Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
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ISBN 9783865067036

© der deutschsprachigen Ausgabe 2014 by

Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers

Originaltitel: Unapologetic. Why, despite everything,

Christianity can still make surprising emotional sense

First published in 2012 by Faber and Faber Limited,

Bloomsbury House, 74 - 77 Great Russel Street,

London WC1B3DA

All rights reserved

© Francis Spufford, 2012

Satz: Brendow Web & Print, Moers

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH

www.brendow-verlag.de

Für

Jessica

Judith

David

Und meine drei ehrwürdigen Doktoren

INHALT

Cover

Titel

Impressum

Widmung

1 - Heilige (Un)vernunft

2 - Der Riss in allem

3 - Big Daddy

4 - Hallo, grausame Welt

5 - Jeshua

6 - Und so weiter

7 - Die internationale Liga der Schuldigen – Teil zwei

8 - Konsequenzen

Anmerkungen

Weitere Bücher

Fußnoten

1

HEILIGE (UN)VERNUNFT

Meine Tochter ist gerade sechs geworden. Irgendwann im Laufe des nächsten Jahres wird sie entdecken, dass ihre Eltern seltsam sind, und zwar sind wir seltsam, weil wir in die Kirche gehen.

Das bedeutet – nun ja, wenn sie älter wird, wird es Stimmen geben, die ihr sagen, was das bedeutet, und diese Stimmen werden immer lauter werden, bis sie ihr dann, wenn sie irgendwann ein Teenager ist, richtig laut ins Ohr schreien.

Es bedeutet nämlich, dass wir jede Menge abstruses steinzeitliches Zeugs glauben: Es bedeutet, dass wir nicht an Dinosaurier glauben; es bedeutet, dass wir dogmatisch sind und selbstgerecht; dass wir Schmerzen und Leid zum Fetisch machen; dass wir für oberflächliches Nettsein sind; dass wir den Unterdrückten für die Zeit nach ihrem Tod das Blaue vom Himmel versprechen; dass wir sentimentale Seelchen sind, die keine Ahnung haben von den gewinnbringenden Kräften des Marktes; dass wir zu dumm sind, um zu begreifen, wie irrational unser Glaubensbekenntnis ist; dass wir absurd-komplexe intellektuelle Gebilde voller sinnloser Abgrenzungen auf dem Zuckerwattefundament unserer Fantasie errichten; dass wir die Kleinfamilie mit all ihrer Mikrotyrannei und ihren einengenden Klischees aufrechterhalten; dass wir büßerhemdtragende Feinde ganz normaler Familienvergnügungen sind, wie zum Beispiel Elternsein, Shopping, Sex und der Besitz eines Autos; dass wir brutal voreingenommen und wertend sind; dass wir Mörder freilassen würden, damit sie dann wieder töten können; dass wir glauben, jeder, der nicht mit uns einer Meinung ist, wird ewig in der Hölle schmoren; dass wir genauso schlimm sind wie Moslems; dass wir noch schlimmer sind als Moslems, weil Moslems nur unzivilisiert sind und es nicht besser wissen; dass wir besser sind als Moslems, aber nur, weil wir nicht den Mut haben, unsere Überzeugungen so radikal zu leben wie sie; dass wir infantil sind und nicht ohne einen illusionären Papa im Himmel auskommen; dass wir die Spontaneität und das Hoffnungsvolle bei Kindern zerstören, indem wir ihnen eine völlig kranke Mythologie einimpfen; dass wir gegen Freiheit, Menschenrechte, Schwulenrechte, moralische Autonomie des Einzelnen, das Recht der Frau, sich für oder gegen ein Kind zu entscheiden, Stammzellenforschung, die Benutzung von Kondomen zur Aidsbekämpfung, das Lehren der Evolutionstheorie sind – also gegen alles Moderne –, dass wir also ganz allgemein gegen den Fortschritt sind; dass wir glauben, man muss sich vor Autorität ducken; dass wir alle hochnäsig sind; dass wir eine „Igitt-nein-danke“-Haltung in Bezug auf Transsexuelle haben, es aber völlig normal und selbstverständlich finden, wenn Männer mittleren Alters lila Gewänder tragen; dass wir Kindesmisshandlung und Kindesmissbrauch decken, weil es uns mehr um Macht geht als um Gerechtigkeit; dass wir historisch gesehen die Bösewichte sind und in jedem Kampf für die Freiheit von Menschen auf der falschen Seite stehen; dass es, wenn wir denn anscheinend manchmal doch auf der richtigen Seite der besagten Kämpfe gestanden haben, eigentlich doch nicht so war; oder es in dem Kampf gar nicht um das ging, worum es angeblich ging; oder dass wir das Richtige nicht aus den Gründen getan haben, die wir später dafür in Anspruch genommen haben; dass wir fromme Geschichten zur Tarnung von Rassismus, Imperialismus, Eroberungskriegen, Sklaverei und Ausbeutung erfinden; dass wir Fantasiebegründungen erfinden dafür, dass real existierende Menschen sich gegenseitig umbringen; dass wir ewig Gestrige sind; dass wir uralte Stammeskulturen zerstören; dass wir an das Ende der Welt glauben; dass wir die Menschen lehren, sich selbst zu hassen; dass wir wollen, dass Menschen Angst haben; dass wir wollen, dass Menschen sich schämen; dass wir einen eingebildeten Freund haben; dass wir an Himmelswesen glauben; dass wir vor einem Gott auf die Knie gehen, der mit der Realität so viel zu tun hat wie der Weihnachtsmann; dass wir lieber die Bibel als Romane lesen, lieber beten als Geschichten erzählen, lieber Gewissheit als Zweifel haben, lieber Glauben als Verstand; dass wir das Gesetz über die Gnade stellen, lieber Schwarz und Weiß sehen als all die vielen unterschiedlichen Grauschattierungen; dass wir Zensur besser finden als Diskussion, Schweigen besser als Reden und den Tod besser als das Leben.

