cover.jpg

 

Dörte Müller

 

Lotte und Marie

 

Ein total verrückter Sommer

 

Kinderbuch

 

 

 

 

© 2014 AAVAA Verlag

 

Alle Rechte vorbehalten

 

1. Auflage 2014

 

Umschlaggestaltung: AAVAA Verlag

Coverbild: Dörte Müller

Bilder: Dörte Müller

 

Printed in Germany

AAVAA print+design

 

Taschenbuch:  ISBN 978-3-8459-1468-8

Großdruck:     ISBN 978-3-8459-1469-5

eBook epub:   ISBN 978-3-8459-1470-1

eBook PDF:   ISBN 978-3-8459-1471-8

Sonderdruck: Mini-Buch ohne ISBN

 

AAVAA Verlag, Hohen Neuendorf, bei Berlin

www.aavaa-verlag.com

 

eBooks sind nicht übertragbar! Es verstößt gegen das Urheberrecht, dieses Werk weiterzuverkaufen oder zu verschenken!

 

Alle Personen und Namen innerhalb dieses eBooks sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

 

 

img1.jpg

 

img2.png

 

Who is who?

 

Lotte Lohmeier ist sieben Jahre alt. Ihre Schwester Laura ist fünf Jahre älter. Die Familie wohnt am Rande des Dorfes in einem Forsthaus.

 

Marie Maibohm, acht Jahre alt, ist die jüngste von insgesamt sieben Kindern. Bei den Maibohms ist immer etwas los. Onkel Kurt wohnt mit in dem Haus und hilft den Kindern oft bei Problemen. Maries drei Jahre ältere Schwester Hendrike ist die beste Freundin von Lottes Schwester Laura.

 

Pia Stahl (neun Jahre) und Mona Stahl (14 Jahre) sind die Nachbarskinder. Sie spielen oft mit Lotte und Marie auf der Straße. Mona bekommt in diesem Sommer Besuch von Francoise, einer französischen Austauschschülerin.

 

Antonia Wolkenburg ( 7 Jahre) ist ein Einzelkind, das auch in der Straße wohnt. Ihre Freizeit ist verplant mit allen möglichen Aktivitäten. Ihre Eltern sind sehr reich und besitzen einen schicken Bungalow.

 

Paulchen Kaiser (10 Jahre) ist gerne mit Lotte und Marie zusammen. Sein 5 Jahre älterer Bruder Jo verliebt sich in Francoise.

 

Francoise (14 Jahre alt) kommt aus Paris und verbringt drei Wochen der Sommerferien in dem kleinen Dorf. Sie hat Heimweh und leidet unter den strengen Stahls, freundet sich aber bald mit den anderen Kindern an.

 

Christoph Iwen und Martin Jäger sind beide 13 Jahre alt. Sie sind die Anführer der bösen Jungen und ärgern häufig vor allem jüngere Kinder auf Spielplätzen oder an der Bushaltestelle. 

 

img3.png

img4.png

 

img5.png

 

 

 

 

It takes a village to raise a child.

 

(Afrikanisches Sprichwort)

 

Ein Ausflug zum Schwimmbad und seine Folgen

 

 

Die achtjährige Marie und ihre ein Jahr jüngere Freundin Lotte saßen an einem heißen Sommertag auf dem Bürgersteig vor Lottes Haus und hielten ihr Eisgeld fest umklammert. Es waren heiße Tage im Juni und die Kinder warteten sehnsüchtig auf den Eismann.

Viele Autos fuhren nicht in der Siedlung – eigentlich waren es nur die Anwohner und die waren auch selten mit dem Auto unterwegs. Daher war es immer ruhig auf den Straßen und man konnte bedenkenlos mit den Rollschuhen oder mit dem Schlitten den großen Berg, den Kreumen, heruntersausen und musste nur aufpassen, dass man rechtzeitig in die Kurve zum Dammweg einlenkte. Ansonsten fuhr man in den Zaun von Malermeister Möller und einige Kinder hatten das unfreiwillig getestet.

