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Nr. 3105

 

Galerie der Gharsen

 

Paraspürer greifen an – Terraner im Ornamentraumer

 

Michelle Stern

 

 

 

Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt

 

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

Prolog: Paraspürer

1. Parajagd

2. Paraortung

3. Parabeute

4. Paragang

5. Paraflucht

6. Parafallen

7. Paranat

8. Paramentor

Epilog: Parajäger

Fanszene

Leserkontaktseite

Glossar

Impressum

PERRY RHODAN – die Serie

 

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In der Milchstraße schreibt man das 6. Jahrtausend nach Christus, genauer das Jahr 5658. Das entspricht dem Jahr 2071 NGZ nach der galaxisweit gültigen Zeitrechnung. Über dreitausend Jahre sind vergangen, seit Perry Rhodan die Menschheit zu den Sternen führte und sie seither durch ihre wechselvolle Geschichte begleitet. Noch vor kurzem wirkte es, als würde sich der alte Traum von Partnerschaft und Frieden aller Völker der Milchstraße und der umliegenden Galaxien endlich erfüllen.

Terraner, Arkoniden, Gataser, Haluter, Posbis und all die anderen Sternenvölker stehen gemeinsam für Freiheit und Selbstbestimmtheit ein, womöglich umso stärker, seit ES, die ordnende Superintelligenz dieser kosmischen Region, verschwunden ist.

Als die Liga Freier Galaktiker erfährt, dass in unmittelbarer galaktischer Nähe ein sogenannter Chaoporter gestrandet sei, entsendet sie mit der RAS TSCHUBAI das größte Fernraumschiff der Liga, um den Sachverhalt zu klären. Denn es heißt, von FENERIK gehe eine ungeheure Gefahr für die Milchstraße aus.

Perry Rhodan leitet als Allianz-Kommissar die Mission, die ihn bis in die Andromeda vorgelagerte Kleingalaxis Cassiopeia führt. Schon früh stößt er auf Hinweise, die das Gerücht bestätigen: FENERIK ist in Cassiopeia und dort auf unterschiedliche Weise höchst aktiv. Als eine ganze Welt von Truppen FENERIKS besetzt wird, bricht ein Einsatztrupp auf in die GALERIE DER GHARSEN ...

Die Hauptpersonen des Romans

 

 

Shema Ghessow – Die Deponentin will in den ersten Einsatz.

Damar Feyerlant – Der Konnektor will die Ruhe bewahren.

Khsanap – Der Gharse will eine Erstbeziehung.

Perry Rhodan – Der Terraner will Informationen über die Gharsen und ihre Ornamentraumer.

»Wann kann ich endlich

von dieser blauen Murmel runter

und in den Einsatz gehen?«

»Wenn du bereit bist.«

»Ich bin bereit. Meine Paragabe

hat sich stabilisiert.«

»Deine Paragabe ist nicht

das Problem. Du bist ungeduldig,

gehst zu leicht in den Widerstand und

glaubst, du könntest alles kontrollieren.«

»Ich kenne meine Fähigkeiten.

Ich vertraue ihnen.«

»Kennst du

deine Schwächen ebenfalls?«

Terranisches Institut für Paranormale Individuen (TIPI). Ausbildung Ghessow.

 

Prolog

Paraspürer

 

Die roten Sonnen sanken tiefer, glitten dem Wasser in einem perfekten Dreieck entgegen als würden sie und nicht der Mond sich bewegen, der zusammen mit dem Gasplaneten um die Gestirne lief. Khsanap genoss das Schwächerwerden des feurigen Lichts.

Er stand auf dem Umlauf eines 30 Meter hohen, baumartigen Hauses, dessen vier Bewohner er betäubt hatte. Ihre schlanken, fledertierartigen Körper lagen sorgfältig nebeneinander gebettet auf dem Boden hinter ihm: drei Erwachsene und ein Kind. Sie hatten die Flughäute ausgerollt, als wollten sie fliehen. Die kurzen Beine waren vollständig bedeckt, während die drei langen knöchernen Finger der Flughäute sich zusammenkrampften. Die vier Fremdwesen nutzten ihm nichts, also konnte er sie liegen lassen. Wenn sie wieder aufwachten, würde er längst fort sein.