Aber hey, so schlecht ist das doch gar nicht, denn das alles sind doch Einwände von Menschen, die sich wenigstens so stark für Religion und Glauben interessieren, dass sie überhaupt Einwände vorbringen – oder sich zumindest ein paar Freizeit-Einwände von Richard Dawkins oder Christopher Hitchens ausgeliehen haben. Als Vorwürfe mögen sie vielleicht ein Sammelsurium aus Wahrheiten und Halbwahrheiten und Unwahrheiten sein, herausgepickt aus ganz und gar unterschiedlichen Teilen der Geschichte des Christentums und der christlichen Welt (wobei der kleine Teil stets für das Ganze steht, jedenfalls wenn er schädlich ist, und das Ganze für einen kleinen Teil, wenn dieser Teil schmeichelhaft ist). Aber zumindest gehen diese Menschen davon aus, dass es etwas gibt, das als Religion bezeichnet wird und das genügend Bedeutung hat, um es zu verabscheuen. Ja, die Art, wie die Dawkinsianer es schaffen, aus ihren Überzeugungen über den Glauben anderer Menschen ein richtiggehendes Hobby zu machen, hat beinah etwas Hingebungsvolles. Diejenigen Dawkinsianer, die hier in England leben, müssen eigentlich richtig neidisch darauf sein, mit welcher Heftigkeit dieser Kampf gegen alles, was mit Glauben und gläubigen Menschen zu tun hat, in den Vereinigten Staaten geführt wird. Dennoch bringen manche von ihnen es sogar fertig, sich von der anglikanischen Kirche unterdrückt zu fühlen, und das ist wirklich gar nicht so einfach. Man muss dafür schon eine ausgesprochene Vorliebe besitzen, im kleinen Maßstab zu arbeiten, so wie etwa beim Sticken oder beim Tischfußball oder beim Aufbauen einer Modelleisenbahn auf der Fläche eines Aktenkoffers.

Aber die wirklich schmerzliche Botschaft, die unsere Tochter empfangen wird, ist die, dass wir einfach peinlich sind. Für die meisten Menschen, die keine neuen Atheisten sind oder alte Atheisten, für Menschen also, die in Bezug auf diese gesamte Thematik eher leidenschaftslos sind, sind wir gläubigen Menschen nicht seltsam, weil wir irgendwie gefährlich oder böse wären. Nein, wir sind seltsam, weil wir einfach nicht zu verstehen sind! Für unseren Glauben gibt es schließlich überhaupt keine nachvollziehbare Notwendigkeit. Wir halten uns an eine Reihe peinlicher und absurder Vorstellungen und Einstellungen, die irgendwie auffallen, die sich vom Hintergrund des modernen Alltagslebens von heute deutlich abheben. Aber das nicht wenigstens auf eine Weise, die bedeutungsvoll wäre oder Respekt verdient hätte, sondern eher so, wie ein ganz besonders stilloses Kleidungsstück auffällt, bei dessen Anblick sich der Betrachter windet und wegschauen muss und sich fragt, ob bei der Auswahl vielleicht irgendeine Art Hirndefekt im Spiel war. Fromme Leute sind Menschen mit Topfhaarschnitt, die im August Anoraks tragen und grobmaschige Pullover in der Farbe von Erbrochenem. Oder – um wieder von der Kleidungsmetapher wegzukommen hin zu den Verhaltenweisen, auf denen das Urteil tatsächlich beruht – fromme Menschen sind Leute, die versuchen, auf Partys Jeee-sus ins Gespräch zu bringen; die sich selbst unmöglich machen, indem sie sich vor Unbehagen winden angesichts absolut normaler menschlicher Verhaltensweisen; die ständig versuchen, irgendwie eine feierliche Stille zu erzeugen und dadurch einen Pups oder einen Rülpser – jedenfalls ein ganz klein wenig Subversion – geradezu provozieren. Gläubige Menschen sind Leute, die bei den seltenen Gelegenheiten, bei denen man ihnen zuhören muss, wie beispielsweise bei Hochzeits- oder Beerdigungsansprachen, immer die Gelegenheit beim Schopf packen und einem den pürierten Inhalt eines Grundschulkrippenspiels in den Gehörgang träufeln, anscheinend ohne zu merken, dass die Kindheit längst vorbei ist. Und abgesehen davon, dass wir kindisch und jämmerlich und sehr ernst sind (und natürlich peinlich), machen wir uns auch noch mit einer altmodischen, muffigen Orthodoxie eins, einer Autorität, die selbige längst verloren hat. Und nichts ist doch so traurig – traurig in Bezug auf Stil – wie der Mainstream-Geschmack von vorgestern. Wenn wir schon nicht anders konnten, wenn wir schon unbedingt shoppen gehen mussten im Sortiment von Juchu und Die-Kraft-iststark-in-dir-junger-Himmelsstürmer, dann hätten wir doch wenigstens etwas Neues und Farbenfrohes aussuchen können, etwas mit ein bisschen mehr Pfiff, etwas mit ein wenig mehr von dem Stil, den man in der Zeit zwischen Schule und Studium hat, vielleicht etwas mit Sprechchören und Wellness. Aber nein, wir haben uns stattdessen für alte Gemäuer entschieden, die nach toten Blumen riechen, und für Gruppen von Rentnern, die sich mühsam durch „Geh aus, mein Herz, und suche Freud …“ kämpfen.

Coole Revoluzzer? Eher nicht.

Und das Schlimmste daran ist, wie gesagt, dass es dafür absolut keine Notwendigkeit gibt. Keinen offensichtlichen Mangel, dass dieses traurige Zeugs wenigstens ein – wenn auch ungeschickter – Kompensationsversuch sein könnte. Aber die meisten Menschen haben keinen leeren Raum in sich, der genau so groß ist, dass Gott hineinpasst und nur darauf wartet, mit Gott gefüllt zu werden. Die meisten Menschen werden durch ihr Leben mit der vollen Bandbreite von Liebe, Hass, Freude und Verzweiflung versorgt; ebenso mit einem moralischen Bezugsrahmen, um das alles verstehen und einordnen zu können; und auch mit einem Platz für Ehrfurcht und Transzendenz – und das alles, ohne dass sie dazu Religion brauchen. Gläubige Menschen sind die Leute, die für eine Lösung werben, ohne dass es ein Problem gibt, und dann auch noch für eine feuchthändige, penetrant grinsende, nichttanzende, einfach peinliche Lösung. Im Anorak.

