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Nr. 3103

 

Angriff des Lichtfressers

 

Es ist das Zyu – ein Agent des Chaoporters

 

Christian Montillon

 

 

 

Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt

 

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1. Die fernen Lichter der Sterne

2. Schwarze Masse

3. Das Licht hinter den Augen

4. Eindringling

5. Wurm

6. Nährlösung

7. Isolation

8. Verschlusszustand

9. Chaoversale Querung

10. Aufflackern

11. Regeneration

12. Verbindung

13. Finsternis

14. Quantitäten

15. Glaskugel

16. Cheborparnische Tradition

Leserkontaktseite

Glossar

Risszeichnung Schlachtkreuzer der OXTORNE-Klasse

Impressum

PERRY RHODAN – die Serie

 

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In der Milchstraße schreibt man das Jahr 2071 Neuer Galaktischer Zeitrechnung, in der Mitte des sechsten Jahrtausends unserer Zeit. Seit fast einem Vierteljahrhundert erleben die Sternenreiche der Milchstraße eine Phase des Friedens und des Aufbaus. Die Zivilisationen arbeiten zusammen, treiben Handel und forschen gemeinsam. Es scheint, als könnte Perry Rhodans alter Traum von Partnerschaft und Frieden endlich Wirklichkeit werden.

Die Entwicklung darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Milchstraße ihren Mentor verloren hat: Die Superintelligenz ES ist seit langer Zeit verschollen. Seitdem ist es an den Terranern, den Arkoniden, Gatasern, Halutern, Posbis und all den anderen Sternenvölkern, ihre Freiheit aus eigener Kraft zu wahren und miteinander zu verteidigen. Wachsamkeit bleibt das Gebot der Stunde.

Deswegen sind die Liga Freier Galaktiker und die Lemurische Allianz aufs Höchste alarmiert, als sie erfahren, dass in der kleinen Galaxis Cassiopeia ein sogenannter Chaoporter gestrandet sei. Von diesem Konstrukt der Chaotarchen soll eine ungeheure Gefahr für die Milchstraße ausgehen.

Perry Rhodan wird zum Allianz-Kommissar ernannt und erhält den Auftrag, diese Informationen zu prüfen und die Gefahr zu bannen. Er startet mit der RAS TSCHUBAI, dem größten Fernraumschiff der Terraner. In Cassiopeia stößt er bei Nachfahren der Ersten Menschheit auf eine erste Spur des Chaoporters; dann kommt es zum ANGRIFF DES LICHTFRESSERS ...

Die Hauptpersonen des Romans

 

 

Perry Rhodan – Der Allianz-Kommissar vermisst sein Schiff.

Gucky – Der Multimutant hört einen Hilfeschrei.

BJO – Die Positronik gerät in Not.

Anzu Gotjian – Die Mutantin wird gesucht.

1.

Die fernen Lichter der Sterne

 

Das All-Dunkel quälte das Zyu.

Das Dasein im Weltraum schmeckte schal, schwach und müde. Es gab zu wenig Helligkeit; sie fehlte, um gedeihen zu können. Der Aufenthalt zehrte das Zyu aus, und so sehr es genoss, sich auszubreiten, wuchs doch der unablässige Hunger.

Die Sterne, in unendlicher Ferne, lieferten nur kraftloses Licht, kaum nahrhaft nach der langen Reise.

Geh!, erinnerten sich die Sinne des Zyu, die sich verteilten, weit und weiter, bis fast der Zusammenhalt verloren ging. Geh und erfüll deinen Auftrag!

Der Befehl war eindeutig gewesen, die Stimme aus FENERIKS Gefilden intensiv wie perlendes Morgenlicht.

Das Ziel kam näher. Das Zyu witterte die metallene Kugel, die eine Insel mitten im Nichts schuf, in der auch schwaches Leben überdauern konnte. Dort hielten sie sich auf. Sie warteten und wussten es nicht einmal.

Das Zyu sammelte einen Bereich seines ätherischen Körpers und zog die Wolkenschwärme mit sich.

