ANAQAM

Die Schamanin

Ein Roman von Cengiz Erbektas

Alle Charaktere, Handlungen und Dialoge im Roman sind frei erfunden. Sämtliche Ähnlichkeiten sind rein zufällig.

Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung oder Vervielfältigung dieses Romans sowie die Übersetzung ist nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors gestattet.

Copyright © 2020 by Cengiz Erbektas
Am Wolfsgraben 23, 67547 Worms
cengizerbektas@outlook.com
Korrektorat: Rafaela Wolf
Umschlaggestaltung: Gizem Akkaya

Imprint: Independently published
ISBN: 9798645588090

Prolog

Es war Mittag, als mein Onkel Purtas das Auto am Fuß des Berghanges infolge durchdrehender Räder in einen Graben parkte und andeutete, den restlichen Weg zu Fuß gehen zu müssen. Als wir aus dem Auto ausstiegen, kam uns eine windige Brise entgegen. Ich nahm meine Jacke und wickelte einen dicken Schal um meinen Hals. Gegen all meinen Protest hatte er die verrückte Idee, mich zu einem Schamanen zu bringen. Ein Aufsuchen, das hier, in der äußersten Bergregion durchaus üblich war; vorausgesetzt natürlich, man kannte einen. Obzwar er humorvoll meinte, man müsse mir die bösen Geister austreiben, war es ihm ernst damit. Er war überzeugt, dass nur ein Schamane mir helfen könne. Seit geraumer Zeit war mein Onkel mein notgedrungener Gastgeber. Als ich bei ihm eingetroffen war, hatte ich ihm von meiner Lage berichtet, genauer gesagt, von meinem finanziellen Ruin und wie mir mittlerweile zumute war. Mein Selbstbewusstsein und mein Glaube an mich waren verflogen, ich fühlte nur noch schmerzliche Leere. Es war offenkundig, dass ich nicht nur eine finanzielle Krise, sondern auch eine Existenzkrise durchlebte. Jahre zuvor hatte ich bereits Ähnliches durchgemacht. Damals war ich so verzweifelt, dass ich kurz davor war, mir das Leben zu nehmen. Seitdem lavierte ich mit einer latenten Todes-sehnsucht durchs Leben. Oft dachte ich daran, dass ich vielleicht all meine Probleme nicht hätte, wenn es mir finanziell besser gehen würde. Zumindest dachte ich zu diesem Zeitpunkt, dass dies ein Grund sei, denn mein ganzes Leben lang lebte ich in Armut, genauso wie meine Eltern und deren Eltern davor. Von Generation zu Generation ging die Armut an den nächsten über, wie eine Krankheit - ein Fluch, der an den nächsten vererbt wurde. Und egal, wie sehr ich mich bemühte, etwas dagegen zu tun, kehrte ich genau dahin zurück, wo ich nicht sein wollte. Es gab eine unsichtbare Wand, die ich nicht durchbrechen konnte. Doch niemals hätte ich daran gedacht, für mein Heil einen Schamanen aufzusuchen. Ich war kein gläubiger Mensch und versuchte, alles, was mir widerfuhr, innerhalb meines intellektuellen Verständnisses zu begreifen. Letzten Endes gab ich dem Drängen meines Onkels nach, weil seine Argumente entweder eine ungewöhnliche Suggestivkraft hatten oder mein Zustand in mir das Bedürfnis weckte, etwas gegen meine scheinbar unlösbaren Probleme zu unternehmen, auch wenn dies durch Praktiken erfolgen sollte, die mir suspekt erschienen.

»Vielleicht hätten wir doch lieber die Pferde genommen«, äußerte Purtas kritisch, nachdem er sich prüfend umgeschaut hatte.

»Wie weit ist es denn, Onkel?«

»Bis zu diesem Berg dort drüben«, antwortete er und zeigte mitten durch die Bäume auf eine entfernte Bergspitze. »Wir müssen uns beeilen, sonst wird es zu dunkel, um zurückzu-kehren.«

Er nahm eine Tüte mit Geschenken aus dem Auto und überreichte sie mir. Es waren je eine Packung Zucker, Milch und Gebäckstücke, die für den Schamanen bestimmt waren. Dann ging er voraus und ich folgte ihm auf einem matsch-igen Feldweg, der einen Hügel hinaufführte. Oberhalb des Hügels folgten wir einem schmalen Feldweg, welcher geradewegs in den dichten Bergwald führte. Die Nacht zuvor hatte es geregnet, so dass unser Pfad mit Pfützen und Matsch übersät war. Beim Gehen vermutete ich, dass Purtas schon früher hier in der Gegend gewesen war, denn der Pfad war kaum sichtbar, sodass man ihn nur erkannte, wenn man unmittelbar davorstand. Im dichten Wald stiegen wir entlang eines sich abwärts schlängelnden Baches in die höheren Berge. Nach einer gewissen Zeit schaute ich auf meine Uhr und fragte Purtas, wie lange wir brauchen würden. Er meinte, dass wir am Nachmittag unser Ziel erreichen würden. Um die Zeit zu vertreiben, fragte ich, ob er mir etwas über den Schamanen erzählen könne. Er erklärte, dass die einheimische Bezeichnung für Schamane »Qam« sei und der Schamane, den wir aufsuchten, »Anaqam« genannt werde. Er erzählte, dass dieser manchmal so geheimnisvoll sprach, als würde er mit jemand anderem reden oder sich über ein anderes Thema unterhalten. Aus diesem Grund solle ich gut zuhören, wenn der Schamane mit mir sprach. Ich fragte, ob Anaqam sein richtiger Name sei. Er sagte, dass niemand seinen richtigen Namen kenne. Dann fing er an, erstaunliche Geschichten über den Schamanen zu berichten, über sein Wissen, seine Fähigkeiten und seine Wundertaten. So sollte er in der Lage sein, sich mit Tieren zu unterhalten oder mit Geistern zu sprechen.

»Dieser Schamane, von dem du sprichst, Onkel«, wandte ich ein und versuchte, nicht belustigend zu wirken, »er kann mit Geistern sprechen?«

Doch mein Unglaube war ihm nicht entgangen.