Und deshalb ist es absolut rätselhaft, was in gläubigen Menschen vorgeht. Soweit man es einschätzen kann – für den Fall, dass man den Wunsch hat, es aus irgendeinem Grund einzuschätzen –, ist es eine Art ängstliches So-tun-als-Ob, eine Art ständiger nervöser Abwehr der Realität. Es sieht so aus, als ob für einen gläubigen Menschen die Dinge nie einfach das sein dürfen, was sie sind. Es muss immer alles übersetzt und moralisiert werden, und alles muss eine unnötige und ziemlich gefühlsbetonte zusätzliche Bedeutung bekommen. Ein Sonnenuntergang kann nicht einfach nur Teil einer Mischung aus Pracht und Grausamkeit der Welt sein; nein, er muss ein Geschenk Gottes, ein Segen sein. Eine Mahlzeit muss ein Geschenk sein, für das man dankbar ist, auch wenn sie von Iglu kommt und 3 Euro 79 gekostet hat. Sex kann nicht einfach zum Erfahrungsspektrum des Lebens von Erwachsenen gehören, von einem gelegentlichen Erdbeben bis hin zu einem leichten kameradschaftlichen Kribbeln; nein, es muss, ach du liebe Güte, etwas ganz Besonderes sein, das passiert, wenn Mamas und Papas sich ganz dolle lieb haben.

Wahrscheinlich spiegeln all diese kleinen konkreten Weigerungen, den gesunden Menschenverstand einzusetzen, das massive Fehlen von Realismus bei uns Gläubigen wider, unser peinliches Problem mit der Unterscheidung, die für Erwachsene zur grundlegenden Ausstattung zur Lebensbewältigung gehört, nämlich der Unterscheidung zwischen Dingen, die es wirklich gibt, und erfundenen Dingen.

Wir kapieren anscheinend nicht, dass die Zauberei bei Harry Potter, die Ringe und Schwerter und Elfen in den Fantasy-Romanen, die Gestalten in Videospielen, die Geister und Gespenster an Halloween irgendwie zum Spaß da sind. Wir versuchen, sie ernst zu nehmen; oder besser gesagt, wir nehmen unsere eigene spezielle Unterabteilung davon ernst. Wir begehen einen seltsamen Kategorienfehler, indem wir behaupten, dass unsere Goblins, Geister und Spaghettimonster wirklich da sind, dem Buch oder irgendwelchen Filmen entstiegen. Star-Trek-Fans und Möchtegernvampire können uns da nicht das Wasser reichen. Wir beten wirklich an. Wir gehen tatsächlich auf die Knie, verbeugen uns vor einem leeren Raum und beharren darauf, dass dort unser Spaghettimonster zu finden ist. Kein Wunder, dass wir uns so viel Mühe geben, den gesunden Menschenverstand abzuwehren. Wir müssen die ganze Zeit mit den Fingern in den Ohren herumlaufen – lalala, ich kann gar nichts hören –, nur, um das deutlich zu vernehmende Geräusch der realen Welt auszublenden.

Das Komische daran ist, dass es für mich genau umgekehrt ist. Nach meiner Erfahrung ist es der Glaube, der die kompromissloseste Aufmerksamkeit für das Wesen der Dinge fordert, deren man fähig ist. Es ist der Glaube, der von einem verlangt, eine Illusion nach der anderen aufzugeben, während der gesunde Menschenverstand ständig locker-flockiges So-tun-als-Ob verlangt. Ein So-tun-als-Ob, das durchaus System haben könnte, weil dafür in unserer Kultur so überaus starke Anreize geboten werden. Nehmen wir nur einmal den berühmten Slogan auf dem Atheistenbus in London. Ja, ich weiß, ich weiß … es handelt sich dabei um eine Aussage der Hardcore-Hobbyisten des Unglaubens, Menschen, denen es wichtig ist, sich permanent in einem Zustand negativer Erregung über Religion zu befinden. Aber in diesem konkreten Fall legen sie ziemlich deutlich die ganz gewöhnliche Weisheit des alltäglichen Unglaubens dar. Auf dem Atheismusbus steht: „Wahrscheinlich gibt es keinen Gott. Hören Sie also auf, sich Sorgen zu machen, und genießen Sie das Leben.“

Also gut: Welches der Worte ist das bedenkliche, das aggressive, das Wort, das sich so schnell von tatsächlich erkennbaren menschlichen Erfahrungen absondert, dass es nicht einmal mehr Zeit hat, zum Abschied zu winken? Nein, es ist nicht das Wort „wahrscheinlich“. Die Neuen Atheisten behaupten ja gar nichts Ungeheuerliches, wenn sie sagen, dass es wahrscheinlich keinen Gott gibt. Ja, sie behaupten damit eigentlich noch nicht einmal etwas Wesentliches, denn wie, verdammt noch mal, sollten sie es auch wissen? Es ist doch für sie genauso eine Mutmaßung, wie es für mich eine ist.

Nein, das Wort, das gegen jeglichen Realitätssinn verstößt, ist „genießt“. Also tut mir leid – das Leben genießen? Das Leben genießen? Ich habe keinerlei neo-puritanische Einwände gegen Genuss. Genuss ist etwas Schönes. Genuss ist toll. Je mehr Genuss, desto besser. Aber Genuss ist erst mal nur eine einzelne Empfindung. Das Einzige auf der Welt, was dazu gedacht ist, Genuss, und nur Genuss, hervorzurufen, sind Produkte, und Ihr Leben ist doch kein Produkt. Sie können es nicht auspacken, es an einer besonders vorteilhaften Stelle Ihres Lofts in der Speicherstadt platzieren und dann darüber staunen, wie toll die Halogenspots Ihrer Beleuchtungsschiene die glatten Seiten betonen. Nur manchmal, mit viel Glück, stehen Sie ganz bewusst neben dem, was gerade mit Ihnen passiert, und schauen es mit warmer, zustimmender Befriedigung an. Die übrige Zeit sind Sie schwer damit beschäftigt, Hoffnung, Langeweile, Neugier, Sorge, Ärger, Angst, Freude, Bestürzung, Hass, Zärtlichkeit, Verzweiflung, Erleichterung, Erschöpfung und was es sonst noch so alles gibt zu erleben. Es ist genauso unsinnig zu sagen, dass Sie Ihr Leben nur genießen sollen, wie es unsinnig wäre, Sie dazu aufzufordern, es ganz und gar und ausschließlich in Angst oder absoluter, ungeduldiger Vorfreude auf irgendetwas zu verbringen. So einheitlich ist das Leben nun mal nicht. Dazu aufzufordern, das Leben zu genießen (und ausschließlich zu genießen), ist etwa so, als würde man verlangen, dass Berge nur Gipfel haben oder dass alle Theaterstücke von Shakespeare sein sollen – ein wirklich grotesker Kategorienfehler.