Geh zur BJO BREISKOLL!, hatte die Stimme aus dem Chaoporter gesagt.

Die erste Berührung war sanft, und sie war dunkel; nirgends gab es Licht und Nahrung. Langsam glitt das Zyu über die Schiffshülle, ohne das Geringste schmecken zu können. Fast wäre es darüber hinweggeweht, aber es verdichtete sich stärker und verhakte sich. Welcher Schmerz, als ein Teil seiner Substanz dabei hängen blieb. Das Zyu stieß ihn ab, und er ging auf die Suche.

Erfüll deinen Auftrag und lebe!, klang der Befehl aus FENERIK im Zyu nach.

Der verwaiste Körperteil gerann und ließ alles Licht aus sich herausquellen. Schwarz und flüssig glitt er weiter, bis er fand, was er suchte. Dort sehnte er sich danach, zurückzukehren. Aber er durfte nicht. Er vertrocknete, verging und starb.

Lebe und breite dich aus!

Der Rest des Zyu kompensierte den Verlust, trieb dahin und existierte, ohne etwas zu tun. Es musste sich in Geduld üben. Es würde nicht mehr lange dauern. In der Kugel wartete Nahrung.

Breite dich aus und töte!

2.

Schwarze Masse

 

»Da draußen im All war ... etwas«, sagte Perihan Leko zögernd.

Anzu Gotjian hörte nur mit einem Ohr zu und hob ihr Glas. Darin dampfte ein Gebräu aus halutischem Ingwer und siganesischer Minze. Sie fand die Zusammenstellung so sonderbar, dass sie der Tagesempfehlung in der kleinen Kantine am letzten Eck der BJO BREISKOLL – der Eigenname war nicht weniger sonderbar – ohne lange nachzudenken, gefolgt war.

Sie nippte. Es schmeckte wie pulverisiertes Feuer. »Nicht sehr präzise, deine Aussage«, sagte sie beiläufig.

Perihan Leko lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. »Drei Dinge, meine liebe Anzu. Erstens: Ich bin nicht im Dienst, und da braucht auch eine Cheforterin nicht superexakt zu reden.« Sie räusperte sich. »Nicht dass ich üblicherweise superexakt wäre.«

Anzu grinste: »Dein Ding ist eher so ein Leute, ich hab da was!«

Perihan ignorierte es. »Zweitens: Wenn du es gesehen hättest, wüsstest du genauso wenig, wie du es besser beschreiben solltest. Und drittens ... wieso trinkst du dieses fürchterliche Zeug?«

»Ich trinke es nicht!« Anzus Lippen brannten immer noch. »Vielleicht nehme ich es mit in mein Quartier und gieße die Pflanze damit.«

»Die wird verdorren.«

»Ist holografisch.«

Perihan lachte. »Ich finde es super, dass du in letzter Sekunde an Bord gekommen bist.«

»So?«

»Ich würde unsere Feierabendschwätzchen vermissen. Du nicht?«

Anzu brummte einen zustimmenden Laut. »Auf jeden Fall.«

Die beiden Frauen hatten sich in eines der Separees in der Kantine zurückgezogen – ein Glücksfall. Da diese begehrten Plätze allen Besatzungsmitgliedern offenstanden, musste man normalerweise etliche Tage im Voraus reservieren.

Seltsam, dachte Anzu, wie normal manche Dinge des Alltagslebens laufen, obwohl wir uns in einem Fernraumschiff mitten in einem Einsatz befinden. Einem Risikoeinsatz, um genau zu sein.

Doch das Leben lief eben weiter. Und solange die BJO BREISKOLL abwartete, bis Perry Rhodan mit seinem Team von der Außenmission auf dem Planeten Bhanlamur zurückkehrte, blieb die Besatzung nicht stunden- oder gar tagelang däumchendrehend im permanenten Alarmzustand.

