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Band 248

 

Kybernetische Brandung

 

Rainer Schorm

 

 

 

Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt

 

Cover

Vorspann

1. Prolog: Asmodeus

2. X minus 220

3. X minus 200

4. X minus 185

5. X minus 180

6. X minus 165

7. X minus 150

8. X minus 140

9. X minus 125

10. X minus 120

11. X minus 110

12. X minus 105

13. X minus 65

14. X minus 50

15. X minus 40

16. X minus 10

17. X minus 0

18. Epilog: Der stille Mond

Impressum

PERRY RHODAN – die Serie

 

Das Jahr 2090: Ein halbes Jahrhundert nachdem die Menschheit ins All aufgebrochen ist, bildet die Solare Union die Basis eines friedlich wachsenden Sternenreichs. Aber die Sicherheit der Menschen ist gefährdet: durch interne Konflikte und externe Gegner, zuletzt durch das mysteriöse Dunkelleben.

Eigentlich hat Perry Rhodan gehofft, diese Gefahr gebannt zu haben. Doch überall dort, wo der skrupellose Iratio Hondro aktiv ist, bleibt das Dunkelleben eine Bedrohung. Nun nimmt der Plophoser das Solsystem ins Visier. Auf dem Erdmond will er die Kontrolle über NATHAN erringen – wenn er dort siegt, kann er der Erde und ihren Kolonien seine unumschränkte Herrschaft aufzwingen.

In den Untergrundanlagen der Künstlichen Intelligenz entwickelt sich ein unheimliches Duell: Gegen Hondro und seine Technosporen kämpft nur eine kleine Schar Verteidiger. Ein Oxtorner, ein Arkonide, ein Ilt und ein Okrill stemmen sich gegen die KYBERNETISCHE BRANDUNG ...

1.

Prolog: Asmodeus

 

Sterne?

Das Blickfeld war schwarz, wie man das nach dem Eintauchen in einen Zeitbrunnen erwartete, obwohl der Vorgang des Transports kaum wahrnehmbar war. Doch aus der Finsternis stachen immer mehr kalte, kleine Lichtpunkte. Hunderte. Tausende. Gucky sah das Bild der Milchstraße vor sich, in unglaublicher Klarheit.

Zugleich war da die Schwärze zwischen den Sternen. Leere Schwärze, tödliche Leere.

Bilder in einem Zeitbrunnen, während des Durchgangs? Das war etwas völlig Neues.

Er war zurück in der Realität.

Gucky zuckte zusammen. Panik drohte ihn zu überrollen.

»Wo bin ich?«

Er hörte die eigene Stimme, obwohl er sich offenbar im freien All befand. Verwirrt sah er an sich hinunter. Er trug keine Raummontur, geschweige denn einen Helm. Atmen im Weltraum war unmöglich, und ohne Atmosphäre konnten keine Schallwellen entstehen.

Das ist nicht real!, schoss es ihm durch den Kopf. Mein Verstand erzeugt ein Körperbild, aber es ist nur eine Vorstellung. Was geschieht mit mir? Wo sind die anderen?

Vor wenigen Augenblicken noch hatte er zusammen mit Omar Hawk, dem Okrill Watson, dem Arkoniden Sofgart und Jessica Tekener den Zeitbrunnen auf der absurden Welt Echo-TOOR betreten. Am tiefsten Punkt eines Schachts, der weitaus länger war, als der Planet durchmaß. Schon das war eine Unmöglichkeit, insofern hätte er vielleicht mit weiteren eigenartigen Phänomenen während der Passage rechnen sollen. Doch das hatte er nicht getan, zu froh war er gewesen, nach Hause zurückkehren zu können.

Zu früh gefreut, dachte Gucky missmutig. War ja klar!

Der Abstecher nach Echo-TOOR war für sie alle schwierig gewesen: Sich neu formende Realitäten, gespeist aus Erinnerung, Angst und Furcht, hatten sie heimgesucht. Omar Hawk war mit seiner verstorbenen Frau Yael konfrontiert worden, ihrem erneuten Tod und einer Tochter, die er niemals gehabt hatte. Gucky war Mausbibern begegnet, die vor seinen Augen gestorben waren, insbesondere einer Iltfrau, die ihm seine Einsamkeit gnadenlos vor Augen geführt hatte. Wie real war all das gewesen? Genau das konnte er nicht beurteilen – die Wirkung auf die Psyche war dennoch verheerend. Er hatte Quiniu Soptor getroffen – aus einer Chronophase, einer alternativen Zukunft, die sich nicht realisiert hatte. Sie war wie Dao-Lin-H'ay eine »Schwester der Tiefe« – was auch immer das genau bedeuten mochte. Und dass Sofgarts F'Atkor wichtig war, hatten sie während ihres Aufenthalts dort alle begriffen. Aber wofür und weshalb er eine solche Bedeutung hatte, blieb ein Rätsel.

