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Band 243

 

Drei Tropfen Unendlichkeit

 

Rainer Schorm

 

 

 

Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt

 

Cover

Vorspann

1. Luna: Ruhe vor dem Sturm?

2. Deneb: Die Wüstung

3. Deneb: Sturmwarnung!

4. Luna: Sturmausläufer

5. Algol: Der Höllentransmitter

6. Luna: Abschiede

7. Algol: Sirenengesang

8. Algol: Die TRAKTOR im Einsatz

9. Algol: Eisriesen-Futter

10. Algol: Kampf gegen den Eisriesen

11. Rumal: Zurück unter den Lebenden

12. Rumal: Eine Suche in Blau

13. Nirgendwo: Im Bernstein

14. Rumal: Aufbruch

15. Im Transit: Das Ende des Anfangs

16. Erde: Was darin verborgen ist

Impressum

PERRY RHODAN – die Serie

 

Das Jahr 2090: Ein halbes Jahrhundert nachdem die Menschheit ins All aufgebrochen ist, bildet die Solare Union die Basis eines friedlich wachsenden Sternenreichs. Aber die Sicherheit der Menschen ist gefährdet: durch interne Konflikte und externe Gegner, zuletzt durch das mysteriöse Dunkelleben.

Eigentlich hat Perry Rhodan gehofft, diese Gefahr im galaktischen Zentrum gebannt zu haben. Mittlerweile muss er jedoch erkennen, dass überall dort, wo der machthungrige Iratio Hondro aktiv ist, das Dunkelleben existent bleibt.

Während Rhodan den Plophoser jagt, entwickelt die Hyperinpotronik NATHAN auf dem Erdmond unverständliche Aktivitäten. Als NATHAN einen Notruf empfängt, beginnt eine spezielle Mission: Reginald Bulls Töchter als NATHAN-Interpreterinnen und Perry Rhodans Söhne als Geheimagenten reisen ins Algolsystem.

Dort erfahren sie von der kosmischen Suche nach einem rätselhaften Artefakt – sie stoßen auf DREI TROPFEN UNENDLICHKEIT ...

1.

Luna: Ruhe vor dem Sturm?

 

Es ist immer wieder etwas Besonderes, dachte Reginald Bull.

Er näherte sich dem Mond. Dort hatte alles begonnen, damals, im Juni 2036, als die STARDUST den Mond erreicht hatte und auf das havarierte Raumschiff der Arkoniden gestoßen war. Mit Perry Rhodan und dem Rest der Besatzung hatten sie die ersten Schritte in die Weiten des Alls getan.

Der Mond!

Er war für Reginald Bull etwas Einzigartiges geblieben, obwohl er seither Welten gesehen hatte, die in sehr viel weiterer Ferne lagen. Planeten, die merkwürdiger und fremdartiger waren als der kahle, weißgraue und staubige Trabant der Erde.

Die erste Liebe vergisst man nie, dachte er.

Mit seinen typisch harten Schatten hing der Mond unter der Space-Disk. Bull kannte das Oberflächenprofil in- und auswendig. Er überflog das Mare Imbrium, rechts von ihm glitt Sinus Iridum vorbei und das Raumboot näherte sich dem Mare Frigoris. Sein Ziel war die dunkle Seite des Monds.

Etwas war anders. Zunächst war es lediglich ein ungutes Gefühl. Selbstverständlich präsentierte sich der Mond nie zweimal auf dieselbe Weise. Luna war ein gefragter Umschlagplatz und Zwischenstation für viele Verbindungen im Sonnensystem. Als Sprungbrett zu anderen Planeten und Monden herrschte immer Betrieb, denn es entlastete die unmittelbare Umgebung der Erde.

Aber dieses Mal? Die Anzahl der startenden Raumschiffe kam Reginald Bull ungewöhnlich hoch vor. Außerdem glaubte er, eine gewisse Hektik zu spüren. Er hatte genügend Erfahrung im Weltraum, das war nicht erst so, seit er Protektor der Terranischen Union geworden war. Flottenbewegungen konnte er ausgezeichnet erfassen und einordnen.

Das ist kein Termindruck, wie er auf einem Handelshafen üblich ist, dachte er. Das ist etwas anderes! Aber es war nur ein Gefühl, eine Ahnung und damit nichts, worauf er sich verlassen wollte.

»Das ist merkwürdig; bilde ich mir das nur ein?«, fragte Bull die Schiffspositronik. »Stell fest, ob sich das Flugaufkommen verändert hat und ob es Schwerpunkte gibt.«

Als wolle das Schiff seinen Gedanken Nachdruck verleihen, blinkten etliche Warnlichter auf. Es war lediglich ein stummer Alarm, eine Vorstufe.

