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Impressum

Als Ravensburger E-Book
erschienen 2010

Die Print-Ausgabe erscheint im Ravensburger Buchverlag

© 2010 Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH
für die deutschsprachige Ausgabe

Die amerikanische Print-Originalausgabe erschien 2009
unter dem Titel „Wintergirls“ bei Viking,
a member of Penguin Group (USA) Inc.

Copyright © 2009 by Laurie Halse Anderson
Published by Arrangement with Laurie Halse Anderson

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur
Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Zitat von Charles Perrault in der deutschen Übersetzung von Doris Distelmaier-Haas

© 1986 Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG
Wir danken dem Reclam-Verlag für die freundliche Genehmigung.

Alle Rechte dieses E-Books
vorbehalten durch
Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH

ISBN 978-3-473-38402-0

www.ravensburger.de

FÜR SCOT –
als Dank für sein Feuer, das mich wärmt,
wenn draußen der Sturm tobt.

Jene von Staunen erfüllt nun streckete hurtig die Hände nach dem ergötzlichen Spiel; doch auf tat flugs sich die weite Erd’ in der Nysischen Flur, […] sie schrie laut auf mit der Stimme […], und der Unsterblichen keiner und keiner der sterblichen Menschen hörte der Jungfrau Ruf.

Homer:
Hymne an die Göttin Demeter,
Nachdichtung von Eduard Mörike


Der König ordnete an, dass man sie in Frieden schlafen lassen sollte, bis die Stunde gekommen sei, zu der sie aufgeweckt werden würde.

Charles Perrault:
Die schlafende Schöne im Walde, 1697,
übersetzt von Doris Distelmaier-Haas

001.00

Und dann sagt sie es mir, Wörter und Cranberrymuffin krümeln aus ihrem Mund, die Kommas fallen ihr in den Kaffee.

Sie teilt es mir in vier Sätzen mit. Nein, fünf.

Ich will das nicht hören, aber es ist zu spät. Die Wahrheit pirscht sich heran und bohrt sich in mich hinein. Als sie zum Schlimmsten kommt,

… ihr lebloser Körper wurde im Zimmer eines Motels
aufgefunden, ganz allei
n

gehen bei mir sämtliche Rollläden herunter, ich mache dicht. Ich nicke nur noch, tue nur noch so, als ob ich hinhöre, als ob wir ein Gespräch miteinander führen – ein Unterschied, der ihr nie auffällt.

Es ist nicht schön, wenn ein Mädchen stirbt.

002.00

»Wir wollten nicht, dass du es in der Schule erfährst oder aus den Nachrichten.« Jennifer stopft sich das letzte Stück Muffin in den Mund. »Geht’s dir auch wirklich gut?«

Ich öffne den Geschirrspüler und beuge mich in die Dampfwolke, die herausquillt. Am liebsten würde ich hineinkriechen und mich zwischen Schüsseln und Tellern zusammenrollen. Dann könnte meine Stiefmutter Jennifer die Klappe schließen, auf 60°C INTENSIV stellen und anschalten.

Der Dampf wird eiskalt, als er mein Gesicht berührt. »Ich komm schon klar«, lüge ich.

Sie greift nach der Schachtel Haferflockenkekse, die auf dem Tisch steht. »Das muss schrecklich für dich sein.« Reißt das Pappband auf. »Schlimmer als schrecklich. Gibst du mir mal eine saubere Dose?«

Ich hole eine leere Plastikdose aus dem Schrank und reiche sie ihr über die Kücheninsel. »Wo ist Dad?«

»Er hat eine Personalbesprechung.«

»Woher weißt du das mit Cassie?«

Sie bröselt die Kekse an den Rändern ab, ehe sie sie in die Dose legt, damit sie wie selbst gebacken aussehen. »Gestern Abend hat deine Mutter angerufen und mich informiert. Sie möchte, dass du sofort zu Dr.Parker gehst, statt bis zum nächsten Termin zu warten.«

»Was hältst du davon?«, frage ich.

»Finde ich gut«, sagt Jennifer. »Ich schau mal, ob sie dich heute Nachmittag noch zwischenschieben kann.«

»Spar dir die Mühe.« Ich ziehe die obere Lade des Geschirrspülers heraus. Die Gläser stoßen kleine Schreie aus, als ich sie berühre. Wenn ich sie in die Hand nehme, werden sie zerspringen. »Nicht nötig.«

Sie hält mitten im Krümeln inne. »Cassie war deine beste Freundin.«

»Das war einmal. Ich gehe nächste Woche zu Dr.Parker, wie geplant.«

»Na ja, das musst du wohl selbst entscheiden. Versprichst du mir, deine Mutter zurückzurufen, um mit ihr darüber zu reden?«

»Versprochen.«

Jennifer wirft einen Blick auf die Uhr der Mikrowelle und brüllt: »Emma! Vier Minuten!«

Meine Stiefschwester Emma antwortet nicht. Sie ist im Wohnzimmer, hypnotisiert vom Fernseher und ihrer Schüssel Blaubeerpops.

Jennifer knabbert an einem Cookie. »Ich rede nicht gern schlecht über Tote, aber es ist gut, dass du dich nicht mehr mit ihr rumgetrieben hast.«

Ich schiebe die obere Lade wieder hinein und ziehe die untere heraus. »Warum?«

»Cassie war völlig am Ende. Sie hätte dich mit runtergerissen.«

Ich greife nach dem Steakmesser, das sich zwischen den Löffeln versteckt. Der schwarze Griff ist warm. Als ich es herausziehe, fährt die Klinge durch die Luft und schneidet die Küche in Streifen. Dort ist Jennifer, die ihrer Tochter für die Schule gekaufte Kekse in eine Plastikdose packt. Dort ist der leere Stuhl von Dad, der so tut, als wären diese morgendlichen Arbeitstreffen ganz und gar unvermeidlich. Und dort der Schatten meiner Mutter, die lieber telefoniert, weil ein Gespräch unter vier Augen zu lange dauert und normalerweise in Geschrei endet.

Hier steht ein Mädchen mit einem Messer in der Hand. Auf dem Herd klebt Fett, der Geruch von Blut liegt in der Luft, und in den Ecken sammeln sich haufenweise böse Worte. Wir sind darauf getrimmt, es nicht zu merken. Nichts von alldem.

