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Based on

Star Trek

created by Gene Roddenberry

Star Trek: Enterprise

created by Rick Berman & Brannon Braga

Ins Deutsche übertragen von

Bernd Perplies

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Die deutsche Ausgabe von STAR TREK – ENTERPRISE: DAS HÖCHSTE MASS AN HINGABE

wird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.

Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern, Übersetzung: Bernd Perplies;

verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde; Lektorat: Anika Klüver und Gisela Schell;

redaktionelle Mitarbeit: Julian Wangler; Satz: Amigo Grafik; Cover Artwork: Martin Frei.

Titel der Originalausgabe: STAR TREK – ENTERPRISE: LAST FULL MEASURES

German translation copyright © 2011 by Amigo Grafik GbR.

Original English language edition copyright © 2006 by CBS Studios Inc. All rights reserved.

™®© 2011 CBS Studios Inc. STAR TREK and related marks and logos are trademarks of CBS Studios Inc.

This book is published by arrangement with Pocket Books, a Division of Simon & Schuster, Inc., pursuant to an exclusive license from CBS Studios Inc.

ISBN 978-3-942649-72-8 April 2011

www.cross-cult.de · www.startrekromane.de

Für Montgomery Doohan (1920–2005), dessen Dahinscheiden diesen Planeten zu einem traurigeren Ort gemacht hat; für Robert Sheckley (1928–2005), der für Inspiration und fröhliche Stunden sorgte; für Army Specialist Casey Sheehan (1981–2005), der im Irak sein eigenes höchstes Maß an Hingabe bewies; und für Cindy Sheehan, die hinterbliebene Mutter, die den Mut besaß, sich gegen einen ungerechten, illegalen, unmoralischen und absolut nicht zu rechtfertigenden Angriffskrieg zu erheben, der Casey das Leben kostete und mehr als 100.000 andere getötet, verkrüppelt und zu Waisen gemacht hat. Semper invictus, Cindy.

– M. A. M.

Für meinen Vater, Walter Gilberg Mangels, den Gründer und Kurator des »Miracle of America«-Museums in Polson, Montana. Möge die Geschichte, die du bewahrst, bis ins zweiundzwanzigste Jahrhundert und darüber hinaus fortbestehen!

– A. M.

HISTORISCHE ANMERKUNG

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Die Hauptereignisse dieses Romans finden im Sommer 2153 statt, zwischen der Entdeckung eines in einer Mine arbeitenden Xindi durch die Enterprise (»Die Xindi«) und bevor das Schiff von einer Raumanomalie beschädigt und von Piraten geentert wird (»Die Anomalie«).

… auf dass uns diese edlen Toten mit wachsender Hingabe erfüllen für die Sache, der sie das höchste Maß an Hingabe erwiesen haben …

aus Präsident Abraham Lincolns Gettysburg-Rede,
19. November 1863

PROLOG

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Sonntag, 12. August 2238,

San Francisco

Der Duft des frisch gemähten Grases roch nach Heimat, und er gab dem alten Mann Kraft. Dennoch schien der Seesack, den er auf dem Rücken trug, mit jedem Schritt schwerer zu werden. Ein trister, gelblich grüner Himmel, der nur mit Mühe den Regen zurückzuhalten schien, erstreckte sich über seinem Kopf, während er langsam den Hügel hinunterging, bis er den sanften, quecksilberfarbenen Schatten des Monuments erreicht hatte.

»Ich wünschte, dass du mich das tragen lassen würdest«, sagte der deutlich jüngere Mann mit dem sandfarbenen Haar, der ihn begleitete.

»Ich bin alt, Larry«, erwiderte der grauhaarige Mann mit dem Seesack bedächtig, während er lächelnd in das diffuse, dunstverhangene Licht des Morgens blinzelte. »Aber ich bin nicht gebrechlich. Zumindest noch nicht.«

»Ich mache mir nur manchmal Sorgen, dass du dir irgendetwas ausrenkst.«

Der alte Mann musterte den brillanten jungen Ingenieur von oben bis unten und schmunzelte gutmütig, während er gleichzeitig den Kopf schüttelte. Lawrence Marvick konnte selbst pudelnass nicht mehr als fünfundsechzig Kilogramm auf die Waage bringen, daher wirkte er nicht sonderlich glaubwürdig, wenn er darüber sprach, größere Lasten zu tragen.

»Wenn ich mir angewöhnt hätte, andere Leute alles für mich tun zu lassen«, sagte der alte Mann schließlich, »hätte ich niemals meinen hundertsten Geburtstag erlebt.« Er dachte nicht gerne daran, dass das fragliche Datum bereits zwanzig – nein, einundzwanzig – Jahre in der Vergangenheit lag.

Der alte Mann wandte sich von Marvick ab und blickte stumm auf den Obelisken vor sich. Dieser war vor ungefähr achtzig Jahren errichtet worden, um der ungezählten Verluste zu gedenken, die die Menschheit und die Sternenflotte erlitten hatten, ungeachtet ihrer unablässigen Bemühungen, den Olivenzweig der Freundschaft quer durch die Galaxis auszustrecken. Die ersten Opfer reichten bis in eine Zeit vor jenem ersten Föderationstag im Jahre 2161 zurück.

Zurück bis zum Angriff der Xindi, dachte der alte Mann. Die dazwischenliegenden Jahrzehnte mochten einen Großteil der Bitterkeit, die er damals verspürt hatte, fortgewaschen haben, aber der Schmerz, den ihm die Xindi zugefügt hatten, war noch beinahe so frisch wie am ersten Tag. Seit damals hatte er mehrfach feststellen müssen, dass der Krieg ein hungriges, unstillbares Monstrum war. Es waren mehr Freunde und geliebte Menschen von seinem Maul zerrissen worden, als der alte Mann zählen wollte. Für gewöhnlich gewann irgendwann jemand die Oberhand in einem Krieg, aber einen richtigen Gewinner gab es eigentlich nie.

Er fragte sich, wie viele weitere Familienmitglieder, Freunde und Feinde dem weitaus langsameren, aber nicht weniger unersättlichen Zahn der Zeit zum Opfer gefallen waren – insbesondere in den letzten paar Jahren. Früher oder später würde auch seine Zeit kommen, selbst wenn ihn bislang weder Krieg noch andere Konflikte das Leben gekostet hatten.

»Es ist kaum zu glauben, dass es sechsundsiebzig Jahre her ist, seit sie die Föderationscharta unterzeichnet haben«, sagte der alte Mann nach längerem Schweigen.