»Ich weiß, du glaubst nicht daran«, sagte er beschwich-tigend. »Das verstehe ich. Es gibt einige Personen, auch welche, die ich persönlich kenne, die mit eigenen Augen Anaqams Kräfte gesehen haben. Nun, ich gebe zu, solche Phänomene sind ungewöhnlich für uns, darum wird der eine oder andere nicht recht wissen, wie er sie erklären soll und etwas Eigeninterpretation mit einfließen lassen. Ich denke aber, ein gewisses Maß Wahrheit steckt in diesen Erzäh-lungen.«

»Du glaubst doch nicht etwa wirklich daran, Onkel?«, wiederholte ich skeptisch. Diese Seite an meinem Onkel überraschte mich. Ich persönlich hielt abergläubische Menschen generell für ungebildet. Mich verwunderte es nur, dass mein Onkel daran glaubte. Ihn hielt ich immer für einen Intellektuellen; jemand, der sonst alles hinterfragte und niemand, der an abwegige Geschichten glaubte. Immerhin war er pensionierter Lehrer. Für mich selbst waren das erfun-dene Märchen; mehr Fabeln als etwas Tatsächliches.

»Spätestens, wenn du den Qam triffst wirst du deine Mei-nung ändern«, fuhr er fort. »Ich bin mir sicher, dass dir geholfen wird.«

Er grinste verschmitzt. Ich bemerkte, dass er mich über-zeugen wollte, aber ich ließ mich nicht darauf ein.

»Findest du nicht, dass das Geschichten sind, um leicht-gläubige Menschen wie dich an der Nase herumzuführen, Onkel?«

Es war mehr eine Behauptung meinerseits als eine tatsäch-liche Frage. Der Gedanke amüsierte mich so sehr, dass ich lachen musste und mit weiteren Bemerkungen darüber scherzte. Aber er ließ sich von mir nicht anstecken. Im Gegenteil, es gefiel ihm in keiner Weise, was ich gesagt hatte. Ich bemerkte, wie er das Gesicht zu einer ernsten Miene verzog.

»Hör auf, dich darüber lustig zu machen«, sagte er streng. »Viele Menschen, die es praktizierten oder daran glaubten, wurden als Heiden und Ungläubige verfolgt, nur, weil andere sie eines Besseren belehren wollten. Diese Zeiten sind zwar vorüber, aber ein echter Qam ist nach wie vor selten anzutreffen. Du solltest es zu schätzen wissen, dass wir für dich einen besuchen werden.«

Er war verstimmt. Es war nicht meine Absicht gewesen, ihn zu beleidigen und so entschuldigte ich mich für meine geringschätzige Bemerkung.

»Hey«, sagte ich versöhnend. »Ich wollte mich wirklich nicht lustig machen, Onkel. Ich war nur etwas verstört, weil ich gar nicht wusste, dass du an solche Dinge glaubst.«

»Ich versuche, dir zu helfen, aber ich warne dich. Wenn du nicht den nötigen Respekt zeigst, wird das ein kurzer Aufenthalt. Vielleicht wäre es besser, wenn du nicht so viel redest. Ja, genau, überlasse das reden lieber mir. Bald werden wir sehen, entweder hilft dir Anaqam oder nicht.«

»Was willst du mir damit sagen, Onkel?«

Er sagte, dass Schamanen Personen, denen sie abgeneigt seien, nicht empfangen würden und für Personen, die sie überhaupt nicht mochten, sogar der Schrecken selbst sein konnten. Sie würden diese Personen in ihren Träumen aufsuchen und quälen oder sie durch ihre Hilfsgeister peinigen lassen. Er meinte auch, dass, wenn der Schamane, den wir aufsuchten, mich nicht möge, mich ebenfalls nicht empfangen würde.

»Warum sollte er mich nicht mögen?«, unterbrach ich verdutzt. »Er kennt mich doch nicht einmal.«

»Das ist nicht wichtig«, bemerkte er kopfschüttelnd. »Ein Qam braucht niemanden zu kennen, um zu wissen, ob er die Person mag oder nicht. Es ist jetzt schwer, dir das zu erklären, aber sie sehen die Welt nicht so, wie wir es tun. Sie wissen über Dinge Bescheid, bevor sie sie überhaupt sehen.«

»Warum nimmst du mich dann mit, wenn du dir nicht einmal sicher bist, dass er mir helfen wird?«

»Nun, du kommst weit her, deshalb dachte ich, der Qam könnte Mitgefühl mit dir haben und sich Zeit für dich nehmen. Immerhin ist es ein Gebot, hilfebedürftigen Menschen zu helfen und du brauchst dringend Hilfe. Sie haben besondere Gaben. Ich bin sicher, dass sie dir helfen können, aber halte das nicht für selbstverständlich. So hilfreich sie sind, so selten sind sie auch. Vielleicht wird dir jetzt so eine Ansicht unverständlich vorkommen, aber wenn du selbst versuchen würdest, einen Qam aufzusuchen, könnte es sein, dass du keinen von ihnen auffindest, es sei denn, sie würden wollen, dass du sie findest.«

Ich verstand nicht, was er zu erklären versuchte, aber ich wusste auch nichts mehr zu sagen. Mein anfänglicher Widerwillen verschwand und ich empfand nun eine ungewöhnliche Neugier. Es war eindeutig, dass mein Wunsch nach seelischer Genesung größer war als meine rationalen Einwände. Ein weiterer Grund meiner Neugier war auch die Tatsache, dass ich nie zuvor in meinem Leben einem Schamanen begegnet war, obgleich ich bis zu diesem Moment nie das Verlangen danach gehabt hatte. Im nächsten Augenblick bemerkte ich, wie Purtas mir einen verstohlenen Blick zuwarf und schelmisch lachte. Es war ihm tatsächlich gelungen, mich mit seiner Welt von Fabeln und Märchen in Berührung zu bringen.

