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Band 246

 

Das Sandtribunal

 

Susan Schwartz

 

 

 

Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt

 

Cover

Vorspann

1. Die Ankunft

2. In Sachen Diplomatie

3. In geheimer Mission

4. In die Stadt

5. Die Hesperianische Straße

6. Endlich Hoffnung

7. Das »Amberis«

8. Lauschauftrag

9. Ein passendes Gefährt

10. Havarie

11. Diplomatengefecht

12. Hunger

13. Silizium und die Folgen

14. So nah am Ziel

15. Erneut gefangen

16. Der Rosengarten

17. Gucky

18. Die Entscheidung

19. Der Zeitbrunnen

Impressum

PERRY RHODAN – die Serie

 

Das Jahr 2090: Ein halbes Jahrhundert nachdem die Menschheit ins All aufgebrochen ist, bildet die Solare Union die Basis eines friedlich wachsenden Sternenreichs. Aber die Sicherheit der Menschen ist gefährdet: durch interne Konflikte und externe Gegner, zuletzt durch das mysteriöse Dunkelleben.

Eigentlich hat Perry Rhodan gehofft, diese Gefahr gebannt zu haben. Doch überall dort, wo der skrupellose Iratio Hondro aktiv ist, bleibt das Dunkelleben eine Bedrohung. Nun nimmt der Plophoser das Solsystem ins Visier.

Dort tauchen unerwartet Besucher aus der Nachbargalaxis Andromeda auf. Die Marsregierung weigert sich, ihnen Hilfe zu gewähren – es droht ein Bruch mit der Erde. Um die Situation zu entspannen, reist Perry Rhodan als Vermittler zum Mars.

Auch Omar Hawk und Sofgart steuern den Roten Planeten an, wo sie nach einer geheimnisvollen Höhle suchen. Sie geraten in Konflikt mit den Marsianern – über ihr weiteres Schicksal entscheidet DAS SANDTRIBUNAL ...

1.

Die Ankunft

 

»Ich kriege dich! Versuch gar nicht erst, vor mir ins Ziel zu kommen!« Halan a Durque beschleunigte und zog an Sommar a Kechon vorbei.

Sommar lachte nur, schließlich hatte das Rennen noch gar nicht richtig begonnen. Sie waren mit Halans Gleiter angereist – oder vielmehr, dem Gleiter seines Vaters, der als höchst erfolgreicher Geschäftsmann allerhand Privilegien genoss. Wie etwa, seinen einzigen Sohn übermäßig verwöhnen und ihm jede Menge »Spielzeug« beschaffen zu können.

»Wann kommst du denn?«, rief Halan, der über dem »Einstieg« kreuzte.

Unter ihm breitete sich ein gewaltiger, zerklüfteter Canyon aus, der Teil einer Grabenzone war, dessen komplexes System ein fast geometrisches Muster bildete. Der »Kronleuchter«, offiziell Noctis Labyrinthus, war mehr als 1200 Kilometer lang und bis zu fünf Kilometer tief, seine Schluchten weiteten sich auf bis zu zwanzig Kilometer Breite. Noctis Labyrinthus war der westliche Ausläufer der riesigen Valles Marineris und lag knapp südlich des Marsäquators in der Tharsis-Aufwölbung.

Eine äußerst beliebte Region für sportliche Betätigungen: Springen, Gleiten, Klettern, Schnellwandern, Sandsurfen – jedes Jahr kamen neue Sportarten hinzu. Für hohe Geschwindigkeiten gab es eigens ausgewiesene Regionen, dazu gehörte auch das Jetting.

Die Sandjets ähnelten reifenlosen Motorrädern, das spezialisierte Feldtriebwerk hatte wegen der niedrigen Schwerkraft des Mars einen weitaus geringeren Energiebedarf als etwa auf der Erde. Dennoch war dieses Vergnügen kostspielig und den Privilegierten vorbehalten, zu denen Sommar leider nicht gehörte, Halan aber sehr wohl.

Sommar schloss ihren Helm und schaltete die Aufnahmeautomatik ihrer Helmkameras ein, sichtete die möglichen Motive und bestätigte durch Blinzeln, welche Bilder aufgenommen werden sollten. Das wird großartig!

»Komm endlich!«, drängelte Halan.

Warum hatte er es nur immer so eilig? Es wartete doch nichts auf ihn – vor allem keine Arbeit, im Gegensatz zu Sommar.

»Lass mich doch erst mal die Umgebung genießen!«, rief sie. »Die Aussicht ist einfach gigantisch!«

»Die ist hier überall gigantisch«, erwiderte er gelangweilt.