Allerdings kein ungefährlicher. Nicht nur ein heiteres So-tun-als-Ob, das niemandem wirklich schadet. Der Slogan auf dem Bus impliziert nämlich, dass Genuss eigentlich der normale Grundzustand von Menschen wäre, wenn sie nicht durch uns Gläubige und unsere Höllenfeuerpredigten verängstigt würden. Wenn man einfach nur diese böse Bedrohung durch das Reden über Gott wegnähme, dann hätte man wieder stetige Freuden und Genuss unter einem wolkenlosen Himmel. Und was ist denn daran eigentlich so schlimm, einmal abgesehen davon, dass es völliger Blödsinn ist? Nun, als Erstes einmal lässt man sich dabei vom modernen Marketing etwas vorgaukeln. Entgegen der Tatsache, dass das Leben nicht nur aus Genuss besteht und dass das auch gar nicht möglich ist, suggeriert dieser Slogan ein Bild des menschlichen Daseins, das nur die Abschnitte zeigt, in denen Genuss vorherrscht. Wenn wir unser Wissen über die Gattung Mensch ausschließlich aus der Werbung bezögen, dann wäre der Mensch ein gutaussehender Single zwischen zwanzig und dreißig mit hervorragend definierten Muskeln, einer tollen Figur und einem hohen, zur freien Verfügung stehenden Einkommen. Wobei es natürlich auch dort Ausnahmen gibt, wie beispielsweise total verknallte, turtelnde Ü-50er, die Viagra schlucken und sich Kreuzfahrten leisten, oder spontan-geistreiche kleine Hosenscheißer, die in stylischen Klamotten und mit flotten Sprüchen Werbung für Frühstückscerealien oder Kinderjoghurt machen; der Schwerpunkt des Menschseins liegt hier darauf, jung, attraktiv und verfügbar zu sein. Das ist der Zustand, der uns zugedacht ist. Und genau dasselbe würde man auch glauben, wenn man seine Informationen ausschließlich vom Atheistenbus bezöge, in diesem Fall allerdings mit dem geringfügigen Unterschied, dass der Mann des idealen Werbe-Ehepaars, dessen Gesichter auf dem Bus prangen, eine klitzekleine Sorgenfalte auf seiner ansonsten sehr schönen Stirn hat, hervorgerufen durch den lästigen Gedanken, dass es ja vielleicht doch einen Gott geben könnte; eine Falte, die sich allerdings ganz leicht durch das magische Anwenden des Verstandes wieder entfernen lässt.

Diese Plastikwesen brauchen zum Glücklichsein nicht mal die Sachen aus der Werbung. Aber nehmen wir doch einfach einmal an, der Atheistenbus fährt vorbei, und Sie sind ein Mann Mitte fünfzig, gerade mit einer Alditüte auf dem Heimweg, um nachzuschauen, ob Ihre demente Liebste wieder einmal die Wände der Wohnung mit den eigenen Exkrementen beschmiert hat. Als sie es gestern getan hat, haben Sie sie geschlagen, und sie hat geheult und gewimmert, bis ihr Gesicht völlig verheult und rotz- und tränenverschmiert war, und natürlich waren Sie es, der sie dann waschen musste. Das Einzige, was Ihnen diese schwere innere Last ein bisschen erleichtern könnte, wäre, mit der witzigsten und scharfzüngigsten Person, die Sie kennen, darüber zu reden, doch die Persönlichkeit dieses Menschen wohnt leider nicht mehr in dem Wesen, das Sie antreffen, wenn Sie die Haustür aufschließen. Die Unterstützung durch einen Pflegedienst wäre sicher eine Hilfe, aber nichts wird Ihnen Ihre große Liebe, Ihren Schatz wiederbringen.

Oder nehmen wir an, Sie sind dieser Junge im Rollstuhl, der mit den spastisch verrenkten Gliedmaßen und dem merkwürdig geformten Kopf. Sprechen konnten Sie noch nie, aber über eine Ihrer Hände haben Sie gerade so viel Kontrolle, dass Sie mit Hilfe einer Tastatur Botschaften tippen können. Jetzt hat das Gewitter in Ihrem Nervensystem aber auch diese Hand erfasst, und Ihre Finger tippen mehr Fehler als lesbare Worte. Bald wird Ihr ohnehin schon sehr eingeschränkter Zugang zur Welt sich ganz schließen, und Sie werden allein in diesem Klotz von einem Körper festsitzen. Schon möglich, dass es aufgrund der Fortschritte in der genetischen Forschung die Krankheit, die Sie haben, in kommenden Generationen gar nicht mehr geben wird, aber das wird Sie nicht retten.

Oder nehmen Sie einmal an, Sie sind die abgerissene Frau im Hauseingang, die mit den schmierigen Dreadlocks, die aussehen wie ein Rattenparadies. Vor zwei Tagen sind Sie aus der Drogentherapie abgehauen. Die ersten paar Hits waren toll, denn in den beiden Therapiewochen ohne Stoff und mit gutem Essen ist Ihre Toleranz für die Droge gesunken, und die Wirkung war deshalb so wonnevoll wie ganz am Anfang Ihrer Drogenkarriere. Aber jetzt sind Sie wieder voll drauf, und ganz langsam dämmert Ihnen, dass Sie es wieder mal ganz groß verkackt haben. Bisher haben Sie sich noch immer die Geschichte vom Cleanwerden erzählen können, aber jetzt sehen Sie ja selbst, dass diese Geschichte nicht wahr ist, jetzt wissen Sie, dass Sie nicht die Kraft haben. Ihr kleiner Sohn wird weiter vom Jugendamt betreut werden, und Sie werden in einer halben Stunde hinter der Bushaltestelle einem Freier für einen Fünfer einen blasen. Eine bessere Drogenpolitik würde vielleicht helfen, aber die würde nicht das Elend lindern und die Scham über dieses Elend und das Bedürfnis, diese Scham irgendwie loszuwerden.

