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Der Romulanische Krieg

Unter den Schwingen des Raubvogels II

Michael A. Martin

Based on

Star Trek

created by Gene Roddenberry

and Star Trek: Enterprise

created by Rick Berman & Brannon Braga

Ins Deutsche übertragen von

Bernd Perplies

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Die deutsche Ausgabe von STAR TREK – ENTERPRISE:
DER ROMULANISCHE KRIEG – UNTER DEN SCHWINGEN DES RAUBVOGELS II
wird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg. Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern, Übersetzung: Bernd Perplies; verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde; Lektorat: Wibke Sawatzki und Gisela Schell; redaktionelle Mitarbeit: Julian Wangler; Satz: Rowan Rüster/Amigo Grafik; Cover Artwork: Martin Frei; Print-Ausgabe gedruckt von CPI Morvia Books s.r.o., CZ-69123 Pohorelice. Printed in the Czech Republic.

Titel der Originalausgabe: STAR TREK – ENTERPRISE: THE ROMULAN WAR – BENEATH THE RAPTOR’S WING

German translation copyright © 2014 by Amigo Grafik GbR.

Original English language edition copyright © 2009 by CBS Studios Inc. All rights reserved.

™ & © 2014 CBS Studios Inc. STAR TREK and related marks and logos are trademarks of CBS Studios Inc. All Rights Reserved.

This book is published by arrangement with Pocket Books, a Division of Simon & Schuster, Inc., pursuant to an exclusive license from CBS Studios Inc.

Print ISBN 978-3-86425-301-0 (August 2014) • E-Book ISBN 978-3-86425-338-6 (August 2014)

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HISTORISCHE ANMERKUNG

Die Hauptereignisse dieses Romans finden in der ersten Hälfte des Jahres 2156 statt. Die Zerstörung des zivilen Frachters namens Kobayashi Maru (STAR TREK – ENTERPRISE 3: »Kobayashi Maru«) hat eine Reihe von Ereignissen ins Rollen gebracht, die auf ewig Teil der Geschichte der Sternenflotte, der Vereinigten Erde und ihrer Verbündeten sein werden (STAR TREK – ENTERPRISE).

Inhalt

HEUTE 2156

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

ACHTZEHN

NEUNZEHN

ZWANZIG

EINUNDZWANZIG

ZWEIUNDZWANZIG

DREIUNDZWANZIG

VIERUNDZWANZIG

FÜNFUNDZWANZIG

SECHSUNDZWANZIG

SIEBENUNDZWANZIG

ACHTUNDZWANZIG

NEUNUNDZWANZIG

DREISSIG

EINUNDDREISSIG

ZWEIUNDDREISSIG

DREIUNDDREISSIG

VIERUNDDREISSIG

FÜNFUNDDREISSIG

SECHSUNDDREISSIG

SIEBENUNDDREISSIG

ACHTUNDDREISSIG

NEUNUNDDREISSIG

VIERZIG

EINUNDVIERZIG

ZWEIUNDVIERZIG

DREIUNDVIERZIG

VIERUNDVIERZIG

FÜNFUNDVIERZIG

SECHSUNDVIERZIG

SIEBENUNDVIERZIG

ACHTUNDVIERZIG

NEUNUNDVIERZIG

FÜNFZIG

DANKSAGUNGEN

RAUBVOGEL IM STURZFLUG –

HEUTE
2156

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EINS

Ortsmarke: Achernar II
(Achernar Prime / Alpha Eridani II)

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TRANSKRIPT NEWSTIME JOURNAL SONDERKOMMENTAR VOM 21. JANUAR 2156:

Hier ist Gannet Brooks mit allem, was heiß ist unter der Sonne und im All. Ich berichte aus Heliopolis, der größten menschlichen Siedlung auf Achernar II, die nach der antiken ägyptischen Sonnenstadt benannt wurde. Die Siedlung trägt diesen Namen wegen Achernar, diesem gewaltigen, oval abgeplatteten Stern, der den Himmel hier beherrscht.

Wenn Sie die meiste Zeit auf der nördlichen Halbkugel der Erde verbringen, haben Sie Achernar wahrscheinlich noch nie gesehen. Achernar, auch bekannt als Alpha Eridani, ist von der Erde aus nur südlich des Äquators zu sehen. Als Alpha bezeichnet man ihn, weil es sich um den hellsten Stern in der Konstellation Eridanus (»der Fluss«) handelt.

Der Name Achernar leitet sich aus dem altarabischen Al Ahir al Nahr ab, was »das Ende des Flusses« bedeutet; der Stern liegt nämlich, von der Erde aus betrachtet, am südlichsten Punkt dieser Konstellation.

Man kann sich Achernar II kaum als echten Ort vorstellen, bis man hier eingetroffen ist und ihn unmittelbar erlebt hat. Erst wenn man in das System einfliegt, bekommt man einen Eindruck davon, was es bedeutet, auf einem Planeten zu leben, der einen jungen B-Klasse-Stern umkreist, der etwa sieben Mal so groß und dreitausend Mal so hell wie unsere Sonne ist.

Ein Hut und reichlich Solarderm sind ein Muss. Und Sie sollten sich eine Möglichkeit offenhalten, das System zu verlassen. Denn im Augenblick befindet sich Heliopolis fest im Griff der – man kann es nicht anders nennen – Panik. Zu viele Leute versuchen, einen der begehrten Plätze an Bord der immer kleiner werdenden Menge abfliegender Schiffe zu ergattern. Der Nachschub an neu eintreffenden Transportschiffen nimmt unterdessen unerbittlich ab.

Die Sternenflotte und der Earth Cargo Service tun beide, was sie können, um vor Ort zu helfen, obwohl ihre Ressourcen durch den Krieg bereits stark beansprucht sind. Das offensichtliche Versagen dieser beiden Hoffnungsträger der Menschheit an der interstellaren Grenze beschleunigt dabei nur noch den Zusammenbruch von Recht und Ordnung, mit dem sich die Ordnungskräfte vor Ort bereits seit Wochen herumschlagen. Chaos, Vernachlässigung, Gewalt und Straßenkriminalität haben die Stadt zunehmend im Griff. Und je stärker die romulanische Gefahr am Horizont droht, desto schlimmer wird es.

Werden diese Romulaner die Menschheit mit kollektiv eingekniffenem Schwanz zurück nach Hause jagen? Diese Frage scheint nach wie vor nicht beantwortet. Schließlich können sich die Dinge hier schnell ändern. Vor kaum mehr als zwei Erdmonaten war es in Heliopolis noch vergleichsweise ruhig – obwohl sich das Achernar-System, wie sich erst vor Kurzem gezeigt hat, in einem abgelegenen Teil der Einflusssphäre des Romulanischen Sternenimperiums befindet. Bis dahin hatten die menschlichen Bewohner von Achernar II friedlich Seite an Seite mit einer ganzen Reihe nichtmenschlicher Spezies von weit entfernten Welten gelebt.

