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Als Ravensburger E-Book erschienen 2009

Die Erstausgabe erschien 2008 im Ravensburger Buchverlag

© 2008 Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH

Umschlaggestaltung: Constanze Spengler
unter Verwendung eines Fotos aus dem Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz

Alle Rechte dieser Ausgabe vorbehalten
durch Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH, Postfach 1860, D-88188 Ravensburg.

ISBN 978-3-473-38379-5

www.ravensburger.de

Für Pia, geboren am einundzwanzigsten Juli

I

Das Furchtbarste ist zu wissen, dass es nicht gelingen kann und dass man es dennoch für unser Land und unsere Kinder tun muss.

Berthold Schenk Graf von Stauffenberg (1905–1944)



II

Und wie dir gebührte das einsame ende der helden.

Alexander Schenk Graf von Stauffenberg
an seine
Frau Litta (1903–1945)

Eins

Ich bin lange fort gewesen. In der schmal gewordenen, übernächtigten Gestalt, die mir am Bahnsteig entgegentritt, erkenne ich meine Mutter erst auf den zweiten Blick – aber spüre sofort, wie sie es merkt, wie ihre Augen streng und vorwurfsvoll werden. Was weißt du Landei schon vom Krieg …?, sehe ich sie denken. Und höre sie sagen: »Du bist verrückt geworden, Philippa. Ich kann dich hier wahrlich nicht gebrauchen!«

Das sind ihre Worte zu meiner Begrüßung, nach fast zwei Jahren. Und Philippa! So nennt sie mich nur, wenn ich im Begriff bin, sie ernsthaft zu verärgern. Philippa heißt letzte Warnung, ich bin im Allgemeinen nur Fritzi. Hat sie das vergessen?

Ich muss meine Blicke im Zaum halten. Auf der Straße merkt man mir schon nichts mehr an. Nur dass da, streng genommen, gar keine Straße mehr ist. Die schwarzen Ruinen, die Trümmerberge, nein: das riesige Trümmerfeld der Stadt aus dem Zug heraus schon kilometerweit zu sehen, ist eine Sache – es zu betreten, zu riechen, zu atmen, darauf kann kein Blick aus dem Fenster vorbereiten.

»Ich habe das Fahrrad dabei!«, verkündet Mutter. Noch eine Überraschung. Ich kenne sie nur Auto fahrend, mit Lederhandschuhen und Hut, wusste nicht einmal, dass sie radeln kann. Kann sie? Erst einmal schieben wir mein altes Rad nur zwischen uns her und balancieren auf dem Gepäckträger meinen Koffer. Die Stofftasche mit ihren Einkäufen hat Mutter an den Lenker gehängt. Sie beult sich kaum, es ist fast nichts darin.

Wir sind nicht die Einzigen, die schieben. Das Schieben gepäcküberladener Fahrräder und Kinderwagen scheint in Berlin gerade Mode zu sein. Die Ausgebombten der letzten Nacht retten, was zu retten ist, ins nächste Mauseloch. Ein einzelner Kastenwagen mit Rotkreuzaufschrift bahnt sich mühsam den Weg durch Krater, Schuttberge und Menschen, und wir treten beiseite, um ihn vorbeizulassen. Aus dem Trümmerhaufen neben uns, noch von Mauerresten umgeben wie ein ausgekippter Karton, läutet lange und vergeblich ein Telefon. Jemand hat eine Nachricht an die Eckwand gepinselt: »Erna, Frieder, Moni – wir leben!«

Ich habe mich extra feingemacht: das Haar vor dem Zubettgehen in Wickler gedreht, die Sonntagsschuhe geputzt, den langen Mantel angezogen, der so herausfordernd um die Waden schwingt. Ich hatte gehofft, Mutter eine Freude zu bereiten, hat sie doch immer beklagt, wie wenig ich mir aus meinem Äußeren mache. Im Zug hatte ich mir Worte ausgemalt: Wie hübsch du aussiehst, Fritzi, ich erkenne meine kleine Tochter kaum wieder …!

