Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. DIE TODESMELODIE
  4. 1. Kapitel
  5. 2. Kapitel
  6. 3. Kapitel
  7. 4. Kapitel
  8. 5. Kapitel
  9. mystery-press
  10. Vorschau

BASTEI LÜBBE AG

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DIE TODESMELODIE

von Neal Davenport

Ich stöhnte laut auf. Der Schmerz war ohne Vorwarnung gekommen. Er raste durch meinen Körper und brachte meine Gliedmaßen zum Zucken. Ich lehnte mich an eine Hauswand und schloss die Augen. Der Schweiß brach mir aus, und ich wischte ihn mit dem Handrücken von der Stirn. Eines meiner Familienmitglieder war in Gefahr und musste entsetzliche Qualen erdulden. Es war Demian, einer meiner Brüder. Nach der Intensität der Schmerzen zu schließen, konnte er nicht weit sein.

Es dauerte einige Sekunden, bis ich wieder klar denken konnte. Ich setzte meine magischen Kräfte ein, und die Schmerzen ließen nach. Sie waren jetzt nur noch ganz schwach zu spüren. Ich stieß mich von der Hauswand ab und hob den Kopf. Vielleicht gelang es mir, die Richtung herauszufinden, in der ich meinen Bruder zu suchen hatte.

Vor einer Stunde hatte ich unser Haus in der Ratmannsdorfgasse verlassen, um spazierenzugehen. Ich war durch den Hörndlwald marschiert und befand mich jetzt in der Jenbachgasse.

1. Kapitel

Sobald ich die Ausstrahlung meines Bruders lokalisiert hatte, rannte ich los. Mit jedem Meter, den ich zurücklegte, wurden die Schmerzen stärker, überfluteten mein Gehirn. Mein Bruder musste sich in tödlicher Gefahr befinden.

In der Schlägergasse blieb ich vor einem niedrigen, uralten Haus stehen. Die schmalen Fenster waren blind vor Schmutz; überall bröckelte der Verputz ab, und das Dach war an mehreren Stellen eingebrochen. In diesem Haus befand sich mein Bruder. Nur zu deutlich spürte ich seine Schmerzen und sein Entsetzen.

Ich zögerte, das Gebäude zu betreten, da ich sicher war, dass auch andere Familienmitglieder die Qualen meines Bruders gespürt hatten und bereits auf dem Weg waren, um ihm zu Hilfe zu kommen. Was, wenn ich nur aufgrund meiner Ungeduld in eine vorbereitete Falle lief? Doch Demians Qualen wurden immer größer. Ich musste ihm helfen.

Ich drückte die Klinke der verrosteten Eisentür nieder, ging die Einfahrt entlang und erreichte einen kleinen Hinterhof. Überall lag Unrat herum. Zwischen einigen halb zersplitterten Holzfässern huschten zwei graue Katzen hin und her, die sich von mir nicht stören ließen. Vorsichtig ging ich weiter. Auf der rechten Seite stand eine Tür halb offen. Sie pendelte knarrend in den Angeln und war mit Blut besudelt.

Plötzlich blieb ich stehen. Eine seltsame Melodie war zu hören. Es war Demian, der sang.

Blitzschnell trat ich in das Haus und durchquerte einen kleinen Vorraum, in dem Weinkisten bis zur Decke aufgestapelt waren. Eine breite Holztreppe führte in den Keller, die unter jedem meiner Schritte knarrte. Je tiefer ich hinunterstieg, umso dunkler wurde es um mich. Ich konnte nicht verstehen, was mein Bruder sang, doch die Melodie faszinierte mich. Demian hob und senkte die Stimme in einem seltsamen Rhythmus, der mir durch Mark und Bein ging.

Endlich erreichte ich den Keller, in dem ein unwirkliches Halbdunkel herrschte. Ich sah mich rasch um. Links und rechts standen große, bauchige Weinfässer, von denen die meisten morsch und leck waren. In einem Regal lagen ein paar leere Flaschen. Ich ging an einer Verkorkmaschine vorbei und blieb stehen. Der Gesang meines Bruders war in ein quälendes Geschrei übergegangen.

»Wo bist du, Demian?«, fragte ich aufgeregt.

