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Print ISBN 978-3-86425-428-4 (Mai 2014)

WWW.CROSS-CULT.DE

Inhalt

Vorwort

Willkommen im Paralleluniversum

IGEEK

KAPITEL 1

Fliegenfalle Fandom

Subsubkulturen

KAPITEL 2

Liebe geht durch den Magen

Stammtisch für Dummies

IIPRAY

KAPITEL 3

Zine oder nicht zine

„Hasta la vista, Schnucki . . .“

KAPITEL 4

Fanfiction

GeekQ

KAPITEL 5

Cosplay – der feine Zwirn der Phantastikszene

Männer, die auf Nähte starren

KAPITEL 6

Sippentreffen, genetische ähnlichke iten nicht zwingend erforderlich

Con plus one – Ein Reise führer für die bessere Hälfte

KAPITEL 7

Die Bühne im Kopf

HULK SMASH!!!

KAPITEL 8

Die Geek, das unbekannte Wesen

Vom Jagen und Sammeln

IIILOVE

KAPITEL 9

Einer für alle

Der zweite Stern von rechts . . .

Nachwort

Sketch book

Die Autoren

Der Zeichner

ROMANE BEI CROSS CULT

Vorwort

Wer will denn schon normal sein?

Der Klingone bekommt keinen Kaffee mehr, denn der Flughafenbäcker will schließen. Seufzend macht der stolze Krieger aus dem STAR TREK-Kosmos kehrt und kapituliert. Wir schmunzeln.

Es ist Ende Mai, FedCon in Düsseldorf. Europas größte SF-Veranstaltung hat einmal mehr geladen, und von überall sind die Phantastikfans gekommen. Mehr als fünftausend sollen es sein, die sich an diesen vier langen Tagen in den Gängen und Sälen eines hiesigen Nobelhotels tummeln, für Autogramme ihrer Stars anstehen, einen Monatslohn in Devotionalien und Sammlerstücke investieren und ganz einfach Spaß daran haben, mal ganz schamlos sie selbst zu sein.

„Wie muss das nur auf den Bäcker wirken?“, murmelt Thomas. „Ein Klingone an der Brötchentheke. Auf einem furznormalen Flughafen. Das sieht der auch nicht jeden Tag …“

Unser Schmunzeln wird zu einem Grinsen. Wir wissen genau, was Thomas meint. Überall tummeln sich hier Fans in Kostümen – nicht nur in den Räumen der Convention. Das kann für Außenstehende schon recht befremdlich sein.

Wir sind hier, um unser Buch „Sorge dich nicht, beame! Besser leben mit Star Wars und Star Trek“ zu präsentieren, in dem wir den aktuellen Trend der Lebensratgeber und Selbstfindungsbücher auf die Schippe nehmen und gleichzeitig unsere liebsten fiktiven Universen feiern. Die FedCon-Besucher verstehen den Humor und bescheren uns bei unserer Lesung ein übervolles Haus. Hier, das stellen wir dankbar fest, sind wir unter Gleichgesinnten.

Genau wie der Klingone es war, vorhin im Con-Hotel.

Aber draußen? In der Wirklichkeit? Was ist er denn da?

„Als hätte sich irgendwo ein Wurmloch geöffnet“, spekulieren wir, „und Personen aus einer parallelen Wirklichkeit ausgespuckt. Sieh dich nur um. Da sitzen Jedi-Ritter bei McDonald‘s, dort stehen zwei Orks am Taxistand, und der Typ, dessen Kutte sich gerade in der Drehtür verfängt, sieht aus wie Lord Voldemort aus den HARRY POTTER-Filmen, oder?“

Thomas brummt amüsiert. „Dem echten wäre das nicht passiert.“

„Den echten sieht man auch eher selten auf Flughäfen.“

Schweigen. Eine Sekunde vergeht, dann eine zweite. Und plötzlich begreifen wir, dass wir alle gerade dasselbe begreifen.

„Das ist ein Buch!“, posaunt Thomas es heraus und schlägt uns dabei auf die Schultern. „Ernsthaft, Leute. Ein neues Buch. Über diesen Gegensatz. Wirklichkeit versus Fandom.“

Ein Buch, das der Welt die Fans erklärt – und den Fans die Welt? Wir sehen uns staunend an. Tatsächlich! Thomas hat vollkommen Recht. Wir Geeks und Nerds, die wir jahrzehntelang in der gesellschaftlichen Kuriositätenecke gesessen haben, drängen doch immer mehr in den Mainstream, in die Öffentlichkeit. Nicht zuletzt dank der Sitcom THE BIG BANG THEORY, dank GAME OF THRONES und ähnlichen multimedialen Erfolgsgeschichten ist es inzwischen schon fast schick, ein Geek zu sein. Nerdbrillen sind der heiße Scheiß. Der amerikanische Präsident hat sich beim vulkanischen Gruß fotografieren lassen. Wir waren vielleicht mal Außenseiter, aber jetzt? Jetzt steht uns die Welt offen – und zwar längst nicht nur die digitale.