Genau wie die vielen anderen, intelligenten Rassen, die auf dieser Welt Fuß gefasst haben, nutzen die Menschen hier die Landwirtschaft, um unabhängig zu bleiben, während sie sich ihr Brot mit der Förderung und dem Export der überreichen Mineralvorkommen des Planeten verdienen. Diese Leistungen der menschlichen Kolonisten auf Achernar haben der Erde und ihren Verbündeten ebenso genutzt wie den Kolonisten selbst. Auf der anderen Seite arbeiten einige der nichtmenschlichen Farmen und Bergwerke höchstwahrscheinlich für die Romulaner. Der Handel läuft in diesen Fällen über örtliche Händler und Mittelsmänner – Orioner vermutlich, oder Adigeoner –, denen nachgesagt wird, dass sie direkt mit der geheimnisvollen Hauptwelt des Romulanischen Sternenimperiums Geschäfte treiben.

Wie wichtig Achernar II für die Kriegsmaschinerie der Romulaner ist, wäre zu diskutieren. Achernar liegt möglicherweise zu weit in der romulanischen Provinz, um einen nennenswerten Beitrag zum Krieg zu leisten. Diese Meinung vertreten zumindest die meisten Leute, die ich hier interviewt habe, obwohl ich persönlich den Verdacht hege, dass diese Ansicht nichts weiter als ein bequemer Irrglaube ist; etwas, das man sich hier einredet, um nicht vor Angst verrückt zu werden.

Sergeant Dwayne Keller ist ein ziemlich typischer Vertreter der Ordnungskräfte von Heliopolis. Das Gerücht, dass die Romulaner in der Nähe von Achernar Kriegsschiffe bauen könnten, lässt ihn kalt. Diese Haltung ist verständlich: Sergeant Keller und seine Kollegen haben wichtigere Probleme, darunter den drohenden Kollaps des stark überbeanspruchten Transportsystems, ganz zu schweigen von seiner normalen Aufgabe, das Gesetz zu vertreten.

Selbst gewöhnliche Verbrechen können während schwieriger Zeiten außergewöhnliche Dimensionen annehmen. Als ich Sergeant Keller frage, bei welcher Art von Verbrechen er derzeit eine Zunahme feststellt, wird er für einen Moment sehr nachdenklich.

»In letzter Zeit hatten wir vor allem eine Reihe brutaler Morde«, erwidert er dann. Die Mordserie hat vor einigen Wochen begonnen. Stets ließ der Mörder, nachdem er seine Opfer umgebracht hatte, dreiste Nachrichten am Tatort zurück, in denen er die Polizei herausforderte, ihn zu finden. Das Einzige, was diese Opfer gemeinsam hatten, war ihr Geschlecht: Es handelte sich bei allen um Frauen. Dieser gefährliche Irre ist nach wie vor auf freiem Fuß und verstärkt noch das Gefühl der Angst, das in der Stadt herrscht. »Dabei ist gut möglich«, fügt Keller hinzu, »dass der Bastard im allgemeinen Chaos, das hier herrscht, den Planeten bereits verlassen hat. Wäre nicht das Schlechteste.«

Es scheint ihm peinlich zu sein, dass er diesen letzten Gedanken laut ausgesprochen hat. Vielleicht kommt es ihm kleinlich und eigennützig vor, sich zu wünschen, dass ein derart schrecklicher Killer sich nun im Zuständigkeitsbereich eines anderen Gesetzeshüters aufhält oder aber unter jenen weilt, die sich gerade auf der Flucht vor dem Tod befinden.

Wie jeder, der sich entschieden hat, hierzubleiben, blickt Keller auf eine phlegmatische Weise hoffnungsvoll in die Zukunft. »Früher oder später werden sich die Dinge hier wieder beruhigen«, sagt er. »Es sei denn, die Romulaner blasen Heliopolis wirklich ins Nirwana.«

Tatsächlich finde ich diese Einschätzung von jemandem, der die Menschheit von ihrer schlimmsten Seite gesehen hat, durchaus ermutigend.

»Wenn der Killer noch immer hier ist, werden wir ihn kriegen«, verspricht Keller mir – oder vielleicht sich selbst. »Schließlich kann er das nicht ewig durchhalten, nicht wahr?«

Und genau das Gleiche gilt für die Romulaner.

Diese Reporterin ist, genau wie Sergeant Keller, der Ansicht, dass wir bloß an uns selbst glauben, standhalten und die Dunkelheit annehmen müssen, denn der nächste Tag wird ganz sicher kommen.

ZWEI

Dienstag, 10. Februar 2156
Enterprise, via Vulkan auf
dem Weg zur Erde

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Archer spürte das Bremsmanöver bereits durch die Sohlen seiner Stiefel, als Ensign Leydons Stimme forsch und geschäftsmäßig aus dem Interkom seines Bereitschaftsraums drang. »Wir haben soeben das 40-Eridani-A-System erreicht, Captain. Ich halte das Schiff am Rand des Kuipergürtels des Systems. Ensign Camacho meldet, dass Fähre eins vorbereitet und startklar ist.«

»Danke, Ensign. Setzen Sie Kurs ins Innere des Systems und gehen Sie in einen hohen Orbit um Vulkan, der uns den Einsatz des Transporters erlaubt.« Archer und T’Pol waren beide der Meinung gewesen, dass es unklug sei, ein Beiboot der Enterprise auf den Planeten zu bringen, das die Enterprise von einem Augenblick zum nächsten brauchen könnte, sollte es zu einem Überraschungsangriff der Romulaner kommen.

Leydon nahm die neuen Befehle ungerührt hin. »Aye, Sir. Ändere Kurs.«

»Halten Sie sich bereit, wieder Kurs zur Erde aufzunehmen, nachdem wir Vulkan erreicht haben«, fügte Archer hinzu. »Und gehen Sie auf maximale Warpgeschwindigkeit, sobald wir das System verlassen haben. Archer Ende.«

Sechzehneinhalb Lichtjahre von zu Hause, dachte er, als er von dem Stuhl hinter seinem unordentlichen Schreibtisch aufstand. Nach dieser langen Heimreise war er erpicht darauf, sich endlich der konkreten Verteidigung der Erde und ihrer Siedlungen überall im Sol-System zu widmen.

Doch zunächst musste er seinen Ersten Offizier auf ihre Reise nach Hause schicken.

Die Türglocke läutete, bevor er auch nur die halbe Strecke zum verschlossenen Eingang des Bereitschaftsraums zurückgelegt hatte.

»Herein.«

Das Schott glitt auf, und T’Pol trat ein. Nachdem sich die Tür hinter ihr wieder geschlossen hatte und sie allein waren, ergriff sie das Wort. »Sie vertreiben mich von Bord.«

Die nüchterne Aussage verschlug Archer den Atem. Die völlige Gefühllosigkeit machte sie beinahe noch intensiver, als wenn sie ihre Worte im Zorn herausgeschrien hätte.

»T’Pol«, sagte er, nachdem er einige Herzschläge lang innegehalten hatte, um sich zu sammeln. »Ich habe den Antrieb der Enterprise sieben Monate lang an seine Grenzen getrieben – und dann zugelassen, dass mich die Cygneti wie ein Barmädchen aus dem zwanzigsten Jahrhundert behandeln, damit ich den Antrieb weiter an seine Grenzen treiben konnte. Das habe ich nicht getan, bloß um Sie über die Planke zu schicken.«

»Dennoch haben Sie mich nach Hause beordert.«

Er schenkte ihr ein Lächeln, von dem er hoffte, dass sie es aufmunternd finden würde. »Versuchen Sie, es als Arbeitsurlaub zu sehen, T’Pol.«

»Angesichts der Gefahren, die dem Schiff bevorstehen, steht es außer Frage, dass Sie mich an Ihrer Seite brauchen.«

»Nach dem Zwischenfall auf Tarod IX waren wir uns einig, dass Sie das einzige Mitglied dieser Besatzung sind, das eine nennenswerte Chance hat, T’Pau davon zu überzeugen, wieder aktiv in den Krieg einzugreifen.«

T’Pol trat näher. »Sie hätten es mir einfach befehlen können.«

Er schwieg eine Weile. »Ich denke, wir wissen beide, dass das freiwillig geschehen muss«, sagte er dann.