Pustekuchen, würde Onkel Ypsilon sagen. Fünf Minuten nach meiner Ankunft lässt sich nicht mehr feststellen, welches die größere Dummheit war – Locken, Mantel, Schuhe oder die Erwartung, dass Mutter stolz auf mich ist. In meiner aufgebauschten Haarpracht fangen sich Ascheblättchen und kleine Partikel von etwas, worüber man lieber nicht nachsinnt, die guten Schuhe stoßen sich Schrammen an Scherben und Geröll, und, meine Güte, waren die Sommer in Berlin immer schon so heiß? Unter dem Mantel klebt mir das Kleid am Leib und flüchtet alles Blut hinauf in den Kopf. Ich rede mir ein, dass die Hitze schuld ist und nicht die Enttäuschung über meine Mutter. Dass sie nicht froh ist, mich zu sehen, war zu erwarten, aber muss sie es so offen zeigen?

Vielleicht hat ihr jemand erzählt, was passiert ist.

Doch wer? Es gibt Geschichten, bei denen die Frage, wer sie erzählt, entscheidender sein kann als die, ob überhaupt jemand davon erfährt.

Vielleicht hat Mutters Schweigen aber gar nichts mit mir zu tun. Die anderen Fußgänger reden schließlich auch nicht! Ich höre Schritte vor und hinter mir, schleppend, schlurfend oder auch ungeduldig, und das trockene Rascheln zerfetzten Verdunkelungspapiers in leeren Fensterhöhlen. Ein Konzert rhythmischen Hämmerns und Klopfens liegt über der Stadt: kling-kling, tock-tock, kling-kling. Unterkünfte werden emsig wieder brauchbar gemacht, die Betten aus zerstörten Schlafzimmern in vielleicht noch vorhandene Küchen, Flure und Badezimmer geschleppt – Hauptsache, ein Dach über dem Kopf.

Links und rechts von uns ist alles, wirklich alles dahin. Als sei ein Windstoß durch eine Kartenhausreihe gefegt: Mauersteine, Dachziegel, Fensterrahmen, zerbrochen, zermahlen und mit allem verbrannt, was die Charlottenburger vor Kurzem noch »zu Hause« nannten. Nicht reden … den Atem flach halten … viele haben Tücher vors Gesicht gebunden, um sich vor der gelblichen Dunstglocke zu schützen, die unbeweglich über Berlin hängt.

Wir passen uns dem Rhythmus des Klopfens und Hämmerns an. Unmöglich auszubrechen, auch nicht, als es vorbeigeht an der evangelischen Kirche, deren offenes, letztes Seitenschiff sich wie eine Hand um staubige Kleiderbündel wölbt, die in einer Reihe auf dem Boden liegen. Ich ahne, was sie sind, sehe ausgestreckte Beine, Füße mit und ohne Schuhe. Erst die nächste Kreuzung befreit uns in eine Querstraße, in der Leben herrscht.

Mehr Leben, als jemals sichtbar war! Vor aller Augen wird gekocht, gegessen, geschlafen, Klavier geübt. Seitenwände stehen noch, Nachbarhäuser stützen sich gegenseitig. Vorn ist nur noch Panorama.

»Starr den Leuten nicht in die Stube!«, murmelt meine Mutter.

»Aber was machen sie bloß, wenn der Winter kommt?«

Über unseren Köpfen legt eine andere Mutter ihr Baby ins Bett, prüft kritisch den Stand der Sonne und justiert die Wolldecke an der aufgespannten Wäscheleine. Uns, die sie fast anfassen könnten, nimmt sie gar nicht wahr; sie lupft und zupft und überdenkt mit langem Blick zum Himmel die voraussichtliche Wanderung der Elemente in den nächsten zwei Stunden. Wann die Flieger wiederkehren, liegt nicht in ihrer Hand, aber kein unkontrollierter Sonnenstrahl darf ihr Kleines treffen.

»Der Winter?« Mutter lacht kurz auf. »Der Winter ist noch lange hin.«

Sie überlässt es mir, aus diesen Worte herauszulesen, was sie denkt. Variante eins: Bis zum Winter ist die Wunderwaffe im Einsatz und der Krieg gewonnen. Variante zwei: Bis zum Winter sind wir tot, umgekommen in den Terrorangriffen der Briten und Amerikaner.