»Aber die Perspektive wechselt.« Sommar liebte es, ihre Heimat von oben zu betrachten, die vielen Facetten der kleinen, großen Welt. Besonders wenn die weit entfernte, kleine und doch Leben spendende Sonne in Horizontnähe den schneeweißen Gipfel des 26 Kilometer hohen Olympus Mons zum Glühen brachte. Sommar träumte davon, eines Tages einen Holobildband über den Mars zu veröffentlichen, und zwar auf der Erde – und dafür gefeiert zu werden. Was wusste man dort schon über den kleinen, roten Bruderplaneten? Nahm man ihn überhaupt ernst? Sommar hatte bei etlichen Entscheidungen der Terranischen Union nicht den Eindruck, dass dem so war.

»Bin fertig!« Sie hob den Daumen.

Die beiden Sandjets sanken zwei Kilometer nach unten, immer den fest installierten Hinweisschildern nach. Übertretungen wurden strengstens geahndet, das war kein Kavaliersdelikt. Da Halan schon einige Verstöße auf seinem Strafkonto hatte, hielt er sich diesmal an die Vorschriften. Sommar hätte andernfalls auch nicht mitgemacht, sie hatte wenig Lust, ihre Lizenz zu riskieren.

Schließlich erreichten sie den Startpunkt. Die Holowand zeigte an, dass bereits zwei Rennen liefen, aber in zwei Minuten würden auch Sommar und Halan starten dürfen.

Sommar legte sich auf ihr Gefährt, schob die mit Sensorhandschuhen geschützten Hände in die Steuermulden und hängte die Beine nach hinten ein.

»Das wirkt ja richtig professionell«, spottete Halan grinsend. »Trotzdem werde ich dich abledern.«

Wenn er sich da mal nicht täuschte! Man musste keinen eigenen Sandjet besitzen, um sich im Canyon zu vergnügen – es gab diverse Verleiher mit preisgünstigen bis zu hochwertigen Modellen. Seit sie fünfzehn geworden war, hatte Sommar a Kechon sich jedes Jahr zum Geburtstag einen solchen Ausflug gegönnt, mal mit der »Holzkistenrallye«, manchmal aber auch, wenn die Familie zusammengelegt und ihr etwas spendiert hatte, mit einem guten Mittelklassemodell. Manchmal wurde sie eingeladen und kam in den Genuss eines Gratisflugs, und in letzter Zeit hatte sie sich auch eine oder zwei Zusatzfahrten im Jahr leisten können.

Davon hatte sie Halan natürlich nichts erzählt. Er mochte es, wenn er sich großzügig und als Kenner präsentieren durfte, also tat sie ihm den Gefallen und spielte die Unschuld. Das bedeutete noch lange nicht, dass sie zurückstecken würde – selbst wenn er anschließend sauer auf sie wäre, hätte sie die Fahrt längst genossen.

Sie grinste deshalb gelassen zurück und sah dann wieder nach vorn – Konzentration war angebracht. Die beiden Rennen vor ihnen waren abgeschlossen, und sie interessierte sich für die vierköpfige Gruppe, die sich nun einen ordentlichen Staubcocktail leisten würde.

In wenigen Minuten wollte sie dazustoßen – und würde vermutlich umgehend in ziemliche Schwierigkeiten geraten.

Der ahnungslose Halan hatte ausgerechnet die schwierige Route drei gewählt, bei der es sehr aufzupassen galt, dass man nicht an der richtigen Abzweigung vorbeisauste und sich heillos im Labyrinth verirrte. Sommar war diese Route noch nie geflogen, weil die Behörden sie erst vor wenigen Monaten freigegeben hatten; deshalb war sie ein wenig nervös. Aber sie wusste, dass auch ihr Begleiter diese Strecke zum ersten Mal bewältigte.

Was gut war – die anderen Jetting-Fahrer würden dieses Rennen garantiert auf der Holowand kritisch beobachten. Wenn alles gut ging, würde Sommar der Einstieg zu ihrem eigentlichen Vorhaben erleichtert, da man ihnen sicherlich gratulieren würde.

»Schrott und Rost!«, wünschten sie einander, dann sprang die Anzeige auf Grün, und sie sausten los.

 

Ab einer gewissen Geschwindigkeit nützte auch das beste Navigationssystem nicht mehr viel, wenn die Steuerung manuell erfolgte – und Letzteres war ja die Voraussetzung für ein Jetting.