Stunden später, gegen Nachmittag, führte unser Pfad auf den von Purtas gezeigten Berghügel. Dem Pfad folgend überquerten wir den Hügel und als wir den Rand erreichten, erblickten wir von der Anhöhe aus ein langgezogenes Tal, auf dem feine Nebelbänke lagen. Es lag in einer Hochebene, die von zwei niedrigen Bergen flankiert und von Wäldern geschützt wurde. Von den Bergspitzen floss ein Bach mitten durch die Ebene. Herden von Schafen und Pferden sowie vereinzelte Gruppen von Rentieren und Yaks weideten zerstreut auf den nassgrünen und feuchten Wiesen, deren Laute sich miteinander vermischten. Mein Blick wanderte zu einer kleinen Ansammlung von beigen Zelten in ovaler Form, die auf einer grünen Vegetation am westlichen Hang lagen und eine harmonische Eintracht mit der umgebenden Natur ausstrahlten, so, als würden sie der ganzen Landschaft etwas von natürlicher Friedlichkeit geben.

Dies sei die Siedlung der Nomaden, sagte Purtas und erzählte, dass die Zelte ihre traditionellen Behausungen seien und Jurten genannt wurden. Ich zählte etwas mehr als zwanzig davon. Als wir gerade dabei waren, den Trampel-pfad, der vom Berg hinab ins Tal führte, hinunterzugehen, fasste Purtas mich am Arm und sagte in einem ungewöhnlich ernsten Tonfall:

»Du darfst niemals diesen Ort, an dem sich Anaqam aufhält, weitergeben. Niemals! Verstehst du? Das ist wirklich wichtig.«

»Wem soll ich das denn erzählen, Purtas?« entgegnete ich irritiert. Was mich aber noch mehr verwirrte, war die Geheimnistuerei.

»Sie wollen das nicht und wir müssen es respektieren. Die Menschen hier in den Bergen wissen, wo sich der Qam aufhält, aber niemand spricht darüber und niemand würde es je verraten.«

Ich versicherte ihm, dass ich seinem Wunsch folgen würde und dass er mir diesbezüglich vertrauen könne. Zufrieden nickte er. Meine Neugier gegenüber dem Schamanen wurde immer größer, zugleich jedoch wurde ich von einer unerklärlichen Beunruhigung getrieben. Etwas lag in der Luft, etwas Besorgniserregendes, was ich nicht fassen konnte. Es war wie ein unmerklicher Ruf, so als würde, ja, als würde eine leise Stimme mich rufen. Es mag verrückt klingen, aber wenn man dieses Gefühl kennt, versteht man, was ich meine. Und je näher wir der Siedlung kamen, umso stärker wurde dieses Gefühl. Purtas musste meine Stimmung erkannt haben und fragte mich, ob mir etwas fehle.

»Ich kann es nicht sagen, Onkel, aber ich glaube, ich fürchte mich.«

Er fing an zu lachen.

»Was ist los? Ich dachte, du glaubst nicht daran.«

»Das tue ich auch nicht, aber in mir ist eine unerklärliche Beunruhigung. Ich verstehe es selbst nicht. Ich glaube, ich habe kein gutes Gefühl bei dieser Sache, Onkel.«

Er riet mir, mich zu beruhigen und sagte, dass er den Schamanen seit seiner Jugend kenne und dass mir, solange ich sein Gast sei, nichts passieren würde. Seine Worte hatten in diesem Moment eine beruhigende Wirkung auf mich.

Kapitel 1 - Nomadendorf

Als wir die Siedlung erreichten, kam uns eine Frau mit asiatischen Gesichtszügen entgegen. Sie trug einen gefütterten Mantel mit spitzer Wollmütze. Ihr Teint war von rötlichbrauner Farbe, sie hatte einen kräftigen Körperbau und schien mittleren Alters. Sie lächelte freundlich und grüßte herzlich. Sie unterhielt sich mit meinem Onkel. Ihre Erscheinung war friedlich und dem Anschein nach kannten sie sich. Sie lächelte andauernd und wirkte recht mitteilsam, aber ich verstand aufgrund des starken Dialekts nicht, was sie sagte. Eine andere Frau mit bunter Wollmütze, die inmitten einer Gruppe arbeitender junger Frauen und Mädchen saß, stand auf und brachte uns dicke Wollkleidung zum Überziehen. Ihre kantigen Gesichtszüge und ihre Hautfarbe unterschieden sich von den anderen. Sie war blond, von bleicher und schmaler Natur und war jünger als die andere Frau. Ihrem Aussehen nach schien sie eher europäischer als asiatischer Herkunft. Sie schien ebenfalls recht freundlich. Der Wollmantel war weich und warm. Die Kälte des Windes war im Tal stärker spürbar, deshalb bedankte ich mich für ihre Freundlichkeit. Sie kicherte leise und wirkte dadurch recht scheu, dann ging sie zurück zu ihrer Gruppe. Während Purtas sich weiterhin unterhielt, ging ich ein wenig umher, um mich umzuschauen. Einige der kleinen Kinder rannten um mich herum und starrten mich mit neugierigen Blicken an. Eine Hühnerschar, die nach Futter wühlte, schreckte bei meinen Schritten auf und rannte wild gackernd fort. Ich betrachtete eine der Jurten, aus deren Dach Rauchwolken qualmte. Äußerlich war die Jurte mit Strohmatten abgedeckt, was ihr die beige-braune Farbe ver-lieh. Eine dicke Lage aus Wollfilz lag darunter, die anschei-nend zur Wärmedämmung benutzt wurde. Irgendwie taten mir die Menschen hier leid. Es war offensichtlich, dass sie ein Leben in Bescheidenheit führten und obwohl es mir niemand gesagt hatte, konnte ich mir vorstellen, dass sie im Geheimen hier lebten. Die kräftige Frau, die uns zuerst begrüßt hatte, zeigte auf eine der vorderen Jurten und bedeutete uns, ihr zu folgen. Wir gingen ihr nach und betraten durch eine hölzerne Tür die Jurte, an deren Zarge getrocknete Zweige und Pflanzen hingen. Als ich gerade hineingehen wollte, gebot mir Purtas, mit dem rechten Fuß zuerst einzutreten, ohne die Schwelle zu berühren, begründete aber dieses Gebot nicht weiter. Die Jurte war ein ungefähr fünf Quadratmeter großer, einräumiger Bau. Im Inneren war es bedrückend heiß. Ein kleiner Herd stand mittig, dessen Ofenrohr durch eine kreisförmige Eisenstange in der Dachöffnung herausragte. Westlich befand sich etwas wie eine Küche, umgeben von Regalen mit Geschirr, einem Milcheimer und mehreren Fässern aus Metall. Es machte den Anschein, dass die Jurte mit allen notwendigen Dingen ausgestattet war. Die Frau ließ uns verteilt auf zwei provisorisch anmutenden Betten Platz nehmen, die getrennt durch eine rustikale Kommode standen und offensichtlich tagsüber als Sitzgelegenheit dienten. Aus einer metallischen Schöpfkelle schenkte sie uns ein milchiges Getränk in eine Trinkschale ein und stellte es dann auf einen niedrigen Esstisch. Sie wechselte auf dieselbe freundliche Art einige Worte mit Purtas und verließ darauf die Jurte.