Doch weiß der Rest der Menschheit wirklich, was da auf ihn zukommt? Wie diese vermeintlichen Klingonen und Voldemorts ticken? Was macht den Geek zum Geek, den Fan zum Fan? Wie erklärt man den Normalen das Besondere?

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„Ein Buch über den Siegeszug des Paralleluniversums Geek“, fabuliert Thomas unser aller Idee begeistert weiter. „Darüber, dass nach und nach normal wird, was früher auf dem Schulhof noch hämisch ausgelacht wurde. Erinnert ihr euch? Als ihr in der großen Pause mal gebeichtet habt, MONDBASIS ALPHA 1 cool zu finden? Und SABER RIDER UND DIE STARSHERIFFS? Wisst ihr noch, wie ihr dafür gehänselt worden seid?“

Wissen wir. Sogar noch sehr genau. Einmal uncool, immer uncool – so lief das in der Schule doch. Aber heute? Heute sind die Geeks die Könige der Popkultur. Für nichts wird in Hollywood mehr ausgegeben als für Produktionen, die das Geek-Herz erfreuen sollen, oder etwa nicht? Bekennende Nerds dominieren die Bestsellerlisten, prägen das gesamte Internet.

Wir zücken das Smartphone. „Das englische Wort ‚geek‘“, zitieren wir aus der Wikipedia – dem wohl unumstrittenen Brockhaus der Geek-Kultur –, „bezeichnete früher Menschen, die auf Jahrmärkten auftraten und lebendigen Tieren die Köpfe abbissen. Es beschrieb also eher absonderliche Gesellen.“

Thomas nickt sehr, sehr heftig. „Früher. Das ist das entscheidende Wort. Irgendwann hat sich der Begriff nämlich verlagert. Auf die Streber. Die Eierköpfe – so hieß das doch in den ganzen schlecht synchronisierten Coming-of-Age-Filmen der Achtziger. Eierköpfe. Damit waren wir gemeint.“

„Und so sieht uns der Flughafenbäcker vielleicht immer noch“, murmeln wir – und schütteln sofort den Kopf. „Nein, Thomas. Der denkt garantiert nicht ‚Streber‘, wenn er einen Klingonen vor sich hat, der nach Kaffee verlangt. Der denkt WTF.“

„E-ben!“ Thomas springt auf, reißt die Arme in die Höhe. „WTF. Da haben wir es schon wieder. Internetsprache. Nerdsprache. Versteht ihr nicht? Jeder versteht das. Denn es ist längst vollkommen normal. Wir sind vollkommen normal.“

„Das waren wir schon immer“, betonen wir mit einigem Nachdruck (und einem bösen Seitenblick).

„Klar waren wir das, aber das sah die Welt leider anders – wie ihr eben selbst zugegeben habt.“

„Und jetzt sieht sie es nicht mehr anders?“

Er nickt wieder. „Korrekt. Sie hat es nur noch nicht gemerkt, zumindest nicht bewusst. Unsere Geek-Kultur hat sich heimlich, still und leise in die allgemeine Kultur hineingeschlichen, und jetzt geht sie nicht mehr weg.“ Sein Blick pendelt zwischen uns beiden hin und her, fast schon anklagend. „John Green, dieser amerikanische Nerd und Bestsellerautor, definiert Nerd als eine Person, die die Dinge, die sie liebt, ganz einfach mit großem Enthusiasmus liebt. Deshalb das Klingonenkostüm, Leute. Deshalb Conventions. Und ihr zwei? Ihr seid nerdige Autoren. Also schreibt, verflixt noch mal. Schreibt über das Nerd-Sein. Über uns Geeks. Erklärt der Menschheit, wer wir sind. Schreibt ein Buch, das ich meinen Arbeitskollegen, meiner Partnerin, meinen Eltern geben kann und mit dessen Hilfe sie vielleicht endlich begreifen, warum wir tun, was wir tun. Wo unser Enthusiasmus herkommt, und welche Ventile wir für ihn haben.“

„Ein Buch über das Fandom.“

„Und das Leben.“

„Und den ganzen Rest.“

Wir grinsen immer breiter. „Geek Pray Love“, sagen wir nahezu einstimmig. „Wer will denn schon normal sein?“

Kurz darauf kehren wir auf das Gelände der Convention zurück. Um Thomas einen raumschiffgroßen Dankeschön-Kaffee auszugeben. Und um unseren Verleger zu suchen …

Andrea Bottlinger & Christian Humberg

Als ich Kind war und man mich Nerd schimpfte, bedeutete das, dass ich Dinge mochte, die anders waren. Die man nur mit ein wenig Mühe verstehen und wertschätzen konnte. Es bedeutete, dass ich Wissenschaft und Brettspiele liebte, und Bücher. Dass ich nicht damit zufrieden war, auf diesem Planeten durchs All zu fliegen, sondern auch wissen wollte, was auf ihm so passierte.