Der Energievorhang, der sie im Separee akustisch isolierte, flirrte mit leichtem Funkensprühen; zweifellos war das extra so programmiert worden und kein automatisch auftretender Effekt. Der Kantinenbetreiber, ein steinalter Cheborparner, hatte einen seltsamen Humor. Falls es sich dabei um Humor handelte, Anzu war in dieser Einschätzung nicht ganz sicher.

Aber nicht Kolehandrono Chenalega höchstpersönlich kümmerte sich mit diesem Besuch um das Wohl seiner Gäste, sondern ein hochglänzender Servorobot in cheborparnischem Grunddesign einschließlich zweier Hörner auf der Stirn. »Kann ich etwas für euch tun?«

»Durchaus«, meinte Anzu.

»Ich höre«, sagte die Maschine.

»Wir hätten gerne unsere Ruhe.«

»Oh. Selbstverständlich.« Der Roboter deutete auf Anzus nahezu unangerührtes Getränk. »Nur eins, ehe ich gehe: Soll ich es dir noch einmal erwärmen?«

»Nicht nötig, es ist ...«

Die Maschine beugte sich vor und sagte in einem verwirrend vertraulichen Verschwörungstonfall: »Es schmeckt furchtbar, nicht wahr?« Ein meckerndes Lachen folgte, ehe sich der Roboter durch den Akustikvorhang zurückzog.

Anzu ersetzte ihre Beurteilung dieser Kantine als seltsam durch bizarr. Das traf es wohl eher.

Alles in allem mochte sie das Leben in der RAS TSCHUBAI und derzeit in der BJO BREISKOLL – auch wenn sie nicht gedacht hätte, dass sie jemals auf eine derartige Fernreise gehen würde. Die Milchstraße verlassen, um in die Kleingalaxis Cassiopeia zu fliegen, die zu Andromeda gehörte? Undenkbar, eigentlich, und eine solche Reise war den wenigsten Menschen vergönnt.

Aber es passte gut in ihre Biografie, in der sich etliche Undenkbarkeiten stapelten, seit sie zum ersten Mal auf Perry Rhodan getroffen war. Vor einigen Wochen hatte sie ein neues Leben als Beraterin von Kommandantin Ariela Stafoba auf einem Schiff der Explorerflotte im Tannhäusersystem beginnen wollen. Kurz darauf war es ausgerechnet dort zu einem bislang einmaligen, noch unerklärlichen Hyperphänomen gekommen.

Der Weltraum war aufgerissen, eine Öffnung hatte sich aufgetan – die Kluft. Gemeinsam mit einem kleinen Team waren Kommandantin Stafoba und Anzu in diesen Bereich eingeflogen, hatten ein fremdes Raumschiff entdeckt und waren darin auf einige Fremdwesen gestoßen. Drei Überläufer, die berichteten, dass sie zur Besatzung eines mächtigen Fahrzeugs der Chaotarchen gehörten. Dieser Chaoporter namens FENERIK sei in Cassiopeia havariert und stelle eine große Bedrohung dar.

Als wäre das nicht Grund genug für eine Expedition dorthin, hatte Resident Reginald Bull gleichzeitig den Sternenruf vernommen – nur er, niemand sonst; und auch dieses Phänomen wies nach Cassiopeia.

Deshalb war Perry Rhodan mit der RAS TSCHUBAI in diese Zwerggalaxis aufgebrochen. Und wie Perihan Leko es vorhin ausgedrückt hatte, war Anzu im letzten Augenblick vor dem Aufbruch an Bord gekommen, um Teil der Expedition zu werden. Dass dem ein Gespräch mit Rhodan vorausgegangen war, hängte sie nicht an die große Glocke.

 

*

 

Drei Wochen zuvor:

»Die drei Überläufer sind erstaunlich, Perry. Ich verstehe sie nicht, aber sie sind wirklich erstaunlich.« Anzu flanierte mit Rhodan durch die Leveck-Road im Osten Terranias, nahe am Stadtrand, wo das Häusermeer in ein naturbelassenes Wüstengebiet überging.