Er gab mir keine Antwort, sondern schrie einfach weiter. Nach einigen Schritten hatte ich ihn entdeckt und blieb entsetzt stehen. Er war bis zum Hals in ein riesiges Fass gesperrt worden. Nur sein Kopf ragte aus dem Spund hervor. Sein Gesicht war bleich, das bronzefarbene Haar zerzaust. Sein Mund stand weit offen, ohne dass er sichtbar die Lippen bewegte.

»Demian!«, rief ich mit versagender Stimme und ging näher heran. Entsetzt hob ich die Arme, als ich sah, dass kreuz und quer durch das Fass lange Eisenstäbe gesteckt waren. Ich hatte einmal im Fernsehen einen Zauberer gesehen, der seine Partnerin in eine Kiste gesetzt und dann von allen Seiten Säbel durch die Außenwände getrieben hatte. Aber hier hatte ich es nicht mit einem billigen Trick zu tun. Die dünnen Eisenstäbe hatten sich durch den Körper meines Bruders gebohrt; von den Spitzen tropfte das Blut.

Der Gesang des Gemarterten wurde immer schriller. Ich presste mir die Hände über die Ohren, doch die Melodie war weiter zu hören; sie fraß sich in mein Hirn und ließ sich nicht vertreiben. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen und glaubte, inmitten eines gewaltigen Chors zu stehen. Die Melodie war so schrill und grausig geworden, dass ich den Eindruck gewann, mein Kopf würde sich auflösen. Meine Hände zitterten, und ich krümmte mich vor Schmerzen und wimmerte.

Bevor ich einen Versuch machen konnte, Demian zu helfen, war ein lautes Knarren zu hören. Das riesige Fass wurde auseinandergerissen; die Reifen zerplatzten. Ich schloss von Grauen geschüttelt die Augen. Mehr als ein Dutzend der dünnen Eisenstäbe steckten im Körper meines Bruders. Er stand ruhig wie eine Statue da und schien längst taub gegen den furchtbaren Schmerz geworden zu sein. Aus seinem Mund drang noch immer die Melodie, der ich mich nicht entziehen konnte.

In diesem Augenblick polterten schwere Schritte die Treppe herunter. Ich hörte sie kaum, während ich mich in Krämpfen am Boden wand. Ein Junge in meinem Alter ging an mir vorbei und blieb vor Demian stehen. Er streckte beide Hände aus und zog die Eisenstange, die in Demians Herz steckte, heraus. Der unheimliche Gesang meines Bruders wurde schwächer. Nacheinander riss der blonde Junge mehrere Stangen aus seinem Körper und warf sie auf den Boden.

Ich hob den Kopf und setzte mich mit zitternden Händen auf. Der Junge wandte mir für einen Augenblick das Profil zu. Sein Gesicht mit der kleinen Nase und den sanft geschwungenen Lippen war fast mädchenhaft. Dieser Eindruck wurde durch das schulterlange aschblonde Haar unterstrichen.

Als er die letzte Stange herausgezogen hatte, richtete sich Demian für einen Augenblick auf. Sein Gesicht entspannte sich, und ein Lächeln lag um seine Lippen. Dann brach er tot zusammen.

Aber die Melodie war immer noch nicht vollends verklungen, sondern geisterte weiter durch meinen Kopf. Der fremde Junge rief mir etwas zu, doch die Worte schienen wie durch eine Wand zu kommen. Ich verstand den Sinn nicht und wollte ihn auch gar nicht verstehen.

Er sprach eindringlich auf mich ein. Seine Augen schienen immer größer zu werden; sie flackerten unruhig. Ich wankte wie betrunken hin und her, schloss die Augen und atmete rascher. Der Junge sprach noch immer auf mich ein, und ich nickte verständnislos.

Nach einigen Sekunden hatte ich mich halbwegs erholt. Ich sah mich um. Der blonde Junge war verschwunden. Ich hatte mir seine Anwesenheit wahrscheinlich nur eingebildet. Meine Erinnerung an die letzten Minuten war verschwommen.

Da fiel mein Blick auf Demians Leiche, und ich wusste, dass ich nicht geträumt hatte. Es konnten nur wenige Minuten vergangen sein, seit er gestorben war. Wo blieben die anderen? Ich drehte mich um, da ich den Anblick meines toten Bruders nicht ertragen konnte.

Mein Vater und meine Mutter befanden sich nicht in Wien; sie waren nach München gefahren und würden erst abends zurückkommen. Adalmar hatte sich schon vor einigen Wochen wieder nach Italien zurückgezogen. Aber meine anderen Geschwister mussten Demians Schmerzen ebenso gespürt haben wie ich.

