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© 2021 Engelbert Manfred Müller

Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH Norderstedt

ISBN 9 783753451725

zum Text:

In „Waldrandzeiten“ wird eine Kindheit im rechtsrheinischen Köln in Krieg und Nachkriegszeit geschildert. Sie ist nicht nur von Krieg und Armut geprägt, sondern auch von Kirche und Religion. Im Untertitel heißt es „Fast ein Roman“. Der Leser soll selbst entscheiden, ob es für ihn ein Roman ist oder nicht. Auf jeden Fall ist der Text im Wesentlichen an der Wirklichkeit orientiert und versucht, authentisch zu sein. „Das tiefste Erleben kann man nicht mit Worten wiedergeben. Aber man kann versuchen, sich ihm anzunähern.“ Das war eine Maxime des Autors beim Schreiben.

Auf der Titelseite wurde ein Temperabild des Autors verwendet.

Zum Autor::

Engelbert Manfred Müller wurde 1940 geboren und wuchs in Köln und Leverkusen auf. Er war 40 Jahre als Lehrer an Volksschulen, Hauptschulen und Gesamtschulen tätig. Davon verbrachte er 9 Jahre an Schulen in Chile und Mexiko. Nach seiner Pensionierung 2003 tauschte er sein jahrelanges Malhobby gegen das Schreiben ein.

Engelbert Manfred Müller lebt in Bergisch Gladbach und ist Mitglied des dortigen Autorenvereins „Wort und Kunst“. Er schrieb zahlreiche Bände mit Erzählungen und Gedichten, einen Lissabon-Roman, einen Band mit Aphorismen und einen mit Reiseberichten.

Die Brille

Immer hatte Friedhelms Mutter versucht, seinen Blick nach oben zu lenken. Das war zum großen Teil auf ihre Angst zurückzuführen. Angst vor dem, was man heute sozialen Abstieg nennen würde. Damals kannte man diesen Begriff nicht, zumindest nicht in den Kreisen, in denen sie sich bewegten. Überhaupt sprachen sie eine viel konkretere Sprache, konkreter als die in anderen Schichten, konkreter als heute, in einer Zeit also, die sich zunehmend von der Wirklichkeit entfernt, indem sie sich immer mehr in Secondhand-Welten etabliert.

Friedhelms Kusine Anneliese drückte diese Angst noch am wenigsten konkret aus, wenn sie von ihrem gemeinsamen Vetter Karl mit leichtem Schauern meinte, der könne doch oft sehr extrem sein. Wobei sie damit so etwas meinte, wie drastisch, Wahrheiten ungeschönt verkündend, wenn nicht sogar kommunistisch. Über Kommunismus direkt wurde nie gesprochen, zumindest nicht in Friedhelms Beisein. Er würde nie wissen, ob das ein Teil der Schonung war, die ihm zuteil wurde, oder ob über dieses Thema überhaupt nicht geredet wurde, was äußerst merkwürdig da die Wahlergebnisse in diesem Teil der Stadt eine völlig andere Sprache sprachen. Friedhelm sollte das aber erst viel später erfahren, als Erwachsener, aus einem Buch. Auch später spielte diese Tatsache in Gesprächen keine Rolle. Drogen im heutigen Sinne waren in ihrem Umfeld damals unbekannt, wenn man vom Alkohol absieht. Der aber spielte eine umso größere Rolle.

Der Nachbar in der alten Wohnung, die sie mit zwei Familien eng beieinander bewohnten, hieß Ludwig. „De Lud es fott“ war ein geflügelter Spruch, wenn dieser wieder einmal eine Zeitlang verschwunden war, aus Gründen, die nicht weiter ausgeführt wurden. Dass dabei Alkohol eine Rolle spielte, aber auch so etwas wie Schlampigkeit, mit einer unklaren Fortsetzung ins Sexuelle, schwang dabei unausgesprochen in der Luft. Sicher auch Arbeitslosigkeit, die nicht als solche benannt wurde. Und immer war das Bemühen seiner Mutter begleitet von einer Angst vor dem Absturz, vor einem jähen Fall nach unten oder vor der unheimlichen Macht einer Tiefe, die sie absolut nicht wollte. Weil sie sie kannte oder zumindest ahnte. Das mussten auch die Erlebnisse ihrer Kindheit sein, die sie für ihr Leben geprägt hatten. Aber so, dass sie alles daran setzte,

diesem Schicksal zu entfliehen. Keiner wusste, woher sie die Kraft dazu nahm. Doch wurde sie von allen Geschwistern dafür anerkannt, in einer stillschweigenden Bewunderung, von der auch Friedhelm jederzeit profitierte, wie er dunkel oder auch staunend spürte.

„Schau mal“, sagte sie, als sie in die neue Wohnung eingezogen waren „die Drachen da oben in der Luft. Jetzt sind es schon fünf.“ Friedhelm kniff die Augen zusammen und blickte aus dem Küchenfenster in den leicht dunstigen Himmel.