»Aber was, wenn T’Pau sich weigert, mich zu empfangen? Sie werden feststellen, dass mir immer noch kein fester Termin in ihrem Kalender für offizielle Audienzen gewährt wurde.«

Archer zuckte mit den Achseln. »Vielleicht muss ihr Treffen mit T’Pau dann eben inoffiziell stattfinden.«

T’Pau wirkte skeptisch. »Administratorin T’Pau ist, wie die meisten Vulkanier, nicht dafür bekannt, Geschäfte auf ›inoffizielle‹ Art zu tätigen.«

Es gelang Archer nicht, ein Glucksen zu verhindern. »Administratorin T’Pau hat die Revolution angeführt, die ihre Regierung an die Macht gebracht hat. Sie wären überrascht, wie flexibel jemand mit ihren Fähigkeiten sein kann, wenn es hart auf hart kommt.«

»Diese Aussicht erscheint mir verschwindend gering.«

»Eine ›geringe‹ Chance ist deutlich besser, als ›gar keine‹«, entgegnete Archer.

»Zugegeben«, gestand T’Pol ein. »Aber sollte es mir nicht gelingen, ein Treffen mit T’Pau zu arrangieren – oder sollte ich sie treffen, aber nicht überzeugen können –, dann werde ich auf Vulkan festsitzen. Dort habe ich nicht die geringste Möglichkeit, Ihnen direkt beizustehen bei Ihrem Versuch, Vulkan zu zwingen, seine Verantwortung der Koalition gegenüber wahrzunehmen. Bleibe ich allerdings an Ihrer Seite, kann ich bei der Verteidigung sowohl der Enterprise als auch der Erde helfen. Und ich muss Sie nicht daran erinnern, dass die Romulaner mittlerweile deutlich mehr menschliches Blut vergossen haben als zu dem Zeitpunkt, als ich Ihnen meine ursprüngliche Zusage gab, T’Pau aufzusuchen und zu überzeugen.«

Er hob eine Hand. »Daran müssen Sie mich wirklich nicht erinnern. Weder die Enterprise noch die Erde werden sehr lange überleben, sollten die Romulaner in diesem Kampf die Oberhand bekommen. Im Augenblick liegt unsere beste Chance in dem Versuch, Vulkan in den Krieg zu holen. Und Sie sind ohne Zweifel der hervorragendste Kandidat für diese Aufgabe.«

Nachdem Archer geendet hatte, stand sein Erster Offizier eine ganze Weile lang einfach in kontemplativem Schweigen da. Sie legte die Hände hinter den Rücken und begann sehr langsam und offenbar tief in Gedanken in dem kleinen Büro auf und ab zu gehen. Schließlich kam sie direkt vor Archer zum Stehen und blickte ihm unverwandt in die Augen. »Das klingt logisch«, sagte sie. »Ich werde Lieutenant O’Neill anweisen, mich nach Vulkan zu beamen, sobald wir den Orbit erreichen.«

Wäre sie keine Vulkanierin gewesen, hätte der Captain der Versuchung nachgegeben, sie in eine herzliche Umarmung zu nehmen. Doch irgendwie gelang es ihm, sich zu beherrschen. Zu schade, dass sie mir nicht erlaubt hat, eine kleine Abschiedsparty für sie auszurichten, dachte er mit Bedauern.

Andererseits war das angesichts der furchtbar gedrückten Stimmung, die seit der Gamma-Hydra-Mission auf diesem Schiff herrschte, vielleicht ganz gut so. Denn manchmal ähnelten Abschiedspartys viel zu sehr einem Leichenschmaus.

DREI

Spät im Monat Tasmeen, JS 8764
Dienstag, 10. Februar 2156
Glühofen, Vulkan

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T’Pol machte sich noch immer im Stillen Vorwürfe, während der primitive Transporter der Enterprise unangenehm langsam ihren Körper wieder zusammensetzte, indem er ihn Teilchen für Teilchen aus dem eng fokussierten Materiestrom des Geräts zurückholte.

Sie stand nun auf einer offenen, rostfarbenen Ebene, und nur die Kapuze ihrer Robe schützte sie vor den sengenden Strahlen der roten Nevasa. Tief atmete sie die warme, trockene, angemessen dünne Luft ein, durch die im Augenblick nicht der leiseste Windhauch wehte. Ein rötlicher, frühnachmittäglicher Himmel wölbte sich über ihrem Kopf, und vor ihr erhoben sich die Türme von ShiKahr wie stumme Wächter, die den westlichen Horizont bewachten. Ihr war klar, dass sie sich eine Wanderung von einer Stunde oder mehr hätte ersparen können, wenn sie einen Ort zum Hinunterbeamen gewählt hätte, der näher am Regierungsbezirk der Stadt lag. Allerdings hätte das womöglich unerwünschte Aufmerksamkeit auf ihr Transportmittel gelenkt – und darauf, dass Captain Archer den Befehl Admiral Gardners, die Enterprise ohne Verzögerung ins Sol-System zu bringen, etwas frei auslegte, indem er diesen Zwischenhalt bei Vulkan einlegte.

T’Pol zog den Kommunikator aus einer der Taschen ihrer zivilen Reiserobe und ließ das Antennengitter des kleinen Geräts aufschnellen. »T’Pol an Enterprise. Ich bin sicher eingetroffen.«

»Verstanden«, kam Archers gedämpfte Antwort. »Gute Jagd, Commander. Jeder hier hofft, Sie schon bald wiederzusehen. Enterprise Ende.«

Ich bin zu Hause, dachte sie, als sie den Kommunikator wegsteckte. Während sie begann, auf die Hauptstadt Vulkans zuzugehen, wünschte sie sich, dass ihre Heimkehr unter friedlicheren Umständen stattgefunden hätte. Die letzten Nachwehen des emotionalen Aufruhrs, der ihr Verlassen der Enterprise begleitet hatte, selbst wenn es nur eine vorübergehende Regelung war, machten es ihr schwer, ihre Ankunft hier wirklich zu genießen.

Sich stattdessen für ihre eigene Schwäche zu bestrafen, war dagegen ein deutlich leichter zu erreichendes Ziel.

Bevor sie das Raumschiff von der Erde verlassen hatte, war sie schwach gewesen. Sie hatte versucht, Jonathan Archer zu überreden, sie von ihrem Versprechen zu entbinden, nach Vulkan zurückzukehren. Und kurz danach hatte sie sich dabei erwischt, wie sie in einem Akt emotional begründeter Zeitverschwendung sehnsuchtsvoll auf die Welt ihrer Geburt hinuntergeschaut hatte, während diese sich langsam unter der Enterprise gedreht hatte. Von ihrem erhöhten Aussichtspunkt aus, nur wenige Hundert Kilometer von T’Rukh entfernt, der Welt, mit der sich Vulkan seinen Orbit um die gleißende Nevasa teilte, hatte sie die Tagseite ihres Heimatplaneten betrachtet.