Khsanap schaute über das felsige, urwüchsige Land zum Meer. Die Wärme verließ die Welt Fajem, und mit ihr verlor sich der Widerstand ihrer Bewohner. Die Fajemiden fügten sich dem Herrlichen Diktator Khosen und seiner Herrschaft, wie es sich für Primitive gehörte, die erst am Anfang ihres Sternenwegs standen.

Wie schön dieser Mond war! Zwar war die eine Seite industrialisiert, dafür die andere nahezu unbebaut; unterentwickelt und abgeschieden. Ideal, um bejagt zu werden. Die Beute war besonders wertvoll, denn sie war nicht wehrlos. Jeder Widerstand machte sie interessanter. Sammeln allein langweilte. Die Jagd zuvor machte Freude.

Irgendwann wollte Khsanap derjenige sein, der ein solches planetares Ziel auswählte und die Gharsen an Bord eines Ornamentraumers auf einen erfolgreichen Beutezug schickte. Dafür musste er Mhednus Gunst gewinnen. Wenn er eine Erstbeziehung mit der Stellvertretenden Kommandantin knüpfte, würden sich ihm neue Schotten öffnen.

Drei Holobilder schwebten über der Brüstung, tanzten umeinander wie Exponate in der Galerie. Eines zeigte die ferne Stadt Kjeteti, die unter der gharsischen Herrschaft aufblühte und ihre Früchte zur Erbauung Khosens herschenkte. Das überdimensionale Holo des Herrlichen Diktators schwebte in der Luft wie ein guter Geist, aus dessen segnenden Fingerspitzen das Wohl herabregnete. Es würde auch Khsanaps Wohl sein.

Ein anders Bild zeigte den kugelförmigen Ornamentraumer, in dem Khsanap geboren und aufgewachsen war, wenn auch mit einer Unterbrechung von mehreren Zyklen. Er gehörte zu den wenigen Hallenkindern – eine Besonderheit, die ihm half, in der Hierarchie schneller aufzusteigen. Doch es ging nicht schnell genug. Er brauchte ein Geschenk für Mhednu. Eines, das sie endgültig für ihn einnahm. Zum Glück war diese außergewöhnliche Gabe in Reichweite.

Diese Gabe war auf dem letzten Bild, doch das Holo zeigte sie nicht. Stattdessen präsentierte es in ärgerlicher Unschärfe wegen der großen Entfernung des Überwachungssatelliten eine steinige Steilküste mit Felsen, Überhängen und einer einheimischen Flugtierart, die unelegant und klobig wirkte. Khsanap wusste, dass die besondere Beute dort steckte, obwohl sie sich technisch tarnte. Er spürte die Richtung und stand in Verbindung mit Shalhisar und Zharrut. Gemeinsam hatten sie das Ziel trianguliert. Das unsichtbare Netz zog sich zu.

Sobald die Sonnen untergegangen waren, würden sie aus drei verschiedenen Richtungen starten und beim Fliegen in stetigem Kontakt herausfinden, wo genau sich die Beute aufhielt. Sobald sie die Schutzanzüge der Fremden unbrauchbar gemacht hatten, war der Rest ein Promenadengang.

Khsanap wies seinen Roboter an, sich zu teilen und aus einem der biogenen Stücke eines der klobigen Flugtiere nachzubilden, die es zuhauf auf diesem besiedelten Mond gab. Er wollte eine erste Naherkundung einziehen, die ihm vielleicht einen entscheidenden Vorteil brachte – falls Shalhisar und Zharrut es nicht genauso machten.

Das Bild des Ornamentraumers wechselte und zeigte stattdessen Shalhisars längliches Gesicht. Ihr Körper war ungewöhnlich hager, die Arme dünn. Selbst die Hände waren weniger kräftig als bei den meisten Gharsen. Ihr sechster Finger war kaum halb so breit wie sein eigener. Dennoch wusste er, dass man sich mit Shalhisar im Nahkampf besser nicht anlegte. Was ihr an Gewicht fehlte, machte sie durch Schnelligkeit wett.

Ihre großen, nachtblauen Pupillen umwand ein schmaler Ring aus hellem Kobalt. Viele männliche Gharsen liebten solche Ringe. Khsanap fand sie abstoßend. Sie wiesen auf körperliche Erstbegrenzung hin, die sich im Auge und im Denken der Betreffenden zeigte.