Kommunikationssperre?, dachte er verblüfft. Sind die verrückt geworden?

Ein Störfeld blockierte sämtliche Verbindungen, die über die Kommunikationssphäre des Monds hinausgingen. Ein direkter Kontakt zur Erde war damit ausgeschlossen.

Eine Reise zum Mond war längst weder gefährlich noch außergewöhnlich, vielmehr etwa so, als nehme man eine Vakuumbahn in einen wichtigen Vorort. Üblicherweise lief alles geordnet und vorhersehbar ab.

Aus einem diffusen Gefühl wurde Unruhe. Bull hatte im Laufe der Jahrzehnte ein Gespür für solche Situationen entwickelt.

»Wenn etwas nicht stimmt, wieso weiß ich nichts davon?«, sagte er leise zu sich selbst. Als Protektor wurde er über jede auftretende Schwierigkeit auf dem Laufenden gehalten, das gehörte zu seinem Job. Dass er ahnungslos war, beunruhigte ihn mehr als alles andere. Ein Problem, das eine Informationssperre erzwang, entstand nicht spontan. Es kündigte sich an.

 

»Parkposition«, verkündete die Hauptpositronik seiner Space-Disk. »Wir wurden auf einen Leitstrahl gesetzt. Die Eigensteuerung wurde durch einen Überrangcode desaktiviert.«

Reginald Bull war zwar Protektor, aber selbstverständlich hatte er für einen eher privaten Flug zum Mond nicht die TERRANIA benutzt, das Flaggschiff der Terranischen Flotte. In diesem Moment bedauerte er das. Die TERRANIA war nicht so einfach zu übernehmen oder zu ignorieren wie eine schlichte Space-Disk .

»Parkposition?«, fragte Bull. »Wieso das denn?«

»Der Zugang zum Mond wurde von NATHAN vor zwei Minuten eingeschränkt«, gab die Positronik Antwort. »Ich habe bei der Leitstelle nachgefragt. Reaktionen oder eine Erklärung liegen bislang nicht vor. Was auch immer vorgeht, es wurde von NATHAN allein initiiert.«

Als ob mich das beruhigen würde!, dachte Bull. Er starrte auf eine polierte Chromfläche seitlich vor ihm und schnitt eine Grimasse. Durch die leicht gewölbte Oberfläche verzerrte sich sein eher rundes Gesicht zu einer Clownsmaske. Die roten Haare verstärkten diesen Eindruck noch.

Hübscher Kerl, kommentierte er das groteske Bild.

Unter dem Raumboot bewegte sich die Mondoberfläche unaufhaltsam weiter. Denn der Begriff »Parkposition« bedeutete keineswegs, dass die Space-Disk reglos an einem Ort verharrte, sondern lediglich, dass sie in einen festen Orbit um Luna eingeschwenkt war. Der Kurs führte über die erdabgewandte Mondseite und würde in ein paar Minuten die Position des Korolevkraters kreuzen. Der lag ganz in der Nähe des Asmodeuskraters und damit von NATHAN.

Immer mehr Lichtsignale an der Instrumentenkonsole heischten um Aufmerksamkeit. Bisher war all das kein offizieller Alarmzustand, aber das konnte sich schnell ändern. Sorgen bereitete Bull, dass er den Grund nicht erfuhr – noch immer nicht. Als Protektor war er eine zentrale Person innerhalb der Systemverteidigung. Er hätte also zumindest eine kurze Benachrichtigung von NATHAN erwartet.

Hier stimmt etwas ganz und gar nicht!, dachte er. Auf dem Mond? Direkt neben der Erde? Hier müsste alles aufheulen!

Er stellte sich die aufgeregten Reaktionen auf der Erde vor. Sobald in der Reichweite NATHANS sonderbare Dinge geschahen, führte das zu einer Panik. Für viele war die Hyperinpotronik auf dem Mond ohnehin eine Zumutung; nicht nur politisch.

Bull sichtete die Kurzmeldungen, die ihn über die Geschehnisse auf dem diplomatischen Parkett auf dem Laufenden hielten. Erwartungsgemäß konnte er normale politische Krisen schnell als Problemursache ausschließen. Über einen akuten Eklat hätte man ihn längst informiert. Nun war das wegen der Isolierung des Monds unmöglich geworden. Die Situation erinnerte ihn besorgniserregend an eine Evakuierung.