»Wohin geht sie?«, fragte ich meinen Onkel, während ich einen Schluck von dem Getränk nahm.

»Sie geht zum Qam und will Bescheid geben, dass wir gekommen sind.«

Das Getränk, das ich trank, schmeckte ziemlich säuerlich und hatte einen eigenartig prickelnden Nachgeschmack.
»Ist da Alkohol drin?«, fragte ich erstaunt. Milch mit Alkohol war eine recht eigenartige Mischung, dachte ich. Purtas bestätige meine Vermutung und erklärte, dass das Getränk aus vergorener Stutenmilch hergestellt werde und es sich dabei um eine Alltagsnahrung der Nomaden handle. Er sagte, es heiße Kumys. Der Geschmack war ungewöhnlich, dennoch leerte ich die Schale. Irgendwie hatte es eine sättigende Wirkung.

»Wie lange wird es wohl noch dauern?«, wollte ich nach einer Weile des Wartens wissen.

»Nicht mehr lange, denke ich«, antwortete Purtas gelassen.
Ungeduldig schaute ich mich um. Etwas an der Wand fiel mir ins Auge. Es war zum einen eine Holzschnitzerei, die wohl einen Vogel darstellen sollte. Das andere war ein aus getrockneten Samen gefädeltes Gehänge, eine Art dreieckiges Dekor, dessen Mitte aus rautenartigen Verflech-tungen bestand und horizontal durch mehrere Schnurren und Stofffetzen verziert war. Purtas erklärte, die Holz-schnitzerei sei eine Andacht an die Ahnen und wurde bei den Nomaden Ungun genannt. Sie symbolisiere entweder den Hausgeist oder die Ahnen und als er gerade erklären wollte, was es mit dem Gehänge auf sich hatte, trat die kräftige Frau in die Jurte. Sie sprach mit Purtas und machte ein bedauerndes Gesicht. Sie unterhielten sich ein wenig und mehrmals zuckte sie mit ihren Schultern auf und ab. Nun formte sich auch bei Purtas ein enttäuschender Gesichts-ausdruck. Kurz darauf wandte er sich zu mir und sagte, der Qam lehne es ab, mich zu empfangen. Die Begründung war, dass ich ohnehin nicht daran glauben würde und es somit nur Zeitverschwendung sei. Für einen Augenblick war ich verwirrt und wusste nichts zu sagen. Überraschenderweise traf mich die Ablehnung mehr als ich erwartet hatte. Es war ja nicht so, dass es nicht zutraf, die Frage war aber, woher der Schamane es überhaupt wissen sollte. Ich war enttäuscht, auch wegen meiner Neugierde, die ich nun nicht befriedigen konnte. Die ganzen Strapazen, die ich durch die lange Wanderung auf mich genommen hatte, um hierherzu-kommen, waren nun umsonst gewesen. Mich beschlich der Verdacht, dass Purtas der Frau bezüglich meiner Zweifel Andeutungen gemacht haben musste. Anders konnte ich mir das nicht erklären. Jedenfalls hatte es keinen Sinn, weiterhin hier zu bleiben. Wir gingen hinaus und als ich schon dabei war, in Richtung Hügel zu gehen, sagte Purtas, er wolle selbst mit Anaqam reden. Wieder wechselte er einige Worte mit der Frau, die uns daraufhin zur Jurte des Schamanen geleitete. Mit einem Handzeichen gab er mir zu verstehen, ihnen zu folgen. Wir gingen an den äußersten Rand der Siedlung. Dort deutete die Frau auf eine schwarze Jurte, welche abge-schieden stand. Über der Tür hing ein knochiger Stierschädel mit gewundenen Hörnern. Purtas gab mir ein Zeichen zu warten und ging mit der Frau hinein. Ich begann, unweit der Jurte umherzugehen und ließ dabei meinen Blick über die Umgebung gleiten, ohne etwas Bestimmtes auszumachen. Die winterliche Sonne stand bereits am westlichen Horizont. Ich überprüfte meine Uhr. Es war bereits später Mittag. Nicht mehr lange, dann würde es dunkel werden. Ich vernahm plötzlich das ferne Bellen von Hunden und drehte mich in die entsprechende Richtung. Undeutlich machte ich die Umrisse einiger Männer aus, die von den Bergen herabkamen und vor sich eine Herde Schafe trieben. Wie die Personen näherkamen bemerkte ich, dass sie ein lebhaftes Gespräch führten. Ich horchte aufmerksam, aber ich konnte nur wenige mir bekannte Wörter vernehmen. Ich betrachtete sie ein wenig. Sie waren nicht besonders groß gewachsen, besaßen ebenfalls eine runde Gesichtsform und einen rötlich-braunen Teint. Sie trugen alle dicke Jacken aus Pelz. Ihre Pferde waren wie sie ebenfalls klein, kaum größer als ein Pony. Sie schienen recht freundlich und lächelten, als sie an mir vorbeigingen. Einer von ihnen, ein kleiner kräftiger Mann im mittleren Alter, schaute mich kurz an und sagte etwas, aber ich verstand nichts von dem, was er gesagt hatte. Ich zuckte hilflos mit den Schultern und lächelte zurück. Dann gingen sie weiter. Ich ging zurück in die Nähe der Jurte, um dort weiter zu warten. Das seltsame Gefühl von anfangs stieg erneut in mir hervor. Es war weder negativ noch angenehm, sondern mehr, als würde ich eine unbestimmbare Kraft spüren, welche ich nicht näher erklären konnte. Von Neugier getrieben näherte ich mich der offenstehenden Holztür, um zu horchen, konnte aber nichts Bestimmtes hören. Ich versuchte, in den Innenraum der Jurte zu spähen, aber von außen blickend war das Innere des Zeltes ziemlich dunkel und ich konnte auf diese Weise nur den halben Umriss eines Körpers sehen. Es war jemand, der ein langes Gewand trug. Ich beugte mich vor, um eine bessere Perspektive zu erhalten. Das Gesicht des mir fremden Mannes war durch einen Kopfschmuck verhüllt, so dass ich nicht die genauen Umrisse, sondern nur ein wenig des seitlichen Profils erkennen konnte. Er hatte ein bartloses und feminines Gesicht. Plötzlich bemerkte ich, dass es gar kein Mann war, sondern eine Frau. Eine ziemlich alte Frau sogar.