… ihr lebloser Körper wurde im Zimmer eines Motels
aufgefunden, ganz allei
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Irgendwer hat mir gerade die Augenlider abgerissen.

»Gott sei Dank bist du stärker, als sie es war.« Jennifer trinkt ihren Kaffee aus und wischt sich die Krümel aus den Mundwinkeln.

Mit einem Flüstern gleitet das Messer in den Messerblock. »Ja.« Ich greife nach einem Teller, von dem jetzt Blut und Knorpel abgeschrubbt sind. Zehn Pfund wiegt er.

Jennifer klickt die Keksdose zu. »Ich muss nachher noch zu einem Schlichtungsgespräch. Außergerichtliche Einigung. Kannst du Emma zum Fußball fahren? Das Training geht um fünf los.«

»Auf welchem Platz?«

»Richland Park, du musst am Einkaufszentrum vorbei und dann noch ein Stück weiter. Hier.« Sie gibt mir den schweren Kaffeebecher mit dem blutroten Lippenstiftmond am Rand. Ich stelle ihn auf der Anrichte ab und räume einen Teller nach dem anderen aus der Maschine, während meine Arme zittern.

Emma kommt in die Küche und stellt ihre Schale, noch halb voll mit himmelblauer Milch, neben die Spüle.

»Hast du an die Kekse gedacht?«, fragt sie ihre Mutter.

Jennifer schüttelt die Plastikdose. »Wir sind spät dran, Schatz. Hol deine Sachen.«

Emma stapft mit offenen Schnürsenkeln zu ihrem Rucksack hinüber. Eigentlich könnte sie noch schlafen, aber die Frau meines Vaters bringt sie dreimal die Woche früher in die Schule, zum Geigenunterricht und zur französischen Konversation. Schließlich ist es in der dritten Klasse höchste Zeit für Zusatzförderung.

Jennifer steht auf. Ihr Rock spannt so sehr an ihren Schenkeln, dass man das Innenfutter der Taschen sehen kann. Sie versucht, die Falten glatt zu streichen. »Lass dich von Emma bloß nicht beschwatzen, ihr vor dem Training Chips zu kaufen. Wenn sie Hunger hat, soll sie einen Obstsalat essen.«

»Soll ich sie dann auch abholen?«

Jennifer schüttelt den Kopf. »Das übernehmen die Grants.« Sie nimmt ihren Mantel von der Rückenlehne des Stuhls, schlüpft in die Ärmel und knöpft ihn zu. »Iss doch einen Muffin! Ich hab auch Orangen gekauft, oder mach dir einen Toast oder Waffeln, wenn du willst…«

Ich will aber nichts wollen Ich brauche keinen Muffin (410), ich will weder eine Orange (75) noch Toast (87), und von Waffeln (180) kriege ich Erstickungsanfälle.

Ich deute auf eine leere Schüssel, die neben lauter Pillendöschen und einer Packung Blaubeerpops auf der Anrichte steht. »Ich esse Pops.«

Ihr Blick wandert automatisch zum Schrank, an den sie meinen Essensplan geklebt hatte. Er war bei den Entlassungspapieren dabei, als ich vor sechs Monaten hier einzog. Drei Monate später, an meinem achtzehnten Geburtstag, habe ich ihn abgehängt.

»Das ist zu wenig für eine volle Mahlzeit«, sagt sie vorsichtig.

Ich könnte die ganze Packung leer essen Ich werde wahrscheinlich nicht mal die Schüssel vollmachen. »Ich hab mir den Magen verdorben.«

Wieder öffnet sie den Mund. Zögert. Ein saurer Hauch aus morgendlichem Atem mit Kaffeenote kommt durch die stille Küche herübergeweht und springt mich an. Sag es nicht Sagsnicht.

»Vertrauen, Lia.«

Sie hat es doch gesagt.

»Das ist hier das Thema. Gerade jetzt. Wir möchten nicht…«

Wenn ich nicht so müde wäre, würde ich Vertrauen und Thema in den Müllhäcksler stopfen und ihn den ganzen Tag lang laufen lassen.

Ich hole eine extragroße Müslischüssel aus der Spülmaschine und stelle sie auf die Anrichte. »Ich. Komme. Klar. Okay?«

Sie zwinkert zweimal und knöpft sich den Mantel fertig zu. »Okay. Verstehe. Mach die Schnürsenkel zu, Emma, und steig schon mal ins Auto.«

Emma gähnt.

»Warte.« Ich bücke mich und binde Emma die Turnschuhe. Mit Doppelknoten. Dann hebe ich den Kopf. »Ich kann das nicht ewig machen, klar? Dafür bist du schon viel zu alt.«

Sie grinst und küsst mich auf die Stirn. »Klar kannst du, du Dummi.«

Als ich aufstehe, macht Jennifer zwei unbeholfene Schritte auf mich zu. Ich warte ab. Sie ist ein blasser, dicker Nachtfalter, eingestäubt mit eierschalenfarbenem Kompaktpuder, bereit, dem Tag ins Auge zu blicken, und bewaffnet mit ihrer Banker-Aktentasche, ihrem Portmonee und dem Funk-Autoschlüssel für den geleasten Geländewagen. Nervös tritt sie von einem Bein aufs andere.

Ich warte ab.

Das ist der Moment, in dem wir uns umarmen oder küssen sollten – oder zumindest so tun sollten, als ob.

Sie zieht den Gürtel enger um ihre Taille. »Hör zu… Lenk dich heute ein bisschen ab, okay? Versuch, nicht zu viel nachzudenken.«

»Gut.«

»Verabschiede dich von deiner Schwester«, fordert sie Emma auf.

»Wiedersehen, Lia.« Emma winkt und schenkt mir ein kleines Blaubeerlächeln. »Sind echt lecker, die Pops. Du kannst die Schachtel leer machen, wenn du willst.«

003.00

Ich schütte zu viele Blaubeerpops (150) in die Schale, gieße zweiprozentige Milch (125) drüber.

Das Frühstück ist ja Diewichtigstemahlzeitdestages. Das Frühstück macht mich sta-aaaaaaaa-rk.

