wie lebende Statuen herum. Die Abwesenheit und auch meine Rückkehr sind wohl keinem wirklich bewusst geworden. Ich setze mich wieder in die Sofaecke und spekuliere erneut mit der Frage, wohin dieser Mensch, der für mich nicht gesichtslose Schütze, verschwunden ist, Ich denke nicht, dass, wer auch immer die Frage stellen wird, wie der Attentäter den genau richtigen Moment am richtigen Ort hat finden können, um auf FvF zu schießen, den wahren Adressaten dafür ermitteln wird. Hatten wir doch nach dem erfolgreichen Wahlkampfauftritt offenbar spontan beschlossen, in der nahen kleinen Privatbrauerei, die einer der Fahrer entdeckt hatte, noch zusammen ein Bier zu trinken. Wer hatte das vorgeschlagen? War ich es gewesen? Der Schütze hatte, als ich den letzten Anruf mit dem Prepaid-Handy machte, das ich gleich darauf in den Fluss neben der Stadthalle warf, irgendwo als Passant in der Nähe, jedenfalls in Sichtweite, gestanden. Später war er uns von der Stadthalle aus gefolgt. Hatten die Bodyguards von ihm nichts bemerkt? Ich sah uns entspannt an der Theke, hatten ein Glas Bier gerade mal angetrunken, als der Schatten herantrat und das für alle Ungeheuerliche geschah.

Wieder mit dieser Szene vor Augen, die erst einmal für alle voller Rätsel bleiben wird, die ich approximativ wahrgenommen hatte, bin ich plötzlich auf dem Sofa eingeschlafen, weggesackt wie ein Stein im Wasser.

Erinnerungen

Was sind denn eigentlich Erinnerungen? Für mich sind das aus der Zeit herausgehobene Momente, die wir in und mit uns tragen, die uns unser Leben lang begleiten, die den Alltag zu erhellen oder zu verdunkeln vermögen, je nach dem Empfinden und dem Zustand unseres Gemütes. Viele dieser Blitzlichter, die ich gespeichert habe, ich glaube sogar die Mehrzahl, sind irgendwie durch unsichtbare Fäden mit Fabian von Fernau verbunden, bilden den wichtigsten Wegweiser zur Rückschau auf meine Vergangenheit. Immer wieder belästigen mich meine Erinnerungen, obwohl ich sie nicht sehen will, jedenfalls nicht bestimmte Kapitel davon.

Wie jeden Tag laufe ich in der Früh mehrere Kilometer, stets die gleiche Strecke. Am Anfang fiel es mir schwer, heute ist es Routine. Es ist schon so wie lockeres Auslaufen nach dem Aufstehen. Danach unter die Dusche und dann spaziere ich zum Frühstück hinunter in den Ort.

Ich habe Zeit, vor allem viel Zeit zum Denken, sitze auf der Terrasse meines Hauses auf der Insel, im Schatten unter einer orangen Markise, sehe in die Weite der Ebene unter mir, ein pelagischer Blick. Eigentlich fühle ich mich wohl in meiner Haut, eigentlich. Da mir die Vergangenheit im Moment wenig behagt, bewege ich meine Gedanken in die Zukunft hinein. Mir wurde ein erstaunliches Angebot unterbreitet, das mir allerdings zunehmend heftiges Kopfzerbrechen macht. Die Versuchung, es vielleicht doch anzunehmen, weil es einer gewissen Genugtuung gleichkäme, hält mich fest. Um vielleicht Klarheit zu gewinnen, will ich eine Analyse meiner Erinnerungen wagen, mich auf den langen Weg durch meine Vergangenheit machen, über meinen Lebenslauf nachdenken. Noch einmal will ich zugeben, es fällt mir nicht leicht, in diesem so besonderen Fotoalbum zu blättern, sind doch nicht nur farbige Bilder, sondern auch schwarz-weiße, sogar ziemlich dunkle und auch völlig missratene Aufnahmen darunter. Beim Betrachten mancher Szenen wollen nicht wenige wieder Wirklichkeit werden, bedrohen ernsthaft mein Jetzt, versuchen, mich in Düsternis zu manövrieren. Nur der schnelle Blick in die Schönheit der Natur um mich herum vermag mich temporär vor depressiven Angriffen bewahren. Oder aber die andere Möglichkeit der Abwehr, nämlich die unbedingte Wahrheit zu suchen, der ich mich stellen sollte? Mein Bauchgefühl sagt mir, Letzteres sei meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit. Ich muss mir ja nur selbst in die Augen sehen.