Ich hielt es im Keller nicht mehr aus. Gerade machte ich Anstalten, die Treppe hinaufzugehen, als ich oben hastige Schritte vernahm. Volkart raste die Stufen herunter.

»Wo ist er?«, fragte er keuchend.

Ich streckte den rechten Arm aus, und Volkart ging langsam an mir vorbei. Er kniete neben seinem Zwillingsbruder nieder. Ich wandte mich ab und presste die heiße Stirn gegen ein Fass.

»Demian.« Volkarts Stimme war kaum zu hören.

Ich konnte seinen Schmerz verstehen. Die beiden waren seit ihrer Geburt fast ständig zusammen gewesen. Sie hatten sich höchstens mal für ein paar Stunden getrennt. Alle ihre Schandtaten hatten sie gemeinsam begangen.

»Wer hat es getan?«, fragte Volkart mit erstickter Stimme.

»Ich weiß es nicht.«

Wieder näherten sich Schritte. Georg, Lydia und Vera trafen gemeinsam ein.

»Wer hat ihn gefunden?«, fragte Georg.

Ich meldete mich, vermied es aber, den Toten noch einmal anzusehen. »Er steckte in einem Fass, durch das Eisenstäbe gestoßen waren. Das Fass zerplatzte, und ich zog die Eisenstäbe aus seinem Körper. Dann starb er.«

Georg sah mich schweigend an. Schließlich wandte er sich ab und versuchte in voller Konzentration, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen, um zu erfahren, wer Demians Mörder war. Ohne Erfolg. Eine starke magische Kraft verhinderte, dass er seine Fähigkeiten einsetzen konnte.

»Ich sehe nichts«, sagte er grimmig. »Aber eines steht fest, Demians Mörder muss ein Mitglied der Schwarzen Familie sein. Irgendjemand erklärt uns den Krieg.«

»Wir werden seinen Tod rächen«, sagte Lydia mit fester Stimme.

Volkart kniete immer noch neben der Leiche. Er hatte das Gesicht des Toten auf seine Knie gebettet. Vera legte ihre rechte Hand auf seine Schulter.

»Steh auf«, flüsterte sie mitfühlend. Doch Volkart schüttelte nur den Kopf. Sie trat einen Schritt zurück und presste die Lippen zusammen.

»Ich möchte nur wissen, wer hinter dem Mord steckt«, meinte Georg. »Jedenfalls hat sich unser Gegner einen verdammt guten Zeitpunkt ausgesucht. Vater ist nicht da. Ich bin sicher, dass der Anschlag schon lange vorbereitet worden war. Wir müssen äußerst vorsichtig sein.«

»Es wird nicht einfach sein herauszubekommen, wer hinter uns her ist. Schließlich haben wir in letzter Zeit eine Menge Feinde«, sagte Lydia und blickte mich vorwurfsvoll an.

Ich senkte den Blick. Dabei wusste ich ganz genau, dass mein falsches Spiel beim Hexensabbat nicht der alleinige Grund für unsere Isolation innerhalb der Schwarzen Familie war. Einigen anderen Sippen waren wir schon lange ein Dorn im Auge. Dazu kam, dass die Dämonen sich untereinander ohnehin selten einig waren. Nach außen hin hielt die Familie zusammen, doch in den eigenen Reihen ging es oftmals sehr grausam zu. Gelegentlich waren Fehden zwischen einzelnen Sippen in regelrechte Schlachten ausgeartet, sodass der Fürst der Finsternis hatte eingreifen müssen, um wieder Ordnung zu schaffen.

Ich fragte mich, weshalb ich meinen Bruder angelogen hatte. Nicht ich hatte die Eisenstäbe aus Demians Körper gezogen, sondern der unbekannte blonde Junge. Ich hatte auch nichts von der unheimlichen Melodie erwähnt, die Demian gesungen hatte und die noch immer in meinem Hirn herumspukte. Weshalb sagte ich nicht einfach die Wahrheit? War ich verhext worden? Ich wollte Georg etwas zurufen, doch als ich zum Sprechen ansetzte, kam kein Laut über meine Lippen. Irgendetwas versiegelte meinen Mund.