„Ich sehe nur einen.“

Aufgeregt, fast erschrocken, war die Stimme seiner Mutter, als sie erwiderte:

„Schau doch mal genau hin! Insgesamt fünf. Der oberste ist nur sehr klein, aber die anderen sieht man ganz deutlich.“

Aber Friedhelm musste dabei bleiben. Er sah nur einen. Da er seiner Mutter gegenüber oft einen ironischen Ton anschlug und Scherze machte, die sie als Zeichen seiner Intelligenz schätzte, konnte sie seine Antwort zunächst nicht richtig ernst nehmen.

Während sie stolz darauf war, nun in einer richtigen eigenen Wohnung in der nahen Industriestadt zu leben, war Friedhelm traurig und wütend, dass sie ihre halbe Wohnung am Waldrand verlassen hatten. Wenn er hier in der Stadt aus diesem Küchenfenster schaute, freute er sich nicht wie seine Mutter, dass sie überhaupt eine Küche besaßen und nicht weiter in der Wohnküche kochten, aßen, abwuschen, spielten, redeten, Besuch empfingen, rauchten, soweit es sich um seinen Vater handelte, lasen, soweit es sich um ihn selber handelte, und Radio hörten. Über die kahle Fläche, die er hier durch das Küchenfenster sah, und die einmal eine Wiese werden sollte, und die wenigen kümmerlichen Bäume, die darauf standen, konnten ihn regelrechte Verzweiflungsattacken plagen, so dass er schimpfte wie ein Rohrspatz, zum Leidwesen seiner Mutter.

„Vielleicht sieht er die anderen Drachen ja aus reinem Protest nicht“, dachte sie einen Moment, bis ihr klar wurde, dass er es dieses Mal ernst gemeint hatte. Sollte er wirklich kurzsichtig sein, oder handelte es sich lediglich um einen Schleier, den er sich zugelegt hatte, um seine Abneigung gegen diese neue Umwelt zu bezeugen? Dieser Schleier würde aber mit Sicherheit ein Hindernis darstellen, für die Zukunft, die sie sich für ihn ausgedacht hatte, eine Zukunft mit weiteren Erfolgen in der Schule, einem angesehenen Beruf und einer hellen, unbeschwerten Familie. Deshalb stand für sie fest:

„Jetzt musst du aber mal zum Augenarzt. Gleich diese Woche!“

Die Kurzsichtigkeit war dann tatsächlich nicht unerheblich, und die erste Brille mit einem dunklen Horngestell ließ Friedhelm die Welt auf andere Weise erleben. Nie würde er sein Erstaunen vergessen, als er an der Haltestelle auf einmal den Namen der Straßenbahn klar und deutlich erkennen konnte und den schwarzen Schriftzug auf dem gelben Straßenschild, der eindeutig verkündete, dass Köln genau 14 km entfernt war.

Dieses Ereignis, das eine neue Phase in seinem Leben einleiten sollte, war wieder einmal auf einen kleinen Schubs zurückzuführen, den ihm seine Mutter gegeben hatte, wie schon öfter, wenn sie das für nötig gehalten hatte. Wie er sich von ihr weggeschubst gefühlt hatte, als er sich eines Tages selber waschen sollte, vor allem an den Stellen, an denen sie es nicht mehr für angemessen hielt, weil er nun sei, das für sich selber zu tun. Und wie der Schubs, mit dem sie später ihrem Mann befohlen hatte, nach ihrem Tod, den sie da schon vorausahnte, noch einmal zu heiraten, weil er andernfalls unter die Räder kommen würde. Uneigennützige Schubse aus Vorsorge und aus Angst vor dem Absturz nicht nur von sich selber, sondern auch von den beiden, die sie liebte. Schubse, die sie für notwendig hielt, auch wenn es ihr schwerfiel.

„Männer sind wie Akelei“, pflegte sie zu Karneval zu sagen, der einzigen Gelegenheit, bei der sie sich ein wenig gehenließ, „oft blau und empfindlich. Wenn man sie in Ruhe lässt, verbreiten sie ihren Samen weit in der Gegend umher.“

Der Keller

In der ältesten Erinnerung Friedhelms flossen diese Eigenschaften seiner Mutter zusammen. Doch überwog das Zittern ihrer schlanken mageren Hände, das er nicht ertragen konnte. Und das ängstliche Dunkel in ihren Augen, wenn sie ihn mitten in der Nacht aufweckte, zärtlich und aufgeregt zugleich.