Sommar a Kechon legte sich so flach wie möglich in den Fahrtwind, während sie Tempo gab. Halan a Durque war voraus, das machte aber nichts – so konnte sie beobachten, wie er flog, und entsprechend darauf reagieren.

Aha, mit Linkskurven hatte er es nicht so. Und er beachtete eins nicht: Der zulässige Flugkorridor durchmaß vertikal vier Meter, doch Halan behielt stur dieselbe Höhe in der Mitte ein.

Sommar schaltete die Helmkameras abermals ein. Die Route war wahrhaftig sensationell – schwer, gefährlich, aber wunderschön. Trotz der hohen Geschwindigkeit erfreute sich die junge Neu-Marsianerin an den bizarren Felsformationen, deren Farbschichten von Blutrot bis Ocker ineinanderflossen und eigentümliche Gemälde schufen.

Gerade noch rechtzeitig ging Sommar haarscharf nach rechts, bevor sie an einer Felsnase zerschellte. Das Prallfeld des Sandjets würde zwar das Schlimmste verhindern, aber das Gefährt wäre anschließend vermutlich dennoch reichlich verzogen und demoliert – kein guter Einstieg bei Halans Vater.

Die Schrecksekunde trieb ihren Adrenalinpegel hoch, und sie lachte schallend. Die Helmakustik übermittelte entfernte Rufe, und sie wagte es auf gerader Strecke, kurz zur Seite zu blicken. Auf einem Felsplateau hatten es sich einige Besucher, wahrscheinlich Wanderer, für ein Picknick gemütlich gemacht. Sie winkten und feuerten Sommar an.

»Gruß aktivieren«, murmelte sie, während sie sich wieder nach vorn konzentrierte. Ihre Fahrzeugpositronik projizierte den holografischen Gruß einer winkenden Hand.

Doch ab sofort durfte sie sich von nichts mehr ablenken lassen – aus dem Schwierigkeitsgrad Blau wurde Schwarz. Der anspruchsvollste Teil der Route führte mitten durch einen unübersichtlichen, labyrinthischen Canyonabschnitt mit vielen Unebenheiten.

Halan war bereits drin – und verlangsamte. Er wollte nichts riskieren und glaubte, Sommar abgehängt zu haben. Genau darauf hatte sie gewartet. Sie zog ihren Sandjet bis an die obere Grenze des Flugkorridors hoch, und da entdeckte sie ihn auch schon – weiterhin brav auf seiner mittleren Höhe.

»Dreidimensional denken, Schätzchen!«, murmelte sie.

Ein Felsbogen machte ihr beinahe einen Strich durch die Rechnung – sie durfte ihn nicht überfliegen. Sie bremste scharf, sackte steil nach unten, trotzdem wurde es sehr knapp. Sie rutschte an die Seite des Sandjets, damit sie mit dem Helm nicht am Gestein entlangkratzte oder gar hängen blieb, sauste gerade so durch den Bogen, kehrte in die normale Sitzposition zurück und gab wieder Tempo.

Die Sandteufel sind mit mir!, dachte sie triumphierend.

Vor ihr lag eine tückische, ausgedehnte Linkskurve, die mit Unterbrechungen im Zickzack verlief und eine Menge Geschick erforderte. Sommar setzte alles auf den Sandlurch. Sie wechselte auf die Innenbahn, preschte mit waghalsigen Manövern durch das Zickzack, nahm die Kurven extrem knapp. Dann ging sie hoch, bis sie fast die erlaubte Oberkante des Rennkorridors erreichte, und raste in die Kurve hinein, nahm den Bogen so eng wie nur irgend möglich und zog über Halan hinweg.

»Friss meinen Staub!«, schrie sie lachend und ging steil nach unten, da wieder einige Felsbögen darauf warteten, ihr den Schneid abzukaufen. Noch bevor die Kurve ganz zu Ende war, legte sie sich schon nach rechts, touchierte dabei dennoch eine vorkragende Felsspitze, die daraufhin abbrach, behielt jedoch die Kontrolle über den Sandjet. Das war wirklich ein ausgezeichnetes Gefährt, bei dem man auf die Qualität der Stabilisatoren geachtet hatte.

Beim ersten Manöver dieser Art hatte sie sich, gerade sechzehn Jahre alt, mehrmals überschlagen und war gestürzt, während die preisgünstige Leihmaschine die Widerstandsfähigkeit des Prallfelds an der nächsten Felswand mit nur geringem Erfolg ausgetestet hatte.