Maahks, Ilts, Ritter und die Zwölf Heroen; Tote, die wieder lebten und erneut starben – das war ebenso verwirrend und absurd wie die Tatsache, dass er in diesem Moment atmend im freien Weltraum hing und nicht starb.

Die Ereignisse auf Echo-TOOR hatten Spuren hinterlassen. Eine der eigenartigen Erscheinungen hatte Omar Hawk mit einem Schwert auf den Boden genagelt. Der Oxtorner war mental sehr robust, aber niemand steckte solche Erfahrungen einfach so weg. Welche Auswirkungen das alles auf Jessica Tekener haben mochte, konnte Gucky sich nicht vorstellen, aber auch er hatte Dinge erlebt, die ihm an die psychische Substanz gingen.

Er schob die Erinnerungen krampfhaft von sich weg, so gut das eben möglich war.

Er blickte abwärts, es war eine instinktive Bewegung. Tief unter sich sah der Mausbiber nun den irdischen Mond. Die sogenannte dunkle Seite des Monds. Er hatte kurz die Hoffnung, dass wenigstens diese Umgebung stabil und real war.

Das Mare Moscoviense! Die Krater Hertzsprung, Korolev und Mendeleev! Aber das kann nicht stimmen!

Gucky kannte die erdabgewandte Seite von Luna sehr gut. Er hatte den Himmelskörper oft genug besucht, und obwohl die graue Steinkugel an sich nichts Besonderes war, wusste Gucky um ihre Bedeutung. Luna stabilisierte die Erde, und vielleicht war nur deshalb Leben auf Terra entstanden. Er erinnerte sich auch daran, dass Belle McGraw Erde und Mond häufig als »Doppelplaneten« bezeichnet hatte. Derzeit war vom Mutterplaneten allerdings nichts zu sehen, Gucky schwebte offenbar in einem niedrigen Orbit. Auf dem Mond hatte als Folge von Perry Rhodans Begegnung mit den gestrandeten Arkoniden zudem der Aufbruch der Menschheit zu den Sternen begonnen.

Er stutzte. Etwas störte ihn, ohne dass er sofort hätte sagen können, was es war.

Der Mond war anders.

Gucky hatte sich mittlerweile beruhigt. Er würde weder an einer Dekompression sterben noch ersticken und auch nicht erfrieren oder von kosmischer Strahlung gebraten werden. Was er sah, war bizarr, wie ein wirrer Traum.

Ein Film, dachte er. Ich stecke in einem Film oder einer Simulation fest. Aber das stand so nicht im Programm. Wer hat da wieder seine Finger im Spiel?

Wie immer, wenn er nervös war, juckte der Pelz in der Halsgegend. Ganz intuitiv kratzte er sich, obwohl er wusste, dass weder der Juckreiz noch seine Reaktion real waren. Die Illusion war trotzdem perfekt.

Eine Illusion mehr, was macht das schon?

Er starrte intensiv nach unten. Das war auf keinen Fall der Mond, wie er ihm bekannt war. Es fehlte etwas.

Zog man zwischen den Kratern Korolev und Mendeleev eine Linie, hätte man darunter Asmodeus sehen müssen, den gewaltigen Impaktkrater, in dem NATHAN saß, die anorganische Intelligenz, die auf Luna entstanden und beheimatet war.

»Sitzen ist gut ...«, raunte Gucky kichernd. Es hörte sich für seinen Geschmack eindeutig zu hysterisch an.

Ein riesiger Mondkrater konnte nicht einfach verschwinden. Etwas wie Asmodeus erst recht nicht. Der Einschlagkrater war legendär, völlig zu Recht. Lange Zeit war er so etwas gewesen wie das Spukhaus des Solsystems: unheimlich und gruselig ... Dort geschahen Dinge, die niemand hatte erklären können.

Das blieb so, bis man NATHAN entdeckte.

Ein Mond ohne NATHAN wäre für viele irdische Politiker eine freudige Nachricht gewesen, aber Gucky hatte einen Verdacht.

Zeitbrunnen heißen nicht von ungefähr so. Die Zeit spielt eine wichtige Rolle. Wahrscheinlich wüsste nicht mal Eric, wie und in welchem Umfang. Das da ist der Mond vor dem Impakt! Ich bin in der Vergangenheit ... oder ich träume davon.