Wenn also der Atheistenbus vorbeifährt und Ihnen mitteilt, dass es Gott wahrscheinlich nicht gibt und dass Sie aufhören sollen, sich Sorgen zu machen, und stattdessen das Leben genießen, dann ist nicht nur der Tonfall des Slogans einfach extrem unpassend, sondern auch die Botschaft. Denn wenn wirklich wahr ist, was er aussagt, dann bedeutet das nämlich, dass jeder, der sein Leben nicht genießen kann, ganz und gar und absolut allein ist. Das gilt zum Beispiel auch für Sie drei da draußen. Sie sitzen alle drei in Ihrer jeweiligen Situation fest, die Sie niemandem wirklich vermitteln können, und sind ein für alle Mal weggesperrt in Zellen, in die kein anderes menschliches Wesen je hineingelangen kann. Und der Atheistenbus sagt jetzt Folgendes: Es kommt keine Hilfe.

Verstehen Sie mich jetzt bitte nicht falsch. Ich glaube auch nicht, dass Hilfe kommt in der großen, konkreten und wichtigen Bedeutung des Begriffes. Ich glaube nicht, dass etwas passieren wird, wodurch sich an der konkreten materiellen Lage dieser drei Personen etwas ändert. Aber lassen Sie uns ganz klar sein in Bezug auf die emotionale Logik der Botschaft auf dem Bus. Die läuft nämlich letztlich auf eine Leugnung von Hoffnung oder Trost in Bezug auf die jeweilige Situation hinaus, es sei denn, man verharmlost und verniedlicht diese auf unmenschliche und groteske Weise. Augustinus hat so etwas vor eintausendfünfhundert Jahren als „grausamen Optimismus“ bezeichnet, und daran, dass diese Art von Optimismus grausam ist, hat sich seit damals nichts geändert.

Und wenn Sie ein berühmtes Stück dieses falschen Optimismus sehen wollen, eines, das nicht nur vortäuscht, wie das wahre Leben sein kann, sondern noch weitergeht und eine der am wenigsten überzeugenden Vorspiegelungen darüber bietet, wie die Menschen sind, dann schauen Sie sich das toupierte und frisierte Musikvideo ,Imagine‘ an. Das ist auf jeden Fall ‚Mein kleines Pony‘ unter den philosophischen Aussagen. John Lennon und Yoko Ono ganz in Weiß, John am weißen Klavier, John, wie er durch die weißen Räume einer weißen Villa schlendert und dabei fortwährend süßliche Seichtheiten von sich gibt. „Stell dir vor, imagine, es gibt keinen Himmel. Stell dir vor, es gibt keine Hölle. Stell dir all die Menschen vor, die in Frieden leben …“

Hallo? Entschuldigung? Nehmen Sie die Religion aus dem Bild weg, und plötzlich und ganz spontan lebt jeder in Frieden? Ich weiß ja nicht, wie es bei Ihnen ist, aber meiner Erfahrung nach ist Frieden genauso wenig Normalzustand und Standard bei Menschen, wie es in New York Standard ist, in einer Wohnung von der Größe von der von Joey und Chandler aus friends zu leben.

Friede ist nicht der Daseinszustand, in den wir immer wieder von selbst zurückgelangen wie Wasser, das jedes Mal bergab fließt, wenn es dabei nicht gestört wird. Frieden zwischen Menschen ist eine Errungenschaft, ein Zustand, den wir uns angesichts konkurrierender Interessen, der Dynamik im Dominanzverhalten von Primaten und der sich daraus entwickelten Tendenz, an den Grenzen unseres eigenen Stammesgebietes unser Mitgefühl aufzugeben, mühsam erarbeiten müssen. Frieden bei Menschen wird dadurch – gelinde gesagt – erschwert, dass wir dazu neigen, ein tatsächliches – Sie wissen schon, was ich meine Gefühlsleben am Laufen zu haben statt eines Hohlraumes zwischen den Ohren, in den ein Sonnenstrahl fällt und in dem eine einsame Motte immer im Kreis herumflattert. Frieden ist nicht die Norm; Frieden ist selten, und wo wir es schaffen, ihn in der menschlichen Gesellschaft zu institutionalisieren, liegt das normalerweise daran, dass wir auf kluge Weise pessimistisch sind in Bezug auf menschliche Vorlieben und Neigungen; daran, dass wir einen Weg finden, sie in einem System zu bändigen, das von heftigem gegenseitigem Misstrauen geprägt ist. Wie beispielsweise die US-Verfassung eines ist, ein Dokument, das davon ausgeht, dass absolut jeder korrupt und machthungrig ist, wenn er auch nur den Hauch einer Gelegenheit dazu bekommt.

Und was die innere Version von Frieden angeht: Ich persönlich habe nicht besonders oft inneren Frieden, und ich bezweifle, dass es bei Ihnen anders ist. Und ich bin absolut verflucht sicher, dass John Lennon auch keinen hatte. Der andere Teil seiner Persönlichkeit, der großmäulige junge Kerl aus Liverpool, der Typ in Leder, der angeblich einmal in Hamburg seinem besten Freund gegen den Kopf getreten hat, der ja genauso zu ihm gehörte wie der geniale Songwriter, war ja nicht einfach weg, nur weil er in einen weißen Anzug schlüpfte.

Was in „Imagine“ anscheinend passiert, ist die Vorstellung – die immer bei denen besonders beliebt ist, die Angst vor sich selbst haben –, dass wir eigentlich von Natur aus gut wären und schlimme Dinge nur deshalb tun, weil wir von irgendeiner äußeren Kraft, einer Art bösartigen Seite der Macht, dazu gezwungen werden. (Im konkreten Fall von John Lennon wahrscheinlich durch die Erziehung, die die Christian Brothers in den 50er Jahren in Liverpool Kindern und Jugendlichen angedeihen ließen; diese zeichnete sich besonders durch Tritte, Flüche und durch liebevolle Beschreibungen der Qualen und Folterungen der Verdammten aus.) Es handelt sich bei der besagten Vorstellung des eigentlich guten Menschen um eine Theorie, die nicht falsifizierbar ist, weil es immer Machtstrukturen gibt, denen man die Schuld geben kann, wenn Menschen sich schlecht benehmen. Genau wie die Theorie, dass Märkte vollkommen gerechte Ergebnisse erbrächten, wenn man sie nur sich selbst überließe (wo doch Märkte nie sich selbst überlassen werden), ist diese Theorie immun gegen Widerlegung. Aber, und ich möchte das so behutsam wie möglich sagen – sie ist nicht sehr wahrscheinlich. Wir möchten es gern glauben, weil es das ist, wie wir gerne wären. Wir träumen von dem Frieden, den wir nicht haben. Und um so auszusehen, als hätten wir ihn, schmücken wir uns mit der Bildsprache des Himmels, von dem wir gerade behauptet haben, wir hätten ihn abserviert. Die weißen Gewänder, das gleißend himmlische Licht eines überbelichteten „Imagine“ sieht aus wie ein Teil Irrtum im Jenseits (A Matter of Life and Death) und ein Teil Kirchengesangbuch. Nur dämlicher.