… Als ich noch ein richtiges Mädchen war, mit Vater und Mutter und einem Haus und ohne blitzende Klingen, gab es zum Frühstück Müsli mit frischen Erdbeeren obendrauf, und beim Essen las ich ein Buch, mit der Obstschale als Buchstütze. Bei Cassie zu Hause aßen wir immer Waffeln mit echtem Ahornsirup, nicht mit diesem künstlichen Ersatzmist aus Mais, und wir lasen die Witzseite

Nein, das tu ich mir jetzt nicht an. Ich will nicht denken. Ich will nicht hinsehen.

Und ich will meine Eingeweide auch nicht mit Blaubeerpops oder Muffins oder kratzraspeligen Toaststücken verschmutzen. Der Dreck und die Fehler von gestern sind durch mich hindurch. Nun bin ich innen blitzblank und rosig. Ein gutes Gefühl, leer zu sein. Ein Gefühl von Stärke.

Aber ich muss noch fahren.

… Letztes Jahr bin ich auch gefahren, mit offenen Fenstern, lauter Musik, am ersten Samstag im Oktober, so raste ich zur Aufnahmeprüfung fürs Studium. Ich saß hinterm Steuer, damit Cassie ihren Nagellack auftragen konnte. Wir waren heimlich verbündete Schwestern mit dem Plan zur Weltherrschaft, die Möglichkeiten umsprudelten uns wie Champagner. Cassie lachte. Ich lachte. Wir waren vollkommen.

Ob ich gefrühstückt hatte? Natürlich nicht. Hatte ich am Abend zuvor was gegessen oder mittags oder überhaupt?

Der Wagen vor uns bremste ab, als die Ampel erst auf Gelb und dann auf Rot sprang. Mein Flipflop schwebte über dem Pedal. Vor meinen Augen verschwamm alles. Schnörkelige schwarze Schauer wanden sich meine Wirbelsäule hinauf und legten sich um meine Augen wie ein Seidenschal. Das Auto vor uns verschwand. Lenkrad und Armaturenbrett verschwanden. Es gab keine Cassie, keine Ampel. Wie sollte ich dieses Ding anhalten?

Cassie schrie in Zeitlupe.

::Explosion/Marshmallow/Airbag::

Als ich aufwachte, blickte ich in die besorgten Gesichter eines Sanitäters und eines Polizisten. Der Fahrer des Wagens, in den ich reingefahren war, brüllte in sein Handy.

Mein Blutdruck glich dem einer kalten Schlange. Mein Herz war müde. Meine Lunge wollte eine kleine Pause. Man steckte eine Nadel in mich hinein, blies mich auf wie einen Heißluftballon und verfrachtete mich in ein Krankenhaus, wo Krankenschwestern mit stahlhartem Blick jeden schlechten Wert notierten. Erwischt.

Mom und Dad stürmten herein, ausnahmsweise einmal Seite an Seite, froh, dass ich nicht tot war. Eine Krankenschwester gab meiner Mutter meine Krankenakte. Sie las sich alles durch und erklärte die Katastrophe meinem Vater, worauf zwischen ihnen Streit ausbrach, eine wahre Schlammschlacht, die über die antiseptischen Betttücher und sogar bis in den Korridor hinausspritzte. Ich war gestresst/überfordert/verrückt/nein, deprimiert/nein, ich brauchte Aufmerksamkeit/nein, brauchte Disziplin/brauchte Ruhe/brauchte/deine Schuld/deine Schuld/Schuld/Schuld. Sie trugen ihren Streit auf dem Rücken des klapperdürren Mädchens aus.

Es wurde telefoniert. Meine Eltern eskortierten mich in die Berghölle in die Klinik New Seasons

Cassie kam davon, wie immer. Ohne jeden Kratzer. Die Versicherung übernahm mehr als nur den Schaden, sodass am Ende ein reparierter Wagen und neue Lautsprecher für sie heraussprangen. Unsere Mütter trafen sich zu einem Gespräch, aber jedes Mädchen macht doch mal so eine Phase durch, was soll man da schon groß tun? Cassie meldete sich für die Nachprüfung an und ließ sich die Nägel im Nagelstudio machten, Delfinblau, während man mich einsperrte und Zuckerlösung in meine leeren Venen tropfte

Lektion gelernt. Zum Autofahren braucht man Benzin.

Nicht Emmas Blaubeerpops. Zittrig schütte ich den größten Teil der ekligen Pampe in den Müllhäcksler und stelle den Rest auf den Boden. Emmas Katzen, Kora und Pluto, kommen durch die Küche getappt und stecken ihre Köpfe in die Schale. Ich zeichne ein Comicgesicht mit einer großen Zunge auf einen Klebezettel, schreibe LECKER, EMMA! DANKE! drauf und klatsche ihn auf die Blaubeerpopsschachtel.

Ich esse zehn Rosinen (16), fünf Mandeln (35) und eine grüne Birne (121) (=172). Die Bissen kriechen mir die Kehle hinab. Dann nehme ich meine Vitamine und diese Tabletten für Verrückte, die verhindern, dass mein Hirn explodiert. Eine lange violette, eine dicke weiße, zwei klatschmohnrote. Alles spüle ich mit heißem Wasser hinunter.

Hoffentlich wirken sie schnell. Auf meinem Handy wartet schon die Stimme eines toten Mädchens auf mich.

004.00

Das Treppensteigen dauert länger als gewöhnlich.

Ich schlafe am hinteren Ende des Flurs, in dem kleinen Kabuff, das immer noch wie ein Gästezimmer eingerichtet ist. Weiße Wände. Gelbe Vorhänge. Das Bettsofa wird nie zusammengeklappt, der Schreibtisch stammt von einem Flohmarkt. Jennifer will mir ständig neue Möbel kaufen. Und streichen. Oder tapezieren. Dann sage ich ihr, dass ich mich noch nicht entschieden habe, was ich möchte. Wahrscheinlich sollte ich erst mal die ganzen eingestaubten Kartons auspacken.

Mein Handy wartet auf dem Haufen Schmutzwäsche, genau da, wo es Sonntag Früh gelandet ist, als ich es an die Wand geschmissen habe, weil mich das ewige Geklingel verrückt machte und ich zu müde war, um es auszuschalten.

