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Im Bann des Schlangengottes erscheint bei erscheint bei Earl Warren, 63533 Mainhausen

 

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© Copyright 2013 aller Textbeiträge by Earl Warren

 

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Der Nachdruck, auch auszugsweise, ist nur nach schriftlicher Genehmigung durch den Autor gestattet.

 

Die in diesem Roman geschilderten Ereignisse sind rein fiktiv.

Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Begebenheiten, mit lebenden oder verstorbenen Personen wäre rein zufällig und unbeabsichtigt.

 

 

 

EARL WARREN

Im Bann des Schlangengottes

 

Romantic Thriller

 

 

 

1. Kapitel

 

Todmüde suchte ich mein Hotelzimmer auf. Ich gähnte und streckte mich. Meine Glieder waren so schwer wie Blei. Die Handtasche schleifte beinahe am Boden. Das enganliegende Seidenkleid klebte von der schwülen Tropenhitze an meinem Körper. Im vollklimatisierten Hotelzimmer ging ich als erstes unter die Dusche. Das kühle Wasser rann zwischen meinen Brüsten herunter und erfrischte mich herrlich. Ich ahnte nichts von der tödlichen Gefahr, die auf mich lauerte.

Einen Moment überlegte ich, ob ich nackt schlafen sollte, und entschied mich dann für ein hauchdünnes Spitzennegligé. Die Klimaanlage hielt das Zimmer auf achtzehn Grad, was angenehm kühl war. Ich schlug das Moskitonetz von meinem Himmelbett im »Hotel Bali« zurück und ließ mich unter die weißen Seidenlaken gleiten. Ich dachte gerade an Owen Baxter, den ich mit ziemlich belämmertem Gesicht in der Hotellobby zurückgelassen hatte, als neben mir ein Zischen ertönte.

Als ich hinschaute, fuhr mir ein eisiger Schrecken durch die Glieder. Der Kopf einer riesigen Königskobra erhob sich über mir. Das erste Viertel ihres Körpers war steil aufgerichtet, der Hals zu einem breiten, leicht nach vorn gekrümmten Schild aufgebläht. Das war ein sicheres Zeichen, dass die Kobra aufs äußerste gereizt und alarmiert war. Die kalten Schlangenaugen starrten mich an, seelenlos, ohne Gnade, kalt wie der Tod. Die gespaltene Zunge zuckte vor und zurück.

Abermals zischte die Kobra, ein Riesenexemplar von über vier Metern Länge, die größte Giftschlange der Welt. Ich starb tausend Tode vor Angst und wagte nicht, mich zu rühren. Eine so große Giftschlange hatte ich noch niemals zuvor in meinem Leben gesehen. Ein Wimpernzucken genügte schon, um die gereizte Kobra, die mit mir das Bett teilte, blitzschnell zustoßen zu lassen. Sie hatte genug Gift in ihren gekrümmten Oberkieferzähnen, um einen Elefanten zu töten. Mir blieb keine Chance, als ganz ruhig zu bleiben und zu hoffen, dass das gereizte Reptil sich wieder beruhigen und sich zusammenrollen würde. Dann konnte ich ihm vielleicht entkommen.

Reglos kauerte ich im Bett, halb aufgerichtet, in einer Lage, die immer unbequemer wurde. Ich atmete nur ganz flach. Die Zeit dehnte sich endlos. Jede Minute kam mir wie eine Ewigkeit vor. Der Schlangenkopf pendelte hin und her wie ein Metronom, im tödlichen Takt. Ein Schweißtropfen lief mir über die Haut und kitzelte. Meine Müdigkeit war vergangen. Dafür hatte ich Todesangst.

Meine Haare sträubten sich, ich spürte es. Das hatte ich immer für eine Redensart gehalten. Während endlos langsam die Zeit verstrich, hatte ich alle möglichen unangenehmen Gefühle. Mein linkes Bein wurde allmählich taub, weil ich sehr unbequem lag. Es juckte mich an der Seite, was meine überreizten Nerven hervorriefen. Mein linkes Augenlid wollte hektisch zucken, alles Dinge, die ich, Samantha Doe, 25 Jahre alt, Werbetexterin aus New York City, normalerweise nicht kannte.

Am liebsten hätte ich laut geschrien. Doch das wäre der sichere Tod gewesen. Meine einzige Chance lag darin, reglos wie eine Statue zu sein. Es fiel mir immer schwerer. Meine Nerven revoltierten. Ein winziges Zucken schon bedeutete meinen Tod, und zwar einen sehr grässlichen.