Shalhisar legte den spitz-ovalen Kopf zurück, sodass es wirkte, als wollte er nach hinten fallen. Die Bewegung kündete ihr Reden an. Der trichterförmige, nach vorn gestülpte Mund verlängerte sich einen Zentimeter. »Weißt du, wie viele es sind?«

Fühlte die Spürerin das wirklich nicht? Falls dem so war, bestätigte es, was Khsanap ohnehin ahnte: dass er unter allen Spürern des Ornamentraumers der einzig wahre Jäger war.

»Nein«, log Khsanap. Es waren drei Fremdwesen mit Parakräften. Ob Shalhisar ihn täuschte? Ihre Parasensibilität war mindestens so stark ausgeprägt wie seine. Sie musste die Beute deutlich spüren können.

Zharrut dagegen war ein lausiger Spürer. Zwar hatte er Talent, aber er war nicht bereit, etwas daraus zu machen. Was gut für Khsanap war. Gelang es ihm, Shalhisar rechtzeitig auszuschalten, konnte er alle drei Prunkstücke in seine Standarte einverleiben. Er würde derjenige sein, der sie Mhednu brachte, und damit den Beweis für die Unfähigkeit der anderen lieferte.

Ein misstrauisches Flimmern lief über Shalhisars silbrig-blaues Gesichtsfell. Zweifellos vermutete sie, dass er log. Sie waren seit Jahren Konkurrenten, und er machte ihr die Jagd schwer, wo er nur konnte. Einmal hatte er einen ihrer Roboter nach einem Ehrenzweikampf zerstören lassen. Als Sieger stand ihm das zu, und nur, weil die meisten Gharsen darauf verzichteten, musste das nicht sein Weg sein.

»Bedauerlich«. In Shalhisars Stimme lag keine Emotion. »Dann müssen wir uns wohl überraschen lassen. Ist dein Roboter einsatzbereit?«

»Wie immer. Und deiner? Wird das minderwertige Ding wieder einen Ausfall haben, der uns um die Beute bringt?«

»Es hätte keinen gehabt, wenn du nicht darauf geschossen hättest.«

»So etwas geschieht manchmal im Eifer des Gefechts.«

»Was sonst?« Sie schwieg kurz, hob den Arm mit dem Taktgeber näher zum Gesicht. »Fünf Einheiten bis zum Zugriff.«

»Ich weiß. Wir sehen uns.« Khsanap beendete die Verbindung. Es war an der Zeit, seinem Roboter letzte Anweisungen für die Jagd zu geben. Er würde nicht nur die fremden Paraträger stellen, sondern auch die Konkurrenz ausschalten. Seine Maschine musste als erste bei der Beute sein.

»Willst du gar nicht wissen, wann du

das erste Mal in den Einsatz gehst?«

»Nein. Ich weiß, dass es

passieren wird. Das genügt mir.«

»Vertraust du den Ausbildern?«

»In jeder Beziehung.

Sie können meine Entwicklung

besser einschätzen als ich.

Ich bin froh, dass ich sie habe.«

TIPI. Ausbildung Feyerlant.

 

1.

Parajagd

 

Die drei Sonnen tauchten Glutbällen gleich ins Meer. Dunkelrote Schatten lagen über den Felsen und den Pflanzenteppichen, die in bunten Mustern über den Stein krochen. Ein gelbes, kaum fingerhohes Kraut schien in Flammen zu stehen.

Am Himmel kreisten zwei vogelartige Tiere, die dick und klobig wirkten. Ihre Körper erinnerten an frisch zur Welt gekommene Elefanten. Aus den Köpfen erwuchs eine Art Trichter, in dem sie etwas transportierten, das an riesige, blaue Nüsse erinnerte. Sie hatten die »Nüsse« aus dem seichten Meer geholt und warfen sie aus den Kopfnetzen auf die Steine, wo die Schalen aufplatzten und eine wabbelige Masse auslief. Unermüdlich knackten sie ihr Abendessen, schlürften es mit langen, dünnen Schnäbeln, ehe ihre Artgenossen es ihnen streitig machen konnten.

Damar Feyerlant spürte die Erhabenheit des Augenblicks. Er saß auf einem fremden Mond, unendlich weit von Terra und der Stätte ihrer Ausbildung entfernt. Das TIPI hatte ihm viel beigebracht, doch wirklich an diesem Ort zu sein, die salzige Luft mit der fremden, würzigen Duftnote zu riechen und die um ein Weniges geringere Schwerkraft zu fühlen – jeder Moment davon war kostbar und einzigartig.