Ihr Blick war von den vielfältigen Landschaften Vulkans gefangen genommen worden. Sie hatte ihn zu dem unberührten Weiß der nördlichen Polkappe schweifen lassen, zu den Nebeln, die die Gipfel des Mount Tar’Hana und des Bergs Seleya einhüllten, zum Saphirblau des Yuron-Sees und der Voroth-See. Sie alle hoben sich kontrastreich vor dem flammen- und rostfarbenen Hintergrund der flachen Küstenregion Raal ab, dem sonnenverbrannten Hochland der Ebene des Bluts und der drückend heißen, von Vulkanen umgebenen Weite des Glühofens. Knapp hinter der Tag-Nacht-Grenze schimmerten die Lichter der Städte Gol, Kir und Vulcana Regar in würdevoller Stille.

Nachdem sie den Blick von dem Panorama auf dem Hauptbildschirm abgewandt und den Turbolift betreten hatte, hatte T’Pol sich noch immer gefragt, ob der Captain wirklich erwartete, dass sie Erfolg haben würde. Oder versuchte er in Wahrheit, sie aus der Schusslinie zu halten, während der Romulanerkonflikt sich zuspitzte?

Zielstrebig schritt sie auf ShiKahr zu. Dabei überlegte sie, dass die Mission, die vor ihr lag, tatsächlich aus einer ganzen Reihe fraglos logischer Gründe unternommen werden musste. Zunächst einmal hatte das Warpfeld-Ortungsgitter bis jetzt nicht annähernd das gehalten, was Vulkan versprochen hatte. Außerdem hegte T’Pol bereits seit dem ersten Tag von T’Paus syrrannitischer Regierung stille Zweifel an deren Dauerhaftigkeit. Insbesondere, weil ihre aggressiv-reformerische Agenda leicht eine politische Gegenbewegung hervorrufen konnte, die einen neuen reaktionären Demagogen an die Macht brachte. Um Leben zu retten, war es wichtig, schnell zu handeln.

Regierungsbezirk, ShiKahr, Vulkan

Hätte T’Pol den Hauch von Emotion benennen müssen, der über das steinerne Gesicht des älteren Mannes glitt, wäre ihre Wahl wohl auf »milde Verärgerung« gefallen.

Bei einem Vulkanier – vor allem bei einem, der eine so hohe Position innehatte wie der Erste Abgeordnete und oberste Stellvertreter von Administratorin T’Pau – kam dies einer menschlichen Schimpftirade gleich. Minister Kuvaks Verhalten mochte ein Hinweis darauf sein, dass er generell nicht sehr erbaut über unangemeldete Besuche in seinem Büro so spät an einem Arbeitstag war. Vielleicht bedeutete es aber auch, dass er insbesondere nicht sehr erbaut darüber war, sie zu sehen. Der Eindruck wurde durch die rücksichtslose Effizienz bestärkt, mit der seine Bürobediensteten den Anruf, den sie zuvor von einer öffentlichen Komm-Station am ruhigen Rand von ShiKahr aus getätigt hatte, abgewimmelt hatten.

»Wie ich Ihnen bereits sagte, befindet sich Administratorin T’Pau heute nicht auf dem Planeten«, erklärte der Minister mit übertriebener Geduld, während er den nüchternen Schreibtisch umrundete, der sein überraschend kleines Büro beherrschte.

T’Pol nickte. »Das sagten Sie in der Tat. Aber Sie haben versäumt, eine Angabe darüber zu machen, wann Sie ihre Rückkehr erwarten.«

Kuvak marschierte zur Tür seines Büros und spähte hinaus ins weitläufige Foyer, wo mehrere Bedienstete an ihren Computerterminals beschäftigt waren. Dann richtete er den Blick wieder auf T’Pol und fragte misstrauisch: »Wie sind Sie an meinem Stab vorbeigekommen?«

Sie erwog kurzzeitig, ihn zu fragen, ob er erwartet habe, seinen Stab bewusstlos und gefesselt vorzufinden, entschied sich aber dagegen. Stattdessen sagte sie: »Meine V’Shar-Sicherheitsreferenzen.«

»Danke, dass Sie mich darauf hinweisen«, sagte Kuvak mit leichter Schärfe. »Ich werde dafür Sorge tragen, dass dieser spezielle Fehler behoben wird. Nachdem meine Sicherheitsleute Sie aus diesem Gebäude eskortiert haben.«

»Das zu entscheiden, liegt natürlich in Ihrer Macht.« T’Pol war entschlossen, sich nicht von Kuvak so provozieren zu lassen, wie sie ihn offensichtlich provoziert hatte. »Zumindest, bis Administratorin T’Pau nach Vulkan zurückkehrt. Muss ich Kash-to’es-khau in Anspruch nehmen, um zu erfahren, wann Sie sie ungefähr zurückerwarten? Oder haben Sie vor, mich stattdessen festzunehmen und Ihren Terminkalender zusätzlich durch ein Gerichtsverfahren und diplomatische Protestschreiben von der Erde, dem Sternenflottenkommando und Captain Jonathan Archer zu verkomplizieren?«

Kuvak schwieg, aber in seinen Augen brannte ein uraltes Feuer. T’Pol kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass es ihm alles andere als gefiel, von einer aufsässigen ehemaligen Geheimagentin manipuliert zu werden, die V’Shar-Sicherheitsbestimmungen zitierte. Aber ihr war ebenso klar, dass es nichts brachte, ihn übermäßig sanft anzugehen.

»Administratorin T’Pau wird in ungefähr achtundzwanzig Komma sechs vier vulkanischen Standardtagen nach Vulkan zurückkehren«, sagte er schließlich. »Bis dahin führe ich die Regierung.«

Dass T’Pau so lange auf Reisen war, überraschte T’Pol. Aber sie gab sich nicht der Illusion hin, dass diese Zeitspanne genügen würde, um es Kuvak zu gestatten, irgendeine nennenswerte Änderung der vulkanischen Politik, die Romulaner betreffend, vorzunehmen. Abgesehen davon hatte er sie ja nicht einmal sprechen wollen. Es war daher ausgesprochen unwahrscheinlich, dass er auf ihr Wort hin irgendeine Initiative in dieser Richtung ergreifen würde.

Aber wo war T’Pau? Angesichts der Geschwindigkeit, die vulkanische Raumschiffe zu erreichen vermochten, und der Zeitspanne, die sie fern des Planeten weilte, konnte sie sich an allen möglichen Orten aufhalten. T’Pol erkannte, dass man dies als gutes Zeichen werten konnte. Womöglich war T’Pau persönlich hinter den Kulissen damit beschäftigt, sich gegen die romulanische Bedrohung zu stellen, indem sie heimlich mit Koalitionswelten oder anderen, neutralen Welten zusammenarbeitete. Natürlich war das reine Spekulation. Kuvak hatte offensichtlich nicht vor, ihr freiwillig weitere Informationen über die Geschäfte oder die Reiseroute der Administratorin preiszugeben, und T’Pol wusste, dass es mehr als unvernünftig wäre, ihn diesbezüglich unter Druck zu setzen. Weder die Kash-to’es-khau-Direktive des V’Shar, noch die zahlreichen anderen Gesetze, die sich mit den Rechten der Exekutive oder der Transparenzpflicht der Regierung beschäftigten, zwangen ihn dazu, mit Details rauszurücken.