»Die Flugdichte hat um dreiundzwanzig Prozent zugenommen«, bestätigte die Positronik seine Vermutung. Das war ein beachtlicher Anstieg und passte nicht im Mindesten zu den üblichen Flug- und Terminplänen. Der Raumschiffsverkehr im Umfeld von Erde und Mond war streng reguliert. Sogar der Chinesische Block hielt sich peinlich genau an die Zeiten und Routen. An einem Verkehrschaos war niemandem gelegen, zumal es beinahe immer zu Verletzten oder Toten kam, wenn sich ein Unfall im freien Raum ereignete.

Nervös trommelte er mit den Fingern auf der nutzlos gewordenen Hauptkonsole. Die Holos wurden unverändert bereitgestellt, aber er hatte keinen Zugriff mehr auf die Steuersysteme. Diese Art von Hilflosigkeit hasste er.

»Ich fresse einen Besen, wenn du damit nichts zu tun hast.« Bull knirschte mit den Zähnen und starrte wütend auf eine Wiedergabe des großen Areals, das von NATHAN beherrscht wurde. Sein Misstrauen gegen die Hyperinpotronik war nie verschwunden, auch wenn sein Bild sehr viel differenzierter war als das des durchschnittlichen Politikers.

Eins hatte er immerhin begriffen: dass NATHAN die Erde und die Menschheit schützte. Viele Menschen verwechselten die anorganische Intelligenz, die im Asmodeuskrater entstanden war, mit einem normalen, wenn auch riesigen Rechner. Eine krasse Fehleinschätzung, denn NATHAN war sehr viel mehr. Eine Intelligenz aus eigenem Recht. Ein echter Bewohner des Monds – eine eigene Lebensform. Für die politische Klasse war die bloße Existenz der Hyperinpotronik eine Zumutung. Denn NATHAN unterwarf sich der menschlichen Autorität nicht, hatte eigene Absichten, Pläne und leider auch eigene Mittel, wozu nicht zuletzt die Posbis zählten. Seit die positronisch-biologischen Roboter die Hyperinpotronik gefunden hatten, hatten sie NATHAN zu ihrem Idol auserkoren. Sie waren selbst eher Intelligenzen als schlichte Maschinen. Immer wieder erreichten Posbipilger den Mond und unterstellten sich NATHAN aus freien Stücken. NATHAN war für sie die Spitze der eigenen Entwicklung, Inbegriff und Sinn eines Posbilebens. Ein noch halb im Hyperraum befindlicher Posbiwürfel, der auf dem Mond abstürzte, war so etwas wie die Initialzündung für NATHAN gewesen. Die Posbis betrachteten sich deshalb auf gewisse Art als NATHANS Eltern.

»Damit liegen sie nicht mal falsch, die Blechköpfe«, murmelte Bull, während er die Oberfläche unter dem Raumboot beobachtete. Sie näherten sich gerade der ehemaligen Moon Area X. Sie lag bereits auf der dunklen Seite des Monds

Bull hatte den Impakt seinerzeit nicht selbst erlebt, aber ohne Zweifel hatte dieses Ereignis eine neue Ära eingeleitet. Die Menschheit war seither gezwungen, sich das Sonnensystem wieder mit einer anderen Intelligenz zu teilen. Dazu kamen die Marsianer, die so etwas wie die allererste Kolonie der Erde waren. Er dachte an Farouq, den Sohn, den Perry Rhodan und Thora da Zoltral adoptiert hatten. Seit vor vielen Tausend Jahren der Neandertaler und der Denisova-Mensch ausgestorben waren, gab es neuerdings wieder unterschiedliche Zweige der Menschheit. Der Homo sapiens marsianis war einer davon.

»Wer verliert schon gern ein Monopol?«, sinnierte er. »Das macht alles nur komplizierter. Aber ich schweife ab ...«

Er aktivierte das Funkgerät, sendete seinen Prioritätscode und erhielt tatsächlich ein Freizeichen. Trotz seiner Vorbehalte wusste er, dass NATHAN ihn schätzte. Das hatte sich verstärkt, nachdem seine beiden Töchter Laura und Sophie Bull-Legacy NATHAN-Interpreterinnen geworden waren. Er war stolz auf die Leistung der beiden, aber ein gewisses ambivalentes Gefühl war nie verschwunden, gleichgültig wie oft ihm die Zwillinge versicherten, dass seine Ängste unbegründet seien.

»Ich hätte gern eine Erklärung dafür, warum meine Einfluggenehmigung offenbar widerrufen oder ausgesetzt wurde!«, sprach er laut ins akustische Aufnahmefeld.