Eric Leyden war der brillanteste Hyperphysiker gewesen, den die Menschheit bisher hervorgebracht hatte. Sogar für ihn waren die Zeitbrunnen, jene tiefschwarzen, von Quadersteinen eingefassten Kreisflächen, stets ein Rätsel geblieben.

Wenn schon jemand wie Eric Schwierigkeiten damit hat, muss ich das erst recht nicht begreifen, sagte sich Gucky.

Ab und zu sah er etwas aufblitzen, meist fern über dem Horizont, wohl nah auf der hellen Seite. Das konnten Raumschiffe sein, Frachter oder Satelliten. Obwohl NATHAN noch nicht existieren mochte, war der Mond schon in den Jahren zuvor kein unbekanntes oder unberührtes Territorium mehr gewesen.

Nichts davon erklärt, warum ich hier bin, dachte der Ilt. Zufall wird's ja wohl kaum sein. Ich wette, gleichgültig wie lange das hier dauert, in der Realität wird mir keine einzige Sekunde fehlen.

Woher er diese Gewissheit nahm, wusste er nicht. Aber er hatte im Laufe seines Lebens bereits sehr viel erlebt, darunter etliche ähnlich bizarre und absurde Situationen. Er war Zeuge diverser geheimnisvoller Pläne geworden, die sich hoch entwickelte Wesen ersonnen hatten. ANDROS oder ES hatte es dabei nie gekümmert, was ihre Absichten für einfache Lebewesen bedeuten konnten. Dies nun fühlte sich ganz genauso an.

Gucky sank tiefer. Die Oberfläche kam näher. Die dunkle Seite war, ihrem Namen widersprechend, deutlich heller als die der Erde zugewandte. Die dunklen Mare fehlten, dafür bedeckten meist kraterreiche Hochländer beinahe die komplette Hemisphäre.

Gucky wusste nicht, in welchem Jahr er sich befand. Sein Multifunktionsarmband, das üblicherweise auch die Zeit angab, lieferte lediglich wirre Zahlenfolgen.

Er schwebte weiter nach unten. Das war kein Sinken, das der Schwerkraft geschuldet war, es glich eher einer absurden Kamerafahrt.

Etwas fiel ihm auf. Dicht über der Oberfläche schwebte ein sonderbarer Nebel. Die Schwaden waren dünn, aber nicht zu übersehen. Außerdem hatte das Dunstfeld eine eigenartig geometrische Form.

Das ist kein Nebel. Dort kondensiert nichts. Vielmehr wirbelt etwas das Regolith auf! Eine andere Erklärung hatte er nicht für den dünnen Schleier.

Verblüfft registrierte er, dass sich etwas bildete, das er nur als Linien bezeichnen konnte. Gleichzeitig verdunkelte sich ein Areal innerhalb des Nebels, als werfe etwas sehr Großes seinen Schatten.

»Man könnte glauben, dieses Etwas stanze einen gewaltigen Brocken aus dem Mond heraus«, murmelte er.

Der Vorgang beschleunigte sich, ohne dass die Ursache erkennbar war, und die Staubzone wurde größer.

Das ist die Ecke eines riesigen Würfels!, durchzuckte es Gucky. Oder besser: ein Loch, in das ein Würfel passen würde.

Über dem Mond flackerte es. Ein rötlicher Schein tropfte aus dem Vakuum des Alls und sammelte sich im Innern des Lochs. Düsterrote Blasen schwebten umher.

Verdammt, das sind Halbraumeffekte! Dimensionsschaum, wenn man so will. Was geschieht da?

Gucky spitzte die Ohren. Selbstverständlich war in der Leere des Alls eigentlich nichts zu hören, aber wenn er seine eigene Stimme hören konnte, war vieles möglich.

Über dem Loch formte sich, beinahe gläsern wirkend, so etwas wie eine polygonale Form.

»Er kommt!«, entfuhr es Gucky.

Aus dem Glaslicht schob sich wie in Zeitlupe der Gestalt gewordene Albtraum eines wahnsinnig gewordenen Ingenieurs. Es war ein Würfel von mehreren Kilometern Seitenlänge. Die ursprüngliche Kubenform war durch unzählige Aufbauten, Zusatzmodule und Anlagen erweitert. Trotz der anscheinend wirren Anordnung hatte das Gebilde eine eigene, auffällige Schönheit.

Ein Posbiwürfel. Er stürzt in diesem Augenblick aus dem Hyperraum. Ich bin im April 2044. Die Transition ist nicht komplett abgeschlossen. Die Kausalität ist schwer gestört. Der Impakt hat bereits ein Loch in den Mond gerissen, obwohl das Schiff erst materialisiert. Meine Güte, es ist ein Wunder, dass es Luna nicht zerrissen hat!