Dies war der Beginn. Eines Tages wollte Damar so bekannt sein wie Donn Yaradua und die früheren Mutanten, nach denen die Liga viele ihrer Raumschiffe benannt hatte. Ob es je eine FEYERLANT geben würde? Ein stolzes, fernraumtaugliches Schiff wie die RAS TSCHUBAI? Er wusste, dass es bis dahin ein langer und gefährlicher Weg war, doch er freute sich auf jeden einzelnen Schritt.

Neben ihm ging Shema Ghessow, eingehüllt in ihren Deflektorschirm, auf und ab. Dank der Anti-Deflektoreinstellung erkannte Damar jedes Detail ihres ausdrucksstarken, immer ein wenig herausfordernd wirkenden Gesichts mit den grünen Augen und dem leicht hervorstehenden Kinn. Unter dem geschlossenen Helm war lediglich der Ansatz der kurz geschorenen, weißblonden Haare zu erahnen. Sie hatte die dunklen Augenbrauen zusammengezogen.

»Wo steckt dieser Kerl?«, fragte sie.

»Donn kommt klar. Er hat Phylax.«

»Ein Okrill ist keine Sicherheitsgarantie.«

»Aber er kommt dem ziemlich nah.«

Shemas Stimme klang angespannt. »Die vereinbarte Zeit für diese kleine Ein-Mann-plus-Okrill-Erkundungsmission ist um. Warum kann sich Yaradua nicht einfach melden, wie er es versprochen hat?«

»Das wird er. Du willst seit einer Ewigkeit in deinen ersten Einsatz. Jetzt bist du mittendrin und meckerst rum.«

»Das ist kein Einsatz. Wir verstecken uns.«

Damar lehnte sich zurück. »Für mich ist das ein Einsatz. Wir sind die Missionsreserve.«

»Bei dir ist selbst ein Konverter voll, oder?«

»Falls du damit meinst, dass ich mein Leben lieber positiv betrachte: Ja. Mein Konverter ist voll. Warum setzt du dich nicht und genießt den Sonnenuntergang? Das Schauspiel ist phänomenal.«

»Lass mich überlegen ... Weil ich auf einer fremden Welt bin, die von blaufelligen Verrückten besetzt worden ist, die wahllos Einheimische im Namen ihres Diktators verschleppen? Weil wir auf der Flucht vor diesen Verrückten sind und ihre elenden Standarten unsere Parakräfte anmessen können? Weil Donn Yaradua nun seit über einer Stunde fort ist und verletzt oder tot sein könnte? Reicht dir das?«

»Das klingt, als würdest du im Konverter sitzen und auf die Auflösung warten. Vielleicht ...« Damar hielt inne. Etwas irritierte ihn.

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Illustration: Swen Papenbrock

Da war noch einer dieser sonderbaren Vögel. Nun waren es sechs. Nirgendwo sonst im näheren Umkreis konzentrierten sie sich derart. Auffällig war auch die Größe. Die zuletzt hinzugestoßenen drei waren deutlich kleiner.

»Positronik!«, sagte Shema, die ebenso wie er die Bewegungen der Vogelartigen verfolgte. Sie wies auf die Tiere. »Genauere Analyse dieser Babyelefanten-Dinger!«

Schlagartig sprangen mehrere Warnmeldungen an. Der SERUN richtete sich selbsttätig auf und brachte Damar von der Wand fort. Zeitgleich sprang der Prallschirm an. Etwas krachte gegen den Fels, explodierte und tauchte die Welt in grelles Licht. Splitter spritzten wie Granaten.

Vor ihnen gingen die Sonnen auf: Von dort, wo eben noch die drei Gestirne ins Meer gesunken waren, rasten drei Einmanngleiter mit hellen Scheinwerfern auf sie zu. Strahlenschüsse fauchten, brachten das Küstengestein zum Zerbersten. Brocken flogen und regneten um sie, als stünden sie im Zentrum eines todbringenden Feuerwerks.

Entsetzt begriff Damar, dass es Fehlermeldungen gab. Der höherdimensionale Schirm wollte sich trotz der extrem bedrohlichen Lage nicht aufbauen. Etwas griff von außen darauf zu, interagierte.

»Weg hier!« Damar beschleunigte den SERUN. Gleichzeitig nutzte er seine Paragabe, um zu prüfen, ob er die Gleiter beeinflussen konnte. Als Konnektor war es ihm möglich, in die Schnittstelle zwischen biogenen und positronischen Intelligenzen einzugreifen und sie zu manipulieren.