T’Pol beugte den Kopf in einer Geste des Respekts. »Dann werde ich bis dahin warten, Minister. Und ich hoffe, dass ich Ihnen in der Zwischenzeit so wenig Unannehmlichkeiten wie möglich bereite.«

Der finstere Blick, mit dem Kuvak sie bedachte, als sie sich zum Gehen abwandte, legte allerdings den irgendwie befriedigenden Schluss nahe, dass er das genaue Gegenteil erwartete.

Vom blauschwarzen Himmel schaute der mächtige T’Rukh auf sie herab, ein gigantisches Auge, das das halbe Firmament ausfüllte und unermüdlich Wacht über der schlafenden Stadt hielt. Der Abend war bereits fortgeschritten, als T’Pol schließlich ihr Mahl in einem der ansässigen Restaurants beendete. Sie beschloss, es nicht noch länger hinauszuzögern, und nahm ein Luftkissenfahrzeug, das sie in die stille Wohngegend am Nordrand von ShiKahr brachte.

Leise betrat T’Pol das dunkle Haus. Aus irgendeinem Grund zögerte sie, die grabesähnliche Stille zu stören. Ihr letzter Besuch lag mehr als ein Jahr zurück. Damals war ihre Mutter bei einem Überfall der reaktionären V’Las-Regierung auf ein nicht weit entfernt liegendes Versteck der Syrranniten schwer verletzt worden und in T’Pols Armen gestorben. T’Les war eines der Opfer des Übergangs vom korrupten V’Las-Regime hin zu der gegenwärtigen, reformwilligen Syrranniten-Regierung unter der Führung von T’Pau gewesen.

Erst jetzt begriff T’Pol, dass T’Les’ dunkles und stilles Heim nun ihr gehörte. Mir bleibt wenig zu tun, als abzuwarten, bis T’Pau zurückkehrt, dachte sie, während sie an der Wand im Eingangsbereich nach den Beleuchtungskontrollen tastete. Vielleicht sollte ich mir etwas Zeit nehmen, mich um das Haus hier zu kümmern.

Überrascht stellte sie fest, dass das Licht sofort anging, nachdem sie die Kontrolltafel gefunden und den passenden Befehl eingegeben hatte. Für gewöhnlich wurden leer stehende Häuser ganz selbstverständlich von der zentralen Energieversorgung abgetrennt, und wenn auch nur, um die Gefahr eines zufälligen Feuers zu reduzieren. Sie machte sich eine geistige Notiz, bei nächstbester Gelegenheit die hausinternen Versorgungsleitungen zu überprüfen.

Das Licht trug wenig dazu bei, sie aufzumuntern. Stattdessen unterstrich es bloß noch die gähnende Leere des Hauses. Gewissermaßen spiegelte diese Leere das Gefühl in ihrem eigenen Inneren wider, dieses Gefühl völliger Isolation, das anzuerkennen sie sich normalerweise weigerte. Doch jetzt fehlte ihr der Frieden, den sie aus ihrer Arbeit zog, fehlte ihr der Trost ihrer langsam, aber stetig enger werdenden Freundschaft zu Jonathan Archer.

Trip fehlte ihr.

Einmal mehr verfluchte sie sich für ihre Schwäche. Ich bin eine Vulkanierin. Ich muss die Kontrolle über diese Gefühle erlangen.

Ein Klopfen an der Tür durchbrach die Stille. Ihre Reflexe und die Ausbildung übernahmen, und im nächsten Augenblick hatte sie die Phasenpistole in der Hand, die sie unter ihrer Robe getragen hatte. »Herein.«

Die Eingangstür öffnete sich, und eine vertraute Gestalt trat in die hell erleuchtete Diele. »Ich dachte mir, dass ich Sie hier finden würde.« Der Mann hob eine Augenbraue.

T’Pol senkte ihre Waffe und runzelte die Stirn. »Denak?«

Ihr früherer Kollege beim V’Shar deutete mit seiner entstellten Hand auf ihre Waffe. »Ich bin dankbar, dass Sie mich noch erkennen, T’Pol.«

»Kommen Sie herein«, sagte sie und steckte die Waffe weg. »Bitte, seien Sie mein Gast.«

Der grauhaarige Vulkanier folgte ihr in den geräumigen zentralen Wohnbereich und nahm dort auf einem niedrigen Sofa Platz. T’Pol ließ sich auf einem alten Sessel ihm gegenüber nieder. »Woher wussten Sie, dass ich auf Vulkan bin?«, fragte sie.

Denak blickte sie missbilligend an. »Offenbar haben Sie lange genug unter Menschen gelebt, um sich deren Sinn für Humor anzueignen. Sie können nicht vergessen haben, dass ich meine Verbindungen zum V’Shar aufrechterhalten habe, wenn auch nur lose. Ihr Besuch in Kuvaks Büro heute Nachmittag hat allerdings für genug Aufsehen gesorgt, um selbst ohne Rückgriff auf meine Geheimdienstquellen meine Aufmerksamkeit zu erregen.«

T’Pol schalt sich innerlich eine Närrin. Hatte sie unnötigerweise einen potenziellen Verbündeten verärgert und damit ihre ganze Mission in Gefahr gebracht? »Ich habe lediglich versucht, auf so effiziente Art wie möglich Kontakt herzustellen.«

Denak beugte sich vor. »Ich nehme an, die Dringlichkeit, mit der Sie diesen Kontakt suchen, hat etwas damit zu tun, dass Sie versuchen möchten, die vulkanische Politik im Hinblick auf die Rihannsu zu ändern.«

Die Romulaner.

»Sofern Sie nicht in der Lage sind, mir zu helfen, sollte ich diese Angelegenheit lieber nicht weiter mit Ihnen diskutieren.«

Er nickte. »Das klingt logisch. Aber macht es Ihnen etwas aus, wenn ich fortfahre zu spekulieren?«

»Nicht im Geringsten.«

»Dann möchte ich weiterhin annehmen, dass Sie eigentlich mit Administratorin T’Pau sprechen wollen und nicht mit Minister Kuvak.«

»Es bleibt mir offensichtlich nichts anderes übrig«, antwortete T’Pol. »Obwohl Kuvak während T’Paus Abwesenheit die Regierungsgeschäfte führt, scheinen seine Möglichkeiten, auf die Politik in zweckdienlichem Maße Einfluss auszuüben, begrenzt, sowohl durch die ihm zur Verfügung stehende Zeit als auch durch seine eigenen Interessen.«

»Also haben Sie praktisch keine Chance, Ihrem Ziel auch nur im Geringsten näher zu kommen«, sagte Denak. »Zumindest nicht während der nächsten achtundzwanzig Tage.«

»Sofern Sie mir nicht irgendwie helfen können, nein.«

Er runzelte die Stirn. »Ich helfe Ihnen nun schon seit mehr als einem Jahr.«

»Ich habe die Rolle nicht vergessen, die Sie bei der Mission gespielt haben, die ich im letzten Jahr im romulanischen Raum durchgeführt habe.«

»Das habe ich nicht gemeint.« Mit der gesunden linken Hand machte Denak eine die Umgebung einschließende Geste. »Ich spreche von diesem Haus.«