„Wann kommt der Eismann denn bloß!“, jammerte Lotte und schüttelte ihre dicken blonden Zöpfe missmutig hin und her. Ihre Jeanslatzhose mit den aufgenähten Flicken auf den Knien war für den heutigen Tag eigentlich viel zu dick, aber alle ihre Kleider waren mal wieder in der Wäsche. „Vielleicht kommt er heute nicht mehr und er hat sein ganzes Eis schon verkauft!“, sagte Marie weinerlich.

Marie hatte kürzere Haare als Lotte. Sie reichten ihr bis zum Kinn und waren hellbraun. „Ich sehe aus wie dein Dackel!“, jammerte Marie oft, wenn sie mit Lotte vor dem Spiegel stand. „Ich habe Dackelhaare!“ Aber Maries Haare hatten auch Vorteile: Sie waren auch ohne Kamm frisiert und sahen immer gleich aus. Die Haare schienen auch gar nicht zu wachsen und blieben auf rätselhafte Weise gleich lang. Marie beneidete Lotte insgeheim um die dicken, blonden, langen Haare, auch wenn Lotte sie jeden Morgen unter Tränen heftig kämmen musste und der Kamm dabei regelmäßig einige Zacken verlor.

img6.png

 

Die Kinder waren verrückt nach dem klapprigen Eiswagen, der im Sommer regelmäßig seine Runde im Dorf drehte und sein Ankommen durch ein lautes, schrilles Klingeln ankündigte.

Plötzlich sahen Lotte und Marie den Nachbarsjungen Paulchen Kaiser die Straße hinaufkommen. Er war nach seinem Vater benannt, der genau wie er Paul hieß, und damit es nicht zu Verwechslungen kam, wurde er überall im Dorf liebevoll Paulchen genannt. Paulchen sah ungefähr so aus wie Pippi Langstrumpf als Junge: Er hatte rote Haare und überall Sommersprossen. Leider war er nicht so stark und konnte kein Pferd hochheben. Noch nicht einmal seinen Schäferhund Rex. Paulchen war sehr nett und hilfsbereit, jeder mochte ihn gern. Seine Eltern hatten eine Hühnerzucht im Garten, die seine spanische Mutter liebevoll betreute. Einige Hähne hatten sogar schon Auszeichnungen gewonnen, weil sie so glänzende Federn hatten und gut gewachsen waren.

Paulchens fünf Jahre älterer Bruder hatte den spanischen Namen Jorge und weil niemand im Dorf den Namen richtig mit dem gerollten R aussprechen konnte, nannte man ihn einfach Jo. Paulchen und Jo zeigten wenig Interesse an dem Federvieh und waren verärgert, weil sie im Garten durch die vielen Gehege und Hühnerställe nicht mehr so viel Platz zum Spielen hatten.

 

„Hallo ihr beiden. Warum sitzt ihr hier so traurig?“, fragte Paulchen die Mädchen neugierig. Er spielte oft und gern mit Marie und Lotte, auch wenn sein Bruder ihn häufig damit aufzog und ihn „Barbiepuppen Paulchen“ nannte.

„Wir warten auf den Eismann!“, sagte Marie muffelig und starrte weiterhin vor sich auf den Bürgersteig. „Ich glaube, er kommt gleich! Ich habe ihn unten im Dorf schon gesehen!“, versuchte Paulchen die Mädchen aufzumuntern. Da hörten sie auch schon das herbeigesehnte Klingeln und erhoben sich wie vom Blitz getroffen. Jetzt kam Leben in die bislang menschenleere Straße: Mona und Pia Stahl, die Geschwisterkinder aus dem Haus nebenan, kamen ebenfalls wie wild angelaufen und Biggy Mettmann, das stärkste Mädchen aus dem ganzen Dorf, war natürlich die Erste, die ihr Eis bekam. Antonia Wolkenburg, das zurückhaltende Einzelkind, das unterhalb der Straße in einem schönen Bungalow wohnte, strahlte über das ganze Gesicht, als es endlich seine Kugel Himbeereis genießen konnte.

Der Eismann hatte innerhalb von wenigen Minuten viele Kinder glücklich gemacht und knatterte wieder davon.

Marie und Lotte saßen mit den anderen Kindern auf dem Zaun, leckten das Eis und genossen die Sonnenstrahlen des heißen Sommers.