Etwas anderes zog seine Aufmerksamkeit auf sich, während sich der auftreffende Posbiwürfel langsam in die Kruste des Trabanten bohrte – in ein Loch, das er bereits vor dem Auftreffen erzeugt hatte. Die Raumschiffe der positronisch-biologischen Roboter, der Posbis, waren unverkennbar. Wer je einen solchen Würfel gesehen hatte, vergaß ihn nie wieder.

Das rote Leuchten verstärkte sich blitzartig. Zwischen dem Schiff und dem Mond erschien ein spinnwebartiges Geflecht aus Lichtfäden, die einen unheimlichen Kokon formten. In seinem Innern tauchte etwas auf, das Gucky sehr lange nicht mehr gesehen hatte.

»Eine Redrift. Das ist Fremdmaterie aus dem Creaversum! Kreell!«

Der Kokon platzte, und die Lichtfäden griffen nach dem todgeweihten Schiff der Posbis. Die Roboter an Bord waren zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich bereits tot – zerstört von der höherdimensionalen Gewalt, die sie und ihr Raumschiff aus dem Hyperraum zwang.

Es war kein Navigationsfehler, erkannte Gucky. Es war der aktive Transfernexus. Das ist neu. Ich glaube, das wusste noch niemand, und ich bin der Erste, der das sieht. Er hat das transitierende Schiff erfasst und presst es in den Normalraum. Es ist noch nicht komplett rematerialisiert und trifft den Mond mit der gesamten Energie des Sprungs. Die Strukturfelder haben den Mond perforiert, bevor der Würfel im Einsteinraum angekommen war.

Der Nebel wallte intensiver, und dennoch sah Gucky alles. Langsam, als bremse jemand die Zeit selbst, schob sich der Würfel tief in die Masse des Monds, und die frei werdende Energie verband sich mit der exotischen Materie aus der fremden Dimension ... zu etwas nie zuvor Dagewesenem.

Energie und Materie sind letztlich dasselbe, wusste Gucky. Eric konnte stundenlang darüber philosophieren! Aber ich wette, nicht mal unser Hyperphysik-Ass hätte beschreiben können, was hier geschieht.

Eric Leyden war 2058 verschwunden. Viele Jahre später war er mit seinem ebenfalls verschollenen Team tief in der Southside der Milchstraße wieder aufgetaucht, im Omnitischen Compariat – eingeschlossen in einem mächtigen Kreellblock.

Dasselbe Zeug, das wohl für diese Katastrophe verantwortlich war. Ich lasse meine Möhren verrunzeln, wenn das Zufall ist!

Für einen kurzen Augenblick schien das Bild einzufrieren, ähnelte einer abstrakten Skulptur. Dann zuckte ein blauer Blitz auf und flutete die Szenerie mit grellem Licht. Eigenartigerweise betraf das lediglich einen eng begrenzten Bereich einer mehrere Kilometer durchmessenden Halbkugel, an deren virtueller Oberfläche es abtropfte. Im Zentrum glühte eine kleine, blendend helle Sonne, die langsam in die Mondoberfläche hineinsank.

Ich bin Zeuge von NATHANS Entstehung, begriff Gucky andächtig. Jetzt wird er geboren, in genau dieser Sekunde! Die Genesis einer anorganischen Intelligenz. Warum will jemand, dass ich das sehe?

Er zweifelte keine Sekunde lang daran, dass seine Anwesenheit Gegenstand eines Plans war.

Wo der Glutfleck in den Mond eindrang, schuf er eine Art gläsernen Tunnel in die Tiefe. In diesem bizarren Glas schwammen kleine Blasen, die zur Oberfläche perlten wie frei werdende Kohlensäure in einer frisch geöffneten Flasche Mineralwasser. Beim Platzen setzten sie bläuliches Licht frei. All das geschah in absoluter Lautlosigkeit. Dass Gucky trotzdem zugleich die eigene Stimme hören konnte, war an Absurdität kaum zu überbieten.

Am Grund des unheimlichen Tunnels sah Gucky etwas, mit dem er nicht gerechnet hatte: eine kreisförmige Fläche aus reiner Finsternis, umgeben von einem dünnen Rand, aus dieser Entfernung kaum mehr als ein Strich.

Ein Zeitbrunnen! Er war bereits vorher da! NATHAN hat ihn weder erzeugt noch hierhergeschafft. Er war der dritte Faktor dieses Schöpfungsakts.

In seinem Innern fühlte er ein zustimmendes Fluidum, eine Gewissheit, die nicht aus ihm selbst kam. Etwas gab ihm recht.