Er hatte sich leicht maskiert, um nicht erkannt und angesprochen zu werden. Normalerweise, so hatte er ihr versichert, tat er das nicht, aber an diesem Tag wollte er seine Zeit erstens Anzu widmen und zweitens die Atmosphäre der Stadt und der Natur ungestört genießen.

»Ich bin froh, dass du nicht in die Falle getappt bist«, sagte er.

»Welche Falle?«

Ein bunt gekleideter Insektoider hastete auf sechs Laufbeinen an ihnen vorbei; nein, korrigierte sie ihren flüchtigen Eindruck, er trug keine Kleider, sondern sein Körperpanzer schillerte in den leuchtendsten Farben. Ob es sein natürliches Aussehen war, oder hatte er sich bemalt?

»Wenn wir Fremdwesen begegnen«, sagte Rhodan, »neigen wir dazu, zu glauben, wir könnten sie von Anfang an verstehen. Ihre Worte richtig deuten, ihre Motivationen nachvollziehen. Dabei vergessen wir allerdings etwas.«

Anzu blieb stehen. Die Straße lief noch etwa 20 Meter weiter, ehe sie endete. Dahinter erstreckte sich das Gestein der ursprünglichen Wüstengegend. Die Luft flirrte über der nahezu flachen Ebene in der Hitze. In einiger Entfernung, vielleicht drei, vier Kilometer vor ihnen, ragte eine grüne Wand auf: ein Wald, vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden dort angelegt. Das ganze Gebiet war nicht mehr und nicht weniger als ein Geniestreich klimatischer Kontrolle.

»Erwartest du eine Antwort?«, fragte sie.

»Wie kommst du darauf?«, fragte er zurück.

»Du hast mitten in deinem Vortrag aufgehört. Dabei vergessen wir allerdings etwas. Und?«

»Wir vergessen, dass sie eben genau das sind: fremd. Fremdartig. Dass wir sie nicht automatisch nachvollziehen und verstehen können. Zumindest nicht, bis wir Zeit mit ihnen verbracht und gelernt haben, sie ...«

Rhodan verstummte, als ein ferronischer Adler mit leuchtend weißem Gefieder von der Steinebene heranflog, nur wenige Meter voraus in der Luft stoppte und sich mit ausgebreiteten Schwingen auf den Boden setzte. Er krächzte.

»Dabei kann das Fremde so wunderbar sein«, sagte Anzu. »Gerade, wenn wir es nicht verstehen.«

»Findest du die drei Überläufer wunderbar?«

Sie lachte. »Willst du mir das Wort im Mund herumdrehen?«

»Mich interessiert, was du denkst. Wie du die drei einschätzt.«

»Ich glaube ihnen. Als wir sie in diesem halben Raumschiffswrack gefunden und vor dem Angriff der Laichkangen gerettet haben ... ich zweifle keine Sekunde daran, dass sie wirklich in Gefahr waren. Dass sie verfolgt wurden, weil dieser Chaoporter und seine Besatzung nicht zulassen, dass jemand Verrat begeht.«

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Illustration: Dirk Schulz

»Sie sind also echte Überläufer? Sie kehren den Chaotarchen den Rücken zu?«

»Hey, ich habe nur mitgeholfen, sie zu retten.« Anzu hob die Schultern. »Die Lage einschätzen, das überlasse ich anderen. Aber ja, ich persönlich glaube ihnen. Was nicht heißt, dass ich vertrauensselig wäre. Ich würde sie keine Sekunde aus den Augen lassen.«

Rhodan sah zu, wie der ferronische Adler sich wieder erhob, mit wenigen Flügelschlägen dicht über dem Boden dahinraste und in etwa 50 Metern Entfernung niederstieß. Ein kleines, blutiges Pelztier zappelte in seinem Schnabel.