Als ich Kind war, hänselte man mich und meine Freunde dafür und machte uns glauben, etwas stimme nicht mit uns, weil wir diese Dinge liebten. Doch seitdem hat sich die Welt gründlich verändert. Viele Menschen erkennen inzwischen, dass es beim Nerd- oder Geeksein nicht darum geht, welche Dinge man liebt. Sondern darum, wie man sie liebt. Diese Liebe – und die Begegnung mit anderen, die sie mit uns teilen – macht es so toll, ein Nerd zu sein. Wir lieben. Das ist die Gemeinsamkeit, die uns eint.

– Wil Wheaton1

1 https://www.youtube.com/watch?v=H_BtmV4JRSc

Willkommen im
Paralleluniversum

Eine kleine Bedienungsanleitung für dieses Buch

Hallo Menschheit2,

dieses Buch soll dir helfen, eine Spezies zu verstehen, die uns sehr am Herzen liegt – weil wir ihr angehören und sie mögen. Und du, so zeigst du uns jeden Tag aufs Neue, magst sie inzwischen auch. Du begreifst sie nur noch nicht so ganz.

Geeks, Nerds, Fans … Wie sind die eigentlich so? Was zeichnet sie aus, was sind ihre Stärken und Schwächen, ihre Steckenpferde, was ihr Kryptonit. (Und, Menschheit: Wenn du weißt, was Kryptonit ist, bist du uns schon näher, als du vermutlich glaubst!)

Wir wollen es dir zeigen. Dir … und uns selbst. Dies ist ein Buch über, von und für unsere Spezies Geek. Eines, das wir dir mit voller Absicht in die Hand drücken, hoffen und glauben wir doch, dass wir einander nach der Lektüre ein wenig besser begreifen. Wir können nämlich ganz prima miteinander auskommen, du und wir. Echt. Wenn du wissen willst, wie … Na, du brauchst nur umzublättern. Unser Paralleluniversum steht allen offen. Das ist eine seiner größten Stärken. Und es macht Spaß – versprochen.

Das Fandom – die Gemeinschaft der Fans – ist groß und sehr, sehr bunt. Das wirst du bei der Lektüre schnell merken. Deswegen haben wir auch dieses Buch sehr, sehr bunt gemacht: Auf den folgenden Seiten findest du informative Sachkapitel, alberne Checklisten, launige Ratschläge und unsere Geschichte. Ja, richtig gelesen: eine Geschichte. Über uns. Besser gesagt, über einen von uns. Ein Roman als Musterbeispiel. (Wie gesagt, Menschheit: Wir wollen echt, dass du uns besser verstehst.)

Klingt das jetzt zu wirr für dich? Ach was, vertrau uns einfach. Lass dich auf uns ein. Gemeinsam schaffen wir das schon – ganz wie die Crew der Enterprise. Ach, die kennst du auch schon? Na, siehste!

Jedenfalls: Willkommen. Ihr Geeks, ihr Nerds, ihr Fans – und ihr alle. Was ihr gleich lesen werdet, ist mit Herzblut entstanden und handelt von Herzblut. Von Begeisterung. Von Liebe.

Energie!

2 Ha! Das wollten wir schon immer mal schreiben. image

I

GEEK

Nomen, maskulin. Plural: Geeks

1.in modischen oder zwischenmenschlichen Dingen ungeschickte Person

2.Enthusiast mit ans Obsessive grenzendem Spezial- bzw. Detailwissen

KAPITEL 1

Planet A-Karte

Der Spind ist eng, muffig und stockfinster. Dennoch fühle ich mich überraschend wohl in ihm – jedenfalls wohler als draußen. Irgendwie, denke ich, könnte ich auch einfach hier drin stehen bleiben. Für immer. Ginge das?

Jedenfalls: Hallo. Ich bin Lukas. Und ob ihr es glaubt oder nicht, das hier ist bei Weitem nicht die größte Demütigung meines Lebens (Hörst du, Jojo Brenner? Bei Weitem nicht!). Aber doch ganz schön peinlich …

„Wie kann man nur auf eine so bescheuerte Idee kommen, hm?“, schimpft Hausmeister Faber jenseits der metallenen Spindtür. Die Idee, die er meint, stammt gar nicht von mir. Trotzdem bin ich sicher, dass sein Geschimpfe einzig und allein mir gilt. Außer mir ist ja auch längst niemand mehr da. Die Sieger verlassen das Schlachtfeld immer weit vor den Verlierern, denn die Verlierer müssen erst wieder aufstehen und ihre Knochen einsammeln – so sie das noch können. „Sperren die sich in Spinde. Pah! Und wer muss das wieder ausbaden?“

Das ist eine rhetorische Frage, also beantworte ich sie nicht. Außerdem ist sie nicht ganz richtig, denn eigentlich erledigt nicht Hausmeister Faber den Großteil der Arbeit, sondern seine kleine Metallsäge. Seit gut fünf Minuten frisst sie sich jetzt schon durch die Tür. Nicht mehr lange, und das Schloss ist Geschichte. Nicht mehr lange, und ich bin wieder frei.