„Wer hat Lust, gleich mit ins Schwimmbad nach Kirchhausen zu fahren?“, fragte Paulchen in die Runde.

Der Nachbarort lag nur zwei Kilometer entfernt. Viele Kinder fuhren im Sommer oft zum Schwimmen dorthin. .  

„Au ja!“, riefen Marie und Lotte und rannten schon zu ihren Fahrrädern. „Meine Brüder sind bestimmt auch da, das wird lustig!“

Marie hatte insgesamt sieben Geschwister, die alle so zwei Jahre auseinander waren. Sie war das Nesthäkchen der Familie, was manchmal ganz praktisch war – oft aber auch nur nervig, besonders wenn sie die vielen Sachen auftragen musste. Wenn die älteste Schwester Caroline einen neuen Rock bekam, konnte Marie sicher sein, dass sie diesen Rock in vier Jahren auch bekommen werde. Meistens waren aber die Farben dann nicht mehr so gut oder es waren Flecken darin, die bei der Wäsche nicht mehr heraus gingen. Marie freute sich gar nicht mehr über die Sachen. Irgendwann nervte es sie nur noch, Klamotten von ihrer Schwester zu bekommen.

Ihre Lieblingsbrüder waren Tobias, genannt Tobi, und Robert, Robert wurde von vielen Leuten einfach nur Schweini genannt, weil er ein großer Fan von Sebastian Schweinsteiger war und für sein Leben gern Fußball spielte. Auch wenn die beiden Brüder Marie schon so manchen bösen Streich gespielt hatten, hielten sie im Ernstfall immer zu der kleinen Schwester und beschützen sie vor den bösen Jungen im Dorf.

 

Tobi und Robert waren tatsächlich in dem kleinen Schwimmbad des Nachbarortes. Sie machten bereits wieder allerhand Blödsinn und hatten gerade Katja Pechstein die Badekappe geklaut.

img7.png

Lotte hatte die große Picknickdecke ausgebreitet, so dass alle Kinder darauf ein Plätzchen hatten. Mona und Pia waren kurzerhand auch mitgekommen und auch Biggy Mettmann hatte ihren Drahtesel gesattelt. Nur die kleine Antonia Wolkenburg durfte nicht mit zum Schwimmen, da sie noch zum Ballettunterricht gefahren werden musste.

 

Antonia war die Einzige, deren Freizeit verplant war. Alle anderen hatten viel Zeit zum Spielen und meistens nur einen Termin – die Jungs gingen gewöhnlich zum Fußballtraining und die Mädchen hatten Akkordeonunterricht bei Frau Dittmeyer, der netten Kirchenorganistin, die stets mit viel Ruhe und Geduld neben ihren Schülerinnen saß und sich nicht die Ohren zuhielt, wenn die Akkorde der Petersburger Schlittenfahrt falsch gegriffen wurden.

Sie hatte es sogar geschafft, ein kleines Akkordeonorchester aufzubauen, das regelmäßig bei den Adventsfeiern der alten Leute oder bei sonstigen Anlässen in den beiden Dorfgaststätten Zur Linde oder Zur Traube auftrat.

 

 

Die Kinder lagen auf der Decke und hüpften ab und zu ins Wasser, um sich abzukühlen.

„Mensch, Paulchen, kremst du dich gar nicht ein?“, fragte Marie, die gerade ihren linken Arm sorgfältig mit Sonnencreme, Lichtschutzfaktor 2, eincremte. „Nö!“, sagte Paulchen. „Ich will dieses Jahr endlich mal ganz braun werden, dann sieht man meine Sommersprossen nicht mehr so doll!“

„Das ist ganz schön leichtsinnig!“, bemerkte Lotte. „Letztes Jahr, im Urlaub in Scharbeutz, da habe ich mich einmal nicht eingekremt und hatte dann am Abend schon einen roten Rücken. Das hat furchtbar wehgetan!“

„Das wird mir nicht passieren!“, sagte Paulchen überzeugt. „Ich bin nämlich schon vorgebräunt!“

Paulchen wollte gerade weiter von seiner Bräunungstheorie und seiner Haut berichten, da wurde er von der blechernen Durchsage des Bademeisters unterbrochen.