Die erste Reaktion war eine wenig modulierte Stimme, die der automatisierten Flugleitung: »Die Space-Disk TU-433, Eigenname LAGAVULIN, wurde umgeleitet auf den Anflugkorridor drei. Von manueller Lenkung bitten wir Abstand zu nehmen. Nutzen Sie ausschließlich den zugewiesenen Flugkorridor, und bleiben Sie auf dem Leitstrahl, bis Sie eingewiesen werden.«

Will mich das anorganische Riesenhirn vergackeieren?, dachte Bull verblüfft. Was soll das denn werden?

Die Zahl der Warnlichter überschritt in diesem Augenblick eine kritische Grenze, und die Positronik der Space-Disk löste den stillen Alarm aus. Er zeigte nicht so sehr eine direkte Gefahr an, die für das Raumboot bestand, hierfür existierten die normalen Alarmstufen. Es war eher eine Möglichkeit der Hauptpositronik, auf eine ungewöhnliche Situation hinzuweisen. Gleichzeitig handelte es sich um eine Aufforderung an die Besatzung, sich darum zu kümmern. Da Bull allein an Bord war, galt die Aufforderung ihm.

»Ich mach ja schon!«, sagte er laut und leicht genervt. »Das tue ich bereits die ganze Zeit.«

Er aktivierte den Kommunikationskanal erneut, obwohl er nicht mit einer anderen Antwort rechnete. Positroniken ähnelten Behörden in mehr als einer Hinsicht. Unter anderem darin, sich um konkrete oder gar individuelle Antworten herumzudrücken.

Bulls Stimme klang deutlich ungeduldiger als zuvor.

»Hier spricht Protektor Bull«, funkte er. »Identifikationscode und Autorisierung für den Anflug auf NATHAN werden parallel übermittelt. Warum wurde meine Landegenehmigung aufgehoben? Warum wurde ich auf einen Leitstrahl und einen Warteorbit gesetzt?«

Und der Teufel soll dich holen, wenn du jetzt Paragrafen aus der Schublade holst!, dachte er dann, obwohl er exakt damit rechnete. Seine Laune wurde immer schlechter.

»Protektor Bull«, klang eine sonore Stimme auf. »Willkommen.«

Bull holte tief Luft. »NATHAN höchstpersönlich. Ich bin begeistert. Ich hatte bestenfalls mit Mister Leibnitz gerechnet ...«

»Mister Leibnitz ist beschäftigt und bis auf Weiteres unabkömmlich«, sagte NATHAN.

Der direkte Kontakt zu NATHAN irritierte Bull häufig. Die Stimme unterschied sich in nichts von der eines Menschen. Tonlage, Artikulation, gleichgültig, worauf man achtete, alles wirkte so human, wie nur irgend vorstellbar. Vielleicht war das der Grund für sein Unbehagen: die scheinbare Menschlichkeit, die dem Wissen darüber widersprach, was NATHAN wirklich war. Alles, aber kein Mensch.

»Ich warte auf eine Antwort«, blieb Bull resolut. »Neben einigen bürokratischen Kinkerlitzchen, die abzuarbeiten sind, wollte ich lediglich meine Töchter besuchen, weil es sich gerade gut ins Programm fügte. Kein Besuch in zugangsbeschränkten Arealen oder etwas ähnlich Heikles. Diesmal bin ich an irgendwelchen Geheimnissen, die du vielleicht hast, nicht interessiert. Warum also muss ich über dem Mond kreisen wie ein schwereloses Mondschaf mit Verdauungsproblemen?«

Aus den Akustikfeldern kam ein eigenartig gepresstes Geräusch.

Versucht dieses anorganische Monstrum etwa zu lachen?, dachte er. Das wird ja immer besser!

»Eine ausgesprochen komische Metapher«, sagte NATHAN. »Ich werde Mister Leibnitz bei passender Gelegenheit darüber in Kenntnis setzen. Monade liebt solche Details.«

»Lenk nicht ab.« Langsam verlor Bull die Geduld. »Bekomme ich eine Antwort auf meine Frage, oder wollen wir zusammen einen Leitfaden des menschlichen Humors erstellen?«

»Sicher nicht«, sagte NATHAN, und erneut hatte Bull den Eindruck, als amüsiere sich die Hyperinpotronik.

»Also?«, hakte er nach. Und ich will endlich wissen, ob ich mir um Sophie und Laura Sorgen machen muss.