Verwirrt blinzelte T’Pol. »Ich verstehe nicht.«

Die Falten auf seiner Stirn wurden tiefer. »Ihre Beobachtungsgabe enttäuscht mich, T’Pol. Oder vielleicht liegt es an Ihrer Sehkraft. Ist Ihnen nicht aufgefallen, dass auf keiner einzigen ebenen Fläche dieses Hauses Staub liegt?«

Es war ihr peinlich, das zuzugeben, aber das hatte sie in der Tat bis jetzt nicht bemerkt. Meine Emotionen haben mich wieder einmal mehr abgelenkt, dachte sie voller Selbstvorwürfe. »Die Hausversorgung«, sagte sie, als sie die Puzzleteile zusammensetzte. »Das waren auch Sie.«

Er nickte. »Seit dem Tod von T’Les habe ich dafür gesorgt, dass im Haus und im Garten alles seine Ordnung hat. Ich empfehle, dass Sie morgen früh das Plomeek-Beet überprüfen. Vielleicht finden Sie sogar ein paar neue Früchte an den G’teth-Beeren-Büschen vor.«

Erneut fühlte T’Pol, wie ihre Gefühle sie zu überwältigen drohten. Lediglich ihrer Ausbildung war es geschuldet, dass es ihr gelang, sie gerade so unter Kontrolle zu halten. »Danke.«

Die Falten auf der vernarbten Stirn ihres alten Freundes glätteten sich wieder. Seine nächsten Worte schien er mit Bedacht zu wählen. Ernst blickte er sie an. »Jetzt brauche ich Ihre Hilfe«, sagte er.

»Ich werde Ihnen auf jede Weise beistehen, die mir möglich ist.«

»Es geht um meine Frau, Ych’a. Sie wird vermisst.«

T’Pol konnte es nicht fassen. Zwei ihrer ältesten Freunde, Kollegen aus ihrer Zeit als Geheimdienstmitarbeiterin, hatten geheiratet – und sie hatte nie auch nur den geringsten Verdacht geschöpft.

»Ihre Frau?« Es gelang ihr immerhin, nicht zu stottern. »Ich wusste gar nicht, dass Sie gegenwärtig verheiratet sind. Ganz zu schweigen davon, dass Sie Ych’a geheiratet haben.«

Einen kurzen Moment lang kehrte das Stirnrunzeln zurück. »Sie sollten lange genug für den Geheimdienst gearbeitet haben, um zu wissen, dass es logisch ist, gewisse persönliche Informationen nicht preiszugeben, nicht einmal engen Freunden gegenüber.«

»Natürlich«, sagte sie mit einem Nicken. »Genauso, wie Sie sicherlich wissen, dass Geheimagenten gelegentlich gezwungen sind, sich sehr tief in ihre Tarnidentitäten zu vergraben – nicht selten unter Umständen, die es unmöglich machen, ihren Status an Familienmitglieder weiterzugeben.« Schmerzhaft stiegen in ihrem Geist Bilder von Trip in der romulanischen Verkleidung, die er bei ihrer letzten Begegnung getragen hatte, auf.

»In diesem Fall wäre etwas zu mir durchgesickert«, sagte Denak.

»Was lässt Sie das glauben?« Sie runzelte nun ebenfalls die Stirn. »Könnte es nicht auch sein, dass sie tot ist?« Immerhin bestand, wenn man im Feld der Spionage tätig war, ständig die Gefahr, dass man entdeckt und getötet wurde.

Ihre schonungslose Bemerkung ließ Denak kalt, aber nichts anderes hatte T’Pol erwartet. Stattdessen überraschte er sie, indem er einen uncharakteristisch verlegenen Tonfall anschlug. »Ych’a und ich teilen bereits seit vielen Jahren ein … telepathisches Band. Psi-Verbindungen zwischen Eheleuten sind eine syrrannitische Praktik, die nach wie vor gesellschaftlich nicht völlig akzeptiert ist.«

Ihr kam der Gedanke, dass dieser Mangel an sozialer Akzeptanz einer der Gründe gewesen sein könnte, warum Denak und Ych’a ihre Heirat verheimlicht hatten. T’Pol selbst hatte ihre Bedenken im Hinblick auf die Praktik der Gedankenverschmelzung.

»Ich maße mir nicht an, Sie zu verurteilen«, sagte T’Pol. »Oder Ych’a.« Wie könnte sie auch? Zwischen ihr und Trip bestand eine ähnliche Verbindung. Die Implikationen dieser Bande wirkten auf einmal viel tiefer gehend als zuvor. Das Band, das zwischen Trip und ihr entstanden war – und nach wie vor existierte –, war keine bedeutungslose Spielerei. Es war praktisch das Gleiche wie die Verbindung, die diese beiden ihrer ältesten Freunde im Bund einer syrrannitischen Ehe vereinte.

Und das macht Charles Tucker zu meinem Gefährten, dachte sie. In einem deutlich aufrichtigeren Sinne, als Koss es jemals war.

In Denaks Augen erkannte sie sowohl Dankbarkeit als auch Flehen. »Dank meiner Verbindung zu Ych’a war ich mir sicher, dass sie Ihnen bei Ihrem Vorstoß in den Raum der Rihannsu im letzten Jahr helfen würde – genauso, wie es mir jetzt sagt, dass sie nicht tot ist. Und dass sie trotz unserer Verbindung etwas Wichtiges vor mir geheim gehalten hat und dies auch nach wie vor tut.«

T’Pol ließ sich auf ihrem Sessel zurücksinken und versuchte, zu verarbeiten, was Denak ihr hier enthüllte. Es war kaum zu fassen. »Ihre Aussagen scheinen zu weiten Teilen auf Annahmen zu beruhen. Haben Sie dafür irgendeinen empirischen Beweis?«

»Nur den meiner jahrelangen Erfahrung mit unserer telepathischen Verbindung. Beispielsweise war ich immer imstande, zu spüren, wie das Band mit wachsender Entfernung schwächer wurde, ohne dass es je gerissen wäre. Eine solche Schwächung spüre ich im Augenblick, stärker allerdings als je zuvor, so als wäre Ych’a körperlich weiter von Vulkan entfernt, als sie es je gewesen ist …« Seine Worte verloren sich in beunruhigtem Schweigen, während er an T’Pol vorbei ins Leere starrte, in Richtung der Westwand des Hauses.

T’Pol wünschte sich nichts mehr, als die Not ihres alten Freundes lindern zu können. »Was wünschen Sie, dass ich für Sie tue?«

»Ich möchte, dass Sie mir helfen, Ych’a zu finden«, sagte Denak, als er sich ihr wieder zuwandte. »Selbst wenn das bedeutet, dass wir diesen Planeten verlassen oder in den Rihannsu-Raum reisen müssen.«

»Sie verhalten sich übermäßig emotional, Denak«, sagte sie. »Und nicht logisch.«

Die Entschlossenheit in seinen Augen sagte ihr, dass ihm diese Vorwürfe kaum gleichgültiger sein könnten. »Vielleicht. Aber Sie wissen genauso gut wie ich, dass Logik allein selten der entscheidende Faktor bei derartigen Entschlüssen ist. Helfen Sie mir, T’Pol.«

Loyalität und Freundschaft lagen mit praktischem Denken und Logik im Widerstreit. Sie hatte eine ausgesprochen wichtige Aufgabe auf Vulkan zu verfolgen, eine, die den Ausgang des Kriegs ändern könnte. Allerdings würde sie ihr während der nächsten achtundzwanzig Tage ohnehin nicht nachgehen können – und das wusste Denak.