„Friedhelm, aufwachen!“ Ihre Stimme versuchte ihre gewohnte Zärtlichkeit beizubehalten. Doch war ihre schmale Hand anders, nicht so liebevoll wie gewohnt, eilig, aufgeregt. Das spürte er gleich. Und da war dieses unangenehme Heulen in der Luft, drang von draußen wie ein riesiger Wolf in den Frieden ihres Schlafzimmers. Und als sie ihn aus dem Kinderbettchen hochhob, spürte er die Kälte an den Wänden des ungeheizten Raums mehr als doppelt so stark wie sonst. Dabei schwoll der unangenehme laute Ton aus apokalyptischer Höhe an, sank wieder ab, als wollte er ihn kurz einlullen. Um dann umso aggressiver wieder anzuschwellen. Und dann noch mal, noch mal, wieder und wieder. Er ließ ihnen keine Ruhe, wühlte sie im tiefsten Inneren auf, zog ihnen jede Art von Sicherheit unter den Füßen weg.

Damals ahnte er noch nicht, dass dieser Ton einmal eine bleierne Legierung bilden würde aus den Ängsten seiner Mutter, dem Gesicht des Pastors hinter dem Gitter im katholischen Beichtstuhl und dem Schweiß auf der Stirn eines Jesuiten, der ihnen in der Aula des Gymnasiums eine Aufklärungslektion erteilen wollte. Eine Legierung, die sich vor allem in den Hoden und den von dort ausgelösten Gefühlen ablagerte, aber auch in den Teilen des Gehirns, die sich mit den Reizen des anderen Geschlechts beschäftigten.

Vorerst war da aber nur dieses Heulen aus der Höhe, allmächtig und unendlich hoch, gleichzeitig in der Lage, brutal zuzugreifen. Später würde für Friedhelm Gott ein Bruder dieses Heultons sein, vielleicht sogar Jesus, weil er ja angeblich gleichzeitig Gott sei und deshalb als Mensch nicht richtig zu begreifen. Gott gegenüber aber gäbe es als Lösung nichts als die totale Unterwerfung, die einzige Möglichkeit, ihn auszuhalten. Besser sogar noch, wenn man seine Unterwerfung auf Liebe umstellte. Doch fand das Heulen unerwartet irgendwann ein Ende. Mit dem späteren Ende Gottes war es wesentlich komplizierter. Das Heulen endete erst einmal in der wohligen Wärme des Kellers, der Decke, die seine Mutter um ihn geschlungen hatte, und den vertrauten Stimmen der Nachbarn.

Wenn man die steile Treppe hinuntergestiegen war, gelangte man auf den Flur des Kellers, von dem aus die verschiedenen Verschläge aus grob zurechtgehobelten Latten abgingen, mit Vorhängeschlössern vor den leichten Türen. Dahinter die Regale mit den Krügen für die eingemachten grünen Bohnen, die so fürchterlich stanken, wenn man sie öffnete, dem Geruch der Einkellerungskartoffeln und dem Staub der Kohlen oder Briketts, die über die Rutschen von den Händlern aus den Säcken geleert worden waren, Vorräte für die eisige Winterzeit. Später würde Friedhelm vor sich selber eine Mutprobe ablegen, wenn er den schwarzen Lichtschalter möglichst spät erst umdrehte, bevor er diese Stufen hinunterstieg, um etwas aus dem Keller zu holen. Nun aber herrschte eine fast gemütliche Atmosphäre in der Versammlung der Nachbarn, die alle gemeinsam die Zeit abwarteten, bis die Entwarnungssirene ertönte. Zumindest empfand der kleine Friedhelm das so. Schon früh hatte er gelernt, sich diese Welt aus Zufriedenheit zu bauen, einer Zufriedenheit, die sich zusammensetzte aus einer langen Flucht von Traumräumen und dem Geplaudere seiner Umgebung, vor allem, wenn sie ihn selber als Mittelpunkt auserkoren. Er hörte ihre vertrauten Stimmen aus seiner Zinkwanne heraus, in der ihn seine Mutter mit der blauen Kinderdecke auf den Kohlen gebettet hatte, wie auf einem königlichen Diwan. Und er genoss die Blicke, die seine kindliche Aufgeschlossenheit und Munterkeit bewunderten, die längst schon wieder an die Stelle dieser tiefen Angst getreten war, als er das Zittern der Hände seiner Mutter spürte.

Holzbein oder Verstopfung

Atemlos lief Friedhelm über die langen Bohlen unter den Wäscheleinen. Im Nacken das unaufhaltsame Poltern. Das immer näher kam. Und das frohlockende Lachen, das ihm Angst machte. Der schwere unregelmäßige Takt ihrer Beine, unüberhörbar das drohende Aufstampfen des schwereren Holzbeins. Tak-Taak, Tak-Taak.

„Du kriegst mich ja doch nicht!“ hatte der Wettlauf begonnen.

„Und ob ich dich kriege!“ ihre selbstsichere Antwort.