»Das Programm Eurydike ist angelaufen«, teilte ihm NATHAN mit. »Das bedeutet für einen Großteil des nicht notwendigen Personals Einschränkungen und zeitweilige Versetzung.«

»Projekt Eurydike? Und welches Personal, bitte schön?«, fragte Bull scharf. Er registrierte, dass ein Leitstrahl seine Space-Disk auf die Mondoberfläche hinablenkte. Ob er das seiner Unnachgiebigkeit verdankte, bezweifelte er. NATHAN war durch einfache Hartnäckigkeit nicht zu beeindrucken.

»Programm Eurydike bezieht sich auf alle Bewohner des Monds«, antwortete NATHAN. »Nach Paragraf 3456 der diplomatischen Vereinbarung zwischen mir und der Terranischen Union bin ich berechtigt, im Falle einer drohenden, aber nicht genauer zu definierenden Gefahr, Evakuierungen vorzunehmen. Es dient ausschließlich der Sicherheit.«

»Drohende, aber nicht genauer zu definierende Gefahr«, wiederholte Bull langsam. »Das hört sich für mich schwer nach Willkür an.«

»Aber nicht doch, Protektor Bull«, beteuerte NATHAN. »Willkür ist mir fremd, das sollten Sie wissen.«

»Weiß ich das?«, fragte Bull leise. Dann konzentrierte er sich, als er das NATHAN-Areal mit dem Zentralberg des Asmodeuskraters näher kommen sah. »Wenn ich das hier richtig interpretiere, werde ich nicht evakuiert, sondern darf sogar landen.«

»Das ist korrekt«, bejahte die Hyperinpotronik. »Wenn Sie bis dahin die juristische Lage klären möchten – ich bin sicher, Mister Goslin hat ein paar Minuten Zeit.«

»Danke, nur das nicht!«, wehrte Bull hastig ab. Jeremiah Goslin vertrat NATHANS Angelegenheiten auf dem juristischen Spielfeld und war gefürchtet. Gespräche mit dem Mann, der immer eine altmodische Melone trug, hasste Bull von ganzem Herzen, denn Goslin behielt in aller Regel recht.

Die Warnleuchten erloschen. »Landesequenz läuft«, verkündete die Bordpositronik.

Seitlich etwas versetzt sah Bull eine Rotte kleiner Personentransporter abheben. Die Raumboote ähnelten dicken, aber leicht abgeplatteten Heringen. Sie verfügten nur über leichte Triebwerke und besorgten den Großteil der logistischen Flüge zwischen Erde und Mond.

»Du hast die ›Sprotten‹ für die Evakuierung requiriert?«, fragte Bull. »Das wird die Logistikunternehmen nicht gerade freuen.«

»Darauf kann ich keine Rücksicht nehmen«, erwiderte NATHAN.

Wieso wundert mich das nicht?, dachte Bull düster. Als ob man ihn mit Konventionalstrafen beeindrucken könnte.

NATHAN beendete die Verbindung grußlos. An solche kommunikativen Eigenheiten hatte sich Reginald Bull längst gewöhnt.

»Projekt Eurydike«, raunte er. »Ich bin sicher, dass das keine Standard-Codebezeichnung ist. Die kenne ich in- und auswendig. Eurydike war die Frau des Orpheus. Nach ihrem Tod holte er sie aus dem Hades zurück und verlor sie erneut, weil er sich nach ihr umschaute. Das war ihm verboten worden. Wenn ich nur wüsste, warum NATHAN ausgerechnet diesen Namen gewählt hat. Für meinen Geschmack ist darin zu viel Tod, Verlust und trauriges Ende enthalten. Typisch für die Griechen, aber was will NATHAN damit andeuten? Die Hyperinpotronik wählt so einen Namen wohl kaum deshalb, weil er gut klingt oder ihr die Geschichte gefällt.«

Bull biss sich auf die Unterlippe, bis es schmerzte. Er kam nicht weiter, nicht mit solchen Spekulationen komplett ohne Fakten und Details.

 

Reginald Bulls Space-Disk schleuste in einen Untergrundhangar ein und setzte dort auf. Keine fünf Minuten später ging er bereits durch die sublunaren Tunnel, die ein weitläufiges Labyrinth formten. Es war stets eine Herausforderung, sich dort nicht zu verirren. Ohne das Leitsystem, dessen Wegweiserholo ihm als leuchtender, grüner Tennisball voraushuschte, wäre das aber wohl geschehen. Denn obgleich Bull NATHAN recht häufig besuchte, war seine Ortskenntnis lückenhaft. Man vergaß in diesem Gewirr sehr schnell, dass man sich in einer anorganischen, aber dennoch wachsenden Intelligenz aufhielt, nicht in einem Bauwerk. NATHAN veränderte sich unablässig.