… Vor sechs Monaten telefonierte ich das letzte Mal mit ihr, nach meiner zweiten Entlassung aus der Klinik. Ich hatte sie vier- oder fünfmal am Tag angerufen, aber sie ging einfach nicht ran und rief auch nicht zurück – bis endlich dieser Anruf kam. Ich solle zuhören, meinte sie, es werde auch nicht lange dauern.

Ich sei die Wurzel allen Übels, sagte Cassie, ein schlechter Einfluss, ein giftiger Schatten.

Während ich eingesperrt war, hatten ihre Eltern sie zu einem Arzt geschleift, der sie einer Gehirnwäsche unterzog und mit Pillen und leeren Worten kleinmachte. Sie müsse nun nach vorn schauen, ihr Leben in die Hand nehmen, ihre Grenzen neu abstecken, erklärte mir Cassie. An mir liege es, dass sie den Unterricht schwänze und in Französisch durchfalle, ich sei der Grund für alles Schlimme und Gefährliche.

Falsch. Falsch. Falsch.

An mir lag es, dass sie nicht schon im ersten Schuljahr davongelaufen war. Ich hatte verhindert, dass sie das Röhrchen Schlaftabletten schluckte, nachdem ihr Freund sie betrogen hatte. Ich hatte ihr stundenlang zugehört, als ihre Eltern ihr eine Modelkarriere überstülpen wollten, für die sie nicht gemacht war. Ich konnte verstehen, wenn sie zusammenbrach, jedenfalls meistens. Ich wusste, wie weh es tat, Eltern zu haben, die einen einfach nicht wahrnahmen, nicht einmal, wenn man direkt vor ihnen stand und mit den Füßen aufstampfte.

Aber Cassie schaffte es nicht, sich all das einzugestehen. Für sie war es leichter, mich ein letztes Mal abzuservieren. Sie machte meinen Sommer zur öden Wüste. Als die Schule wieder anfing, blickte sie in den Korridoren durch mich hindurch, und ihre neuen Freunde hingen ihr am Hals wie Billigschmuck. Sie löschte mich aus ihrem Leben.

***

Aber irgendetwas muss geschehen sein. Mitten in der Nacht von Samstag auf Sonntag hat sie mich angerufen.

Natürlich ging ich nicht ran. Entweder war sie betrunken oder es war eins von ihren Spielchen. Ich würde nicht noch einmal auf ihre Beteuerungen reinfallen, dass alles wieder gut sei, nur damit sie mir dann wieder die kalte Schulter zeigen und mich aufs Neue zermalmen konnte.

… ihr lebloser Körper wurde im Zimmer eines Motels
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Ich ging nicht ran. Ich habe auch die Mailbox nicht abgehört. Ich war zu wütend, um auch nur einen Blick aufs Telefon zu werfen.

Sie wartet immer noch auf mich.

Ich setze mich auf den Berg ungewaschener Klamotten und grabe das Handy hervor. Klappe es auf. Sie hat dreiunddreißig Mal angerufen, der erste Anruf ist von 23:30Uhr Samstagnacht.

MAILBOX ABHÖREN.

»Lia? Ich bin’s. Ruf mich an.«

Cassie.

Zweite Nachricht: »Wo bist du denn? Ruf mich zurück.« Cassie.

Die dritte: »Das ist kein Witz, ich muss mit dir reden.«

Cassie vor zwei Tagen, Samstag.

»Ruf mich an.«

»Bitte, bitte ruf an!«

»Hör zu, es tut mir leid, ich war eine blöde Kuh. Bitte!«

»Ich weiß genau, dass du die Nachrichten abhörst.«

»Du kannst später sauer auf mich sein, okay? Ich muss dringend mit dir sprechen.«

»Du hattest Recht. Es war nicht deine Schuld.«

»Es gibt sonst keinen, mit dem ich reden kann.«

»Oh Gott!«

Zwischen 1:20Uhr und 2:55Uhr hat sie fünfzehn Mal gleich wieder aufgelegt.

Die nächste Nachricht: »Bitte, Lia, Lia!« Sie lallt.

»Ich bin so traurig. Ich komm da nicht raus.«

»Ruf an. Was für ein Albtraum.«

Noch zwei Anrufe ohne Nachricht.

3:20Uhr, sehr vernuschelt: »Ich weiß nicht, was ich tun soll.«

3:27Uhr: »Ich vermiss dich. Vermiss dich.«

Ich vergrabe das Handy ganz tief unten im Wäscheberg und ziehe mir noch einen dicken Kapuzenpulli über, ehe ich zum Auto gehe. In New Hampshire kommt der Winter früh.

005.00

Mein Timing ist mal wieder spitze und ich lande mitten in einem Stau. In den anderen Autos sitzen fette Kühe und brüllende Stiere. Wir schleichen mit zehn Stundenkilometern dahin. Da bin ich schneller, wenn ich renne. Bremsen. Sie sind am Wiederkäuen und muhen in ihre Handys, bis die Herde Gang wechselt und weiterrollt.

Vierundzwanzig Stundenkilometer. So schnell kann ich nicht rennen.

Irgendwo zwischen Martins Corner und der Route28 fange ich an zu heulen. Ich schalte das Radio an, singe aus voller Kehle mit, schalte es wieder aus. Ich schlage mit den Fäusten aufs Lenkrad ein, bis blaue Flecken zu sehen sind, und mit jedem Kilometer wird das Weinen schlimmer. Wie Regen, der mir das Gesicht hinunterläuft.

… ihr lebloser Körper wurde im Zimmer eines Motels
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Was hat sie dort gemacht? Was hat sie gedacht?

Hat es wehgetan?

Zwecklos, nach dem »Warum« zu fragen, obwohl jeder es tun wird. Ich weiß, warum. Die schwierigere Frage lautet: Warum nicht? Kaum zu glauben, dass ihr tatsächlich vor mir die Antworten ausgegangen sind.

Ich müsste jetzt laufen, fliegen, so heftig mit den Flügeln schlagen, dass ich nichts höre außer meinem pochenden Herzschlag. Regen, Regen, Regen, in dem ich ertrinke.

Ob es wohl leicht war?