Die Gravitation des Mars war sehr viel geringer als die Schwerkraft auf der Erdoberfläche. Sommar war daher nicht übermäßig schnell gefallen, und ihr Anzug hatte über Gleitplanen von den Armen bis zu den Füßen und zwischen den Beinen verfügt. In weiten Spiralen war sie mit gespreizten Gliedmaßen langsam nach unten gesegelt und sanft gelandet.

Der Vermieter des Leihsandjets hatte sich die Aufnahmen des spektakulären Unfalls besorgt und ihr daraufhin lebenslanges Hausverbot erteilt. Aber es gab ja genug Konkurrenten.

Diese Erfahrung jedenfalls kam Sommar nun zugute – sie hatte ihre Technik mit den Jahren verfeinert und wusste, dass sie diesmal heil ans Ziel gelangen würde. Obwohl sie gar nicht so viel Übung hatte bei nur wenigen Fluggelegenheiten im Jahr – anscheinend war sie ein Naturtalent.

Sie hörte Halan in ihrem Helmempfänger fluchen, achtete jedoch nicht darauf. Es kamen noch drei weitere haarige Linkskurven – er hatte keine Chance mehr.

Sie hätte es sich sogar leisten können, ihre Geschwindigkeit ein wenig zu reduzieren, aber daran verschwendete sie keinen Gedanken. Das war nicht ihre Art. Vollgas war die einzige akzeptable Geschwindigkeit. Immer am Limit. Das galt für ihr gesamtes Leben.

 

Zwei Minuten später erreichte Sommar a Kechon das Ziel, eine dreihundert Meter hohe Stele, die sie einmal umrunden musste, damit das Siegersignal erklang. Ein Holo flammte auf, mit einem virtuellen Feuerwerk, Konfetti und Fanfaren.

Sie schwebte bereits auf den Haltepunkt zu, als Halan zwanzig Sekunden später eintraf, die Stele ebenfalls umrundete und seinen Glückwunsch empfing.

Sommar arretierte den Sandjet, stieg herunter, nahm den Helm ab und befestigte ihn an der dafür vorgesehenen Haltevorrichtung.

Sie winkte Halan zu, als er neben ihr landete, und lachte ihn an, während er ebenfalls den Helm absetzte.

Er aber lachte nicht. »Sag mal, bist du völlig verrückt geworden?«, schnauzte er sie an.

»Oh, haben wir da einen schlechten Verlierer?«, gab sie zurück und zog eine spöttische Miene. Es hatte noch nie jemanden gegeben, der sie hätte einschüchtern können.

»Du hättest dabei draufgehen können!«, tobte er weiter.

»Bin ich aber nicht. Und es ist mein Hals, nicht deiner. Zum Dritten: Du hast diese Route aus reiner Angeberei gewählt!« Ihre Stimme klang völlig ruhig. »Was hattest du geplant? Dass du mich rettest, weil ich vor Angst schlotternd aufgebe? Dass ich dir dann in die Arme falle und dich bewundere, mein Held?«

Er verstummte. Ein verlegener Ausdruck trat auf sein Gesicht. »So in etwa«, gab er zu.

Sie boxte ihn auf den Arm und schlug ihm dann lachend auf die Schulter. »Halan, wann kapierst du das endlich, so eine Freundin bin ich nicht!«

»Weiß ich doch«, sagte er brummig. »Wollte trotzdem testen, ob es funktioniert.« Eins musste man ihm lassen: Er betonte zwar gern seine Männlichkeit, aber wenn er verlor, stand er dazu.

Sommar stritt nicht ab, dass er ein attraktiver Neu-Marsianer war, mit der Goldglanzfärbung in seinen zu Dreadlocks verstärkten Haarsträhnen und den blau gepunkteten, dunklen Augen. Seine Hautfarbe entsprach einer Sanddüne vor dem Olympus Mons im Sonnenlicht. Dennoch gehörte er nicht zu ihrem Beuteschema.

»Es war jedenfalls ein großer Spaß, und dafür danke ich dir!«, tröstete sie ihn. »Komm, ich lade dich ein! Wir haben es uns verdient, uns ordentlich einen zu genehmigen.«

Halan grinste schon wieder. Natürlich tat er das. Mit Sommar wurde es nie langweilig, und das genoss er. »Ich werde mir auf deine Kosten mindestens einen Death Valley gönnen, darauf kannst du wetten!«

Den Rückweg absolvierten sie auf den Sandjets entspannt und gemütlich per Autopilotsteuerung.