Und doch stimmt etwas nicht!, dachte Bull. Immer wieder beobachtete er Klein- und Kleinstroboter, ab und zu sogar einen Schwarm aus technischen Nanomaschinen, die sich an Stellen zu schaffen machten, wo es für Bull keinen Sinn ergab. Viele der Konstruktionen sah er zum ersten Mal. Vielleicht waren sie eigens für diese Tätigkeiten erschaffen worden. Auch in der Untergrundanlage glaubte er, eine gewisse allgemeine Hektik zu spüren.

Es sieht beinahe aus, als würden sie etwas ... abdichten, isolieren, verkapseln. Aber warum nur?

NATHAN hatte seit der Landung nicht mehr mit Bull gesprochen, aber zweifellos hatte die Hyperinpotronik ihre Ohren überall.

»Wie groß ist die Gefahr, die du erwähnt hast?«, fragte er also laut.

Tatsächlich erhielt er prompt eine Antwort. »Das ist sehr schwer einzuschätzen«, sagte NATHAN. »Dass Iratio Hondro sich irgendwann der Erde und dem Mond zuwenden wird, überrascht Sie gewiss nicht. Aber in welcher Form das geschehen wird ... Um das zu beurteilen, fehlen mir die Informationen. Ich reagiere auf die Geschehnisse auf Epsal. Es ist prophylaktisch, aber dass Hondro aktiv werden wird, ist sicher – und der Mond ist ein primäres Ziel.«

Um Himmels willen ... das erklärt überhaupt nichts!, dachte Bull. Dass Hondro Ambitionen hat und gefährlich ist, weiß jeder. Dieses Ausweichen gefällt mir nicht. Aber immerhin hat NATHAN die Sache nun beim Namen genannt. Vielleicht wissen Laura und Sophie mehr.

Ein wenig Ironie schwang in NATHANS Stimme mit, als er ergänzte: »Ihre Töchter werden Ihnen nicht weiterhelfen können, fürchte ich.«

Der Mistkerl wird immer schlauer!, schimpfte Bull stumm. Clever war er immer, aber langsam beginnt er, zusätzlich eine Sensitivität zu entwickeln, die für uns nur eins bedeutet: noch mehr Schwierigkeiten.

Er folgte dem holografischen Wegweiser weiter durch eine flache Halle, in der eine Schar Roboter eine komplette Wandseite von ihren Verschalungen befreit hatte. Die Maschinen drangen tief in die technischen und positronischen Innereien von NATHAN ein. Was genau sie taten, entzog sich Bulls Verständnis. Allerdings machte sich ein Verdacht in ihm breit.

»Sie arbeiten direkt am Neuronat, aus dem sich NATHANS Gesamtheit bildet. Egal was er genau fürchtet: Es geht an die Substanz«, sagte er leise. NATHAN reagierte nicht.

Hinter der Halle zweigte ein großzügig gehaltener Gang ab, in dem sich bequem ein Haluter hätte ausbreiten können. An den Wänden flimmerten auffällige Strukturen, die Bull an Widmannstättensche Figuren erinnerten, wie man sie in Stählen, Titan- oder Zirkoniumlegierungen finden konnte. Diese Gebilde waren nicht stabil, veränderten sich sehr schnell. Außerdem sahen sie aus, als befänden sie sich nicht an der Oberfläche, sondern im Innern des Materials, bedeckt von einer hochtransparenten, klaren Lackschicht.

Eine überraschend asymmetrisch geformte Tür schwang vor ihm auf. Eigenartiges Licht strömte aus dem Raum dahinter. Es pulsierte schwach und schimmerte ein bisschen zu grün, um angenehm zu sein. Als Bull eintrat, sah er seine Töchter. Laura hatte ihn bemerkt und stand auf. Sophies Kopf steckte in einer Holowolke, deren Details sich in einem atemberaubenden Tempo änderten. Bull bekam bereits vom einfachen Betrachten Kopfschmerzen.

»Dad!«, sagte Laura Bull-Legacy und fiel ihm um den Hals. Reginald Bull wusste, dass seine Töchter bei solchen Gelegenheiten gern ein wenig zu überschwänglich waren, aber er genoss es.

Er trat zurück und betrachtete sie. Die Wolke um Sophie Bull-Legacys Kopf erlosch und sie stand auf. Ihre Umarmung war kein bisschen weniger stürmisch.

Bull ächzte. »Nicht so fest! Vergesst nicht, dass ihr optimiert seid. Ich bin nur ein armer, alter Mann ...«

Die beiden kicherten.

