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Henning Theißen

Erträge der Theologie
für Menschen heute

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Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-641-27345-3
V001

www.gtvh.de

Gewidmet
dem Andenken an
Johann Leonhard Keller
(1963–2020)

INHALT

VORWORT

KAP. 1 – THEOLOGIE

1.1 Der ontologische Gottesbeweis in Zeiten religiöser Indifferenz

1.2 Der kosmologische Gottesbeweis in Zeiten der ökologischen Krise

KAP. 2 – GLAUBE

2.1 Klarheit verbreiten! Glaube und Offenbarung heute

2.2 Menschlich von Gott reden! Glaube und Trinität heute

KAP. 3 – HOFFNUNG

3.1 Ostern: der Grund der Hoffnung

3.2 Der Sohn Gottes und die Kinder Gottes: der Inhalt der Hoffnung

3.3 Das Symbol des Gekreuzigten: die Form der Hoffnung

KAP. 4 – LIEBE

4.1 Geist und Gemeinschaft: die Symmetrie der Liebe

4.2 Mitleid und Vergebung: die Asymmetrie der Liebe

ANMERKUNGEN

REGISTER

Personenregister

Sachregister

VORWORT

Das vorliegende Buch geht auf eine theologische Vorlesung über die Grundlagen der Dogmatik zurück, die ich im Wintersemester 2019/20 am Institut für Ethik und Theologie der Leuphana Universität Lüneburg gehalten habe. Folgte die Darbietung der dogmatischen Inhalte in Anlehnung an die traditionelle Einteilung der christlichen Tugenden von Glaube, Hoffnung und Liebe im Anschluss an die Bibelstelle 1. Korintherbrief 13,13 zunächst den Erfordernissen des Semesterbetriebs, so entwickelte sich daraus im Verlauf der Vorbereitung ein eigener Zugang zum Stoff, der schließlich in den Vordergrund des Ganzen trat. Erträge der Theologie für Menschen heute zu benennen ist eine christliche Aufgabe der Gegenwart, die aber nur im Rückgriff auf die Quellen des Glaubens und im Gespräch mit der Tradition der Kirchen ausgefüllt werden kann. Gleichzeitig verlangt sie jederzeit die Bereitschaft, christliche Glaubensüberzeugungen in einer Weise darzustellen, die nicht nur denen zugänglich ist, die diesen Glauben teilen. Diese notwendige Explikationsbereitschaft verbindet die Dogmatik mit ihren theologischen Erkenntnisgrundlagen in der Fundamentaltheologie, der ich vor einigen Jahren ein Buch gewidmet habe, auf das ich in den Anmerkungen des vorliegenden Werkes wiederholt zurückgreife (Einführung in die Dogmatik. Eine kleine Fundamentaltheologie, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2015).

Ich widme dieses Buch dem Andenken an Johann Leonhard Keller. Meine ersten Gehversuche auf den mit der eben genannten Aufgabe bezeichneten Wegen – zunächst als Helfer im Kindergottesdienst im niederrheinischen Rheydt und dann als Studienanfänger der Evangelischen Theologie in Tübingen – hat er freundschaftlich begleitet und mit angestoßen. Ich verdanke ihm neben vielem anderen die Begegnung mit der Formensprache des oberschwäbischen Barock in der Klosterkirche Zwiefalten, die für meine an der Rheydter reformierten Sachlichkeit geschulte Kirchenästhetik eine fremde Welt war. Die Darstellung der christlichen Tugenden auf der dortigen Kanzel hatte ich freilich schon vergessen, als mir bei der Suche nach Sinnbildern jener theologischen Erträge die Symbole Kreuz und Anker wieder ins Gedächtnis kamen, dazu der Pelikan. Natürlich weisen alle drei als Maß des Glaubens, als Fixstern der Hoffnung und als Beispiel schenkender Liebe auf Jesus Christus hin. Reformierter Glaube an Gottes Offenbarungswort könnte sich damit zufriedengeben. Mir liegt aber mit diesem Buch daran, Entfaltungen dessen für heutiges Leben und Denken zu suchen. Ob das gelungen ist, muss meine Leserschaft beurteilen.