 

Das Düse & Antrieb war ein beliebtes Ausflugslokal, das auf einem Felsenplateau bis ins Gestein hineingetrieben worden war. Es bot mehrere Aussichtsterrassen, große Holotafeln, die sportliche Wettstreitigkeiten überall in den Schluchten zeigten, und war innen wie eine Art Grotte gebaut, mit aus dem Fels herausgeschnitzten Säulen, die der Dekoration dienten, vielen Nischen und etlichen Theken.

Wie Sommar erhofft hatte, waren die beiden Gruppen aus den vorherigen Rennen noch anwesend und in bester Feierlaune. Sie begrüßten die zwei Neuankömmlinge mit großem Hallo und winkten sie sofort zu ihrer Theke.

»Das war ja spektakulär!«, lobten sie einmütig. »Seid ihr Profis?«

Sommar a Kechon und Halan a Durque winkten lachend ab, aber niemand wollte ihren Beteuerungen glauben, dass es das erste Mal gewesen sei.

So wurde es eine fröhliche Runde, und Sommar arbeitete sich geduldig an das Objekt ihrer Begierde heran, bis sie ihm endlich gegenüberstand.

Sie prostete ihm zu.

Seine Miene verfinsterte sich schlagartig. »Sie sind es, oder?«, fauchte er sie an.

»Schuldig, Sir«, gab sie fröhlich zurück, ohne Nachfrage, wen er denn meinen könnte. »Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, muss der Berg eben zum Propheten kommen. Altes terranisches Sprichwort, das mir jemand beigebracht hat, den wir beide kennen.«

»Lassen Sie meinen Onkel da raus!« Samgo a Cana war ernsthaft erzürnt, Doch sie waren mittlerweile derart in der fröhlich feiernden Menge verkeilt, dass er sich nicht einfach umdrehen und gehen konnte.

A Cana war ein prominenter Neu-Marsianer, der sein Vermögen mit diversen Erfindungen zur Verbesserung der Wohnqualität gemacht hatte und nun in die Politik strebte. Vor ein paar Wochen hatte jemand pikante Details seines Privatlebens an die Öffentlichkeit gebracht, und seither hasste er alle Journalisten und verweigerte sämtliche Interviewanfragen.

Sommar war seit Tagen an ihm dran und hatte eine Abfuhr nach der anderen erhalten. Obwohl sie mit der Bekanntschaft seines Onkels Ador a Cana punkten konnte. Sie hatte während ihrer Studienzeit für den Professor gearbeitet und sich gut mit ihm verstanden.

»Mister a Cana, ich schwöre, ich habe nichts mit dem zu tun, was man Ihnen angetan hat«, fuhr Sommar fort. »Bitte verurteilen Sie nicht gleich einen ganzen Berufsstand wegen ein paar Amateuren, die nicht wissen, wie man Anstand buchstabiert. Vielmehr wollte ich Ihnen Gelegenheit geben, die Sachlage richtigzustellen.«

»Sind Sie nicht auf Klatsch abonniert?«, erwiderte er verächtlich.

»In Verbindung damit wird mein Gesicht durch die eine oder andere Sendung in der Öffentlichkeit gezeigt, das ist richtig«, räumte sie ein. »Aber ich arbeite hauptsächlich an seriösen Artikeln, die die Zukunft des Mars betreffen – und die wollen Sie ja künftig mitgestalten. Ich habe Ihnen meine Referenzen bei meinen Anfragen jedes Mal mitgeschickt. Zugegeben, es sind bisher nicht viele, aber ich bin auch erst fünfundzwanzig Jahre alt und das Studium liegt noch nicht lange zurück. Dennoch bestreite ich meinen Lebensunterhalt seither erfolgreich als Reporterin und Journalistin. Und als weitere Referenz habe ich Ihren Onkel darum gebeten, mir eine Empfehlung zu schreiben, die Sie ebenfalls erhalten haben.«

Der angehende Politiker schüttelte den Kopf. »Eins muss man Ihnen lassen, Sie haben Nerven und Durchhaltevermögen. Und mich ausgerechnet hier abzupassen, dazu braucht man Unverfrorenheit und eine Spürnase. In der Hinsicht haben Sie Ihren Beruf nicht verfehlt.«

Sommar strahlte. »Dann schenken Sie mir zehn Minuten?«

»Nicht mal fünf«, schmetterte a Cana sie ab.

»Habe ich Sie denn vorhin nicht wenigstens ein bisschen beeindruckt?«

»Offen gestanden, nein. Sie waren viel zu waghalsig und haben Kopf und Kragen riskiert. Alles nur, um mit mir zu reden? Wir sind hier nicht bei einer Mutprobe.« Er zog eine gelangweilte Miene.