Ich nehme keine Abkürzung und vergesse auch nicht, am Feinkostladen abzubiegen. Ich verfahre mich nicht, auch nicht absichtlich. Ich fahre wie ein Roboter zur Schule, komme für ihre Begriffe spät an, für meine früh. Die letzten Busse sind eben erst vorgefahren.

Ich steige aus und schließe den Wagen ab.

Der unerbittliche Novemberwind bläst mich zum Haupteingang. Von den Zuckergusswolken über mir trudeln spitze Schneeflocken herab.

Der erste Schnee. Zauberei. Alle bleiben stehen und schauen hoch. Die Busabgase gefrieren, hüllen sämtliche Geräusche in eine grobkörnige Wolke. Selbst die Eingangstüren zur Schule sind eingefroren.

Wir legen die Köpfe in den Nacken und reißen die Münder auf.

Der Schnee weht in unsere Zombiemäuler, in denen es wimmelt von Fett und Flüchen und Tabakkrümeln und Karies und den Körperflüssigkeiten von Freund oder Freundin, den Flecken der Lüge. Einen kurzen Moment lang sind wir nicht nur verhauene Tests und geplatzte Kondome und bescheißen beim Aufsatz; wir sind Buntstifte und Butterbrotdosen und schaukeln so hoch in den Himmel hinauf, dass unsere Turnschuhe Löcher in die Wolken treten. Einen Atemzug lang fühlt sich alles besser an.

Dann schmilzt er weg.

Die Busfahrer lassen ihre Motoren aufheulen und die Eiswolke bricht auseinander. Alle schlendern weiter. Sie wissen nicht, was gerade passiert ist. Sie erinnern sich nicht.

Sie hat mich angerufen.

Ich gehe zurück zu meinem Auto, steige ein, drehe die Heizung auf und wische mir das Gesicht an meinem Pullover ab. 7:30Uhr. Emma hat gerade die Französischstunde hinter sich und packt ihre Geige aus. Sie wird sich zu viel Zeit nehmen, um ihren Bogen zu harzen, und zu wenig für das Stimmen der Saiten. In ein paar Wochen steht das Winterkonzert an, und sie kann ihre Stücke immer noch nicht. Eigentlich sollte ich ihr dabei helfen.

Cassie liegt wohl im Leichenschauhaus. Die letzte Nacht hat sie dort in einer silbernen Schublade geschlafen, und ihre Augen haben sich an die Dunkelheit gewöhnt.

Jennifer sagt, dass eine Autopsie gemacht wird. Wer wird ihr die Kleider herunterschneiden? Wird man sie baden, werden Fremde ihre Haut berühren? Kann sie ihnen zuschauen? Wird sie weinen?

Es läutet zum letzten Mal, und die Nachzügler auf dem Parkplatz hasten Richtung Tür. Nur noch ein paar Minuten. Ich kann nicht reingehen, ehe die Flure leer sind und die Lehrer jeden mit ihrer Langeweile betäubt haben; niemand soll mich sehen, wenn ich die Gänge entlangschleiche.

Ich drehe mich um und mache auf dem Rücksitz Platz, schiebe die ganzen Prüfungsbogen, Klamotten und überfälligen Büchereibücher zur Seite, damit Emma irgendwo sitzen kann, wenn ich sie nachher abhole. Jennifer besteht darauf, dass Emma hinten sitzt. Das sei sicherer.

Es gibt kein Sicherer. Nicht mal ein Sicher. Hat es nie gegeben.

Für Cassie war der Himmel ein Märchen für Dumme. Wie soll man einen Ort finden, an den man nicht glaubt? Das geht nicht. Wo kommt sie jetzt also hin? Was ist, wenn sie zurückkommt, mit Augen, die vor Wut Funken sprühen?

7:35Uhr: Zeit, in die Schule zu gehen und meinen Kopf abzuschalten.

006.00

In diesem Jahr habe ich keine Chance auf das Begabtenprogramm. Ich habe zeitgenössische Weltliteratur belegt, Sozialwissenschaft12 – Holocaust, Physik, Trigonometrie (zum zweiten Mal) und Mittagessen. Kein Sport, dank Dr.Parkers Zauberbrief. Neben meinem Namen steht ein Sternchen, und eine Fußnote erläutert die Situation.

… Als ich noch ein richtiges Mädchen war, verabreichte mir meine Mutter löffelweise Luftschlösser. Auf die Uni. Harvard. Yale. Princeton. Duke. Studentin. Humanmedizin. Praktisches Jahr, Assistenzzeit, meine Güte. Sie bürstete mir das Haar und flocht Fremdwörter darin ein, webte die lateinischen Wurzeln und griechischen Herleitungen in meinen Kopf, damit mir das Anatomielernen leichter fallen würde. Mom Dr.Marrigan war wütend, als die Vertrauenslehrerin mich aus dem Begabtenprogramm ausschloss und auf die normale College-Laufbahn zurückstufte. Sie schlug vor, ich sollte später doch aufs College meines Vaters gehen, weil sie dort verpflichtet seien, mich aufzunehmen. Erlass der Studiengebühren für Kinder der Lehrkräfte, erinnerte sie uns.

Ich war erleichtert.

Noch am selben Abend teilte Dr.Marrigan mir mit, ich sei zu klug, um als faules Lehrerkind zu gelten. Sie ließ mich noch einmal auf eigene Kosten testen, um zu beweisen, wie hochbegabt ich sei und wie wenig mir die Schule gerecht wurde. Aber als ich dann wieder alles vermasselte, steckten sie mich zurück in die Klinik, und nach meiner Entlassung stellte ich meine eigenen Regeln auf.

Ich habe mir oft ausgemalt, einen IQ-Test zu machen und allen zu beweisen, dass ich keine Versagerin bin. Vielleicht hätte ich ja die absolut granatenmäßige Geniepunktzahl erreicht. Dann hätte ich das Testergebnis hunderttausendmal kopiert, die Kopien bei meiner Mutter zu Hause an die Wände gekleistert, mir einen Eimer rote Farbe geholt und eine Million Mal ein fettes Ha! draufgepinselt.

Aber die Chancen, bei so einem Test durchzurasseln, standen ziemlich gut. Eigentlich wollte ich das Ergebnis gar nicht wissen.