Mit Unbehagen stelle ich fest, dass ich meine Mutter nicht einzuschätzen weiß. Welcher Variante neigt sie zu? Und ich?

Vor vier Wochen hätte ich noch eine Antwort gehabt. Jetzt wäre ich gern bereit, die ihre zu übernehmen, egal welche. Ich brauche dringend wieder eine Antwort! Aber sie sagt nichts. Also erdenke ich Variante drei: Was schert uns der Winter? Jetzt haben wir andere Sorgen!

Das stimmt auf jeden Fall, man braucht sich nur umzusehen.

In Oschgau bringen sie jetzt den ersten Schnitt ein. Die Heuernte wird gut; seit der Mahd vergangene Woche hat es nicht geregnet. Den Duft von frischem Heu kann ich augenblicklich wachrufen, und wie es kratzt und pikt, wenn es unter die Kleidung gerät. Komisch, dass man leibhaftig in Berlin in seinem Zimmer stehen kann, und alles Fühlen ist noch in Oschgau.

»Die meisten deiner Sachen haben wir aufs Schloss gebracht«, erklärt Mutter, »da sind sie sicherer, und, nun ja, wir brauchten auch Platz …«

Das sehe ich: In meinem Bett, korrigiere: meinem ehemaligen Bett, schläft bereits jemand und die Packung Beruhigungstabletten auf dem Nachttisch ist sicher auch nicht für mich. Den Haarschopf unter der Decke wird Mutter mir wohl später vorstellen.

Ich sehe mich um. Schrank, Bett und Regal erkenne ich wieder, aber all die Kleinigkeiten, die hier einmal lagen und standen und den Raum zu meinem Zimmer machten, sind verschwunden. »Onkel Yps hat alles mitgenommen. Auch von mir. Siehst du?«

Es stimmt. Bis auf die Möbel ist fast alles weg. Gemälde, Fotos, Teppiche, die Kissen von Großmutter und die Zeichnungen von Fabian. Drei Stockwerke unseres Hauses stehen noch, aber Mutter hat die Wohnung verloren gegeben.

»Wieso Onkel Yps? Was macht denn der in Berlin?«

»Er hat Georg und Eckhardt geholfen. Irgendwas Wichtiges, hatte nicht einmal Zeit, zum Abendessen zu kommen. Aber offenbar sind sie fertig. Vor vier Wochen rief er an, er ginge zurück, er habe einen Lastwagen organisiert und noch Platz für ein paar Sachen von uns …«

Retten, was zu retten ist!, geht mir durch den Kopf. Als könne sie meine Gedanken lesen, fragt Mutter: »Philippa, warum bist du zurückgekommen?«, und nur der pfeifende Wasserkessel bewahrt mich vor einer Antwort.

Als wir ankamen, brannte überall in der Wohnung Licht und im Spiegel gegenüber der Eingangstür trafen sich ihr und mein überraschter Blick. Zwei Jahre nur? Es scheint, als sei viel mehr Zeit vergangen. Wir sind jetzt gleich groß, gleich ernst, gleich braunhaarig, mit breitem Mund und dichten Augenbrauen. Aber verbindet uns das? Es ist die Lautlitzer Familienähnlichkeit, mehr nicht, und nach einem flüchtigen, halb verlegenen Tätscheln meiner Wange eilte Mutter mit den Worten: »Strom, das müssen wir ausnutzen!«, unverzüglich in die Küche, um Töpfe und Kessel aufzusetzen.

Nun bollert Wasser auf sämtlichen Herdplatten: für Kaffee, einen Kohlkopf und die sechs Kartoffeln, die aus ihrer Einkaufstasche gerollt sind, zum Waschen und zum Befüllen der Thermoskanne, die wir später brauchen werden, im Keller. Abendlich ist es schon jetzt, obwohl draußen die Sonne scheint. Vor den Fenstern klebt Verdunkelungspapier, Licht kommt nur von zwei Stehlampen, die auch tagsüber brennen.