»Siebenundsiebzig Jahre«, korrigierte Marvick leise, und er klang dabei beinahe verlegen, dass er den Mann verbessern musste, der ihm im Laufe der Jahre so viel beigebracht hatte. Die Tinte auf Lawrence Marvicks Promotion war noch kaum getrocknet, daher war der alte Mann bereit, über die Neigung des Jungen zu übertriebener Genauigkeit hinwegzusehen. Er mag es ein wenig zu genau nehmen, dachte er, aber wenigstens hat er bewiesen, dass er den Mund halten kann, wenn es darauf ankommt. Seine Fähigkeit, ein Geheimnis zu bewahren, hatte der Junge bereits zu verschiedenen Gelegenheiten unter Beweis gestellt.

»Siebenundsiebzig Jahre«, wiederholte der alte Mann. »Richtig.«

Er ließ seinen Blick an dem Monument vorbeigleiten. Etwa hundert Meter entfernt bewegten sich einige große Platanen im Sommerwind wie unruhige Kinder. Eine junge Familie – ein rothaariger Mann, der eine ebenfalls rote Sternenflottenuniform trug, eine Frau in einem luftigen Sommerkleid und zwei lebhaft wirkende kleine Jungs – näherte sich gerade noch außer Hörweite über den Hang, der zu dem Monument hinunterführte. Dankbar, dass dieser Ort nicht überfüllter war, legte der alte Mann den Kopf in den Nacken, um die mächtige Gedenksäule vor sich in ihrer ganzen Größe zu betrachten. Ihre stolze, sich verjüngende Form schien den Himmel aufzuspießen und erinnerte ihn an die gewaltigen chemischen Raketen, mit denen die Raumfahrtpioniere eines vergangenen Zeitalters zu den Sternen geflogen waren.

Die raue, granitene Schwere des Monuments beschwor schmerzvolle Erinnerungen in ihm herauf, genau wie er es erwartet hatte. Sein Blick glitt weiter, an der Steinsäule vorbei in die nebelverhangene Ferne, wo die Golden Gate Bridge ihre stumme, frühmorgendliche Wacht zu halten schien. San Francisco wirkte außergewöhnlich still, selbst für einen nebligen Sommersonntag. Im Augenblick war zumindest jeglicher Verkehr auf der Brücke, egal ob bodengebunden oder schwebend, zum Erliegen gekommen. Von den klagenden Schreien einiger Möwen und dem fernen Bellen der Seelöwen abgesehen, lag vollkommene Stille über der parkähnlichen Anlage nahe der Sternenflottenakademie. Die Ruhe versetzte den alten Mann acht Jahrzehnte in die Vergangenheit zurück, zu den Tagen, die jenem allerersten Föderationstag vorausgegangen waren. Als die Stadt mehr als einmal auf genau die gleiche Art und Weise den kollektiven Atem angehalten hatte, so als verharrte sie in banger Erwartung einer unbekannten und zugleich unvermeidlichen Zukunft.

Wie viele der größten Städte der Erde zu jener Zeit, war San Francisco noch immer damit beschäftigt gewesen, sich von der Furcht und der Gewalt des jüngst beendeten Irdisch-Romulanischen Krieges zu erholen, ganz zu schweigen von dem vor der eigenen Haustür entstandenen Terrorismus der Terra-Prime-Bewegung nur einige Jahre zuvor. Und vor ihnen hatte plötzlich diese neue Allianz gelegen, jene noch unerprobte, ungetestete Vereinigte Föderation der Planeten, und niemand hatte zu sagen vermocht, was für eine unvorhersehbare Mischung aus Vorteilen, Verpflichtungen und Schwierigkeiten mit ihr einhergehen würde.

Seitdem ist verdammt viel geschehen, dachte der alte Mann, während vor seinem inneren Auge das mächtige, anmutige neue Raumschiff der Constitution-Klasse auftauchte, dessen Bau in diesen Tagen hoch oben im Raumdock begonnen wurde, das im Augenblick nicht zu sehen war, weil es weit oberhalb des allgegenwärtigen Nebels von San Francisco hing. Noch immer hegte er den festen Entschluss, mehr zu diesem Bau beizutragen, als nur anonyme Randnotizen auf Marvicks Konstruktionszeichnungen zu schreiben.

Auch wenn er kaum daran zweifelte, dass sein eigenes Ende näher rückte, wusste er, die Geschichte an sich war noch lange nicht zu Ende. Das Abenteuer hat gerade erst begonnen, dachte er und verspürte einen kurzen Anfall von Neid auf den jungen Marvick und seine Generation. Er hatte sich geschworen, zumindest noch so lange in der Welt der Lebenden verbleiben zu wollen, um das erste neue Schiff dieser Baureihe das Raumdock verlassen zu sehen, wenn auch nur, um sich selbst zu beweisen, dass eine dauerhafte Reisegeschwindigkeit von Warp sechs tatsächlich möglich war.

»Du wirkst, als wärst du noch nie hier gewesen«, sagte Marvick und unterbrach damit die Gedanken des alten Mannes.

Dieser warf dem jungen Ingenieur einen fragenden Blick zu. »San Francisco? Ich war während meines Dienstes in der Sternenflotte schon Hunderte Male hier. Das weißt du doch.«

Marvick schüttelte den Kopf und deutete auf die Steinsäule, die über ihren Köpfen aufragte. »Ich sprach vom Kriegsdenkmal der Sternenflotte.«

Der alte Mann spürte, wie sein von tiefen Falten durchzogenes Gesicht erschlaffte, während ein Gefühl tiefer Trauer in ihm aufstieg. »Schätze, es gibt für alles ein erstes Mal, Larry.«

Er bemerkte den sorgenvollen Ausdruck auf der Miene des jüngeren Mannes, und dieser erinnerte ihn an die Urgroßmutter des Jungen, die er zur Zeit der Xindi-Jagd, Jahre bevor die Föderationscharta unterzeichnet worden war, kennengelernt hatte. Nicht zum ersten Mal brachte Marvick ihn dazu, über die Launen des Schicksals nachzudenken; wären die Dinge damals anders gelaufen, wäre Marvick nicht hier – und vielleicht auch nicht das großartige Schiff, das in diesem Moment am Himmel über San Francisco zusammengebaut wurde.