Verdammt noch mal, warum kann ich davon keine Aufzeichnung machen?, ärgerte sich Gucky. Perry müsste das sehen! Und Reg. Und all die anderen, die in NATHAN nur eine Bedrohung sehen. Wäre ich religiös, wäre das ein Wunder.

Der Würfel zerfloss wie Eis in praller Sonne. Die Konturen des riesigen Raumschiffs lösten sich in immer kleiner werdende Würfel auf und sanken ebenfalls in die Tiefe. Die Oberfläche schloss sich.

Asmodeus war gekommen. Der Dämon zeigte seine hässliche Fratze.

Dann erst geschah das, was für einen Impakt typisch war. Die aufprallende, fünfdimensional aufgeladene Masse kollidierte mit der Mondmaterie. Kinetische Energie wurde in unvorstellbare Hitze umgewandelt. Eine Lanze aus geschmolzenem Gestein bildete sich, reichte tief in den Untergrund, und die Reaktion schleuderte Masse zurück. Der Zentralberg des Kraters wuchs wie eine anorganische Pflanze in die Höhe.

Ausgeworfenes Mondgestein formte den Kraterwall. Glut kochte im Innern. Dass dies NATHANS Genese nicht sofort wieder zunichtemachte, überraschte Gucky. Natürlich wusste er, wie ein Impakt vor sich ging, aber es selbst zu sehen, von einem Logenplatz aus, war etwas anderes. In dieser Hölle musste, wenn es mit rechten Dingen zuging, alles zerstört werden.

Wie in Zeitraffer beobachtete der Ilt das Auskühlen des Gesteins, bis der Asmodeuskrater so aussah, wie er ihn in Erinnerung hatte.

Das Kreell, dachte er. Es leitet Energie ab. Ohne diese exotische Materie wäre die Genese nicht möglich gewesen.

Der Krater würde seinen zwielichtigen Ruf über Jahrzehnte behalten. Dort würden Dinge geschehen, die sich kein Mensch erklären konnte; Ursache für Legenden, Mythen, Märchen und Raumfahrergarn.

Später würde Sergeant DiMargolis an diesem Ort, in der damaligen Moon Area X, einen fremdartigen, kleinen, blau schimmernden Würfel finden und mitnehmen, bis er ihn im Spiel an Tim Schablonski verlieren würde. Noch später würde an gleicher Stelle die Lunar Research Area entstehen.

Gucky glaubte, eine Melodie zu hören.

Er erinnerte sich daran, dass man NATHANS Ableger aus genau diesem Grund MINSTRELS nannte: Sänger. Was er hörte, waren die ersten Strophen von NATHANS Lied.

Mit den Jahren würde es lauter werden, zu einem mächtigen Gesang.

Dann versank die Vergangenheit in Schwärze.

2.

X minus 220

 

»NATHAN! Melde dich!«, rief Leibnitz zum wiederholten Mal. Die Hyperinpotronik schwieg beharrlich. Das war kein gutes Zeichen.

Leibnitz fröstelte. Das war in kritischen Situationen häufig der Fall. Er vermutete, dass es eine rein psychosomatische Reaktion war. Die Art und Weise, wie Monade seine Persönlichkeit stabilisierte, war hochkomplex. Dass der Prozess Nebenwirkungen hatte, akzeptierte er seit Langem. Er reagierte auf seine eigene Weise und trug seinen alten, steifen Mantel so gut wie immer, im Versuch, die eigenen unterbewussten Reaktionen auszutricksen. Manchmal gelang es ... manchmal nicht.

Monade schwebte seitlich hinter ihm. Das schwarze Ei war eine Posbi, ein positronisch-biologischer Roboter. Warum sie sich als weiblich definierte, wusste niemand, und sie selbst hatte sich nie dazu geäußert.

Die derzeitige Atmosphäre in NATHANS unterlunaren Anlagen war sonderbar unheimlich. Seit ihn die Expedition der MAGELLAN aus Andromeda zurück in die Heimat gebracht hatte, fühlte sich Leibnitz auf dem Mond eigentlich sehr wohl. Zwar klafften unverändert Lücken in seinem Gedächtnis, aber er hatte gelernt, damit zu leben. Seine Vergangenheit war von Unglück und sogar Katastrophen geprägt. Für einen Raumfahrer war das nicht ungewöhnlich. Das Weltall war eine gefährliche Umgebung.

Daran hat sich kaum etwas geändert, dachte er.