Na toll.

Irgendwo dort draußen hat längst die nächste Unterrichtsstunde begonnen. Mathe bei Frau Wagner. Ich stelle mir vor, wie sie alle da sitzen und auf mich warten. Wie sich „die Idee“ inzwischen in der ganzen Schule herumgesprochen hat. Wie sie leise kichern werden, wenn die Wagner von mir wissen will, warum ich zu spät komme. „Splitternackt“, höre ich die anderen in meiner Fantasie tuscheln und sehe sie vor meinem geistigen Auge gehässig grinsen. „Noch ganz voller Seifenschaum und so. Jojo und seine Kumpels haben ihn einfach aus der Dusche gezerrt und in den Spind gesteckt. Der hat gequiekt wie‘n Meerschweinchen!“

Nein, verglichen damit ist mein Spind die bessere Alternative. Hier drin stört mich maximal der Kleiderhaken, der mich am Ohr kratzt. Und dem ist schnurz, wie das dämliche Fußballspiel ausgegangen ist.

Mir bleiben vermutlich nur noch ein paar Sekunden hier im Dunkel. Vielleicht sollte ich sie nutzen, um am Anfang meiner Geschichte anzufangen. Das dürfte alles verständlicher machen. Also: Kennt ihr zufällig das Gefühl, im Sportunterricht immer als Letzter in eine Mannschaft gewählt zu werden? Weil ihr eine absolute Null in so ziemlich allem seid, was da auf dem Lehrplan steht? Für Basketball seid ihr zu klein, fürs Geräteturnen zu ungeschickt. Im Federball sorgt ihr stets für großes Gelächter, weil es einfach affig aussieht, wenn ihr angestrengt und hoch konzentriert dem Ball nachhechtet. Beim letzten Cooper-Test wurde euch schwarz vor Augen, und selbst der Lehrer, der doch eigentlich auf eurer Seite stehen sollte, erklärt inzwischen frustriert, ihr würdet euch eines Tages noch beim Laufen ein Bein brechen.

Kennt ihr außerdem das Gefühl, die Mannschaft, die euch letztlich widerwillig hat aufnehmen müssen, im entscheidenden Moment um den Sieg zu bringen, weil ihr euch noch so große Mühe geben könnt, es aber nun mal einem Naturgesetz gleichkommt, dass ihr das dämliche Tor einfach nicht trefft?

Mag sein, dass mir das nicht allein so geht. Aber ich bezweifle stark, dass ihr danach schon mal in der Dusche eurer Schule von euren eigenen Mannschaftskameraden gepackt und in einen Spind der Umkleidekabine gesperrt worden seid. Die Erfahrung ist nämlich sogar mir neu.

Na ja. Öfter mal was Neues, richtig?

Seufz.

Die Metallsäge verstummt. Irgendwo fällt etwas scheppernd zu Boden. Ein einsamer Lichtstrahl findet meinen Arm. Dann reißt Hausmeister Faber die Tür auf – und gleich darauf seine Augen.

„Ich fass es ja nicht“, schnauzt er mich an. „Steht der seelenruhig da und hat nicht mal ‚ne Hose an!“

Ich versuche ein Lächeln, aber es ist so falsch wie seine Haarfarbe. An manchen Tagen, schätze ich, kann man einfach nicht gewinnen.

Meine Befürchtungen waren untertrieben. Die Schule weiß nicht nur längst, was passiert ist, sie feiert es geradezu. Am Schwarzen Brett hängt ein (schlecht gezeichneter) Cartoon von mir im Spind, auf dem Pausenhof gucken sogar die Fünftklässler abfällig zu mir rüber. Selbst Frau Wagner konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, als ich endlich in ihrem Unterricht auftauchte. Sollten Pädagogen nicht rücksichtsvoll und gerecht sein?

Und das Schlimmste? Auch Greta Bensheim aus der Parallelklasse weiß inzwischen Bescheid. Greta mit den langen, blonden Haaren und den leuchtenden Augen. Greta mit den vielen Freundinnen und den Wochenenden voller Partys. Greta, auf die jeder Junge der Schule steht und die das genau weiß. Zugegeben: Ich hätte vermutlich sowieso nie den Mut gefunden, sie anzusprechen. Aber jetzt kann ich‘s erst recht vergessen. Ich muss sie mir aus dem Kopf schlagen – und mit ihr wohl jede Hoffnung auf einen Rest von Würde bis zum Abitur.