„Achtung, Achtung! Die beiden Jungen am Beckenrand mit den blau gestreiften Badehosen werden gebeten, das Schwimmbad sofort zu verlassen!“

„Das sind meine Brüder!“, rief Marie aufgeregt und ließ vor Schreck ihre Sonnenmilch fallen.

„Die haben bestimmt wieder etwas angestellt!“, bemerkte Mona eher gelangweilt und blätterte weiter in ihrer Bravo. Mona war immerhin schon 14 Jahre alt und eigentlich an dem ganzen Kinderkram nicht mehr interessiert. Sie las sich immer sorgfältig die Stylingtipps durch, die sie mit ihren kurzen braunen Haaren sowieso nicht umsetzen konnte. Sie und ihre Schwester Pia hatten immer einen praktischen Kurzhaarschnitt, auf dem ihre strengen Eltern eisern bestanden. Alles Quengeln und Zetern hatte nichts gebracht – die Eltern schickten die Kinder einmal im Monat zum Dorffriseur Bertram, ob sie wollten oder nicht.

 

Tobi und Robert mussten tatsächlich das Schwimmbad verlassen. Sie hatten die anderen Kinder zu sehr geärgert, und als sie die kleine Christel noch vom Beckenrand ins Tiefe geschubst hatten und diese beinahe ertrunken wäre, war es mit der Geduld des Bademeisters endgültig zu Ende. „Ihr habt den ganzen Sommer Schwimmbadverbot!“, schnauzte der tief gebräunte große Mann in weißen Klamotten die Jungen an. Tobias und Robert packten missmutig ihre Badesachen zusammen und machten sich niedergeschlagen auf den Weg zum Ausgang des Schwimmbades.

 

„Aber, Herr Bademeister, wo sollen wir denn dann schwimmen?“, fragte Tobias verzweifelt. Doch der Bademeister kannte keine Gnade. „Dann schwimmt doch im Klo!“, rief er wütend und stemmte seine braunen Arme in die Hüften, so dass er noch gewaltiger und mächtiger aussah. 

„Bitte geben sie uns eine Chance, wir räumen auch den Müll weg und machen die Klos sauber!“, versuchte Robert die Lage zu retten. Doch der lederhäutige Bademeister blieb hart und schrie: „Ich will euch diesen Sommer hier nie wieder sehen, ist das klar?“

Sogar die anderen Kinder zuckten bei diesen rauen Worten zusammen und wichen erschrocken ein Stückchen zurück. Lotte klopfte das Herz bis zum Hals.

 

Inzwischen hatte sich eine Menschentraube gebildet und alle Kinder verfolgten aufmerksam die Szene. Christel   heulte noch leise vor sich hin und wickelte ihr Badehandtuch fest um ihren zitternden Körper.

Der freche Christoph Iwen, ein dicklicher Junge mit fettigen Haaren und unzähligen Pickeln, lachte hämisch und fing an zu singen: „Ihr dürft nicht mehr ins Schwimmbad, ihr dürft nicht mehr ins Schwimmbad!“

„Und du fliegst auch raus!“, schrie der Bademeister den schadenfrohen Jungen an.

Christoph verstummte augenblicklich und traute sich nicht zu widersprechen. Dann packte er seine Sachen und verließ unter Gelächter ebenfalls das Schwimmbad. Sein treuer Freund, Martin Jäger, packte ebenfalls sein Badezeug zusammen und folgte ihm. Ohne Christoph war es im Schwimmbad nur halb so schön. 

Marie und Lotte atmeten auf. Christoph und Martin ärgerten die beiden nämlich sooft sie nur konnten: Ständig spritzten sie sie mit ihren Wasserpistolen nass oder bewarfen sie mit Wasserbomben.

„Wenigstens haben wir dann im Schwimmbad vor ihnen Ruhe!“, sagte Marie erleichtert und suchte den Deckel von ihrer Sonnenmilch. „Endlich hat der Bademeister einmal etwas Gutes getan!“, freute sich Lotte, die plötzlich eine Gänsehaut bekam. Durch die ganze Aufregung hatten die Kinder gar nicht bemerkt, dass dicke Wolken aufgezogen waren.  