Auf der anderen Seite fußten seine Schlüsse allein auf subjektiven Informationen. Es war denkbar, dass er nicht einmal sagen konnte, in welche Richtung er sich wenden musste, wenn er seine Nachforschungen begann.

Doch inwiefern ist Denaks Bitte weniger logisch als die, die ich im letzten Jahr an ihn gerichtet habe? Langsam gewannen Loyalität und Freundschaft hinreichend an Einfluss, um einen knappen Sieg zu erringen. Als ich seine und Ych’as Hilfe brauchte, um Trip zu retten, waren sie beide für mich da. »Ich werde Ihnen so gut helfen, wie ich kann«, sagte sie.

VIER

Tag 10 des Monats K’ri’lior
Mittwoch, 11. Februar 2156
Staatshalle, Dartha, Romulus

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Schweigend sah die Erste Konsulin T’Leikha zu, wie Praetor D’deridex sich langsam von dem opulenten Stuhl erhob, der in der kathedralenartigen Audienzkammer der Staatshalle auf einem Podest stand. Trotz seiner altersschwachen Lungen erhob der oberste Führer des Romulanischen Sternenimperiums mit erstaunlicher Kraft und Vehemenz die Stimme.

»Mein Fuß«, brüllte der alte Mann, »sollte bereits auf der Kehle unserer Feinde stehen, Admiral!« Einen Herzschlag später verwandelte sich das hochfahrende Gepolter in einen heftigen Hustenanfall, das die beiden Diener, die ihn flankierten, dazu veranlasste, ihm wieder zu seinem Platz zu helfen.

Erebus sei Dank ist sein Zorn diesmal nicht gegen mich gerichtet, dachte T’Leikha, als sie einen verstohlenen Seitenblick auf den uniformierten Militäroffizier warf, der neben ihr vor dem Podest des Praetors stand. Jahre des geschickten Navigierens durch die gefährlichen Gewässer romulanischer Senatspolitik hatten T’Leikha schon vor langer Zeit gelehrt, wann man offen sprechen sollte und wann man seine Meinung lieber für sich behielt. Angesichts des Zorns, der hinter der scheinbar ungerührten Fassade des mit gebeugtem Kopf dastehenden Admiral Valdore so deutlich zu erahnen war, fragte sie sich, ob er es ebenso gut wusste wie sie. Eigentlich sollte er das. Schließlich war auch Valdore Senator gewesen, bevor er seine Position als Oberbefehlshaber aller Flotten des Romulanischen Sternenimperiums erlangt hatte – der Gipfel einer militärischen Karriere, die leicht in zeitlich unbegrenzter Kerkerhaft hätte enden können, wenn T’Leikha nicht erst jüngst eingegriffen hätte. Allerdings hatte seine Amtszeit ein verfrühtes Ende gefunden, weil er bezüglich der unumstößlichen Notwendigkeit einer andauernden Ausweitung des romulanischen Herrschaftsraums unangemessene politische Ansichten geäußert hatte.

Angesichts des abschätzigen Tonfalls, mit dem D’deridex die Kriegsbemühungen gegen die Hevam-Erdlinge und ihre Verbündeten bedachte, schien jener sich genau wie T’Leikha noch sehr gut an diese Zeiten zu erinnern. Er hatte zu den führenden Senatoren gehört, als Senator Valdore damals eine besonders schicksalhafte Rede gehalten hatte, die die Notwendigkeit ständiger Eroberung kritisch hinterfragt hatte.

»Sie hätten die Kernsysteme dieser sogenannten Koalition der Planeten bereits vor Khaidoa angegriffen und besetzt haben können«, schimpfte der Praetor an Valdore gerichtet weiter, als wäre T’Leikha nicht einmal im Raum. In den dunklen Augen des alten Mannes blitzte Zorn. Dahinter erkannte sie die fortschreitenden verheerenden Auswirkungen des Tuvan-Syndroms, von dem er offenbar noch immer glaubte, dass sein Hofarzt es erfolgreich vor dem Senat zu verbergen wusste. »Stattdessen erzählen Sie mir etwas von Scharmützeln unweit des Sei’chi-Systems oder von Besetzungen absolut unbedeutender Hevam-Außenposten auf Welten wie Isneih Kre oder D’caernu’mneani Lli oder Denevaei!«

Man musste es Valdore zugutehalten, dass er mit scheinbarer Gelassenheit und Ehrerbietung antwortete: »Praetor, eine systemübergreifende Operation diesen Ausmaßes erfordert extrem bedächtiges logistisches Planen und Vorgehen, um Erfolg zu haben.«

»Ja, ja, das weiß ich!« Der Praetor machte eine wegwerfende Handbewegung, wobei T’Leikha das leichte Zittern seines knochigen Unterarms nicht entging. »Aber statt eine glorreiche Reihe an Eroberungen mitten im Herz des Hevam-Raums vorweisen zu können, haben Sie sich bislang mit bloßen Plänkeleien zufriedengegeben. Erklären Sie das!«

»Bei allem Respekt, Praetor: Es besteht ein großer Unterschied darin, eine Welt einzunehmen, oder sie zu halten«, sagte Valdore.

»Auch das ist mir klar, Admiral«, entgegnete D’deridex. »Trotzdem scheint Ihre Operation eine übertrieben lange Vorbereitungszeit zu benötigen.«

Langsam schien der Praetor seine Frustration in den Griff zu bekommen, zumindest ansatzweise. T’Leikha spürte, dass D’deridex, ungeachtet seiner seit Jahrzehnten bestehenden politischen Differenzen mit Valdore, einen tiefen Respekt – oder war es Neid? – gegenüber dessen Uniform und allem, was sie repräsentierte, empfand. Sie wusste, dass der alte Mann besonders in Fragen militärischer Erfolge sensibel war, gehörte er doch zu den wenigen Senatoren in der romulanischen Geschichte, die in den Rang eines Praetors aufgestiegen waren, ohne sich zunächst im Feld verdient zu machen.

»Ich verstehe, dass es diesen Anschein erwecken mag, Praetor«, sagte Valdore. »Aber die Flotte und alles Wehrmaterial, darunter auch die Versorgungsbasen am Boden und das Personal, müssen in Position sein. Erst dann ist unsere Armee bereit, die Kernwelten des Koalitionsraums einzunehmen und zu halten, wie Thhaei, Sei’chi Sei oder die Heimatwelten der Hevam, der Andorsu oder der Tellarsu

Welche Vorbehalte Valdore im Hinblick auf den Expansionismus des Romulanischen Sternenimperiums auch gehabt haben mochte – oder nach wie vor hegte –, T’Leikha zweifelte nicht im Geringsten daran, dass seine bedachte, methodische Herangehensweise in taktischen wie strategischen Fragen letzten Endes Erfolg haben würde. Sie würden die soeben vom Admiral genannten Planeten – Vulkan, Alpha Centauri III, die Erde, Andor und Tellar – in einem vernichtenden Schlag heimsuchen und erobern. Eines Tages würde die Bedrohung, die diese expansionswütigen Koalitionswelten für die territoriale Unversehrtheit des Romulanischen Sternenimperiums darstellten, neutralisiert sein.