Und nun kam er sich vor wie in einem hoch technisierten Spukhaus, in dem hinter jeder Ecke eine Bedrohung lauern konnte. Leibnitz hatte hierzu ein bedrückendes Bild vor Augen: ein Hurrikan, der sich einer ruhigen Küste näherte. Die Zerstörung war bereits zu ahnen, ebenso der Tod. Trotzdem ließ sich beides nicht aufhalten.

Jessica Tekener, eine der effektivsten Marionetten von Iratio Hondro, hatte ihrem Herrn den Weg in NATHANS Herz geebnet. Der ehemalige Obmann der Kolonie Plophos war mit dem Dunkelleben verbündet, einer überaus bedrohlichen Erscheinung, die ursprünglich aus dem vorherigen Universum stammte. Es war Leben an sich, in der wildesten Form: chaotisch, alles verschlingend und unvorhersehbar. Dasselbe galt für Hondro.

Die Hyperinpotronik hatte auf Hondros Attacke reagiert und Jessica Tekener entfernt. Der Zeitbrunnen in NATHANS Herz hatte die Frau eingesaugt wie ein Lebenserhaltungssystem eine Atmosphäre von Giftgas reinigte. Dass NATHAN die Zeitbrunnen zumindest in einigen Aspekten verstand und manipulieren konnte, war nicht neu. Aber eine derart spezifische Nutzung hatte Leibnitz trotzdem erstaunt.

Uns jedoch hat NATHAN nicht fortgeschickt, dachte er. Da er nie etwas ohne Grund tut, sieht er in uns wahrscheinlich eine seiner letzten Verteidigungslinien. Wir sind aktiv geblieben, während er sich abgeschottet hat. Er hätte allerdings deutlicher sagen können, was er von uns erwartet.

Denn mit Jessica Tekeners Verschwinden war der Angriff auf NATHAN längst nicht beendet. Die Hyperinpotronik hatte zwar eine Schlacht gewonnen, aber nicht den Krieg. Hondro wollte nach wie vor die absolute Kontrolle über NATHAN erlangen – um jeden Preis und gleichgültig, wer dabei zu Schaden kam. Bereits die Tatsache, dass die Hyperinpotronik sich radikal eingekapselt hatte, bewies Leibnitz, wie groß die Gefahr weiterhin sein musste.

Ein lautes Husten riss Leibnitz aus seinen Gedanken.

Oberst Nike Quinto hielt sich nur selten auf dem Mond auf. Der Leiter der Abteilung III war klein, korpulent und glatzköpfig, und er schwitzte beinahe unablässig. Kein Mensch hätte in ihm den Befehlshaber einer Geheimdienstabteilung vermutet. Zudem war er ein Choleriker; seine Schreiattacken waren unter seinen Leuten legendär. Leibnitz vermutete, dass einiges davon reines Theater war. Quinto war lange Jahre ein ausgezeichneter Agent im Feldeinsatz gewesen. Eine gute Maske war da eine Lebensversicherung. Das Schwitzen allerdings war echt.

Hyperhidrose, dachte Leibnitz. Wir haben alle unsere Defizite. Ich habe eine Persönlichkeit, die Stützräder benötigt ... Fragt sich, wer besser dran ist.

Quinto wischte sich den kahlen Schädel mit einem nassen Tuch. Leibnitz fragte sich, ob der Geheimdienstmann genügend Ersatz bei sich hatte. Andererseits war die Geschwindigkeit, mit der das Schweißtuch trocknete, erstaunlich, und bisher hatte Leibnitz nicht die kleinste Spur eines Geruchs wahrgenommen. Wahrscheinlich hatte Quinto das Gewebe speziell für seine Bedürfnisse entwickeln lassen.

Die Geräuschkulisse ringsum war bedrückend. Unter normalen Umständen war es nirgendwo in NATHANS Reich völlig still, sah man von Bereichen ab, die im Vakuum lagen. All diese Geräusche waren verschwunden. In der Luft lag lediglich ein kaum hörbares Wispern, ein unverständliches Flüstern. Dazu kam ein leises Pfeifen, wie von weit entferntem Wind, der über Felsen blies.

Und es war kalt.

Sehr viel kälter als bislang üblich. NATHAN regelte die Temperatur in seinem Reich schon immer individuell und ortsspezifisch so, wie es für die Bedienmannschaften oder wegen technischer Erfordernisse nötig war. Er hatte nie sein gesamtes Areal geheizt, das wäre reine Energieverschwendung gewesen. Ein heimeliges Plätzchen war seine Heimstatt somit auch bislang nicht gewesen, sah man von den ausgewiesenen Besucherzonen ab. Nun aber schien die Kälte immer beißender zu werden. NATHAN hatte seine Selbstverkapselung »Freeze« genannt. Die Kälte passte dazu.

