Gewidmet meinem Mann Heiko und Paul Beagle, ohne die ich heute wohl keine Assistenzhunde ausbilden würde.

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

Bilder: Sabine Gawlick, Thomas Gawlick, Petra Kurt , Patricia Stroucken PaSt Fotografie, Katharina Küsters

Covergestaltung: Hundeschulservice

© 2020 Küsters, Katharina

Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN: 978 375 340 03 34

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Schon lange faszinieren Hunde, die Menschen unterstützen, ihnen einen fehlenden Sinn ersetzen oder sie sicher durch den Alltag und den Straßenverkehr führen.

Die Ausbildung eines Assistenzhundes dauert lange, sehr lange. Amerikanische Ausbilder haben ausgerechnet, dass ein fertig ausgebildeter Assistenzhund (in diesem Fall PTBS oder Rollstuhlbegleiter für die Veteranen) im Durchschnitt 4.000 (viertausend!) Trainingsstunden absolviert hatten.

In diesen Trainingsstunden sind nicht nur die speziellen Assistenzleistungen enthalten, sondern auch so alltägliche Dinge wie Stubenreinheit, Gewöhnung an Umweltreize, ungewöhnliche Orte & Situationen und auch die Grundkommandos.

Viele Menschen wünschen sich einen Assistenzhund an ihrer Seite, haben aber nicht die finanziellen Mittel, eine so umfassende Ausbildung zu bezahlen.

Für diese Menschen und alle anderen Interessierten ist dieses Handbuch gedacht. Oft wurde ich schon von Kunden und interessierten Menschen nach einem Grundlagenwerk gefragt. Ein Handbuch, in dem die wichtigsten Grundkommandos beschrieben sind und das eine Unterstützung bei der Selbstausbildung zum Assistenzhunde-Team sein kann.

Hier ist es nun, das Handbuch der Assistenzhundeaufgaben Band 1.

Ich wünsche viel Spaß und viel Erfolg auf dem Weg zum Assistenzhunde-Team!

Herzlichst, Ihre Katharina Küsters

Ein paar grundlegende Worte

Bevor wir intensiv in die Ausbildung des Assistenzhundes einsteigen möchte, ich ein paar grundlegende Worte schreiben, wie Hunde eigentlich kommunizieren und welche Kommandos aus hündischer Sicht einen Sinn ergeben.

Hunde kommunizieren untereinander mit Körpersprache, Positionen und Ausstrahlung, die oft mit dem Wort „Energie“ bezeichnet wird.

Für ein ruhiges Hundeleben in einem Rudel, egal ob dieses aus Menschen oder Hunden besteht, genügt es 4 Kommandos - besser 4 Regeln genannt- zu befolgen:

1. Komm her bzw. bleib bei der Gruppe! In der Menschensprache: Rückruf und Fuß laufen.

2. Gib das her! In Menschensprache: Aus, Apport, Tabu und auch „Nein“.

3. Hör auf damit! In Menschensprache: Aus und Nein. Diese beiden Kommandos werden oft widersprüchlich verwendet.

4. Gib Ruhe! In Menschensprache: Platz und Warte, Pause / Place.

Auf diese Punkte ausführlich einzugehen würde dieses Handbuch sprengen. Daher erlaube ich mir an dieser Stelle auf mein Buch „Die Katze ist Tabu: das Training eines Jagdhundes als Familienhund“ (erschienen 2020) zu verweisen. Dort widmen sich gleich mehrere Kapitel diesem wichtigen Thema.

Assistenzhunde und Kommandos

Gerade Assistenzhunde lernen jedoch, über diese vier hündischen Kommandos / Regeln hinaus, viele Aufgaben, mit denen sie ihrem Menschen helfen oder sogar das Leben retten können. Viele dieser Assistenzleistungen leiten sich aus den vier „hündischen Kommandos“ ab.

Assistenzhunde arbeiten gerne mit ihrem Menschen zusammen, möchten etwas tun, damit dieser gute Laune hat und wachsen emotional deutlich, wenn sie gelobt werden.