»Du hast mir nicht gesagt, dass es eine Frau ist!«, überrumpelte ich Purtas, als der aus der Jurte herauskam. Er schaute mich verwundert an.

»Ich sprach nicht davon, dass es ein Mann sei«, rechtfertigte er sich. »Du warst das, daher benutzte ich ebenfalls die männliche Form. Außerdem macht das kein Unterschied. Ein Qam ist ein Qam, egal ob Mann oder Frau.«

Dann berichtete er, dass er mit Anaqam über mich gesprochen und sie über meine Situation informiert hätte, aber trotzdem nicht hatte umstimmen können. Die einzige Möglichkeit, die ich hätte, sei, dass ich ihr Glauben schenke, sonst wolle sie mich nicht empfangen.

»Die Entscheidung liegt ganz bei dir«, sagte er betroffen.

»Wenn du das nicht willst, können wir nach Hause zurückkehren. Dann müssten wir aber jetzt los. Es wird bereits dunkel und wir haben einen langen Weg vor uns.«

»Dann sind wir den ganzen weiten Weg umsonst gekommen?«, wandte ich enttäuscht ein.

»Ja, oder du glaubst ihr und daran, was sie dir mitteilen wird.«

»Einfach so? Ich soll einfach glauben oder muss ich etwas tun?«

Ich dachte, ich müsse vielleicht ein rituelles Bekenntnis ablegen, vielleicht einen Schwur, so wie es in vielen Reli-gionen üblich war.

»Hier tut niemand etwas einfach so«, meinte Purtas.

»Wenn du ihre Hilfe und ihren Rat willst, musst du überzeugt sein. Verstehst du, was ich meine? Falls du in ihre Jurte eintrittst, ist es das Zeichen dafür, dass du ihr glauben schenkst, über das, was sie dir sagen wird. Es ist wichtig, dass du von dir aus diese Entscheidung fällst. Falls du zweifelst, solltest du nicht hineingehen.«

Dann riet er mir, sobald sich die Möglichkeit ergebe, Anaqam zu bitten, mir bei der Lösung meiner Probleme zu helfen. Ich war eigenartig nervös und beunruhigt, und dennoch neugierig und erregt. Ich stand vor einer seltsamen Situation. Ich war der Meinung, so dachte ich zumindest bis dahin, dass ich nicht daran glaubte, dennoch spürte ich, dass in diesem Moment und an diesem Ort etwas Besonderes vor sich ging.

Kapitel 2 - Die Schamanin

Ich gab mein Einverständnis und folgte Purtas in die Jurte. Ich betrat sie so wie zuvor die andere, ohne die Schwelle zu berühren. Das Licht des Ofenfeuers hatte das Innere der Jurte in ein Zwielicht getaucht. Noch bevor ich mich umschauen konnte, deutete Purtas mit der Hand auf einen Fellteppich auf dem Boden, und forderte mich mit einer Geste auf, mich darauf zu setzen. Er setzte sich hinter mir zu meiner Linken. Ich folgte seiner Anweisung und ließ kurz meinen Blick umherwandern. An den Wänden und Decken hingen unzählige Ornamente, merkwürdig anzusehende Knochen, diverse Zupfinstrumente und mehrere kreisrunde Trommeln sowie seltsame, beinahe gruselig anmutende Masken, die verziert und unterschiedlich groß waren. Die magische Atmosphäre versetzte mich in eine seltsame Erregung. Mein ganzer Körper kribbelte vor Aufregung und ich fühlte mich wie ein Jugendlicher, der zum ersten Mal etwas Neues erlebte.

Die Schamanin saß mit einer zwanglosen Körperhaltung nur wenige Schritte von mir entfernt. Sie war von schlanker, mittelgroßer Statur und trug eine bodenlange schwarze Robe mit Schnüren voller Amulette, kleinen Figuren, Federn und sonstigen Anhängern. Auf ihrer Brust hing eine runde, verspiegelte Metallplatte. Sie hatte dieselbe Hautfarbe wie die meisten Menschen im Dorf und ein ebenso rundliches Gesicht. Auf ihrem Kopf verband ein breites, schwarzes Stirnband, unzählige lange, schwarze Vogelfedern zu einer Art Kopfschmuck. Ihre grauschwarzen Haare lagen unter dem Stirnband gescheitelt auf ihren Schultern. Ihre Augen waren schmal und knopfartig, und ihre kleine, leicht gebogene Nase verlieh ihr ein vogelähnliches Aussehen. Aus ihrem Mundwinkel hing eine qualmende Pfeife, woran sie einen Stoß zog und den Rauch aus ihrem Mund entweichen ließ, was ihr im rötlichen Zwielicht ein fast geisterhaftes Aussehen gab. Im Schein des gedämpften Lichtes schätzte ich ihr Alter auf Ende sechzig. Sie schien sich nicht unbedingt um meine Gegenwart zu kümmern, doch die Art und Weise, wie sie mit halb geschlossenen Augen dasaß und desinteressiert ihre Pfeife rauchte – es war unleugbar, sie hatte etwas Beson-deres an sich. Es war nichts Bedrohliches, es war mehr eine Präsenz von Selbstsicherheit, wie ich sie nie zuvor an einem Menschen gesehen hatte. In diesem Augenblick fielen mir Purtas Worte ein; er hielt sie für gefährlich für Menschen, die sie nicht mochte. Vielleicht bildete ich es mir auch nur ein, aber ich vermutete, dass sie mich vielleicht nicht besonders mochte.