Wie lange liegt denn die Szene zurück, die mir gerade in den Sinn kommt?

Das gelbe Haus

Nicht mit den Gedanken ganz in der Gegenwart, mehr mit dem Gefühl im Damals, war ich unterwegs auf der schmalen Straße am Fluss entlang, der hier eilig eine enge Stelle passiert, auf dem Weg zu einem Haus, das ich so gut kannte, das mir genau vor Augen stand. Gleich nach der leichten Biegung würde ich es sehen. Fabians Elternhaus. Es war in einem warmen Gelbton gestrichen und sah wirklich noch heute genauso aus, wie es mir seit frühen Jugendjahren vertraut war. Fenster und die Haustür waren mit einem weißen handbreiten Rahmen eingefasst, wie auch die Läden in einem leicht getönten Weiß gehalten waren. Auch der Holzzaun war weiß. Alles sehr gepflegt, wie gerade eben frisch geputzt. Im Vorgarten standen Büsche wie Wachsoldaten und wenn sie blühten, ich wusste es, dann sah das wunderschön aus. Die Bilder des großen Gartens hinter dem Haus mit den alten Obstbäumen sowie die weiße Holzveranda, auf der wir so oft saßen und die Köpfe zusammensteckten, waren mir so vertraut, als wäre ich erst gestern hier gewesen.

Wann habe ich das letzte Mal an der Vorgartentür gestanden, nach oben zu dem Fenster geschaut, an dem das Gesicht Fabians erscheinen würde, nachdem ich die Klingel in unserem vereinbarten Takt gedrückt hatte? Nein, ich weigere mich, den Jahren nachzurechnen und schon gar nicht in diesem Text festzuschreiben. Sentimentalität liegt mir so gar nicht, bin ich doch alles andere als ein Gefühlstyp.

Auf mein Klingeln, das ich schwach im Haus hallen hörte, ging mein Kopf hoch zu dem Fenster, von wo aus mir sehr wahrscheinlich nicht Fabian entgegenfeixen würde.

Wer stattdessen am Fenster zu mir herunterlächelte, war jemand ganz anderes. Eine Frau, an die ich, sogar zu dieser Zeit noch, mit leiser Melancholie, einer schon schnurrigen Sehnsucht dachte.

Monika.

Ungefähr zwölf muss ich gewesen sein, als ich Monika zum ersten Mal gesehen habe. Es ist die Zeit, in der die Fußball- und Klassenkameradschaft mit ihrem Bruder langsam zu einer Freundschaft heranwächst. Sie ist ein Mädchen mit dunklen wuscheligen Haaren, das mit seinen acht Jahren irgendwie zum Hintergrund gehört, wenn ich bei Fabian zu Hause bin.

Ich möchte mich an wenige wichtige Momentaufnahmen aus den Jahren erinnern, als ich blind an unsere Freundschaft glaubte und Monika zu mir zu gehören schien. Fabian und Monika waren mir zu geschenkten Geschwistern geworden, die ich nicht hatte. Monika würde immer meine Schwester bleiben, dachte ich damals. Natürlich bin ich, nachdem mein Interesse an Mädchen bei mir erwacht ist, in das schöne Mädchen verliebt. Und sie in mich, wie sie mir Jahre später beteuerte.

Wir haben uns verabredet, wollen ins Kino gehen und ich hole sie ab. Monikas warme Hand in der meinen, steigen wir die hundert Stufen der Hubertreppe hinauf, die für mich an diesem frühen Abend eine Leiter in den Himmel ist. Auch im Kino halte ich ihre Hand, sie legt ihren Kopf an meine Schulter. Nach dem Film spazieren wir durch den dunklen Stadtpark, ich darf ihr Gesicht streicheln, sie aber nicht küssen, meine Hände auf ihren Brüsten gestattet sie, unter den leichten Pullover vorzudringen nicht, sie zu umarmen ist mir erlaubt, mich an sie zu pressen bleibt verboten. Es ist dennoch aufregend schön mit ihr in der ummantelnden leicht flüsternden Düsternis des Parks.