Der Gong ertönt. Schüler strömen von einem Raum in den anderen. Die Lehrer binden uns an den Stühlen fest und träufeln uns Welten in die Ohren.

Die Jalousien sind heruntergelassen und im Physikraum ist alles dunkel, damit wir einen Film über Lichtgeschwindigkeit und Schallgeschwindigkeit und irgendwelchen anderen unwichtigen Müll sehen können. In den Schatten des Saals warten Geister, geduldige blasse Schimmer. Auch die anderen können sie sehen, das weiß ich. Wir haben alle Angst, über das zu sprechen, was uns aus der Finsternis anstarrt.

Wellen aus Physikteilchen durchwabern den Raum.

Sie hat mich dreiunddreißig Mal angerufen.

Ein Geist hüllt mich ein, streicht mir übers Haar und lässt mich einschlafen.

Der Gong ertönt. Meine Klassenkameraden schnappen sich ihre Bücher und stürmen zur Tür. Ich habe den Tisch vollgesabbert.

Mein Physiklehrer (wie heißt er noch mal?) blickt mich stirnrunzelnd an. Wenn er durch den Mund ausatmet, rieche ich seinen nächtlichen Zungenbelag und das Spiegelei, das er zum Frühstück gegessen hat. »Hast du vor, den ganzen Tag hier zu verbringen?«, fragt er.

Ich schüttele den Kopf. Ehe er noch mal versucht, witzig zu sein, greife ich nach meinen Büchern und stehe auf. Zu schnell. Der Boden will mich vornüber nach unten ziehen, aber mein Lehrer mit Zungenbelag von letzter Nacht schaut zu, also reiße ich mich zusammen und wehe davon, mit Sternchen vor den Augen.

1.2.3.4.5.6.7.8.9.10.11.12.13.14.15.16.17.18.19.
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***

»Wandelnde Leiche«, sagen die Jungs in den Korridoren.

»Wie macht sie das nur?«, flüstern die Mädchen auf der Toilette von Kabine zu Kabine.

Ich bin dieses Mädchen.

Ich bin die Lücke zwischen meinen Schenkeln, durch die Tageslicht scheint.

Ich bin die Bibliotheksaushilfskraft, die sich in Fantasybücher flüchtet.

Ich bin die Zirkusattraktion unter einer Schicht aus Bienenwachs.

Ich bin die Knochen, die sie alle wollen, aufgefädelt zu einem Gerippe aus Porzellan.

Wenn ich näher komme, weichen sie zurück. Die Kameras in ihren Augenhöhlen filmen den Pickel an meinem Kinn, den Regen in meinen Augen, das blaue Wasser unter meiner Haut. Ihren am Kragen festgeklemmten Mikrofonen entgeht kein Laut. Sie wollen mich einfangen, aber sie haben Angst.

Ich bin ansteckend.

Ich taumele ins Krankenzimmer und stütze mich an der Wand ab, um in der Senkrechten zu bleiben. Wenn ich renne oder zu tief atme, reißen die billigen Fäden, die mich zusammenhalten, und die klebrige Masse in mir wird auslaufen und sich durch den Betonboden ätzen.

Der Krankenschwester sträuben sich die Haare, als ich hereinschlüpfe. Sie stellt den Jazz im Radio leiser und mustert mich von oben bis unten, die Hände in die Hüften gestemmt, mit traurigen, freundlichen Augen.

»Ich dachte, du bleibst heute bestimmt zu Hause«, sagt sie. »Muss doch ein Schock für dich sein. Cassie stand dir sehr nahe, oder?«

»Mir ist nicht gut«, sage ich. »Kann ich mich einen Moment hinlegen?«

»Du kennst die Regeln.«

Sie ist eine listige Hexe in Krankenschwesternmontur.

»Okay.« Ich nehme auf dem Stuhl neben ihrem Schreibtisch Platz und lasse sie Fieber und Blutdruck messen.

Sie zieht mir die Manschette über den Armknochen. »Wirst du immer noch regelmäßig gewogen?«

»Einmal die Woche. Alles bestens. Ich muss nicht auf Ihre Waage.«

»Du siehst aber nicht bestens aus.« Sie notiert meine Werte. »Wenn du hierbleibst, musst du was zu dir nehmen. Sonst heißt es: ab in den Unterricht.«

Will ich von innen nach außen sterben oder von außen nach innen?

Sie öffnet eine Packung Orangensaft, gießt ihn in einen Pappbecher und reicht ihn mir, während sie mir das Thermometer wieder abnimmt. »Das meine ich ernst.«

Ich nehme den Becher. Meine Kehle will, mein Hirn will, mein Blut will Meine Hand will nicht, mein Mund will nicht.

Die Krankenschwester will und ich will nicht, dass sie was merkt. Also zwinge ich den Saft in mich hinein.

Die Tür geht auf, und zwei Typen kommen herein. Der eine blutet aus der Nase, der andere ist vom Anblick des Blutes völlig neben der Spur. Die Krankenschwester lässt den Blutenden Platz nehmen und den Kopf in den Nacken legen. Sein Freund soll sich hinsetzen und den Kopf zwischen den Beinen nach unten hängen lassen, um nicht in Ohnmacht zu fallen.

Ich werfe den Pappbecher in den Mülleimer, nehme die Zeitung von ihrem Schreibtisch und verziehe mich auf die Liege am anderen Ende des Zimmers.

»In einer Viertelstunde trinkst du noch einen«, sagt die Krankenschwester. »Oder du nimmst dir einen Lutscher: Traube oder Limette.«

»Okay.«

Ich ziehe den kleinen Sichtschutz vor die Liege, setze mich hin und blättere in der Zeitung. Lokalteil, Seite zwei. Der Artikel ist ziemlich lang und steht neben einer Werbung für Pelzmäntel mit 30% Preisnachlass.