Die Frau, die uns begleitet hatte, trat zu mir und goss Wasser in eine der Schalen, die neben mir auf einem runden Blechtisch standen. Dann trat eine weitere, ältere Frau in die Jurte. Sie war etwa im gleichen Alter wie die Schamanin. Sie trat hinter der Schamanin an einen Altar, auf dem sich abgebrannte Kerzen, Holzfiguren, Steine mit eingravierten Zeichen, Federn und weitere Ornamente befanden. In diesem Moment fiel mir der schwarze Tuchvorhang mit dem Bild eines riesigen, goldenen Stierschädels auf, der an der Wand hinter dem Altar hing. Die alte Frau zündete einige der Kerzen an und setzte sich dann neben die Schamanin. Währenddessen sagte die Schamanin der kräftigen Frau mit einer abgehackten Stimme etwas Unverständliches, worauf diese die Jurte verließ. Dann hob die Schamanin langsam ihren Kopf und musterte mich mit einem bohrenden Blick. Ihre Augenlieder sahen müde aus, aber der stechende Blick darin drang tief in mein Inneres, so dass ich mich scheute, ihrem Blick zu begegnen. Mit derselben abgehackten Stimme forderte sie mich auf, ihr mein Anliegen vorzubringen.

Der Höflichkeit halber überreichte ich ihr zunächst die Tüte mit den Geschenken. Dann stellte ich mich vor und wollte wissen, warum mich das Unglück verfolge, ich von Krisen gepeinigt sei und ein Leben führe, das ich nicht wolle. Dann fügte ich hinzu, dass ich seit Monaten nicht schlafen könne, unter Atemschwierigkeiten und wiederkehrenden Kopf- und Nackenschmerzen leide. Sie kniff ihre Augen zu zwei Schlitzen und lehnte sich zurück.

»Dein … ist nicht da«, sagte sie wie selbstverständlich, als sei das, was sie sagte, etwas Gewöhnliches. Sie sagte noch etwas anderes, aber ich verstand nicht genau, was sie sagte, denn ihr Dialekt war deutlich stärker als der von Purtas, den ich immer gut verstehen konnte.

»Dein Tyn ist abgewandt«, wiederholte sie, diesmal in einem verständlicheren Ton. Ich drehte mich fragend zu Purtas.

»Dein Geist«, übersetzte Purtas flüsternd.

»Wenn ich dich ansehe, erkenne ich große Leere in dir«, fuhr die Schamanin fort, »Du bist mehr als nur unzufrieden, du denkst zu viel nach. Du grübelst über sämtliche Dinge. Warum tust du das? Du bewirkst, dass die Dinge dich beeinflussen. Dinge, die eigentlich fern von dir sind und sich von selbst lösen werden. Mache dir nicht über alles Sorgen. Überlasse es dem Lauf des Lebens.«

Sie machte eine kurze Pause und blickte mich prüfend an.

»Die Wahrheit ist, du bist eine verzweifelte Person, schwach und ängstlich. An sich ist daran nichts Verwerflich-es, doch du hast zugelassen, dass die Angst dich wie eine Krankheit überfällt. Es ist wie Gift und dieses Gift hat dich befallen. Das passiert, wenn der Geist eines Menschen sich von der eigenen Person abwendet. Das ist es, was mit dir geschehen ist. Du bist schwach, leer und hast all die Schwierigkeiten, weil dein Geist sich abgewendet hat. Das ist auch der Grund, warum du eine innere Leere fühlst und diese nicht füllen kannst. Wenn du dich nicht von der Welt da draußen verwirren lassen würdest, dann könntest du die Gründe für das Abwenden deines Geistes ergründen und auf diese Weise deine Leere wieder mit Bedeutung füllen. Stattdessen versuchst du es mit vergänglichen Dingen, aber es ist Zeitverschwendung, seinem Leben mit falschen Dingen Bedeutung zu geben. Mach dich frei von solchen Gedanken. Gib dem Unbedeutenden keine Bedeutung. Das ist wichtig. Daher kommen auch deine Krankheiten wie Kopfschmerzen, weil du dich durch die vielen Dinge ablenken lässt, anstatt deine Aufmerksamkeit deinem Geist zu schenken. Eines führt zum anderen. Denke immer daran, alles hängt miteinander zusammen.«

Um ein besseres Verständnis für ihre Erklärung zu erhalten, bat ich sie, mir den Grund zu erklären, inwiefern mein Geist sich von mir abgewendet hätte. Sie antwortete, dass der Geist eines jeden Menschen dazu neige, sich abzuwenden, insbesondere, wenn das Leben des Menschen voll von traumatischen Ereignissen sei oder falls der Mensch in Gleichgültigkeit dem Leben gegenüber geriet. Wenn allerdings der Geist nicht zurückkäme, so habe die Person ein ernstes Problem. Das Leben würde dann einfach geschehen, ohne dass die Person wirken könne, da ihm die Kraft seines Geistes fehle. Sie betonte, dass Selbstzweifel und mangelndes Selbstbewusstsein diesen Effekt weiter verstärkten. Weiterhin erklärte sie, dass sich die Abwendung des Geistes als ein kränkliches Gefühl äußere, ein Gefühl von Antriebs- und Lustlosigkeit, was zur Folge hätte, dass die Person sich unglücklich fühle und darunter leide.