Er spürte einen schwachen Widerhall, der sich wie eine flache Echoschockwelle anfühlte. Es gab positronisch-biologische Maschinen in der Nähe. Mindestens drei, doch sie waren nicht in seinem Zugriffsbereich und zu fremd, um sie näher heranzulocken.

Auch Shema hatte reagiert, startete neben ihm durch, doch es geschah nicht das, was beide erwartet hatten. Statt sich rasend schnell mit Höchstwerten zu entfernen, kamen sie kaum vom Fleck.

»Traktorfelder!«, schrie Shema.

Die drei Gleiter fächerten auf, schossen weiter. Inzwischen blinkten unzählige Warnmeldungen im vorgespiegelten Holodisplay. Damar gelang es nicht, herauszufinden, auf was er sich zuerst konzentrieren sollte.

Zwei Schüsse trafen ihn, fraßen sich in das Verbundmaterial des SERUNS, konnten es allerdings nicht durchdringen. Warum waren sie derart schwach eingestellt? Alles geschah gleichzeitig. Noch immer bewegten sie sich kaum vom Fleck, hatten gerade einmal 40 Stundenkilometer erreicht, während die Gleiter ihnen folgten und sie gefesselt hielten.

Shema fluchte. »Warum schalten sich die Schutzschirme nicht automatisch ein?«

»Schutzschirm ...!«, wollte Damar befehlen, doch eine barsche Stimme unterbrach ihn.

»Nicht! Achte auf die Feindkontakt-Anzeige! Die Positronik weiß, was sie tut. Die Gharsen setzen unbekannte Waffensysteme ein. Sobald du den Schutzschirm aktivierst, wirst du durch Neuroschocker gelähmt! Die Schüsse sollen dafür sorgen, dass ihr genau das tut!«

Allein diese Stimme zu hören, brachte neue Hoffnung: Donn Yaradua war zurück! Rechtzeitig zum Angriff. Bei ihm war sein Okrill.

Phylax hetzte einem der drei Gleiter auf den vier Beinpaaren entgegen, sprang die Steinformation in gewaltigen Sätzen hoch und krachte mit allen acht Füßen voran auf dessen Dach. Die Maschine schwankte. Es knirschte hässlich, als der Okrill die Krallen der tellergroßen Vordertatzen hineinschlug, um das Metall aufzureißen wie Seidenpapier.

Einen irrwitzigen Moment dachte Damar, sie hätten eine Chance. Der Gleiter schlingerte, das Fesselfeld löste sich auf – doch dann blitze es rings um das sieben Meter lange, bronzefarbene Fluggerät, und Phylax flog mit einem empörten Quaklaut wie ein Geschoss davon.

Er krachte gegen die Felswand, prallte ab, stürzte über zehn Meter zu Boden und schüttelte sich. Elmsfeuer tanzten über seine ledrige Haut. Die lange, rote Zunge hing schlaff aus dem Maul. Sie schien gelähmt zu sein. Damit hatte der Okrill seine gefährlichste Waffe eingebüßt, wenigstens vorübergehend.

Damar konzentrierte sich: Das Paraecho wurde lauter.

Drei Roboter schwebten aus den Gleitern. Vom Himmel stürzten die drei kleineren Tiere auf sie zu, als wollten sie die Roboter angreifen. Als sie diese allerdings berührten, lösten sie sich auf, sanken hinein und bildeten nun drei größere Roboter. Damar spürte den biogenen Anteil der Maschinen, als wäre er mit den Fingern einer Flamme zu nahe gekommen.

Mit etwas Glück konnte er dadurch aber zumindest auf eine der Maschinen zugreifen.

»Nimm meine Hand!«, rief er Shema zu. »Die Roboter haben einen biogenen Kern. Wenn wir einen Parablock bilden, kann ich vielleicht einen gegen die Gleiter einsetzen!«

Shema streckte die Hand nach ihm aus – aber sie war zu langsam! Ihre Fingerspitzen waren zu weit fort. Er schaffte es nicht, sie zu berühren, um den Block mit ihr zu bilden.

Die drei Roboter waren heran, trennten sie. Es waren zottelige Maschinen, die aus unzähligen Einzelteilen bestanden; wie Skulpturen, die aus einzelnen Mosaiken geformt waren. Die meisten dieser Mosaike erinnerten an Haarbüschel. Ein Flimmermuster lief über die blaue Oberfläche.