Da ich meiner Darstellung bewusst eine schlanke und auf das Notwendige beschränkte Gestalt geben wollte, finden sich kaum Diskussionen mit der theologischen Forschungsliteratur. Zumindest an dieser Stelle will ich aber das gediegene Werk erwähnen, das Christophe Chalamet, Professor für Systematische Theologie der Uni Genf, vor einigen Jahren über Glaube, Hoffnung und Liebe unter dem ebenfalls an 1. Korintherbrief 13 angelehnten Titel »Une voie infiniment supérieure« (Genf: Labor et Fides, 2016) vorgelegt hat. Während er in den christlichen Tugenden Gottes Eigenschaften der Treue, der Gerechtigkeit und der Liebe gespiegelt sieht, habe ich meinem Buch einen trinitarischen Aufriss zugrunde gelegt, in dem Glaube, Hoffnung und Liebe mit Gott dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist korrespondieren. So scheinen sich unsere Zugangsweisen gegenseitig zu ergänzen. Gewiss lassen sich viele der heute wichtigen theologischen Einzelfragen nach dem im Leid an- oder abwesenden Gott, nach dem Weg der Hoffnung bei den Menschen oder nach der Möglichkeit, ohne Eigeninteresse zu lieben, aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.

Mein Dank gilt den Hörerinnen und Hörern der zugrunde liegenden Vorlesung für Rückfragen und Diskussion. Ich danke Christian-Hubertus Peters für wichtige redaktionelle Hilfen und ganz besonders Tanja Trebchen für ihre Durchsicht des Manuskripts und manchen Verbesserungsvorschlag. Dem Gütersloher Verlagshaus bin ich sehr dankbar für die Aufnahme ins Verlagsprogramm.

Lüneburg, den 15. August 2020

KAP. 1 – THEOLOGIE

Theologie ist menschliches Nachdenken über Gott. Damit nimmt sie sich nach gängiger Einschätzung das Größte vor, das Menschen überhaupt zu denken versuchen können. Freilich leistet diese knappe Definition nicht mehr, als dass sie den Gegenstand der Theologie mit Namen nennt; irgendwelche inhaltlichen Auskünfte über Gott sind damit noch nicht verbunden. Doch die namentliche Nennung scheint für denjenigen Gegenstand, dem die Theologie nachdenkt, eine sehr angemessene Redeweise zu sein. Denn wer etwas oder jemanden mit Namen nennt, befindet sich dadurch in einer Anredesituation, die klar zwischen dem Redenden und dem Angeredeten zu unterscheiden erlaubt und verlangt. Denn das ist die Kehrseite des Satzes, dass Theologie menschliches Nachdenken über Gott ist: Es sind Menschen, die sich in der Theologie ihre Gedanken machen. Was immer Theologie über Gott zu sagen hat, ist nicht Gottes eigene Rede, sondern menschliches, also von Erfahrungen geprägtes und gefärbtes, höchst subjektives Nachdenken bei aller Objektivität, um die die Theologie sich wie jede Wissenschaft zu bemühen hat. Zwischen dem Gegenstand der Theologie und den Subjekten, die Theologie treiben, muss also grundsätzlich unterschieden werden.1 In der Theologie »haben« die Menschen Gott nicht. Das ist das Allererste, was zur Einleitung in die Theologie gesagt werden muss.

Das Gesagte soll im weiteren Verlauf dieses Einleitungsparagraphen an dem schlechthin klassischen Themenbereich der Theologie verdeutlicht werden. Das Paradebeispiel menschlichen Nachdenkens über Gott sind die sog. Gottesbeweise, mit denen Menschen sich denkerisch über Gottes Dasein Gewissheit zu verschaffen versuchen. Wie sehr das gelungen oder nicht gelungen ist, lässt sich am besten beurteilen, wenn man sich die beiden Hauptformen dieser Beweise vor Augen führt, die gewöhnlich als ontologischer und als kosmologischer Gottesbeweis bezeichnet werden. Ich werde beide aber nicht einfach als denkerische Erkenntnisse präsentieren, sondern als exemplarische Gestalten dessen, was Theologie generell tut: Sie denkt mit menschlichen Mitteln über Gott nach und enthüllt damit wesentlich, was Gott Menschen bedeutet. Der Fokus meiner Ausführungen zu den Gottesbeweisen liegt also auf dem Beweisziel, das diese für den menschlichen Glauben an Gott oder die an Gott glaubenden Menschen erfüllen.

Mit dieser Zielsetzung wird die notorische Streitfrage überflüssig, ob die Theologie angesichts der Größe ihres Gegenstands, die jedes menschliche Vorstellungsvermögen sprengt, nicht eigentlich von Gott selbst ausgehen müsste, um wahr sein zu können – oder ob die Wahrheit der Theologie vielmehr darin besteht, eine Deutungsleistung menschlicher Vernunftsubjekte zu sein. Die Grundfrage all meiner Darlegungen nicht nur in diesem, sondern auch den folgenden Kapiteln wird vielmehr lauten: Was bringt die Theologie heutigen Menschen?