»Sobald meine Helferin zurück ist, werde ich den Geistern dein Anliegen vortragen, um die genaue Ursache zu erfahren«, verkündete sie.

»Dann sage ich dir, auf welche Weise ich dir helfen kann.«
Ich fragte, ob sie mir sonst noch etwas sagen könne.

»Die Wahrheit ist, ich sehe viel Trauer und Schmerz in dir. Sie verursachen Qualen. Ich sehe noch etwas anderes; es ist eine Dunkelheit, die dich umgibt und auch auf dich einwirkt. Diese Dunkelheit hat seine Wurzeln um dich geschlagen.«

»Wie meinst du das, mich umgibt eine Dunkelheit?«, fragte ich beunruhigt.

»Es ist ein dunkler Zauber«, sagte sie, die Stimme zu einem Flüstern gesenkt. »Es offenbart sich mir nicht. Vielleicht stammte es einmal von einem Zauberer in deiner Familie…«

Sie führte ihre Vermutung weiter aus und meinte, dass es wohl irgendwelche Leute in meiner Familie gebe, die sich mit Zauberkünsten beschäftigt hätten. Mir waren keine bekannt. Ich wandte mich zu meinem Onkel, auch er machte eine unwissende Mimik.

Da weder mir noch meinem Onkel solche bekannt waren, nahm die Schamanin an, dass es womöglich einige Gene-rationen vor uns gewesen sein könne.

»Was hat das für mich zu bedeuten, Anaqam?«, wollte ich wissen.

»Wenn meine Vermutung stimmt, dann ist die Last, welche du schon eine lange Zeit mit dir schleppst, die Last deiner Ahnen. Sie sind durch deine Knochen mit dir verbunden. Es ist also ihr Schmerz, der in dir fortbesteht. Es ist ein tiefer Schmerz, der verursacht wurde. Gewiss, diesen hast nicht du verursacht, aber er gehört zu dir, wie das Blut deiner Ahnen zu dir gehört. Vielleicht verstehst du momentan nicht, was ich dir damit sagen will. Vielleicht denkst du, es trifft nur auf dich zu. Wir alle tragen Kräfte, Flüche oder Schicksale unserer Ahnen. Manche stärker, andere schwächer. Du schenkst diesen Kräften keine Beachtung, aber diese Kräfte existieren und beeinflussen dich auf einer tieferen Ebene, einer Ebene, die du nicht wahrnimmst. Ich kann dir nur eines raten: Heile die Wunden deiner Ahnen und deiner Vergang-enheit, und es wird dir ein gewisses Maß besser gehen.«

Nicht nur, dass ich einer solchen Ansicht nicht folgen konnten, ich bekam auch den Eindruck, als versuche sie, meine Probleme herunterzuspielen. Ich sagte ihr, dass meine Probleme echt seien und nicht von meinen Vorfahren her-rührten. Sie ignorierte meine Einwände und musterte mich mit ihren Blicken.

»Ich spiele deine Probleme nicht herunter«, sagte sie nach einer Weile. »Ich versuche, dir etwas klar zu machen. Du siehst dein Leben als ein Problem, du denkst, dein Leben sei erbärmlich und dir widerfahre nur Unglück. Das kommt daher, dass du dir wichtig vorkommst. Nun, das soll dein gutes Recht sein. Was ich versuche, dir zu sagen, ist: Es gibt Dinge im Leben, die sind den meisten Menschen unbe-greiflich, beziehungsweise wissen sie nicht einmal darum, und eines davon ist, dass Entscheidungen, die unser Leben betreffen, dem Bereich unseres Geistes gehören. Wenn dir im Leben viele Probleme widerfahren, dann hat das nichts mit dem Leben an sich, sondern mit etwas in dir, genauer gesagt, mit deinem Geist zu tun.«

Ich ließ nicht locker und erwähnte meine Zweifel, inwiefern es mir helfen sollte, ein Leben anzunehmen, welches Leid und Unglück verursachte, eine Bürde, die ich nicht tragen wollte. Sie zog unberührt an ihrer Pfeife, bevor sie etwas sagte.

»Du verstehst nicht, was ich dir sagen möchte, denn du erkennst nicht, was ich erkenne«, meinte sie. »Was ich versuche dir zu sagen, ist, es liegt nicht in deiner persönlichen Wahl, welche Bürde und Bestimmung dir widerfährt und welche nicht. Hinter den Dingen in unserem Leben steckt unser Geist als treibende Kraft. Akzeptiere dein Leben, ohne dass deine Entscheidungen dir Schaden zufügen. Wenn du das tust, wird dein Leben beginnen, sich zu ändern.«

Sie mochte wissen, wovon sie sprach, aber ich selbst war durch ihre Worte verwirrt.

»Ich verstehe, dass du momentan Schwierigkeiten hast, meine Worte vollends zu verstehen«, bemerkte sie, meine Verwirrung erkennend. »Mach dir nichts daraus. Lass meine Worte auf dich wirken. Momentan kommen dir die Probleme wie eine leidvolle Bürde vor, doch es könnte auch eine Gnade sein, daher ist mein Rat an dich: Sei geduldig, bis du die Kraft dazu hast, es zu ändern. Alles unter dem Himmel ist der Zeit unterworfen und nichts kann geschehen, ohne dass die Zeit reift. Wie du siehst: Nicht einmal der Versuch deiner Selbsttötung konnte verhindern, dass du deine Bürde trägst.«

Ich staunte über die Deutlichkeit, mit der sie dies sagte. Anscheinend schien sie über meine prekäre Lage informiert zu sein. Ich dachte, dass Purtas ihr von meiner Situation berichtet haben musste, und davon, wie ich vor einigen Jahren versucht hatte, mir das Leben zu nehmen. Ich wusste nicht, was ich weiter sagen sollte. Auch wenn ich ihre Worte nicht vollends verstehen konnte, wusste ich, dass ich aufgrund meines Lebens oft haderte und grollte. Tatsächlich war ich ein emotionales Wrack. Ich dachte an meine Therapeutin, die mir diesbezüglich oft Ratschläge gab, die ich zwar beherzigte, aber irgendwie nicht in die Tat umsetzte.