Doch nur, wenn Valdore freie Hand bekam, seine Pläne umzusetzen, die er noch immer zu erklären versuchte. »Praetor, seit der Krieg in seine heiße Phase getreten ist, sind wir dabei, mit Bedacht unsere Brückenköpfe an Orten wie Isneih Kre und Bereng’hhaei Lli und Denevaei einzurichten. Dadurch können wir unsere Versorgungslinien aufbauen und schützen, während wir systematisch die Verteidigungsbereitschaft des Feindes testen und gleichzeitig die Speerspitze unserer Streitkräfte immer näher an die weichen, ungeschützten Eingeweide unserer Feinde heranführen. Aber die Flotte kann es sich nicht leisten, in die finale Angriffsphase einzutreten, bevor alle Spielsteine am rechten Platz liegen. Solch ein Vorgehen würde uns nicht zu Ruhm und Eroberung führen, sondern stattdessen Schmach und Niederlage bedeuten. Ich möchte dies nicht riskieren, während Sie im Amt sind, Praetor.«

Sehr gut, Admiral. T’Leikha unterdrückte ein Lächeln. Valdores Vorstoß rief ihr einen der ältesten Grundsätze des Senats in den Sinn: »Die Ehre des Praetors ist die Ehre des Imperiums.«

Der Praetor setzte zu einer Antwort an, doch ein weiterer, heftiger Hustenanfall verhinderte sie. Als er wieder zu Atem gekommen war und seine Stimme wiedergefunden hatte, beugte er sich vor. »Die Zeit, die mir als Praetor noch bleibt, reicht vielleicht nicht aus, dass ich mir den Luxus gönnen könnte, geduldig auf Ergebnisse zu warten, Admiral. Sie müssen mir schon mehr liefern.«

Eine Weile lang stand Valdore bloß schweigend da und blickte den gepeinigten Mann auf dem Thron an. Schließlich sagte er: »Ich verstehe, Praetor.«

T’Leikha fiel auf, dass er es sorgsam vermied, das Unmögliche zu versprechen.

»Tun Sie das, Admiral?« Das Feuer in den alten Augen des Praetors verstärkte sich. »Während dieser ganzen Audienz klingen Sie nun schon, als würde Romulus nicht von allen Seiten durch todbringende Feinde bedroht.«

Ein leichter Riss entstand in Valdores ruhiger Fassade und gestattete T’Leikha einen flüchtigen Blick auf die Verwirrung, die darunter herrschte. »Praetor?«

»Unsere Feinde sind nicht alle schön in einer Reihe zwischen dem Romulanischen Sternenimperium und seinen kernwärtigen Avrrhinul aufgestellt«, sagte der alte Mann. »Ein tödlicher Feind bedroht noch immer unsere randwärtige Seite – Haakona. Aus diesem Grund werden Sie Ihren akribisch geplanten Sturm gegen die Koalitionskernwelten jetzt beginnen, Admiral. Sofort. Ganz gleich, ob Sie glauben, dass unsere Streitkräfte bereit sind, oder nicht. Und Sie werden mit den Andorsu beginnen. Sobald diese Invasion und Besetzung läuft, können Sie der haakonischen Bedrohung endlich die angemessene Aufmerksamkeit widmen.«

Valdore blinzelte mehrere Male, bevor er antwortete. »Die angemessene Aufmerksamkeit, Praetor?«

D’deridex seufzte schwer. »Ja, Admiral«, erwiderte er mit der übertriebenen Geduld, die man normalerweise kleinen Kindern entgegenbrachte. »Angemessene Aufmerksamkeit. Und damit meine ich nicht weniger als eine volle Invasion und Besetzung, wie im Falle der Andorsu und ihrer Koalitionsverbündeten.«

T’Leikha hatte Gerüchte darüber aufgeschnappt, dass D’deridex mit seinen Vertrauten über die dringende Notwendigkeit gesprochen hatte, entschieden und präventiv gegen Haakona vorzugehen. Er hatte sich diesbezüglich aber noch nicht an den Senat gewandt. Diese wilde Mischung aus Gerüchten, Spekulationen und eigentümlichem Verhalten von Seiten des Praetors bestärkte T’Leikha in ihrer vorläufigen Schlussfolgerung, dass sich das Tuvan-Syndrom bei D’deridex in letzter Zeit merklich verschlimmert hatte. Offenbar wurde nicht nur sein Verstand in Mitleidenschaft gezogen, sondern auch die Sorgen um seine Sterblichkeit und sein Erbe nahmen zu.

Valdore dagegen schien entweder noch nie von den Haakona-Gerüchten gehört zu haben, oder er hatte sie weit weniger ernst genommen als T’Leikha. Tatsächlich hatte sie ihn noch nie so sprachlos gesehen wie in diesem Moment. Als sie ihn vor mehr als einem Fvheisen aus dem tiefsten Kerker der Staatshalle gezerrt und ihm mitgeteilt hatte, dass er nicht nur einfach so freigelassen würde, sondern auch wieder den Befehl über alle Flotten des Romulanischen Sternenimperiums erhalte, hatte er jedenfalls weniger überrascht gewirkt.

»Ich werde … unsere Schlachtpläne auf der Stelle revidieren, mein Praetor.«

D’deridex nickte, dann klatschte er zweimal in die Hände. In seinen Augen glomm nun das Feuer des Wahnsinns. »Gut. Dann fort mit Ihnen.«

Es überraschte Valdore nicht, dass die Erste Konsulin T’Leikha ihn in einem der Vorräume zur Seite nahm, direkt auf der anderen Seite des breiten, mit Steinplatten ausgelegten Korridors, der zur Audienzkammer des Praetors führte. »Sagen Sie mir ehrlich, was Sie denken«, forderte sie ihn auf, kaum dass sie den kleinen Besprechungsraum auf Abhörgeräte überprüft hatte.

Obwohl sie Platz nahm, blieb Valdore in stocksteifer Habtachtstellung stehen. Immerhin hatte der oberste Führer seiner Nation ihm soeben den Befehl erteilt, das imperiale Militär auf einen neuen Invasions- und Besetzungsfeldzug zu schicken, in einen Krieg an einer zweiten Front. »Der Praetor ist wahnsinnig, Erste Konsulin«, sagte er nur.

T’Leikha nickte ernst. »Ich bin geneigt, dem zuzustimmen. Aus diesem Grund, Admiral, muss ich Sie etwas fragen. Ganz im Vertrauen.«

Er nickte.

»Beabsichtigen Sie, die Befehle eines wahnsinnigen Praetors zu befolgen?«

Valdore gestattete sich ein rätselhaftes Lächeln. Ihm war klar, dass er eine derart gefährliche Frage nur mit äußerster Vorsicht beantworten durfte. Schließlich sagte er: »Der Praetor neigt auch … zur Vergesslichkeit. Er hat schon zuvor unorthodoxe Befehle erteilt und sie danach wieder vergessen.«

»Hat er dem Militär jemals etwas derart Unorthodoxes befohlen?« T’Leikhas Blicke glichen geschärften Speerspitzen aus Nhaih-Stein.

»Nein, Erste Konsulin«, sagte er ruhig.

»Wie sieht die Lage auf Haakona wirklich aus?«, wollte die Erste Konsulin wissen.

»Es handelt sich um eine ruhige Randwelt, seit mehr als einer Generation.«