Seit Längerem standen sie in diesem ungleichen, grotesken Konkurrenzverhältnis zueinander. Der kleine dreijährige Friedhelm und seine neunzehnjährige Kusine Lieselotte. Den Anlass für den Wettlauf hatten sie später beide vergessen. Auch das Ende des für Friedhelm verlorenen Rennens. Er wusste nicht mehr, ob es in einer Ohrfeige endete oder in einem Langziehen eines Ohrläppchens. Hauptsache war ja ihr Triumph und Friedhelms Niederlage. Der Hintergrund der Konkurrenz sollte aber ein Leben lang erhalten bleiben. Friedhelm war und blieb sozusagen der Hoffnungsträger der ganzen Familie. Und Lieselotte empfand wohl immer so etwas wie Eifersucht, wenn ihre eigene Mutter, Tante Anna, ihren Neffen Friedhelm auf ihren Schoß zog, ihn abküsste und dabei „Minge ahle Jong“ von sich gab, liebevoll begeistert und gleichzeitig besitzergreifend. Zumindest empfand Friedhelm das so.

Bei dem Bombenangriff auf das rechtsrheinische Köln im Juli 43 war die Oma ums Leben gekommen. „Erstickt. Feindeinwirkung“ sollte Friedhelm als Erwachsener einmal die lakonisch-bürokratische Eintragung in ihrer Sterbeurkunde lesen. Tante Annas Gesicht wurde durch Splitter verheert und ihr halbierter Kiefer stand schief, Opas Kopf wurde so zugerichtet, dass seine Verwandten ihn im Krankenhaus kaum wiedererkannten. Die hübsche lebenslustige Lieselotte verlor ein Bein bei der Zerstörung des Bunkers, in den sie sich geflüchtet hatten. Deshalb waren sie alle zusammen mit Friedhelm, seiner Mutter und Mutters Schwester Käthchen nach Falken bei Chemnitz evakuiert worden. Hier wohnten sie auf der ersten Etage einer Gastwirtschaft und Brauerei. In drei Schlafzimmern und einer gemeinsamen Wohnküche.

In einem anderen Haus wohnten Tante Lene und ihre Tochter Marlene. Tante Lene war die Frau von Onkel Urban, einem Vetter von Friedhelms Vater. Als sie bei der Ortsverwaltung registriert wurden, hatte die Beamtin ungläubig auf die Namen der Väter von Marlene und Friedhelm geschaut und entsetzt gefragt: „Haben die Kinder den gleichen Vater?“ Ein Bigamieverdacht kam auf, da beide Urbane auch noch den gleichen Familiennamen hatten. Später wurde in der Familie noch oft über diese Szene gelacht. Sie hatten sie ja schon einmal erlebt, als sie zusammen von der Organisation „Mutter und Kind“ wegen der Bombenangriffe auf Köln 1941 in den Bregenzer Wald geschickt worden waren.

Viel gelacht wurde in der Familie immer noch, obwohl die Umstände überhaupt nicht danach waren. Gelacht wurde über Friedhelms Sächsisch-Kenntnisse, die er mittlerweile erworben hatte. „Reschen wermer krieschen“ gab er ganz geläufig von sich, diesen sächsischen Spruch mit seiner doppelten Bedeutung von „Regenwürmer kriechen“ und „Regen werden wir kriegen“, mit dem die Einheimischen sich über ihre eigene Sprache lustig machten. Gelacht wurde auch, wenn Friedhelm sich auf einen Stuhl stellte, um das Gedicht „Paulinchen war allein zu Haus“ aufsagte, aus dem Struwwelpeter, dem ersten Buch, welches er kennenlernte. Das Lachen ging schon los, wenn er seinen Vortrag mit „Verbeugung“ begann, nicht nur mit der Geste der Verbeugung, sondern auch sozusagen seiner Vertonung. „Paulinchen war allein zu Haus. Die Eltern- Wer sind denn die Eltern? –Die Eltern sind Papa und Mama- waren beide aus.“ So hatte er es beim Vorlesen von seiner Mutter gelernt und deren Kommentare mit in den Vortrag aufgenommen, zuerst ganz naiv, später wohl, weil der den Beifall genoss, den diese Kommentare hervorriefen. Und seine Mutter genoss den Beifall ebenfalls. Gelacht wurde auch über Friedhelms Umgang mit Nadja, der russischen Magd auf dem benachbarten Bauernhof der Familie Goldhahn. Auch bei dieser Magd genoss er die Aufmerksamkeit, wenn die fülligen bloßen Arme ihn hochhielten und er die Milch der gemolkenen Kuh direkt in den Mund gespritzt bekam, einerseits etwas ekelhaft oder sogar unheimlich, andererseits wohlig warm, und – wie gesagt, die Aufmerksamkeit und das Lachen der Zuschauer.