»Ich habe mich nur gefragt, warum du das Denkmal nie zuvor besucht hast«, sagte Marvick mit leichter Unruhe. »Ist alles in Ordnung mit dir?«

»Entspann dich, mein Junge. Ich habe nicht vor, in absehbarer Zeit zu sterben, wenn es das ist, worüber du dir Sorgen machst.«

Marvicks Augen weiteten sich, und er hob abwehrend die Hände, als wollte er böse Geister vertreiben. »Hey, ganz ruhig! Wer hat irgendetwas übers Sterben gesagt? Ich wollte nur wissen, warum du dich all die Jahre von diesem Ort ferngehalten hast – bis heute.«

Erst jetzt fiel dem alten Mann auf, dass er keine Ahnung hatte, wie er diese Frage beantworten sollte. Ein einzelner dicker Regentropfen landete in seinem Kragen, und die feuchte Kälte ließ ihn leicht zusammenzucken. Seine Brust verengte sich, und sein Blick wurde erneut von dem Obelisken angezogen.

Während Marvick ihm schweigend zuschaute, stieg der alte Mann die drei Steinstufen an der Vorderseite des Monuments hinauf. Dann kniete er sich vor der Säule nieder, nah genug, um ihr ewiges, steinernes Antlitz berühren zu können. Er ließ den Seesack von seiner Schulter gleiten und legte ihn sanft neben sich auf das Fundament aus Granit.

Stumm betrachtete er die makellose, silberne Duranium-Tafel, die auf dem massiven, rechteckigen Fundament des Obelisken angebracht worden war. Er las die Inschriften, die an verschiedene besondere Tage in den Kriegsannalen der Sternenflotte erinnerten, bis seine Augen am 22. März 2153 hängen blieben – einem Tag, der sich unauslöschlich in sein Gedächtnis eingebrannt hatte. Doch einen Großteil des Textes, der diesem Datum folgte, vermochte er nicht zu lesen. Sein Blick trübte sich unter einem unvermittelten Ansturm unvergossener Tränen.

»All diese Tode müssen doch etwas bedeutet haben«, flüsterte er. »Sie müssen irgendetwas bedeutet haben.«

Marvicks Frage verfolgte ihn. Der alte Mann überlegte, warum er diesen Ort in den langen fünfundachtzig Jahren, die seit jenem
22. März 2153 ins Land gezogen waren, niemals besucht hatte. Jenem 22. März – es war ein stiller Donnerstag gewesen –, an dem eine furchtbare Xindi-Sonde über der Erde aufgetaucht war und sieben Millionen Menschenleben ausgelöscht hatte …

EINS

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Dienstag, 24. Juli 2153,

Innere Kammer des Xindi-Rats

Wann immer Degra über das Endergebnis des Waffenprojekts, das er während der letzten Mondumläufe überwacht hatte, nachdachte, tauchte Naaras lächelndes Gesicht vor seinem inneren Auge auf. Und wie immer wenn er sich seine Frau vorstellte, stand sie zusammen mit ihren Kindern da, als posiere sie für ein Porträt. Sowohl Piral als auch Jaina wirkten zeitlos jung, und obwohl seine Kinder mittlerweile erwachsen waren, glaubte Degra, dass er sie vermutlich immer auf diese Weise vor sich sehen würde.

Vor allem wenn er an die unversöhnlichen terranischen Feinde dachte, die vor nichts haltmachen würden, um sie und den Rest der Xindi-Primaten auszulöschen – wie auch jedes weitere Mitglied der vier anderen intelligenten Xindi-Rassen, von denen drei durch Repräsentanten vertreten waren, die gemeinsam mit ihm an dem großen, runden Tisch der Inneren Kammer saßen.

Einer von Shreshts Exoskelettarmen schlug hart genug auf die schwarze Tischplatte, um sie zum Erzittern zu bringen. »Das menschliche Raumschiff dringt immer weiter in unseren Raum ein«, schrie der Xindi-Insektoide in der vorherrschenden Sprache seiner Spezies. »Selbst die Orassin-Verzerrungsfelder schrecken es nicht ab! Und wir unternehmen nach wie vor nichts!« Seine Mandibeln zitterten und klickten auf beinahe hysterische Art und Weise. Wenn Shresht in diesem erregten Geisteszustand war, fiel es Degra noch schwerer, die knackenden Laute seines Sprachwerkzeugs mental in verständliche Sprache zu übersetzen.

Ist das der Grund, warum der Rat bereits so rasch nach unserem letzten Zusammentreffen einberufen wurde?, fragte sich Degra. Es lag kaum vier Umdrehungen zurück, dass sie das letzte Mal hier zusammengekommen waren, und seine Wissenschaftler und Ingenieure hatten ihm bis jetzt nicht viel Neues berichtet. Jedem anderen hier musste das ebenfalls klar sein. Degra hätte gerne gewusst, wie das Waffenprojekt jemals vollendet werden sollte, wenn die Paranoia der Insektoiden und Reptilianer seine Arbeit durch immer neue Besprechungen unterbrach.

Mallora, Degras Begleiter, blickte kopfschüttelnd in Richtung des Insektoiden und seines Beraters, deren riesige Facettenaugen im Schein der gedämpften Deckenleuchten wie irisierende Regenbögen schimmerten. »Es gibt nichts zu befürchten, Shresht«, sagte er. »Die Zerstörung des Erdenschiffs in den Orassin-Verzerrungsfeldern ist dank der Raumzeit-Anomalien, die in dieser Region vorherrschen, so gut wie sicher. Abgesehen davon scheint die Bewegung des Schiffs nach wie vor willkürlich und ohne festes Ziel zu sein.«

Obwohl Mallora, wie Degra ein Angehöriger der Xindi-Primaten, eine gewisse Selbstsicherheit ausstrahlte, fiel es Degra schwer, diesen Optimismus vollends zu teilen. Bilder von Naara und den Kindern traten erneut vor sein inneres Auge und verliehen Shreshts übermäßiger Vorsicht einiges an Gewicht. Dennoch gab er Mallora Rückendeckung. »Es kann auch kaum die Rede davon sein, dass wir nichts unternehmen, Shresht. Die Arbeiten an der Waffe schreiten gemäß dem vereinbarten Zeitplan voran. In weniger als sechs Umläufen des äußeren Mondes wird sie bereit sein. Dann wird die Erde zu Staub und Asche reduziert, und ebenso die Gefahr, die sie für unsere Rassen darstellt.«

Shreshts Mandibeln klackten mit unverhohlener Ungeduld. »Sechs Umläufe. In dieser Zeit kann eine Menge geschehen.«