»Der TLD wacht über sie«, versicherte Rhodan. »Und nicht nur er. Leider ergeben die Verhöre nicht viel. Der Einschätzung der Spezialisten zufolge ist es eine Art Mixtur zwischen Sie wollen nicht mehr sagen und Sie können nicht mehr sagen.«

»Und was denkst du?«

Er lächelte. »Ich bin einer dieser Spezialisten. Bei aller Bescheidenheit.« Er deutete in die Steinwüste. »Komm, gehen wir ein Stück!«

Draußen, außerhalb der Grenzen, traf sie die Hitze dieses besonders heißen Frühlings wie ein Schlag. Hatten sie am Ende der Straße, jenseits des letzten Gebäudes, ein Energiefeld passiert, das die Temperaturen in der Stadt senkte, weil dahinter das Klima gesteuert wurde? Es musste wohl so sein, aber sie hatte nichts davon bemerkt.

Wie sollen wir das Unbekannte verstehen, wenn wir nicht einmal den Alltag begreifen?, dachte sie und wunderte sich über sich selbst. Eigentlich schätzte sie sich nicht als besonders philosophisch veranlagt ein.

»Du wirst morgen mit der RAS TSCHUBAI aufbrechen und Cassiopeia ansteuern«, sagte Anzu. »Von allen Orten, die du auf Terra hättest aufsuchen können, bist du ausgerechnet hierhergekommen. In die Ödnis und die Hitze. Warum?«

»Terrania ist seit Jahrtausenden Heimat für mich«, sagte Rhodan. »Und als alles anfing, damals, gab es keine Klimakontrolle, kein von Menschen und von Technologie gesteuertes bequemes Umfeld. Außerdem will ich mich auch an das Karge erinnern. Das Schwere. Diese weite Steinwüste hat etwas grandios Schönes, findest du nicht? Wenn man nicht wüsste, dass man sich nur umdrehen muss, könnte man meinen, man wäre mitten im Nirgendwo. Sobald ich in der RAS TSCHUBAI sein werde, nehme ich Gedanken mit. Und Erinnerungen. Und Fragen. Zum Beispiel nach den drei Überläufern. Und nach dem angeblich havarierten Chaoporter FENERIK und der Gefahr, die von ihm ausgeht.« Er setzte sich auf einen Stein, groß genug, dass Anzu neben ihm Platz fand.

Die Hitze des Gesteins drang sofort durch ihre Kleidung. »Noch einmal – ich glaube ihnen. Sie haben alles riskiert, um aus FENERIK zu fliehen.«

»Du hast mit deiner Paragabe die Öffnung zur Kluft längst gesehen, bevor unsere Technologie darauf aufmerksam geworden ist«, sagte Rhodan.

Aha, dachte Anzu. Der eigentliche Punkt kommt zur Sprache. Deshalb hat er um dieses Gespräch gebeten.

»Ich sehe Dinge, die zu weit weg sind, um sie auf natürlichem Weg wahrnehmen zu können«, sagte sie nachdenklich. »Aber unkontrolliert. Mal passiert es, mal nicht. So funktioniert meine Paragabe nun mal, und genauso war es auch in diesem Fall.«

»Ein Zufall?«, fragte Rhodan.

Nur diese beiden Worte, nicht mehr. Das war jedoch gar nicht nötig. Er brachte damit die ganzen Zweifel auf den Punkt, die Anzu ohnehin in sich trug.

»Vielleicht«, sagte sie.

»Glaubst du es?«

»Das spielt keine Rolle.«

»Dann lass mich es mich anders formulieren. Du weißt, dass es kein Zufall war. Irgendetwas an dem Phänomen hat mit deiner Paragabe korrespondiert, hat sie aktiviert ... was auch immer.«

»Und ehe du fragst, Perry – ja.« Sie stützte beide Ellenbogen auf die Knie und legte das Kinn in die offenen Handflächen. »Ja, ich will wissen, was dahintersteckt. Und ob ich irgendwie auf FENERIK reagieren würde, weil die Kluft zwar von den drei Überläufern, aber mit Technologie des Chaoporters geöffnet worden ist.«

»Also begleitest du mich an Bord der RAS TSCHUBAI und machst die Reise nach Cassiopeia mit.«

»Das sagst du so einfach? Du fragst nicht mal?«

»Muss ich das?«

Sie dachte nach. »Nein.«

»Dann sind wir uns einig.«

»Schon wieder keine Frage.«

»Manche Dinge sind notwendig.« Er sah sie an. »Es liegt an uns, das Beste daraus zu machen.«

 

*

 

»Wo waren wir stehen geblieben?«, fragte Perihan Leko.