Assistenzhunde sind speziell ausgewählte Hunde, die u.a. genau diese Eigenschaften mitbringen: Gerne arbeiten, gerne mit dem Menschen etwas zusammen machen, am Lob wachsen und sich über ein Lob deutlich erkennbar freuen ohne überdreht zu sein.

Mit einem Hund, der diese Eigenschaften mitbringt, einem geduldigen auf positiver Bestärkung basierenden Training, der nötigen liebevollen Konsequenz, viel Geduld und dem Wissen wie der Hund lernt, denkt und sich natürlicherweise verhält, können Assistenzhunde erstaunliche Leistungen mit Freude vollbringen.

Wie lernt der Hund?

Mit dieser Frage beschäftigen sich viele Hundeexperten und zahlreiche Fachbücher. Daher soll an dieser Stelle nicht im Detail auf die Frage, wie der Hund konkret lernt, eingegangen werden. Es würde den Rahmen dieses „Handbuches der Assistenzleistungen“ sprengen, sich auch mit diesem wichtigen Thema zu beschäftigen.

Wichtig für die Ausbildung des Assistenzhundes ist:

Der GEEIGNETE Hund, egal ob Welpe, Junghund oder erwachsener Hund, wird LIEBEVOLL, KONSEQUENT, mit VIEL GEDULD und unter Beachtung der INDIVIDUELLEN BELOHNUNGSMÖGLICHKEITEN in seinem INDIVIDUELLEN TEMPO und nach SEINEN MÖGLICHKEITEN und den späteren ANFORDERUNGEN ausgebildet.

Ein gestresster Hund kann nicht lernen. Ein Hund, der Angst hat, kann ebenfalls nicht lernen. Auch Hunger, Unterbeschäftigung bzw. fehlende körperliche Auslastung können den Hund in seinem Verhalten negativ beeinflussen, so dass dieser Hund sich nicht konzentrieren kann.

Mit dem richtigen Tempo, der passenden Trainingsmethode und guter Motivation können gerade Assistenzhunde erstaunliche Leistungen vollbringen. Für einen gut trainierten und arbeitsfreudigen Assistenzhund sind fünfundzwanzig oder auch dreißig Kommandos kein Problem. Auch arbeitet ein solchermaßen ausgebildeter Assistenzhund gerne und über viele Jahre.

Was kann einen Hund motivieren mit und für seinen Menschen zu arbeiten? Das Assistenzhundetraining basiert überwiegend auf dem Prinzip der positiven Belohnung durch Leckerli / Futter oder Spielzeug.

Bestärkungen / Belohnungen

Bestärkung und Belohnung wird in diesem Buch gleichwertig genutzt. Gemeint ist immer irgend etwas, was der Hund in diesem Moment mehr haben oder tun will, als das, was er gerade hat oder tut. Eine Belohnung muss also immer „höherwertiger“ sein.

Genau da liegt ein erstes Problem: Der Mensch muss erkennen, was der Hund gerade möchte oder womit er sich motivieren lässt und muss seinen Hund dann auch noch so gut kennen, dass er eine höherwertige Alternative weiß.

Ein Beispiel

Der Hund möchte lieber seinen Hundefreund begrüßen als neutral mit seinem Menschen an genau diesem Hund vorbei zu laufen. Eine Möglichkeit ist den Abstand zum anderen Hund so groß zu halten, dass der eigene Hund sich auf seinen Menschen konzentrieren kann und, wenn der eigene Hund ruhig mit seinem Menschen vorbei gelaufen ist, beide Hunde auf ein Kommando ohne Leine / mit Schleppleine „frei“ zu geben.

Ein anderes Beispiel

Der Hund trägt einen Schuh herum. Wenn dies gerade nicht seine Aufgabe ist, kann der Mensch den Hund zu sich rufen und den Schuh gegen ein Leckerli tauschen. Aber VORSICHT: es gibt Hunde die nach ein paar wenigen Wiederholungen alles Mögliche und Unmögliche herum tragen, damit ihr Mensch sie zu sich ruft und sie ein Leckerli erhalten. In diesem Fall bitte trainieren, dass der Hund nur auf ein Kommando hin etwas aufhebt.