»Wie einfallsreich diese Menschen auch sein mögen, es wird weit länger dauern, bis sie ihre vollkommen ziellose Suche zu unserer Welt führen wird«, sagte Mallora. »Wir dürfen uns von ihrer Anwesenheit nicht in Panik versetzen lassen. Denken Sie daran, dass sie nur ein einziges Schiff haben – und dazu noch ein ziemlich primitives.«

»Ich neige dazu, Degra und Mallora zuzustimmen«, sagte Narsanyala Jannar gedehnt, während er sich bedächtig auf seinem Platz vorbeugte und sich an der dichten weißen Mähne kratzte, die sein vorstehendes Gesicht umrahmte. Als Angehöriger der Xindi-Arborealen legte Narsanyala ein eher behäbiges Verhalten an den Tag, das allerdings einen scharfen und erstaunlich flinken Intellekt verbarg. »Hätten diese Menschen auch nur die geringste Ahnung, wo unsere Heimatwelt oder die Konstruktionsstätte des Waffenprojekts liegen, würden sie dann nicht direkt auf eines der beiden Ziele zufliegen?«

»Dass die Menschen zumindest eine ‚Ahnung‘ haben, wo sich unsere Heimatwelt befindet, ist doch mehr als deutlich«, warf Commander Guruk Dolim ein. Das verächtliche Grollen in seiner Stimme erinnerte Degra an die sich unvorhersehbar verschiebenden Krustenplatten der Vulkangebiete auf der Heimatwelt. Der imposante Xindi-Oberbefehlshaber gehörte den hochaggressiven Xindi-Reptilianern an, ein Umstand, der durch die aufgerichteten Schuppen rund um seinen ledrigen, muskulösen Nacken gegenwärtig noch deutlicher wurde als sonst.

»Was beunruhigt Sie so?«, fragte Narsanyala. »Dass ein einzelnes menschliches Schiff mitten in den Orassin-Verzerrungsfeldern blind herumfliegt?«

»Natürlich!«, grollte Guruk. Sein Berater, ein nicht minder furchteinflößend wirkender, grünhäutiger Reptilianer, der an seiner Seite saß, brummte eine kehlige Zustimmung.

Auf einmal erfüllte ein schwermütiger, klagender Ton, der Gesang und Sprache zugleich war, die Kammer. Alle Augen, ob gewöhnlich oder facettiert, wandten sich der durchsichtigen Aquariumswand zu, die eine komplette Seite der Inneren Kammer bildete.

»Der Sektor, in dem die Orassin-Verzerrungsfelder liegen, umfasst mehrere Tausend Sternsysteme«, sang Qoh Kiaphet Amman’Sor, deren langer, grauer, stromlinienförmiger Körper langsam und mit windenden Bewegungen dem Tisch entgegenschwamm, nur um am Rand des weitläufigen Meerwassertanks zu verharren. Degra gratulierte sich insgeheim. Es fiel ihm immer leichter, die beiden annähernd gleich aussehenden Xindi-Aquarianer auseinanderzuhalten.

Qohs Gefährte, Qam, kam kopfüber vom oberen Rand des Tanks herabgetaucht. Da sie einer Spezies angehörten, die sich vor Millionen von Zyklen an ihre aquatische Umgebung angepasst hatte, bedeutete das Konzept von oben und unten, das auf den Landmassen der Xindi-Heimatwelt herrschte, Qam und Qoh wenig. »Das menschliche Raumschiff mag Hunderte von Zyklen suchen, bevor es zufällig auf unsere Heimatwelt oder die Waffe trifft«, sagte Qam. Es klang wie eine trauervolle Unterwasser-Arie.

»Diese Menschen sind verschlagene Kreaturen«, sagte Guruk an die Xindi-Aquarianer gerichtet. »Wenn wir auch nur einen Einfallsweg ungeschützt lassen, werden sie uns finden.«

Obwohl er oft anderer Meinung war als Guruk – Reptilianer neigten dazu, die meisten Probleme mit Gewalt lösen zu wollen, selbst wenn die Umstände ein feinfühligeres Vorgehen diktierten –, musste Degra der Einschätzung des Commanders in diesem Fall zustimmen. Die Menschen stellten eine sehr reale und sehr konkrete Bedrohung dar. Ihnen durfte nicht erlaubt werden, die Heimatwelt oder die Waffe zu finden, die gebaut wurde, um erstere zu schützen. Die Folgen wären katastrophal. Natürlich waren die Chancen der Menschen auf Erfolg in beiden Fällen bereits gering. Aber sie konnten niemals verschwindend genug sein, um den gesamten Rat zu befriedigen, insbesondere die Reptilianer und die Insektoiden. Und wenn Degra ehrlich mit sich selbst war, musste er zugeben, dass auch Naara, Piral und Jaina für seinen Geschmack niemals sicher genug sein würden.

Vielleicht ist der Zeitpunkt gekommen, um einige der Aktivposten, die Mallora und ich in Reserve gehalten haben, zu investieren, dachte Degra. Ihm war klar, dass sich die Fertigstellung der Waffe auf diese Weise um ein bis zwei Mondwechsel verzögern würde, aber wenn diese Taktik zugleich die Wahrscheinlichkeit ihres letztendlichen Erfolges so weit erhöhte, dass er praktisch gesichert war, mochte der Rat zu dem Schluss kommen, dass es den Zusatzaufwand wert war.

Degra richtete seinen Blick zunächst auf Shresht, dann auf Guruk, der aus harten, bernsteinfarbenen Jägeraugen zurückblickte. »Nun gut. Ich habe einen Notfallplan, der all Ihre Sorgen zerstreuen dürfte.«

Shresht klackte laut mit seinen Mandibeln. Guruk nickte höflich in Degras Richtung und entblößte dabei Reihen messerscharfer Zähne. »Lassen Sie hören.«

Degra räusperte sich. »Nun, ich schlage vor, dass wir das Erdenschiff finden lassen, wonach es sucht …«

Aufbrüllen, Zwitschern und schwermütiges Klagen unterbrachen Degra. Sowohl Shresht als auch Guruk erweckten den Anschein, als wären sie bereit, ihn direkt hier auf dem Ratstisch auszuweiden und zu vierteilen. Narsanyala wirkte, als hätte er gerade noch so verhindern können, vor Schreck vom Stuhl zu fallen, und selbst Mallora schaute überrascht.