Ein Trost, den man ernst nehmen und glauben könnte, wäre einer, der nicht ferngehalten werden müsste von peinlichen Bereichen der Realität. Einer, der nicht von einer mehr oder weniger kitschigen Fantasie über uns selbst abhinge und der deshalb ein wirklicher Trost wäre; einer, bei dem nicht die Gefahr bestünde, dass er beim Kontakt mit den ganz gewöhnlichen Wahrheiten über uns selbst – ob gute, schlechte oder indifferente – wie eine Seifenblase zerplatzen würde. Ein Trost, dem man trauen könnte, wäre einer, der auch das schwierige Zeugs zugäbe, statt ständig auf der Flucht davor zu sein; und einer, der einem den Boden unter den Füßen wiedergibt, wenn man ganz bewusst die Finger aus den Ohren genommen hat, um all die Geräusche der komplizierten Welt nicht mehr leugnen zu müssen.

Ich erinnere mich an einen Morgen vor ungefähr fünfzehn Jahren. Es war ein besonders schlimmer Morgen nach einer besonders schlimmen Nacht. Wir waren völlig festgefahren gewesen in einer dieser Auseinandersetzungen, die wie Wellen anschwellen und wieder abebben, um sich immer wieder neu aufzubauen, jedes Mal, wenn man gerade dachte, dass es aus purer Erschöpfung zu Ende wäre – weil die Sache, die sie auslöst, keine Ruhe lässt, auch wenn man versucht, sie einfach zu ignorieren. Zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens, als wir endlich kapitulierten und aufstanden, hatten wir uns wie in einer Endlosschleife von Tränen zu den Nachwehen der Tränen bewegt, dann wieder zurück zu der Art von Streit, bei dem man sich gegenseitig die Augen auskratzt, jedes Mal mit unveränderter Heftigkeit, weil die Bitterkeit des Verrates, um den es ging (meiner), ebenfalls unvermindert da war. Jede Vertrautheit und Intimität waren vergiftet.

Während wir uns in dieser Auseinandersetzung im Kreis drehten und immer wieder von vorne anfingen, wussten wir eigentlich schon immer im Voraus, was der andere als Nächstes sagen würde, und sogar, was er dachte, und das machte alles nur noch schlimmer. Es fühlte sich an, als wären wir nur noch ein Paar ineinandergreifender Abläufe, Zahnräder mit scharfen Zähnen, die einander weiterdrehten. Als es Tag wurde, schien die ganze Welt völlig ausgelaugt. Wir standen auf, und sie ging zur Arbeit. Ich ging in ein Café – wie ein echter Schriftsteller eben, Sie wissen schon, Drückeberger, die wir ja alle sind – und pflegte mein Elend bei einem Cappuccino. Ich konnte keinen Ausweg aus dem Kummer erkennen, der nicht irgendeinen offensichtlichen Selbstbetrug beinhaltet hätte, irgendeine Lüge darüber, wie weit es mit uns gekommen war. Sie saß mir zwar nicht gegenüber, aber in meinem Kopf mahlte immer noch dieser Kreislauf weiter, der die ganze Nacht in Gang gewesen war. Und dann legte die Servicekraft in dem Café eine Kassette ein, und zwar Mozarts Klarinettenkonzert, den mittleren Satz, das Adagio.

Falls Sie es nicht kennen, es ist ein sehr geduldiges Musikstück. Es zieht auf seine Weise stetig die gleichen Kreise, beginnt wieder von vorn, spielt leicht moduliert dieselbe Melodie immer und immer wieder: die Klarinette allein, dann mit dem Orchester, nimmt als Soloklang wieder dieselbe gemächlich beschwingte Melodie auf und unterlegt sie, wenn die Streicher dazukommen, in intensiven Wellen mit einer Art Zärtlichkeit ohne spezielle Botschaft. Das Stück ist absolut unangestrengt. Es klingt nicht so, als ob Mozart hier etwas getan hätte, das er nur so eben gerade bewältigen konnte, und es klingt auch nicht so, als ob die Musik Mühe hätte, ein Gewicht zu heben, das sie nur so eben gerade stemmen kann. Gleichzeitig ist es eine Musik, die nichts leugnet. Sie drückt eine absolut unangestrengte Freude aus, tut aber nicht so, als gäbe es keinen Kummer. Im Gegenteil, sie klingt, als käme sie aus einer Welt, in der Kummer etwas absolut Normales ist, in der es aber trotzdem noch mehr zu sagen gibt.

Ich hatte das Stück schon oft gehört, aber dieses Mal fühlte es sich an, als hätte es mir etwas völlig Neues zu sagen. Es sagte: Alles, was du befürchtest, ist wahr. Und dennoch. Und dennoch. Alles, was du falsch gemacht hast, hast du tatsächlich falsch gemacht. Und dennoch. Und dennoch. Die Welt ist größer, als du fürchtest. Sie ist größer als die sich wiederholenden Tiraden in deinem Kopf, und zu dieser Welt gehört das hier, genau so, wie auch dein Unglücklichsein dazugehört. Halt den Mund, hör einfach zu und gestehe dir nur ein kleines bisschen zu, auf diesen Frieden zu bauen, den du allein und für dich selbst einfach nicht herstellen konntest. Denn hier ist er – einfach so, und du bekommst ihn großzügig angeboten. Du machst dir immer noch selbst etwas vor, sagte diese Musik, wenn du die Möglichkeit dessen hier nicht zulässt. Hier passiert mehr als das, was du verdienst oder nicht verdienst. Es gibt auch das hier. Und dann folgte noch einmal diese Melodie. Mit allen Sorgen der Welt.