»Ihr seht blendend aus!«, sagte Bull. »Autum wäre neidisch.«

Die beiden NATHAN-Interpreterinnen würden bald 35 Jahre alt werden. Sie wirkten jedoch deutlich jünger. Beide trugen seltsame, blaugraue Monturen, die einen starken Kontrast zu ihren roten Haaren bildeten.

»Sorry, Dad!«, sagte Sophie scheinbar zerknirscht. »Wenn du langsam alt und schwach wirst, nehmen wir darauf Rücksicht. Versprochen.«

»Scherzkeks!«

Laura kniff die Augen leicht zusammen. »Mom wäre stolz, sagst du? Redet ihr wieder miteinander? Ich meine: dauerhaft?«

Nachdem Bull seinen Zellaktivator erhalten hatte, war es zwischen ihm und Autum Legacy zum Bruch gekommen. Es war nicht so sehr ein katastrophaler Streit gewesen als eher eine zunehmende Entfremdung. Er würde nicht altern ... und sie tat genau das. Sie hatte das Angebot, ebenfalls einen Aktivator anzulegen, abgelehnt. Bull verstand sie sehr gut. Zellaktivatoren waren zweischneidige Geschenke, und sie brachten Entwicklungen in Gang, die den Träger veränderten. Der Horizont weitete sich, wie ein höheres Alter und zunehmende Erfahrung das stets mit sich brachten. Ein Aktivator tat das im Turbomodus.

Timeo Danaos et dona ferentes!, dachte Bull. Ich fürchte die Danaer, auch wenn sie Geschenke bringen. Dieses Geschenk hat es in sich ... und wie damals vor Troja bemerkt man es erst, wenn es zu spät ist. So viel hat sich nicht geändert.

Bull erinnerte sich an Diskussionen mit Atlan oder Mirona Thetin. Auf gewisse Weise ließ man die anderen Menschen hinter sich – auch wenn sie noch lebten. Autum hatte das nicht gewollt und ihre Entscheidung getroffen. Für Bull indes war die Entscheidung lebenswichtig gewesen. Die Wirkung der Zelldusche, die er erhalten hatte, lief aus. Ein schneller Verfall drohte, und Bull hatte weiterleben wollen. Danach allerdings hatte ihn ein intensives Schuldgefühl ergriffen. Mit dem Partner nicht altern zu wollen, war eine Art Herabsetzung, die er selbstverständlich nicht gewollt hatte. Autum Legacy hatte ihm nie etwas vorgeworfen, aber das war nicht nötig gewesen.

Selbstvorwürfe kriege ich auch allein hin!, dachte Bull bitter.

In letzter Zeit normalisierte sich ihr Verhältnis wieder. Für die Zwillinge war das eine große Erleichterung. Beide waren längst erwachsen, und Bull wusste, dass jede der beiden intelligenter war als er und Autum zusammen, aber es war keine Frage der Intelligenz.

»Tun wir«, sagte er auf Lauras Frage. »Wir reden sogar sehr viel und so häufig, wie das unsere Terminpläne zulassen.«

»Protektor!«, neckte ihn Sophie ironisch. »Perry freut sich ein Loch in den Bauch, dass er das politische Brimborium hinter sich hat, wetten?«

Bull grinste. »Da hast du zweifellos recht, Sophie! Und ich habe mittlerweile auch begriffen, warum.«

In gespielter Überraschung hob Laura die Augenbrauen. »So schnell? Sagenhaft!«

»Sei nicht so frech zu deinem Alten!« Bull hob drohend den Zeigefinger. »Sonst setzt's was.«

»Sag Mom einen schönen Gruß«, bat Sophie.

»Tu ich.« Bull verzog den Mund. »Allerdings könnte man sie ja auch mal direkt anrufen. Ich nehme an, NATHAN kann ein Ferngespräch vermitteln.«

»Selbstverständlich«, meldete sich die sonore Stimme. »Aber man müsste mich natürlich darauf ansprechen.«

Laura tat empört. »Ein bisschen mehr Loyalität mit dem eigenen Personal, ja?«

Die Tür, die sich hinter Bull geschlossen hatte, glitt erneut auf. Ein MINSTREL schwebte in den Raum, ein etwa eineinhalb Meter durchmessender Ableger NATHANS. Die Kugel, die sich aus unzähligen bläulichen Kuben zusammensetzte, die ständig durcheinanderwirbelten, war Bull ähnlich unheimlich wie NATHAN selbst.

Sofort richtete sich die Aufmerksamkeit seiner Töchter auf den MINSTREL. Ihr Blick schien mit einem Mal ins Unendliche zu gehen.