Degra hob seine Hände und wartete geduldig darauf, dass sich der Tumult wieder legte. Dann begann er, langsam und bedächtig seinen Plan darzulegen und zu erklären, was genau ihm vorschwebte …

ZWEI

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Aus Ensign Travis Mayweathers persönlichem Korrespondenzordner:

Liebe Mom,

sag Paul, sein großer Bruder hat im Sommerlager einen Heidenspaß.

Kleiner Spaß. Es ist nun achtundvierzig Tage her, seit wir in die Delphische Ausdehnung eingedrungen sind. Unglücklicherweise gibt es nichts Neues zu berichten. Wir haben noch immer keine Spur von den Xindi oder der riesigen Partikelstrahlwaffe, die sie zum Schlag gegen die Erde vorbereiten. Jeder hier an Bord wird immer unruhiger, weil unsere Suche einfach keine Ergebnisse bringt.

Haben wir Erfolg, werden Paul und du endlich die Möglichkeit erhalten, all die Einträge in der richtigen Reihenfolge zu lesen. (Aber ich verstehe es auch, wenn du versucht bist, zum Ende vorzuspringen, wo wir die außerirdischen Killer, denen wir nachjagen, endlich einholen.)

Versagen wir, wirst du davon erfahren, wenn die Horizon die Nachricht erhält, dass der ganze Planet Erde von einer geheimen Waffe, die eben jene Außerirdischen gebaut haben, zu Staub zerblasen wurde.

Wie immer hoffe ich das Beste und bereite mich auf das Schlimmste vor.

Dein dich liebender Sohn,

Travis

Freitag, 7. September 2153,

Enterprise NX-01

Eine weitere Alpha-Schicht verging ohne besondere Ereignisse, beinahe wie ein Routineflug an Bord des Frachters, auf dem er geboren und aufgewachsen war.

Gar nicht gut, dachte Ensign Travis Mayweather, als er zum Schichtwechsel seinen Posten verließ und auf den Turbolift der Brücke zuging. Langeweile erschöpfte ihn für gewöhnlich deutlich mehr als betriebsame Geschäftigkeit.

Und er wusste, dass Langeweile das war, was die Besatzung der Enterprise im Augenblick am wenigsten gebrauchen konnte. Es war das, was die Menschheit im Augenblick am wenigsten gebrauchen konnte.

Denn es bedeutete, dass die Suche nach den aggressiven Außerirdischen, die als Xindi bekannt waren – eine geheimnisvolle Rasse, deren unprovozierter Angriff auf die Erde mehr als sieben Millionen Menschen das Leben gekostet hatte –, schlichtweg nirgendwohin führte.

Mayweather stoppte den Turbolift auf Deck E und trottete vom Turboliftschacht in Richtung backbord und zum äußeren Bereich des Schiffs, wo ihn sein Quartier erwartete.

Einen Moment lang blieb er unschlüssig vor der Tür stehen. Es war nicht so, dass er Angst gehabt hätte, hineinzugehen, aber es zog ihn momentan auch nicht gerade ins Innere. Ich könnte stattdessen in den Fitnessraum gehen, dachte er. Ein bisschen Dampf ablassen.

Aber dafür hätte er seine Trainingskleidung gebraucht. Und um sie zu holen, hätte er sein Quartier betreten müssen. Chang mochte dort sein, und Mayweather war gegenwärtig einfach nicht in der Stimmung, seinem MACO-Zimmergenossen zu begegnen.

Verdammt, das ist mein Quartier, dachte er wütend, während er seine Handfläche gegen den Öffnungsmechanismus schlug, der neben der Tür an die Wand montiert war. Chang ist hier nur ein Gast.

Gehorsam glitt die Tür auf, und Mayweather betrat den engen Raum. Argwöhnisch beäugte er die fremde Präsenz, die sich in den letzten paar Monaten hier breitgemacht hatte.

Corporal Chang saß im Schneidersitz auf dem Bett. Meinem Bett!, dachte Mayweather empört. Er trug die khakifarbene Kleidung, die viele der Angehörigen des Militärischen Angriffskommandos bevorzugten, wenn sie nicht im Dienst waren. Seine Augen waren geschlossen, als würde er meditieren. Die entspannte und doch zugleich steife Haltung des Corporals erinnerte Mayweather an die stoische Art von Sub-Commander T’Pol.

Abgesehen davon, ließ Chang T’Pols tadelloses Äußeres im direkten Vergleich beinahe schlampig aussehen. Obwohl er etwas trug, das als zwanglose Trainingskleidung galt, war alles penibel gebügelt und gefaltet sowie makellos sauber, als würde er erwarten, dass jeden Augenblick ein MACO-General zu einer Überraschungsinspektion vorbeischaute.

Mayweather räusperte sich.

Chang öffnete die Augen. »Hallo, Ensign.«

»Corporal«, sagte Mayweather mit einem Nicken. Einmal mehr schickte er ein lautloses Dankgebet zum Himmel, dass er nicht verpflichtet war, den Corporal mit »Sir« anzusprechen.

»Und, habt ihr Sternenflottenleute heute Fortschritte darin gemacht, diese Xindi und ihre Superwaffe aufzuspüren?«

Unwillkürlich verspannten sich die Muskeln in Mayweathers Nacken. Warum musste Chang eigentlich immer so abschätzig und arrogant klingen, wenn er die unablässigen Bemühungen der Besatzung, die Xindi zu finden, erwähnte?

»Captain Archer und der ganze Führungsstab tun, was in ihrer Macht steht«, erwiderte er ruhig und begegnete Changs eisigem, anklagendem Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. Du würdest mich wohl gerne dazu bringen, wegzuschauen, was?

»Wenn Sie sie nicht finden, Ensign, können wir sie nicht töten«, knurrte Chang. In einer einzigen fließenden Bewegung erhob er sich vom Bett, stellte sich breitbeinig hin und bedachte Mayweather mit seinem Raubvogelblick.

Er bleibt nur so lange, bis wir die Xindi erledigt haben, rief Mayweather sich erneut in Erinnerung.

Er war versucht, Chang von den neuen Spuren zu erzählen, denen Commander Tucker und Lieutenant Reed just in diesem Augenblick nachgingen. Aber er wusste, dass Captain Archer nicht sehr erfreut darüber sein würde, wenn irgendwelche Neuigkeiten außerhalb der offiziellen Kanäle die Runde machten, vor allem, da sich so viele Spuren, denen die Besatzung in den letzten paar Wochen nachgegangen war, letztendlich in Wohlgefallen aufgelöst hatten. Ganz abgesehen davon fühlte er sich auch nicht unbedingt motiviert, sich bei Chang beliebt zu machen.