Anzu schob das halutisch-siganesische Gesöff über den Tisch zu ihr. »Ich glaube, du wolltest mich gerade bitten, dass du einen Schluck ...«

»Träum weiter«, unterbrach Perihan. »Viel eher ging es darum, dass du gar nicht so übel bist. Also zerstör diesen Eindruck nicht.«

»Und davor«, meinte Anzu, »hast du von deiner Ortung erzählt. Etwas im freien All, für das es wohl keine passenden Worte gibt.«

»Ein flüchtiges Phänomen«, sagte die Orterin. »Ich konnte es nicht ganz fassen und rekonstruieren. Ein amorphes Etwas, vage kugelförmig oder ... hm, eher fladenförmig. Oder beides. Die Form hat sich geändert, gut zweihundert Meter im Durchmesser.«

»Eine Wolke aus interstellarem Staub?«, schlug Anzu vor.

»Es passte nicht. Einerseits wirkte es wie ein Lebewesen, aber auch wieder nicht.«

»Ein Lebewesen? Im freien All?«

»Eben«, sagte Perihan. Sie winkte ab. »Es hat sich verflüchtigt. Jedenfalls konnte ich es nicht mehr orten.« Der Armbandkommunikator der Orterin meldete eine eingehende Anfrage. »Tschuldige«, murmelte sie.

Ein kleines Holobild formte sich über ihrer Hand. Es zeigte das Gesicht einer Ferronin, mit blauer Haut und tiefbraunen Augen. Anzu sah sie im Profil, sie selbst befand sich außerhalb des Aufnahmebereichs, den der Kommunikator übertrug.

»Du bist Perihan Leko?«, fragte die Ferronin via Funk.

»Bin ich.«

»Wir haben uns noch nicht getroffen. Ich bin Vahma Spoúr, Chefmedikerin an Bord. Es geht um die vage Ortung, die du vor zwei Stunden gemacht hast. Deine Anwesenheit ist in der Hauptmedostation nötig.«

»Natürlich, aber – wieso? Was könnte ich ...«

»Ich erkläre es dir vor Ort. Komm sofort!«

»Ich brauche zehn Minuten, maximal.« Perihan beendete das Funkgespräch, das Holo erlosch. »Tut mir leid, Anzu. Keine Ahnung, worum es geht.«

»Sie klang jedenfalls besorgt.«

»Ist mir auch aufgefallen.« Perihan stand auf. »Wir sehen uns.« Sie ging durch den Akustikvorhang.

Anzu sah ihr nachdenklich hinterher, wie sie sich an den vollbesetzten Tischen vorbeidrückte. Als sie bemerkte, dass der cheborparnische Robotkellner den Weg zum Separee einschlug, verließ Anzu rasch ihren Platz. Sie hatte keine Lust auf eine neue skurrile Unterhaltung.

Ein wenig neugierig war sie, was die Chefmedikerin wohl an der vagen Ortung interessieren konnte, aber da es sie nichts anging, schob sie die Gedanken daran beiseite. Sie machte sich auf den Weg zu ihrem Quartier.

Noch ehe sie dort ankam, schlug ihr Armbandkommunikator an. Sie hob den Arm, nahm das Gespräch an. »Ja?«

»Du bist Anzu Gotjian?«, fragte die blauhäutige und braunäugige Ferronin, die sie aus dem kleinen Kommunikationsholo anschaute – und Anzu empfand ein nicht gerade geringes Déjà-vu.

»Bin ich«, meinte sie. »Und du bist Vahma Spoúr.«

»Du kennst mich, sehr gut. Es geht um ...«