Ich erinnerte mich, wie ich einmal den Zoologischen Garten in der Bronx besucht und dort eine Abhandlung über die Wirkung verschiedener Schlangengifte gesehen hatte. Die Bilder hatten für sich gesprochen. Unförmig angeschwollene Glieder waren zu sehen gewesen, schwarz verfärbt bei der Bissstelle, mit hervortretenden Adern. Die armen Opfer starben unter grässlichen Qualen, wenn sie nicht sofort, unmittelbar nach dem Biss, ein Schlangengiftserum gespritzt erhielten.

Selbst dann war die Frage, ob es noch etwas nützte. Wenn nämlich zu viel Gift direkt in die Blutbahn gelangt war, half auch kein Serum mehr. Plastisch sah ich die Bilder vor mir. Meine Brille, die ich nach dem Duschen wieder aufgesetzt hatte, beschlug von meinem verdampfenden Angstschweiß.

Der Juckreiz ließ nach. Dafür kündigte sich ein Krampf in meiner Seite an. Die Haltung, die ich einnahm, forderte ihn heraus. Doch ich wagte es nicht, sie zu verändern. Abermals zischte die Schlange. Ihre starren, lidlosen Augen fixierten mich. Jahrmillionenalt war diese Reptiliengattung, viel älter als der Mensch. Die Schlange fragte nicht nach Jugend und Schönheit, Intelligenz oder sonstigen menschlichen Werten. Sie gehorchte nur ihrem Instinkt, und es war ihr gleich, in wessen warmes Fleisch sie ihre Giftzähne bohrte.

Mir ihr konnte ich nicht verhandeln. Sie war eine Mordmaschine, doch auf ihre Weise von einer besonderen Schönheit. Geh weg, Tod, dachte ich. Und: Verschone mich, Schlange. Krieche davon. Rühr mich nicht an.

Fasziniert betrachtete ich die leicht gekrümmten Giftzähne in dem Schlangenmaul. Meine Nerven revoltierten immer mehr. Alles in mir schrie danach, mich endlich zu bewegen, eine Gegenwehr zu versuchen. Es war ungeheuer schwer, vollkommen ruhig zu sein, nicht einmal mit der Wimper zu zucken und kein Glied zu rühren. Lange konnte ich es nicht mehr aushalten.

Dann musste ein Ende sein, so oder so. Die Schlange zischte. Ein einzelner Moskito hatte sich unter das Netz verirrt und sirrte. Dieses Geräusch und das Spielen des Radios im Nebenzimmer, das ich sehr leise hörte, waren in dem Moment die einzigen Laute. Auf dem Korridor ging ein Paar vorbei. Der Mann sagte etwas auf Malaiisch. Die Frau lachte gurrend. Diese zwei hatten keine Sorgen und ahnten nichts von meiner Not.

Ich konnte nicht einmal um Hilfe schreien. Mir blieb nur übrig zu warten. Das Blut rauschte mir in den Ohren. Ich spürte, wie mein Herz angstvoll schlug. Der sirrende Moskito ließ sich auf meinem Arm nieder und saugte sich voller Blut. Ich konnte ihn nicht erschlagen. Durch die beschlagene Brille sah ich die Schlange nur noch undeutlich. Aber ich wusste, dass sie da war. Ich spürte ihre kalte, tödliche Nähe mit meinem Instinkt und die Gefahr, die sie ausstrahlte.

Lieber Gott, dachte ich, hilf mir, bitte. Der Gedanke war wie ein Schrei. Mein Magen verkrampfte sich vor Angst. Wie einen kalten Klumpen spürte ich es im Bauch. In meiner Phantasie zogen innerhalb kurzer Zeit die Bilder vorbei, wie alles angefangen hatte. Wie ich in diese tödliche Situation gelangt war, aus der ich für mich keinen Ausweg sah. Während mich die Königskobra betonte, erlebte ich alles noch einmal.

Es hatte damit begonnen, dass Laurie, meine drei Jahre jüngere Schwester, in einem Preisausschreiben als ersten Preis eine Reise nach Bali gewann, jener Insel östlich von Indonesien. Damals war uns das als ein ganz großes Glück erschienen.

 

*

Jubelnd stürmte die blonde Laurie in unser kleines Haus nördlich vom Washington Square in Manhattan. Es war Februar und noch eisig kalt. Meine Schwester, 22, Kunststudentin an der University of New York, umarmte mich und tanzte mit mir hin und her.