Ich treffe mich mit Fabian beim Griechen. Wir trinken roten Wein, reden kaum. Natürlich fällt mir das auf und ich bin gespannt, wann Fabian sagt, was er mir sagen will. Dann lässt er die Bombe platzen: Monika ist schwanger! Er schaut mir in die Augen. Seine blauen sind sehr dunkel, was nur vorkommt, wenn er innerlich sehr erregt ist. Ich hebe beide Arme, zeige meine Handflächen, schüttle den Kopf. Ich bin nicht der Vater dieses Kindes, will ich ihm damit signalisieren. Wir müssen noch ein Glas trinken, viel reden, bis er mir glaubt und wissen will, was ich nun zu tun gedenke? Ich, Fabian? Wer sonst soll diese Unordnung zur falschen Zeit zurück in den Alltag lotsen? Mir fällt tatsächlich über Nacht eine mögliche Lösung ein. Ich lasse Fabian einen Termin mit seinem Großvater ausmachen und fahre dann mit dem Zug hinaus ins Wittelsbacher Land, wo der alte Baron Hubert von Fernau seine stattliche Villa hat. Er kennt mich, empfängt mich so freudig wie einen seiner Enkel. Wir setzen uns in den Wintergarten mit Blick in den weiten Garten mit den alten Bäumen. Als ich nach zwei Stunden die Villa verlasse, bleibt mir die Aufgabe, Monika von dem zu überzeugen, was der Baron und ich besprochen haben. Es ist nicht leicht, aber sie hat sich gedanklich bereits mit den Alternativen, die ihr bleiben, befasst. In zwei Wochen werden die Sommerferien beginnen. Für Monika wird danach das Schuljahr anfangen, das mit ihrem Abitur enden soll. Niemand wundert sich, dass Monika und ich der Einladung des Großvaters folgen. Er hat einen Arzt einer Privatklinik am Chiemsee verpflichtet, der Enkelin zu helfen, die Geburt eines Urenkels für einige Jahre zu verschieben. Ich begleite Monika zum Chiemsee, bin der Letzte, den sie sieht, bevor sie in der Narkose versinkt, und bin auch der Erste, den sie sieht, der ihre Hand hält, als sie erwacht.

Ab da ist alles anders, und ich will es nicht wahrhaben.

In der Brasserie suche ich die schönsten Pralinen aus dem Angebot heraus, lasse sie von der Verkäuferin hübsch in eine Schachtel einpacken. Voll gesteigerter Vorfreude erscheine ich zu Monikas 18. Geburtstag, um ihr meine Glückwünsche mit süßen Grüßen ins kleine Ohr zu flüstern. Leider ist sie eben auf dem Sprung, um mit zwei Freundinnen zu feiern. Ein Abend nur für Mädels, mein Lieber, lacht sie. Die Pralinen nimmt Monika mit dem wunderbaren Lächeln einer Prinzessin gleich und selbstverständlich in Empfang.

Noch immer bin ich taub und blind, der reine Träumer.

Monika und ich sind auf einem unserer selten gewordenen Spaziergänge. Regelrecht belagert hatte ich sie, bis sie schließlich wieder einmal Ja sagt. Mein Kopf behauptet, ziemlich deutlich, sie weiche mir aus. Es schneit schon leicht, als wir aufbrechen. Eine gute Stunde später müssen wir uns vor der Wut eines Schneesturms in Sicherheit bringen. In der wohligen Wärme des Kachelofens in der guten Stube ihres Elternhauses kuscheln wir uns eng zusammen. Und wider jeder Vernunft überkommt mich der Wunsch nach Zärtlichkeit, aber der Versuch wird von ihr abgewiesen, kein Kuscheln mehr. Ich nehme ihren Korb so wahr, als hätte sie mir einen Kübel Eiswasser über den Kopf gegossen. Einige Momente habe ich erwogen, aufzustehen und das Haus zu verlassen. Dann bleibe ich doch sitzen, bin wie gelähmt. Monika lächelt süß, sagt, sie will einfach nicht, dass ich sie anfasse. Sie schaut mich mit ihren dunklen Augen an und sagt, ich strahle Kälte aus, in meiner Nähe friere sie. Und sie habe Angst vor mir. Ich verstehe sie nicht. Was sollen diese Worte? Was soll diese Zurückweisung? Wieso bin ich kalt? Als ich wenig später doch gehe, bittet sie, sei mir ein Freund, lieber Martin, mehr geht einfach nicht, nicht böse sein.