Gelacht wurde auch über die Geschichte mit dem Apfelklau. Monika und Dieter waren gleichaltrige Kinder einer Familie aus Chemnitz, die ebenfalls in dem großen Haus untergebracht war. Das große Haus mit der schiefergedeckten Fassade und ihren zahlreichen Fenstern war nicht nur Gastwirtschaft, sondern auch eine Brauerei, mit einem angebauten Tanzsaal. Die Familie Sparmann, der das Anwesen gehörte, stellte auch Apfelsaft her. Die Äpfel lagen oft auf einem riesigen Haufen im Hinterhof, wo sie und ihre roten Rundungen den Kindern, die selten etwas Süßes genossen, in die Augen stachen. „Friedhelm, hol doch mal einen Apfel aus dem Haufen!“ hatten die Kinder den Kleinsten und Jüngsten, nämlich Friedhelm, angestiftet. Weil er ihnen einen Gefallen erweisen wollte, näherte er sich prompt dem Haufen und griff sich den Schönsten heraus. Gleichzeitig wusste er aber, dass da etwas Unerlaubtes mit im Spiel war. Von Anfang an hatte ihn seine Mutter ja streng gegen Lügen und Stehlen erzogen. Er fand dann auch gleich einen Ausweg zwischen der Scylla des Gefallens für die anderen Kinder und der Charybdis seiner mütterlichen Gebote. In der einen Hand hielt er den erbeuteten Apfel, mit der anderen Hand bedeckte er seine Augen. „Was du nicht siehst, kann auch nicht Wirklichkeit sein.“ Ob die Szene von Erwachsenen beobachtet wurde, oder ob die anderen Kinder sie weitererzählten, blieb in der Zukunft unklar.

Über andere Dinge lachte die Familie nicht. Teilweise, weil sie nichts davon erfuhr, teilweise weil es wirklich nicht zum Lachen war. Wegen der Pinkelszene hatte Friedhelm aber jahrelang später ein schlechtes Gewissen oder träumte sogar davon. Monikas Bruder Dieter und Friedhelm standen nebeneinander auf einem Mäuerchen, vor ihnen Dieters Schwester Monika. Da trieb es die beiden Jungen dazu, ihren Hosenschlitz zu öffnen und auf das Mädchen herunterzupinkeln, so dass es zeternd davonlief. Auch diese Szene rief in Friedhelm wieder ein widersprüchliches Gefühl hervor, eine unklare und unbegreifliche Lust auf der einen Seite und ein schlechtes Gewissen gleichzeitig.

Ähnlich war es auch mit der Tuchszene aus dem Fenster heraus. Friedhelms kostbarstes Spielzeug war ein kleines Samttuch, auf dem zahlreiche Abzeichen befestigt waren. Dieses Tuch ließ er oft an einer langen Kordel wie ein Triumphzeichen oder einen Köder aus dem Fenster nach unten. Es sollte von den anderen Kindern gesehen, womöglich beneidet werden. So ließ er das Tuch verführerisch bis in die Nähe der Kinder auf dem Hof baumeln. Aber es durfte um Gottes Willen nicht in deren Hände fallen. Deshalb zog er es schleunigst wieder hoch, wenn diese danach greifen wollten. Ein wahrhaft seltsames Spiel, den Erwachsenen wahrscheinlich gar nicht bekannt.

Bekannt und im Mittelpunkt des Interesses seiner Mutter und der Verwandtschaft aber war Friedhelms Nuckel. Er war schon drei oder sogar vier Jahre alt, als er sich zum Leidwesen seiner Mutter immer noch nicht von diesem Utensil trennen konnte. Und da traten wieder einmal die unterschiedlichen Vorstellungen von Erziehung bei seiner Mutter und Tante Anna zutage. Tante Anna ergötzte sich daran, wenn Friedhelm den von ihr mit Zucker bestreuten Nuckel abschleckte. Seine Mutter aber versuchte ihm seit längerer Zeit das Nuckeln abzugewöhnen. Sie schämte sich schon ein wenig, dass ihr Söhnchen immer noch nuckelte. Das schien ihr nicht mehr altersgemäß. Und wie immer unternahm sie dann Anstrengungen, ihn in seiner Entwicklung voranzubringen. Aber mit Überredung. Die lange nicht fruchtete, aber schließlich doch, als sie ihm wieder einmal erklärte, er sei doch nun schon so groß, dass er ohne Nuckel auskommen könne. Und als er den Nuckel dann auf ihre Veranlassung und in ihrem Beisein ins Feuer warf, empfand er sogar eine gewisse Genugtuung bei der Vernichtungsaktion.

Lange Zeit bekam Friedhelm vom Krieg hier in Sachsen nichts mit. Er lebte und spielte innerhalb seiner Familie, Tante Anna machte manchmal Spaziergänge mit ihm und Opa in den nahegelegenen Wald. Nur in einem seltsamen Bilderbuch tauchten brennende Flugzeuge auf, was er aber mehr genoss und interessant fand. Und als seine Familie von einem Piloten erzählte, der in der Nähe mit seinem Fallschirm gefunden wurde, berührte ihn das kaum. Aber angenehm berührt war er, als seine Mutter mit ihm seinen Papa in Hanseberg in der Neumark besuchte. Seine Mutter hatte durch Erzählungen und Bilder stets das Bild seines Vaters in ihm wach gehalten. So konnte sein Papa die vierjährige Gegenwart seines Sohns mit Freude genießen. Wie der Kleine voller Freude auf seinen Schultern saß, ihm seine wenigen Haare durcheinanderstrubbelte oder mit ihm im Gras auf einer Wiese herumtobte. Anders als zwei Jahre davor, als er in einem Heimaturlaub seinen zweijährigen Sohn am Abend in seinem Kinderbettchen begrüßte und der ihn befremdet mit „Tach, Onkel!“ anredete, zu Papas großer Enttäuschung.