Die Polizei ermittelt im Fall der verstorbenen neunzehnjährigen Cassandra Parrish aus Amoskeag, New Hampshire. Die Leiche des Mädchens wurde am frühen Sonntagmorgen in einem Zimmer des Gateway Motels in der River Road in Centerville aufgefunden. Ein Mitarbeiter des Motels hatte die Tote entdeckt und die Polizei verständigt, die um 4:43Uhr am Ort des Geschehens eintraf. Erste Hinweise lassen vermuten, dass Miss Parrish eines natürlichen Todes starb, die Polizei will jedoch bislang Fremdeinwirkung oder Drogenmissbrauch nicht ausschließen.
»Wir sammeln nach wie vor Indizien«, sagte Polizeisprecherin Sergeant Anna Warren. »Über Zeitpunkt und Todesursache werden wir Angaben machen, sobald das Ergebnis der Autopsie vorliegt.«
Miss Parrish, von ihren Freunden »Cassie« genannt, war eine beliebte Sportlerin und Mitglied der Theatergruppe der Highschool von Amoskeag. Ihr Vater, Jerry Parrish, ist Leiter der Park Street Grundschule. Ihre Mutter Cindy engagiert sich für schulische Aktivitäten und Gemeindeanliegen. Der Oberschulrat von Amoskeag, Nelson Bushnell, spricht von einem »unendlich traurigen Schicksalsschlag« für die Familie Parrish.
»Cassie war so, wie wir uns alle unsere Kinder wünschen: klug, fleißig und liebenswürdig«, äußerte sich Bushnell.
Die Gerüchte, dass Miss Parrish persönliche Probleme gehabt haben soll, kommentierte er mit den Worten: »Heutzutage haben doch die meisten Jugendlichen irgendwelche Probleme. Cassie hatte große Fortschritte darin gemacht, ein gesundes Leben zu führen. Ihr Vater erzählte mir bei unserem letzten Gespräch, dass sie gerade dabei war, ihr College-Hauptfach zu wählen; sie schwankte zwischen Psychologie und französischer Literatur. Ihr Tod ist gleichermaßen tragisch und erschütternd.«
Der Autopsiebericht wird gegen Ende der Woche erwartet. Ein Beerdigungstermin stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest.

Ich strecke mich auf der Liege aus. Der Kissenbezug aus Papier raschelt in meinen Ohren wie Radiorauschen.

Der Gong ertönt. Ein Fluss aus Körpern ergießt sich in die Halle, und Stimmen flüstern, Cassie sei ermordet worden/nein, sie hat sich erhängt/nein, sie hat sich ins endgültige Aus geraucht oder gekokst. Die hat doch alles ausprobiert, habt ihr von der Sache unter der Zuschauertribüne gehört/im Einkaufszentrum/im Sommercamp? Die war immer auf der Überholspur/ist ohne Fallschirm gesprungen schnallte sich einen Gürtel mit Gewichten um und hüpfte ins Meer.

Sie opferte sich freiwillig dem großen, bösen Wolf und schrie nicht mal, als er zubiss.

… ihr lebloser Körper wurde im Zimmer eines Motels
aufgefunden, ganz allei
n

Die Jungs sind wieder fort. Die Krankenschwester nimmt mir die Zeitung weg und breitet eine dünne Decke über mich.

»Kann ich noch eine kriegen?«, frage ich. »Mir ist kalt.«

»Natürlich.« Sie geht zum Vorratsschrank, ihre Schuhe quietschen über den gebohnerten Boden.

»Wissen Sie irgendwas über die Beerdigung?«, frage ich.

»Das Schulratsamt hat eine Mail geschickt«, sagt sie. »Die Totenwache findet Mittwochabend in der St.-Stephen-Kirche statt. Beerdigt wird sie dann am Samstag.« Sie kommt zu mir herüber, die Arme schwer beladen. »Jetzt schlaf ein bisschen und denk dran, deinen Orangensaft zu trinken, wenn du aufwachst.«

»Versprochen.«

Sie deckt mich mit allen Decken zu, die sie hat (fünf) und zusätzlich noch mit den Jacken aus dem Fundsachenkarton, weil mir eiskalt ist. Ich tauche in die Achselhöhlen fremder Menschen ein, schmecke ihr wildes Salz und schlafe ein, um alles zu vergessen.

007.00

Emma sitzt angeschnallt auf dem Rücksitz und guckt einen Film auf ihrem Laptop. Dabei isst sie Kartoffelchips und schüttet einen Slushie in sich hinein.

»Erzähl bloß Jennifer nichts davon«, sage ich.

»Hm.«

»Im Ernst. Sonst brüllt sie rum.«

»Ich hab’s kapiert. Nix erzählen, sonst brüllt sie rum.« Emmas Augen kleben am Bildschirm, während jeder einzelne Kartoffelchip auf einem rosafarbenen Förderband in ihrem Mund verschwindet.

Wir haben uns verfahren. Mal wieder. Mein Vater will nicht, dass ich ein Navi kaufe, weil er meint, ich müsse lernen, mich selbst zurechtzufinden. Wie soll ich wissen, wo ich hinmuss, wenn ich mich dauernd verfahre? Ich werd mir eins von Jennifer wünschen. Bald ist Weihnachten.

Wir kommen an einer verfallenen Scheune mit kaputtem Dach vorbei, und neben einem Geschwindigkeitsschild liegt eine alte, fleckige Matratze. Würde man nicht merken, wenn einem die Matratze vom Wagen fällt? Vielleicht lag sie ja hinten auf der Ladefläche eines Lasters, zusammen mit dem gesamten Besitz eines Mädchens, das mit einem Typ unterwegs war, den es im Internet kennengelernt hatte. Dem es sich mit Leib und Seele versprochen hatte. Er stellte ihr drei Mahlzeiten am Tag und ein Haus in Aussicht mit dem Hinweis, ein paar zusätzliche Möbel könnten nicht schaden. Als die Matratze herunterfiel, hielt er nicht an. Eine neue Ehefrau verdient ein sauberes Bett, pflegte er zu sagen.

Vielleicht kommt anderthalb Kilometer hinter mir ja eine Bikerin in Lederkluft angerauscht, stark wie ein Kerl. Und jede Sekunde kann irgend so ein Idiot sie schneiden, und sie gerät ins Trudeln, und das Motorrad wird sich überschlagen, woraufhin sie schreit und schreit, weil sie mal wieder ihre Flügel vergessen hat und die Schwerkraft keine Fehler duldet.