„Versager“, brumme ich dem Gesicht im Spiegel der Etagentoilette entgegen. Es guckt so grimmig zurück, wie ich mich fühle. Lukas Lang – ein Meter fünfundsechzig menschliche Enttäuschung. Braunes Haar, das sich von Anfang an jeglicher Frisur verweigert. Picklige, blasse Visage. Dauerschiefsitzende Brille mit Glasbaustein-Gläsern. Spitze Schultern, dünne Ärmchen, müder Blick. Versager.

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Ich passe nicht hier rein. Das ist das Kernproblem, glaube ich. Die Schule ist voller sportlicher, cooler, starker und attraktiver Leute. Da muss jemand wie ich ja auffallen wie ein bunter Hund. Negativ auffallen, versteht sich. Okay, meine Noten sind nicht schlecht. Außer in Sport. Aber ansonsten komme ich im altehrwürdigen Thomas-Morus-Gymnasium einfach nicht zurecht.

Dabei hab ich‘s versucht. Ganz, ganz ehrlich. Ich bin kein Eigenbrötler. Ich kann mit Leuten sprechen. Sogar mit Leuten wie Jojo, wenn‘s denn sein muss. Aber worüber sollte ich mit dem Rest dieser Schule reden? Und sie mit mir? Wenn die wüssten, dass über meinem Bett kein Starposter hängt, wie über den ihren, sondern eine Karte des Sonnensystems, fänden die das nicht interessant. Sie sähen darin vielmehr einen Grund, mich wieder in den Spind zu stecken.

„Manchmal komme ich mir vor, als wäre ich nicht von diesem Planeten“, murmele ich meinem Spiegelbild entgegen.

„Manchmal komme ich mir vor, als bekäme ich immer nur die A-Karte ausgeteilt“, murmelt es wissend zurück. Selbstmitleid, dein Name ist Lukas.

Die Klingel ertönt. Die Pause ist vorbei. Also kann ich mich nicht länger auf dem Klo verstecken. Seufzend drehe ich mich von der Gestalt im Spiegel weg und kehre zurück auf den fremden Planeten meines Lebens.

Auch die Hölle nimmt irgendwo ein Ende, und meine endet heute um fünfzehn Uhr. Das letzte Klingeln der Schulglocke hallt noch über den Hof, da eile ich bereits die steinernen Stufen zur Straße hinunter. Nichts wie weg. Den Bus, der wartend auf dem Parkplatz steht, lasse ich links liegen. Ich will untertauchen, in der Anonymität verschwinden, und nicht schon wieder mit Leuten eingepfercht sein, die genau wissen, dass ich vom Planeten A-Karte stamme. Zumal auch Greta den Bus nehmen wird, und die will ich momentan noch weniger sehen als alle anderen. Heute, beschließe ich tapfer, gehe ich zu Fuß nach Hause.

Natürlich fängt es keine zehn Minuten später an zu regnen. Typisch. Vermutlich war Petrus zu Schulzeiten auch einer der coolen Jungs und fand uns Turnbeutelvergesser zum Brüllen komisch.

Ich schlage den Kragen meines Anoraks hoch und ergebe mich dem Wetter. Die Innenstadt, durch die ich gerade schlendere, leert sich rapide. Überall flüchten Menschen in offene Geschäfte und Cafés. Obsthändler decken Planen über ihre Auslage, Straßenlampen werden aktiv. Halb vier, und die Welt geht unter.

Meine auch. Aber aus anderen Gründen.

Ich biege gerade um die Ecke beim Kaufhof, weiche mehr oder weniger ungeschickt einem Radfahrer, einer Pfütze und einem Hundehaufen aus, und hebe den Blick erst wieder, als es eigentlich schon zu spät ist. Denn ich sehe sofort, dass sie mich sehen. Jojo, zwei seiner Lakaien … und Greta.

Sie stolzieren an den Schaufenstern des Marktplatzes vorbei, als gehörte die Welt ihnen, und das schlechte Wetter sei ein Problem anderer Leute. Greta klebt förmlich an Jojos Arm, schmiegt sich an dieses muskelbepackte Erbsenhirn, und die zwei Lakaien dackeln ihnen hinterher wie treudoofe Wachhunde ihrem Herrchen, wie eine Leibgarde. Ich kenne sie vom Sehen. Der Schwarzhaarige mit den buschigen Brauen heißt Kai, der andere Nick. Jojo muss gerade einen seiner flachen Witze gemacht haben, denn Gretas glockenhelles Lachen schallt laut über den regennassen Marktplatz.