»Wenn wir die Xindi nicht finden können, Corporal, kann es niemand«, sagte Mayweather schließlich. »Abgesehen davon: Kommen Sie nicht zu spät zum Dienst?« Schließlich ging es doch bei diesem ganzen als »Schichtschlafen« bezeichneten Wohnarrangement darum, dass diejenigen, die sich die überfüllten Mannschaftsquartiere der Enterprise teilen mussten, einander kaum begegneten, geschweige denn genug Zeit hatten, um sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen.

»Major Hayes hat mir ein wenig zusätzliche Freizeit eingeräumt«, sagte Chang. »Ich habe heute Kurzschicht.«

Wahrscheinlich meint er, dass du ein Hobby brauchst, dachte Mayweather. Laut sagte er: »Oh. Schön für Sie.« Mit einem Mal wirkte der Fitnessraum sehr verlockend. Er schien die beste Aussicht zu bieten, weiteren Zufallsbegegnungen mit Chang vorzubeugen, bevor die verkürzte Schicht des Corporals begann. Mayweather begab sich hinüber zum Spind, wo er seine Sporttasche aufbewahrte.

Sie lag nicht mehr da, wo er sie zurückgelassen hatte. Chang musste das Zimmer aufgeräumt haben. Schon wieder.

»Okay, ich gehe jetzt in den Fitnessraum«, sagte Chang, bevor er sich strammen Schrittes zur Tür begab. Diese öffnete sich, und ohne ein weiteres Wort mit Mayweather zu wechseln, begab er sich nach draußen.

Zischend schloss sich die Tür wieder und ließ Mayweather allein in dem Quartier zurück, das nicht länger seinen Zweck als Oase der Einsamkeit erfüllte. Die Suche nach der Sporttasche gab er auf, denn wenn es in diesem Augenblick einen Ort an Bord gab, an dem er nicht mehr sein wollte, dann war es der Fitnessraum.

Er schaute zu der Kommode hinüber, die neben dem schmalen Bett stand. Mehrere MACO-Dienstuniformen in grau geflecktem Tarnmuster lagen dort, zusammen mit mindestens einer lupenreinen Galauniform, zu absurd ordentlichen Stapeln aufgeschichtet, die dreieckigen, doppelstreifigen Rangabzeichen eines Corporals deutlich an den Ärmeln sichtbar. Im Herzen ein Optimist, gestattete Mayweather sich die Hoffnung, dass Chang sie dort aufgetürmt hatte, um zu vermeiden, dass seine Kleider die von Travis aus den darunterliegenden Schubladen der Kommode verdrängten.

Oder er hatte die MACO-Uniformen deshalb so offensichtlich dort drapiert, weil er Mayweather eine weitere subtile Nachricht übermitteln wollte; nämlich wessen Beitrag für die Mission, die Xindi zu finden und zu bestrafen, er am unverzichtbarsten hielt.

Mayweather warf den Kleidungsstücken einen finsteren Blick zu, dann bemerkte er noch etwas anderes. Wo zum Teufel hat er mein Modell der Horizon diesmal wieder hingestellt?

Montag, 10. September 2153

»Wir sollten diese Xindi besser schnell finden, Hoshi. Ansonsten muss ich meinen Zimmergenossen nämlich umbringen«, flüsterte Mayweather. Er versuchte, die Worte mit einem Lächeln zu entschärfen, aber er argwöhnte, dass es eher wie die Grimasse eines Mannes wirkte, dem gerade ein Nierenstein abging.

»Ach, kommen Sie, Travis«, sagte Ensign Hoshi Sato grinsend, während sie die letzten Bissen ihres Reuben-Sandwichs verspeiste. Verschwörerisch beugte sie sich über den kleinen Tisch in der Messe und klaubte dabei einige Reste des Belags zusammen, die auf ihren Teller gefallen waren. »Sie mussten schon mit anderen Leuten auf engem Raum zusammenleben.«

Mayweather nahm einen weiteren Schluck seines noch immer zu heißen Kaffees. Der brennende Schmerz fühlte sich auf perverse Weise gut an, während er sich erst ausbreitete und danach langsam abklang. »Natürlich musste ich das. Aber an Bord der Horizon waren fast alle Leute Familie. Das hier ist anders. Corporal Chang ist ein MACO, und ich gehöre der Sternenflotte an. Viel fremder kann man sich kaum sein. Es fühlt sich eher wie ein erzwungener Arrest mit einem feindseligen Außerirdischen an.«

Hoshi kicherte. »Finden Sie nicht, dass Sie ein klein wenig übertreiben?«

»Vielleicht. Aber nicht viel. Kommen Sie, Hoshi, Sie können mir nicht erzählen, dass Sie und Corporal Guitierrez so etwas wie Busenfreundinnen wären.«

Mayweather sah, wie sich Hoshis Miene ein wenig verfinsterte. Die gegenwärtig recht beengten Lebensumstände an Bord der Enterprise stellten selbst die Geduld der liebenswürdigsten Besatzungsmitglieder auf eine harte Probe. »Nicht ganz«, gab sie schließlich zu. »Aber ich hege trotzdem noch keine Gewaltfantasien ihr gegenüber.«

»Dann sind Sie vielleicht einfach geduldiger, als ich es bin«, sagte er, wobei er sich fragte, ob jemand, dessen Beruf darin bestand, unbekannte Sprachen zu analysieren, nicht zwangsläufig ein ganz anderes Maß an Geduld aufweisen musste als er selbst. »Aber das kommt noch. Warten Sie nur ab.«

Sie zuckte mit den Schultern, als würde sie zumindest die Möglichkeit eingestehen, dass das passierte. »Sie müssten doch auf diesen endlosen Frachtflügen an Bord der Horizon einiges über Geduld gelernt haben, während sie mit Warp drei von Draylax nach Vega schlichen.«

»Eher Warp eins Komma acht«, verbesserte er sie grinsend.