Leibnitz selbst hatte damit kein Problem. Er hatte einfach seinen abgewetzten Mantel geschlossen, der hielt ihn warm. Das psychosomatische Frösteln ignorierte er. Dass Nike Quinto trotz der niedrigen Lufttemperatur derart schwitzte, musste einer ähnlichen psychischen Anspannung geschuldet sein.

Der eine fröstelt, der andere schwitzt, dachte Leibnitz ironisch.

Die Erleichterung über Jessicas Verschwinden hatte nur kurz gewährt. Denn unmittelbar danach war vom Mond eine stehende, offenbar polydimensionale Welle ausgegangen, die Luna in ein Quarantänegebiet verwandelt hatte. Raumschiffe hatten den Mond noch verlassen können, aber Hilfe von außen war seither unmöglich. Die Hyperinpotronik hatte daraufhin die bereits eingeleitete Evakuierung beschleunigt und das gesamte zu NATHAN gehörende Mondgebiet einschließlich der Lunar Research Area endgültig räumen lassen. NATHAN hatte alles eingesetzt, was an Schiffen noch zur Verfügung stand, sogar Raumfahrzeuge, die zur Verschrottung vorgesehen gewesen waren. Nun waren der Asmodeuskrater und sein Umfeld nicht nur isoliert, sondern auch praktisch menschenleer, soweit Leibnitz wusste.

Schließlich war Hondro gekommen. Sie hatten den Dolphin landen sehen, den der Plophoser an sich gebracht hatte. Für Quinto war die Entführung eines Raumboots, das der Abteilung III gehörte, so etwas wie ein Sakrileg. Mit hochrotem Kopf hatte er geflucht, dass jeder betrunkene Mehandor blass geworden wäre.

Zu diesem Zeitpunkt waren nur noch wenige Verteidiger bei NATHAN verblieben – nicht genug, um sich Hondro direkt entgegenzustellen. Leibnitz, Monade und Quinto konnten allerdings versuchen, die Pläne des Plophosers zu sabotieren. Leibnitz ging davon aus, dass neben NATHANS Herz der Kreellblock, in dem das Leyden-Team eingeschlossen war, die zweite Achillesferse der Hyperinpotronik war. Deshalb waren sie nun zu dritt unterwegs, um die potenteste Fremdenergiequelle auf Luna vor Hondro in Sicherheit zu bringen. Dabei war Leibnitz schmerzlich bewusst, dass auch diese Aufgabe ihre Kräfte wahrscheinlich überfordern würde.

Bevor Jessica Tekener verschwunden war, hatte sie ihrem Herrn und Meister erfolgreich den Weg geebnet. Kurz darauf war der Beobachtungskanal in NATHANS Kernzone zusammengebrochen. Ob Hondro dafür verantwortlich war, wussten sie nicht. Seine Präsenz war zwar mittlerweile massiv spürbar, aber vielleicht bildete sich Leibnitz das auch nur ein. Durchaus möglich war allerdings, dass Monade ihn an Messergebnissen teilhaben ließ, die ihr zugänglich waren. Er wusste ohnehin häufig nicht genau, wo er endete und wo die Posbi begann. Es war eine absurde Situation. Er hatte Jahre gebraucht, sich damit zu arrangieren. Einfach war es nach wie vor nicht.

Nicht nur die Temperatur, die Beleuchtung war ebenso heruntergeregelt. Alles war in ein trübes, mit einem leichten Blaustich gefärbtes Dämmerlicht getaucht. Die unterlunare Welt wirkte dadurch abweisend und kränklich. Dazu trug auch die glasartig-transparente Schutzschicht bei, die NATHAN vor Kurzem überall auf wichtige Bereiche hatte auftragen lassen. Der Anblick erinnerte Leibnitz an einen Besuch der Karpaten vor einigen Jahren, wo er gesehen hatte, wie nach einem jähen Wintereinbruch Äste, Blätter, Nadeln und ganze Büsche von einer Eisschicht überzogen wurden.

Es ist, als herrsche hier ebenfalls tiefster Winter, dachte Leibnitz. Dass er selbst sich in NATHAN in der Vergangenheit immer wohlgefühlt hatte, konnte er aktuell kaum glauben.