Sommar nahm auch diese Provokation hin. Sie war indes nicht aufzugeben gewillt und schoss deshalb ihre Frage heraus, ohne einen Punkt zu setzen, bei dem er womöglich einhaken konnte und sie nicht ausreden lassen würde. »Geben Sie mir wenigstens eine Antwort, wie Sie dazu stehen, dass der Mars das Asylersuchen der Paddler abgelehnt hat, was eine Krise innerhalb der Terranischen Union hervorgerufen hat, die Perry Rhodan nun persönlich schlichten will?«

»Das Gespräch ist beendet!«

»Aber ...«

»Hören Sie.« Samgo a Cana hob die Hand. »Sie werden sicherlich Karriere machen. Sie sind selbstbewusst und glauben, niemand kann Ihnen widerstehen. Ich tue es – sehen Sie das als Lektion an.« Er nickte ihr zu, und im nächsten Moment war er zwischen den Feiernden verschwunden.

Sommar blieb der Mund offen stehen, mit dieser Abfuhr hatte sie tatsächlich nicht gerechnet. Vor allem nicht bei einem angehenden Politiker, der auf positive Publicity angewiesen war. Sie hatte sich so viel Mühe gegeben, ihn aufzutreiben und im richtigen Moment abzupassen – und das war's? Nicht mal eine Stellungnahme ? Nicht mal zwei Minuten?

 

Halan war ebenfalls wütend, als Sommar zu ihm zurückkehrte. »Du hast mich also benutzt!«, schimpfte er. »All das nur, um ein Interview zu bekommen? Ich glaub's ja nicht! Wie kommst du dazu, mich da mit reinzuziehen? Samgo a Cana hat mich gesehen und weiß, wer ich bin. Wenn er meinen Vater anruft und sich über diese Aufdringlichkeit beschwert, werde ich mich nicht vor dich stellen!«

»Hab dich nicht so«, erwiderte sie. »Es war ein großer Spaß und die Cocktails für dich waren frei. Dass ich immer im Dienst bin, solltest du langsam wissen.« An ihrem Multifunktionsarmband leuchtete eine kurze Textnachricht auf, und schlagartig war alles andere vergessen.

»Komm, wir müssen los!« Kurzerhand packte sie Halan am Arm und zog ihn mit sich.

»Was ...? Spinnst du?« Er war so verblüfft, dass er gar nicht auf die Idee kam, sich loszureißen.

Sie gab ihn erst bei den Sandjets wieder frei und warf ihm seinen Helm zu. »Schnell, schnell, wir müssen sofort zum Raumhafen!«

»Du bist eine Irre.« Halan, der sich niemals ein Abenteuer entgehen ließ, setzte den Helm trotzdem auf.

Kurz darauf brausten sie beide los, zurück zum Gleiter.

 

Als sie beim Besucherbereich des Raumhafens ankamen und ihren Gleiter parkten, herrschte ringsum bereits reger Betrieb.

»Was ist denn hier los?«, wunderte sich Halan a Durque. »So viele Leute ... Wer wird denn erwartet?«

Sommar a Kechon deutete lachend nach oben. »Ist das nicht offensichtlich?«

Da kam sie nämlich schon herunter: die CREST II – ein Kugelraumschiff mit 1500 Metern Durchmesser plus Ringwulst. So ein Gigant konnte nicht übersehen werden.

»Wir haben es gerade noch rechtzeitig geschafft«, freute sich Sommar.

»Perry Rhodan kommt? Hierher?« Halan war völlig überrascht.

Sommar verdrehte die Augen. »Bekommst du eigentlich jemals die aktuellen Nachrichten mit? Seit der Marsrat das Asyl für die Paddlerwerft PE-hilfreich abgelehnt hat, sind die Beziehungen zwischen Mars und Erde extrem angespannt. Die Terranische Union betrachtet das als Affront. Perry Rhodan will als Vermittler auftreten, bevor die Fronten sich zu sehr verhärten.«

»Eine Auseinandersetzung will selbstverständlich keiner – aber ich kann den Mars Council verstehen. Wir haben einen Vertrag mit Andromeda, man hat uns dabei geholfen, die Situationstransmitterverbindung nach Olymp zu bauen. Soweit ich weiß, herrscht im Machtgebiet der Meister der Insel Frieden und keine Verfolgung. Warum also ersucht jemand um Asyl, und warum sollen wir dem stattgeben und riskieren, es uns mit einer ganzen Galaxis zu verscherzen?«

»Aha, diese Neuigkeit hast du also mitbekommen.« Sommar zwinkerte.