Dass der Krieg etwas Bedrohliches, Unheimliches war, wurde Friedhelm erst wieder bewusst, als eines Tages alle zusammen den Atem anhielten und bei verdunkeltem Fenster auf ein unheimliches mahlendes Geräusch lauschten, das sich langsam, aber unaufhaltsam näherte: Amerikanische Panzer, die das Dorf und die Umgebung besetzten. Die anschließende Einquartierung der Soldaten hatte aber eher wieder angenehme Seiten. Zwar schimpfte man darüber, dass die Soldaten ihr Weißbrot, kaum dass es Schimmel angesetzt hatte, in den Mülleimer warfen, statt es ihnen zu überlassen, wo doch die Versorgung mit Nahrung nun immer schwieriger wurde. Aber wenn dann Lieselotte mit ein paar Riegeln Schokolade aus dem großen Tanzsaal nebenan zurückkam, war das alles wieder vergessen. Lieselotte erregte ja bei den Soldaten wegen ihres schönen Äußeren durchaus positive Gefühle, die noch verstärkt wurden durch ihr Mitleid, wenn sie ihre Holzprothese erblickten.

Ein paar Monate später traten an die Stelle amerikanischer Soldaten die russischen. Nun wollten alle möglichst schnell wieder in die Heimat zurück, nach Köln, was aber nicht so ohne Weiteres möglich war. Zwar besaßen sie mittlerweile russische Personalausweise, aus denen ihre westliche Herkunft hervorging, doch war zunächst ein legaler Grenzübergang in den Westen nicht möglich. So machten sie sich bei Nacht und Nebel auf, in der Nähe von Hof in Bayern über die grüne Grenze in den Westen zu gelangen.

In dem Wirtshaus an der Zonengrenze spielten Friedhelms und Lieselottes Konkurrenz zueinander zunächst keine Rolle. Jetzt hatten sie realere Sorgen. Wie sie auf den Holzbänken im Wirtsraum eine Lage finden konnten, die ihnen ein paar Stunden Schlaf ermöglichte. Die Frage, ob ihnen die Flucht gelingen würde. Wie sie genau ablaufen würde. Wie anstrengend oder aufregend sie sein würde.

Nach unruhigem, oft gestörtem Schlaf wurden sie geweckt. Es ging los, in einer Gruppe von vielleicht zehn oder zwölf Leuten, in der Dunkelheit hinter einem Bauern aus der Umgebung her, dessen Dialekt sie schlecht verstanden. Nach halbstündigem Stolpern, zuerst noch auf einer Straße, dann auf einem Waldweg, zum Schluss auf knackenden Ästen durch einen Fichtenwald, bis sie an eine Straße mit einem tiefen Graben dahinter gelangten. Hinter dem Graben eine Böschung.

„Jetzt müsst ihr gleich loslaufen. Alle zusammen. Die Böschung nach oben, und dann immer geradeaus. Aber alle zusammen. Nach fünf Minuten seid ihr drüben.“

Mit einem Holzbein einen steilen Hang hinauflaufen, und das noch in einer stockfinsteren Nacht. Das musste ja schiefgehen. Friedhelms Mutter erklärte das Misslingen später immer so. Die Kusine führte das Scheitern aber auf ihn, Friedhelm, zurück. Das Problem hatte sich bei ihm ja immer in Situationen eingestellt, wenn es schnell gehen sollte, und wenn es um Entscheidendes ging. So könnte es auch hier tatsächlich so gewesen sein, wie seine Kusine es später –nicht ohne einen gewissen Triumph in der Stimme oder sogar eine gewisse Gehässigkeit- darstellte, dass Friedhelm es war, der die Sippe im Graben vor dem Aufstieg in die Freiheit mit seinem unstillbaren Bedürfnis nach Entleerung aufhielt, welches nicht zum Zuge kam. Bis das Zeitfenster für die Flucht sich geschlossen hatte, und ihnen nichts anderes übrig blieb, als den Rückmarsch zu dem Wirtshaus und danach nach Sachsen anzutreten. Später träumte er manchmal von erschreckenden Schüssen, die in diesem Fichtenwald ertönten. Vielleicht war der Grund für das Scheitern also weder das Holzbein, noch die Verstopfung.

Danach unternahmen sie eine legale Flucht in den Westen, über das Auffanglager Friedland. Bei den endlosen Eisenbahnfahrten zurück aus Sachsen nach Westdeutschland konnte man froh sein, wenn man es an der Hand der Mutter geschafft hatte, über den von Menschen vollgestopften Gang des Waggons zur Toilette zu gelangen, und die dann auch endlich frei war. Natürlich standen gleich die nächsten Anwärter auf den „Thron“ vor der Tür. Und so sollte das Privileg in Eile genossen werden. Und deshalb funktionierte es nicht. Der Drang war da, aber nicht die Möglichkeit. Also wieder zurück zum Platz im Abteil.