Der Romancier Richard Powers schreibt, dass das Klarinettenkonzert von Mozart so klingt, wie Gnade klingen würde, und genau so habe ich es 1997 erlebt. Aber „Gnade“ ist auch wieder eines von diesen Worten, die eine Definition erfordern. Gnade bedeutet nicht nur die Befugnis eines Tyrannen, eine Strafe auszusetzen, die er selbst verhängt hat. Gnade kann nicht nur bedeuten – und tut es in diesem Fall auch –, etwas Freundliches zu bekommen statt der spürbaren Folgen eines bestimmten Handelns, sondern sie kann auch bedeuten … die spürbaren Folgen eines Handelns tatsächlich zu spüren zu bekommen. Gnade ist keine Angelegenheit irgendeines düster dreinblickenden Richters, der beschließt, einen nicht zu bestrafen. Gnade ist auch etwas Besseres, als man eigentlich hätten erwarten können, der Umstand, dass man schleichend in einen Prozess hineingeschoben wird, der ohnehin im Gang war. Gnade ist 

Ich stelle mir vor, dass sich mittlerweile bei einigen von Ihnen beim Lesen so etwas wie Unwillen breitmacht. Ich weiß natürlich nicht, wer Sie sind, mein(e) liebe(r) konkrete(r) Leser(in) mit diesem konkreten Exemplar des Buches in Ihren konkreten Händen, und ich weiß auch nicht, was Sie über Religion und Glauben denken. Vielleicht sind Sie Atheist(in) mit streitlustigem Funkeln in den Augen, vielleicht aber auch ein Mitchrist, der auf eine überzeugende Darstellung dessen hofft, was wir gemeinsam glauben; vielleicht gehören Sie zu der großen Zahl Nicht-Gläubiger, die auf tolerante Art ein wenig neugierig sind, wie sich Glaube möglicherweise von innen anfühlen kann in einer Welt, die in Ihren Augen natürlich deutlich erkennbar post-religiös ist. Vielleicht gehören Sie aber auch in eine ganz andere Kategorie. Ich weiß es nicht, und ich hoffe, Sie entschuldigen, wenn ich Sie in meinem dringenden Bedürfnis, einigen der derzeit lautesten und häufigsten Reaktionen auf den christlichen Glauben zu widersprechen, in eine Ecke stelle, in die Sie gar nicht gehören. In diesem Fall meine ich mit „Sie“ all diejenigen von Ihnen, die bildlich gesprochen aufspringen, wenn ich anfange, von Gnade zu schwärmen, und die dabei das starke Gefühl haben, dass ich gerade an etwas sehr Wichtigem vorbeigerast bin (schnell Schlittschuh über dünnes Eis laufen, wie es der Dichter Ralph Waldo Emerson ausdrückt).

Verständlich: Wenn ich Herrn Lennon unterbrechen darf, dann dürfen Sie natürlich auf jeden Fall auch mich unterbrechen. Moment mal, Moment mal, sagen Sie; einmal abgesehen von der Frage, wie Sie Gnade definieren, wie definieren Sie denn überhaupt Glauben (Religion)? Soll das etwa Glaube sein, sich in irgendeinem Café ein Stück von Mozart anzuhören? Sie haben etwas erlebt, das wir in der Welt der Ungläubigen einfach als „ein Gefühl“ bezeichnen würden, und zwar ausgelöst durch ein künstlerisches Ausdrucksmittel, das ja doch ziemlich bekannt dafür ist, Gefühle hervorzurufen. Sie haben kein Zeichen von Gott bekommen, oder was auch immer Sie damit sagen wollten; wenn überhaupt, dann haben Sie ein Zeichen von Herrn Mozart bekommen, dem bekannten Österreicher mit der Perücke. Ich hoffe, das ist nicht Ihre Grundlage für religiösen Glauben, sagen Sie vielleicht, denn Sie beschreiben da gar nichts, das nicht mit einer ganz und gar naturalistischen Sicht des Universums vereinbar wäre, bei der es niemanden gibt, der vom Himmel herab irgendeine magische Barmherzigkeit anbieten könnte. Sondern nur Zeugs, jede Menge erstaunliches, einigermaßen interessantes Zeugs, von der Quantenskala bis hin zur Bewegung von Galaxien.

Der Punkt, um den es geht, ist doch, dass Glaube von außen betrachtet aussieht wie eine Reihe von Vorstellungen über das Universum, für die der Anspruch auf Wahrheit erhoben wird; Glaube besteht aus Standpunkten, die man als gläubiger Mensch bejaht; und wenn praktizierende Gläubige nicht über diese Punkte reden, wenn es um ihren Glauben geht, dann sieht das so aus, als ob sie aalglatt wären und auf ärgerliche Art und Weise das eigentliche Thema geflissentlich umgehen würden. Wenn ich sage, dass es von innen betrachtet viel mehr Sinn ergibt, über den Glauben als eine typische Reihe von Gefühlen zu sprechen, dann werden Sie daraus schließen, dass ich versuche, mich herauszureden, oder vielleicht sogar, dass es mir völlig egal ist, ob der Mist, den ich von mir gebe, überhaupt wahr ist. Aber ich glaube tatsächlich, dass es so ist. Nur fürs Protokoll – ich wende hier nicht den ultraliberalen Anglikaner-spielt-Atheist-Trick an, indem ich sage, dass das alles nur eine schöne und interessante Metapher ist (Gähn, schnarch) und dass religiöse Begriffe genau das bedeuten, was ich möchte, das sie bedeuten (auch wenn ich mir das Recht vorbehalte zu behaupten, dass glaubende Menschen etwas mehr darüber zu sagen haben, was Glaube bedeutet, als Ungläubige. Schließlich ist es unserer. Treten Sie ein, wenn Sie glauben, dass Sie hart genug sind). Ich bin ein ziemlich orthodoxer Christ. Jeden Sonntag sage und tue ich mein Bestes, das komplette Glaubensbekenntnis auch wirklich zu meinen, das ja tatsächlich aus einer Reihe von Behauptungen besteht. Kein Herumgeeiere; kein bewegliches Ziel – ehrlich. Es ist aber dennoch ein Fehler, zu glauben, dass man ein gläubiger Mensch wird, indem man diesen Behauptungen zustimmt. Es sind die Gefühle, die zuerst da sind. Ich stimme den Ideen zu, weil ich die Gefühle habe; ich habe nicht die Gefühle, weil ich den Ideen zugestimmt habe.