Einer der Roboter wollte Damar berühren, doch die zweite Maschine drängte ihn ab und jagte Damar eines der Metallbüschel in den SERUN. Es blitzte und flimmerte hell.

Aus einem der Gleiter kam ein unheimlicher Schrei. Er hallte über die Küste, akustisch verstärkt wie Donnergrollen. Zwei weitere Stimmen fielen in ihn ein. Eine davon klang anders, schriller.

Damar wollte sich die Hände gegen die Ohren pressen. Er meinte, den Puls aussetzen zu fühlen. Das Herz in seiner Brust schien in einem ganz eigenen Fesselfeld zu liegen. Kreatürliche Angst stieg in ihm auf.

Der SERUN reagierte, schaltete das Außenmikrofon stumm. Auf der Datums- und Uhrzeitanzeige erkannte Damar, dass gerade einmal eine Sekunde vergangen war, in der er dem furchtbaren Geheul ausgesetzt gewesen war – doch es reichte ihm für ein ganzes Leben. Dieses Geräusch wollte er nie wieder hören.

Der Roboter drängte ihn weiter von Shema fort, als wüsste er, dass sie Damar wegbringen konnte, falls es ihr gelang, ihn zu berühren.

Gleichzeitig geschah etwas, das Damar zum ersten Mal seit Beginn des Angriffs aus der Fassung brachte: Die Schüsse aus einem der Gleiter veränderten sich, gewannen an Intensität. Vorher war ihm klar gewesen, dass der SERUN sie schützte. Nun aber änderte sich die Lage: Wer immer sie beschoss, wollte Shema und ihn töten!

»Shema!«, brüllte er. »Verschwinde!«

Donn Yaradua warf sich mit aktiviertem Schutzschirm vor sie. Auch Damars Schutzschirm reagierte – der SERUN wählte nun, in der tödlichen Bedrohungssituation, das kleinere Übel. Neuroschocker aktivierten sich, brachten Damars Körper zum Zittern. Die Welt wurde dunkler.

Er erkannte noch, dass der Beschuss endete, weil ein anderer Gleiter den ersten beschoss. In grauen Tönen war da Phylax, der wie im Schattenriss in das Fesselfeld sprang, das nun auch den neurogeschockten Donn Yaradua gefangen hielt. Der Okrill riss seinen Herrn mit purer Gewalt mit sich, zerrte ihn davon.

Shema war fort. Dort wo sie im Feld geschwebt war, herrschte Leere. Und er? Seine Gabe erlaubte ihm keine Flucht. Es würde auch kein Okrill kommen, um ihn zu retten. Er war in der Gewalt seiner Feinde. Trotzdem ...

Was für ein Einsatz!, dachte Damar. Der Gedanke war wie ein Funke, der sich gegen ein Meer aus Dunkelheit erhob, ehe er erlosch.

 

*

 

Es wurde still. Die Welt war schlagartig fort, schrumpfte zusammen zu einem bunten, weit entfernten Ball.

Shema Ghessow schloss die Augen, atmete ein. Sie konnte den eigenen Atem nicht hören. Es war, als wäre dieser Atem, der eigentlich gar keiner war, noch in der anderen Welt, dem Einsteinraum. Als hätte man ihn dort gefangen gesetzt. Sie jedoch war weitergegangen, in den Hyperraum getreten, der still, endlos und leer war.

Ein helles, ewiges Nichts. Ein Segen. Ein Fluchtort, den sie irgendwie selbst erschuf, ihre eigene Enklave. So hatte sie diesen Ort jenseits aller Orte erlebt, seit sie als Kind das erste Mal hineingetreten war, um sich zu verstecken. Estak Mellos hatte sie gejagt – ein Nachbarmädchen, das böse auf sie gewesen war, weil ihre Katze sie vermeintlich lieber hatte. Als Mellos nach ihr gegriffen hatte, war Shema das erste Mal in die andere Welt getreten und dadurch dem aufgebrachten Mädchen entkommen.

Sie hatte im Licht gestanden und das Draußen nur wie blasse, verwaschene Schatten wahrgenommen. Und sie hatte sich fortbewegen können, wenngleich nur langsam und nur um einen knappen Meter. Aber es hatte genügt.

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