Mit dem Gefühl, überall im Weg zu sein, setze ich mich an den Tisch. »Den Koffer schiebst du am besten unter die Bank«, meint Mutter.

»Und dann? Irgendwo werde ich schlafen müssen. Hast du da zufällig auch einen Plan?«

Die Worte fallen spitzer aus, als ich beabsichtigt hatte. Mutter knallt die Kanne auf den Tisch. »Jetzt hör mir mal zu, Philippa. Du hast mir einen halben Tag Vorlauf gelassen! Rufst aus heiterem Himmel an und sagst: Morgen komme ich zurück!«

»Warum nicht? Du bist meine Mutter! Ich dachte, du freust dich!«

»… freust dich? Sieh dich doch um! Sieh dich doch nur mal um!« Ihre Stimme kippt. »Ich hoffe, du hast eine Menge Schlaf auf Vorrat mitgebracht. Hier wirst du nicht dazu kommen, und das hat nichts damit zu tun, dass Olesia in deinem Bett liegt.«

»Wer ist sie?«

»Meine Haushaltshilfe. Ukrainerin. Frau Wahl ist in der Fabrik dienstverpflichtet.«

»Du hast …« Ich muss schlucken. »Du hast eine Fremdarbeiterin?«

Wieder die falschen Worte. Mutter funkelt mich an. »Jawohl! Ich habe eine Fremdarbeiterin! Sie haben sie in Kiew aus dem Bus geholt, als sie ihre kleinen Brüder zur Schule brachte. Sie ist siebzehn und stirbt vor Heimweh.«

»Ich will doch nur sagen … wir hatten in Oschgau auch Fremdarbeiter«, antworte ich hastig und füge, weil das keine Erklärung ist, leiser hinzu: »Das ist doch ganz normal.«

»Ganz normal?« Sie sieht mich lange an – so kommt es mir zumindest vor. Zwei Sekunden reichen, um ein unbedeutendes Häuflein Staub aus mir zu machen. »Das Einzige, was ich tun kann, damit Olesia nicht völlig durchdreht, ist ihr regelmäßig zu essen, ein sauberes Bett und ein paar kleine Aufgaben zu geben. Sei nett zu ihr, Fritzi. Sie spricht schon ein paar Worte Deutsch.«

Ich war immer nett zu Fremdarbeitern.

Nein, das sage ich natürlich nicht. Antonia hat das gesagt, gestern in Oschgau. Ich wünschte, ich müsste nicht gerade jetzt daran denken, wo mich ohnehin Tränen in der Nase kitzeln. Weil meine Mutter enttäuscht von mir ist, weil ein anderes Mädchen in meinem Bett liegt, weil ich noch keine Viertelstunde zu Hause bin und schon wieder hinausrennen möchte. Weil mir das Tageslicht fehlt. Weil Mutter mich endlich Fritzi genannt hat.

Sie gießt uns Muckefuck in die Tassen und setzt sich mir gegenüber. »Wann machst du denn den Laden auf?« Ich frage das erstbeste Ungefährliche, das mir einfällt.

»Gar nicht. Ich arbeite nur noch auf Bestellung. Wenn ich Stoffe bekomme, mache ich einen Rundruf, aber weiter als bis zur vierten Position im Adressbuch komme ich nie.«

»Weil du gut bist«, stelle ich fest.

»Nein. Weil der Bedarf von Emmy Göring und Magda Goebbels an immer neuen Roben naturgemäß Vorrang hat. Stell dir vor, die Ehefrau irgendeines kleinen Gauleiters leuchtet auf einem Empfang heller als die erste Dame im Reich!«

»Und welche von beiden ist das jetzt?«

Ein kleines Lächeln tritt in Mutters Augen. »Am Auftragsstand gemessen, die Goebbels. Sie war zeitweise in Ungnade wegen lästerlicher Bemerkungen über Fräulein Braun, darf aber inzwischen wieder beim Führer tafeln. Mir persönlich ist die Göring ja sympathischer.«

»Mir auch. Weißt du noch, wie sie mir angeboten hat, sie Tante Emmy zu nennen? Ich hätte es schrecklich gern ausprobiert, heimlich natürlich, aber du wolltest und wolltest ja nicht nach nebenan gehen …!«

Mutter lacht zum ersten Mal und ich erlebe es wie einen kleinen Triumph. Seine Früchte zu ernten ist mir allerdings nicht vergönnt, denn kaum verspricht es zwischen uns gemütlicher zu werden, klingelt auch schon das Telefon.