»Sam!« Ich konnte ihr niemals abgewöhnen, meinen Vornamen Samantha zu verstümmeln. »Ich habe den großen Preis gewonnen, Sam!« Sie nannte den Namen eines Waschmittelkonzerns. »Sie haben mich auserwählt.«

»Wie?«, fragte ich. »Bist du so schmutzig?«

»Du brauchst gar nicht so überheblich zu tun. Wenn du erst sieht, was ich hier habe, wirst du unter deinem zentimeterdicken Make-up vor Neid erblassen.«

Ich nehme sehr wenig Make-up. Lauren, wie sie richtig heißt, hielt mir ein Los vor die Nase. Ich entzifferte, weil sie es ständig schwenkte, mühsam, dass als ersten Preis bei einem Illustriertenpreisausschreiben eine zweiwöchige Reise nach Bali gewonnen hatte. Laurie, in Jeans und mit naturfarbenem Pullover, tanzte umher, dass ihr langen blonden Locken flogen. Sie stimmte ein wahres Indianergeheul an.

Wie sich herausstellte, hatte sie das Preisausschreiben beim Friseur ausgefüllt, während sie unter der Trockenhaube saß. Dann hatte sie es drei Wochen lang in ihrer Handtasche mit herumgetragen, bis sie es endlich wiederfand, weil sie einen besonderen Lippenstift suchte. Gerade noch rechtzeitig hatte sie die Lösung eingeschickt. Der Losentscheid war ausgerechnet auf sie gefallen.

»Bali«, sagte mein Schwesterherz andächtig. »Das bedeutet Tempeltänze, exotische Strände, schöne Menschen, vielleicht oder ganz sicher eine Ferienromanze mit einem wundervollen Mann, wie frau ihn im Alltag leider nicht trifft.«

»So wie der Todesspringer aus Acapulco, der dir nachreiste und uns dann drei Wochen lang regelrecht belagerte«, versuchte ich Laurie auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. »Oder der Cowboy aus Texas, der immer die Liebeslieder auf unseren Anrufbeantworter sang und Telegramme mit Heiratsanträgen schickte. Oder der angebliche Börsenmakler und Millionär, den du in Florida kennenlerntest. In Wirklichkeit war er in Hoboken drüben Angestellter bei der Städtischen Müllabfuhr.«

»Du verstehst es, einem die Stimmung zu verderben, Sam. Lästere ich vielleicht über dein Liebesleben? Dein Freund Jack Enderby ist tatsächlich Börsenmakler und steinreich. Trotzdem möchte ich diesen steifen Typen nicht nachgeworfen. Ich wette, dass er schon als Säugling einen Mini-Nadelstreifenanzug trug. Mit ihm wirst du noch einmal dein blaues Wunder erleben. – Er hat einen Computer anstelle des Herzens, glaube mir das.«

Ich schüttelte nur den Kopf.

»Glaube mir, Jack ist ganz anders. Aber das kannst du nicht beurteilen.«

»Ich brauche diesem fleischgewordenen Dow-Jones-Index nur in die Augen zu schauen, dann weiß ich Bescheid. Nein, Schwesterchen, das ist nicht der richtige Mann für dich.«

»Wir wollen uns nicht über Jack unterhalten, sondern über deine Reise. Wann soll sie denn sein?«

Wie sich herausstellte, ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem Laurie Semesterprüfungen hatte. Das nahm sie auf die leichte Schulter, wie fast alles andere auch, außer der Astrologie, die ihr Hobby war, und ihrer Mischlingskatze Kid. Die Klausuren wollte Laurie nachschreiben.

»Ich kenne einen Arzt, der mir bescheinigt, dass ich gerade zu dem Zeitpunkt schwerkrank bin. Die passende Krankheit muss er sich ausdenken. Dafür hat er schließlich Medizin studiert.«

Laurie fing gleich an, Reisepläne zu schmieden. Dass die Traumreise nur für eine Person galt, störte sie nicht. Sie wüsste sowieso nicht, wen sie mitnehmen sollte, sagte sie.