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Es verstummt erst, als sie mich sieht. Sie … und alle anderen.

Einen Moment lang geschieht gar nichts. Als wäre die Zeit stehen geblieben, glotzen wir uns einfach an – keine zehn Schritte und doch Welten voneinander entfernt. Atme ich noch? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass dieser Spind verflucht eng war und ich jetzt trocken schlucke und mir kaltes Wasser in den Anorakkragen tropft. Und dass ich weg will. Sofort.

„Ich fass es nicht: der Spind-Spinner!“ Jojo hebt den Arm, deutet auf mich. „Leute, da ist der Spind-Spinner!“

Kai und Nick spannen sichtlich die Muskeln an, warten auf den Befehl zum Angriff. Sie lächeln.

Das genügt. Endlich fällt die Lähmung von mir ab. Ich wirbele herum, achte nicht länger auf Pfütze und Haufen, renne einfach los. Das Wasser prasselt mir in die Augen, das Haar klebt mir an der Stirn. Passanten schimpfen, als ich blitzschnell um Ecken biege, nicht nach links oder rechts gucke. Bloß weiter. Bloß weg.

Sie folgen mir. Das hört sogar ein Taubstummer. Sie stampfen und schnaufen, grölen und rufen. Spind-Spinner. Immer wieder Spind-Spinner.

Glückwunsch, die Coolen haben dir einen Spitznamen verpasst, denke ich sarkastisch. Doch irgendwie kann ich mich nicht über diese Ehre freuen. Vielleicht, weil sie mich zu spät ereilt. Wenn Jojo mich in die Finger bekommt, taugt der Name nämlich nur noch als Inschrift auf meinem Grabstein.

„Gleich hab ich dich, du Null!“, ruft Nick mir nach.

Ich wage einen kurzen Schulterblick. Keine drei Meter mehr. Er braucht bloß den Arm auszustrecken, ein wenig schneller zu werden, und schon …

Da! Der Hinterhof zwischen der Lindengasse und dem alten Schuhgeschäft. Ich denke nicht lange nach, springe über die kniehohe Absperrung – wo ist der Sportlehrer, wenn man ihm mal imponieren könnte? – und eile über den ungepflasterten Hof. Schlaglöcher und Matsch, wohin ich auch blicke. Mülltonnen, Altpapier, die Skelette ausrangierter Fahrräder. Doch wenn ich‘s bis zum anderen Ende des Hofes schaffe und die Gasse erreiche, die zum Programmkino führt … und wenn dann auch noch niemand das Gitter vor dieser Gasse zugezogen hat, das eigentlich immer zu sein sollte, es aber nie ist … dann habe ich vielleicht noch eine Chance. Eine kleine. Oder so.

Also weiter. Ich schaue nicht mehr zurück. Dafür fehlt mir die Zeit. Ich weiche auch keinen Pfützen mehr aus, denn ich bin sowieso nass bis auf die Knochen. Ein streunender Hund bringt mich beinahe zu Fall, doch ich springe über ihn und höre, wie er mir wütend nachkläfft. Dann bin ich an der Gasse.

Das Gitter ist offen.

Auf der Straße vor dem Kino zucken die Leute zusammen, als ich blindlings wie ein gejagtes Tier aus der schmalen Gasse presche. Ich erschrecke sie ungern, aber ich kann keine Rücksicht mehr nehmen. Hier geht es um Leben und Tod. Oder zumindest um den Rest meiner Würde. Und überhaupt: Was ist denn hier los? Dutzende von Menschen tummeln sich trotz des Wetters vor dem kleinen Lichtspielhaus!

Mir bleibt keine Zeit, mich darüber zu wundern, denn da höre ich schon die Schritte aus der Gasse. Ich reagiere blitzschnell. Jede Menschenmenge ist eine gute Deckung.

Fieberhaft drängele ich mich vor. „Einmal, bitte“, keuche ich der Frau im Kassenhäuschen entgegen. Keine Ahnung, was das Kino überhaupt spielt, aber solange es nicht meine Beerdigung ist, habe ich schon gewonnen.

Die Dame sieht mich fragend an. „Das macht …“, beginnt sie.

Ich lasse sie gar nicht erst ausreden, schiebe ihr einen Zehner zu. „Stimmt so“, sage ich, sehe mich ein letztes Mal nach meinen Verfolgern um und verschwinde im Foyer.

Wirke ich jetzt feige? Hättet ihr euch dem Kampf mit Jojo und seinen Kumpels gestellt? Vielleicht. Aber ihr kennt die nicht – ernsthaft. Die machen Hackfleisch aus Leuten wie mir. Zu dritt erst recht.