»Ich bin heute nicht auf dem Laufenden, weil wir mit diesem Ausflug beschäftigt waren – nur du wusstest natürlich vorab mehr aus deinen Quellen.« Halan schüttelte den Kopf. »Eine schöne Freundin bist du, das nicht zu erzählen. Jetzt haben es alle anderen vor mir erfahren, und wir sind auf den hinteren Plätzen.«

»Ach was, der Platz hier ist gut.« Sommar starrte wieder nach oben. Der Gigant kam immer näher, er wirkte nun wie ein Mond, der auf den Planeten herabstürzte. In sechs Kilometern Entfernung war der Landeplatz vorbereitet worden.

Der Raumhafen befand sich in einer Senke, der Besucherbereich war wie eine Arena erhöht im Halbkreis angeordnet, sodass man eine hervorragende Sicht über das Areal hatte. An verschiedenen Positionen waren Holotafeln aufgestellt, die abwechselnd vergrößerte Ausschnitte des Geschehens zeigten.

»Was glaubt Rhodan eigentlich, bei uns ausrichten zu können?«, murrte Halan.

Sommar fand das offensichtlich. »Nun, momentan ist er zwar ohne offizielles Amt. Er genießt aber weiterhin allgemein hohes Ansehen, einschließlich in den Kolonien. Also wird er als Vermittler akzeptiert.«

»Er ist doch nicht neutral, sondern ein Terraner! Natürlich wird er immer auf der Seite seiner Geburtsheimat sein.«

»Du findest es also nicht gut, dass er schlichten will?«

Halan nickte. »Der Mars hat seine Position deutlich gemacht, und das hat die Erde zu respektieren, finde ich.«

»Der Mars gehört zur Terranischen Union«, erinnerte ihn Sommar. »Da kann man nicht einfach sagen, man macht hier oder da nicht mit. Und es ist doch nur die eine Werftplattform!«

»Ein einziges, ins Rutschen geratende Sandkorn kann eine Lawine auslösen«, mahnte Halan.

Der typische marsianische Stolz, dachte Sommar. Keine Gelegenheit wird ausgelassen, die Unabhängigkeit und Eigenverantwortung zu demonstrieren.

Sie dachte ganz anders darüber. Selbstverständlich war sie ebenfalls stolz darauf, Marsianerin zu sein. Als Neu-Marsianerin war sie genau wie Halan aus dem VGP hervorgegangen, dem Variable Genome Project, und gut an die Marsumwelt angepasst. Die Alt-Marsianer führten ihre Genese auf den Sand des Lebens zurück, Viren aus dem liduurischen Erbe, die jeden, der damit in Berührung kam, genetisch veränderten. Noch immer gab es Einwanderer, die den Sand des Lebens erhalten wollten.

Dies wurde sogar ermöglicht – wenngleich nicht offiziell. Die Terranische Union hielt die liduurischen Viren, den »Sand des Lebens«, für zu gefährlich und ließ eine Anpassung nur über das VGP zu. Die Alt-Marsianer indes beharrten auf ihren Traditionen, und wer sich ihnen anschließen wollte, bekam das Virus daher in einer Zeremonie weit vom städtischen Leben entfernt bereitwillig verabreicht. Das geschah in aller Heimlichkeit, sodass die Behörden kaum in der Lage waren, dies zu überprüfen oder nachzuverfolgen.

Die Erde war fraglos ein strahlendes, von Leben übersprudelndes Juwel im Sonnensystem, doch der Mars ... Es war schwer zu beschreiben. Poeten und Lyriker verfassten Tausende Verse, die ausdrücken sollten, welche Gefühle der Mars hervorrief. Und doch würden hunderttausend oder eine Million nicht ausreichen, um alles zu erfassen.

Es ist das Herz des Mars, wir können es schlagen hören. Wir sind eins und verbunden. Selbst ein so weit gereister Mann wie Perry Rhodan könnte das vermutlich nie verstehen. Er wäre immer nur Gast.

Es war kein Geheimnis, dass der bekannteste aller Terraner vor vielen Jahren einen marsianischen Waisenjungen namens Farouq adoptiert und zusammen mit seinem leiblichen Sohn aufgezogen hatte. Zweifellos hatte ihm Farouq viel über den Mars erzählt, sodass vielleicht ein Grundverständnis vorhanden war. Aber mehr auch nicht. Schließlich hielt sich Rhodan nur äußerst selten auf dem Bruderplaneten auf – er war zu unbedeutend im kosmischen Geschehen.