Mit der Frage nach dem heutigen Ertrag der Theologie ist nicht ihre Funktionalisierung für menschliche Bedürfnisse gemeint. Insbesondere ist die Theologie nicht – um nur ihre wohl verbreitetste Funktionalisierung zu nennen – ein Mechanismus zur Sinnstiftung, der es Menschen erlaubt, Antwort auf die großen Fragen des Lebens nach Anfang und Ziel, Werden und Vergehen, Diesseits und Jenseits zu geben. Zu fragen, was Theologie den Menschen bringt, impliziert vielmehr, dass Menschen derartige Antworten nicht geben, sondern empfangen. Es schließt auf der anderen Seite auch ein, dass Theologie nicht allein zur größeren Ehre Gottes oder – was angesichts seiner Unvorstellbarkeit auf dasselbe hinausliefe – zum Selbstzweck geschehen kann. Theologie hat einen höchst lebenspraktischen Nutzen, aber ihre Nutzer sind nicht die Menschen schlechthin, sondern Menschen mit ihren religiösen und weltanschaulichen Orientierungen. Hier liegt gewissermaßen der Anwendungsbereich jeder theologischen Wissenschaft, mögen auch historische Gründe dazu geführt haben, dass es vor allem die christliche Religion war, die eine wissenschaftliche Reflexionsform namens Theologie ausgebildet hat.

Der Stoff der folgenden Darlegungen verteilt sich vor diesem Hintergrund auf Bereiche, die üblicherweise als religiöse, genauer: christliche Tugenden zu klassifizieren sind. Ich werde die Themen der christlichen Theologie – Gottes Offenbarung, seine Dreieinigkeit, die Heilsbedeutung Jesu Christi, die Wirklichkeit des Christentums in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes – in einer Gliederung präsentieren, die meist zur Strukturierung von Haltungen und Praktiken dient, die Menschen aufgrund ihrer Religion und Spiritualität pflegen. Ich stelle die Grundlagen der Theologie in Anlehnung an die biblische Äußerung des Apostels Paulus (1. Korintherbrief 13,13) am Leitfaden von Glaube (Kap. 2), Hoffnung (Kap. 3) und Liebe (Kap. 4) und unter der Leitfrage vor, was die Theologie den Menschen bringt. Sollte die hier gegebene Darstellung überzeugend sein, so sind Glaube, Hoffnung und Liebe die Antwort auf diese Frage.

Gottesbeweise werden – meist an mittelalterlichen Quellen – bis heute studiert als obligater Teil der Theologiestudiums (und Philosophiestudiums), aber was ist das nach der Aufklärung mehr als Respekt vor ihrer Tradition? M. a. W.: In welcher Hinsicht sind sie beweiskräftig, wenn sie nicht das Dasein eines höchsten Wesens in einer selbst für den theoretischen Atheisten unwidersprechlichen Evidenz beweisen? Wenn aber ihr Beweisziel nicht die Widerlegung des Atheismus ist, sondern dem Glauben selbst gilt, wozu braucht dieser Beweise? Was bringen Gottesbeweise gläubigen Menschen?

Die Antwort lautet: Gottesbeweise decken Lebenslügen auf und machen stattdessen die vertrauenswürdigen Grundlagen der Existenz sichtbar. Das ist gemeint, wenn der Glaube als Beweisziel der Gottesbeweise angegeben wird. Damit ergibt sich ein doppeltes, kritisch-konstruktives Beweisverfahren. Die Gottesbeweise fungieren kritisch als Aufdeckung (im Sinne der Destruktion) von Lebenslügen – das ist vornehmlich die Sache des ontologischen Beweises; sie fungieren aber auch konstruktiv als Aufdeckung (im Sinne der Bewusstmachung) dessen, was stattdessen im Leben vertrauenswürdig ist – das ist besonders die Sache des kosmologischen Beweises.

Folgen wir dem doppelten Verfahren! Beide Beweise werden wir in mehr oder weniger ausdrücklicher Anlehnung an ihre klassischen Gestalten aus der Philosophiegeschichte betrachten, aber auch die tiefgreifende Transformation ins Auge fassen müssen, die beide gegenwärtig in Zeiten religiöser Indifferenz und eines wachsenden, vor allem ökologisch motivierten Krisenbewusstseins durchmachen.