Ein zweites Problem kann auftauchen, wenn der Hund das Motivationsobjekt schnell wechselt. War beim letzten Mal noch der Futterbeutel die beste aller Belohnungen, kann es beim nächsten Mal der Kontakt zu einem anderen Hund sein. Es gilt daher im Laufe des Trainings genau zu beobachten und abzuwägen, was den Hund in verschiedenen Situationen besonders motiviert und entsprechend zu handeln.

Ein drittes, häufiges Problem sind Hunde, die sich wenig für Futter interessieren. Ja, es gibt mäkelige Fresser, für die Futter keine Motivation darstellt sondern eine Notwenigkeit um zu überleben.

Diese Hunde sind oft mit Leckerchen kaum zu motivieren. Bei diesen Hunden muss der Mensch oft mit viel Geduld heraus finden, was ihn motiviert. Viele dieser Hunde sind mit einem kurzen Spiel oder auch einer kleinen Kuscheleinheit zu motivieren.

Und dann gibt es noch die ganz speziellen Hunde, die sich weder mit Futter noch mit Streicheln oder Spielzeug motivieren lassen. Bei diesen Hunden muss ein erfahrener Ausbilder genau abwägen, ob sie sich für den Job als Assistenzhund wirklich eignen.

EIN besonderes Merkmal eines guten Assistenzhundes ist die leichte Motivierbarkeit und dass er mit Lob des Menschen sichtbar wächst, also ausschaut, als wäre er stolz etwas gut gemacht zu haben.

GANZ WICHTIG:

Die Tipps, Hinweise und Anleitungen in diesem Buch wurden nach bestem Wissen und Gewissen geprüft und notiert. Dennoch handelt es sich auch bei einem Assistenzhund um ein Lebewesen mit individuellem Charakter und manchmal auch sehr eigenen Ideen.

Bei Fragen oder Problemen ist umgehend ein erfahrener Assistenzhundeausbilder hinzu zu ziehen. Bei gesundheitlichen Beschwerden oder Problemen ist umgehend der Rat eines Tierarztes hinzu zu ziehen.

Eine Haftung, egal in welche Richtung durch die Autorin ist ausdrücklich ausgeschlossen. Die Umsetzung der hier gemachten Übungen erfolgt auf eigene Gefahr des Hundehalters.

Belohnung: Was-wann-wie viel

Immer wieder ein schwieriges Thema: Die Belohnung des Hundes. Hier treffen sich die Befürworter („DU arbeitest doch auch nicht für Luft und Liebe!“) mit den Gegnern („Für den Hund ist es schon Belohnung genug etwas für mich tun zu dürfen“).

Ob es die EINE Wahrheit gibt, ist kaum zu sagen. Wenn ja, liegt sie wahrscheinlich irgendwo in der Mitte der sehr konträren Meinungen.

Bevor es hier um das Thema „Belohnung“ des Hundes geht, ein wenig Theorie zum Verständnis.

Belohnung meinte ursprünglich die „Auszahlung eines Lohns“ oder eine „Abfindung, Anerkennung oder Ehrung“ (Wikipedia, Stand April 2019). In der Psychologie wird der Begriff „Belohnung“ heute auch für die Beschreibung eines „Verstärkers“ (Wikipedia, Stand Juni 2019) genutzt.

Vor diesem Hintergrund erklärt sich die Theorie: „Mein Hund soll nicht für Luft und Liebe alleine arbeiten, er bekommt natürlich etwas für seine Leistung“. Für viele Menschen, die ja ebenfalls für ihre Arbeit (= Leistung) eine finanzielle / materielle Entlohnung (= Belohnung) erhalten, ist dies die einzige nachvollziehbarer Vorgehensweise.

Bei der Umsetzung gibt es Menschen, die ihrem Hund für jede kleinste Leistung selbstverständlich eine Belohnung (Hundekeks / Leckerli) geben und die, die nur besondere Leistungen (z.B. den prompten Rückruf) belohnen und jede Menge Abstufungen dazwischen.