Mutter steht auf. Mist! Wieso funktioniert ausgerechnet das Telefon noch, während auf Wasser und Strom und alle notwendigen Dinge keinerlei Verlass mehr ist?

Aber ich werde keine Gelegenheit auslassen, Punkte zu machen. Ich nehme ihre Kaffeetasse und folge Mutter ins Wohnzimmer, will ihr die Tasse mit einer selbstverständlichen Geste ans Telefon reichen und mich anschließend – aufmerksam und unaufdringlich zugleich – zurückziehen. So eine angenehme Gesellschaft, meine Fritzi. Vielleicht sollte ich nicht so viel fragen. Vielleicht sollte ich einfach froh sein, dass sie wieder zu Hause ist …

Mutter steht mit dem Rücken zu mir, hat den Telefonhörer in der rechten und etwas anderes, das sie gegen ihre Brust drückt, in der linken Hand. Ihre Schultern sind nach vorn gezogen, sie schirmt sich ab, und noch bevor ich sie leise und schnell sprechen höre, wird mir klar, dass etwas sie beunruhigt.

»Ich habe gerade ein Paket bekommen, von meiner Tochter aus Oschgau …«

Ein Paket? Wenn das ein Code sein soll, dann ist es so ziemlich der ungeschickteste, von dem ich je gehört habe. Ein Paket! Jeder weiß, was das bedeutet. Und was sie an sich presst, ist ein dickes Sofakissen. Sie glaubt allen Ernstes, wenn sie ihr Telefon mit einem Kissen bedeckt, könnten Gespräche im Zimmer nicht abgehört werden!

Jetzt sieht sie mich und erschrickt so sehr, dass sie den Hörer grußlos auflegt. Herrje. Als Geheimnisträgerin wäre Mutter eine Gefahr für alle Beteiligten.

»Das freut mich aber, dass mein Paket schon da ist!«, rufe ich pflichtschuldigst. »Ich wollte gerade danach fragen … die Marmelade habe ich nämlich selbst eingekocht!«

Sie stopft das Telefon so hastig unter das Kissen, dass der Hörer hinters Tischchen fällt. Mit rotem Kopf geht sie mir voran in die Küche. Stoffe vom Schwarzmarkt, vermute ich, und dass sie soeben dem Verkäufer abgesagt hat, weil ihre Tochter – das Paket! – überraschend aus der Evakuierung zurückgekehrt ist. Warum sie glaubt, mich nicht einweihen zu können, verstehe ich zwar nicht. Doch wenn ich nicht frage, wird auch sie mich in Ruhe lassen.

Mutter nimmt mir die Tasse aus der Hand und sieht mich verlegen an, was ich genau zwei Sekunden auskoste. Dann frage ich, weshalb sie mir von Olesia, dem Laden und unserer ausgeräumten Wohnung nicht geschrieben hat.

»Ach, Fritzi. Man müsste so viel erklären. Du hast ja keine Ahnung, wie müde man wird …« Mutters Erleichterung, dass ich nicht auf das Paket zu sprechen komme, ist unübersehbar.