Bull wusste, dass für die Kommunikation mit einem solchen NATHAN-Ableger eine gewaltige geistige Kapazität nötig war. Er war stolz auf seine Zwillinge. Angeblich klang die Stimme eines MINSTRELS wie Musik – daher der Name: Sänger. Aber Bull hatte nicht die blasseste Ahnung, wie es sich anfühlte.

Nicht angenehm, wenn man damit konfrontiert wird, unzureichend zu sein, dachte er müde. ES, NATHAN, ANDROS ... oder eben ein MINSTREL. Es ist immer dasselbe.

Etwas anderes bemerkte er allerdings sehr wohl: Egal was die drei gerade besprachen, es beunruhigte seine Töchter.

»Was ist?«, fragte er. Die Nervosität, die ihn seit dem Anflug begleitet hatte, machte sich erneut bemerkbar.

Laura löste sich aus der Verbindung. »Komm mit, Dad!«, sagte sie nur.

Reginald Bull folgte den beiden und dem MINSTREL mit einem zunehmend mulmigen Gefühl in der Magengegend.

2.

Deneb: Die Wüstung

 

Sofgart reckte sich. Er genoss die Wärme dieses Planeten. Die Sonne des Arkonsystems war erheblich kleiner und nicht ganz so heiß wie der Stern, der gegenwärtig über ihm am Himmel kochte. Er legte den Kopf in den Nacken. Die Hitze brannte auf seinen Wangen. Er öffnete die Augen selbstverständlich nicht. Deneb – was für ein Gigant! Mit seinem rund zweihundertfachen Durchmesser der terranischen Heimatsonne tauchte der heiße Überriese alles in grelles, blauweißes Licht. Er glaubte beinahe, es durch die geschlossenen Lider sehen zu können.

Sofgart hatte sich auf dem Weg in die sogenannte Lokale Blase ein wenig mit dem astrometrischen Material über diese Raumregion beschäftigt. Perry Rhodan und seine Leute waren großzügig gewesen, was das anging. Sofgart hatte die Aufzeichnungen studiert, allerdings nicht übermäßig genau.

Nun war er vor Ort und wusste nicht mal richtig, warum. Jedenfalls, wer in einem solchen System siedelte, besaß Mut, Selbstvertrauen ... oder war dumm. Sofgart war lange mit Krom geflogen, einem Planeteningenieur, der Kolonien errichtete. Ob Krom ein solches Projekt in einer derartigen Umgebung befürwortet hätte? Sofgart hatte Zweifel, seit er den Fuß auf den Boden dieser Welt gesetzt hatte. Denn seiner Erfahrung nach waren Menschen eigentlich nicht dumm.

Die Menschen. Er hatte sie jüngst in Thantur-Lok getroffen und sie unterstützt. Bereits zu diesem Zeitpunkt war die Erde, Larsaf III, sein eigentliches Ziel gewesen. Darüber hatte er allerdings kein Wort verloren. Es war eine Familienangelegenheit, so merkwürdig das für eine Waise auch klang.

Sofgart schob die Schutzbrille an ihren Platz zurück.

Hinter ihm stand die LORK und warf kaum einen Schatten. Vor ihm lag etwas, das vor Kurzem noch eine Stadt gewesen war. Sehr viel hatten die terranischen Unterlagen darüber nicht verraten. Mit einiger Verwunderung hatte Sofgart aber zur Kenntnis genommen, dass es auf der Erde offenbar nach wie vor unterschiedliche Staatenzusammenschlüsse gab, die eigene Ziele verfolgten – auch im interstellaren Raum.

»Kaum zu glauben, dass sie sich im freien Universum derart gut halten konnten«, raunte er. »Was das wohl bedeutet: Chinesischer Block? Ist das eine geografische Festlegung?«

Er ging langsam auf die Siedlungsruine zu. Egal was die verschiedenen Bauten einmal gewesen sein mochten, nun war alles eine Wüstung. Er hatte schon diverse Areale ähnlicher Art gesehen, und immer blieb ein bitteres Gefühl zurück. Etwas war gestorben, einschließlich all der Träume und Pläne, die jeder einzelne Siedler einmal gehabt hatte. Was blieb, war Vergänglichkeit in all ihrer Tristesse.

Staub fegte über die planierte Fläche und stob in irren Wirbeln nach oben, sobald die Bö auf Felsen oder die ersten Erhebungen traf. In einiger Entfernung registrierte Sofgart Staubteufel. Sie waren zu klein, um gefährlich zu werden, aber andere Dinge konnten ihn in Schwierigkeiten bringen; Dinge, die er nicht auf den ersten Blick sah.