Die Stille wurde durch das Knirschen der Holztür unterbrochen. Die kräftige Frau trat erneut in die Jurte. Diesmal brachte sie mehrere Holzscheite mit, wovon sie einige in den Ofen legte. Augenblicklich fing das Feuer an zu knistern. Anschließend streute sie den Zucker, welchen ich mitgebracht hatte, ins Feuer und warf die Gebäckstücke hinterher. Daraufhin wandte sie sich zur Wand, nahm drei Trommeln herunter und legte sie ums Ofenfeuer. Die Schamanin zog mehrmals hintereinander an ihrer Pfeife und forderte mich auf, näher zu kommen, um ihr in die Augen zu schauen. Ich gehorchte und setzte mich, so wie sie es angeordnet hatte, circa eine Armlänge entfernt ihr gegenüber auf den Boden. Jetzt, da ich ihr nahe war, erkannte ich die tiefen Falten in ihrem Gesicht, welche nochmals ihr voran-geschrittenes Alter betonten. Auch fielen mir ihre merk-würdigen Schuhe mit Vogelkrallen auf. Sie nahm einen Schluck aus einem kleinen Krug und schüttete ein wenig davon um mich. Die beiden anderen Frauen nahmen jeweils eine Trommel und überreichten der Schamanin eine mit runenähnlichen und geometrischen Zeichen verzierte Trommel. Aus meiner Haltung heraus erkannte ich, wie die Zarge der Trommel mit einzelnen Metallringen bestückt war und sehr alt aussah. Die drei Frauen begannen, mich zu flankieren und schlugen alle gleichzeitig mit den Schlegeln zunächst leise die Trommeln, dann immer stärker. Eine nach der anderen fing an zu summen. Nach einer kurzen Weile legte die Schamanin ihre Trommel beiseite und nahm einen Holzstab, womit sie ein Eisenstück aus dem Ofen ergriff. Sofort fingen die Spitzen des Holzstabes an zu glühen. Gleich darauf nahm sie Wasser in den Mund und prustete es in meine Richtung auf die Glut, so dass Funken auf mein Gesicht sprangen.

»Habe keine Angst«, sagte sie und wiederholte den Vorgang ein weiteres Mal. Eine Zeitlang geschah nichts weiter. Nach einer Weile hörten die beiden Frauen auf zu trommeln. Die Schamanin meinte, dass die Geister nicht kommen wollten, da ich nicht an sie glaubte. Offenbar wollte sie aufhören. Warum auch immer sagte ich, ohne rationale Überlegungen anzustellen, dass ich glauben wolle und sie es nochmal versuchen solle.

»Also gut«, entgegnete sie mit rauer Stimme, »wir werden es erneut versuchen.«

Sie zog einige Atemzüge an ihrer Pfeife und begann laut zu gähnen.

»Diesmal werde ich für dich Alasch, den Geist des Feuers anrufen«, verkündete sie.

Sie deutete mit ihrer Hand auf den Feuerofen. Ich sollte mich davorsetzen. Ich tat, was sie verlangte und setzte mich vor den ungefähr einen Meter hohen, holzbefeuerten Ofen. Dann geschah etwas absolut Eimaliges, sie nahm, als sei es etwas völlig Gewöhnliches, den glühenden Eisenstab zwischen ihre Zähne und begann, mich ein paar Mal zu umkreisen. Mindestens drei oder vier Mal. Schließlich schmiss sie den Eisenstab erneut in den Ofen und fing mit einer fremden Stimme laut zu sprechen an. Kurz darauf entspannte sie sich wieder und kam näher an mich heran. Mit einer schauerlichen Stimme sagte sie, ich solle mit meinem Blick die Flammen fixieren und sie beobachten und mich dabei entspannen.

»Erzähle dem Feuer von deinen Sorgen«, verlangte sie.

Erregt durch die Stimmung fing ich an, über mich quä-lende Probleme zu erzählen.

»Warte!«, unterbrach sie. »Setzt dich so hin.« Sie deutete, meinen Körper zu drehen, so dass ich mit dem Gesicht direkt in das Feuer schaute. Ich blickte, so wie sie es mir aufgetragen hatte, direkt ins Feuer und augenblicklich spürte ich eine Wärme, die sich über mein ganzes Gesicht ausbreitete. Sie verlangte erneut, meine Sorgen dem Feuer zu berichten. Ich befolgte ihre Aufforderung und erzählte in die Flammen blickend, dass ich unzufrieden und unglücklich über mein Leben war.

»Ich erkenne, dass sich in deiner Stimme etwas verbirgt«, sagte sie und befahl eindringlich, nichts auszulassen. »Du darfst nichts zurückhalten. Erzähl dem Feuer all deine Ängste und Sorgen. Erzähle ihm alles, was dir in den Sinn kommt.«

Ich zögerte, ich hielt es für unangebracht vor all den Leuten, die mir fremd waren, über meine Sorgen zu sprechen, deshalb zögerte ich für eine Weile. Mit jedem voranschreitenden Augenblick spürte ich immer mehr die Wärme der Flammen auf meinem Gesicht, meiner Stirn, um meine Augen, während die Schamanin weiter auf mich einredete. Auf einmal, wie unter Zwang, begann ich über alle Sorgen, die mir in den Sinn kamen, zu berichten. Ich sprach über die Schicksalsschläge, die mich prägten und wie ich mich über die Jahre immer mehr vom Leben abkapselte. Die beklemmende Einsamkeit, meine Probleme mit meiner Familie. Ich erwähnte das Gefühl, verloren und versagt zu haben, und dass ich Angst davor hatte, mein Leben weiterhin zu verleben. Ich berichtete über die unheilvollen Selbstmord-gedanken, die mich immer begleiteten und dass ich keine Kraft mehr hatte und des Kampfes müde war.

»Ich komme mir sehr hilflos vor«, rief ich in die Flammen. »Die Last, die auf mir liegt, sie erdrückt mich und raubt mir meinen Atem, meinen Schlaf. Sie raubt einfach alles.«