Mir bleibt nicht lange Zeit, mich über meine Flucht zu ärgern. Der Vorraum des kleinen Kinos sieht nämlich aus, als sei schon wieder Rosenmontag. Was soll das denn? Ich war noch nicht oft hier, aber normalerweise gibt es hier doch nicht in jeder Ecke so seltsame Pappaufsteller mit Filmfiguren zu bestaunen, oder? Und die zwei Typen mit Vollbart und bunt bedruckten T-Shirts, die neben der Popcorn-Maschine an Klapptischen sitzen und irgendwelche Bücher, Poster und Kaffeebecher verkaufen, habe ich ebenfalls noch nie gesehen. Selbst der Mensch hinter der Maschine irritiert mich. Trägt der tatsächlich einen weißen Morgenmantel? Auf der Arbeit? Aber warum?

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Ich bahne mir einen Weg durch das Gedränge. Irgendwo ertönt ein leiser Gong. Die Türen des Kinosaales werden geöffnet. Das CAPITOL hat nur eine Leinwand und zeigt meist irgendwelchen Kunstkram. Eigenartig, dass es das heute am helllichten Nachmittag tut und sich dafür extra kostümiert. Auch der Kartenabreißer trägt keine normale Kleidung, sondern eine Art Uniform. Verstehe das, wer will.

„Ticket?“, fragt er mich gelangweilt, als ich zu ihm trete.

Ich halte meine Eintrittskarte hoch und wische mir mit der anderen Hand übers pitschnasse Gesicht. Erst jetzt wird mir bewusst, wie kaputt ich aussehen muss: nass und abgekämpft, die Schuhe dreckig, das Hemd hängt halb aus der Hose.

Er nickt nur. Mein Aufzug juckt ihn kein bisschen. Als wäre ich auch nur ein Kostüm von vielen. „Viel Spaß.“

Wobei denn?, will ich fast fragen, da werde ich von der mir nachströmenden Meute mitgerissen und in den Saal gedrängt.

Und alles – wirklich, wirklich alles! – wird anders.

Am Anfang bin ich noch nervös. Nach jedem neuen Gesicht, das im Eingang des Zuschauerraums erscheint, drehe ich mich um. Ist es Jojo? Nick? Kai? Selbst Faber mit seiner Metallsäge würde mich in meinem aktuellen Zustand nicht sonderlich überraschen. Mir ist, als sei die ganze Welt gegen mich. Und mir ist kalt.

Doch Jojo kommt nicht. Entweder hat der streunende Köter ihn noch wütender angekläfft als mich, oder sein Hass ist ihm kein Eintrittsgeld wert. Ob er und die anderen vor dem Kino warten, wenn ich rauskomme? Falls ja: Hat das CAPITOL zufällig einen Seiteneingang, durch den ich mich davonschleichen kann? Ich beschließe gerade, den gelangweilten Kartenabreißer danach zu fragen, da geht das Licht aus.

Sofort verstummen die Gespräche rings um mich. Allerdings nur für einen Sekundenbruchteil. Im nächsten Moment brandet nämlich unglaublicher Applaus auf. Fröhlich, jubelnd, feiernd quittieren die paar Dutzend Gestalten hier auf den Kinosesseln, dass sich der Vorhang vor der großen Leinwand quietschend öffnet. Es knackt in den Lautsprechern, ein unscharfer Countdown zuckt über das Bild.

Und mit einem Mal sehe ich Sterne.

Ich bin im All, begreife ich. Das ist ein Weltraumfilm.

Ein Orchester setzt ein. Laut! Fanfarenklänge dringen aus allen Richtungen auf mich ein, und große gelbe Lettern verkünden mir, ich sähe den „Krieg der Sterne“. Dann kommen weitere Worte. Viele weitere Worte.

Ich lese von einem Kampf zwischen verzweifelten Rebellen und einem bösen Imperium. Von einer riesigen Waffe, deren Zerstörungskraft für ganze Planeten ausreicht und die man – vermutlich deswegen – Todesstern nennt. Und von einer mutigen Prinzessin namens Leia, die dem Galaktischen Imperium die Baupläne eben dieses Todessterns gestohlen habe und die nun – verfolgt von den Imperialen Streitkräften wie ich vorhin von Jojo – zurück in ihre Heimat fliehe. Damit vielleicht doch noch alles gut werden kann.

All das lese ich, begleitet von dieser fantastischen, wuchtigen Musik, und vergesse fast das Atmen. Dann kommt ein rötlicher Planet ins Bild, ein kleines Raumschiff saust vorbei – und ein gigantisches zweites ist ihm dicht auf den Fersen. Der Krieg wütet. Der Krieg der Sterne.

Die Raumschiffe … Die Bilder … Diese orchestralen Klänge …

Das alles wirkt im Zusammenspiel unglaublich bedeutsam. Packend. Faszinierend. Als laufe dort oben auf der Leinwand kein Film ab, sondern tatsächlich eine alles entscheidende Schlacht. Irgendwo in einer weit, weit entfernten Galaxie.