»Na sehen Sie! Travis, Sie sind ein Weltraumnomade. Sie haben bei Ihrer Arbeit auf diesem Frachter mehr Geduld erlernt, als die meisten Leute während eines ganzen Lebens entwickeln.«

»Aber ich habe die Geduld mit dieser Art von Leben verloren, erinnern Sie sich? Das ist der Hauptgrund, weshalb ich hier gelandet bin.«

Sie seufzte. »Trotzdem können die Dinge zwischen Ihnen und Corporal Chang nicht so schlimm sein.«

Er schüttelte den Kopf. »Oh doch, das können sie. Ich schwöre Ihnen, einer von uns beiden wird früher oder später durch die Luftschleuse gehen – ohne Raumanzug.«

»Das klingt gar nicht nach Ihnen, Travis. Was hat er denn so Furchtbares angestellt, dass Sie ihn über die Planke gehen lassen wollen?«

Mayweather öffnete den Mund und schloss ihn dann wieder. Ihm wurde klar, dass es im Grunde keinen speziellen Vorfall gab, den er hätte anführen können. Stattdessen wurde sein Zorn durch eine schier endlose Aneinanderreihung winziger Beleidigungen und Demütigungen genährt; es war Changs unablässig zur Schau gestellte Arroganz und Vermessenheit, die Mayweather zur Weißglut brachte. »Zum einen ist er ein Sauberkeitsfanatiker«, sagte er schließlich.

In Hoshis Augen zeigte sich Mitgefühl, aber sie wirkte auch verblüfft. »Ein Sauberkeitsfanatiker?«

Er nickte. »Es muss etwas Krankhaftes sein. Mein Quartier ist so penibel sauber, dass Doktor Phlox’ Krankenstation dagegen wie ein tandaranisches Arbeitslager aussieht. Man könnte von den Deckplatten essen!«

Ungeduld begann, Hoshis Ausdruck verblüfften Mitgefühls zu verdrängen. »Und das ist schlecht?«

»Wenn es bedeutet, dass man ständig seine eigenen Sachen suchen muss, dann ja. Meine Ausgabe von Chicago – Bandenwesen 1920, die mir mein Bruder geschenkt hat, war ganze zwei Tage lang verschwunden, bis ich herausfand, dass Chang sie ganz unten in eine der Kisten gelegt hatte. Ich habe ihn gefragt, ob er eine Phobie vor Unordnung hat oder unter sonst einer Art von Zwangsneurose leidet. Er meinte, es handele sich lediglich um normale MACO-Disziplin und schlug vor, dass ich mich auch mal darin versuchen sollte.« Als ob irgendjemand auf einem so betriebsamen Frachter wie der Horizon aufwachsen könnte, ohne dabei das eine oder andere über Disziplin zu lernen, dachte er.

Hoshi schnaufte kurz, als sie ein Lachen unterdrückte. »Ich glaube nicht, dass zwanghafte Sauberkeit eine generelle Eigenschaft der MACOs ist. Selma Guitierrez beispielsweise ist eine völlige Chaotin. Ständig hinter ihr aufzuräumen, nervt mich wahrscheinlich fast genauso wie Changs Eigenheiten Sie nerven.«

Mayweather grinste. »Vielleicht sollten wir darüber nachdenken, die Zimmergenossen zu tauschen.«

»Sehr lustig. Aber vielleicht haben Sie eben eine Teillösung für Ihr eigenes Problem gefunden. Warum bitten Sie D. O. nicht, Ihnen einen anderen Raum zuzuweisen?«

»Und damit meine Niederlage vor Lieutenant O’Neill zugeben?« Die Kommandantin der Dritten Wache der Enterprise, Donna »D. O.« O’Neill, hatte sich einen Ruf als knallharte Vorgesetzte erarbeitet. Das Letzte, was Mayweather wollte, war, dass O’Neill oder Sub-Commander T’Pol ihn für einen Weichling hielten. Beide gaben ihr Bestes, um die Situation trotz der gegenwärtig etwas erschwerten Lebensbedingungen der Besatzung im Griff zu behalten.

»Schön, dann fragen Sie T’Pol«, sagte Hoshi und zuckte mit den Schultern.

»Nein danke«, erwiderte er. »Das ist mein Quartier, wissen Sie noch? Nicht ich bin der Eindringling, sondern Chang. Abgesehen davon löst eine Änderung der Raumzuteilung nicht das eigentliche Problem: Wir dienen an Bord eines voll bemannten Sternenflottenraumschiffs, das für eine Besatzung von dreiundachtzig Leuten ausgelegt ist – und wir müssen zusätzlich einen Trupp aus sechsunddreißig MACOs unterbringen.«

»Nur bis wir das Xindi-Problem gelöst haben, Travis.«

Doch wer vermochte schon zu sagen, wie lange das noch dauern würde. »Hoffen wir nur, dass uns ein paar Xindi über den Weg laufen, bevor Chang und ich unseren eigenen Krieg vom Zaun brechen.«

»Psst! Er kann jeden Augenblick hier hereinkommen.« Hoshi blickte sich verstohlen im Raum um. Eine Handvoll Leute, die dienstfrei hatte – darunter auch ein Paar in Kampfanzüge gekleidete MACOs –, saß still im Raum verteilt, damit beschäftigt, etwas zu essen oder sich gedämpft zu unterhalten.

»Sehr unwahrscheinlich. Wir schlafen doch in Schichten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Chang im Augenblick mit irgendwelchen Kampfdrills beschäftigt ist und sich darauf vorbereitet, die menschliche Rasse vor den Xindi zu verteidigen, während wir niederen Sternenflottenleute die Drecksarbeit übernehmen, diese Jungs zu ihrem vereinbarten Schlachtfeld zu bringen.«

»Sie klingen beinahe eifersüchtig, Travis. Auch das ist nicht normal für Sie. Denken Sie daran: ‚... und wer nur sitzt und steuert, dienet auch.‘«

Mayweather stellte mit einiger Überraschung fest, wie sehr ihn ihre Bemerkung schmerzte, auch wenn er an ihrem neckenden Gesichtsausdruck erkennen konnte, dass sie es nicht böse gemeint hatte. »Sie klingen genau wie Chang«, sagte er. »Er scheint zu glauben, dass ich irgendeine Art interstellarer Busfahrer bin.« Erst verspätet fiel ihm auf, dass er seine Stimme unwillkürlich gehoben hatte.

In einer beruhigenden Geste hob Hoshi die Hände. »Ganz ruhig, Travis. Sie wissen, dass ich das nicht gemeint habe.«

Mayweather bemerkte, dass zwei der Sternenflottenangehörigen und einer der MACOs ihn schweigend anstarrten. Er setzte ein unbeholfenes Lächeln auf, das die anderen Offiziere erwiderten, bevor sie sich wieder ihrem Essen und ihren Gesprächen zuwandten.