Für mich ist also das, was ich 1997 beim Hören von Mozarts Klarinettenkonzert empfunden habe, nicht irgendeine Wischi-Waschi-Metapher für eine Idee oder Vorstellung, an die ich glaube, und es ist auch keine Fassade, hinter der das eigentliche „Glaubensgeschäft“ abläuft, sondern es ist die Sache selbst. Mein Glaube besteht aus solchen Gefühlen und wird durch sie aufrechterhalten. Das ist es, was ihn real macht. Natürlich habe ich auch eine Deutung für das, was da in dem Café mit mir passiert ist, und das ist genau so ein Gerüst aus Ideen und Vorstellungen, wie es sich jeder Theologe oder Richard Dawkins wünschen würde.

Ich denke – und bitte beachten Sie hier das Wort „denke“–, dass ich nicht gezielt und gut getimt die Wiedergabe des Klarinettenkonzertes zu hören bekam durch ein göttliches Wesen, das den Kosmos bis ins Kleinste lenkt und dabei Auslöser jedes noch so kleinen Ereignisses ist (das würde besagtes göttliches Wesen nämlich zu einem unsterblichen Mistkerl machen, wenn man bedenkt, welcher Art viele solcher Ereignisse sind.)

Ich glaube, dass es Mozart vor zwei Jahrhunderten gelungen ist, eine wunderschöne und exakte Wiedergabe eines Aspektes der Wirklichkeit zu schaffen.

Ich glaube, der Grund dafür, dass die Wirklichkeit so ist, wie sie ist; dass sie letztlich ebenso gnädig ist, wie sie auch eine Reihe von physikalischen Gegebenheiten und Zusammenhängen ist, die alle von selbst ablaufen ohne Hoffnung auf Einspruch; und zwar von der Quantenmechanik bis hin zur relativen Geschwindigkeit von Galaxien durch eine „tollpatschige, niedere und entsetzlich grausame Biologie“ (Darwin), besteht darin, dass das Universum von einem andauernden und unendlich geduldigen Akt der Liebe aufrechterhalten wird.

Ich glaube, dass es durch Liebe am Leben gehalten wird.

Ich glaube, dass Dantes Kosmologie zwar Mist war, er aber recht hatte mit der Aussage, dass es „die Liebe ist, die die Sonne und all die anderen Sterne bewegt“.1

Ich glaube, dass das Universum für sich selbst steht, dass es ganzheitlich, zuverlässig und stimmig ist und nicht durchlöchert durch Irrationalität oder seltsame Ausnahmen, dass es aber gleichzeitig niemals verlassen ist, und zwar kein einziges Quark, Proton, Atom, Molekül, keine Zelle, kein Geschöpf, kein Kontinent, kein Planet, Stern, Schwarm, keine Galaxie darin.

Ich glaube, dass ich nicht irgendein kitschiges Bild von einer sich einmischenden Himmelsfee zu bemühen brauche, um meine Fähigkeit zu erklären, die Gnade jenes Augenblicks zu spüren. Gott ist doch sowieso ständig überall da und liegt unaufdringlich allen Cafés, allen Kassetten und allen Komponisten zugrunde, wenn Gott der „Grund unseres Seins“ ist, wie Paulus sagt, oder, wie der Koran es mit einer leicht beunruhigenden anatomischen Genauigkeit formuliert, Gott „einem so nah ist wie die Adern im eigenen Hals“.

Das ist es, was ich denke. Aber das ist alles völlig zweitrangig. Das alles hinkt meiner emotionalen Gewissheit hinterher, dass da Gnade war und ich sie gespürt habe. Und deshalb ist für mich die Diskussion, die im Zusammenhang mit dem Glauben von den meisten Leuten erwartet wird, die Diskussion nämlich, ob die Vorstellungen wahr sind oder nicht, ebenfalls zweitrangig.

Nein, ich kann es nicht beweisen. Ich weiß nicht, ob irgendetwas davon wahr ist. Ich weiß nicht, ob es einen Gott gibt. (Und Sie wissen es auch nicht und Professor Dawkins auch nicht, und auch sonst niemand weiß das. Das ist nämlich nichts, das man wissen kann.) Aber dann ist es bei mir auch wieder nicht so – wie bei jedem Menschen –, dass ich nur solche Gefühle habe, die ich auch belegen kann. Wenn das so wäre, dann wäre ich ein absolut komischer Vogel. Gefühle können ganz sicher irreführend sein. Sie können einen dazu verleiten, Sachen zu glauben, die nachweislich unwahr sind. Aber Gefühle sind auch unser unentbehrliches Navigationswerkzeug, um unseren Weg durch Dinge und Situationen hindurchzufühlen, durch viel größere Bereiche von Zeugs, das sich Beweis und Gegenbeweis entzieht und nicht anhand des physikalischen Universums überprüfbar ist.2 Wir träumen, hoffen, staunen, haben Kummer, wüten, trauern, sind entzückt, argwöhnen, scherzen, verabscheuen; wir gestalten so unbeweisbare Spekulationen wie Romane oder Klarinettenkonzerte; wir imaginieren – denken uns etwas aus. Und Religion ist in gewisser Hinsicht nur ein Teil davon. Sie ist nur eine Form des Imaginierens, absolut funktional, absolut menschlich-normal. Deshalb käme es einem doch geradezu pervers vor, den Vorschlag zu machen, dass diese eine spezielle Ausdrucksform des Imaginierens als empörend gelten und entfernt werden sollte, wenn (was zweifelhaft ist) wir das schaffen.

Erst seit relativ kurzer Zeit hat sich in unserer Kultur die Vorstellung etabliert, dass Gefühle, die mit religiösem Glauben zu tun haben, anders sein müssen als Gefühle, die bei allen anderen Arten von Imaginieren, Hoffen, Träumen etc. entstehen. Diese Emotionen müssen seltsam fremdartig sein, freakig, traurig, peinlich, demütigend, unreif und pathetisch. Diese Gefühle haben mit unserem gesunden Menschenverstand nichts zu tun. Aber das ist nicht so. Die Gefühle, von denen