»Mich zum Beispiel«, erwiderte ich. »Ich könnte in der Agentur Urlaub bekommen.«

»Ja, leider, es ist nicht möglich. Die Umsätze auf dem Waschmittelsektor sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Früher gab es solche Reisen immer für zwei Personen.«

Zwei Wochen später war es soweit. Laurie startete vom JFK-International Airport nach Denpasar, der Hauptstadt der Insel Bali. Sie gehörte zu Indonesien und bildete mit der Nachbarinsel Lombok eine Verwaltungseinheit. Die von vulkanischen Gebirgszügen beherrschte Insel hatte rund zweieinhalb Millionen Einwohner. Die meisten davon wohnten in der Hauptstadt Denpasar. Laurie hatte sich ein Visum besorgen müssen. Sie war gegen Pocken, Typhus, Paratyphus, Malaria, Tetanus und Polio geimpft.

Ein Sprachführer für Bahasia Indonesia, das dem Malaiischen entstammte, vervollständigte Lauries Ausrüstung. Wegen der geeigneten Garderobe sorgte meine kleine Schwester sich wenig. Mit Jeans, Turnschuhen und Sommerkleidern wäre sie gut bedient, sagte sie. Die Temperatur auf Bali war gleichmäßig, um die Jahreszeit um die Jahreszeit etwas über dreißig Grad. An die hohe Luftfeuchtigkeit würde sich Laurie gewöhnen müssen.

Sonnenschutzmittel waren unbedingt angesagt. Laurie hatte im Völkerkundemuseum einen Lichtbildervortrag über Indonesien und Bali gesehen und sich noch anderweitig über ihr Reiseziel informiert. Ein US-Reiseveranstalter führte die Tour durch. Laurie würde in Denpasar zu einer Reisegruppe stoßen, die eine Rundreise durch ganz Indonesien gebucht hatte. Mit dieser Gruppe würde sie auf der Insel unterwegs sein.

Für die Gruppe waren fünf Tage auf Bali vorgesehen. Nach Abschluss dieses Programms sollte Laurie auf der Insel bleiben. Sie war der Obhut der örtlichen American Travel Agency anvertraut. Ich fand dieses Programm zusammengestoppelt und von dem Waschmittelkonzern ohne viel Überlegung zusammengestellt. Laurie störte das nicht. Sie würde sich schon zurechtfinden, meinte sie.

Etwas Spielraum und Eigeninitiative seien ihr recht. Sie würde sowieso keinen Wert darauf legen, den ganzen Tag bei der Reisegruppe an die Kette gelegt zu sein und ein bestimmtes Programm absolvieren zu müssen. Von Reisebegleitern betreut, die wie die Schäferhunde bei der Herde darauf aufpassten, dass niemand verlorenging oder allzu sehr ausscherte.

Ihr Gepäck hatte Laurie bereits abgegeben. Ich brachte sie bis zur Passkontrolle, wo wir uns verabschiedeten. Laurie glühte schon vor lauter Reisefieber. Sie freute sich ungeheuer. Ich gab ihr noch ein paar gute Ratschläge mit auf den Weg. Seit dem frühen Tod unserer Eltern bei einem Autounfall hatte ich mich immer für Laurie verantwortlich gefühlt. Für sie war ich die große Schwester, und wir liebten uns sehr und hingen sehr aneinander, obwohl wir uns oft kabbelten und neckten.

Laurie war etwas kleiner als ich, also 1,70 m. Mit hellblonden Haaren, himmelblauen Augen und einer Pfirsichhaut, rank und schlank, wirkte sie wie ein Unschuldsengel, der sie aber nicht war. Ich hatte dunkle, lange Haare, dunkle Augen und kleidete mich gern auf dezente Weise modisch. Laurie liebte eher das Ausgeflippte. Ich trug eine modische Brille, joggte und spielte Tennis.

Nach meinem Studium an der Werbefachschule hatte ich einen Job bei Maitland & Rowden geangelt, einer der großen Werbeagenturen. Ich arbeitete in dem Büro im Rockefeller Center, im 30. Stock, und strengte mich an, um Karriere zu machen. Ich wollte unbedingt ein ganz großes As in der Werbebranche werden, mindestens Agenturchefin. Das Zeug dazu hätte ich, hatten mir meine Lehrer und andere versichert.

Laurie nahm das Leben viel leichter als ich, die immer die Ernstere und Zielstrebigere von uns beiden gewesen war. Ich umarmte sie in dem riesigen Terminal, Abflughalle D, und ermahnte sie abermals, auf keinen Fall nicht abgekochtes Wasser zu trinken, kein ungeschältes Obst zu essen und auch im Hotelzimmer immer Schuhwerk zu tragen.

»Das beugt Infektionen vor.«

Laurie schüttelte den Kopf.