»Jetzt bin ich ja da«, erinnere ich sie. »Ich kann helfen! Einkaufen, kochen, waschen …«

»Sicher nicht. Schule gibt es nicht mehr, die Hitlerjugend wird vor der Tür stehen, sobald wir dich für Marken anmelden. Was hast du dir bloß gedacht?«, murmelt sie. »Wenigstens musst du mit vierzehn noch nicht zur Flak.«

Ich sage nichts. Mein Bruder Fabian hatte als Flakhelfer angefangen …

Und mit diesem Gedanken, der natürlich auch Mutter sofort gekommen ist, ist das Gespräch schon wieder beendet. Sie legt den Schalter um: fröhlich, laut, hell, geradezu munter. »Bringst du Oma Luchterhand heißes Wasser nach oben? Sie wird sich freuen, ein frisches junges Gesicht zu sehen.«

Oben. Oben ist jetzt zweiter Stock. Der Dachstuhl ist in die vierte Etage gestürzt und hat Teile der dritten gleich mitgenommen. Wir wohnen in einem Gebäude, das jeder Regenguss in eine Tropfsteinhöhle verwandelt. Bis ins Erdgeschoss, wo zur Straße hin Mutters Laden und zum Hof unsere Dreizimmerwohnung liegt, ist das Treppenhaus feucht und verschimmelt, die Flurfenster zerklirrt, ziehen sich tiefe Risse durchs Mauerwerk. Ein schwarzer Gitterkäfig hängt schief an nur noch zwei Stahlseilen, gefangen zwischen drittem und viertem Stock. Unten stehen Warnschilder: »Vorsicht – Lift kann stürzen!«

Oma Luchterhand verschmilzt im Dämmerlicht mit dem Muster ihrer Polstermöbel. In ihrer stickigen, ungelüfteten Wohnung ist es so heiß, dass Feuchtigkeit an den Wänden perlt. »Sehnsucht nach mir jehabt, wa?«, ruft sie mir entgegen.

Mehr als dreißig Kilo kann sie nicht mehr wiegen. Zwei davon entfallen auf die wuchtige Perücke, die auf ihrem Vogelkopf sitzt. »Lass ma kieken!«, kommandiert sie. »Biste wirklich so jroß und hübsch jeworden oder sieht dit nur so aus?«

»Es sieht nur so aus«, bestätige ich. Oma Luchterhand macht niemand etwas vor, obwohl sie seit bald elf Jahren keinen Schritt vor die Tür getan hat. »Ick jeh erst wieda raus, wenn dit Pack vaschwundn ist!«, hat sie verkündet. Als Kind dachte ich, ein »Pack« sei ein Rückenleiden.

Bis eines Tages die Aufforderung zur Beflaggung erging. Auf der Brüstung des Balkons im ersten Stock schwankend, versuchte der Hausmeister ein bescheidenes Fähnlein an Oma Luchterhands Blumenkasten festzumachen, während sie verbissen mit dem Besenstiel von oben nach ihm hackte. »Seinse vernünftig, Frau Luchterhand«, flehte er. »Machense keen Uffstand. Wollense, dit die mit Ihnen wegfahrn?«

Fortan hatte ich ein entschlossenes siebzigjähriges Gesicht vor Augen, wenn in der Schule von feindseligen Elementen die Rede war, von »Schädlingen« und »Wehrkraftzersetzern«, die Volk, Vaterland und geliebtem Führer in den Rücken fielen. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, dass der Führer Oma Luchterhand, ihren Besenstiel und ihre Perücke fürchten musste.

Ich erinnere mich nicht, wie die Geschichte mit der Flagge ausgegangen ist. Aber jetzt sitzt Oma Luchterhand in ihrem großen Ohrensessel und heult. »Nu hamses doch jeschafft, Fritzi. Ick steh hier nich mehr uff.«

»Wenn du wolltest, könntest du, Oma Luchterhand.«

»Dit war mal. Nu isset wirklich dit Kreuz. Die Frau Jräfin hievt mir jede Nacht ins Bett.«

Oma Luchterhand ist die Einzige, die noch »Frau Gräfin« zu Mutter sagt, obwohl die seit über zwanzig Jahren keine mehr ist. »Sei so jut und jib ma de Tasse rüba«, ächzt sie.

Was Oma Luchterhand zum Leben braucht, steht auf einem Teewagen in Reichweite: Thermoskanne, Essgeschirr, Volksempfänger und ein Sortiment bunter Pillen. Ihre Tagesration Brot – zwei Scheiben und ein Eckchen Fett – hat sie noch gar nicht angerührt. Das Brot wellt sich schon an den Seiten.

Oma Luchterhand heulend, das ist etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.