»Wir müssen Demian fortschaffen«, sagte Georg. »Dann werde ich sofort zu Skarabäus Toth gehen. Vielleicht weiß der Schiedsrichter, wer uns den Krieg erklärt hat. Und ihr bleibt alle zu Hause, bis Vater zurück ist. Nehmt Verbindung zu Adalmar auf! Wir brauchen seine Hilfe.«

Volkart stand auf. Es würde lange Zeit dauern, bis er den Tod seines Bruders verwunden hatte.

Ich hielt mich eher abseits. Ehrlich gesagt, empfand ich für keines meiner Geschwister besonders viel. Aber das konnte mir nach den vergangenen Ereignissen ja auch niemand verdenken. Trotzdem zählten sie immer noch zu meiner Familie, die ich nicht so einfach abschütteln konnte.

Georg riss mich aus meinen Gedanken. »Du begleitest mich. Ich will das Haus durchsuchen. Vielleicht finden wir irgendwelche Spuren. Ihr bleibt einstweilen hier.«

Wir stiegen zusammen die Stufen hoch. Noch immer war die Ausstrahlung von Dämonen zu spüren – schwach und unbestimmt. Das Haus war leer. In den meisten Räumen lag eine dicke Staubschicht. Doch so sehr wir auch suchten, wir fanden keine Hinweise.

»Hier kommen wir nicht weiter«, sagte Georg resigniert. »Vater könnte vielleicht etwas feststellen, doch ich bin dazu nicht in der Lage. Aber eines steht fest: Demians Tod wird gerächt. Und wenn wir alle dabei sterben sollten.«

Ich kannte die Gesetze der Schwarzen Familie. In manchen Punkten unterschieden sie sich kaum von denen der normalen Menschen. Auge um Auge, Zahn um Zahn, das war der Leitspruch. Unverrichteter Dinge kehrten wir in den Keller zurück.

»Habt ihr etwas entdeckt?«, fragte Lydia.

Georg schüttelte den Kopf. »Nichts.« Er blickte seinen toten Bruder an, dann bewegte er leicht die Hände, und der Tote richtete sich auf. »Hilf mir, Coco«, bat Georg und griff nach meiner rechten Hand.

Ich mobilisierte all meine magischen Kräfte. Mit zusammengekniffenen Augen stand ich da und spürte, wie Georgs Kräfte auf mich überglitten. Dann fixierte ich den Toten. Die Luft flimmerte, wurde milchig. Demian löste sich auf und wurde auf diese Weise in unser Haus geschafft.

»Gehen wir«, sagte Georg schließlich.

Lydia war mit ihrem Wagen gekommen, während die anderen zu Fuß hergeeilt waren. Wir stiegen ins Auto, und meine Schwester chauffierte uns nach Hause. In wenigen Minuten hatten wir die Ratmannsdorfgasse erreicht. Georg stieg aus, und ich folgte ihm. Wir beide suchten nach Fallen, die in der Zwischenzeit angebracht worden sein konnten, fanden aber wieder nichts. In der Diele des Hauses blieben wir stehen und befragten den Hüter des Hauses, ob jemand eingedrungen sei.

Die schwarze Gestalt schüttelte leicht den Kopf. »Es war niemand da«, erklärte sie mit heiserer Stimme. Dann trat sie plötzlich auf mich zu und musterte mich kurz. Hinter den Augenschlitzen der Maske glomm ein fahles Licht auf. Doch ehe meine Geschwister etwas davon bemerkt hatten, war es auch schon wieder erloschen. Der Hüter trat an seinen Platz zurück und bewegte sich nicht mehr.

»Was nun?«, fragte Vera.

»Lydia wird versuchen, Adalmar zu erreichen«, sagte Georg. »Ich fahre zu Skarabäus Toth. Coco wird mich begleiten.« Die nächsten Sätze sagte er leise, sodass Volkart sie nicht hören konnte: »Kümmert euch um euren Bruder. Er ist am schlimmsten von Demians Tod betroffen.«

Vera und Lydia nickten.

»Komm, Coco!«, drängte Georg. »Wir gehen.«

Da schaltete sich plötzlich der Hüter des Hauses ein. »Sie soll hierbleiben.« Doch als Georg ihn verwundert nach dem Grund seines Einwands fragte, wich er kühl aus. »Sie soll bleiben«, wiederholte er. »Es ist besser so.«

Doch Georg höüäääüäääüüö