»Geht es Ihnen auch so?«, erkundigte er sich bei Quinto. »Es schlägt auf die Stimmung. Ich fühle mich beinahe, als läge eine bleierne Decke auf mir.«

»Sollte Monade solche Depressionen nicht verhindern?«, fragte Quinto zurück. »Aber Sie haben recht. Ich fühle mich ebenfalls niedergeschlagen. Und zwar, seit Hondro gelandet ist.«

Leibnitz überlegte kurz. »Das könnte mit dem Angriff auf NATHAN zusammenhängen. Eine mentale Komponente dieser eigenartigen Welle vielleicht? Vielleicht hat sich die Hyperinpotronik genau deswegen derart eingeigelt?«

»Sie meinen, diese Welle ist eine Art psychologische Waffe, die NATHANS Aktivitäten bremsen soll?« Dieser Gedanke machte Quinto sichtlich zu schaffen. »Deshalb hat NATHAN auf Ihre Kontaktversuche nicht reagiert? Weil er das nicht mehr kann?«

»Und unsere depressive Stimmung könnte ebenfalls eine Folge davon sein«, sinnierte Leibnitz. »Das wäre wirklich extrem heimtückisch.«

»Das macht unsere Aufgabe umso dringender. Wir sollten uns beeilen«, sagte Quinto. »Hondro muss sich erst mal orientieren. Was Jessica Tekener zugestoßen ist, kann er nicht wissen, er ist schließlich kein Telepath. Diese Chance müssen wir nutzen. Denn sobald er uns erst mal auf dem Schirm hat, sind wir aus dem Spiel.«

Sie erreichten soeben den zentralen Depotbereich, den sie zum Ziel gehabt hatten. Ganz in der Nähe hatte NATHAN den Kreellblock eingelagert. Hondro hatte bereits in der Vergangenheit große Anstrengungen unternommen, um in den Besitz dieser Fremdmaterie zu kommen, und er hatte es geschafft. Das war vor einem halben Jahr gewesen, und Leibnitz hatte den frechen Diebstahl selbst miterlebt. Unter ihrer aller Augen war der Block verschwunden und nach Siga geschafft worden. Der Vorfall war für die Sicherheitskräfte des Monds hochnotpeinlich gewesen. Leibnitz erging es nicht anders. Es war ein nachdrücklicher Beweis für Hondros Fähigkeiten. NATHAN hatte daraus Konsequenzen gezogen.

Dass es gelungen war, den Block zurückzuholen, war ein Glücksfall. Aber Leibnitz ahnte, dass Hondro das Kreell im Grunde genommen weiterhin als seinen persönlichen Besitz erachtete. Die kriminelle Vergangenheit des ehemaligen Obmanns von Plophos hatte sich in seinen frühen Tagen im Wesentlichen im Drogenmilieu abgespielt. Hondro nahm sich seit jeher, was er wollte, und diesen Besitz verteidigte er mit Klauen und Zähnen.

»Es ist unsere einzige Möglichkeit, ihm einen Stein in den Weg zu legen«, pflichtete Leibnitz ihm bei. »Also nehmen wir ihm wenigstens dieses Spielzeug weg. Er darf den Kreellblock nicht in die Finger bekommen.«

»Er muss im übernächsten Verwahrraum sein«, sagte Quinto. »Das wäre Depot 917. Haben wir die Möglichkeit, ihn fortzuschaffen oder wenigstens zu verlagern? Nach allem, was wir von den Geschehnissen auf Siga wissen, braucht Hondro den Block bei seinem Vorhaben, oder das Kreell macht es für ihn zumindest einfacher. Auf Siga konnten wir ihn stoppen.«

»Unterschätzen wir ihn nicht«, warnte Leibnitz. »Schon beim vorigen Mal hat er es mit seinen Links und anderen Beeinflussten geschafft, NATHAN zu übertölpeln ... mich eingeschlossen. Das ist keine Kleinigkeit, und nach Abschluss der Operation Eurydike sind weite Teile der Anlagen ringsum nicht nur verlassen, viele davon sind sogar passiv geschaltet. Das könnte ihm den Zugriff erleichtern. Wir haben bestenfalls Vermutungen, was er plant, aber er braucht die Energie.«

Sie folgten einem breiten Gang, der die Depotbereiche miteinander verband.

Quinto war sichtlich wütend über den Mangel an verfügbaren Informationen und Mitteln. Leibnitz ahnte, dass der Leiter der Abteilung III sich danach sehnte, seine gesamte Infrastruktur in den Kampf werfen zu können. Dass die Isolation des Monds dies verhinderte, machte ihn dünnhäutig.

»Es wäre Ihnen wahrscheinlich sogar gleichgültig, wenn Ihre Organisation ans Licht der Öffentlichkeit gezogen würde?«, mutmaßte Leibnitz.

Quinto strich sich einen Schweißtropfen aus den Brauen. »Zum Teufel, ja! Natürlich! Die Abteilung Drei ist zum Schutz der Menschheit aufgebaut worden ––