„Wir sollten schnell nach Hause fahren, denn wir brauchen bestimmt eine halbe Stunde!“, gab Mona zu bedenken und die Kinder packten schnell ihre Sachen ein. Dann machten sie sich auf den Weg zu ihren Fahrrädern.

Kaum hatten sie den kleinen Fahrradweg erreicht, da zuckten schon die ersten Blitze am Himmel. Plötzlich schrie Paulchen auf. „Au!“ „Was ist los?“, fragte Marie erschrocken. „Hat dich der Blitz getroffen?“ „Nein, mein Rücken tut so weh, meine Schultern und mein Bauch!“, antwortete Paulchen. „Oh, je, Paulchen, wie siehst du denn aus?“, rief Pia plötzlich, die zur Seite geblickt hatte. Paulchen hatte ein knallrotes Gesicht und sah aus wie eine Tomate auf einem Fahrrad. „Siehst du!“, sagte Lotte aufgeregt, „ das ist der Sonnenbrand, ich habe es dir doch gesagt!“

„Aber ich war doch schon vorgebräunt!“, jammerte Paulchen. Es blieb nicht viel Zeit zum Jammern, denn die ersten Tropfen fielen und das Gewitter war beängstigend nahe gerückt. „Ich will nach Hause!“, schrie Marie gegen den aufbrausenden Wind an. „Wenn mich jetzt der Blitz trifft, dann sterbe ich!“

„Schneller, tretet in die Pedale!“, kommandierte Mona, die sich für die jüngeren Kinder irgendwie verantwortlich fühlte. „Nein, wir stellen uns da hinten unter den Baum!“, rief Lotte aufgelöst. „Buchen sollst du suchen, Eichen sollst du meiden, oder so ähnlich!“ Versuchte sie sich an eine alte Volksweisheit zu erinnern. Ihre Zöpfe klatschten ihr nass ins Gesicht, der Regen hatte erbarmungslos eingesetzt und duschte die Kinder regelrecht ab.

„Man darf nicht unter Bäume bei Gewitter, man muss sich in einen Graben hocken!“, wusste Biggy Mettmann, die einen kühlen Kopf behielt. „Dann kommen wir ja nie zu Hause an!“, heulte Pia, die unbedingt noch Heidi im Fernsehen gucken wollte und sich den ganzen Tag schon darauf gefreut hatte.

Während die Kinder also im Graben hockten und ihre Räder beiseite geschmissen hatten, hatte Paulchen wenigstens seinen plagenden Sonnenbrand für einen Moment vergessen.

„Antonia Wolkenburg hat es gut, die ist beim Ballettunterricht und muss jetzt nicht um ihr Leben fürchten!“, flüsterte Lotte und dachte an Antonia im rosa Kleid vor einem schönen Spiegel in einem warmen, trockenen Raum ohne Blitze und Donner.

Marie betete: „Lieber Gott, bitte hilf uns und lass das Gewitter wieder abziehen. Ich werde auch immer lieb zu meinen Geschwistern sein und nie mehr Carolines Schminksachen benutzen und immer ihre Röcke auftragen und mich nicht mehr beschweren!“

Langsam wurde der Donner schwächer und die Blitze folgten nicht mehr so schnell aufeinander.

„Er hat mich gehört!“, rief Marie freudig und sprang auf. „Ich glaube, wir können weiterfahren!“, stellte Biggy Mettmann sachlich fest und die Kinder setzen sich auf die nassen Fahrräder.

Zu Hause angekommen, gab es erst mal ein heißes Bad. Pia konnte sogar noch Heidi gucken und Frau Kaiser kremte ihren Sohn mit einer dicken Schicht Penatencreme ein. „Hijo mio, hijo mio!“, jammerte sie in einem klagenden Flamencoton.

Lotte und Marie saßen gemütlich an der kleinen Heizung in Lottes Zimmer und tranken heißen Kakao.

„Weißt du noch, als wir heute auf den Eismann gewartet hatten?“, fragte Lotte und musste lächeln bei dem Gedanken, wie viel in der Zwischenzeit passiert war.