Keine zwei Minuten, nachdem sich der Vorhang geöffnet und der Film begonnen hat, entern die Imperialen Prinzessin Leias Fluchtschiff. Schon da verschwende ich keinen einzigen Gedanken mehr an Jojo, Greta und den ollen Spind. Ich wollte weg? Raus aus allem, runter von Planet A-Karte?

Nun, ich bin weg.

Ich bin im All.

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Fliegenfalle Fandom

Von „Einstiegsdrogen“, die (zum Glück)
ein Leben lang wirken

Nicht jeder Geek hatte ein Schlüsselerlebnis. Einen Moment, auf den er im Nachhinein deuten und sagen kann: „Das war es, ab da war ich ich.“ Viele haben einfach schon immer gerne Phantastisches gelesen oder gesehen. Die meisten lesen oder schauen nicht ausschließlich Phantastisches, aber irgendwann, ganz unauffällig, wurde es zur Hauptsache.

Andere sind ihr begegnet: der einen Geschichte, die sie so gepackt hat, dass sie mehr davon wollten, mehr von etwas Ähnlichem oder mehr von etwas „in der Art, nur ganz anders“.

Welcher „Einstiegsdroge“ man über den Weg läuft, hängt natürlich immer davon ab, wie alt man ist. Aber es gibt einige Juwelen des Genres, die für viele Generationen von uns Geburtshelfer gespielt haben. Über die reden wir immer gern. Hier unsere – nicht im Geringsten erschöpfende, dafür aber (fast) chronologische – Liste mit häufig genannten multimedialen Beispielen.

Superman, Spiderman und Co.

Superman stammt aus den 1930er Jahren und ist damit eindeutig der Älteste aus dieser Reihe. Alle anderen Superhelden-Comics dürfen sich aber ebenso angesprochen fühlen.

Die Comics liegen an jedem Kiosk, und zumindest früher konnte man sie sich sogar von einem durchschnittlichen Taschengeld leisten. Damit sind sie perfekt als „Einstiegsdroge“ ins Phantastische geeignet. Es wird zwar immer noch diskutiert, ob Superhelden-Geschichten nun Fantasy, Science-Fiction oder gar ein eigenes Genre sind, aber fest steht, dass sie irgendwie der Phantastik zugerechnet werden müssen. Und saucool sind.

Comics laufen im Handel generell nicht mehr so gut wie früher, und die Preise werden immer höher. Inzwischen schaffen es aber mehr und mehr Superhelden auf die große Leinwand, wo sie noch einmal eine neue Generation für sich begeistern können.

Und wo wir gerade bei Comics sind: Auch Publikationen wie Neil Gaimans SANDMAN und Hansrudi Wäschers NICK, DER WELTRAUMFAHRER (und die Piccolo-Comicszene im Allgemeinen), um nur zwei einer immens vielfältigen Gruppe an Beispielen zu nennen, konnten und können nachweislich zu Geek-Erweckungserlebnissen führen.

Der Herr der Ringe

In den 1960ern fand DER HERR DER RINGE (das Buch natürlich, nicht die Filme) seinen Weg in die Colleges der USA und damit zu begeisterten Studenten. Im Jahr 1969 erschien schließlich auch die erste deutsche Übersetzung, und auch hierzulande fand das Buch (oder die Bücher, je nach Ausgabe) unter den Studenten und anderswo eifrige Leser. Über Jahrzehnte hinweg blieb es dann die Einstiegsdroge in die Fantasy schlechthin.

Immerhin prägte das Werk auch das gesamte Genre. Hier kamen erstmals Elfen, Orks und Zwerge in der Form vor, wie man sie heute in zigtausenden Werken findet. Tolkien war und ist heute immer noch Vorbild für viele Fantasy-Autoren. Mit der Verfilmung 2001 hat sein Werk schließlich auch den Sprung in die moderne Zeit geschafft und sicher dazu beigetragen, dass es auch zukünftige Generationen von Geeks gibt.

Perry Rhodan

Die Romanreihe PERRY RHODAN, die sich nicht grundlos als größte SF-Serie der Welt betitelt, hat vor einiger Zeit ihr fünfzigjähriges Jubiläum gefeiert. So lange schon erforscht der unsterbliche Titelheld mittlerweile also das All. Inzwischen sind die Hochzeiten des Heftromans zwar vorüber, aber manch ein Geek hat die Reihe in seiner Jugend gelesen und ist darüber auch auf den Geschmack für weitere Weltraumabenteuer gekommen.

Star Trek

STAR TREK war im Prinzip eine Science-Fiction-Serie unter vielen. Aber im Gegensatz zu RAUMPATROUILLETARREK