»Soll ich mal die Fenster aufmachen?«, schlage ich betreten vor. »Ein bisschen frische Luft?«

»Watt’n für Fensta? Dit sind nur noch Pappen, Kindchen. Un frische Luft hamwa seit dreiunddreißig nich jehabt.« Ihr Kinn zittert, voll Wut und Trauer rührt sie Kaffeeersatz ins heiße Wasser und schlürft. »Kaputt. Allet kaputt. Dit hamse nu von der janzen Heil-Schreierei. Von mir aus hätt dit viel schnella jehn können.«

»Pass bloß auf, dass dich niemand hört, Oma Luchterhand.«

»Wieso? Du hörst mir doch! Oder biste ooch blind und taub jewordn?«

Wie auf Stichwort macht es »Klick« und die Lampen gehen aus. Oma Luchterhand und ich sitzen im Dunkeln. »Vorwürfe mach ick dir keene«, sagt sie. »Ick jehör ja ooch zu denen, die Schuld ham. Ick hätt mir nich eenfach so vadrückn dürfn.«

Irgendwo draußen erhebt sich ein heiserer, klagender Ton, verstummt einen Augenblick und setzt von Neuem ein. Oma Luchterhand streckt sich nach dem Volksempfänger. Der knistert nur, der Drahtfunk holt noch Luft. »Nu läufste besser«, sagt sie. »Voralarm.«

Ich weiß. Ich erinnere mich. Vor der Kinderlandverschickung habe ich so viel Fliegeralarm erlebt, dass es schon lästig wurde; irgendwann drehte ich mich nachts im Bett nur noch um und dachte: Ihr traut euch ja doch nicht!

Jetzt trauen sie sich, und wie! Sobald Oma Luchterhand aufsteht, werden wir in weniger als drei Sekunden an der Treppe sein.

»Keller? Wat soll ick da?«, meint Oma Luchterhand. »Sterben kann ick ooch hier, wo ick mir auskenne.«

Das Radio knackt und sagt jetzt doch etwas. »Von Westen ein Feindverband, rund hundertzwanzig Jäger und Bomber, Kurs Nordost …«

»Jetzt jeht als Erstet die Kleene runta«, bemerkt Oma Luchterhand und bekommt einen Fernblick, als wären die Fensterpappen mit einem Mal durchsichtig geworden. »Olesia. Unter ’ne Decke, damit se keena sieht. Is ja jejen die Vorschrift, und uffe olle Bechtolf muss ma uffpassen. Aber die Frau Jräfin lässt keene vabrennen, die Frau Jräfin doch nich.«

»Oma Luchterhand, steh auf!«, beschwöre ich sie.

»Komm morjen mal erzähln, wie dit war«, brummt sie. »Inner Verschickung. Tät mir interessiern, ob ick dir übahaupt noch kenne.«

»Na gut. Wenn du nicht gehst, dann bleibe ich eben auch.«

Ich setze mich wieder. Nur meine Stimme muss hinausgerannt sein; das hohe Piepsen, das aus meinem Mund kommt, kann unmöglich meins sein.

Dabei fängt es an, meine Geschichte zu erzählen: »Ich war in Oschgau, Ostpreußen. Zuerst einquartiert in einer ehemaligen Schule, jeweils zu sechst auf einem Zimmer und nicht alle aus Berlin, obwohl wir ursprünglich als Gruppe ankamen, aber sie mischen ja bei der Ankunft neu, wegen der Volksgemeinschaft …«

»Nu jeh schon, Kindchen. Wat sein soll, soll sein.«

»Auf dem Bett über mir lag Antonia. Wenn ich jemand Freundin nennen kann, dann sie. Antonia aus Rudow. Obwohl man anfangs kaum Zeit zu zweit hatte … Wecken, Waschen, Bettenmachen, danach Stubendienst, Gesundheitsappell, Fahnenappell, Frühsport, Unterricht und nachmittags das Kulturprogramm der Lagermannschaftsführer. Heimnachmittag, politischer Wochenbericht, Werkarbeit, Musik, Spiele, Filmvorführungen, Ausflüge in die Umgebung … im zweiten Jahr wohnten Antonia und ich dann beim Bauern und halfen im Stall und auf dem Feld.«