Natürlich dauerte es nicht lange, bis der Drang sich von neuem meldete. Zum Glück legte der Zug einen der zahlreichen unerklärlichen Halte auf freier Strecke ein. Also schnell zur nahegelegenen Tür und raus. Da aber dort ständig die plötzliche Weiterfahrt drohte, auch wieder nur der Drang ohne Realisierung. Zurück ins Abteil. Tränen, die wachsende Nervosität der Mutter und das Mitleid der Mitreisenden. Dieses Mitleid ließ plötzlich einen riesigen leeren Gurkentopf auftauchen, der zur Verrichtung des sehnlichst herbeigewünschten und nicht verwirklichten Bedürfnisses benutzt werden durfte. Aber nun die ungewohnte Öffentlichkeit und die Angst, das Ziel zu verfehlen. Auf diesem merkwürdigen kalten Sitz. Wieder nichts. Zum allgemeinen Bedauern des Publikums. Und zum Entsetzen seiner Mutter.

Kaum vorstellbar, wie sie schließlich dann doch im Lager Friedland anlangen konnten. Und hier wurde alles nicht besser. Um das nötige Geschäft zu erledigen, mussten sie bei triefendem Regen matschiges Gelände zwischen den Baracken durchqueren. Und die Nervosität der Mutter war fast noch schlimmer als das eigene Leiden. Dann das Warten in den überfüllten und feucht riechenden Räumen. Das Warten auf die unsägliche Entlausung, dieser Gestank und das atemberaubende weißliche Gas.

Marmeladenbrot von Opa und die
Rückkehr an den Waldrand

Es war nicht nur seine imponierende Größe, die Friedhelm Respekt einflößte, sondern mehr noch sein Gesicht. Der Kopf mit der hohen Stirn und der blanken Glatze, dazu die fleischigen Lippen. Aber vor allem hatte er diese Miene von damals im Sinn. Vor der Jauchegrube im Hinterhof hatte der dunkle Holzblock gestanden. Friedhelm wusste, dass er nicht zu nahe an die Jauchegrube herangehen durfte, weil sie zu gefährlich war. Und diese Gefährlichkeit konnte man ja schon riechen und nicht nur sehen. Es roch wie aus dem Plumpsklo neben Omas Küche, nur verstärkt, konzentriert, mit einer Schärfe, die wohl aus der dunklen, undurchsichtigen Bräune der Brühe stammte. An einigen Stellen zeigte sie einen giftigen gelblichen Schaum obenauf. Und dann gab es da dieses Gerücht, dass schon einmal jemand hineingefallen sei, den man nie mehr retten konnte. Dann das aufgeregte Geflatter und Gezeter des Tiers, als Opa es aus dem Hühnerstall zog. Er fasste es nun mit der Linken und nahm das Beil in die rechte Hand. Hier schon hatte sein Gesicht die Züge angelegt, die dem Jungen Zorn und pure Grausamkeit anzeigten. Zusammengekniffene Augen und rote Haut. Dann die unbarmherzige Linke, die das Tier an den Füßen auf den Block niederdrückte, und der brutale heftige Schlag mit dem Beil auf den Hals, der noch versuchte sich wegzudrehen. Vergebens! Das Blut rann auf den Block, das grausame Gesicht des Opas und Friedhelms Entsetzen sahen das Huhn auf den lehmigen Boden fallen. Und dort –die Fortsetzung des Schreckens- lief es noch ein paar Schritte. Ohne Kopf! Bis es tot zusammenfiel. Das Beil in Opas Hand hing herunter, als wäre es genauso baff wie die beiden ungleichen Menschen.

Hinter dem Hinterhof begann der lange Garten seiner Großeltern. Am Anfang eine Wiese, auf der die beiden Schafe weideten. Sie waren mit Leinen an einem eisernen Pflock befestigt, damit sie das Gras möglichst effektiv abfraßen. Und dieser Pflock musste ab und zu versetzt werden, um so die Schafe eine andere Partie der Wiese erreichen zu lassen. Die Schafe hatten aber ihren eigenen Willen. Der sich von dem des Opas unterschied. Was diesen wohl zur Weißglut brachte. So erschien es Friedhelm, als er den Eisenpflock in Opas rechter Hand erblickte. Und gleichzeitig diesen fürchterlichen Zorn in seiner Miene. Der Zorn schlug den Pflock dann gegen die Stirn der Schafe, zuerst des einen, dann des anderen, dass es krachte. Da erst wurde deutlich, dass hinter der Wolle der Stirn etwas Hartes steckte, hart wie Holz oder sogar so hart wie das Eisen in Opas Hand. Und wieder die Röte in seinem Gesicht und die zusammengekniffenen Augen.