Er kam sich dumm vor, weil er vor Hoshi die Beherrschung verloren hatte. »Hören Sie«, fuhr er in deutlich sanfterem – und leiserem – Tonfall fort. »Ganz gleich wie gut diese MACOs im Nahkampf sein mögen, es wird weit mehr bedürfen, als drei Dutzend waffenschwingender, egozentrischer Fußsoldaten, um die Xindi zu bekämpfen.«

»Damit haben Sie wohl recht, Travis. Aber die MACOs werden uns mit Sicherheit einen Vorteil verschaffen, wenn das große Schießen beginnt. Sie haben ihrem Ruf auf jeden Fall bereits alle Ehre gemacht, als sie gegen diese Piraten in der Janus-Schleife gekämpft haben. ‚Semper invictus‘.«

»‚Stets unbesiegt‘«, übersetzte Mayweather das berühmte offizielle lateinische Motto der MACO-Streitkräfte. »Ich habe gehört, dass sie sich in den letzten paar Monaten auch noch ein paar andere erlesene Umschreibungen verdient haben.«

Hoshi nickte und bedachte ihn mit einem ironischen Lächeln. »Eine davon ist sogar auf Latein: ‚Semper invisus‘ – ‚Stets verhasst‘.«

Mayweather musste kichern. »Chang war tatsächlich nicht besonders angetan, als er Ensign Marcel diesen Spruch letzte Woche sagen hörte. Er beschuldigte die Sternenflotte, ‚Semper invitus‘ zu sein.«

»Autsch. ‚Stets unwillig‘. Ich wusste gar nicht, dass Ihr Zimmergenosse ein so versierter Sprachenkenner ist.«

»Haben Sie es noch nicht mitbekommen? MACOs können alles.«

Hoshi schnalzte leise mit der Zunge. »Sie klingen, als hätten Sie sich eines der anderen neuen lateinischen Mottos zu eigen gemacht, die uns ein paar der MACOs unterzujubeln versuchten: ‚Semper invideo‘.«

Mayweather bedachte sie mit einem ausdruckslosen Blick. »Und was soll das heißen? ‚Stets Kinonacht‘?«

»‚Stets neidisch‘.«

Mayweather musste sich zwingen, angesichts des Gehörten nicht mit den Zähnen zu knirschen, aber so ganz wollte es ihm nicht gelingen. »Hören Sie, Hoshi. Ich zweifle keine Sekunde an den Fähigkeiten dieser MACOs, und ich glaube wirklich nicht, dass ich eifersüchtig auf sie bin. Es ärgert mich nur, dass sie nicht imstande zu sein scheinen, unsere Fähigkeiten anzuerkennen. Lieutenant Reed hat eine ganze Ladung Photoniktorpedos mit variabler Detonationsstärke im Gepäck. Auf jedem von ihnen steht ‚Xindi‘ geschrieben. Und er verlässt sich darauf, dass ich am Steuer mein Bestes gebe, damit diese Dinger ihr Ziel auch erreichen. Chang weiß verdammt gut, was wir zu dieser Mission beitragen, und dennoch zeigt er nicht einmal annähernd genug Respekt für unsere Arbeit. Er führt sich auf, als dächte er: ‚Wir sind die furchteinflößenden Haie und ihr seid nur in eurem Raumschiffglas herumhockende Zierfische.‘«

»Von einem linguistischen Standpunkt aus betrachtet, ist das nicht überraschend«, sagte Hoshi.

Er runzelte die Stirn, denn er verstand nicht, worauf sie hinauswollte. »Was hat Linguistik damit zu tun? Mal abgesehen von dämlichen lateinischen Sprüchen, meine ich.«

»Nun, das Akronym der Militärischen Angriffskommandos klingt ein wenig wie mako, das Maori-Wort für Hai.« Sie sprach das Wort »mahko« aus statt »may-co«, wie es die MACO-Soldaten verwendeten.

Bei dieser Eröffnung hob Mayweather unwillkürlich die Augenbrauen. Jetzt verstand er, warum die Mitglieder des MACO-Kontingents, das der Enterprise zugeteilt worden war, dieses Bild eines gefräßigen weißen Hais auf ihren Uniformabzeichen trugen. »Nun, Chang ist jedenfalls nicht der einzige MACO, der so zu denken scheint«, sagte er. »Es ist, als hielten sie sich alle für die privilegierten Mitglieder einer speziellen Kriegerkaste.«

Ein leicht gequälter Ausdruck huschte über Hoshis sonst so freundliches Gesicht. »Guitierrez zeigt auch gelegentlich Anwandlungen von Arroganz. Ich nehme an, dass es größtenteils mit Langeweile und Ungeduld zu tun hat. Schließlich sind die MACOs nun schon seit Monaten geladen, entsichert und bereit für den Kampf, und wir haben noch immer keinen einzigen Feind gefunden, den sie ins Fadenkreuz nehmen könnten. Ich habe sogar das Gefühl, dass sich diese Unzufriedenheit bis zur Spitze fortsetzt. Selbst Major Hayes war neuerdings ziemlich kurz angebunden.«

Da sie es gerade anspricht, dachte Mayweather, Captain Archer war in letzter Zeit auch nicht unbedingt in bester Stimmung.

»Die sind ungeduldig?«, sagte er. »Ich brenne genauso wie Chang darauf, diesen Xindi-Mistkerlen eine Lektion zu erteilen.

Hoshi nickte ernst. »Ich ebenfalls. Aber ich bin bereit, Corporal Guitierrez gegenüber diesbezüglich etwas nachsichtig zu sein.«

»Warum?«

»Zum einen ist ihr Fachgebiet Sprachen und Kommunikation«, erklärte Hoshi. Sie hielt kurz inne, und ihr Gesicht nahm einen melancholischen Ausdruck an. »Außerdem lebten einige ihrer Cousins und einer ihrer Onkel im selben Teil Floridas wie Commander Tuckers Familie. Der Xindi-Angriff hat ihre Heimatstadt völlig ausgelöscht.«

Auf einmal fühlte Mayweather sich klein und engstirnig. Eine Weile lang sagte keiner der beiden ein Wort. »Hoffen wir einfach, dass wir die Xindi finden, bevor die Dinge noch schlimmer werden«, murmelte er schließlich. Und nicht zum ersten Mal kam ihm der Gedanke, dass Geduld sich sehr wohl als ebenso wertvolles Gut erweisen mochte wie Wasser, Nahrung oder Antimaterie.