»Ich bin erwachsen, falls du das vergessen haben solltest, Sam.«

»Ja, stimmt, aber nur deinem Alter nach.«

Laurie streckte mir scherzhaft die Zunge heraus. Der letzte Aufruf für ihre Maschine erfolgte, und sie ging durch die Sperre. Ich sah, wie sie vom Sicherheitsdienst mit der Metallsonde überprüft wurde, was sie am Körper trug. Dann war sie verschwunden. Ich verließ den riesigen Flughafen und fuhr mit der U-Bahn nach Hause. Von unserer Wohnung aus, die sich in einer umgebauten früheren Remise eines Herrschaftshauses befand, rief ich Jack Enderby in seiner Firma an.

Er hatte keine Zeit gehabt, uns zum Flughafen zu begleiten. Jack meldete sich aus einer Konferenz.

»Ist dein Schwesterchen endlich weg, Süße?«, fragte er. »Prima, dann hast du ja eine sturmfreie Bude.«

»Du weißt genau, dass ich es nicht schätze, wenn du mich Süße nennst«, antwortete ich. Ich lag bäuchlings vorm Kamin auf dem Flickenteppich, reckte die Beine hoch und hatte schlechte Laune. »Hoffentlich passiert Laurie nichts. Sie fliegt ans andere Ende der Welt. Ich habe ein ungutes Gefühl.«

»Bali ist ein friedliches Land mit lauter zivilisierten und freundlichen Menschen. Du sorgst dich umsonst, Samantha. Du hast einen Mutterinstinkt, was deine kleine Schwester betrifft. Das wollte ich dir immer schon einmal sagen. – Jetzt muss ich Schluss machen. Die Konferenzteilnehmer warten auf mich. Der Speaker schaut schon zu mir herüber.«

Damit beendete Jack abrupt das Gespräch, wie es seine Art war. Er sprach nie ein Wort zu viel und ging davon aus, dass ein intelligenter Mensch gleich beim ersten Mal alles kapierte, was man ihm sagte. Und sich auch alles merken konnte. Jack hatte den Konferenztisch für kurze Zeit verlassen und aus einer Ecke des Raums über sein Handy mit mir telefoniert. Ich sah bildlich vor mir, wie er zu der Konferenz zurückeilte und sich in die Debatte stürzte. Jack hatte immer die besseren Argumente.

Sein Aufstieg war vorprogrammiert. Aber – würde er mit mir zusammen stattfinden? Manchmal vermisste ich bei Jack etwas. Vielleicht war es die menschliche Wärme, mehr Interesse an mir und Verständnis. Vielleicht waren es die kleinen menschlichen Schwächen und Fehler. Jack hatte keine. Er tat immer das Richtige und verkehrte in den richtigen Kreisen und mit den richtigen Leuten.

Vielleicht würde er einmal Präsident der Vereinigten Staaten sein. Trotzdem fand ich ihn mitunter abstoßend.

Laurie rief zwei Tage später von Bali aus an. Ihre Stimme war voller Begeisterung. Sie fand alles toll. Sie entschuldigte sich dafür, dass sie sich nicht früher bei mir gemeldet hatte.

»Ich hatte zu viel zu tun. Owen Baxter zeigt mir alles. Er kümmert sich rührend um mich.«

Ich erfuhr, dass dieser Baxter der Niederlassungsleiter von der örtlichen American Travel Agency war. Laurie schwärmte von ihm und beschrie ihn als den tollsten Mann aller Zeiten. Das hatte bei ihr nicht viel zu bedeuten. Laurie verliebte sich immer Hals über Kopf. In der ersten Zeit beschrieb sie ihre neue Liebe mit den tollsten Superlativen. Nach ein paar Wochen kehrte dann die Ernüchterung ein. Die Ausdrucksweise und auch die Gefühle verkehrten sich in das Gegenteil.

Nach dem Telefonat herrschte wieder Funkstille. Ich dachte mir nichts dabei. Laurie war nicht der Typ, der ständig nach Hause telefonierte. Von ihr geschriebene Postkarten brauchten eine Weile, um mir zugestellt zu werden. In nicht mal zwei Wochen würde sie ohnehin wieder zu Hause sein. Warum also hätte sie sich andauernd melden sollen?

Dann, eines Abends Ende April, als ich mit Jack Enderby zusammen in der Wohnung war, klingelte wieder das Telefon. Ich löste mich aus Jacks Armen.