Dieses Gesicht hatte Friedhelm dunkel in Erinnerung, als sie nun den Hof durch das offen stehende grüne Metalltor betraten. Er fürchtete sich ein wenig, hatte ein mulmiges Gefühl im Magen. Aber dann wurde es ganz anders. Der große, aufrechte Mann mit der Glatze trat aus der offenen Küchentür und begrüßte Friedhelm und seine Mutter freudig. Sie hatten gerade die endlose Trümmerwüste von Köln mit ihren Trampelpfaden und der Holzbrücke über den Rhein passiert, die Friedhelm Angst machte, weil zwischen den einzelnen Bohlen das dunkle Wasser des Rheins durchschimmerte und gluckste.

Wie zur Entschuldigung meinte der Opa:

“Oma ist aber nicht zu Hause.“

Dann- nach einem Zögern:

“Setzt euch mal solange ins Wohnzimmer!“

Friedhelms Mutter stellte ihren Koffer vor den Herd in der Küche und nahm Friedhelm seinen Rucksack ab. Sie stiegen die zwei Stufen zum Wohnzimmer hinauf und setzten sich an den Tisch mit der weißen Stickdecke. Dort hatten sie immer nur sonntags oder an Feiertagen gesessen.

„Wo ist die Oma denn?“ rief Mutter in die Küche hinunter. „Einkaufen oder bei Tante Dela?“

Tante Dela war die Kusine der Oma, die zwei Häuser weiter wohnte.

„Nein“, kam Opas Stimme aus der Küche. „Zur Rosenkranzandacht.“

Nun hörten sie das Klappern von Geschirr aus der Küche, und nach einigen Minuten kam der Opa mit etwas ins Wohnzimmer, was ihnen wie ein Teil aus dem Paradies vorkam: mit einer Schnitte von weißem Blatz, bestrichen mit Butter, die Friedhelm fast nur vom Hörensagen kannte, und mit Johannisbeergelee. Das Schönste aber war: Er hatte sie selber geschmiert.

Ahnte der Großvater vielleicht, dass es ihnen nicht besonders gut ging? Oder meinte er, da die Großmutter nicht zu Hause war, er müsse jetzt die sonst für alles sorgende raue Herzlichkeit der Oma ersetzen? Oder hatte Friedhelm bisher einfach ein falsches Bild von diesem Mann gehabt? Die Brutalität und Grausamkeit in seinem Gesicht verschwand völlig im Hintergrund der Erinnerung. Und da war jemand oder etwas, was sie anders erklärte: Vielleicht war es ja Hilflosigkeit und Wut über seine eigene Schwäche gewesen, die die fürchterliche Mimik hervorgerufen hatte und nicht angeborene Neigung zum Zorn, wie Friedhelm es verstanden hatte.

Sie bezogen nun wieder ihre alte Wohnung am Mauspfad. Eigentlich war es ja nur eine halbe Wohnung. Sie teilten sich die Wohnung mit Familie Dabringhausen. Die fünf Stufen von der Haustür führten zu einem quadratischen großen Flur mit einer Toilette und einem Badezimmer mit Wanne, die von beiden Familien benutzt wurden. Links befand sich die Wohnküche der Dabringhausens, geradeaus die ihre, rechts davon das Schlafzimmer mit dem Elternbett und am Fenster Friedhelms Bett. Rechts vom Flur ging es in Dabringhausens Schlafzimmer, ebenfalls mit einem Elternbett und daneben dem Bett von Else, die ein Jahr jünger war als Friedhelm. Else war für Friedhelm wie eine Schwester, ihr Verhältnis zueinander wie Katze und Hund, wie die Erwachsenen oft sagten.

Besser gefielen Friedhelm die Geschwister Sabine und Renate, die zwei Etagen über ihnen wohnten. Mit ihnen spielte Friedhelm manchmal „Vater, Mutter, Kind“ zusammen im Vorgarten, der von Ligusterhecken gesäumt war, die im Sommer einen betörenden Duft von sich gaben, oder neben dem Haus im Sand an der Teppichstange. Wenn dann Renate als die Jüngere bei ihm als Vater auf dem Schoß saß, hatte er oft Gefühle, die keine väterlichen waren.

Bei schlechtem Wetter war ihr Spielplatz manchmal der Schuppen hinter dem Haus. Jede der fünf oder sechs Familien aus dem Haus hatte dort einen eigenen Holzschuppen, in dem vor allem Holz- oder Kohlevorräte lagerten, die man zum Feuern der Herde brauchte, die als sogenannte Öfen in den jeweiligen Wohnküchen standen. Obwohl die Wohnungen, wie gesagt, eigentlich nur halbe Wohnungen waren, stand den Kindern doch genügend Raum zum Spielen zur Verfügung. Hinzu kam ja, dass die Straße kaum befahren war und somit wie der anschließende riesige Wald ein weiteres Riesenspielgelände darstellte.