Was lange wie Liebe zwischen uns aussieht, ist für mich zu einem Fluch geworden, der wie ein dunkles Tattoo auf meiner Seele liegt. Dabei hat Monika mein Herz in der Hand, wie es so schön in einem Schlager heißt, und sie wird es nicht mehr freigeben. Das für mich wirklich Schlimme daran ist, außer Monika interessiert mich keine Frau.

Blick in den Rückspiegel der Zeit:

Mit dem Inkrafttreten des Maastrichter Vertrages schließt sich ein Staatenbund mit mehr als einer halben Milliarde Menschen zusammen, die EU. In Den Haag wird bedingt durch schlimme Vorkommnisse im ehemaligen Jugoslawien das UN-Kriegsverbrechertribunal gegründet.

Monika

Monika lächelte aus dem Fenster auf mich herunter. Ihr leise lächelndes Gesicht versetzte mich für kurze Momente in einen euphorischen Taumel, in dem ich meinte zu schweben, es fehlte nur der goldene Glorienschein, um das schöne ebenmäßige Antlitz und ich würde sofort an eine Vision glauben.

Monika, meine verlorene Liebe.

Von ihr verschmäht, war ich zu einem überzeugten Single, zu einem im Zölibat lebenden Mönch im selbstbestimmten Kloster meines einsamen Inneren geworden. Was mir aber in Augenblicken wie diesem zu Bewusstsein kommt, ist, ich leide nicht wirklich daran.

Die Haustür ging auf und Monika stand vor mir, sah mich mit einem Mona-Lisa-Lächeln an, unergründlich eben. War sie zufällig im Haus, lebte sie hier? Was wusste ich denn noch von ihr?

Sie reichte mir die Hand, ich ergriff sie, hielt sie nicht länger als zu einem leichten Druck fest. Ich schüttelte verneinend den Kopf, als sie mich ins Haus bat, ich wäre nur gekommen, um mich zu erkundigen, wie ich Fabian erreichen könne, hätte ihn weder im Adressbuch noch im Telefonbuch gefunden.

Er schotte sich privat so gut wie möglich ab, sagte Monika, Kontakt wäre jederzeit über das Parteibüro möglich.

Ich hob fragend die Augenbrauen.

Fabian ist Stadtrat, erklärte Monika.

Sieh an, dachte ich, gab keinen Kommentar ab, fragte nach Anschrift und Rufnummer.

Dafür müsse ich allerdings doch kurz eintreten.

Im Flur stand die Chippendale-Kommode wie damals, als ich von diesem Möbelstil noch keinen Schimmer hatte, und auf der einen Seite zur Tür hin der geflochtene runde Korb, in dem Visitenkarten gesammelt wurden. Daneben auf dem Bild meiner Erinnerung das Telefon, heute lag nur noch das Deckchen dort, auf dem es einst stand, darauf eine kleine leere grüne Vase. Monika zog eine Schublade auf, legte eine Karte auf die Kommode, schrieb mit feinen Buchstaben, gab mir die Karte, legte mit der anderen Hand den Stift zurück in die Schublade, die sie mit der Hüfte zuschob, eine laszive Bewegung, die mir durch und durch ging.

Ohne einen Blick auf die Karte, dankte ich ihr, fragte, wie es ihr gehe.

Gut, lautete die lakonische Antwort. Mehr nicht.

Monika war sehr höflich, sehr distanziert, an einer Unterhaltung mit mir offenbar wenig interessiert, gestattete sich auch keine Reaktion, als ich mich gleich darauf verabschiedete.

Auf der Straße, gegenüber dem Haus, knapp an der Flussböschung, nahm ich die Karte in Augenschein, zunächst die Schrift, danach erst Kenntnis von dem, was sie geschrieben hatte.

Auf der anderen, der bedruckten Seite der Karte, las ich Monique von Faber, Faber Fashion Style, Brienner Straße, München.

Erstaunt hob ich die Augen, betrachtete versonnen eine Weile das gelbe Haus mit dem roten Dach, nahm dabei in Kauf, dass sie mich vielleicht im Blick hatte, was ein amüsanter, im Augenblick auch wärmender Gedanke war.

Dann erst ging ich.