Und dann –

wird sie auf dieser ekligen Matratze landen. Jawohl, und sie wird mit drei gebrochenen Rippen, einem Oberschenkelhalsbruch und einer überstreckten Halswirbelsäule davonkommen, aber die vom Rettungsdienst werden kein Wort darüber verlieren. Sie werden immer nur davon erzählen, wie die fleckige Matratze am Straßenrand dem Mädchen das Leben rettete.

Es ist wohl der Geruch von Emmas Kartoffelchips, der all das in meinem Kopf auslöst.

***

Als ich den Sportplatz endlich gefunden habe, hat das Training bereits begonnen. Emma will im Wagen sitzen bleiben, bis ihr Film zu Ende ist.

»Du musst los«, sage ich.

Stöhnend klappt sie den Laptop zu. »Ich hasse Fußball.«

»Dann sag ihnen, dass du aufhörst.«

»Mom sagt, die Saison ist fast vorbei und ich darf nicht.«

»Na, dann geh hin und spiel mit. Macht doch Spaß!«

Unsere Augen treffen sich im Rückspiegel. »Ich krieg nie den Ball zugespielt.«

Emma ist eine Matratze, die vom Laster fiel, als ihre Eltern sich trennten. Ich kann mich nicht mehr dran erinnern, wann ihr Vater das letzte Mal angerufen hat. Jennifer ist jedenfalls fest entschlossen, aus Emma ein perfektes kleines Mädchen zu schnitzen, das sich in eine perfekte junge Dame verwandeln wird, deren glänzende Leistungen der Welt beweisen werden, dass sie eine absolut perfekte Mutter hat.

Man kann doch einer Matratze keinen Vorwurf machen, wenn man sie nicht gut genug festgebunden hat.

Ich öffne meine Wagentür. »Also los. Ich spiel dir den Ball zu.«

Sie wirft den Laptop neben sich. »Nein, du hast doch gesagt, du musst Hausaufgaben machen.« Plötzlich kann sie gar nicht schnell genug aussteigen. »Tschüss, Lia! Fahr vorsichtig.«

Ich brauche ein paar Sekunden, um zu kapieren, was gerade passiert ist. Eins. Zwei. Drei. Wieder bringen die Gerüche meine Nervenzellen durcheinander.

Ich lasse die Scheibe herunter. »Emma, warte mal!«

Langsam kommt sie zum Wagen zurückgelaufen, den Fußball fest an sich gepresst. »Was ist?«

»Ich hab’s mir anders überlegt. Ich will dir beim Training zusehen. Wo kann ich sitzen?«

Sie macht große Augen. »Nein, das geht nicht.«

»Warum denn nicht? Andere Leute schauen doch auch zu.«

»Ähm, na ja…« Sie betrachtet ihre Stollenschuhe und murmelt: »Du kannst ja vom Auto aus zugucken. Da ist es wärmer.«

Vom Platz hallen Rufe herüber, Neunjährige, bereit zum Angriff. Mannschaften, die in die Liga kommen wollen, geben alles.

»Emma, schau mich an!« Wie hat sich Jennifers Stimme in meinen Mund geschlichen? »Warum willst du nicht, dass ich aus dem Auto steige?«

Sie tritt in den Kies. Kleine Steinchen fliegen nach oben und klickern gegen den Lack meiner Tür.

»Der Trainer hat mich gefragt, ob es stimmt, dass du Krebs hast.« Ein zweiter Kiestritt. »Weil er gehört hat, dass du im Krankenhaus warst, und… na ja. Ich hab gesagt, es stimmt.« Pfiffe schrillen über den Sportplatz. »Es tut mir leid. Ich wusste nicht, was ich sonst sagen sollte.«

»Schon gut«, sage ich. »Ich versteh dich. Mach dir deswegen keine Gedanken.«

Der Ball fällt ihr aus der Hand und rollt Richtung Platz. »Du bist nicht sauer auf mich?«

»Ich kann nie sauer auf dich sein, du Dummi.«

Endlich hebt sie den Kopf. »Danke, Lia.«

»Und du hast ja Recht. Ich habe wirklich jede Menge Hausaufgaben auf.« Ich lasse den Motor an. »Meine Lehrer werden dir ewig dankbar sein, dass du mich zwingst, sie zu machen. Bis später dann?«

Sie lächelt. »Okay. Ich glaube, es sind noch ein paar Chips übrig, falls du Hunger hast.«

Ich fahre das Fenster wieder rauf.

Ich wünschte, ich hätte Krebs.

Für diesen Wunsch werde ich in der Hölle schmoren, aber es ist nun mal die Wahrheit.

008.00

An der Tankstelle steht die Luft; es riecht nach Diesel und dem ranzigen Frittierfett von McDonald’s gleich nebenan. Vor fünf Tagen wog ich 46.86Kilo. An Thanksgiving musste ich essen (mit lauter Geiern an einem Tisch), aber seither hab ich mich fast nur von Wasser und Reiswaffeln ernährt. Ich bin so hungrig, dass ich meine rechte Hand abnagen könnte. Ich stecke mir drei Kaugummis in den Mund, schmeiße Emmas Chips aus dem Wagen und mache den Tank voll. Ich bin widerlich.

… Als ich zum ersten Mal stationär aufgenommen wurde, war ich grün und blau und rot, weil ich das Bewusstsein verloren hatte und den Wagen vor uns rammte, während Cassie schrie und das Lenkrad explodierte. Dieser Körper wog 42Kilo.

Meine Zimmernachbarin im Gefängnis New Seasons war eine lange, schrumplige Zucchini, die im Bett heulte und sich den Rotz über die Wangen laufen ließ. Die Leute vom Personal hatten allesamt den Körperumfang von Walen und schwitzten. Die Krankenschwester, die die Medikamente verteilte, war so fett, dass ihre Haut spannte. Wenn sie sich zu schnell bewegt hätte, wäre alles aufgeplatzt, und ihre gelbe Füllung wäre herausgespritzt und hätte ihr Disney-T-Shirt eingesaut.

Ich biss mich durch die Tage, abgeknabberte Maiskolben, deren Körner mir im Mund zerplatzten und zwischen den Zähnen hängen blieben. Abbeißen, kauen, schlucken. Und noch mal. Abbeißen, kauen, schlucken. Und noch mal.