„Ja“, sagte Marie und hielt ihren Becher Kakao fest umklammert. „Morgen warten wir wieder und dann erleben wir das nächste Abenteuer.“

„Wenn ich später groß bin, möchte ich Eismann werden!“, träumte Lotte. „Dann kann ich in dem lustigen Auto fahren und ganz viel Eis essen.“

„Das musst du doch verkaufen. Sonst verdienst du kein Geld!“, bemerkte Marie. „Oder hast du schon mal einen Eismann ein Eis essen sehen?“

„Dann werde ich doch nicht Eismann“, sagte Lotte. „Ich bin froh, dass wir noch nicht groß sind, oder, Marie, was meinst du?“

Marie nickte nur und dachte an den Schminkkoffer ihrer großen Schwester Caroline.

Das Mädchen aus Paris

 

 

Endlich war er da: Der letzte Schultag vor den großen Ferien. Lotte wachte am Morgen fröhlich auf und sprang eilig aus dem Bett. Schnell kämmte sie ihre langen Haare glatt, während ihre Mutter schon mit dem Frühstück auf sie wartete. „He, Lotte bist du aber schnell fertig!“, freute  sich die Mutter und drückte Lotte ihre Frühstücksbrote in die Hand.

Schnell lief Lotte zum morgendlichen Treffpunkt  und war sogar noch vor Marie da, die mal wieder ihre Sandalen suchen musste, die Tobias diesmal in der Besenkammer versteckt hatte.

„Wo sind meine roten Sandalen?“, rief sie wütend durchs Haus und stieß dabei mit ihrem rothaarigen Onkel Kurt zusammen, der ein Zimmer im Haus der Familie Maibohm bewohnte. „Hoppla, nicht so schnell, junges Fräulein!“, entgegnete der gutmütige Onkel schmunzelnd. Er liebte den Trubel in dieser Großfamilie und wusste schon gar nicht mehr, wie es war, als er noch alleine in einer einsamen Stadtwohnung gehaust hatte.

„Dieser blöde Tobias – ich hasse große Brüder!“, schnaubte Marie mit rotem Kopf und machte sich schließlich in Halbschuhen auf den Weg, nicht aber ohne vorher Honig auf Tobias` und Roberts Türklinke zu verschmieren.

 

„Wo bleibst du denn?“, fragte Lotte aufgeregt. „Es ist schon zehn nach sieben und heute gibt es Zeugnisse! Außerdem ist es der letzte Tag in der zweiten Klasse!“ – „Ja, ja, ich weiß, aber meine doofen Brüder haben meine Sandalen versteckt!“, sagte Marie missmutig und endlich gingen die beiden weiter zum Bus. Sie mussten nur zwei Kilometer in den Nachbarort fahren. Darüber waren sie froh, denn der Bus war immer rappelvoll und man musste meistens stehen. Heute waren alle Kinder gut gelaunt und sogar der übellaunige Busfahrer, der häufig mit den Kindern durch das Mikrofon schimpfte, wenn sie ihre Köpfe  an die Scheiben lehnten, spielte einen Urlaubshit. Auch er hatte heute die beste Laune und machte hin und wieder einen Scherz. Er drehte die Musik leiser. „Heute gibt es die Giftzettel!“, sagte er durch sein Mikrofon. „Wer sitzen bleibt. muss zur Strafe nachher mit mir den Bus waschen, hahaha!“ Die meisten Kinder fanden diese Durchsage überhaupt nicht witzig, denn einige fürchteten sich wirklich vor dem Sitzenbleiben.

Trotzdem lag überall ein Kribbeln in der Luft. In der Schule wurden die Poster von den Wänden gerissen, Fächer wurden ausgeräumt, die Blumen wurden in den Bioraum getragen, damit Frau Rösler, eine missmutige alte Lehrerin, die sowieso nicht in den Urlaub fuhr, sie während der Sommerferien gießen konnte. Es fand kein richtiger Unterricht mehr statt, viele Lehrer zeigten Filme oder kamen zwanzig Minuten zu spät. Dann setzten sie sich locker auf den Lehrertisch und fragten die Klasse: „Na, wo fahrt ihr denn morgen hin?“ Viele fuhren gar nicht weg, aber Lotte konnte mit glänzenden Augen von dem bevorstehenden Ostseeurlaub berichten.