Ein Blick auf die beiden Extreme

Der „Immer-und-für-alles-Belohner“ und der „Nur – für - besondere - Leistungen - Belohner“.

Der „Immer – für – alles - Belohner“ hat immer Leckerli dabei und belohnt jede kleinste Leistung selbstverständlich immer und natürlich auch sofort (3 Sekunden-Regel).

Dabei ist es fast egal ob der Hund eine größere Leistung vollbracht hat (z.B. aus dem Spiel mit seinem Lieblings-Hunde-Kumpel auf Zuruf zum Menschen zu kommen) oder etwas scheinbar Einfaches wie ein „Sitz“.

Ein Problem ist dabei häufig, dass viele Hunde irgendwann, meist in der Pubertät sehr genau abwägen ob die Belohnung beim Menschen besser ist als das, was sie gerade tun oder haben(wollen).

Da wird das bisherige Lieblingsleckerli auf einmal verschmäht, weil das Spiel mit dem anderen Hund verlockender ist. Beim nächsten Mal wird dann schon ein „besseres“ Leckerli ausgepackt: Wurst, Käse oder Fisch. Doch auch dieses ist irgendwann aus Hundesicht nicht mehr so toll, dass es sich lohnt dafür ein schönes Spiel zu unterbrechen.

Was folgt danach? Das Black-Angus-Steak? Der 100-Dollar Fisch? Irgendwann ist es schwierig immer noch ein „besseres“ Leckerli anbieten zu können.

Ein anderes Problem ist, dass auch Hunde gerne mal versuchen ihren Menschen auszutricksen. Frei nach dem Motto „Zeige mir erst mal meine Belohnung, dann überlege ich ob es sich lohnt“, warten viele Hunde erst einmal ab, bis der Mensch die Belohnung zeigt.

In der Praxis sieht das zum Beispiel so aus: Mensch fordert den Hund auf, sich hinzulegen. Bisher hat der Hund das „Hinlegen“ immer mit einem Leckerli in der Hand ausgeführt: Hund sitzt, Menschenhand mit Leckerli wird vor der Hundenase langsam Richtung Boden geführt, Hund folgt mit der Nase und legt sich hin. Soweit die Theorie.

In der Praxis wird das Leckerli irgendwann weg gelassen und der Hund bleibt sitzen, obwohl die Hand langsam in Richtung Boden geht. Obwohl doch eigentlich alles wie immer ist.

Viele Menschen haben dann nicht die Geduld zu warten, bis der Hund zu Ende gedacht und sich hingelegt hat. Sie greifen in die Leckerlitasche, der Hund hat wahrscheinlich noch nicht verstanden, was er machen soll. Möglicherweise stimmt das sogar, wenn die Übung „Hinlegen“ noch recht jung ist. Möglicherweise überlegt der Hund aber auch zunächst, ob sich das „Hinlegen“ lohnt.

In den meisten Fällen hat der Hund recht: Geht es dem Menschen nicht schnell genug, greift er in die Leckerlitasche und der Hund lernt: „Aha, wenn der Mensch was sagt und ich nicht sofort reagiere, bekomme ich eine Belohnung (=Leckerli) und dann noch eines, wenn ich mich hingelegt habe.“

Der andere Menschentyp ist der „Nurfür-ganz-besondere-Leistungen-Belohner“.

Häufig haben auch diese Hundemenschen als „Für-alles-und-immer-Belohner“ angefangen. Je weiter der Hund in seiner Ausbildung gekommen ist, je sicherer die Kommandos rasch befolgt werden, desto seltener wird mit etwas Fressbarem belohnt.

Meist werden der sofortige Rückruf und Hundebegegnungen belohnt. Für viele Menschen sind dies die beiden schwierigsten Punkte, die viel Training erfordern und daher natürlich auch eine hohe Wertigkeit besitzen.

Irgendwie nachvollziehbar, denn scheinbar nichts motiviert mehr als eine gelegentliche Belohnung. Wer nie weiß, wann es eine Belohnung gibt, wird ein Verhalten immer wieder zeigen, in der Hoffnung dass DIESMAL der richtige Moment ist.