Worüber die Marsianer, ob nun Neu- oder Alt-, nicht unglücklich waren. Sie kamen hervorragend ohne Bevormundung zurecht.

»Sag bloß, du freust dich, dass Rhodan kommt?«, fragte Halan.

Die CREST II hatte schon fast aufgesetzt, die zwölf Landestützen mit den jeweils hundert Metern durchmessenden Landetellern waren nur noch wenige Meter vom Marsboden entfernt. Staub wirbelte wurde auf, wurde weit davongetragen. Obwohl noch andere Raumschiffe auf dem Gelände standen, dominierte der Gigant die gesamte Umgebung. Über ihm spannte sich der blauviolette, stets leicht düstere Himmel mit dem weit entfernten Punkt der Sonne.

»Ja«, gab Sommar zu. »Ein Interview mit ihm, das würde mich ganz nach oben katapultieren.«

»Da musst du dich eher ganz weit hinten anstellen«, spottete Halan. »Die Pressekonferenz ist garantiert längst ausgebucht, und du bist nicht akkreditiert.«

»Ich weiß. Aber vielleicht kann ich mit jemand anderem von der Besatzung sprechen? Ich meine, sieh dir dieses Schiff doch an! Das taucht durch die Weiten des Alls, entdeckt Geheimnisse, findet neue Planeten zur Besiedelung ... Wer da mitfliegt, hat das große Glückslos gezogen.«

»Oder das große Pech, wenn jemand das Ding zerschießt, es gekapert wird oder havariert, wenn fremde Planeten sich als tödlich erweisen ...«

»Das würde mich nicht stören. Immer am Limit – du weißt ja.«

»Dann bewirb dich doch! Als Korrespondentin oder so was. Die brauchen immer jemanden für Nachrichten und Reportagen von anderen Welten.«

Ob Halan das nun ironisch gemeint hatte oder nicht – die Idee fand Sommar gar nicht so schlecht. Warum nicht? Mehr als eine Absage konnte sie nicht erhalten.

Andererseits liebte sie den Mars. Konnte sie ihn wirklich für eine ungewisse Zeit verlassen? Ein paar Monate sicherlich. Aber unter Umständen für Jahre?

 

Nicht alle im Publikum jubelten der CREST II vorbehaltlos zu.

Manche waren lediglich Schaulustige und interessierten sich nicht weiter für die Hintergründe der Ankunft, ihnen ging es nur um den Giganten. Schließlich sah man so etwas wie die CREST II wahrhaftig nicht alle Tage.

Andere waren Fans von Perry Rhodan, die ihn endlich einmal live sehen wollten, wie er marsianischen Boden betrat und dem rauen, kleinen Planeten damit Bedeutung verlieh.

Doch es gab auch einige, die Schilder in der Hand hochhielten oder Holotransparente über ihren Köpfen projizierten, die deutlich machten, was sie von der »Einmischung der Terranischen Union« hielten. »Der Mars ist souverän!«, und andere Sprüche fanden sich.

Halan stimmte ihnen zu und lobte, dass sie vor Ort waren und klarstellten, dass Perry Rhodan kein anbetungswürdiger Heiliger war, sondern als Vertreter der Terranischen Union auftrat, ob nun mit offiziellem Titel oder nicht.

»Aber du respektierst Rhodan doch, oder?« fragte Sommar, die von ihm noch nie solche Worte gehört hatte.

Er zuckte die Achseln. »Ihn, ja. Ich bewundere ihn sogar. Die Terranische Union nicht.«

»Er möchte den Konflikt schlichten! Die Terranische Union ist nicht das Böse!«, beharrte Sommar.

»Natürlich nicht! Es ist eine bedeutende und, wie ich finde, unersetzliche Organisation, doch sie nimmt sich zu viel heraus. In unserem konkreten Fall geht es nicht um Schlichtung, sondern um Einmischung und Überzeugungsarbeit!« Halan redete mit zunehmender Heftigkeit. »Mit welchem Recht bügelt die Terranische Union unseren Widerspruch und die Begründungen dazu – wie etwa negative wirtschaftliche Folgen oder der Verstoß gegen den Vertrag mit den Meistern der Insel – einfach nieder? Warum bestimmt die Erde über uns?«

»Genau das wird der Mars Council ansprechen, und deswegen ist Rhodan gekommen«, meinte Sommar. »Wenn du dich engagieren willst, warum gehst du nicht in die Politik? Dann findet deine Stimme künftig Gehör und geht nicht hier unter.«