Die Tür fliegt auf und ein Schatten auf mich zu. »Fritzi, du kommst augenblicklich …«

»Ick hab’s ihr schon jesacht, Frau Jräfin, aber se will ja nich hörn.«

»Wir kreuzen die Arme!«, rufe ich. »Wir kreuzen die Arme und Oma Luchterhand setzt sich drauf. Zusammen schaffen wir das! Sie wiegt doch fast nichts.«

Die Sirene ändert den Ton, jetzt schwillt sie auf und ab. Vollalarm! Oma Luchterhand schlägt meine Hände weg, die nach ihr greifen, und kreischt, was die Lungen hergeben: »Kommt! Kommt! Kommt alle her und macht ein Ende!«

»Oma Luchterhand will nicht in den Keller, Fritzi«, sagt Mutter ganz ruhig.

»Aber … du kannst … auf dich hört sie doch!«

»Es ist ihre Entscheidung. Komm jetzt.«

»Come here, Amis!« brüllt Oma Luchterhand. »Hier sind wir!«

»Sie spinnt, merkst du das nicht?«, rufe ich entsetzt. »Sie weiß nicht mehr, was sie sagt!«

»Ich glaube, sie weiß das sehr gut, Fritzi«, antwortet Mutter leise und nimmt mich am Arm.

Fassungslos lasse ich mich mitziehen. Oma Luchterhands Stimme verklingt, noch bevor wir an der Treppe angekommen sind.

Durch die Öffnung, wo einmal unsere Haustür war, fällt mein Blick auf verlassene Fahrzeuge kreuz und quer auf der Straße und Menschen, die, vom Alarm überrascht, in umliegende Keller drängen. Der Luftschutzwart vom Haus gegenüber steht wie ein Fels: »Hier ist voll!«

Man hastet weiter, noch ist Zeit, einen Unterschlupf zu finden. Vollalarm beginnt, wenn die Flugzeuge rund hundert Kilometer von uns entfernt sind. Meine Tante Lexi könnte jetzt auf die Sekunde genau berechnen, wann sie über uns auftauchen.

Mein Koffer, vor nicht einmal einer Stunde mit mir angekommen und noch mit dem Geruch unserer warmen Stube in Oschgau, wartet bereits neben Mutters eigenem kleinen Notgepäck an der Wohnungstür. Sie reicht mir Handtücher aus dem Schrank, die ich tief ins Waschbecken tauche; die nassen Tücher nehmen wir in den Keller mit. Mutter wirkt nicht ängstlich, höchstens ein wenig resigniert: Der Alarm beginnt, bevor sie alles erledigt hat, was für heute anstand. Ich und die Amerikaner sind ihr dazwischengekommen.

»Nimm dir zu lesen mit, das kann Stunden dauern. Manchmal werfen sie die Ladung erst auf dem Rückweg ab. Kennst du das schon? Und das?« In aller scheinbaren Ruhe nimmt sie Bücher aus dem Regal und hält sie mir fragend hin.

Was soll das? Wenn Oma Luchterhand etwas passiert, ist das Mutters Schuld!

Plötzlich vibriert der Boden. Eine unsichtbare Hand greift nach meiner Kehle – aber es ist nur die Straßenbahn, die heranpoltert, mitten auf der Strecke stehen bleibt und einen weiteren Schwall Menschen ausspuckt. Als Letztes rennt die Schaffnerin. Sie ist noch ziemlich jung, zwanzig vielleicht, hat ein munteres rundes Gesicht und ein Grübchenlächeln ohne Angst. Ein wenig außer Atem steht sie da, als wir eben aus der Wohnungstür treten.

»Ist bei Ihnen noch Platz?«

»Natürlich. Kommen Sie!«

Wir laufen die Kellertreppe hinunter. Wir sind die Letzten, die eingelassen werden. Der Herr Geheimrat i.R. Becker, unser Luftschutzwart, prüft die Papiere der Schaffnerin und verriegelt hinter uns die Tür.